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Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Eine Pürschfahrt auf Hochwild
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 828–830
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 22. Eine Pürschfahrt auf Hochwild.

Die bevorstehende Hochzeitsfeier einer reichen Patriciertochter in der schlesischen Provinzialstadt **, wobei alle Genüsse der Tafelfreuden ausgekostet werden sollten, ward Veranlassung, daß der dortige Wildpretshändler mit einem Gesuch um ein Stück Rothwild oder dergleichen schwachen Hirsch beim Wildmeister X. zu *** einkam. Der Gebieter desselben bewilligte ausnahmsweise die Bitte und übertrug mir, der ich gerade im Schlosse als Jagdgast anwesend war, den Abschuß. Die gestellte Frist bis zur Einlieferung war eine sehr zugemessene, darum durfte ich nicht säumen, wollte ich den Auftrag rechtzeitig ausführen, besonders da die kurzen Tage – es war im November – dem Unternehmen nicht eben günstig waren. Ich brach also schon frühzeitig mit den mir zur Verfügung gestellten Schecken zur Pürschfahrt auf.

Es war einer jener todten stillen Wintertage, die dem erst sturmheulenden Wetter und nachherigen wirbelnden Schneefall des sogenannten „schwarzen“ Monats gefolgt waren, und lautlos rollte der leichte Wagen durch die lockere, frische Winterdecke, so daß das Schnaufen und Pusten der Pferde, sowie das Knarren ihrer Geschirre um so auffälliger durch die schlummernde Haide tönte. Sonst vernahm das lauschende Ohr nur noch das leise Zit, Zitzitiß! der niedlichen Goldhähnchen und den gar so lieb und heimlich klingenden Ton der geschäftigen Meisen, die in sorglicher Behendigkeit nach Nahrung die schneebelasteten Kiefernzweige durchflatterten, daß der lose aufliegende Flaum in großen Flecken zu Boden fiel. Mit Wohlgefallen folgte das Auge den kleinen schmucken Vögeln und ergötzte sich an ihrem Getreibe, doch ohne deshalb den Weg, soweit ihn der Blick vom Pürschwagen aus bestreichen konnte, außer Acht zu lassen, um hier die über Nacht getretenen Wildfährten zu mustern. Schon manche derselben hatte den blendenden Pfad gekreuzt, aber immer war es keine solche, die mich veranlassen konnte, das Dickicht, in das sie führte, zu umkreisen, um dann, wenn dieselbe nicht wieder herausgeführt hätte, entweder der Spur im Schleichen zu folgen oder auf dem Wechsel vorzutreten, im letztern Falle aber vom Pürschjäger den Dachshund, welchen ich bei mir hatte, auf die Fährte setzen zu lassen, um mir auf diese Weise das begehrte Wild zum Schuß heranzubringen. Denn bald spürte ich wohl einen Hirsch, der aber mindestens ein Zehnender, wenn nicht stärker sein mochte, bald nur Mutterwild mit Kälbchen; dann wieder Sauen, die, so sehr mich ihre Fährten reizten, heute doch ebenfalls unbeachtet bleiben mußten, da eben ausdrücklich nur die bestimmte Lieferung geschafft werden sollte. So mußte ich mich mithin nothwendig entschließen, meine Fahrt bis nach den entferntesten Revieren im meilenweiten Forste auszudehnen, wo, wie mir der Pürschjäger versicherte, schwache Rothhirsche in Menge ständen.

