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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Eine Sklaventragödie in Amerika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 219–220
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[219] Eine Sklaven-Tragödie in Amerika. Obgleich eine englische Hofdame (die deshalb von der Königin entlassen ward) die Sklaverei in Amerika in einem besondern Buche als ganz gemüthlich vertheidigt und beweist, daß die Sklaven nicht frei sein wollten, daß man ihnen mit ihrer Freilassung drohe, wenn sie unartig seien, daß sie sich unter einander schimpfen: „Du bist so schlecht, wie ’n freier Nigger,“ obgleich auf diese Weise das inhaltvolle, selten verstandene, selten von hoher Obrigkeit honorirte Wort Freiheit zum Schimpfworte geworden, giebt es doch auch sogar Schwarze, welche die Freiheit lieben und sich theuer loskaufen und ein ganzes Leben dafür opfern, giebt es doch Sklavinnen, die als Mütter ihre Kinder lieber morden, statt sie in die Sklaverei zurückschleppen zu lassen.

Das Gesetz wegen flüchtiger Sklaven, welche die nicht Sklaven haltenden nördlichen Staaten verpflichtet, flüchtige Sklaven an den Süden [220] auszuliefern (wozu kann nicht Alles das Gesetz verpflichten! Was kann man nicht Alles zum Gesetze machen? –) ruft in Amerika zuweilen Scenen hervor, die der Maler einst malen, der Dichter schildern wird, um in glücklicheren Zeiten schwache Nerven damit zu erschüttern. Ein merkwürdiges Beispiel kam neulich im Staate Ohio vor, wo eine flüchtige Sklavin, Namens Margaret Garner, ihr eigenes Kind tödtete, damit es nicht wieder in die Sklaverei zurückgeschleppt werden könne. Eine Dame, Lucy Stone Blackwell, fühlte solches Mitleiden mit der wegen Kindesmord Gefangenen, daß sie offen den Wunsch aussprach, man möge ihr ein Messer zustecken, damit sie auch sich – der Zurückschleppung in die Sklaverei entziehen könne. Es war von diesem ihrem Wunsche vor dem Gericht die Rede, doch nicht so, wie sie es für richtig hielt. Deshalb nahm sie nach dem Schlusse der formellen Verhandlungen von der Erhöhung, auf welcher die Richter saßen, das Wort und sprach:

„Man hat mir die Mittheilung gemacht, daß Mr. Chambers (einer der Richter) diesen Morgen von meinem Wunsche, der Angeklagten ein Messer zuzustellen, gesprochen habe. Ich wünsche hier, am rechten Platze, zu erklären, was ich sagte und meine Beweggründe dafür.

