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Textdaten
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Autor: Otto Ruppius
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Titel: Eine dunkele That
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Text auch als E-Book (EPUB, MobiPocket) erhältlich
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[369]
Eine dunkele That.
Erzählung von Otto Ruppius.

Es war ein lauschiges, mit dem modernen Luxus ausgestattetes Parterrezimmer, in welchem ein junges Paar saß. Sie hatte den Sitz neben einem der hohen Fenster inne und blickte, das Kinn leicht in die weißen Finger gestützt, über die dem Blicke sich bietenden Wiesen und Felder nach dem Walde hinüber, in welchem die goldigen Lichter der untergehenden Sonne zu spielen begannen. Er hatte sich auf einem Stuhle unweit von ihr leicht zurückgelehnt und schien mit halb zusammengezogenen Augenbrauen ihre Züge zu beobachten. Sie ließ in ihrer äußeren eleganten Erscheinung die Herrin des Hauses errathen, während dennoch das weiche, von einem Reichthum blonder Haare umrahmte Gesicht kaum zum Befehlen geschaffen schien und bisweilen sogar, wie ihre Gedanken kamen und gingen, einen leisen Zug von Gedrücktheit zeigte. Er verrieth in seiner Kleidung den Oekonomen, aber die fehlende Eleganz ersetzte eine untadelhafte Sauberkeit; seine Hände sprachen von eigener Arbeit, aber waren verhältnißmäßig kein, und in dem sonnengebräunten Gesichte standen ein Paar dunkele, glänzende Augen.

„Du sprichst heute so wenig – hast Du Verdruß gehabt, Fritz?“ wandte sie, wie sich ihren Gedanken entreißend, sich mit einem Versuche zu lächeln nach ihm.

„Es wird gut sein, Anna, Du hörst mich gar nicht mehr sprechen!“ erwiderte er langsam, ohne seine Stellung zu ändern.

Sie hob aufmerksam den Kopf, und ein leichter Farbenwechsel belebte einen Moment ihre bleichen Züge. „Warum, Fritz?“

„Weil die Leute über meine Besuche hier reden und ich nicht die Schuld an einer einzigen trüben Stunde für Dich haben mag.“ Er erhob sich rasch, fuhr mit der Hand über seine Stirn und wollte nach seinem bei Seite gestellten Hute greifen, aber ihre Entgegnung schnitt seine Bewegung ab.

„Warte einen Moment!“ sagte sie, wie fast erschrocken über seine Aeußerung ihren Sitz verlassend, „was können die Leute reden?“

Er schüttelte langsam den Kopf, ohne sie anzublicken. „Laß es, Anna,“ erwiderte er, „sie werden keine Ursache mehr dazu finden.“

„Aber ich muß wissen, was sie sagen, Fritz,“ drängte sie, während ein leichtes Roth in ihre Wangen stieg, „halbe Worte sind eine Qual, und ich sehe keinen Grund, der mich um die freundliche Stunde bringen könnte, die mir Deine Anwesenheit schafft. Wir sind Nachbarskinder und mit einander aufgewachsen – was können die Leute reden, Fritz?“

Er hob langsam den Blick, ihn zwei Minuten schweigend in dem ihrigen haltend, und der Ausdruck desselben schien plötzlich eine Ahnung in ihrer Seele zu wecken – ihr klares, blaues Auge ward dunkler und unsicher, und das Roth in ihren Wangen stieg höher. „Sie sagen,“ begann er mit einer leichten Dämpfung seiner Stimme, als traue er deren Festigkeit nicht, „daß ich Dir als Mädchen nachgegangen sei, und daß es wohl auch zu Weiterem zwischen uns gekommen wäre, wenn nicht meiner Mutter Bruder mich so schnell zu sich gerufen hätte. Nun, da ich Dich verheirathet wiedergefunden, könne die fernere genane Bekanntsehaft kaum zu etwas Gutem führen – und ich denke selbst,“ setzte er mit seiner sinkenden Stimme hinzu, „sie haben Recht, so weit es wenigstens mich angeht!“

„Aber es ist nicht wahr, Fritz!“ erwiderte hastig die junge Frau, aus deren Zügen plötzlich jede Spur von Roth gewichen war, während in ihrem Auge ein Ausdruck von Aengstlichkeit aufstieg.

„Was ist nicht wahr, Anna?“

„Daß Du mir jemals ein Wort gesagt hättest, was über unsere Kinderfreundschaft hinausgegangen wäre!“ Ihr Auge ruhte in eigenthümlicher Spannung in dem seinen, und er senkte den Blick.

„Ich war eben zu feig dazu, Anna,“ erwiderte er halblaut, „ich wollte noch in der letzten Stunde, als ich weg mußte, zu Dir reden, und vermochte es doch nicht! Aber es wäre ja auch umsonst gewesen,“ fuhr er aufblickend fort, während es wie eine aufsteigende Erregung in seinem Tone zitterte, „Du hättest ja das, was fremde Leute sahen, am ersten fühlen und die wenigen Monate auf mich warten müssen, wenn ich ein Recht zu einer Hoffnung gehabt. Ich habe mir das gesagt, als ich zurückkam, und gemeint, wenigstens das frühere Kinderverhältniß zwischen uns herstellen zu können; aber das ist für die Menschen vorüber, wie für mich auch, und darum laß mich gehen, Anna – sprechen aber mußte ich noch einmal zu Dir, damit Du mich verstandest!“

Sie stand vor ihm, mit großen, starr gewordenen Augen, mit bleichen, regungslosen Zügen, und als er jetzt die Hand zum Abschied nach ihr ausstreckte, zuckte es nur wie eine plötzliche Schmerz-Empfindung um ihren Mund und das weiche Kinn. Dann aber drehte sie sich hastig weg und trat an’s Fenster. Er blickte ihr befremdet nach; in der nächsten Minute aber ging ein Zug von Bitterkeit über sein Gesicht. „Ich hätte auch das nicht aussprechen sollen, und jetzt am wenigsten, nicht wahr?“ sagte er „aber es ist ja damit auch Alles vorbei, soweit es Dich betrifft und darum darfst Du mir schon noch einmal Deine Hand geben.“

[370] „Ja, damit ist Alles vorbei, Fritz, bis auf das Elend, in das Du uns Beide gebracht hast!“ erwiderte sie, sich langsam zurückwendend, und die Worte klangen wie mühsam einem innern Drucke abgewonnen. „Warum konntest Du gehen, ohne ein Wort des Abschieds von mir, das wohl die Lippen gelöst hätte? Jetzt will ich es aussprechen, da doch nichts mehr zu ändern ist: ich habe damals geweint drei Nächte lang über meine betrogenen Erwartungen und habe doch immer noch gehofft, daß mir Jemand ein Wort von Dir bringen sollte, bis ich auch diese letzte Hoffnung begraben mußte. Und als nun der Amtsrath mit seiner Werbung um mich kam, als mir Vater und Mutter zusprachen, da galt es mir ziemlich gleich, was mit mir geschah; als ein Trost aber erschien es mir, daß der Mann, dem ich gehören sollte, schon in die Jahre war und nicht mehr von mir fordern konnte, als ich zu geben vermochte. Ich habe in seinem Hause freilich nicht einmal die Ruhe gefunden, an die ich geglaubt, und als Du zurückkehrtest, meinte ich zuerst, das Herz müsse mir brechen. Was ist denn Alles das aber gegen die Zeit, die nun kommen wird, von der mir jeder Tag und jede Stunde sagen muß, daß ich selbst meinem Glücke aus dem Wege gegangen; wo das ganze Elend erst über mich kommen wird, da ich weiß, daß Alles hätte anders sein können? – Ja, geh’, Fritz, geh’!“ rief sie in hervorbrechendem Schmerze, die Hand abweisend gegen ihn ausstreckend, „und möge Gott uns Beiden gnädig sein!“

In seinem Gesichte aber war bei ihrer Rede das Blut gekommen und gegangen, sein Kopf hatte sich gehoben und in seine Augen war ein neues, eigenthümliches Leben getreten. „Halt, um Gotteswillen, Anna!“ rief er, wie in aufwallender Erregung nach ihrer Hand fassend, „so darf ich jetzt nicht gehen!“ Einen Augenblick schien sie sich freimachen zu wollen, aber als fürchte er, daß sie ihm entschlüpfen möge, hatte er sie kräftig an sich angezogen, und in ausbrechendem Weinen, wie von aller Kraft verlassen, fiel sie in seine Arme.

„Muth, meine Anna, Muth!“ rief er, sie fest an sich schließend, „hier muß sich noch ein Rettungsweg für uns finden lassen!“ Kaum aber mochte sie der überwältigenden Aufregung Herrin geworden und zum Bewußtsein ihrer Lage gekommen sein, als sie sich leise seiner Umschlingung entwand, dann aber seine Hand faßte und mit dem Ausdrucke unsäglicher Traurigkeit in seine Augen blickte.

„Geh, Fritz, geh – es ist Alles zu spät,“ sagte sie, „und so laß uns ferner einander aus dem Wege bleiben!“

Von außen klang in diesem Augenblicke der Hufschlag eines Pferdes, und sie fuhr erschrocken auf, faßte nach ihrem auf dem Seitentische liegenden Taschentuche und drückte es gegen die nassen Augen. Er aber trat nach einem kurzen Blicke durch das Fenster ihr rasch nach. „Es ist nur der Doctor!“ sagte er hastig; „laß mich nicht so von Dir gehen, Anna! Nur der Tod scheidet hoffnungslos – soll denn ein Mißverständniß mit dem lebenslangen Elende zweier Menschen bestraft werden? Nur eine ungestörte Stunde zum ruhigen Aussprechen, und es kann noch Vieles gut werden – heute Abend, wenn Alles schläft, will ich hinten im Obstgarten sein und Dich erwarten –“

Er erhielt keine Antwort, denn eine dicke, lachende Stimme ward vor der Zimmerthüre laut: „Stillgehalten! brennender Kopf – scheues Auge – allgemeine Unruhe! Schlimme Zeichen, die einen schleunigen Aderlaß erfordern –!“ Der leise Schrei einer weiblichen Stimme ließ sich hören, und von dem frühern behaglichen Lachen begleitet, öffnete sich die Thür, um eine kurze, untersetzte Figur, mit Hut und Reitgerte in der Hand, ein joviales, wohlgenährtes Gesicht unter einem Busche eisgrauer Haare zeigend, einzulassen. Einen kurzen Moment nur flogen die hellen, scharfen Augen beim Erblicken der beiden Anwesenden über die erregten Gesichter derselben, während sich eine leichte Falte zwischen den grauen Augenbrauen bildete; dann schwenkte er in kurzem Gruße die Hand gegen den jungen Mann und wandte sich nach der Hausherrin.

„Ihre Christine, Frau Amtsräthin, scheint eine heimliche Last auf dem Herzen zu haben,“ sagte er launig, „sie stand dicht an der Thür, als wage sie nicht einzutreten, und wollte bei meinem Erscheinen mit kirschrothem Gesichte davon –“

„O, sie hat gehorcht?!“ entfuhr es der Angeredeten wie in einem plötzlichen Schrecken; aber schon im nächsten Augenblicke trieb ihr die Erkenntniß ihrer Uebereilung das Blut in die Wangen.

„Gehorcht!“ lachte der Eingetretene, Hut und Gerte bei Seite legend, ohne die sichtliche Bewegung der jungen Frau zu beachten, „müßte doch in einem Hause wie das Ihre ein langweiliges Geschäft sein! – Das also ist Herr Fritz Rothe?“ wandte er sich dann an den jungen Mann, „der schon seit acht Tagen wieder in seiner Eltern Hause ist, ohne nur einmal nach seinem besten Freunde, dem Doctor, gesehen zu haben. Hat man sich vor einem guten Rathe des Alten gescheut, wie vor Zeiten als Junge, wenn man auf irgend einen Streich aus war?“

Es war ein eigenthümlicher Ton von halbem Ernst in den Worten, welcher durch den hörbaren Humor derselben klang; als aber der junge Mann, merkbar eine leichte Verlegenheit unterdrückend, ihm mit einem: „Es ist wahrscheinlich bis jetzt ohne meine Schuld geschehen, Doctor!“ die Hand reichte, fiel dieser mit kräftigem Handschlage wieder in sein früheres Lachen.

„Ob er nicht wirklich thut, als ob so ein Alter auch noch einen Anspruch haben könnte!“ – dann indessen wandte er sich, sein Gesicht langsam in ernstere Falten ziehend, wieder nach der jungen Frau. „Wie steht es mit unserem Amtsrathe – noch viel Beschwerden?“

„Er ist seit Mittag aus dem Hause und schien völlig munter!“ erwiderte die Angeredete, ohne noch ganz eine leichte Befangenheit, in welche sie das Wesen des Arztes versetzt zu haben schien, von sich streifen zu können.

