Eine drückende Frage

Textdaten
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Autor: Dr. – a –
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Titel: Eine drückende Frage
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 333–334
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine drückende Frage.


„Bitte um ein Paar gute Tanzstiefel, selbstverständlich Lack!“ Mit diesen Worten führte ich mich vor wenigen Wochen in ein modernes Schuhwaarenlager in L. ein.

„Hier, mein Herr! Ausgezeichnetes Leder, äußerst haltbar, bricht nie!“

Mit Erstaunen betrachte ich das auf den Ladentisch gestellte Zwillingspaar; endlich ermannt sich meine angeborene Schüchternheit zu der Frage: „Sie entschuldigen – die haben wohl zwei Jahre gestanden?“

„Was, gestanden?“ entgegnete fast grob der Nachkomme von Hans Sachs, mich verwundert anblickend.

„Ja, wenigstens meinen Kenntnissen nach sind wir seit längerer Zeit glücklich soweit gelangt, die Gegend der Fußzehen zu verbreitern, während die mir Angebotenen wieder schnabelförmig nach vorn spitz zulaufen.“

„Bedaure sehr, neueste Mode, directes Wiener Modell!“

„Ja, aber,“ warf ich entrüstet ein, „da sind wir ganz auf dem alten Flecke: die Zehen werden auf das Furchtbarste zusammengequetscht.“

„Ach, mein Herr, so arg ist es nicht; etwas eng können sie zusammenliegen, und – das Leder giebt nach.“

Das Leder giebt nach! Herrliche Phrase, welche wir Armen von unseren Stiefeltyrannen mehr als einmal jährlich zu hören bekommen! Wenn es nur immer nachgäbe! „O tempora! o mores! Quousque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? (In freier Uebersetzung: „Wie lange, Schuhmacher, gedenkt Ihr unsere Geduld durch Hühneraugen noch ferner zu mißbrauchen?“)

Ueberall Fortschritt, hier nicht nur Stillstand, nein, sogar Rückschritt, nur hervorgerufen durch einen ganz verdorbenen Schönheitssinn. Der Kampf um eine gute Fußbekleidung ist so alt wie die Menschheit – versteht sich: die nicht mehr barfuß gehende Menschheit. Mehrfach haben Einzelne allgemein gültige Regeln festzustellen versucht – sie wurden vergessen. Aus diesem gerade bei den jetzigen militärischen Verhältnissen wichtigen Gebiete kann nur auf einem Wege eine Verbesserung ermöglicht werden, und diesen hat ein Land herausgefunden, welches wir kürzlich schon um eine Einrichtung beneiden mußten („Gartenlaube“ 1876 Nr. 48, Briefmappe), nämlich die Schweiz.

Die Nachtheile, welche unser wenigstens etwas verbessertes Schuhwerk mit sich bringt, wurden schon im Jahre 1857 von dem kürzlich verstorbenen Professor Eberh. Richter unseren Lesern vorgeführt. Ein Vergleich mit dem Fuße eines kleinen Kindes, der noch nicht durch die lederne Zwangsjacke verunstaltet wurde, zeigt zur Genüge, wie der Bau des Fußes bei unserer Stiefelfabrikation eine nur geringe Berücksichtigung findet. Der in Form eines flachen Gewölbes gebaute Fuß berührt den Boden als Stützpunkt vorzüglich mit Großzehenballen und Hacke. Die äußere Begrenzung der zur Erhaltung des Gleichgewichtes dienenden Zehen geht schief, aber breit von der Spitze der großen nach der kleinen Zehe und die längste Fußlinie von der großen Zehe durch die Mitte der Hacke. Die innere Fußseite, auf welche das Schienbein etwas stärker drückt, ist höher und schroffer als der äußere Fußrand.

