Eine Geschichte aus Westfalen

Textdaten
Autor: Malvina von Humbracht
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Titel: Eine Geschichte aus Westfalen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 651–654
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine Geschichte aus Westfalen.


Mit dem nordwestlichen Zuge des Teutoburger Waldes läuft in paralleler Richtung die Mindensche Bergkette. Die blauen Linien ihres Höhenzuges durchschneiden, vom linken Weserufer ausgehend, weithin Westfalens Land und ziehen sich gen Osnabrück. Sie umkränzen blühende Landschaftsbilder und Stätten von historischer Bedeutung. An ihr reich gesegnetes Gebiet grenzt aber ebenfalls sehr oft ein ödes, düsteres Moor und eine baumlos kahle Haide, wo nur der Ginster wächst und die einfachen Blüthen der Erika den braunen Boden schmücken. Dennoch ist dieses öde, unfruchtbare Haideland nicht gänzlich unbewohnt. „Die Senne“ bei Bielefeld, wo im dreißigjährigen Kriege die Schweden von dem kaiserlichen Heere geschlagen wurden, wo sechszehn Jahrhunderte vordem schon die berühmte Schlacht zwischen den Römern und Deutschen unter Arminius ihren blutigen Schauplatz hatte – dieses alt-historische Terrain ist zur Zeit und seit langen und vielen Jahren bereits die Heimath der Besenbinder und Mattenflechter. Die Ansiedler in den übrigen Haiden Westfalens ahmen mit lobenswerther Energie denen der großen Bielefelder Senne nach und verdienen sich ihr Brod mühselig durch den rauhen, schlichten Wuchs jener unfruchtbaren Districte. – Noth und Armuth hatten die ersten Bewohner der Haiden einstmals sicher einzig und allein veranlaßt, dort sich ihre Hütten mit dem landesüblichen Strohdache zu erbauen. Einmal aber heimathberechtigt auf der kahlen Scholle, pflanzte selbst dieses trostlose Heim auf Erden jenes wunderbare Gefühl fester Anhänglichkeit in ihre Seele, das in dem Boden wurzelt, wo unsere Wiege gestanden und wo unser Herz seine ersten Eindrücke empfing.

Charakteristisch und bezeichnend für die Stärke dieses Gefühls ist der oft beobachtete Umstand, daß unter den hunderten von Auswanderern, die ein Schiff so oft über den heimathlichen Weserstrom gen Bremen trug, trotz der glänzenden Versprechungen der Agenten selten, sehr selten die sogenannten „Haidelüe“ und „Törfer“ (die Anwohner aus Haiden und Mooren, wo der Torf gestochen wird) bemerkt wurden.

Die „goldenen Berge“ der Herren Agenten regten die Haideleute wenig auf. So verächtlich der beredte „Herr Agente“ auf die Stube, auf den über dem Herdfeuer baumelnden Kessel geblickt, so zärtlich schauten sie auf beides, das ihnen lieb und gewohnt war seit Urgroßmutters Zeiten, und freundlich aber fest entgegneten Alle, bis auf einzelne wenige Ausnahmen: „Nö, Härre, nämme Sä es us nich vor übel, aber wä blieve doch lieberst hier; wä häbbe nu eimal nich’s abbekriegt vum Amärikafiever.“ –

[652] Aehnlich festgekettet an Scholle und Erde sind in Westfalen die großen Hofbesitzer, die „reichen Bauern“. Sie lockte und verlockte auch kein „Herr Agente“. Sie, die in den Ebenen des Teutoburger Waldes und in den Thälern der Mindenschen Bergkette ihr Heim besaßen, ihre gesegneten Feldfluren und Wiesen ihren Eichenkamp und ihr Torfmoor, sie hingen ebenso fest und treu am Lande der rothen Erde, wie jene Armen, denen dieser Boden nur Binsen und harte Reiser bot.