„Aus dem Hause – völlig munter,“ nickte der Alte, „freut mich um Ihretwillen, Frau Amtsräthin; es ist ein langweiliges Geschäft für eine junge Frau, Krankenwärterin zu sein. Indessen giebt es doch etwas, das über allen Freuden und Lockungen dieser Welt steht und selbst eine junge Frau für alle Entbehrungen zu entschuldigen vermag, etwas, ohne welches auch so ein armer Landarzt, wie ich, gar nicht bestehen könnte und von dessen wunderbarem Segen ich aus eigener Erfahrung zu erzählen weiß – das ist das Bewußtsein getreuer Pflichterfüllung. Man muß nur den ersten Kampf mit den süßen Versuchungen rechts oder links, die einen Menschen vom richtigen Wege ablenken möchten, siegreich bestanden haben, um eine Genugthuung kennen zu lernen, von der so Viele, die nur immer dem nachgehen, was ihnen gut schmeckt, niemals eine Vorstellung bekommen – o, das ist dem jungen Menschen hier langweilig!“ unterbrach er plötzlich lachend seinen bis dahin ernsten, fast weich gewordenen Ton, als Rothe nach seiner bei Seite liegenden Kopfbedeckung griff, „glaub’s gern, es ist eben nicht Jedermanns Geschmack und wird oft erst unter Schmerzen gelernt; darum wollen wir die Sache auch fallen lassen, und wenn Herr Rothe heimreitet, machen wir unsern Weg zusammen!“ Es war, neben dem lustigen Ausdruck in des Sprechers Gesicht, ein so bedeutungsvoller Blick, welcher den Angeredeten traf, daß dieser, trotz einer bereits begonnenen ablehnenden Bewegung, nicht den Muth zu haben schien, die ausgesprochene Voraussetzung des Alten zu verneinen; nur ein rasches Ergreifen von Annans Hand und ein leises dringendes: „Heute Abend nach elf!“ wagte er, als der Doctor fast wie absichtlich Beiden den Rücken drehte und nach Hut und Gerte griff; vergebens aber suchte der junge Mann nach einem antwortenden Ausdrucke in dem Auge der jungen Frau; ein scheuer Blick nach dem Alten war Alles, worauf er traf, und zugleich fühlte er in fast ängstlicher Hast ihre Finger seiner Hand entschlüpfen. Des Doctors launiges: „Los denn, daß ein alter Freund auch einmal eine Viertelstunde von Ihnen hat!“ schnitt jeden weiteren Versuch zu einer bestimmten Verständigung mit ihr ab, und nothgedrungen folgte er, nur noch einen einzigen bittenden Blick in Anna’s Augen senkend, dem Alten nach dem mit Kies bestreuten Vorplatz des Hauses, wo neben dem Pferde des Letztangekommenen das seinige angebunden stand. Wie in bitterem Unmuthe schwang er sich auf sein Thier, während der Doctor bedächtig sich in dem Bügel erhob und von der zögernd nachtretenden Hausfrau sich mit einem lachenden: „Lassen Sie mir die Christine nicht außer Acht, Frauchen, sie hat Neigung zu einer ganz gefährlichen Krankheit!“ verabschiedete, und in der nächsten Minute hatten Beide durch das offene Gitterthor die Landstraße erreicht, welche in der einen Richtung sich nach dem im Grunde liegenden Dorfe hinabzog, in der andern, welche die Reiter einschlugen, sich durch die Felder nach dem Walde hinüber schlängelte.

Beide verfolgten schweigend neben einander den Weg. Der Doctor ließ die klaren, scharfen Augen ringsum über die Gegend schweifen, während seine beweglichen Züge jedem seiner Gedanken, wie er aufstieg und wieder ging, Ausdruck zu geben schienen – [371] um seinen Mund sich bald ein sinnendes, trauriges Lächeln legte, bald wie eine Erinnerung ein Zug lachenden Humors über sein ganzes Gesicht zuckte, bald seine Stirn sich wie in tiefer Sorge bewölkte.

Der junge Mann neben ihm schien nur einem einzigen Ideengange nachzuhängen, blickte entweder starr in’s Weite, oder mit finster zusammengezogenen Brauen auf den Sattelknopf vor sich; aber wie ihm seines Begleiters Schweigen fast erwünscht zu sein schien, so ließ sich auch an dem Doctor kaum eine Beachtung der schweigsamen Stimmung seines Gesellschafters wahrnehmen. Erst als Beide die volle Höhe unweit des Eingangs zum Walde erreicht, warf der Alte einen raschen, scharfen Blick über die ganze Umgebung, zügelte dann plötzlich sein Pferd zu langsamerem Gange, daß der Andere wie unwillkürlich aufsah, und sagte dann mit dem vollen Tone warmer Zuneigung. „Fritz, mein Junge, laß uns einmal wie in alten Zeiten reden – was thust Du noch da drüben, wo ich Dich soeben herausgeholt habe?“

Ein rascher Farbenwechsel ging über des jungen Mannes Gesicht. „Was soll ich anders thun, Doctor,“ sagte er, sich augenscheinlich zu einem Tone von Verwunderung zwingend, „als einen einfachen Besuch machen? Sind die Anna und ich nicht Nachbarkinder gewesen von Jugend auf?“

„Nenne mich doch Onkel, Fritz, wie Du’s auch in den letzten Jahren noch manchmal gethan,“ erwiderte der Andere ruhig. „Du sprichst dann vielleicht aufrichtiger und vertrauungsvoller zu mir. Es ist mir gerade so, als müßtest Du einen guten Freund jetzt recht nöthig haben!“ Das Auge des Sprechers blitzte so forschend zu seinem Begleiter hinüber, daß dieser wie unwillkürlich den Blick senkte. „Es wird Dir wahrscheinlich schwer, mein Junge, das rechte Wort gegen einen alten Menschen, wie ich bin, zu treffen,“ fuhr jener nach einer kurzen Pause mit einem leichten Kopfnicken fort, „und weißt Du, ich habe auch zuletzt Deine Bekenntnisse gar nicht nöthig. Du siehst die Frau Amtsräthin gerade mit denselben Augen an, wie früher die Anna als Mädchen, da steckt Alles darin – hast Du Dich denn aber wohl schon einmal gefragt, was Du mit Deinen fortdauernden Besuchen anrichten kannst? Hast Du denn schon ein einziges Mal Dich über Deine eignen still begehrlichen Gedanken erhoben und an die Lage des armen jungen Weibes gedacht, das wahrlich alle seine Kraft nöthig hat, um den Muth zu einer getreuen Pflichterfüllung nicht zu verlieren, und nicht erst neu hervorgerufener Kämpfe bedarf, um ihre Stärke zu erproben? Wir kennen uns, Fritz, und ich weiß ja wohl, daß nichts vorbedacht Unrechtes hinter Deinen Wegen steckt, aber jeder besonnene Mensch fragt sich doch bei seinem Handeln: wohin kann das zuletzt führen? Willst Du, wenn einmal die Rederei der Leute Dich zum Einstellen Deiner offenen Gänge zwingt und Du dann vielleicht nicht mehr Herr einer verbotenen Leidenschaft in Dir bist, auf heimlichen Wegen ein armes Wesen ruiniren, das möglicherweise nicht die Kraft zum Widerstande Dir gegenüber hätte?“

Rothe hob langsam den Kopf und begegnete mit einem stillen, dunklen Blicke dem eindringlichen Auge des alten Arztes. „Meinen Sie nicht, Onkel,“ erwiderte er in eigenthümlich tiefem Klange seiner Stimme, „daß ganz sonderbare Verhältnisse stattgefunden haben müssen, wenn ein junges, schönes Mädchen, das nichts von Sucht nach Reichthum oder nach einer besondern Stellung gewußt, sich einem Menschen zum Weibe gegeben, der außer seinem Gelde kaum mehr als den Ruf eines alten Sünders aufzuweisen hat? und meinen Sie nicht, daß solche besondere Verhältnisse auch eine ganz andere Betrachtung der Dinge, als wie sie im gewöhnlichen Leben gilt, zulassen könnten?“

Der Doctor hielt plötzlich sein Pferd an und sah seinem jungen Begleiter, der wie unwillkürlich seinem Beispiele gefolgt war, starr in das Gesicht. „So weit also schon?“ stieß er hervor, während sich seine ganze Stirn in eine Sorgenwolke hüllte. „Klar vorbedacht also!“ Er schüttelte kurz und energisch den Kopf, während er seinem Pferde wieder den Zügel ließ, und mehrere Minuten lang verfolgte er wortlos, die zusammengezogenen Augen gerade in’s Weite gerichtet, die Straße. „Willst Du mir wohl etwas von Deiner besondern Betrachtung der Dinge sagen?“ unterbrach er dann, den Kopf unzufrieden herumwerfend, das Schweigen, „weißt Du vielleicht etwas Anderes, als daß hier eine rechtsgültige Ehe besteht, glücklich oder unglücklich, kommt dabei gar nicht in Rechnung, die durch sich selbst jede Hoffnung für einen Dritten ausschließt und deren Betrachtung von einem andern Standpunkte als dem des gewöhnlichen Laufs der Dinge zu nichts als zum Verbrechen führen kann?“

Ein tiefer Schatten ging über das Gesicht des jungen Mannes. „Wir wollen die Sache fallen lassen, Doctor!“ versetzte er, kalt gerade ausblickend, und der Alte nickte wie in stillem Aerger.

„Konnte mir das schon denken,“ sagte er, „es ist aber noch immer ein schlimmes Zeichen gewesen, Fritz, wenn eine Sache die gerade Wahrheit nicht hat vertragen können!“

Vom Walde her war soeben ein junges Bauernweib, einen Handkorb am Arme, auf die Straße heraus getreten, und über Rothe’s Gesicht schoß bei ihrem Erblicken ein Strahl von Genugthuung, während dennoch seine Lippen sich verächtlich kräuselten. Es war eine kräftige, hochgewachsene Gestalt mit stechenden schwarzen Augen, und der herausfordernde Blick mit welchem sie die herankommenden Reiter musterte, paßte ganz zu einer eigenthümlichen Selbstständigkeit und Freiheit, welche ihren Gang und ihre Bewegungen bezeichneten. „Kennen Sie die Person dort, Doctor?“ fragte der junge Mann halblaut.

Der Alte blickte seitwärts, als wolle er von der Begegnung nicht die geringste Notiz nehmen, durch seine Züge aber ging es wie eine halbunterdrückte Verlegenheit. In der nächsten Minute hatten Beide die Frau passirt und bogen in den Wald ein. „Ja, Doctor,“ begann jetzt Rothe, „das war die eigentliche Frau Amtsräthin, wenn auch nicht in rechtmäßiger Ehe, und soll noch heute sich ganz bestimmter Rechte erfreuen. Das arme Opfer aber, welches der alte Sünder sich als Krankenpflegerin, als Wärterin für seinen abgenutzten Körper gekauft, soll nicht einmal das Recht haben, einen Jugendfreund zu empfangen! – Gut, Doctor,“ fuhr er wie in aufsteigender Erregung fort, „ich will Ihrer Anschauungsweise der Dinge folgen, ich werde Anna nur noch ein einziges Mal sehen, aber sagen Sie mir, der Sie diesen Menschen genauer kennen müssen, als er sich selbst: auf wie viele Jahre kann es ein solcher gemißbrauchter, in allen Fugen loser Lebensmechanismus noch bringen? – Warten Sie einen Augenblick, damit Sie mich nicht wieder verurtheilen,“ setzte er rasch hinzu, als des Arztes Augenbrauen sich zusammenzogen und dieser einen Ansatz zum Sprechen machte. „Sie wissen Zweierlei noch nicht, und dieses sage ich allein dem guten Freunde, der Sie mir haben sein wollen. Als ich hier wegging,“ fuhr er langsamer fort, „wußte ich nicht, daß sie, deren Herz ich mir so gern erobert, wenn ich nicht ein feiger Tropf gewesen wäre, schon längst an mir gehangen. Drei Nächte lang hat sie geweint, daß ich ohne das rechte Wort von ihr gegangen war, und hat gemeint, sie habe in mir sich selbst betrogen. So etwas mag schon im Leben passiren und ohne besondern Schaden vernarben, wenn nur nicht hinterdrein, wo es zu spät ist, eine Stunde kommt, die klares Licht bringt und Beiden ihr selbstgeschaffenes Elend erkennen läßt. Als Sie aber heute auf des Amtsraths Gute anlangten, Doctor, da traten Sie mitten in eine solche Stunde, da wußten wir Beide, woran wir mit einander waren, da hatte die halbe Verzweiflung über ein ganzes verscherztes Lebensglück unsere Seelen gefaßt, da wußte ich aber auch und hatte es ausgesprochen, daß ein Mensch um eines einzigen versäumten Wortes willen nicht zeitlebens elend sein darf. So, Doctor, und nun reden Sie, wenn Sie mir noch etwas zu sagen haben – verlangen Sie von mir, ich soll noch fünf Jahr warten, und ich will warten, wenn Sie sicher sind, daß sie dann frei ist – ich spreche sie noch heute Abend, und sie wird geduldig ausharren wie ich selbst; sagen Sie mir aber nichts mehr von dieser rechtsgültigen Ehe, die jede Hoffnung vernichtet; sie kommt mir vor, wie die Verurtheilung eines unschuldigen Menschen, der um eines verspäteten Zeugen willen verdammt bleiben muß, da einmal das Urtheil gesprochen worden!“

Der alte Arzt blickte starr in die Bäume vor sich, ohne zu antworten; aber Rothe schien auch mehr um seiner eigenen Erleichterung willen gesprochen, als eine Gegenäußerung erwartet zu haben. Schweigend und finster verfolgte der Letztere neben seinem Begleiter die Straße, bis nach kurzer Zeit der Wald zu beiden Seiten zurücktrat, im Grunde ein langgestrecktes, freundliches Dorf sichtbar ward und der Weg sich theilte. Hier hielt der Alte sein Pferd an, wandle langsam den Kopf nach dem jungen Manne und reichte ihm die Hand. „Fritz,“ sagte er mit einem vollen Ausdruck der Sorge, „laß den Teufel nicht Herr werden über dein klares Gewissen! Wer eines Andern Eigenthum begehrt, ist auch nur einen Schritt vom Diebstahl entfernt, und wer eines Menschen Tod zur [372] Stufe für sein Glück macht, weiß nicht, was er in seiner Leidenschaft begehen mag. Im Uebrigen tröste und leite Dich Gott, mein Sohn, und solltest Du einmal fühlen, daß ein ehrlicher treuer Kampf für ein reines Gewissen doch allein das Rechte für einen wahren Mann ist, so komm zu Deinem Onkel, er wird Dir als treuer Freund zur Seite stehen und Dir eine Genugthuung kennen lehren, größer als Dein heißes Blut sie Dir jemals geben könnte!“ Er nickte zweimal dem jungen Manne freundlich und dennoch mit dem Ausdruck unverhehlter Bekümmerniß zu und ließ dann sein Pferd in die Straße einbiegen, welche nach einer kleinen Zahl abgesonderter Besitzungen an der jenseitigen Anhöhe führte.