Wie paßt sich unser Schuhwerk nun dieser anatomischen Grundlage an? So wenig wie möglich. Trotz der jetzt üblichen Breite betrug die Differenz der Zehen und Schuhbreite zwischen einem Abdruck des Fußes und meinen breitesten von dem Schuhmacher nur auf dringende Ermahnung hergestellten Stiefeln 10 : 8 Centimeter und zwischen dem Abdruck und den oben erwähnten Tanzstiefeln gar 10 : 5 Centimeter; die Zehen mußten sich also auf die Hälfte des Raumes zusammendrücken. Die sich anschließenden Uebel, von denen Ausrenkung der großen Zehe, Frostballen, Hühneraugen, Verdrehungen der Fußwurzelknochen noch als mildeste zu bezeichnen sind, wurden schon öfter besprochen; die beliebten Stöckelschuhe können bei jungen Mädchen die nachtheiligsten Folgen bedingen.

Um wenigstens den Beginn einer Verbesserung zu ermöglichen, veranstaltete der Canton Bern auf medicinische Anregung in den Räumen der neuen Entbindungsanstalt eine allgemeine Schuhausstellung, welche im Sommer 1876 eröffnet wurde. Wir schließen uns bei deren Schilderung an die vorzügliche Abhandlung an, welche Professor Hoffmann aus Basel in dem Schweizer ärztlichen Correspondenzblatte darüber veröffentlichte. Nach derselben war es zuerst Meyer in Zürich, welcher als Basis für eine naturgemäße Schuhform 1856 („Gartenlaube“ 1857, S. 373) verlangte:

„1. Die Fußsohle muß vollständig auf der Sohle ausruhen können.

2. Das der Fußform entsprechende Oberleder besitzt an der inneren Zehenseite eine größere Höhe.

3. Fester Schluß über der Spanne.

4. Mäßiger, aber breiter Absatz mit schwacher Erhöhung auf der Innenseite.“

Die durch die Chicanen der Berner Schuhmacher beinahe verhinderte Ausstellung sollte darlegen, inwieweit sich unser modernes Schuhwerk diesem Normalschuh anpaßt. Von den sechs Abtheilungen zeigte die erste Gypsabgüsse von gesunden und durch Schuhwerk verunstalteten Füßen. Die zweite enthielt Leisten der verschiedensten Formen, die dritte Stoffe, die vierte Werkzeuge und Maschinen für die Herstellung des Schuhzeuges. Die beiden letzten Abtheilungen boten für den Zuschauer das größte Interesse. In der fünften befand sich jetzt im Handel vorhandenes Schuhwerk von Nord und Süd. Während von dem Inhalte vieles den gestellten Anforderungen entsprach, suchte doch im Allgemeinen die liebe Mode immer noch vor allen durch Schönheit zu glänzen, so daß von dem gesammten ausgestellten, äußerst elegant gearbeiteten Wiener Waaren nur ein Paar den Normalschuh erreichte. Welche Wichtigkeit der Ausstellung beigelegt ward, ging aus der letzten Gruppe hervor, die getragenes Schuhwerk zusammenfaßte und eine historische Darstellung verschiedener Schuhformen und Verbesserungen bildete. Zu derselben hatten die Kriegsministerien von Deutschland, Rußland, Spanien, Schweden, Italien und der Schweiz getragene Militärschuhe zur Verfügung gestellt. Die gleichmäßigste Abnützung der Sohle, also auch den gleichmäßigsten Tritt fand man an den Schuhen des italienischen und schweizer Militärs, auch Deutschland und Rußland führen die naturgemäße Form ein. Daß Letztere in ihrer Vollkommenheit immer noch ein frommer Wunsch bleibt, konnte man an den angestrebten Verbesserungen erkennen.

