Hauptmenü öffnen

Eine deutsche Amazone. Erinnerung aus den Freiheitskriegen

Textdaten
<<< >>>
Autor: v. A.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine deutsche Amazone. Erinnerung aus den Freiheitskriegen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 576-578
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[576]
Eine deutsche Amazone.
Erinnerung aus den Freiheitskriegen.

Wer kennt jetzt noch den Namen Eleonore Prohaska? Wo ist ihr Grab? – Der Name ist verschollen, vergessen, und längst wohl hat der Pflug des Landmannes ihre Gebeine aus de gemeinsamen Grabe heraufgewühlt, in welchem sie auf dem blutgetränkten Schlachtfelde mit zahlreichen Waffengefährten die letzte Ruhestätte fand. Und dennoch tönte der Name dieses Mädchens lobpreisend, ja mit Bewunderung, in dem Munde vieler noch jetzt lebender Zeitgenossen, dennoch verkündeten ihn einst alle deutschen Zeitungen, dennoch verdiente der Heldenmuth dieses Mädchens wohl, daß wenigstens ein einfaches Grabkreuz ihren Namen vor gänzlicher Vergessenheit bewahrte. Es sei daher dem Schreiber dieser Zeilen, der zufällig mit einzelnen Momenten ihres Lebens, theilweise als Augenzeuge, näher bekannt ist, vergönnt, durch dieses kleine Referat ihr Andenken zu erneuern.

Es war in dem denkwürdigen Jahre 1813. Die Trümmer der in Rußland vernichteten Riesenarmee Napoleon’s hatten, zum großen Theile in dem erbärmlichsten Zustande, Berlin erreicht, und durch ihren Anblick neue Hoffnungen in den Herzen aller Preußen erweckt; der Aufruf des Königs an die waffenfähige Jugend seines Landes war ergangen, da fand sich eines Abends eine kleine Gesellschaft in dem Hause des Rittmeister von A. in Berlin versammelt. Außer der Wirthin, einer liebenswürdigen und geistreichen Frau, noch in der Blüthe der Jahre, und ihrfem Sohne, einem Knaben von dreizehn Jahren, waren nur drei Männer zugegen, alle drei aber wohlgeeignet, die Aufmerksamkeit des Beobachters auf sich zu lenken. Der Aelteste von ihnen mochte ein angehender Fünfziger sein; er konnte eher häßlich als schön genannt werden, denn Blatternarben entstellten sein Gesicht, die Nase hatte eine ganz eigenthümliche, beinahe viereckig hervorspringende Spitze, die grünlichen Augen waren klein, das Haar, welches stark grau zu werden begann, hing lang und ohne besondere Pflege bis auf die Schultern herab, die niedrige Stirn beinahe ganz bedeckend; aber die Beweglichkeit und Lebendigkeit, die er bei jedem Worte zeigte, das Feuer, das aus seinen Augen blitzte, verriethen deutlich den geistreichen Mann. Das war Plamann, der Vorsteher einer zahlreich besuchten Erziehungsansgtalt, der ersten nach Pestalozzi’s Methode, welche Berlin besaß.

Der, welcher ihm im Alter zunächst stand, und den Vierzigen nahe zu sein schien, war von mittlerer Größe, von kräftigem, gedrungenem Körperbau, breitschultrig, beinahe vierschrötig. Sein ganzes Wesen war nachlässig, fast plump, das Gesicht offen, frei, freundlich, die Rede kurz, barsch, oft abgestoßen; die Stirn bis beinahe zum Scheitel vom Haar entblößt, das eben so wild, doch nicht ganz so lang, wie bei Plamann, in den Rücken und über die Ohren herabfiel. Dieser Mann war Lehrer in dem Institute Plamann’s, und sein Name Jahn, jetzt unter dem Namen des Turnvaters in ganz Deutschland bekannt. Und wohl verdiente er diesen Namen, denn nicht allein, daß er das Turnwesen in ganz Deutschland zuerst in das Leben gerufen hatte, zeigte er sich auch wie ein Vater gegen seine Turner und wurde von ihnen allen wie ein Vater geliebt.