Es war sieben Uhr am nächsten Morgen, und der Doctor schritt langsam aus seinem in der ganzen Pracht des Sommers prangenden Garten der Hinterthür seines kleinen Hauses zu, wo die alte Haushälterin bereits zum zweiten Male gerufen, daß der Kaffee kalt werde, als er eine Gestalt mit abgetragener Soldatenmütze, einen kräftigen Stock in der Hand, mit dem Ausdruck vollen Amtseifers auf sich zukommen sah. „O, der Flurschütz von drüben!“ sagte er kopfnickend, nachdem er, einen Augenblick stillstehend, den Herankommenden erkannt, „etwas Besonderes bei Euch?“

„Ich denk’s, Herr Doctor,“ versetzte der Angeredete; „sie haben heute Morgen den Herrn Amtsrath erschlagen im Obstgarten aufgefunden; der Herr Justitiar hat gleich nach dem Gericht in der Stadt geschickt, vorläufig aber selbst die nothwendige Untersuchung vorgenommen und wünscht, wenn auch dem unglücklichen Herrn nicht mehr geholfen werden kann, daß der Herr Doctor sogleich hinüber käme, um über die besondere Art des Todes ein Gutachten abzugeben.“

Der alte Arzt stand mit weit aufgerissenen Augen und völlig starren Zügen, als habe er einer Medusa in’s Antlitz geblickt; zwei Mal zuckte es um seinen Mund, als wolle er fragen und vermöge doch nicht das rechte Wort zu finden; dann wandte er sich plötzlich ab und rief mit einer Stimme, die auf wunderliche Weise in die Fistel überschlug: „Jakob, mein Pferd, aber rasch!“ und als er hinter den Sträuchen des Gartens eine breite Gestalt auftauchen sah, die mit einem „Gleich, Herr Doctor!“ die Hacke bei Seite stellte, schritt er in Hast, als habe er den Boten neben sich völlig vergessen, nach dem Hause.

Zwei Minuten darauf aber, als eben der „Flurschütz“ mit der Hand unter seine Mütze fuhr und zu überlegen schien, ob er so ohne Weiteres den Heimweg wieder antreten solle, erschien die wohlgenährte Gestalt einer ältlichen Frau in dem Eingange zum Garten und winke ihm hastig zu, heran zu kommen. „Sie trinken doch eine Tasse Kaffee, oder nehmen eine Magenstärkung?“ sagte sie halblaut, als Jener dem Winke bereitwillig Folge geleistet; „was ist denn das um Gotteswillen für eine Bestellung, die Sie gebracht, ich habe ja doch den Doctor in den letzten zehn Jahren noch nicht so confus gesehen?“

In der nächsten Viertelstunde trabte der Arzt auf seinem Klepper bereits dem Walde zu, und das runde Thier schüttelte oft unwillig den Kopf, wenn es immer wieder scharf die Gerte fühlte, sobald es bei dem aufsteigenden Wege den Versuch zu einem langsameren Schritte machte. Als der Alte endlich auf dem Vorplatz des Hauses, das er am Abend zuvor noch in vollem Frieden verlassen, abgestiegen war und, wie um sich zu sammeln, sich die heiße Stirn wischte, trat ihm von den Stufen der Hausthür langsam ein städtisch gekleideter Mann entgegen, der, wie unter einem Gewicht von Sorgen, sich in dem buschigen grauen Haare wühlte.

„Kommen Sie einen Augenblick mit mir, Doctor, ehe wir zur Hauptsache schreiten,“ sagte dieser, „ich möchte ein paar besondere Worte mit Ihnen reden, bevor der Gerichts-Commissar aus der Stadt hier ist.“

Der Doctor nickte, als treffe er nur auf die Bestätigung eines eigenen Gedankens, und folgte dem Voranschreitenden nach demselben Zimmer, in welchem er Tags zuvor die Hausherrin mit seinem jungen Freunde gefunden. „Doctor, wir haben hier einen ganz entsetzlichen Fall, und doch sträubt sich noch Alles in mir, an das zu glauben, worauf einzelne Zeugenaussagen bereits klar schließen lassen,“ begann Jener, sich mit einem raschen Strich über sein Gesicht auf einem der Stühle niederlassend, „ich will kurz die Hauptsachen des Geschehenen resumiren, dann sagen Sie mir, was der schlichte Verstand eines Nicht-Juristen daraus schließen würde, und vielleicht ändert sich dadurch eine Ueberzengung in mir, die zu Maßregeln führen müßte, gegen die sich Alles, was rein menschlich in mir ist, empört!“

Der Arzt neigte wie unter einem harten Drucke sein Haupt. „Sprechen Sie, Herr Jutstitiar!“ sagte er, langsam und schwer von dem nächsten Stuhle Besitz nehmend.

„Es war heute Morgen nach vier Uhr,“ begann der Andere, die Stirn in die Hand legend und den Ellbogen auf das Knie stützend, „als mich der Verwalter mit der Nachricht weckte, daß soeben der Amtsrath todt im Obstgarten gefunden worden sei. Als ich in Hast mich nach dem bezeichneten Platz begeben, fand ich das Folgende: Der unglückliche Mann, welchen noch Niemand hatte berühren wollen, lag zum Theil auf seinem Gesichte in einer Lache von geronnenem Blute; er war in dem Anzuge, welchen er bei seinen Ausgängen trug, sein Hut fand sich unweit von ihm, und es ließ sich vermuthen, daß er bei seiner Heimkehr Nachts auf seinen Mörder getroffen, oder daß dieser ihm aufgelauert. Als wir den bereits völlig steifen Körper zum Transport in das Haus aufgehoben hatten, fand sich hart daneben ein nur theilweise vom Blute besudelter gemslederner Reithandschuh, den ich zu kennen meinte, wenn ich auch im Augenblicke nicht sofort wußte, wohin in meinem Gedächtnisse damit; daß er dem Amtsrathe nicht gehören konnte, ging schon aus dem Mißverhältnisse zwischen dessen breiter Hand und der geringen Größe des betreffenden Objects hervor. Ich nahm den Fund an mich; was aber eine weitere Nachforschung an Ort und Stelle bot, war fast mehr geeignet, aus dem Falle ein völliges Räthsel zu machen, als einen Anhalt für die kommende Untersuchung zu geben. Der Todte hatte seine Uhr und Börse noch bei sich, eine Beraubung als Motiv für die That konnte also nicht angenommen werden; das Gras, in welchem er lag, ließ nirgends ein Zeichen sehen, daß ein Kampf stattgefunden hätte oder auch nur vielfache Tritte gethan worden wären, und daß der Ermordete auf das Gesicht gefallen, ließ nur auf einen raschen, unerwarteten Angriff in seinem Rücken schließen, wie sich dies auch, als wir den Unglücklichen gereinigt und entkleidet, durch eine breite, augenscheinlich von hinten beigebrachte Stichwunde in der Seite zu bestätigen schien. Wem aber konnte, soweit ein Vertrauter des Amtsraths, wie ich es war, zu denken vermochte, soviel an dem Tode dieses Mannes liegen, daß er zu einem nächtlichen Meuchelmord seine Zuflucht nahm? Was auch Schlimmes an ihm sein mochte, so war doch seine Weise: zu leben und leben zu lassen, nirgends danach angethan, ihm einen so verzweifelten Todfeind zu verschaffen, wenn nicht ganz besondere, noch kaum geahnte Verhältnisse ihm einen solchen erworben!“ [385] Der Justitiar hatte bei den letzten Worten langsam den Kopf gehoben und blickte dem Arzte in’s Gesicht, als suche er darin das Verständniß für einen noch unausgesprochenen Gedanken. In des Doctors Zügen hatte sich indessen der Ausdruck der frühern Starrheit und Sorge mit jedem gehörten Satze mehr aufgeklärt, und der Blick des Redenden traf auf ein Auge, in welchem sich kaum mehr als die ernste Spannung auf das Ende der begonnenen Mittheilung verrieth.

„Meine erste Sorge, als sich mir die Unmöglichkeit einer Wiederbelebung vor die Augen stellte,“ fuhr der Justitiar, den Kopf wieder senkend, von Neuem fort, „war es, die gesammten Hausgenossen einzeln zu verhören, ob nicht während der Nacht irgend eine Bemerkung die zu weiteren Schlüssen hätte Veranlassung geben können, von einem derselben gemacht worden war. Die Kunde des Geschehenen war bereits durch das ganze Haus gedrungen, und es machte einen wohlthuenden Eindruck auf mich, als, kaum daß wir den Körper im Hinterzimmer niedergelegt, die junge Frau Amtsräthin, gänzlich verstört und nur mit dem bekleidet, was sie in Hast über sich geworfen, hereinstürzte, bei dem Anblick des mit Blut bedeckten Todten aber fast besinnungslos in den nächsten Stuhl sank und nur noch die Worte: „Schicken Sie um Gotteswillen nach dem Doctor!“ hervorbringen konnte. Wir wußten ja Alle, daß sie den Amtsrath nicht eben aus Liebe genommen. Sie konnte ich jetzt natürlich nicht mit Fragen quälen und übergab sie der Sorge ihrer Christine, die halb eine Wirthschaftshülfe, halb eine Art Kammermädchen bei ihr vorstellt; begann dann im anstoßenden Zimmer ein Verhör mit den Knechten und Mägden, konnte aber bei Niemand zu einer Angabe, die irgend einen Verdacht hätte rege machen können, gelangen. Da stellte sich, als ich eben ziemlich hoffnungslos den ganzen dunkeln Fall mir noch einmal vor die Seele rief, die Christine wieder ein, warf einen raschen Blick durch das Zimmer, ob sie auch völlig mit mir allein sei, und wies dann auf den neben mir auf dem Tische liegenden gefundenen Handschuh, den Keines der Uebrigen hatte kennen wollen. „Ich denke, Herr Justitiar, ich weiß, wo der Handschuh dort hingehört, wenn ich auch damit nicht das geringste Schlimme weiter gesagt haben will,“ begann sie geheimnißvoll; „ich halte es aber bei der schrecklichen Geschichte auch für meine Pflicht, Ihnen etwas Anderes zu erzählen, das mit dem Handschuh zusammenhängen könnte.“ Und nun folgte ihrerseits eine Mittheilung, welche mich mit jeder Minute mehr spannte. Der junge Rothe, Ihr Nachbar, Doctor, war am Nachmittag bei der jungen Frau gewesen, und das Mädchen wollte im Vorbeigehen an der Stubenthür einige Worte des Gesprächs zwischen Beiden aufgefangen haben, welche sie unwillkürlich zum Stillstehen gebracht. Die Beiden im Zimmer hatten sich gegenseitig ihre Liebe erklärt, und Rothe war endlich zu den Worten gekommen: um eines Mißverständnisses willen, durch welches die Heirath der Amtsräthin herbeigeführt worden, dürften sie nicht Beide zeitlebens elend werden, und es müsse noch Mittel geben, die junge Frau wieder frei zu machen – Abends um elf Uhr wolle er im Obstgarten sein, um das Weitere mit ihr zu besprechen. Christine behauptete ferner, daß die Neugierde sie getrieben, um die besprochene Zeit die mondhelle Umgebung des Hauses von ihrem Fenster aus zu beobachten, daß sie den jungen Rothe wirklich auf dem Wege nach der Rückseite des Hauses bemerkt, denn aber ihre Aufmerksamkeit dem Zimmer der Amtsräthin zugewandt habe. Sie [386] sei indessen, als dort nach geraumer Zeit sich nichts geregt, eigeschlafen und wisse nicht, ob die Zusammenkunft stattgefunden. – So sehr nun auch der letzte Punkt im Zweifel liegt,“ fuhr der Justitiar, sich rasch durch das graue Haar streichend, fort, „so hat sich doch mit voller Beweisstärke herausgestellt, daß Fritz Rothe in der letzten Nacht an demselben Orte im Obstgarten, wo der Mord stattgehabt, sich befunden hat – denn,“ setzte er langsam aufsehend hinzu, „den gefundenen Handschuh bezeichnet nicht allein Christine für den Rothe’s, sondern auch ich entsinne mich desselben deutlich – ein ähnliches Paar, wie es der junge Mensch als eine Art von Stutzer trug, werden Sie vergeblich auf unsern Dörfern umher suchen. Wenn erst festgestellt worden, wo der Amtsrath die letzte Nacht gewesen und wann er den Heimweg angetreten, wird sich auch ermitteln lassen, wie die Zeit von Rothes Anwesenheit mit der Rückkehr des Ermordeten stimmt – mir ist,“ fuhr der Gerichtsmann in sichtlicher Erregung fort, „wenn ich an die Mittheilung über das stattfindende Verhältniß zwischen der jungen Frau und dem jungen Menschen denke, der ganze Sachverlauf so klar, daß ich wohl kaum noch ein weiteres Wort darüber verloren hätte, wenn sich nicht die ganze Macht meiner rein menschlichen Anschauung, die sich in der langen Bekanntschaft mit den beiden jungen Hauptbetheiligten gebildet, gegen die Ueberzeugung des Inquirenten auflehnte.“

