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Titel: Eine bevorstehende Wohnungsnoth
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 198–199
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[198] Eine bevorstehende Wohnungsnot. In dem Spielzimmer meiner Kinder hängt eine farbige Wandtafel; in bunter Gruppirung ist auf derselben ein halbes Hundert unserer heimischen Vögel naturgetreu abgebildet, und darunter steht die Unterschrift: „Der Schule und dem Hause gewidmet vom Deutschen Vereine zum Schutze der Vogelwelt.“ Ich möchte jener Tafel, welche Prof. A. Döring im Auftrage des genannten Vereins gemalt hat, die weiteste Verbreitung wünschen; denn durch die ständige Betrachtung derselben wird unwillkürlich bei Jung und Alt das Interesse für die Vogelwelt erregt, welche so viele nicht beachten, weil sie dieselbe nicht kennen. Und unsere heimischen Vögel bedürfen in der That einer warmen Theilnahme, einer Förderung ihrer Interessen, die sich in den Rahmen des gesetzlichen Schutzes nicht einfügen und nur durch freiwillige Mitwirkung möglichst vieler Vogelfreunde erreichen läßt. Ich möchte heute nur ein Beispiel anfähren. Die leichtbeschwingten Wesen sind manchen Fährnissen ausgesetzt, die der oberflächliche Beobachter des Thierlebens kaum vermuthet; und wie sonderbar es klingen mag, ein Theil von ihnen leidet sogar empfindlich – an Wohnungsnoth. Dies scheint nicht im Einklang mit der landläufigen Ansicht von der Leichtigkeit, mit der ein Vogel sein Nest baut, zu stehen; es wird uns aber leicht verständlich, wenn wir eine große Abteilung von Vögeln, die Höhlenbrüter, einer besonderen Betrachtung unterwerfen. Zu ihnen zählen sehr nützliche und liebe Geschöpfe, wie die Staare, die Meisen, die Kleiber, die Segler, die grauen Fliegenschnäpper, die Hausrothschwänzchen etc., für die wir bei dem weiten Leserkreise der „Gartenlaube“ ein fürbittendes Wort einlegen möchten.

Früher, wo wir unser Land noch nicht zu so hoher Kultur gebracht hatten, war bei den Höhlenbrütern von Wohnungsnot keine Rede. Die Wälder bargen noch eine Menge alter morscher Baumriesen mit vielen Höhlen und Löchern, alte Weiden spiegelten sich in den Gewässern, alte Birnbäume standen auf den Aeckern und hier und dort wucherten wilde altersgraue Feldhecken. In diesen Trümmern der Pflanzenwelt nistete und siedelte die Vogelbrut mit lautem und frohem Gezwitscher.

Wir haben diese alte Romantik von unsern Wäldern und Feldern entfernt und damit die Höhlenbrüter aus der Nähe menschlicher Wohnungen in entlegene Winkel vertrieben. Um sie wieder heranzulocken, können wir natürlich unsere Wald- und Gartenwirthschaft nicht abändern, aber wir sind wohl im Stande, die Geschädigten durch Anlage neuer billiger Wohnungen zu entschädigen. Dieser Zweck wird durch Aufhängen von Nistkästen erreicht. Die Vogelschutzvereine haben das Interesse für diese Thätigkeit wachgerufen, und instinktiv folgt eine große Zahl der Landsleute dem Vorgang ihrer Nachbarn. Es wäre zu wünschen, daß der Sport des Aufhängens der Nistkästen eine noch größere Ausdehnung annehme, aber dabei muß auch dafür Sorge getragen werden, daß die geringfügige Arbeit zweckmäßig verrichtet wird. Man muß den Gewohnheiten und Bedürfnissen des Vogels gerecht werden, wenn er an unsere Nähe gefesselt werden soll. Hängen wir z. B. Nistkästen auf und verwahren sie nicht genügend mit Dornen, so fallen die Vogel sehr leicht den Katzen und anderen Raubtieren zum Opfer und wir dürfen uns nicht wundern, daß diese schlechten Wohnungen leer stehen bleiben. Bauen wir für die Meisen ein Häuschen und machen darin das Flugloch zu klein, so können wir erleben, daß die Meisen fortbleiben, aber Bienen und Hummeln sich in ihm ansiedeln. Freilich hat nicht jeder, der gern den Vögeln dienen möchte, Zeit und Muße, die Lebensgewohnheiten einzelner Thierarten zu studiren. Aber das braucht er auch nicht. Auch auf diesem Gebiete menschlicher Thätigkeit giebt es eine Arbeitstheilung, und er kann sich bei Naturforschern Rath holen. Theuer ist der Rath keineswegs. Die Gesellschaft von Freunden der Naturwissenschaften in Gera hat z. B. unter dem Titel „Winke betreffend das Aufhängen der Nistkästen für Vögel“ ein Büchlein von Professor Dr. K. Th. Liebe herausgegeben, das für den winzigen Preis von 20 Pfennig von der Verlagsbuchhandlung Theodor Hofmann in Gera zu beziehen ist und in dem die nöthigen Mitteilungen in einer sehr klaren und anziehenden Weise gegeben sind. Wer keine Zeit hat, selbst die Nistkästen, wie sie sein sollen, zu bauen, für den hat [199] wiederum der Thierschutzverein in Darmstadt gesorgt; er liefert gut eingerichtete Nistkästen, die wahrlich recht billig sind; denn so ein „Wohnhaus“ für Staare kostet 85 Pfennig, eine „Villa“ für Meisen 80 Pfennig, für Rothschwänzchen und Fliegenschnäpper nur 45 Pfennig.

Bald werden die Osterglocken läuten; der junge Lenz wird seinen Einzug halten und aus der Fremde werden die gefiederten Sänger heimkehren. Viele von ihnen, viele Tausende der schönsten werden aber in der alten Heimath vergeblich nach einer passenden Wohnung suchen und sich gezwungen sehen, weiter zu wandern. Versuchen wir sie festzuhalten; hängen wir passende Nistkästen auf! Die fortgeschrittene Kultur hat die Wälder gelichtet und die Vögel vertrieben; die noch mehr fortgeschrittene Wissenschaft vermag den Schaden wieder gut zu machen und die nützlichen Vögel wieder an unsere Scholle zu fesseln. An diesem Sieg des menschlichen Geistes mitzuwirken, ist gewiß schön und der Mühe werth.
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