Sehr reich – und sehr sparsam zugleich – war auch der große Bauerngutsbesitzer Wedemeier, dessen Hof in der lachenden und herrlichen Ebene liegt, wo die Mindensche Bergkette sich zu den flachen Grenzen des Osnabrückschen Landes hinzieht. Fast überall von dieser Ebene aus sieht man die Thürme des alten Bisthums Osnabrück aus dem Thale der Hase aufragen, sieht weit hinein in blühendes und gesegnetes Land, auf zahllose Dörfer, Häuser und Hütten. Die Hauptberge Westfalens, über deren Boden reiche historische Erinnerungen an Wittekind und seinen argen Feind hinfluthen, begrenzen jene Ebene mit. Da ist die Kuppe des Reinebergs bei Lübbecke, wo noch die alten Linden grünen, auf den Trümmern von Wittekind’s verfallener Königsburg. Weiterhin ragt der Limberg mit seiner Ruine auf, aus deren epheuumsponnenen Thurmfenstern noch von Zeit zu Zeit „das perlengeschmückte und schleierumflossene Haupt von Prinzessin Wittekind“ auftauchen soll. Und zu Füßen dieses alten Burgberges liegt in tiefem Waldesdunkel Krollage, das Stammhaus eines der ältesten Adelsgeschlechter Westfalens, erbaut an der Stätte, wo Karl der Große einst sein Feldlager aufgeschlagen hatte, um droben in der Burg nun sicher seinen alten, ihm so oft entschlüpften Feind, den Sachsenherzog Wittekind, zu fangen.

Daß es zu diesem glänzenden Abschluß einer Kriegsfehde nie gekommen ist, darauf sind die Bauern Westfalens noch so stolz, als hätten sie in eigener Person und nicht ihre Vorfahren den Anschlag verhindert und Kaiser Carolus überlistet.

Jedenfalls hat dies aus jenen alten Bauerhöfen noch zur Zeit übliche Berauschen an Held Wittekind’s zäher Widerstandskraft Einfluß auf die Charaktere. Der Dichter nennt die Menschen dort „stark wie die Eichen ihrer Wälder“; manche Hofmutter, die unter ihres Eheherrn Starrsinn zu leiden hat, sagt kopfschüttelnd „Däs macht dä Abkunft von dem König Weking“, und am wenigsten poetisch fassen die armen Haideleute und Törfer die zähe Stärke der Reichen auf, von der sie – wie es heißt – ein Liedchen zu singen wissen. Die flüstern leise: „Sä sind struppig un borstig wie unsere härtesten Reiser in der Haide.“

Die Haide, von welcher der reiche Bauer Wedemeier seinen festen, störrischen Sinn entlehnt haben sollte, grenzte gen Westen wenigstens nahe genug an sein Gebiet, um von ihrem rauhen Wuchs profitiren zu können. Dieses lief da in einem üppigen, reich bewässerten Wiesengelände aus, dessen fette Halme mancher vermagerten Haideziege heimlich aufhalfen.

Diese Haide, wie so oft in Westfalen angrenzend an gutes Bodenland, dehnte sich fast zwei Stunden weit hin. Sie war ebenfalls von vielen Armen als Heimathstätte erkoren. Ginster und Binsen wachsen da besonders gut, und die Striche sumpfigen Moorlands, „Bruch“ geheißen, die vielfach die braune unfruchtbare Strecke durchschneiden, liefern das Feuerungsmaterial, den Torf, billiger. Wo nun aber gar, wie eine Oase in der Wüste, in jener Haide dürrem Boden ein Stückchen Grün aufsproßt, da scheint’s den armen Leuten, als sei Gottes Segen extra für sie vom Himmel niedergefallen. Und auf diesen kleinen Flecken frischen Grüns, vor denen Naturforscher und Geologen oft grübelnd über das Räthselhafte des Ursprungs stehen, da finden sich, unbekümmert um dieses „Woher“, in freundschaftlichem Uebereinkommen alle Ziegen und Hühner der Insassen der umliegenden Lehmhütten zusammen. Dahin flüchten der Kiebitz und die Moorente in des Hungers ärgster Bedrängniß ebenfalls. Oft kahl abgefressen an einem Tage, setzt gleichsam über Nacht sich wieder Halm an Halm, und dem denkenden Geist, der dieses Wunder betrachtet, will’s erscheinen, als ginge es mit diesen Oasen ähnlich zu. wie mit den sieben Broden und Fischen, von denen die Bibel berichtet.