Das wohlgenährte Gesicht des alten Arztes war im Verlaufe der Rede bleicher und bleicher geworden; dennoch blickte sein Auge fest und ruhig in das des Sprechenden. „Ich kann die gewaltige Macht einer Beweisführung, wie Sie diese andeuten, verstehen,“ sagte er jetzt langsam; „Sie vergessen nur, daß nach Ihrer eigenen Angabe der Stich vom Rücken aus erfolgt, daß das Gras umher unzertreten gewesen ist und daß mithin ein wohlbedachter Meuchelmord vorzuliegen scheint. Wollen Sie sich diesen aber in Verbindung mit einem jungen Manne denken, der seiner Gemüthsart und seinem ganzen bisherigen Leben nach –“

„Das ist es ja eben, was mich in vollen Widerspruch mit mir selbst bringt,“ unterbrach ihn der Justitiar eifrig, „wollen Sie sich aber vermessen, in alle Tiefen der menschlichen Leidenschaft zu dringen, um genau die Grenze zu bestimmen, bis wohin sie Den, welcher ihr in einer unglücklichen Stunde verfallen, führen kann?“

Der Doctor hob kräftig den Kopf. „Alles recht, lieber Herr,“ versetzte er, „aber ich sage Ihnen, daß selbst die Spitze der Leidenschaft einen kräftigen, edlen Charakter nie zum feigen Meuchelmörder machen wird; sage Ihnen, daß diese beiden jungen Leute so unschuldig an dem Geschehenen sind, als wir, die wir hier sitzen, selbst. – Welche Maßregeln haben Sie bereits getroffen?“ setzte er hastig hinzu.

Der Andere zuckte bedauernd die Achseln. „Ich habe pflichtgemäß Rothe’s Verhaftung anordnen müssen – die Amtsräthin habe ich ersucht, bis zu Ankunft der Gerichts-Commission ihr Zimmer nicht zu verlassen, und habe die äußerliche Bewachung desselben angeordnet –“

„Lassen Sie mich den Todten sehen!“ rief der Arzt, sich rasch erhebend, und schritt seinem Gesellschafter selbst nach der Thür voran.




Eine halbe Stunde danach war der Doctor wieder auf dem Heimwege; als er aber den Wald durchschnitten, lenkte er das Pferd, das gewohntermaßen die Richtung nach der kleinen Besitzung an der Anhöhe jenseits des Thales nehmen wollte, auf die Straße nach dem Dorfe im Grunde. Es war das erste Mal, daß er auf seinem Ritt das starr vor sich hin blickende Auge gehoben, und nur ein einziges Bild war es, welches bis dahin seinem innern Auge vorgeschwebt – das war der gefesselte Fritz Rothe, welcher ihm, den Gensd’arm an seiner Seite, beim Austritte aus dem Hofe des amtsräthlichen Gutes begegnet. Ein einziger, voller Blick auf den Verhafteten hatte dem Arzte ein wohl todtenbleiches, aber wunderbar ruhiges Gesicht gezeigt, auf dem sogar etwas wie ein stiller, freudiger Strahl geleuchtet, der in diesem Momente indessen des Alten Gefühl fast wie ein Frevel berührt. „Fritz, um Gotteswillen,“ hatte dieser wie von einem peinlichen Zweifel ergriffen gerufen, „hast Du dem Teufel erliegen müssen? – aber es ist nicht so, ich weiß es, ich weiß es!“ hatte er dann rasch, wie über seine eigenen Worte erschrocken, hinzugesetzt, und ein plötzliches Erstarren in Rothe’s Zügen, als er dem Doctor in’s Gesicht geblickt, hatte sich bei dessen Nachsatze gelöst. „Onkel, das habe ich nicht gethan, was da geschehen ist, und daran halten Sie nur fest!“ war die Antwort gewesen, die unter aufleuchtenden Augen, aber wie aus vertrockneter Kehle sich hervorgerungen; „es spielt wohl Niemand umsonst mit dem Teufel, und darum büße ich jetzt; aber Gott hat uns nicht verlassen!“

Und diese letzte Aeußerung war es, mit welcher der Alte, trotz seiner festgewordenen Ueberzeugung von Rothe’s Unschuld, sich bis jenseit des Waldes herumgequält – etwas mußte vorgefallen sein, was den jungen Mann mit dem Geschehenen in Verbindung brachte, und mehr als einmal hatte der Grübelnde sich die meuchelartige Weise des Mordes wieder vor die Seele rufen müssen, um wieder zu seinem früheren unumstößlichen Halte zu gelangen.

Der eingeschlagene Weg führte nach der Mitte der langgestreckten Häuserreihe; ehe er diese indessen erreicht, ließ er das Pferd in einen Fußpfad einbiegen, welcher nach dem Ende des Dorfes, der nächsten Nachbarschaft von seiner eigenen Besitzung führte. Ein stattliches Haus, mehr im städtischen Style gehalten und durch die ausgedehnten Wirthschaftsgebäube den Wohlstand des Besitzers andeutend, blickte ihm dort entgegen, und schon von Weitem ließ der Hinzureitende die Augen durch den offenen Hof, wie über die Umgebung des Hauses schweifen, als wolle er dort irgend ein menschliches Wesen entdecken, ehe er selbst das Haus betrat; ringsum aber schien Alles wie ausgestorben, und mit einem tiefen Athemzuge, hörbar aus schwerem Herzen kommend, trieb er sein Pferd zu rascherem Schritte an. Als er endlich in den reinlichen Hof einritt, steckte ein Knecht den Kopf scheu aus einer halboffenen Stallthür heraus und trat sodann, den Angekommenen erkennend, heran, ohne einen Versuch zu machen, den verstörten Ausdruck seines Gesichts zu verdecken. Der Alte nickte ihm ernst und verständnißvoll zu und fragte, ihm das Pferd übergebend, halblaut: „Sind sie zu Hause?“

„Die Frau ist drinnen, aber der Herr ist nach der Stadt zum Advocaten, wie ich gehört!“ war die gedämpfte Antwort, und langsam wandte sich der Doctor nach der breiten Hausflur, dort vor der nächsten Thür einige Secunden, wie sich sammelnd, stehen bleibend. Geräuschlos und ohne anzuklopfen öffnete er dann und trat in ein geräumiges, völlig städtisch eingerichtetes Zimmer, in dessen Hintergrunde eine Frauengestalt im Sopha lehnte, den von dichtem grauen Haare eingehüllten Kopf in die Seitenkissen gedrückt.

Einen Augenblick blieb der Eingetretene in der Mitte des Zimmers stehen, die Dasitzende schweigend betrachtend, dann sagte er in einem so weichen Tone, wie man ihn kaum aus diesem von Runzeln umzogenen Munde erwartet hatte: „Lisbeth!“

Die Frau fuhr auf und zeigte ein bleiches, starres Gesicht, das trotz der deutlichen Spuren des Alters die Feinheit und frühere Schönheit ihrer Züge noch immer hervortreten ließ; nur einen Moment hafteten die sichtlich vom Weinen gerötheten Augen auf dem Dastehenden, dann löste sich plötzlich die Starrheit ihres Ausdrucks und mit einem, wie im vollen Schmerze hervorbrechenden: „Maiwald – Doctor. Gott sei Dank, daß Sie kommen – haben Sie es denn gehört – wissen Sie es denn?“ erhob sie sich und streckte ihm beide Hände entgegen.

„Nur Ruhe und Fassung, das ist jetzt das Nöthigste!“ erwiderte der Alte, ihre Hände fest in die seinen nehmend, während er ein Aufwallen der eigenen Weichheit zu unterdrücken schien; „er ist unschuldig, verlassen Sie sich darauf, oder ich habe noch niemals in eines Menschen Seele lesen können –“

„Gott gebe es, Doctor, und bringe es an den Tag!“ rief sie mit den neu hervorbrechenden Thränen kämpfend; „aber ich glaube nicht recht daran, es sind nicht Alle solche Engelsseelen, wie Sie, Maiwald, und der Fritz vielleicht am wenigsten! Ich habe gewußt, wie es mit ihm steht, und habe doch nicht zu ihm reden können,“ fuhr sie erregter fort. „es war mir, als hätte ich damit die eigene Schuld meiner Jugend wieder aus der Vergessenheit aufwecken müssen – und jetzt kann ich es nicht aus den Gedanken bringen, daß an ihm gestraft werden soll, was ich einmal in meinem Leichtsinne gesündigt –“ ein krampfhaftes Schluchzen unterbrach ihre Rede, und der Doctor, um dessen Mund es plötzlich wie eine mühsam niedergehaltene Seelenbewegung zuckte, führte sie langsam nach dem Sopha zurück.

„Regen Sie sich nicht noch absichtlich mit Vorstellungen auf, Frau Rothe, die nur Ihre angegriffenen Nerven erzeugen,“ versetzte er ernst und gehalten, nachdem er sich den nächsten Stuhl herbeigezogen; „wenn von einer Sünde gesprochen werden soll, die sich [387] an alte, längst begrabene und vergessene Dinge knüpft, so ist es der Aberglaube, der sie wieder lebendig machen und in den weisen Rathschluß unseres allgütigen Herrgotts hereinpfuschen lassen will. Wenn ich zufrieden bin mit dem, was einstmals geschehen, und mich glücklich in meinem jetzigen Schicksale fühle,“ setzte er weicher hinzu, „wer hätte dann wohl ein Recht, auch nur eines Haares Schwere auf Sie zu legen, Elisabeth?“

Die noch immer schönen, dunkel blauen Augen der Frau hoben sich wie unter einer warmen Empfindung nach dem Gesichte des alten Arztes; dieser aber wich ihrem Blicke aus und sagte. „Lassen Sie uns ruhig mit einander reden; ich bin von seiner Unschuld wie von meinem Leben überzeugt, das hilft aber in dem Falle, wie er liegt, bei dem Gerichte nichts, und wir haben mit allen unsern Verstandeskräften zu arbeiten, daß wir Punkte auffinden, aus denen ein ordentlicher Advocat den Beweis seiner Unschuld herleiten kann. Wissen Sie, daß er vergangene Nacht aus dem Hause gewesen ist?“

„O, ich habe ihn gehen und kommen hören,“ rief sie schmerzlich, „ich ahnte es, daß er zu ihr ging, mir war es, als müsse ein Unglück daraus entstehen, und ich konnte ihn doch nicht warnen. Dann, als er heimgekommen war und fast noch eine Stunde in seiner Kammer rastlos auf und ab ging, da wußte ich, daß etwas Uebeles geschehen sein mußte, und als beim frühen Morgen die Nachricht kam, der Amtsrath sei erschlagen, wollten die Beine unter mir brechen, denn ich wußte nun, daß er mit dem zusammengetroffen war –“

Ein rasches, unwilliges Kopfschütteln des Arztes unterbrach sie. Er ist nicht mit ihm zusammengetroffen, sagte er kurz und bestimmt, „der Mord ist heimtückisch und hinterrücks geschehen – halten Sie den Fritz dessen fähig? – Und noch Eins!“ fuhr er erregt fort, „die Todeswunde ist mit einem ungewöhnlich breiten Messer beigebracht, etwa von der Art wie es zum Vorschneiden in der Küche gebraucht wird – haben Sie wohl mehr als eins davon hier im Gebrauche?“

Die Mutter sah dem Sprecher einen Augenblick starr in’s Gesicht, als verstehe sie ihn nicht. „Hinterrücks ermordet – mit dem Vorschneidemesser?“ sagte sie stockend; „o nein, o nein!“ brach es dann aus ihrem Munde, und zugleich schnellte sie auf ihre Füße, hastig aus dem Zimmer eilend. Der Doctor sah ihr mit einem langsamen Kopfneigen nach und hielt den Blick auf die Thür geheftet, bis sie eilfertig mit einem großen Vorlegemesser wieder erschien. „Da ist es – an derselben Stelle, wo es gestern Abend noch gebraucht worden ist!“ rief sie schon beim Eintreten, „o, er mag im Kampfe einen Todtschlag begangen haben, als der Amtsrath Beide überrascht hat, aber ein Meuchelmörder ist er nimmer, nimmer!“

„Und sonst ist keins dieser Art im Hause?“ fragte der Alte, das Messer aufmerksam betrachtend, welches in dem fettigen Aussehen noch von dem letzten Gebrauche sprach. „Und die Wirthschafterin könnte jedenfalls auch Zeugniß ablegen, daß sie es in demselben Zustande wiedergefunden, wie sie es aus der Hand gelegt?“ setzte er nach der hastigen Verneinung der Frau hinzu, – „aber das ist ja Alles noch kein Beweis; es giebt ja so viele Messer in der Welt,“ unterbrach er sich, mit der Hand unmuthig in das buschige Haar fahrend, „hier muß ein geriebener Jurist die Sachen in die Hand nehmen. Sagen Sie mir nur, ob Sie auf die Stunde seines Gehens und Kommens geachtet haben?“

„O, ich habe jede Viertelstunde an der alten Uhr schlagen hören, so lange er weg war. Es konnte noch nicht halb elf sein, als er sich fort schlich, und eine geraume Weile schon wanderte er wieder in seiner Kammer umher, als es eins schlug. Er kann sich kaum länger als eine halbe Stunde drüben aufgehalten haben! Uebrigens hörte ich, wie er beim Heimkommen ein kurzes Wort mit dem Knechte wechselte, der nach dem kranken Pferde sah!“

Der Doctor nickte hastig. „Das wäre etwas – wenn sich nur bald ein sicheres Anzeichen findet, zu welcher Stunde der Amtsrath nach Hause gekommen, und das muß sich finden, denn er wird nicht allein in der Nacht im Felde umhergelaufen sein. Und nun, Frau Rothe,“ fuhr er fort, ihr seine Hand reichend, „seien Sie ruhig und stark, halten Sie fest an dem Glauben, daß, was auch in letzter Nacht geschehen sein möge, er doch an dem Morde unschuldig ist. Was seine Freunde thun können – und Sie wissen, daß ich an dem Jungen hänge, als wäre es mein eigenes Kind – das wird geschehen, um bald Licht in die dunkele That zu bringen. Sobald aber der Advocat kommt, lassen Sie es mich wissen! – Wollen Sie dem Jungen und mir zu Liebe sich stark machen und sich nicht mehr mit allerhand Gespenstern abgeben?“ setzte er hinzu, ihr mild in die Augen sehend.