In dieser zuversichtlichen Erwartung ging’s denn, nachdem um die Mittagszeit ein kurzer Aufenthalt in einem am Wege liegenden traulichen Forsthäuschen Menschen und Thiere durch ein frugales Mahl erquickt hatte, munter fort und fort, hier zwischen finsteren Dickungen, dort über weitgedehnte Gehaue und Holzschläge hin. In lichter Bläue, den Waldhintergrund halb verschleiernd, stieg auf letzterm der Rauch der knisternden Feuer auf, welche die Waldarbeiter, die hier schafften, unterhielten, um dabei ihre einfache Kost zu bereiten. Dann nahmen uns wieder hohe Bestände mächtiger Föhren auf, die in ihrer lichtgestellten Ordnung wie Säulenreihen das schneebelastete Wipfeldach trugen. Weiter hin aber führte der Weg plötzlich über ausgedehnte, baumlose Moorflächen, die man trotz ihrer weißen Hülle durch das elastische Sinken des Bodens unter den Rädern, da die schützende Decke das Erstarren desselben verhindert hatte, leicht zu erkennen vermochte. Aber auch durch Strecken düstern Fichtenwaldes, der sich den öden Flächen anschloß, führte der einsame Weg, und die Jahrhunderte alten Baumriesen, die hier in die bleierne Winterluft ragten, überwölbten denselben mit ihrem schneebelasteten dichten Gezweig und senkten es stellenweise tief herab bis zum Boden, so daß es mit dem Unterwuchs in dichte Massen verschmolz, die kein Blick zu durchdringen im Stande war. Stille, tiefe Stille herrschte auch hier; nur das Abstieben eines Auerhahns, der auf dem dürren Aste einer gewaltigen Tanne gestanden, unterbrach durch seinen rauschenden Flügelschlag für Augenblicke das heilige Waldesschweigen und verursachte, daß die Pferde stutzend die Kopfe emporwarfen und dadurch Massen von Schnee der überhängenden Zweige auf uns, die wir im Wagen saßen, herabschütteten. Der urige Hahn aber war das erste Wild, welches das Auge nach langer Fahrt erblickte, und ich nahm es als eine gute Vorbedeutung zur Jagd, den königlichen Vogel über den Weg streichen zu sehen.

Wiederum ward der Forst lichter. Ein Bestand alter Eichen folgte dem schwarzen Nadelholze. Längst schon hätten diese nach forstlichem Ermessen dem Beile verfallen sollen, aber der Gebieter, der aus Liebe zur Natur diese herrliche Waldpartie geschont wissen wollte, hatte dagegen entschiedenen Einspruch gethan. Jetzt starrten die knorrigen Baumrecken mit ihren phantastisch geformten Wipfeln und dürrbelaubten verschlungenen Seitenästen in den eintönigen Himmel, während noch manche ihrer Herbstfrüchte unter [829] Schnee- und Blätterdecke am Boden verborgen lagen und dem hier gern brechenden Schwarzwild erwünschte Aeßung gaben. Nun wechselte mit dem Laubholze wieder die Fichte, bis dann auch diese, durch eine ärmere Bodenclasse verdrängt, der jetzt auf meilenweiten Umfang vorherrschenden Kiefer Platz machte. Diese Gattung Nadelholz umschloß hier weite, todte Strecken ausgetrockneter Seen, an die sich außerdem eine unübersehbare Brandfläche anschloß, was der vor uns ausgebreiteten Landschaft einen überaus einsamen Charakter aufprägte. Kein erheblicher Hügel, kein Baum unterbrach die ungeheure Blöße, nur hier und da erhob sich ein dürftiger Wachholderbusch oder eine dürre Schilfkaupe über die verschneite Ebene, und nur der graublaue Streifen Hochwald, der sie umsäumte, trennte für das Auge die monotone Schneeflur vom schneebergenden Himmel. Weder ein Vogel noch ein anderes Wesen belebte die trostlos Gegend, wohl aber kreuzten viele Fährten des ersehnten Rothwildes das weite, weite Feld. Trabend durcheilten die Schecken die öde Flur, um jenseits den bergenden Wald zu erreichen, wo wir zuversichtlich Hirsche anzutreffen hofften, da gerade diese schlechtesten Kieferngegenden, die hier begannen, ihr Lieblingsaufenthalt für den Winter sind, weil hier das als Aeßung geliebte weiße Hirschmoos den dürftigen Boden in Ueberfluß bedeckte, sowie die Flechten an den kümmerlichen Föhren und unabsehbare Haidekrautstrecken ihnen sonst noch Nahrung boten. Und unsere Hoffnung sollte auch nicht zu Schanden werden, denn so wie wir uns dem vorgesetzten Ziele, dem Holzrande, näherten, machte mich der Pürschjäger auf einen tief im Stangenholze stehenden Trupp von lauter geweihten Hirschen aufmerksam. Wie pochte mir das Herz bei solchem Anblick! Näher und näher kamen wir, während der ganze Trupp, der, wie man nun schon unterscheiden konnte, aus meist starken, aber doch auch einigen schwachen Hirschen bestand, aufmerksam nach uns herüberäugte. Aber noch ehe wir den deckenden Wald erreichten und auf Schußweite hinankommen konnten, wurden die Scheuen, leicht dahintrollend, flüchtig. Rasselnd schlugen dabei ihre Geweihe gegen das Stangenholz das sie verließen, und nun ward die ganze Suite auf dem freien Plan, den sie angenommen, sichtbar. Es bot dies eine wahrhaft herrliche Erscheinung.