Noch einen Reiz und Zauber hat die Haide: Sinkt Abends die Sonne mit glühend rothem Licht an ihrem dunklen Saume nieder, dann ist das öde Land nicht selten mit einem gleichen Reiz umwoben, wie das endlos weite Meer mit seinem farbenleuchtenden Meeresspiegel. Um diese Stunde stehen und sitzen alle die stets vor den Thüren ihrer Hütten, die meist den Tag über in dumpfiger Stube Binsen zu Matten verflechten und Besen binden. Die Purpurflammen, die goldumsäumten Wolkengebilde zu betrachten die mitunter wie eine farbenglühende Fata Morgana über den kahlen Boden hinziehen – das ist der Haideleute Zerstreuung, und diese prachtvollen, glänzenden Himmelsbilder sind ihre Entschädigung für viele Armseligkeit der Erde.

Ernst, sinnend sieht man sie da stehen auf dieses spröden Bodens einsamer Scholle, verharrend dort, bis der letzte Lichtschein verglühte und der Abenddämmerung Schatten die Fernen des Himmels und der Erde in unbestimmten Umriß zusammenweben. Wer solche Abendstunden in der Haide verlebte, der meint den Zauber zu kennen, der ihre Bewohner wie mit Ketten an die Scholle bindet. Niemand aber beobachtete wohl die Leute, ohne auch die Erkenntniß mit von hinnen zu nehmen, daß sie ein Glück, ein Gut besitzen, nach dem der Reichste oft vergebens strebt: die Zufriedenheit.

Mit dieser Zufriedenheit geht nicht selten eine tiefe, wahre Frömmigkeit Hand in Hand, ein Glaube, von dessen Macht und Stärke die Worte zu gebrauchen wären: „er vermag Berge zu versetzen“.

Wo des reichen Hofbauern Wedemeier ausgedehntes Moorgebiet, der „Düsternbruch“ genannt, der reiche Torfausbeute liefert, mit seinem dunkeln Saum an das Wiesenland stieß, da hatte er, gleich wie im Felde die Marksteine gesetzt werden, eine Baumreihe als Grenze pflanzen lassen. Eine Baumreihe! – Der reiche Mann konnte, wie die Armen mit Genugthuung dachten, auch nicht Alles erreichen, was er wollte. Die sich überall und leicht einbürgernde Weide kam dort am Moore nur krüppelhaft fort, und die Buchen zeigten einzig ein faserig auslaufendes Gestrüpp. Es war demnach nur eine Hecke geworden, und hätte nicht hier und da das verwehte Samenkorn einer wilden Winde Wurzel gefaßt und ihre weißen und rosa Blüthen, ihre üppigen Ranken jene klägliche Pflanzung geschmückt, die Hecke hätte einen noch elenderen Eindruck gemacht. Wie aber auch diese Idee des reichen Mannes verunglückte, er sagte ruhig zu den Haideleuten: „Als Fingerzeig genügt der Wuchs, und Ihr habt Euern Kindern nun zu lehren: ,Dahinter liegt eines fremden Mannes Land, das ihr mit euern Ziegen zu respectiren habt.'“

Die Haideziegen sind wie die Hunde. Sie laufen den Kindern nach, die nach dem langhalmigen Ginster und der Palmenbinse suchen, die vorzugsweise gut am Moorrande wächst und sich am besten zu Matten eignet. Reiser von den Büschen zu schneiden, hatten die Kinder Erlaubniß, und da Ginster und Binsen des Düsternbruchs ihre Berühmtheit hatten, so war der Strich des Haidelandes nicht nur von ihnen besonders frequentirt, auch alle gewiegten Besenbinder der Gegend suchten dort ihr Material.

Wehe aber dem, der unter den Binsen- und Ginsterhalmen je einen Vorrath Gras barg, das er der nahen Wiese entnommen hatte – trotz des Fingerzeiges der Grenze! Noch übler daran waren freilich die, deren naschhafte Ziegen die Hecke durchbrachen und auf des reichen Mannes großer Wiese so unbekümmert weideten, wie auf ihren kleinen heimathlichen Oasen. Da tobte und wetterte der reiche Bauer nicht allein – das letzte seiner Rede war auch stets: „Ich gebe Euch der Gerechtsame genug auf meinem Grund und Boden, und braucht Ihr mehr, so hat Staat und Gemeinde für Euch zu sorgen, die auch für mich und meine Klage da sind.“ Die armen Haidebewohner pflegten von diesen beiden Hinweisen auf irdische Hülfe in jenen Stunden der Noth, wo das Gericht sie schon am Zipfel hielt und die Strafe sie bedrohte, mit sehr verständlichem, vielsagendem Augenaufschlag auszurufen: „Gott im Hämmel die Gemeine, un nu gar dä Staat!“, daß mancher ernste Richter kaum seinen Ernst dabei bewahren konnte.