„Ich will, Doctor, ich will!“ erwiderte sie, seine Hand drückend, während die Thränen auf’s Neue über ihre welken Backen rollten, und der Arzt erhob sich, nach seinem Hute greifend.

Die nächsten Minuten hatten ihn wieder auf das Pferd gebracht, das ihn aus dem Hofe trug, aber kaum schien er darauf zu achten, wohin dieses seinen Weg nahm. Schlaff ruhten die Zügel in seiner Hand, seine Augen blickten ziellos, als horche er nur seinen Gedanken, in’s Weite, und um den welken Mund lag ein wehmütiger Zug. Wie die ferne, in Dämmerung versunkene Landschaft plötzlich noch einmal von einem Strahl der scheidenden Sonne erhellt und in rosiges Licht getaucht wird, so hatte die eben durchlebte Scene ein ganzes, abgethanes Jugendleben mit seinen gescheiterten Hoffnungen und längst überwundenen Schmerzen wieder in ihm wach gerufen. Alles aber glänzte eben nur in dem stillen Lichte des letzten Abendroths.

Da stand weit unten im Dorfe, unweit der Kirche, das Pfarrhaus, heute noch so, nur etwas grauer, wie vor fünfundzwanzig Jahren; dort hatte der junge Student der Medicin regelmäßig die Ferien bei seinen Eltern verbracht – aber wenn auch die Pietät gegen die alten Leute ihren Antheil an seinen regelmäßigen Besuchen in der Heimath haben mochte, so war es hauptsächlich doch ein anderer, glänzenderer Stern gewesen, welcher ihn oft hatte die lockendsten Einladungen reicher Commilitonen ausschlagen und den Aufenthalt in dem stillen Dorfe vorziehen lassen.

Drüben an der Anhöhe wohnte auf einer eigenen keinen Besitzung ein pensionirter Officier, sich nur mit der Pflege seines Gartens und der Erziehung einer Tochter beschäftigend, welche eben so frisch aufblühte, wie die schönste Rose in seinem Blumenflore. Sein Hauptumgang bestand nur aus zwei Familien des Ortes, der seines nächsten Nachbars, des Gutsbesitzers Rothe, welcher gleich ihm die Kriege mitgemacht, und der des Pfarrers. In beiden Familien waren Söhne von gleichem Alter, und im Dorfe wußte man genau, daß die beiden jungen Menschen sich mit gleichem Eifer um die Gunst der schönen Elisabeth bewarben. Während aber der praktische Sinn des alten Hauptmanns sich auf die Seite des reicheren Rothe neigte, hatte sich das Herz der Tochter längst dem jungen Pfarrerssohn ergeben und mit diesem die Schwüre ewiger Treue ausgetauscht. Wenn Maiwald sein Doctor-Examen bestanden, sollte seine Niederlassung in der Gegend, die längst eines Arztes bedurft, erfolgen, und dann die Einwilligung des Vaters zur ersehnten Verbindung erobert werden. Aber Mädchenherzen sind schwach. Der alte Rothe starb, seinem Sohne das schöne Besitzthum hinterlassend, und der Hauptmann, welcher im Interesse seiner Tochter zu handeln meinte, that diese zu einer Verwandten in der Stadt, um sie, während der Trauerzeit des jungen Gutsbesitzers, Maiwald’s Augen und ferneren Bewerbungen zu entziehen – dort mochte wohl im Sinne des Vaters auf sie eingewirkt worden sein, und während dem Studenten jede Gelegenheit selbst zu schriftlichem Verkehr mit ihr abgeschnitten war, hatte Rothe, welcher nie ohne seine zwei raschen Rappen vor dem leichten Wagen in der Stadt erschien, freies Spiel. Als Jener endlich nach länger als Jahresfrist mit dem Doctordiplom in der Tasche bei den alten Eltern eintraf, fand er seine Elisabeth in Rothe’s neu und prächtig eingerichtetem Hause als dessen Frau.

Es hatte nach dieser Zeit Niemand ein Wort der Klage von ihm gehört; eifrig hatte er sich der ihm in weitem Umkreise zufallenden Praxis hingegeben, und nur eine eigenthümliche Ruhe und Blässe bei den oft unvermeidlichen Begegnungen mit den Rothe’s hätten dem Kundigen seinen Seelenzustaud verrathen können. Als der Hauptmann gestorben und dessen kleines Besitzthum öffentlich zum Verkauf ausgeboten worden war, hatte ein unbekannter Bieter sich eingestellt und das Grundstück erstanden; als aber Elisabeth am selben Abend noch einmal den Boden desselben betreten, um Abschied von den Räumen ihrer Kindheit zu nehmen, hatte sie den Doctor als den neuen Eigenthümer angetroffen. Es war das erste Mal gewesen, daß sich Beide wieder allein gegenüber gestanden, und die junge Frau hatte im ersten Schrecken sich abkehren und davon eilen wollen; er aber hatte mit seiner sanften ruhigen Stimme gefragt: „Habe ich Ihnen denn etwas zu Leide gethan, Elisabeth? Gott mache Sie glücklich, das ist mein heißester Wunsch [388] – wir hatten uns Beide in einander getäuscht; warum sollen wir aber deshalb absichtlich und auffällig einander ausweichen?“ Sie indessen hatte wie ganz vernichtet durch seine Milde, die Hände vor das Gesicht geschlagen und so den Garten verlassen. Seit dieser Zeit hatte die wohl nirgends sichtlich und nur den Betheiligten fühlbar gewesene Spannung zwischen den beiden Familien sich gelegt; der Pfarrer hatte sich pensioniren lassen und war mit der alten Mutter zu dem Sohne gezogen; in dem Amtsnachfolger war eine unbetheiligte immer mehr ausgleichende Verbindung zwischen den jetzigen Nachbarn erwachsen, und als in einer Nacht Rothe den Doctor herausgepocht, damit dieser sein plötzlich erkranktes, einziges Söhnchen rette, als Maiwald bis zum Tagesgrauen nicht von dem Bette des Kindes gewichen war, hatte sich Seitens der jungen Eltern eine seltsam zarte Begegnungsweise gegen den Arzt, fast wie eine fortlaufende, stumme Abbitte, herausgebildet. Und so wäre das beiderseitige Verhältniß mit der Zeit vielleicht in eine alltägliche Bahn eingelaufen, wenn Maiwald nur daran gedacht hätte, sich selbst zu verheirathen. Auch nach dem Tode seiner Eltern lebte er mit Wirthschafterin und Knecht als einsamer Junggeselle auf seinem kleinen Besitzthum fort, ein überall willkommener und verehrter Gast, der unter einem nach und nach erwachenden glücklichen Humor alle weichen Stellen seines Innern zu bergen verstand; was aber sein Herz noch an besonderer Liebe barg, schien sich auf Elisabeths kleinen Sohn, welcher der einzige geblieben war, concentrirt zu haben, und Rothe ließ nie ein mißbilligendes Wort hören, wenn auch der Knabe oft Tage lang bei dem „Onkel am Berge“ sich aufhielt.

Das Alles war es, was jetzt nach zwanzig Jahren in der Seele des altgewordenen Arztes sich wieder belebt und ihm für eine kurze Zeit die Sorge um die Gegenwart fast aus der Seele gedrängt hatte.

Erst als plötzlich eine jammernde Stimme vor ihm laut wurde, riß er sich aus seinem Sinnen und fand sich seinem eigenen Häuschen gegenüber, wohin das Pferd ihn getragen; in der Thüröffnung aber stand die alte Wirthschafterin und empfing den Ankommenden mit gerungenen Händen. „Ach, Herr Doctor, Herr Doctor, wer hätte das jemals von dem Fritz denken sollen!“

„Denkt Sie es von ihm?“ fuhr der Alte in hörbarem Unmuthe auf.

„Ach, ich möchte ja nicht, aber der Herr Justitiar hat gesagt, wie der Flurschütze berichtet –“

„Daß der Flurschütz gerade so ein altes Weib ist, wie Sie.“ unterbrach Jener die Sprechende, sich aus dem Sattel schwingend, „und damit hat er Recht; sonst aber ist der Herr Justitiar gerade so wenig dabei gewesen, als das Verbrechen begangen wurde, als ich und Sie, und kann deshalb eben so wenig von jetzt noch völlig verborgenen Dingen wissen. Seinen Freunden aber redet man eher das Gute als das Schlechte nach,“ fuhr er fort, dem herbeieilenden Knechte den Zügel zuwerfend und sodann dicht an die Frau herantretend, „und wenn Sie etwas Besseres in der Sache thun will, als darüber zu jammern und zu klatschen, so strebe Sie danach, zu erfahren, wo der Amtsrath in letzter Nacht gewesen und wann er heimgegangen ist – es kann ja sonst Niemand im Dorfe hier oder drüben einen Schritt thun, ohne daß Ihre Gevatterinnen Buch und Rechnung darüber führen; jetzt könnte Sie damit das Leben eines unschuldigen Menschen retten, denn der Fritz ist unschuldig, das sage ich Ihnen!“

Er schritt an der sichtlich Verschüchterten vorüber nach dem Innern des Hauses, wo ihm plötzlich eine andere, aber halb kleinmüthige Stimme entgegenklang: „Herr Doctor, der Herr Justitiar möchte wünschen, daß Sie doch einmal nach der Frau Amtsräthin sähen, die ihm gar nicht gefiele –“

„Ah, Sie sind das, Flurschütze,“ war die barsche Entgegnung, „und so will ich Ihnen denn sagen, daß Sie mit Ihren unbefugten Reden gegen jedes alte Weib mir auch nicht gefallen, und wenn mir noch einmal etwas dergleichen in Dingen, die Sie nicht verstehen, zu Ohren kommt, so werde ich Sie dafür zu nehmen wissen. Im Uebrigen werde ich kommen, das mögen Sie melden!“

Er wollte mit finster zusammengezogenen Brauen an ihm vorüber nach seinem Zimmer schreiten, als die Haushälterin sich mit einem kurzen Husten wieder neben ihm bemerkbar machte. „Herr Doctor, wegen dessen, wo sich der Herr Amtsrath in der Nacht aufgehalten.“ begann sie halb zögernd, „so möchte ich nur sagen, daß das sicher nicht bei der Meier-Lotte – Sie wissen, mit der er es immer gehalten – gewesen ist; die hat jetzt einen Fleischer, der sie heirathen will –“

Dem Arzte schien ein derbes Wort über die negative Auskunft auf den Lippen zu schweben, aber von einem aufsteigenden Gedanken wieder zurückgedrängt zu werden. Das eine Wort „Fleischer“ hatte plötzlich die „Eigenthümlichkeit“ der von ihm untersuchten Todeswunde wieder vor seinen Geist gerufen und ihn an die Fleischermesser, wie sie von den Betreffenden bei ihren Geschäftsgängen über Land in einer starken Lederscheide geführt werden, erinnert. Schon im nächsten Augenblicke meinte er auch die völlige Unfruchtbarkeit des Gedankens erkannt zu haben. Was hätte einen Fleischer, selbst wenn er der Bräutigam von des Amtsraths früherer Liebsten war, zu einem Morde, der heimlich und unprovocirt geschehen, wie dies alle bis jetzt entdeckten Umstände andeuteten, treiben sollen, zumal nicht einmal eine Beraubung stattgefunden?“

„Schaffe Sie mir ein kräftiges Frühstück, da ich nicht weiß, ob ich heute noch einmal zum Essen kommen werde!“ sagte er, sich langsam nach seinem Zimmer wendend, „Jakob aber soll mir das Pferd in einer halben Stunde wieder bereit halten. [401] Es waren vier Tage vergangen; der junge Rothe war nach der Stadt in Untersuchungshaft gebracht worden und der Amtsrath begraben; der Doctor aber saß wie halb gebrochen in seinem Sorgenstuhle am Fenster, welches den freien Blick in den wohlgepflegten Garten bot, ohne indessen das starre Auge von einem Punkte auf den Dielen vor sich zu erheben. Seit vier Tagen war er kaum vom Pferde gekommen, um neben den nöthigsten Besuchen, welche sein Beruf forderte, den einzigen Punkt festzustellen, wo der Ermordete in der Nacht des Verbrechens sich aufgehalten, damit durch die Zeit seiner Heimkehr sich ein Anhalt für den Nachweis von Rothe’s Unschuld erlangen ließ – sobald nur festgestellt werden konnte, daß die Rückkehr des Ersteren in die Zeit nach ein Uhr fiel, so mußte auch der nächste dringendste Verdacht gegen den jungen Mann fallen, da dieser nachweislich vor ein Uhr bereits wieder in seinem elterlichen Hause gewesen war. Sonderbarer Weise aber hatte sich trotz der genauesten und speciellsten Nachforschung auch nicht die geringste Spur über des Amtsraths Wege von dem Verlassen seines Hauses bis zu seiner Heimkehr auffinden lassen, und auch als der Doctor den letzten Schritt gethan und, der Meinung seiner Wirthschafterin zuwider, in dem Hause der sogenannten Meier-Lotte, welche bei einem alten, heruntergekommenen Ehepaare im diesseitigen Dorfe wohnte, Erkundigung hatte einziehen lassen, war ihm die Nachricht geworden, daß die Genannte an jenem Nachmittage nach der Stadt gegangen und die Nacht dort geblieben sei – eine Angabe, wozu auch die Begegnung, welche der Arzt und sein junger Freund bei ihrem letzten Heimritt mit der Person gehabt, völlig stimmte.