„Ich bat den Deputirten Marshal Brown nicht um das Privilegium, ein Messer liefern zu dürfen. Wenn Mr. Brown hier wäre, würde er dies bestätigen. Ich bin außerhalb der Stadt gewesen seit Beginn dieser gerichtlichen Verhandlungen und erst gestern zurückgekommen, sonst würde ich jeden Tag hier gewesen sein, um zu versuchen, ob sich etwa etwas für meine unglückliche Schwester thun lasse. Als ich zu ihr sprach von ihrer Freiheit, blitzte ihr Auge mit dem Strahle der Verzweiflung auf, und die Thräne der höchsten Qual rann von ihrer Wange herab. Ihre Lippen zitterten in sprachloser Angst, als ich ihre Hand ergriff und mein Mitgefühl aussprach. Als ich auf ihren sprachlosen, unausdrückbaren Kummer blickte, dachte ich, daß es, wenn jemals, jetzt die rechte Zeit sei, ihr, eine Waffe zu geben, wie es damals, als es unsere Freiheit gegen England galt, die rechte Zeit war, Waffen zu nehmen und zu geben, um die Schlacht am Bunkers-Hügel zu schlagen. Wie die Patrioten damals heilig berechtigt waren, zu sagen: „Laßt uns lieber zu Gott hinauf gehen, statt zurück zur Sklaverei,“ hielt ich auch dieses Weib, welches ihr Kind lieber zu Gott gesendet hatte, statt es wieder in die Sklaverei zurückschleppen zu lassen, für berechtigt, selber lieber zu Gott zu gehen, statt zurück in die Sklaverei. So sprach ich gegen Mr. Brown den Wunsch aus, daß sie ein Messer haben sollte, sich selbst zu befreien, wie ihr Kind. Wer die Liebe einer Mutter ahnen kann, wird das Opfer, das sie gebracht, zu würdigen verstehen. Hatte sie ein Recht, ihr Kind zu befreien, hat sie es auch für sich selbst. So helfe mir der Himmel! Mit meinen eigenen Zähnen würde ich mir eher mein Leben ausreißen, ehe ich mich zur Sklavin machen ließe. Ich bat nicht um das Privilegium, ein Messer liefern zu dürfen. Ich bitte Niemanden um mein Recht. Ich hatte das Recht, einen Dolch in die Hand dieses Weibes zu liefern, dasselbe Recht, welches unsere Vorfahren zu den Waffen rief gegen eine despotische, lächerliche Steuer auf Thee. Ich hoffte, sie noch befreien zu können. Ich hoffe es noch. Ich kenne nicht die Executiven dieses Gerichtshofes. Aber ich zweifle nicht, daß er dem Schrei der Unterdrückten zugänglich sein wird. Er sollte wahr gegen sein Gewissen, wahr gegen das Recht, wahr gegen den Himmel handeln und das Opfer der Unterdrückung seinem Rechte, seiner Freiheit übergeben. Ich mache keine Entschuldigung gegen diesen Gerichtshof, gegen Niemanden für meinen Wunsch, diesem Weibe einen Dolch zu geben. Ich entschuldige mich gegen Niemanden, ich beschönige das Schöne nicht. Ich fühlte dasselbe Recht, mit welchem einst die Patrioten gegen Sklaverei für die Freiheit tödtliche Waffen vertheilten. Gott gab diesem Weibe Liebe für Freiheit und das Herz, sie zu gebrauchen. Wenn sie Freiheit in Gott der Sklaverei unter Menschen vorzieht, wenn sie für ihre Kinder den Schutz der Engel wünscht, statt die Peitsche der Knechtschaft, laßt sie’s haben und in Unsterblichkeit eine Zuflucht gegen Unrecht und Insult finden. Ich sagte Dem, der sie zurück verlangt – ich sage nicht „Besitzer,“ denn Gott hat Niemanden zum Eigenthümer eines andern Menschen gemacht, – daß dies eine geschichtliche Periode sei, daß unsere jetzigen Thaten einst die Feder des Genius beschäftigen, ihn mit Fluch beladen würden, wenn er fortfahre, ein freiheitwürdiges Wesen wieder einzusklaven, mit Ehre und Segen, wenn er ihm die Freiheit, sein Recht gäbe. AIs ich in sein gutmüthiges Gesicht sah, in sein mild leuchtendes Auge, dachte ich, er habe ein großmüthiges Herz. Und so bewährte es sich. Milde sagte er, sobald er sie nach Kentucky zurück habe, wolle er ihr die Freiheit geben. Ich hoffe, er wird sein Wort erfüllen. Zugleich mache ich hier in Gegenwart der hier anwesenden Schwestern vor dem Gerichtshofe bekannt, daß wo und wie ich auch Gelegenheit finden werde, dem Gesetze wegen Auslieferung flüchtiger Sklaven zu trotzen und es unschädlich zu machen, dessen Anwendung zu vereiteln, ich es stets thun werde, was auch die Folgen sein mögen.“

So sprach die junge Amerikanerin. Wir fühlen, daß darin Beredtsamkeit, weil ein rechtes Herz, glüht. Der Zeitungs-Berichterstatter fügt hinzu, daß Miß Blackwell im schwarzen Seidenkleide erschienen sei, mit einem braunen Shawl über den Schultern, einem dunkeln Hute und grünen Schleier. Sie sprach geläufig, sicher, ohne Aufregung, ohne jemals ihre Stimme zu heben oder rednerisch zu thun. Sie sprach natürlich, wie in häuslicher Unterhaltung, aber darum um so gewaltiger und eindringlicher. – Solche edele Jungfrauen und Frauen können am Ende noch die Feigheiten und Grausamkeiten der Männer verdammen und die Erde davon befreien.