Der Dritte und Jüngste war jedenfalls in seiner äußern Erscheinung der ausgezeichnetste der drei Männer. Groß, kräftig und schön gewachsen, mit edlem, männlichem Gesicht, geziert durch eine hohe Stirn, eine scharf gebogene Nase und große lebhafte Augen, erschien der etwa fünfundzwanzigjährige Mann als ein Bild männlicher Kraft und kriegerischen Muthes. Das war Friesen, ebenfalls Lehrer an dem Institute Plamann’s, und nebst Harnisch Jahn’s kräftigste Stütze bei der Einführung des Turnwesens. In geistiger Beziehung eben so ausgezeichnet, wie in körperlicher, lachte die Zukunft ihm verheißungsvoll entgegen, und gewiß wäre ihm eine glänzende Laufbahn geworden, hätte er nicht bei dem verrätherischen Ueberfalle, durch den das Lützow’sche Freicorps während des Waffenstillstandes heimgesucht wurde, einen allzu frühen Tod gefunden. So ging sein Name beinahe ungenannt und ungekannt unter, allein sein Andenken ist wohl bei vielen der ersten Turner noch nicht erloschen.

Jahn und Friesen trugen die dunkle Uniform des eben errichteten Lützow’schen Freicorps, dem Jahn’s Name allein Tausende kampflustiger Streiter zuführte, und da das Corps täglich dem Befehl zum Aufbrechen entgegensah, hatten die drei Männer, der Einladung folgend, sich hier zu einem kleinen Abschiedsfeste eingefunden, welches Frau von A. auf die Bitten ihres Sohnes den geliebten Lehrern gab.

Das Gespräch drehte sich, wie in jener Zeit ganz natürlich, beinahe ausschließlich um den Aufruf des Königs, um die Hoffnungen, die dadurch in der Brust eines jeden Preußen erweckt worden waren, daß es der Vertreibung der gehaßten Franzmänner gälte, und Jahn und Friesen sprachen mit solchem Feuereifer, daß der junge A. davon ergriffen, sich innig an die Mutter schmiegte, und mit feuchtem Blick und klagender Simme sagte: „Ach, Mutter, weshalb bin ich nicht ein paar Jahre älter, daß ich auch mit gegen die Franzosen ziehen könnte.

Eben wollte die Mutter ihn mit der Versicherung trösten, daß seine Zeit auch noch kommen würde, da erweckte ein gewaltiger Lärm, der unter ihnen, in der Wohnung des Hauswirths ertönte, ihre Aufmerksamkeit, so wie die ihrer Gäste. Sie vernahmen laute Flüche in französischer Sprache, klagende Töne einer schwachen Männerstimme, und endlich von einer kräftigen weiblichen Stimme ganz deutlich die Worte: „Na warte, Du Hallunke, das werde ich dir anstreichen!“ Dann entstand ein heftiges Gepolter, und schon sprangen Jahn und Friesen nach ihren Säbeln, um hinabzueilen, da wurde es still, dann erschallte lautes Gelächter, und gleich darauf öffnete sich die die Thür, und herein stürmte, einen großen Bratspieß in der Hand, die Köchin der Frau von A. Noch immer lachend wischte sie sich mit der Schürze das Blut ab, das in Strömen an ihrem linken Arm herabrann, und sagte endlich auf die Frage ihrer Herrschaft, was es denn eigentlich gegeben habe:

„Einen köstlichen Spaß, gnädige Frau; aber erlauben Sie nur erst, daß ich mir ein Tuch um den Arm binde, denn er Hallunke hat so derb zugestochen, daß ich das Zimmer beschmutzen würde, wenn ich das Blut nich ein wenig stillte.“

Damit eilte sie hinaus. Verwundert und mit lebhaft angeregter Neugier sahen die Männer ihr nach. Wenige Minuten später trat das Mädchen wieder herein, und nun erzählte sie mit großer Lebhaftigkeit, und die Augen noch immer wie in Kampfbegier flammend:

„Ich ging eben an der offenen Küchenthür unseres Wirthes vorbei, da hörte ich, wie die französische Einquartierung mit ihm zankte und futerte. Ich trat also auf die Schwelle, um zu sehen, ob ich unserem Wirthe vielleicht helfen könnte, da erhob eben der nichtswürdige Franzose die geballte Faust gegen den alten schwachen Mann und würde ihn gewiß geschlagen haben, wäre ich nicht schnell zugesprungen. Ich packte den Franzosen am Arm, warf ihn zurück, stieß den Alten, der am ganzen Leibe heftig zitterte, in seine Stube, schloß diese schnell hinter ihm zu, und ging nun auf den Franzosen los, der mit offenem Munde und wie verdutzt dastand, und gar nicht wußte, wie ihm geschehen war. Ich packte ihn nun bei beiden Armen, drängte ihn gegen den Feuerherd, und drückte ihn rückwärts auf denselben mehrere Male ziemlich unsanft nieder, indem ich bei jedem Knuff sagte: das ist dafür, daß du dich an einem schwachen Greis vergreifen wolltest. – Oben hatte ich ihn so fest gepackt, daß er sich nicht rühren konnte, aber ehe ich’s mir versah, versetzte er mir mit dem Fuß einen solchen Stoß vor den Bauch, daß ich ihn loslassen mußte und einige Schritte zurücktaumelte. Diese Pause benützte der Spitzbube, zog sein Käsemesser und stieß mich hier in den Arm, daß das Blut nur so spritzte. Aber da wurde ich wild. Na warte, Du Bube, das werde ich dir anstreichen! rief ich ihm zu, ergriff den Bratspieß, der zum Glück dicht neben mir stand, und hieb damit auf den Franzosen los. Der Kerl wollte sich zwar wehren, ab er mit seinem kurzen Käsemesser konnte er mir nicht an den Leib, und meine Hiebe mit dem Bratspieß hagelten so dicht auf ihn nieder, daß er sehr bald die Flucht ergriff und mit lautem Gepolter die Treppe ’runter fiel.“

„Aber Lore,“ sagte die Frau von A. im verweisenden Tone, „wie konntest Du Dich denn auf einen solchen Kampf einlassen? Bedenke doch – ein Mädchen!“

[577] „I, gnädige Frau,“ erwiederte die Köchin lachend, „wozu hat mir denn der Himmel derbe Knochen und gesunde Kräfte gegeben? Ich werde mich doch wohl nicht vor einem solchen Franzosen fürchten sollen? – Ach, wäre ich nur ein Mann!“

„Ein braves Mädchen,“ sagte Jahn und blickte mit dem Ausdruck der Bewunderung auf die hohe, kräftige Gestalt, die in trotziger Haltung dastand, und des Blutes nicht achtete, das durch die Binde um ihren Arm zu sickern begann.

„Du solltest bei uns eintreten, Lore,“ sagte Friesen neckend, „wenn Du so große Lust hast, Dich mit den Franzosen zu messen!“

Das Mädchen schien von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt zu werden, warf einen forschenden Blick auf Friesen und auf Jahn, und verließ dann rasch das Zimmer.

Am nächsten Morgen bat Eleonore Prohaska, denn das war der Name der Köchin, die Frau von A. so dringend um ihre augenblickliche Entlassung aus dem Dienst, daß Frau von A. nicht zu wiederstehen vermochte, und ihr den Abschied zusagte, sobald sie eine Stellvertreterin geschafft haben würde; diese aber war für den ziemlich vortheilhaften Dienst noch an demselben Tage gefunden.


Mit dunkel glühendem Gesicht, mit strahlenden Augen, trat einige Tage später der junge A. mit allen Zeichen einer großen Aufregung in das Zimmer seiner Mutter. Ganz gegen seine Gewohnheit legte er seine Schulsachen nicht an ihre gehörige Stelle, sondern schleuderte sie nachlässig in eine Ecke, stürmte auf die Mutter zu, ergriff heftig ihre Hand und sagte, indem er sie mit funkelnden Blicken ansah:

„Denke Dir, Mutter, die Lore ist freiwilliger Jäger geworden!“

„Was? - Woher weißt Dun denn das?“ fragte die Mutter verwundert.

„Weil ich sie selbst gesehen und gesprochen habe,“ erwiederte der Jüngling. „Höre nur! Ich ging eben über den Schloßplatz, da begegnete mir ein Lützow’scher Jäger, der mir dadurch auffiel, daß er eine schwarze Binde über der Stirn hatte. Ich sah ihn neugierig an, da erkannte ich zu meinem größten Staunen unsere Lore. Sie hatte mich nicht bemerkt, denn als ich ganz verwundert ausrief: I, Lore, was ist denn das?“ da erschrak sie heftig. Anfangs wollte sie den Kopf abwenden und so thun, als kennte sie mich nicht, aber gleich darauf besann sie sich anders, ergriff meine Hand und fügte halblaut, indem sie scheue Blicke auf die Vorübergehenden warf: „„Lieber junger Herr, verrathen Sie mich nicht, denn bis jetzt weiß Niemand, daß ich ein Mädchen bin. - Ja, sehen Sie, als neulich Abend Herr Friesen zu mir sagte, ich sollte bei den Lützowern eintreten, da konnte ich der Versuchung nicht wiederstehen. Ich nahm, wie Sie wissen, bei Ihrer Frau Mutter den Abschied, verschaffte mir Mannskleider, meldete mich bei dem Vater Jahn, und wurde von ihm für seine eigene Compagnie angenommen. So bin ich also jetzt freiwilliger Jäger, und ich denke, die Lore Prohaska wird der Compagnie, in der sie dient, keine Schande machen und den Franzmännern zeigen, daß auch die deutschen Mädchen ein Herz im Busen haben. Sehen Sie, wenn Sie nun verrathen wollten, daß ich ein Mädchen bin, und ich müßte die Uniform wieder ablegen, dann machten Sie mich sehr unglücklich!““