Die Gartenlaube (1865) b 829.jpg

Der Fall des Edlen.
Nach der Natur gezeichnet von Guido Hammer.

Stolz erhobenen Hauptes trollten die prächtigen Geschöpfe eine kurze Strecke im Freien hin, dann plötzlich auf einer sanften Erhebung des Bodens Halt machend, von wo aus darauf alle mit den nach uns gewandten Köpfen herüber schauten. Scharf und dunkel zeichnete sich die ganze Colonne, zehn an der Zahl, gegen die weiße Schneefläche ab, und der Wald ihrer Geweihe überragte hoch die tiefliegende Linie des fernen Forstes und streckte sich in den westlich sich klärenden, schon abendlich gefärbten Himmel. So erwarteten sie die Annäherung des Pürschwagens bis auf ungefähr dreihundert Schritte, dann aber warf sich der Eine der Stattlichen plötzlich [830] herum und nahm die ganze übrige Schaar mit sich fort. Zu meiner Beruhigung jedoch überschritten sie nicht die vor ihnen liegende weite Fläche, sondern nahmen vielmehr wiederum das schützende Holz an, das sie für den Augenblick der Beobachtung völlig entzog. Allein im Weiterfahren erblickten wir sie bald auf’s Neue, da sie sehr bald wieder Halt gemacht hatten. Nun war es vorerst Hauptaufgabe, die Regegewordenen geschickt anzufahren, was durch den bewanderten Pürschjäger vortrefflich gelang.

In weitem Kreise ausholend näherten wir uns unmerklich mehr und mehr, so daß sie, nun arglos geworden, ruhig aushielten. Schon waren wir in solcher Weise fast schußgerecht hinangekommen und beabsichtigten nur noch einen alten Weg zu gewinnen, von wo aus sie dann so sicher zu beschießen waren, daß man einen glücklicken Erfolg hoffen durfte, auf den es heute ja ganz besonders ankam, da der kurze Tag bereits zur Neige ging und kaum zu erwarten stand, gelang es hier nicht, an diesem Tage überhaupt noch Etwas auszurichten. Deshalb mußte ich meiner Ungeduld Zügel anlegen und in fieberhafter Aufregung verharren, bis wir das erwähnte Geleis erreicht hatten. Indeß noch ehe dies geschehen konnte, wendete sich zu meinem Schrecken plötzlich der ganze Trupp wieder und zog langsam abermals der Blöße zu. Schnell, aber leise und unbemerkt glitt ich vom Wagen herab, um, wenn die Gelegenheit sich günstig gestalten sollte, sofort schußfertig zu sein. Denn wirklich blieben die vertraulich gewordenen Hirsche sehr bald noch einmal am Rande des Holzes stehen, gerade als der Pürschwagen, hinter dem ich ohne Aufenthalt hergeschritten war, in gemessenster Schußweite an dem Trupp vorüberfuhr.