Jetzt saß dem Alten ein Mann in schwarzem Anzuge, mit scharf ausgeprägten Gesichtszügen gegenüber, in sichtlich mißmuthiger Stimmung in das halbgeleerte Weinglas vor sich hinstarrend. „Ich muß es offen aussprechen, Doctor,“ sagte er jetzt, sich rasch aufrichtend und in die sonnige Landschaft hinaus blickend, „daß mir der Fall so hoffnungslos wie selten ein anderer erscheint, da er nach keiner Seite hin dem Vertheidiger auch nur den kleinsten Umstand zur Benutzung übrig läßt. Nicht allein die vorhandenen Thatsachen reihen sich zu einem ganz unumstößlichen Indicien-Beweise zusammen, nicht allein die moralische Ueberzeugung jedes Unparteiischen neigt sich bei dem erwiesenermaßen verabredeten Rendezvous auf Seite der Anklage, sondern auch die einzelnen, scheinbaren Entlastungs-Momente tragen nur noch dazu bei, die Weise der That erklärlich zu machen und mit dem Charakter des Angeklagten in Einklang zu bringen. Das Rendezvous hat nicht stattgefunden, die junge Frau ist aus Angst vor ihrem noch nicht heimgekehrten Manne dem Signale des harrenden Geliebten nicht gefolgt, das können wir feststellen; jetzt aber wird uns der Staatsanwalt psychologisch nachweisen, daß gerade durch diese Täuschung die Leidenschaft des jungen Mannes und seine Erbitterung gegen den Ehemann die höchste Spitze erreichen mußte und daß es deshalb recht gut zu denken sei, wie unter einer solchen den Geist verfinsternden Aufregung beim Erscheinen des Gehaßten, des einzigen Hindernisses zu einem ersehnten Glück, sich auch ein edler Charakter zu einer raschen That habe hinreißen lassen können. Ich kenne die Deductionen meines verehrten Gegners und sehe ihn schon völlig vor mir. Es wird mir unter diesen Umständen wahrlich schwer, den Eltern des jungen Mannes Bericht zu erstatten, die mit so zitternden, gespannten Augen jeden meiner Besuche empfangen, daß ich schon schwach genug gewesen bin, Hoffnungen rege zu machen, an die ich selbst nicht glaube; an Ihnen, Doctor, hängt das ganze Vertrauen der alten Leute, und so bitte ich Sie, ihnen allgemach den wahren Stand der Dinge klar zu machen!“

Der Alte hatte, regungslos vor sich hinstarrend, den Worten gehorcht, jetzt hob er langsam das abgespannte Gesicht und schüttelte mit einem Lächeln, das wie ein leiser Sonnenstrahl aus dunkeln Wolken durch seine Züge ging, den Kopf. „So weit sind wir noch nicht, lieber Herr,“ sagte er, „und wenn Sie auch, an der menschlichen Kunst der Vertheidigung verzweifelnd, die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang fallen lassen, so verzweifele ich doch noch nicht, und die Alten drüben sollen es auch nicht, denn es giebt eine Unmöglichkeit im Laufe der Dinge, die sich nicht klar demonstriren, die sich aber für den, welcher den Sinn dafür hat, um so bestimmter fühlen läßt, und so sage ich Ihnen: Eben so sicher wie ich innerlich von der Unschuld des Jungen überzeugt bin, so sehr auch alle äußeren Umstände dagegen sprechen mögen, eben so gewiß bin ich auch, daß seine Verurtheilung zu den Unmöglichkeiten gehört, und wenn er morgen schon vor seine Richter treten sollte, daß Alles, was jetzt noch dunkel ist, klar werden muß, noch ehe es damit zu spät sein würde! – Verlassen Sie sich darauf,“ setzte er mit einem eigenthümlichen Kopfnicken hinzu. „ich weiß es, wenn Sie auch nicht viel davon halten mögen, daß der Herrgott einem alten Knaben, den er schon genugsam geprüft und treu erfunden hat, seine letzte Freude in dieser Welt nicht rauben wird.“

Der Advocat zuckte leicht die Achseln und erhob sich. „Ich werde meinerseits natürlich das Möglichste versuchen,“ erwiderte er, „indessen hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen den Stand der [402] Dinge ungeschminkt mitzutheilen. Sollte Ihnen noch irgendetwas Bemerkenswerthes aufstoßen, so werden Sie es mir ja sofort wissen lassen!“

Er trank den Rest seines Weines aus, griff dann nach seinem Hute und verließ nach einem kurz gewechselten Händedrucke mit dem Alten das Haus.

Eine Weile noch saß der Alte, wie in tiefen Gedanken den Kopf gesenkt. „Nur aus Furcht vor ihrem ausgebliebenen Manne soll sie nicht mit ihm zusammengetreten sein“, brummte er endlich mit leisem Kopfschütteln. „Sie machen sich Alles nach ihrer eigenen nüchternen Seele zurecht und wundern sich nachher, daß es noch Hoffnungen giebt, wo sie längst damit zu Ende sind. Armes Kind! Als ob sie nicht ein noch schwereres Kreuz hätte auf sich nehmen wollen, wie es ihr alter Freund getragen, als ob zwischen den beiden Kindern ein einziger böser Gedanke aufgestiegen wäre – und da soll eine Sache aufgegeben werden, die gar nicht verderben kann, wenn nicht Alles, was irdische und ewige Gerechtigkeit heißt, zur Lüge werden soll!“

Trotz einer Art leichten Unwillens aber, welcher in den letzten Worten klang, trat dennoch ein sorgenvoller Ausdruck auf seine Stirn, und er erhob sich, wie in aufsteigender innerer Unruhe. „Gott gebe nur, daß sie zur rechten Zeit stark genug ist, um Zeugniß abzulegen, sei es auch nur des moralischen Eindrucks halber!“ fuhr er dann fort, einige Male rasch das Zimmer durchmessend, und öffnete hierauf die Ausgangsthür. „Jakob, das Pferd!“

Nach einer halben Stunde bereits hatte er das Gut des Amtsraths erreicht; in dem Hofe stand der Justitiar im Gespräch mit einer jungen Frauensperson, welche bei dem Klange der Pferdetritte sich rasch umwandte und sodann davon eilte, und die Augenbrauen des Ankommenden zogen sich bei ihrem Erblicken dicht zusammen. Mit einer plötzlichen Leichtigkeit schwang er sich aus dem Sattel, warf den Zügel über die Eisenstangen des Gitters und schritt hastig auf den ihn erwartenden Gerichtsmann zu. „Wissen Sie, Herr Justitiar,“ sagte er, während ein leichtes Roth in die welken Backen trat, „wenn Sie mir die Christine hier in voller Thätigkeit lassen, so stehe ich Ihnen nicht für das Leben der Kranken. Ich halte es, gerade heraus gesagt, mindestens für eine Taktlosigkeit, bei den bewandten Umständen die Frau vom Hause unter die Obhut ihrer Anklägerin zu stellen; die Amtsräthin weiß schon aus dem kurzen Verhör, das an jenem unglücklichen Tage mit ihr vorgenommen wurde und sie auf’s Krankenlager warf, was die Creatur wider sie ausgesagt, und jeder Laut aus deren Munde, welcher zu der Kranken dringt, muß Gift für diese werden!“

Der Justitiar neigte mit einem kalten Lächeln leicht den Kopf. „Ich entschuldige Ihre Ausdrucksweise, Herr Doctor, mit Ihrem Interesse für die junge Frau,“ erwiderte er gemessen, „indessen sollten Sie bedenken, daß meine eigenen Pflichten diesem nicht nachstehen können. Im Augenblicke bin ich den Verwandten des Verstorbenen für den gesammten Nachlaß verantwortlich, denn Sie werden einsehen, daß, wenn die Untersuchung irgend einen bestimmten Antheil der Frau an dem begangenen Verbrechen herausstellen sollte, ihre Erbansprüche, welche aus dem Ehe-Contracte erwachsen, sehr in Frage gerathen dürften, Christine ist nun nicht allein die Einzige, welche seit der Verheirathung des Amtsraths einen großen Theil der Wirthschaft bereits unter sich gehabt, sondern sie hat durch ihre Aussage auch nur ihrer Pflicht genügt, um die sie am wenigsten eine Hintenansetzung erleiden darf –!“

„Ah – schön – ah!“ unterbrach ihn der Arzt, dessen Brauen und Mundwinkel wunderlich zu zucken begonnen hatten und dessen Gesichtsfarbe in raschem Wechsel gekommen und gegangen war; „die Verwandten halten es ihrem Vortheil angemessen, die junge Frau ohne Weiteres mit dem Verbrechen zu identificiren, und Sie machen sich zum getreuen Diener derselben! Schön – ich werde heute noch bei dem Gerichte in Person darauf antragen, daß die Kranke nach meinem Hause geschafft wird, damit wenigstens ein auf diese Weise voraussichtlicher zweiter Mord vermieden wird –!“

Der Justitiar wurde bleich und biß sich auf die Lippen, der Doctor schien aber kaum auf die Wirkung seiner Worte zu achten, drehte sich weg und schritt in das Haus, hier rasch die Treppe hinaufsteigend. Erst als er den oberen Corridor erreicht und ein Blick ringsum ihm Sicherheit vor fremder Beobachtung gegeben, zog sich seine Stirn in tiefe Falten, und seine Augen voll schwerer Sorgen wandten sich durch das Fenster dem Freien zu. Nur ein kaum merkliches Kopfschütteln verrieth seinen Gedankengang, und als er sich nach kurzer Weile der nächsten Zimmerthür zudrehte, kostete es ihm sichtliche Anstrengung, seinen Zügen einen Ausdruck von Ruhe zu geben.

Es war ein kleiner, eleganter, durch die zugezogenen dichten Gardinen vor dem hellen Tageslicht geschützter Raum, welchen er betrat, und das weiße Bett im Hintergrunde, von dem sich das bleiche Gesicht der darin ruhenden Gestalt fast nur durch die unter dem Spitzenhäubchen hervorquellende Fülle blonden Haares abzeichnete, ließ das Schlafzimmer der Hausherrin sofort errathen. Vom Ende des Bettes erhob sich eine ältliche Frau und winkte dem Eintretenden, vorsichtig aufzutreten. „Meine Tochter ist kaum erst eingeschlafen,“ sagte sie mit gedämpfter Stimme, „es scheint indessen nur die gänzliche Abmattung zu sein, welche ihr die Augen geschlossen!“

Der Arzt nickte, trat zu dem Bette und schien die Kranke zu beobachten, aber sein unruhiges Auge, das kaum auf ihrem Gesichte haftete, deutete die völlige Abwesenheit seiner Gedanken an. Nach einer kurzen Weile erhob er den Kopf, rieb sich die Stirn und sagte, sichtlich zerstreut: „Ich werde das Nöthige verschreiben!“ Sein Blick durchlief das Zimmer, als suche er nach den nöthigen Materialien dazu; dann aber, wie sich seiner erst recht bewußt werdend, schritt er rasch nach der Thür zu dem anstoßenden Zimmer und öffnete diese in augenscheinlicher Vertrautheit mit der Localität. Und er hatte den Raum, welcher ihn empfing, auch so oft betreten, daß er sich darin im tiefsten Dunkel zurecht gefunden haben würde. Hierher hatte sich der Amtsrath mit den Beschwerden, welche ihm als Bodensatz einer leichtsinnig vergeudeten Jugend und der kaum mehr haushälterisch verbrachten Mannesjahre übrig geblieben waren, immer zurückgezogen, so lange er noch unverheirathet war, und hierher hatte er nach geschehener Verheirathung sein Schlafzimmer verlegt.

Das Zimmer war noch genau in demselben Zustande, in welchem es der Amtsrath bei seinem letzten Ausgange verlassen hatte; außer den Bequemlichkeiten für den Aufenthalt eines Leidenden zeigte es nur einen kleinen Tisch für die nothwendigste Schreiberei, und die Gerichts-Commission, welche sich zur Voruntersuchung des Falles an Ort und Stelle eingefunden, hatte hier nirgends etwas Bemerkenswerthes zu entdecken vermocht.