„Ich versprach ihr natürlich, gegen Jedermann zu schweigen, nur gegen Dich nicht, und fragte sie dann, weshalb sie denn die Binde über der Stirn trüge. „„Ich bekam vorgestern Abend im Bierhause Händel mit einem andern Jäger und,“ sagte sie lachend, „„wir griffen zu den Hirschfängern, und hieben uns ein Bischen herum. Dabei bekam ich einen kleinen Ritz auf der Stirn, den ich mit einem Streiche über meines Gegners Arm bezahlte, dann versöhnten wir uns unter den Lobsprüchen der Kameraden, und noch bevor wir an den Feind kommen, sind wir Beide ganz hergestellte.““ Dann schüttelte sie mir die Hand und eilte fort.“

„Je nun,“ sagte die Frau von A., „mich wundert das eigentlich von der Lore nicht so sehr, auch ist sie derb und kräftig genug, um die Muskete zu tragen.“

„Aber sie ist doch immer nur ein Mädchen,“ entgegnete der junge A. „und wenn sie mit zu Felde ziehen kann, dann kann ich, ein Mann, es doch gewiß noch viel eher. Du wirst es mir also jetzt auch erlauben, Soldat zu werden, nicht wahr, meine gute Mutter? Ich müßte mich ja sonst vor der Lore schämen, daß sie mehr Muth hatte, als ich, und das darfst Du doch nicht zugeben!“

Frau von A. suchte dem Knaben diesen Gedanken auszureden, aber er bat und schmeichelte so lange, er rühmte seine durch das Turnen gestärkte Kraft und Ausdauer so sehr, daß sie endlich nachzugeben gezwungen war, und versprach, seinen Wünschen nicht länger zu widerstreben, wenn der eben abwesende Vater seine Einwilligung geben würde. Diese erfolgte in der That nach einiger Zeit, da sich dem Rittmeister von A. eine günstige Gelegenheit bot, seinen Sohn in seiner Nähe unter eigener Aufsicht zu behalten, ohne daß derselbe dem gewöhnlichen Dienst und dessen Strapazen ausgesetzt war. Schon nach wenigen Wochen sah sich der junge A. mit der ersehnten Uniform bekleidet, und wurde als Ordonnanz in das Hauptquartier commandirt, auf dem Commandantur-Büreau desselben beschäftigt.