Die Strafe selbst war aber immer eine ernste Sache und Pfändung des Verurtheilten nicht selten ihr Endziel. Der reiche Hofbauer ließ in solchen Fällen dem äußern Anschein nach ruhig die beste Habe einer Haidehütte: „Bett oder Ziege“, über seine Wege und seinen Hof führen. Wußte er doch so sicher, wie das Amen dem Gebete folgt, nun werde seine Anne-Marie Körbe voll Lebensmittel und Milch in Hülle und Fülle täglich zur beraubten [653] Hütte schicken oder sie werde ihre ersparten Thaler aus der Truhe nehmen, um der eingetretenen Noth noch gründlicher abzuhelfen.

Ihm kam’s in diesen Fällen auch nicht darauf an, einen Fünfundzwanzigthalerschein seiner Casse zu entnehmen und freundlich zu sagen: „Wenn Dein’s nicht reicht, Anne-Marie!“

Theuer, sehr theuer waren für ihn solche Verklagungen sammt den Folgen, aber – davon abgestanden hätte er um die Welt nicht. „Recht muß Recht bleiben“, lautete sein Grundsatz, „und bestehlen lasse ich mich nicht“, wiederholte er stets.

Der reiche Hofbauer, der sich nun so ungern das Geringste auf unredliche Weise nehmen ließ, wurde in dem harten Winter vor mehr denn zwei Decennien fast jedes Mal bestohlen, wenn Backtag auf seinem Hofe war und die Brode zum „Doppelbacken“ in dem Ofen lagen. Der Backofen bildet, wie dies auf allen großen Bauernhöfen der Fall ist, sein Häuschen für sich. Er ist bis in seine mächtige Tiefe hinein angefüllt mit jenen kolossalen Broden im Gewicht von zwanzig bis vierundzwanzig Pfunden, die „Pumpernickel“ heißen; um völlig durchbacken zu sein, liegen sie auch die Nacht im Backofen.

Manches war bereits auf den Feldern des reichen Mannes gestohlen. Es war in seinen Torfgruben heimlich gestochen und aus seinem Walde nicht selten Holz geholt worden. Auf seinem Hofe aber, wo zwei riesige Dorfrüden, der berüchtigte wilde „Tyras“ und sein Gefährte „Pascha“, Wache hielten, da war, obgleich die Pforte im Lattenzaun der den Hof umgrenzte, stets nur eingehakt und nie verschlossen wurde, noch nie etwas vermißt worden.

Die Hunde, jetzt allerdings zehn Jahre alt, bisher aber so ausgezeichnete Wächter, schienen demnach nicht mehr tauglich oder der Dieb war ein Bekannter von Beiden. Dem Bauer Wedemeier war Eines so unangenehm wie das Andere, und um jeden Preis wünschte er die Sache aufgeklärt zu sehen. Seine Frau, die ihm schon das Fehlen des ersten vermißten Brodes nicht verschwiegen hatte, meldete auch das Stehlen der anderen, und er entgegnete jedes Mal: „Du schweigst zu Deinen Mägden darüber. Der Dieb soll ganz sicher gemacht werden, jedoch ehe das Dutzend voll ist, habe ich ihn – darauf verlasse Dich!“