Der Doctor nahm sichtlich nur mechanisch an dem Tische Platz und stützte, anstatt nach Feder und Papier zu greifen, wie von seinen Gedanken übermannt, den Kopf in die Hand. Mehrere Minuten vergingen so, ohne daß er nur ein Augenlid bewegt hätte; da schien endlich sein Blick von einem kleinen Stück groben Papiers, welches in dem Zugloche der Ofenthür hing und jedenfalls durch einen Windstoß aus dem Innern des Ofens geweht worden war, angezogen zu werden. Es hing da, von dem leisen Luftzuge zitternd bewegt, und noch immer wie sich seines Handelns nicht völlig bewußt, erhob sich der Arzt leicht und griff danach. Gleichgültig betrachtete er es, dem schwarzen Brandrande nach war es der Rest eines größeren verbrannten Stücks, und seine Hand zeigte sich schon bereit, es ohne Umstände wieder zu beseitigen, als sich plötzlich sein Blick schärfte und einige deutlich darauf erkennbare plumpe Schriftzüge entziffern zu wollen schien. Dann schnellte der Betrachtende, wie von einem jäh aufschießenden Gedanken belebt, in die Höhe und öffnete hastig die Ofenthür, dort, ohne Rücksicht auf seine wohlgepflegten Hände, in der sich ihm zeigenden Asche umherwühlend; aber nicht das kleinste weitere Fragment zur Ergänzung des Gefundenen ließ sich entdecken; nur einzelne emporflatternde Aschenflocken zeigten durch ihre besondere Leichte, daß sie einst Papier gewesen waren, und kaum mochte der Alte sich von der Fruchtlosigkeit seiner Nachsuchung überzeugt haben, als er auch von Neuem den wenigen Worten auf dem erhaltenen Papierstück seine volle Aufmerksamkeit zuwandte.

„ – rothe Schenke erwar – arne dich wohl nicht ausz – chts wieder von mir hören und Ruhe – lbst heirathen und von hier weg – eier.“ Das war Alles, was das Feuer verschont; dennoch schien der Doctor, dem eigenthümlichen Leuchten nach, das von Secunde zu Secunde heller in seinem Gesichte aufging, ganz besondere Entdeckungen darin zu machen. Er zog endlich sein Notizbuch, verwahrte sorgfältig seinen Fund darin, rieb sich mit scharf zusammengezogenen Brauen kräftig die Stirn und schritt dann nach dem anstoßenden Zimmer zurück. Jetzt war es ein langer Blick voll wundersamer Milde, welchen er auf der Kranken ruhen ließ; er bog sich hinab zu ihr, um einen Augenblick auf ihren Athem [403] zu horchen, und sagte dann halblaut zu der daneben sitzenden Mutter: „Ich will selbst gehen, um die rechte Medicin für sie zu suchen, und Gott wird helfen, daß ich sie finde!“ Und ohne auf den Ausdruck von leichter Befremdung, mit welchem die Angeredete zu ihm aufsah, zu achten, verließ er das Zimmer.

Als er mit fast jugendlichem Schritte die Treppe hinabstieg, sah er den Justitiar im Hofe auf und ab gehen und diesen, sobald er seiner ansichtig ward, auf sich zuschreiten. „Wenn Sie durchaus meinen, Herr Doctor,“ begann der Herantretende, sichtlich eine leichte Verlegenheit überwindend, „daß es vom medicinischen Standpunkte aus nöthig ist –“

„Ich denke, Herr Justitiar, ich habe Ihnen bereits meine Meinung deutlich genug mitgetheilt, als daß noch ein weiteres Wort darüber erforderlich wäre,“ schnitt ihm der Angeredete das Wort ab, „handeln Sie nun, wie Sie wollen! In Ihrem Privatinteresse aber möchte ich Ihnen rathen, sich nicht zu tief mit Leuten einzulassen, welche die natürlichen Feinde der jetzigen Besitzerin des Guts sind, in sehr kurzer Zeit aber von ihren sonderbaren Einbildungen geheilt sein werden!“ Damit kehrte er sich kurz ab, schwang sich auf sein Pferd und verließ in scharfem Trabe den Hof.

Jetzt aber nahm er die seinem Heimweg entgegengesetzte Richtung, hinunter nach dem zum Gute gehörenden Dorfe und achtete kaum auf die bereitwilligen Grüße der ihm Begegnenden und die verwunderten Blicke, welche seinem ungewohnten schnellen Ritte folgten. Erst als die Häuser hinter ihm lagen, und er den Fuß der jenseitigen Anhöhe erreichte, ließ er seinen oft unwillig den Kopf schüttelnden Klepper einen langsamen Schritt annehmen, und als er oben die Bäume der sich dort vorüber ziehenden Chaussee, dahinter aber ein aus rohen Backsteinen ausgeführtes Haus auftauchen sah, zog er wie unwillkürlich den Zügel an. Dort oben lag die ihres Aeußeren halber sogenannte rothe Schenke, und dem Reiter war es bei ihrem Erblicken plötzlich wie das Bangen vor einer schweren Entscheidung überkommen, das sich auf seine helle Stimmung wie ein dichter Nebel legte – erst jetzt drängte sich ihm ein Gefühl wie eine geschehene Ueberschätzung seines Fundes auf, und mit einem raschen Griffe holte er sein Notizbuch hervor, das darin verwahrte Papierstück und die Bruchstücke von Sätzen darauf einer neuen Prüfung unterwerfend. Ein Kopfnicken der Selbstermuthigung endigte diese indessen, und als er auf der Höhe, die Chaussee kreuzend, eine breite Figur, die Hände in den Hosentaschen geborgen, in der Thür des Wirthshauses lehnen sah, vermochte er es, dieser schon von Weitem einen launigen Gruß zuzuwinken. Langsam, aber in sichtlichem Behagen über den Besuch, trat der Mann dem Ankommenden entgegen.

„Lange nicht hier gewesen, Herr Doctor – hätte beinahe gesagt, Gott sei Dank!“ lachte Jener, als der Arzt sich aus dem Sattel schwang, und ergriff den Zügel, um das Pferd anzubinden; „man sieht Sie ja eben nur hier, wenn der Teufel in der Nachbarschaft irgendwo sein Spiel hat, und so hoffe ich jetzt wenigstens, daß Sie sich aus irgend einer andern Ursache heraufgemacht haben!“

Der Doctor lüftete den Hut und fuhr mit der Hand durch das buschige, graue Haar. „Will einmal Euer Bier hier oben versuchen und nebenbei eine Frage thun,“ sagte er, „da es sich aber nach abgemachten Geschäften ruhiger trinkt, so mag die Frage vorweg gehen. Wissen Sie wohl noch den Tag,“ fuhr er fort, langsam, von dem Wirthe gefolgt, nach dem Felde hinaus tretend, „als der unglückliche Amtsrath das letzte Mal hier war?“ Er hatte seinen Schritt angehalten, und ließ das Auge groß und erwartend auf seinem Gesellschafter ruhen.

„Der unglückliche Amtsrath?“ wiederholte dieser, sich mit der Hand hinter das Ohr fahrend, „das muß eine gute Weile her sein, denn ich möchte’s nicht einmal unternehmen, genau den Monat zu bestimmen!“

„So!“ versetzte der Alte gezogen, während sein Gesicht einen Schatten bleicher wurde, „ich hörte, er sei in derselben Nacht, in welcher er zum Tode kam, hier oben gesehen worden, und es liegt mir viel daran, die Wahrheit zu ermitteln!“

„Nicht in meinem Hause,“ erwiderte der Wirth kopfschüttelnd, „es wäre mir sonst, als die Nachricht von dem Morde kam, gewiß zuerst beigefallen.“

Der Arzt nickte langsam, den Blick zu Boden senkend. „Da ist nun eine Charlotte Meier, oder kurzweg Meier-Lotte, aus unserm Dorfe drüben, die Sie ja wohl kennen, diese soll ebenfalls an jenem Abend sich hier gezeigt haben.“

Das ist in Richtigkeit,“ war die eifrige Erwiderung, „sie war ihrem Schatze, dem Fleischergesellen, nachgegangen, der am selben Tage ein Kalb bei mir geschlachtet hatte – sie haben Beide bis spät bei einander gesessen.“

„Und können Sie sich dabei auf nichts Besonderes in dem Benehmen Beider besinnen? Strengen Sie Ihr Gedächtniß an, Mann, Sie wissen nicht, wie wichtig jeder kleine Umstand werden kann.“ sagte der Doctor fast ängstlich; „ich muß Ihnen sagen, ich glaube den sichern Beweis in der Hand zu haben, daß die Meier den Amtsrath, mit dem sie es verschiedene Jahre gehalten, an jenem Abend hier heraus bestellt hat – möglich, daß der Mann aus einer natürlichen Rücksicht gegen sich selbst das Haus nicht betreten; es würde dies auch erklären, daß alle Nachforschungen über seinen Verbleib an jenem Abend fruchtlos blieben –“

Der Andere hatte wie in plötzlicher Spannung den Kopf gehoben. „Sie haben doch nicht etwa Gedanken, Dortor, daß – um Gotteswillen, lassen Sie mich dabei aus dem Spiele, ich mag mit keinem Gerichte in derartigen Sachen etwas zu thun haben –“

„Und auch nicht, wenn es gälte, einen unschuldigen Menschen zu rerten?“ rief der Alte mit aufblitzenden Augen und faßte kräftig den Arm des sich halb wegwendenden Wirths; „wenn Ihr Sohn ein ansteckendes bösartiges Fieber hätte, dann würden Sie vom Doctor verlangen, daß er auf die Gefahr hin, das eigene Leben daran zu setzen, zu Hülfe eilte; ihr Menschen auf unsern Dörfern hier aber könntet einen Nebenmenschen ruhig zu Grunde gehen sehen, nur um nichts mit dem Gerichte zu thun zu bekommen.“

Der Andere zog das Gesicht in wunderliche Falten. „So ganz schlimm ist es nun nicht mit mir,“ versetzte er mit einem Lachen, das zwischen Humor und Verlegenheit mitten inne stand, „aber der Teufel allein mischt sich gern in Dinge, die ihn nichts angehen. Mag’s denn in Gottes Namen drum sein,“ fuhr er fort, sich dem Arzte wieder voll zuwendend und zugleich seine Stimme dämpfend, „es ist mir bei Ihren Worten da allerdings Einzelnes durch den Kopf gefahren, was mit Ihrer Vermuthung wegen des Amtsraths stimmen könnte. Wir hatten denselben Abend bis spät Gesellschaft hier, es waren mehrere von den Verwaltern aus der Umgegend da, und die Meier-Lotte saß mit dem Fleischer in einer Ecke, anscheinend in ganz gutem Einvernehmen. Ich hatte ein Auge auf sie, da ich solche Frauenzimmer nicht gern hier sehe und nicht wußte, was sie hier so lange zu suchen habe; auch ihr Liebster hätte längst auf dem Heimweg sein müssen; er ist eine Stunde von hier, drüben im Flecken zu Hause. Da sah ich also, daß die Lotte, als es spät wurde, öfters durch das Fenster sah, als erwarte sie Jemand – es war heller Mondschein – und anfing, unruhig zu werden, daß sie aber nach einer Weile aufsprang und aus der Stube ging. Der Fleischer mußte jedenfalls um ihre Sache wissen, denn er blieb ruhig allein sitzen und bestellte auch noch für Beide zu trinken. Es dauerte aber wohl eine halbe Stunde, und das war schon nach zwölf, gerade als die Verwalter ihr letztes Spiel anfingen, ehe sie wiederkam, und nun ging zwischen den Beiden in der Ecke ein hastiges, kurzes Gespräch los; der Fleischer stand mit einem Male von der Bank auf, als wolle er nichts mehr mit ihr zu reden haben, bezahlte mich kurz und ging; sie aber machte ein wüthendes, freches Gesicht, packte, was um sie her lag, in ihren Handkorb und schoß dem Andern nach; ich meinte erst, sie werde ihn draußen noch fassen wollen, und sah durch’s Fenster; aber der Fleischer ging ruhig die Chaussee fort, und die Meier-Lotte kam mir nicht wieder vor die Augen. – Das ist aber Alles,“ schloß der Erzähler, „was ich selbst auf dem Todtenbette aussagen könnte – und nun machen Sie damit, was Sie wollen!“

Der Arzt rieb sich mit zusammengezogenen Augenbrauen die Stirn. „Und wie heißt der Fleischer?“ fragte er nach einer kurzen Weile.

„Wir nennen ihn nur Christian, aber er ist die einzige Hülfe des alten Krause drüben, gleich das dritte Haus, wenn Sie von hier nach dem Flecken kommen, wo Sie ihn jedenfalls finden können!“

Um den Mund des Alten zuckte es, als wolle er noch eine Frage thun, aber er schien sie zu unterdrücken. „Das Bier probiren wir, wenn ich zurückkomme, und sorgen Sie auch, daß ich dann etwas zu essen finde,“ sagte er, dem Wirthe die Hand reichend, „danken will ich Ihnen später, wenn Sie erst selbst wissen werden, wofür!“

In der nächsten Minute hatte er bereits sein Pferd wieder [404] bestiegen und folgte in raschem Trabe der Chaussee. Vor seinem innern Blicke stand schon seit dem letzten Theile der gehörten Erzählung nur die breite Todeswunde des Ermordeten, und daneben wollte das gebräuchliche Messer des Fleischers nicht aus seiner Vorstellung weichen; nirgends in dem Berichte des Wirths aber fand sich der geringste Grund, daran zu denken, und selbst die Annahme, daß der Amtsrath von dem besprochenen Weibe zu einer Zusammenkunft nach der rothen Schenke in jener Nacht bestellt worden sei, ließ sich kaum ihrerseits mit dem Aufsuchen ihres erklärten Bräutigams an demselben Orte zusammenreimen. Zum ersten Male tauchte in dem Dahintrabenden der Gedanke empor, ob nicht das aufgefundene Brief-Fragment aus einer früheren Zeit stamme. Er aber schüttelte, als wolle er durch die Bewegung die peinigenden Zweifel von sich werfen, energisch den Kopf. „Wenigstens soll jede Spur verfolgt werden, so lange sich auch nur eine Vermuthung rechtfertigen läßt und die alten Knochen aushalten!“ brummte er vor sich hin, und wie gestärkt durch den Entschluß, richtete er sich straffer im Sattel auf und ließ den Klepper die Gerte fühlen.