Diesen Moment benützend, blieb ich hinter einer alten übergehaltenen Kiefer stehen, während der Pürschwagen langsam weiter rollte und die Geweihten demselben neugierig nachäugten. Raschen Blickes und dabei die Büchse bereits am Kopfe haltend, hatte ich inzwischen den Schwächsten unter den Stattlichen ausgespäht, der mir auch glücklicherweise so halbwege, wenn auch etwas spitz, schußgerecht stand. Mit Gewalt meine Aufregung für die nächsten Augenblicke niederkämpfend, zielte ich möglichst ruhig und berührte fast schon den Abzug der gestochenen Büchse, das vernichtende Blei zu entsenden, als in diesem Moment ein starker Hirsch ein paar Schritte vorwärtszog und dadurch den Todescandidaten deckte. Schon lenkte ich dennoch, um keine Zeit zu verlieren, das verderbenbringende Rohr auf einen andern, etwas ferner stehenden Sechsender, als der Störer noch um eine Körperlänge elastischen Ganges weiter schritt und den Ersterwählten wieder frei werden ließ. Im Nu hatte ich denselben von Neuem auf dem Korn und ohne zu säumen gab ich Feuer. Das Zeichnen des Hirsches, sowie der hörbare Kugelschlag bewiesen mir, daß ich nicht gefehlt hatte, und meinem Abkommen nach mußte die Kugel auch gut sitzen. Doch in vollster Flucht folgte der Getroffene dem fortstürmenden Trupp und rasselnd und brechend gingen die Gesprengten durch die Stangen der unabsehbaren Brandfläche zu. Glücklicherweise konnte ich, da mein Stand an der Spitze des Holzes war, die ganze weite Strecke ungehindert übersehen und in Folge dessen die beschossenen Hirsche genau beobachten.

Dahin tosten sie, die Geängsteten, im tollsten, entfesseltsten Lauf, den angeschossenen Genossen unaufhaltsam mit sich fortreißend. Aber kaum hundert Schritte weiter hin packte den Schwergetroffenen plötzlich der Tod, daß er, weit nach vorwärts schießend, jählings zu Boden stürzte, und über ihn hin ging nun der erschreckte Troß, in gewaltigen Sätzen den Erlegenen überfliegend. Dumpf dröhnend hörte man die wie vom Sturmwind Gejagten über den harten verkohlten Boden hinrasen, und der lockere weiße Flaum, der jetzt die gewaltige Feuerstätte eines frühern Waldbrandes deckte, umhüllte, durch das rapide Eingreifen so vieler stahlsehniger Läufte emporgewirbelt, die Dahinbrausenden mit einer dichten Nebelwolke. Kaum konnte das Auge den Angstbeflügelten folgen, und in kaum denkbar kurzer Frist verschwanden die Flüchtigen in dem schützenden Walde, der als duftverschleierter blauer Streifen jenseits der nackten Oede sich erstreckte. Einsam lag der Geschossene auf dem weiten, weiten Schneefelde, das der Verendende in seiner unmittelbaren Nähe mit seinem Schweiße purpurn färbte. Noch einmal hob er das gekrönte Haupt, wie um sich aufzuraffen, doch zur Erde sank es kraftlos wieder, wo es der tiefe Schnee mit weichem, kühlem Flaum umschloß. So hingestreckt, ohne jegliche Regung, lag der verendete Edle da, während hoch über dem auf mächtigem Leichentuch Gebetteten ein langer Zug Krähen in trägem Fluge ihren Ruhestätten zusteuerten und dabei mit lärmendem Geschrei gleichsam den Grabesruf für den königlichen Todten herabkrächzten. Sonst herrschte ernstes, feierliches Schweigen ringsumher, der ganze Wald schien mitleidsstumm über den Gefallenen zu trauern – das Ganze bot ein Bild tiefer Wehmuth dar.