In der achten Woche, die in die letzte Decemberhälfte fiel, stellte er sich endlich auf Lauerposten. Sein treues Weib, das ihren alten Brausekopf nicht allein in der gefährliche Situation wissen wollte, schlich ihm nach. Sie stellte sich, wie bisher im Leben, so auch in dieser, wie sie annahm, sicher sehr ereignißreichen Nacht, treu an seine Seite, und er ließ sie gewähren. Sie harrten vergeblich. In dieser Nacht blieb der Backofen unangetastet von fremder Hand. Zitternd und bebend vor Kälte krochen sie beim Morgengrauen, als der Großknecht in die Scheune, die Milchmagd zum Melken ging, in ihr Bett. Nun war der Tag angebrochen; Leben und Leute waren auf dem Hofe. Wer sollte da noch stehlen! Wie weich auch jenes Lagers Federn, und wie gesegnet auch Beide sonst mit dem festen Schlafe des Gerechten, in dieser Nacht oder vielmehr in dieser Morgenfrühe kam kein Schlaf in ihre Augen; der Fehlschlag kränkte, ärgerte sie. Ihn quälte der Gedanke: „bist du umsonst bestohlen?“ Sie seufzte bedrückt über die bösen, bösen Zeiten, wo man sich nicht einmal mehr auf sein eigenes Gesinde verlassen könne. Nicht einmal der Lieblingstrank der späteren Lebensjahre, der Morgenkaffee, schmeckte an dem Tage Mutter Anne-Marie und ihrem Caspar.

Seine Energie lähmte der eine Fehlschlag aber nicht, und auch ihre Treue bewährte sich von Neuem.

Am nächsten Backtage stand der reiche Bauer in der Nacht abermals auf dem Lauerposten. Gut verborgen stand er hinter einer Schicht von frisch gefälltem Holze in der Nähe des Backofens, und etliche gegen den Lattenzaun aufgerichtete Bohlen schützten ihn davor, vom Fußpfade aus gesehen zu werden, der hinter dem Gitter an einer Wiese, dem Weideplatze für das Federvieh des Hofes, entlang führte.

Als der letzte Lichtschein in den Mägdekammern erloschen war und Haus und Hof im Dunkel und Schweigen der späten Abendstunde lagen, da schlich auch Mutter Anne-Marie hinter den Holzstoß an die Seite des Ehegemahls, der finsterer und böser aussah, als acht Tage zuvor, und seine sehnige Faust mit bedrohlicher Energie auf seine gute Flinte stützte.

Der Abend, anfangs tief dunkel, hellte sich beim Sternenlicht mehr und mehr auf, und die anbrechende Nacht wurde immer klarer, aber auch empfindlich kalt. Tiefe Stille, lautloses Schweigen herrschten, und das einzige Geräusch machten die wie Patrouillen langsam das Hofgebiet umschreitenden Hunde.

Plötzlich, als vom unweit gelegenen Dorfe her die heisere Thurmuhr die Mitternachtsstunde verkündete, da mischte sich mit diesen letzten Schlägen ein leises Pfeifen. Es war noch fern. Es klang ganz eigenartig und so geisterhaft, wie wenn der Nachtwind durch geschlossene Föhrenlinien streift. Dazwischen ächzte es leise, wie ein Käuzchen schreit. – Die beiden Hunde standen wie gebannt inmitten des Hofes; dann sprangen sie leise winselnd mit schnellen Sätzen nach der Pforte hin, die auf den Fußpfad führte.

Das Pfeifen klang bald näher, der Ruf des Käuzchens heller; jetzt rief auch eine Stimme vom Wege sanft und schmeichelnd: „Tyras, Pascha!“

Die Hofthüre wurde dabei geöffnet – die Hunde liefen heraus. Beider Namen, unablässig so sanft und schmeichelnd gesagt, schienen wie ein Zauberbann zu wirken; lautlos lagen sie zu Füßen einer Frauengestalt, die draußen verharrte. Sie war hoch und schlank gewachsen, nur dürftig bekleidet – mindestens durch nichts gegen die winterliche Kälte geschützt. Die beiden Lauschenden konnten die Umrisse dieser Gestalt ganz deutlich erkennen – sie zeichnete sich scharf von dem weißen, reifbedeckten Weideplatze ab, auf den sie eben getreten war und mit leisem Schmeichelwort die Hunde nachgelockt hatte, die nun wiederum zu ihren Füßen kauerten, sich fest anschmiegend an die schlanke Frau. Plötzlich wandten sie sich knurrend um – ein Mann kam näher; sie sprach wie flehend zu den Thieren: „Pascha, Tyras – er ist’s ja,“ und sie lagen beschwichtigt, lautlos wieder neben ihr, wie wenn sie vollkommen gut wüßten, auch ihm sei zu trauen.