Es war Mittag, als er den ihm bezeichneten Marktflecken erreichte, und schon von Weitem zeigte ihm der an dem Thürpfosten eines keinen Hauses angehakte Ochsenkopf mit weit heraushängender Zunge die Wohnung des Gesuchten. Eine Nothwendigkeit war seinem Verstande sofort klar: den Burschen nicht scheu zu machen, falls dieser wirklich die Anwesenheit des Amtsraths in jener Nacht bestätigen konnte. Der Reiter hielt, ohne abzusteigen, vor dem Hause an und ließ ein lautes „He!“ ertönen. Ein junges Weib erschien in der Thür. „Ist der Christian daheim, Frauchen?“

„Ich denke, er wird hier herum sein; können’s aber auch mir gleich sagen, wenn es wegen einer Bestellung ist.“

„Habe nur einen kurzen Auftrag im Vorbeireiten an ihn selber; es ist besser, Sie rufen ihn!“

Die Frau verschwand, und nach kurzem Warten erschien ein rothes, dickbäckiges Gesicht in der Thür, in sichtlicher Neugierde den Reiter musternd.

„Kennt mich wohl nicht, Christian?“ begann der Alte, als Jener langsam und breitbeinig sich ihm genähert, „ich bin der Doctor, drüben aus dem Bruche, und ich wollte nur fragen, ob Ihr noch etwas mit der Meier-Lotte zu thun habt.“

Ein Ausdruck von Mißtrauen ward plötzlich in dem Gesichte des Angeredeten bemerkbar. „Mit der Meier-Lotte?“ versetzte er, den Kopf halb abwendend. „habe eigentlich noch niemals was Rechtes mit ihr zu thun gehabt!“

„Rechtes oder nicht, Christian! ich möchte Euch nur sagen, daß der Doctor nicht der Advocat ist, gegen den man sich am besten vorsieht. Habt noch denselben Abend, wo sie auf den Amtsrath wartete, mit ihr bis nach Mitternacht in der rothen Schenke gesessen und für sie bezahlt –“

„Und gerade deshalb habe ich niemals etwas mit ihr zu thun gehabt,“ unterbrach ihn der Bursche, während ihm das Blut in das Gesicht schoß. „Sie hat mich gelockt und gesagt, der Amtsrath müsse ihr noch eine große Summe Geld zahlen, damit solle ich in der Stadt Meister werden und sie dann heirathen; ’s ist aber Alles erlogen gewesen; der Amtsrath hat sich wohl da eingestellt, wohin sie ihn bestellt gehabt, ich habe ihn selbst gesehen, aber er hat ihr nur gesagt, daß er sie einsperren lassen würde, wenn sie ihn noch länger verfolge. Damit war die Geschichte aus und blieb aus – das mögen Sie ihr nur sagen, wenn Sie etwa von ihr abgeschickt sein sollten.“

„Und der Amtsrath soll nach Mitternacht noch dort gewesen sein?“ fragte der Alte, in welchem es zitterte, als könne ihm die endliche Bestätigung seiner Vermuthung wie ein scheuer Vogel bei ungeschickter Berührung unter der Hand wieder entschlüpfen, „es gehört jedenfalls ein guter Glaube für den Fremden dazu, Chrtstian!“

„Möchte sie vielleicht die Sache jetzt anders drehen, da er todt ist?“ erwiderte der Bursche mit einem plötzlichen Ausdrucke von Pfiffigkeit, halb zu dem Reiter aufblickend; „ich habe ihn selbst gesehen, wenn sie auch nichts davon weiß, und sie wird wissen, daß er, der Gäste wegen, erst spät hat kommen wollen. Im Uebrigen kann Ihnen der Wirth in unserm Gasthofe, wo er den ganzen Abend mit dem Domänenpächter gesessen hat, sagen, daß er erst um eilf von hier weggegangen ist. Damit sind wir fertig, und sie braucht sich keine weitere Mühe zu machen!“

Der Sprechende wollte sich bei den letzten Worten mit einem kurz gebundenen Gruße dem Hause wieder zudrehen, aber der Doctor, dessen ganzes Gesicht sich mit einem leichten Roth gefärbt, rief, als mangele ihm einen Augenblick der Athem: „Noch Eins, Christian! ist Euch nicht an besagtem Abend Euer Messer abhanden gekommen?“

Der Bursche wandte sich rasch zurück. „Mein Messer? – verdammt, nun weiß ich selber, wo es geblieben ist; ich hatte es in den Handkorb der Meier-Lotte gelegt – wenn sie das als Entschädigung behalten will, so mag sie es haben!“ Und als wolle er jedes fernere Wort abschneiden, drehte er dem Doctor den Rücken, dem Hause wieder zuschreitend.

Der Alte aber warf plötzlich sein Pferd mit einer Kraft herum, daß dieses wie erschreckt einen Satz that und im Galopp seinen Reiter der Chaussee wieder zutrug; dort aber schlug dieser hastig den Weg nach der Stadt ein, und der Wirth in der rothen Schenke wartete den langen Nachmittag vergebens auf seine Rückkehr.




Es war am Nachmittage des folgenden Tages, als der Doctor langsam in den Hof des Rotheschen Besitzthums einritt; aber wie Sonnenschein zwischen zerrissenen Wolken stand ein Zug heller Laune in den faltigen Zügen seines Gesichts.

„Erschrick einmal nicht, Johann,“ sagte er, dem herbeikommenden Knechte das Pferd übergebend, „wenn sie von Gerichts wegen nach Dir fragen, und gieb fröhlichen Bescheid. Du weißt doch noch, wann an jenem Unglücks-Abend der Fritz heimgekommen ist?“

„Ob ich es weiß!“ erwiderte der Angeredete, den Arzt mit dem Ausdrucke leichter Verwunderung anblickend, während sich dennoch in seinem derben Gesichte ein scheuer Ansatz bildete, die launige Miene des Alten widerzuspiegeln; „ich mußte alle zwei Stunden nach dem kranken Pferde sehen und war gleich nach zwölf in den Stall gegangen. Gerade als ich wieder in’s Bett kriechen wollte, kam der junge Herr!“

„Richtig, das gieb nur gerade so an!“ nickte der Alte und wandte sich nach dem Hause. Ohne anzuklopfen, öffnete er hier leise die Thür des Parterre-Zimmers und steckte den Kopf hinein. Drinnen saß der alte Rothe, eine hohe, breite Gestalt, regungslos in einem ledernen Sorgenstuhle, während die Frau unweit von ihm, eine Nätherei im Schooße, den umflorten Blick nach seinem Gesichte gehoben hatte. Beide schienen soeben eine Pause in einem trüben Gespräche gemacht zu haben.

„Darf man hinein kommen?“ fragte der Arzt, indem es trotz des leichten Zuges von Humor um seinen Mund wie eine stille Erregung in seiner Stimme bebte.

„Da ist er, Vater! siehst Du, daß er uns nicht verlassen hat?“ fuhr die Frau auf. „Es ist seit vorgestern Niemand hier gewesen, Doctor, auch der Advocat nicht, und da hat er gleich an das Schlimmste gedacht.“

„Dummes Zeug, gleich von Verlassen zu reden, wenn Unsereins auch einmal das schöne Wetter genießen will,“ erwiderte der Eingetretene mit einem wunderlichen Zucken in den alten Zügen. „Es thät’ hier auch gut, die Fenster aufzumachen, damit etwas frische Luft in den Trübsalsnebel kommt!“

Der Mann im Sorgenstuhle hatte aufmerksam den Kopf gehoben, während die Frau den Blick in sichtlicher Befremdung auf dem Gesichte des Sprechenden haften ließ. „Haben Sie etwas erfahren, Doctor?“ fragte der Erstere zögernd, „etwas – Tröstliches?“

„O, ich war nur eben dabei, als die Scheide und der Riemen von einem Fleischermesser gefunden wurden –“

„Von einem Fleischermesser?“ wiederholte Rothe, sich langsam gerade setzend und die Augen groß öffnend.

„Ja, das heißt unter den Sachen der Meier-Lotte, die soeben abgeholt werden sollte; es hat sich indessen herausgestellt, daß die Person schon seit vier oder fünf Tagen nicht mehr in ihr Quartier gekommen ist!“

„Und was ist das mit der Meier-Lotte, Doctor?“ klang die neue Frage des Mannes, welcher jetzt den Blick starr in des Arztes Gesicht geheftet hielt.

„Ja, das ist allerdings eine sonderbare Geschichte, wenn man auch schon längst selbst darauf hätte fallen können,“ erwiderte der Arzt, sich in den Haaren krauend und steif durch das Fenster in den blauen Himmel hinaus blickend; „Sie wissen ja, daß der Amtsrath es mit der Person bis zu seiner Verheirathung gehalten hat, [405] und es scheint, daß sie sich noch Rechnung auf ein gehöriges Abstandsgeld gemacht, sich darauf hin auch schon einen Fleischer zum Liebsten geangelt hatte, der sie um der schönen Thaler willen zu heirathen versprochen. Eines Abends indessen, als sie unter Drohungen den Amtsrath zu einer Zusammenkunft mit ihr bei der rothen Schenke veranlaßt, droht ihr dieser bei einem neuen Erpressungsversuche mit gerichtlicher Haft, der neue Liebste, der im Hause nur auf das Resultat der Unterredung gewartet, giebt ihr kurz gefaßt den Laufpaß, und sie stürzt mit Rache im Herzen dem Amtsrath nach. Der Fleischer aber hat sein Messer in ihrem Korbe aufbewahrt gehabt, ohne wieder, als er sie verlassen, daran zu denken – ja – Alles dies ist aber nun zu derselben Zeit geschehen, als der Fritz in jener Nacht nachgewiesenermaßen sich längst auf dem Heimwege von des Amtsraths Gute befunden hat –“

„Dortor, um Gotteswillen martern Sie uns nicht – mein Sohn kommt frei?!“ schrie Rothe aus, von seinem Sitze emporschnellend.

„Nun ja, und wenn Sie jetzt nach der Stadt fahren wollen, bringen Sie ihn möglicherweise gleich mit heim!“ erwiderte der Arzt, der erst jetzt den Kopf wandte, mit einer Bewegung in seinem Tone, die er vergeblich durch ein plötzliches, glückliches Lachen zu verdecken suchte – und: „Lisbeth – Doctor, sehen Sie nach der Frau!“ brach es aus des Vaters Munde, während er gleichzeitig zur Thür hinaus in den Hof stützte. Und von dort klang es im nächsten Momente in voller Kraft der Stimme: „Johann, die Pferde, den kleinen Wagen, rasch!“

Als aber der Doctor sich in einem leichten Schrecken nach der Frau gewandt, sah er, wie diese leichenblaß neben ihrem Stuhle stand und sichtliche Anstrengungen machte, sich daran festzuhalten. „Lisbeth, fassen Sie sich!“ rief er, rasch auf sie zutretend, „ich wollte ja mit meiner Nachricht recht vorsichtig sein!“ – sie aber streckte beide Arme, als vergingen ihr die Sinne, nach ihm aus. „Maiwald, Maiwald, das haben Sie gethan!“ flüsterte sie, dann fiel ihr Kopf haltlos an seine Brust.

Eine Secunde lang hielt der Alte den Blick in den sonnenhellen Himmel hinaus gerichtet, und ein wundersamer Strahl ging fast verklärend durch seine welken Züge, dann bettete er die Frau leise in den von ihrem Manne verlassenen Großvaterstuhl und rief nach frischem Wasser.




Der Stoff zu der vorliegenden einfachen Erzählung ist dem wirklichen Leben entnommen. Die „Meier-Lotte“, welche in einem verrufenen Haue der großen Stadt aufgegriffen ward und nach kurzen Versuchen zu leugnen ein ausführliches Geständniß ablegte, wurde unter Berücksichtigung der Aufregung, in welcher sie den Mord vollbracht und welche ihr nach ihrer eigenen Angabe für eine Zeit lang völlig den Verstand genommen, zu lebenslänglichem Zuchthause begnadigt, ein Umstand, welcher dem Doctor, der „Niemand an’s Beil hätte liefern mögen“, zur sichtlichen Erleichterung gereichte. Die „Amtsräthin“ hatte der Erbschaft zu Gunsten der durchgängig armen Verwandten des Ermordeten entsagt und sich damit unter den Klatschmäulern der beiden Dörfer einen ruhigen Weg nach Rothe’s Hause, in welchem sie nach länger als Jahresfrist als neue junge Frau einzog, gebahnt.

Heute, wo dies geschrieben wird, lebt von den Alten nur noch „Vater Rothe“ als rüstiger Greis; der Doctor starb kaum neun Monate nach dem Hingange seiner ersten Liebe ohne auffällige Krankheit; sein Andenken ist aber noch lebendig, soweit seine Wirksamkeit gereicht.