Von der Ansicht ausgehend, daß Schnürschuhe ein schnelles Anziehen nicht gestatten, an Stiefeletten der Gummieinsatz sich schnell abnutzt, bei beiden auch das Wasser schnell durchdringt, hatte man den Schaftstiefel, welchem freilich wiederum der feste Schluß oberhalb der Spanne mangelt, zu vervollkommnen gesucht. Schweizer Fabrikanten spalteten den Schaft; die hintere größere Hälfte umfaßte die vordere und wurde nach vorn durch Riemen mit Schnallen befestigt. Ein Wiener hatte den weiten Schaft zum Einfalten mittelst zuzuziehender Schnüre eingerichtet; beide zwar geistreiche Systeme dürften den Armeen einen bedeutenden Kostenzuwachs verursachen. Professor Hoffmann schlägt vor, um einen guten Schluß zu ermöglichen, die seitlichen Nähte der Schaftstiefel bis etwa 4 bis 5 Cent. oberhalb der Sohle auf eine Höhe von 15 bis 18 Cent. so auszuschneiden, daß eine ovale Lücke von etwa 6 Cent. Breite zwischen den beiden Blättern des Schaftes entsteht, welche man durch ein mit Kautschuklösung überstrichenes Elastiquegewebe ausfüllt.

Unsere Leser sehen, daß der Erfindung noch ein weiter Spielraum übrig gelassen ist. Unseres Erachtens kommt gerade bei dem Militär die specielle Fußform vor Allem mit in Betracht, sodaß auch dem Schnürstiefel bei hoher leicht entzündlicher Spanne seine volle Berechtigung gebührt. Das französische Militär erhält sich z. B. durch eine an dem Schnürschuhe angebrachte sehr einfache Einrichtung, den sogenannten Plattfußriemen, jährlich eine Anzahl tüchtiger Kräfte. Der circa 5 Cent. breite Riemen hebt im Innern des Schuhes den innern Fußrand etwas in die Höhe und verhindert so das bei dem Plattfuße häufige Eintreten entzündlicher Processe.

Schuld an dem Stillstande auf dem Gebiete der Schuhmacherkunst tragen wir zu einem großen Theile selbst. Einer geringen Ersparniß und der schnelleren Erlangung wegen kauft man in der Neuzeit fast allgemein fertige Waare und zwingt dadurch den Schuhmacher, seine Verbesserung nach dem hölzernen Leisten, nicht aber nach dem lebenden Fuße zu erdenken. Wer [334] einen guten Stiefel haben will, kann ihn nur dann erhalten, wenn er sich bei einem Leistenschneider nach einem Gypsabgusse einen eigenen Leisten anfertigen läßt; die geringen Kosten werden durch das sich anschließende Wohlbefinden mehr als ausgeglichen. Von den Meistern der Zunft ist aber zu fordern, daß sie ihrer Maßkunst eine größere Ausdehnung geben. Außer der Fußlänge und -Breite muß der Schuhmacher die innere seitliche Höhe der großen Zehe und der Gegend der Spanne durchaus genau kennen, dann aber auch einen durch Färbepapier leicht herzustellenden Abdruck der Fußsohle anfertigen, um die Breite der Zehen und die Höhlung des Gewölbes genau festzustellen. Ferner fordert die verschiedene Bauart eine einzelne Messung der beiden Füße. –

Nun noch am Schlusse eine Bitte an die Mütter! Selbst die beste Schuhform wird ihren Zweck nur halb erreichen, wenn die Frauen nicht am Ende des Strumpfes etwas langsamer abnehmen, damit derselbe nicht spitz, sondern rund endigt. Merkwürdiger Weise ist dieser Punkt bisher, wahrscheinlich durch den Glauben an die Nachgiebigkeit des Gewebes, der Aufmerksamkeit entgangen, doch geht die Ausdehnungsfähigkeit nur bis zu einem bestimmten Grade, dann aber reicht der Druck immer noch aus, ein Zusammenpressen der Zehen zu bewirken. Möge Jungdeutschland in Zukunft diesen drückenden Verhältnissen entrissen werden! Ueber der Mode, nicht von ihr beherrscht, stehe fest eine naturgemäße Fußbekleidung!
Dr. – a –