Fester faßte jetzt der Hofbauer seine Flinte, dichter an ihn heran trat sein Weib und blickte sorgenvoll in sein finsteres Gesicht. Sie sah, wie es in diesen wettergebräunten Zügen zuckte, wie er seine ganze Kraft und Energie aufbot, um nicht jetzt schon hervorzustürzen und die Leute zu fassen, die seine Hunde verdarben. Er bezwang sich aber und wartete. Sie kamen jedoch nicht.

In athemloser Spannung verharrten der Hofbauer und sein Weib hinter dem Holzstoße – die Stille blieb eine ungestörte; kein Schritt nahte sich. Vorsichtig näherten sie sich dem Zaune und lugten hinaus. Welch ein seltsames Bild bot sich ihnen! Auf dem reifbedeckten Grasboden knieeten die beiden Gestalten. Der Mann hatte seine Mütze abgenommen und Haupt und Hände gen Himmel erhoben. Der Kopf der Frau war tief gebeugt und ihre zum Gebet verschlungenen Hände berührten fast die Erde; regungslos standen die beiden großen, schwarzen Hunde neben den Knieenden.

Da plötzlich sprach der Mann laut und vernehmlich:

„Gott, Du Allwissender, Dir ist bekannt, daß wir im Begriff stehen eine neue Sünde auf unsere Seelen zu laden. Vergieb sie uns in Deiner Barmherzigkeit! Vergieb sie uns wegen der großen Noth, die wir und unsere Kinder erleiden! Halte schützend über uns Deine starke Hand, daß unser Vorhaben gelinge und das Brod des reichen Mannes noch einmal der Segen der Armen und Hungrigen werde! Ja, Gott Vater im Himmel, nur noch dieses eine Mal werden wir uns gegen Dein Gebot auflehnen. Nur noch heute Nacht. Wir können nicht weiter wandeln auf diesen Wegen des Unrechts und der Gefahr. Deine Allmacht, Deine Güte muß sich unseres Elends erbarmen. Sende Rettung, o Herr – sende Hülfe! Der Wege und Mittel hast Du ja Tausende, Deinen Kindern beizustehen, und wir, wir sind Deine Kinder trotz unserer Sünde. Du, Du allein bist unsere Zuflucht. Laß uns nicht länger vergeblich harren auf Deine Gnade! Amen.“ –

Der Mann erhob sich. Die Frau, die leise und bitterlich während der letzten Sätze des Gebets geweint hatte, sprang empor und hielt ihn fest: „Nein, nein,“ rief sie flehend, „laß mich’s heute thun! Dich hat es ja fast umgebracht, und ich habe heute wieder die Kraft, den Riegel fortzuschieben.“

Sanft schob er sie auf die Seite.

„Matthias,“ sprach sie dringender, „Matthias, ich lasse Dich heute nicht in den Hof; ich sagte Dir von meiner innern Angst – ich –“

„Ich weiß, daß ich Sünde thue. Gott wird mir’s verzeihen,“ sagte er leise.

Nun hielt sie ihn nicht mehr. Sie kniete wieder nieder, [654] und ihre Hände umfaßten die beiden Hunde, welche dem Manne folgen wollten.

Wenige Augenblicke später hatte er auch schon den Ofen geöffnet. Keine Hand wehrte es ihm; kein Zuruf hemmte ihn. Dann wurde der Ofen wieder geschlossen, der Hof verlassen; die Hunde wurden freigegeben; die Lattenthür wurde festgehakt.

Der Bauer und sein Weib regten sich nicht. Er hatte die Flinte bei Seite gestellt, sich niedergesetzt auf einen Holzblock und den Kopf mit beiden Händen gestützt; sie kniete neben ihm am Boden und hatte das thränenüberströmte Gesicht in ihrer Schürze geborgen. Jetzt hob sie das Haupt – sie horchte; sie lauschte den in der Ferne verhallenden Tritten der Beiden, die durch die stille sternenklare Nacht ihren Weg gingen.