Die Schlacht an der Görde (in Mecklenburg) hatte sich entsponnen. Unter den gemischten Corps, über welche der Generallieutenant Graf Walmoden-Gimborn das oberste Commando führte, befand sich neben Russen, Schweden, dem mecklenburgischen Kontingente, der englisch-deutschen und russisch-deutschen Legion, auch ein Theil des Lützow’schen Freicorps, und dieses hatte einen besonders harten Stand, gegenüber den Franzosen, die ein kleines Gebüsch besetzt hielten, welches eine sanft ansteigende Anhöhe krönte, und ihnen eine sehr vortheilhafte Posttion bot. Die Lützow’sche Infanterie, zu der auch die Compagnie des Turnvaters Jahn gehörte, erhielt endlich den gemessenen Befehl, die Franzosen aus diesem Gehölze zu vertreiben. Mehrere zu diesem Zwecke unternommene Angriffe wurden zurückgeschlagen, da kam der an dieser Stelle commandirende Offizier zu der Ueberzeugung, es würde leichter sein, den Feind durch Tirailleure zu vertreiben, als durch einen geschlossenen Angriff, wie man bisher versuchte. Jahn rief sogleich Freiwillige aus seiner Compagnie auf, um mit denselben unter seiner eigenen Führung in das Gehölz einzudringen, und einer der Ersten, welche aus dem Gliede traten, dem Rufe des geliebten Hauptmanns zu folgen, war Lorenz Prohasky, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten durch seinen Muth rühmlichst ausgezeichnet hatte. Die Kette der Tirailleure wurde gebildet, und drang unter fortwährendem Feuern, jedoch im Sturmschritt, gegen das Gehölz vor, aus welchem den Tapfern ein mörderischer Kugelregen entgegen gesendet wurde. Viele der Lützower fielen. Andere wurden verwundet, und einer der Ersten unter diesen war Lorenz Prohasky, der einen Schuß in den Arm bekam. Doch ohne der ziemlich bedeutenden Wunde zu achten, verband er sie flüchtig mit seinem Taschentuche, und eilte, die Kameraden einzuholen, die er eben noch zeitig genug erreichte, um in das allgemeine Hurrah einzustimmen, unter dem sie mit gefälltem Bayonnet in das Gehölz eindrangen. Nur wenige Schritte noch war Prohaska von den Büschen entfernt, da sahen die zurückgebliebenen und außer Schußweite stehenden Kameraden, wie er plötzlich in die Knie brach, dann sich mit gewaltiger Anstrengung erhob und, das Gewehr als Stütze benutzend, zurückwankte, die linke Hand gegen den Unterleib gepreßt. Nur mühsam schleppte er sich fort, und als der Offizier, welcher die Compagnie Jahn’s commandirte, dies sah, gebot er zwei Jägern, die Büchsen abzugeben, und dem Verwundeten entgegen zu eilen, um ihn zurück zu führen. Doch noch ehe sie ihn erreichten, brach er zusammen und sie waren genöthigt, ihn zu seiner Compagnie zu tragen. Hier wurde er hinter der Fronte niedergelegt, und sogleich eilte ein Chirurgus herbei, seine Wunde zu untersuchen.

„Ein Weib,“ rief er verwundert, und voll Staunen drängten sich die Zunächststehenden herbei, die Heldin zu sehen, die der ganzen Compagnie durch die unerschrockendste Todesverachtung vorgeleuchtet hatte.

„Ja, ein Mädchen,“ sagte die Verwundete mit mattem Lächeln; „nicht Lorenz Prohasky, sondern Leonore Prohaska, aber deshalb hoffentlich kein schlechterer Soldat.“

„Ach, Herr Geheimerath,“ rief sie dann plötzlich mit dem Ausdrucke der Freude einem Manne zu, der zu Pferde neben dem Kreise halten blieb, dessen Mittelpunkt Leonore Prohaska bildete und voll Teilnahme fragte, was es hier gäbe. „Sie sendet Gott, denn wenn ich noch zu retten bin, so werden Sie mich retten!“

Der Angeredete, der Generalstabsarzt der Armee, Geheimerath Dr. Kohlrausch[1], hatte kaum vernommen, daß es sich hier um einen schwer Verwundeten handle, in dem man noch dazu ein [578] Frauenzimmer entdeckt hatte, als er auch schon vom Pferde sprang, den Wunsch der Prohaska zu erfüllen. Während er die Wunde sorgfältig untersuchte, sagte sie mit matter Stimme: „Nicht wahr, das dachten Sie nicht, als Sie mich als Köchin in dem Hause der Frau von A., wo Sie Hausarzt waren, sahen, daß Sie mich so wiederfinden würden?“

Verwundert blickte der Generalstabsarzt sie an und sagte dann, sie erkennend: „Wie, Lore, Du bist es?“

„Ja wohl, doch sagen Sie mir offen, – muß ich sterben?“

„Wenn Du noch etwas zu wünschen oder anzuordnen hast, so thue es bald,“ sagte er, und schüttelte Ihr gerührt die Hand. „Rettung ist nicht möglich und Dein Tod nahe.“

„Ich danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit,“ sagte sie mit trübem Lächeln. „Meine Angelegenheiten sind geordnet, denn ich besitze Nichts, und habe Niemanden auf der Welt, der eine Thräne um mich vergießen wird!“

Sie irrte, denn das Auge manches der sie umstehenden Kameraden wurde feucht, als sie jetzt betend die Hände faltete und während des Gebetes schmerzlos hinüberschlummerte.

v. A.     

  1. Er starb als sehr geachteter Arzt, und, irren wir nicht, als Director der Charitée, in Berlin.