Auch in dieser Nacht schliefen der Hofbauer und sein Weib nicht. Sie suchten nicht einmal ihr Lager auf. Sie gingen von Kammer zu Kammer und öffneten Truhen und Spinde, um zusammenzuraffen, was sie konnten die Noth Derer zu lindern, die Gott um Hülfe, um Erbarmen angerufen hatten. Es waren arme Haideleute, und sie kannten Beide. Sie dienten in ihrer frühen Jugend auf dem Hofe, dann waren sie ein Paar geworden. Es war eins der Bündnisse, von denen man in der Umgegend der Haiden zu sagen pflegte: „Noth und Elend reichen sich die Hand.“ Sie thaten Beide, was sie konnten, sich redlich zu ernähren, jedoch die Mäulchen, die nach Brod riefen, mehrten sich bei ihnen zu rasch, und ihr Unglück wurde noch größer, als sie den Verlockungen eines amerikanischen Agenten folgten. – Erst in der Ferne sahen sie ein, daß alle Vorspiegelungen Lug und Trug gewesen, und wie Gnade des Himmels erschien es ihnen, als sie nach einigen Jahren, durch Verkettung von Umständen, in die heimathliche Haide zurückkamen. Krank, arm, zerlumpt kehrten sie zwar heim – entblößt von Allem, aber dort in der Heimath halfen ihnen die Nachbarn; dort spendete namentlich der reiche Hofbauer ihnen Hülfe. Wegen eines Anerbietens, das sie ausschlugen, kamen sie später mit ihren Wohlthätern auf gespannten Fuß, und die anfängliche Spannung artete bei des Hofbauern Heftigkeit in Feindschaft aus, als er seiner ehemaligen Dienstboten Anhänglichkeit an die Haide sah, die er ihren Verderb nannte. Er verbot sogar seiner Anne-Marie, diesen törichten Leuten heimlich Hülfe zu spenden; er dachte auch, die Noth würde sie schon zu ihm zurückführen. Das geschah nicht; es geschah sogar in dem harten Winter nicht, wo Krankheit über Krankheit in den elenden Haidehütten ausbrach. Da plötzlich hörte die Hofmutter, daß ihre frühere Magd dem fünften Kinde das Leben gegeben, sehr krank sei und die Noth ihren Höhepunkt erreicht habe. – Sie wollte nun in die Haide. Eine heftige Erkältung und die Broddiebstähle auf ihrem Hofe ließen sie nicht dazu kommen Wie bitter bereute sie nun dieses Unterlassen, als sie die sogenannte „Binsen-Ilse der Haide“, die kranke Wöchnerin in der Nacht an der Pforte ihres Hofes sah – als sie einen Blick in das Elend that das die ehemals redlichsten und fleißigsten Menschen zum Diebstahl getrieben!

Auch der Hofbauer war auf’s Tiefste erschüttert. Er hätte für diese „Binsen-Ilse“ und deren Mann, trotz aller Feindschaft, die Hand ins Feuer gelegt und tausend Eide für ihre Ehrlichkeit auf’s Gewissen genommen. Und nun!? – Ruhe kam erst wieder über ihn, als er mit dem ausreichendsten Beistand und den besten Vorsätzen zur Haide fuhr: er wollte die Noth Derer für immer lindern, die am Thore seines Hauses Gott um Erbarmen gebeten hatten.

Menschenhülfe kam zu spät. Aller Erdennoth waren die Armen sammt ihren Kindern entrissen, als der Hofbauer und sein Weib die Hütte betraten. Sie fanden dort nur Leichen und ein mit dem Tode ringendes Kind.

Der Ausspruch der Aerzte lautete nach der Section des neugeborenen Kindes: „Aus Mangel an Nahrung gestorben,“ bei den andern Leichen: „Tod durch zu heißes Schwarzbrod.“ In festen Klumpen zusammengeballt fand sich’s in den Magen der Unglücklichen, die der Hunger zu der schädlichen Speise getrieben.

Das älteste, mit dem Tode ringende Kind, ein Mädchen, wurde dem Leben zurückgegeben und fand seine Heimath auf dem Hofe des reichen Bauern. Sie wurde für die alternden Leute, was die kleinen rosigen Winden in der struppigen Hecke der verunglückten Haidegrenze waren: ein Schmuck – ein Schmuck ihres Lebens und Herzens.

M. von Humbracht.