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Titel: Ein windiger Handwerksgeselle
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aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 109-112
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[109]
Ein windiger Handwerksgeselle.
Die Druckluft im kleinen Gewerbebetrieb.
Von A. Bürkner. Mit Abbildungen von Willy Stöwer.


Wer ein Fläschchen mit wohlriechendem Wasser zur Hand nimmt und den Gummiball daran mit Daumen und Zeigefinger preßt, um dem zierlichen Glase einen Staubregen zu entlocken,


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Druckluftbetrieb einer Tischlerwerkstätte.


denkt wohl kaum daran, daß die Kraft, welche er spielen läßt, auch zu gewaltigen Arbeitsleistungen benutzt werden, Maschinen in Fabriken treiben und Lasten auf Schienen weiter befördern kann.

Diesseit der Vogesen ist allerdings zur Zeit noch keine derartige Anlage von einigem Umfange in Betrieb, wohl aber in Frankreich und namentlich in Paris und dessen Umgebung; da läuft seit mehr als Jahresfrist zwischen Vincennes und Ville d’Evrard an der Marne entlang aus einer Strecke von 11 km eine Straßenbahn, welche statt durch Dampf durch Druckluft betrieben wird, während in Paris selbst, namentlich im Osten und im Centrum der Stadt, gegen zweitausend industrielle Anlagen ihren Lebensodem, die bewegende Kraft ihrer Maschinen, aus der Centraldruckluft-Anlage in der Straße St. Fargeau in Belleville


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Betrieb mittels Druckluftwerkzeugen.



beziehen. In Deutschland ist bisher die Stimmung der Errichtung von Druckluftanlagen in Städten nicht günstig gewesen; man wollte der Elektrizität die Zukunft ausschließlich vorbehalten und das Gute, welches die Druckluft schon jetzt überall zu leisten imstande ist, dem, wie man glaubt, Besseren: den künftig zu erhoffenden Leistungen der Elektrizität, opfern. So ist es zu erklären, daß augenblicklich Druckluftanlagen in Deutschland und Oesterreich noch nicht in Betrieb sind. Trotz der stark betonten Bedenken gegen die Einführung der neueren bewegenden Kraft geht man indeß nunmehr auch bei uns angesichts der augenscheinlichen und handgreiflichen Erfolge, welche der Oesterreicher Victor Popp in Paris mit dem nach ihm benannten Druckluftsystem errungen hat, daran, dasselbe von Paris zu uns herüberzuholen.

Fürth, das den Ruhm genießt, die erste Eisenbahn auf deutschem Boden errichtet zu haben, wird bald auch die erste Druckluftanlage in seinen Mauern sehen.

Die Hauptstadt des Deutschen Reiches schien schwieriger für die Sache zu gewinnen; man wandte sich daher zunächst an den größten Vorort Berlins, nach Rixdorf.

In diesem „Dorfe“ fand sich Verständniß und Entgegenkommen für die neue Idee; die Anlage einer Centralstation und die Verlegung der die Druckluft vertheilenden und vertreibenden Röhren in die Ortsstraßen sollten genehmigt werden, falls sich die über die Pariser Erfolge gemachten Angaben an Ort und Stelle bewahrheiteten. Eine Kommission war bald gewählt, ging’s doch nach Paris, nach welchem mancher der jetzigen Gemeinderäthe im Jahre 1870/71 als Wachtposten von den Höhen von Stains oder Pierrefitte sehnsuchtsvoll ausgeblickt hatte, ohne das böse schöne Seinebabel betreten zu dürfen!

Nach Paris! Um ein Uhr Mittags geht der Zug vom Anhalter Bahnhof in Berlin ab, am nächsten Morgen um halb neun Uhr passiert der Ankömmling in Paris die Schranken am Octroi; wenn er nichts Verzollbares bei sich hat, sitzt er bald im Einspänner, der ihn durch enge Straßen mit gewaltigem Wagenverkehr seinem Gastfreunde zuführt. Daß Paris mit feinen vielen engen, oft wenig sauberen Gassen und überhohen Häusern bei dem Fremden, bevor er die Boulevards entlang gefahren ist, die Notredamekirche, das Louvre und die Stadttheile am Triumphbogen gesehen hat, eine gewisse Enttäuschung hervorruft, ist schon oft bemerkt worden. Jemehr er aber von Paris sieht, desto mehr findet er, was ihm Anerkennung abnöthigt.

Also hinaus zur Rue St. Fargeau nach Belleville. Steile Straßen mit unansehnlichen Häusern führen hinaus nach Nordost; dort, nahe der Ringmauer liegt die Erzeugungsstätte der Druckluft, mit welcher Popp ein gewaltiges Stück der Stadt da zu unseren Füßen versorgt. 4000 Pferdekräfte sind es, welche die 16 Luftpumpen vor uns in Bewegung setzen. Wie die Lungen eines Riesen der Mythologie saugen sie in der Minute so und so viel Kubikmeter Luft ein, um sie den seitlich angeordneten wagrecht lagernden Eisenkesseln der Kompressoren zuzuführen. Damit die Kehle des Riesen nicht heiß und trocken wird, sorgt ein Spritzapparat dafür, daß es jedem dieser gewaltigen Athemzüge nicht an einem guten Tropfen fehle; bescheiden nimmt der Riese mit Pariser Wasser vorlieb.

Dort oben ist dies freilich etwas knapp, und so hat sich Popp bald nach einem bequemeren [110] Platz unmittelbar am Ufer der Seine umgesehen; er liegt ein Stück der Ringmauer entlang bergab, am Quai de la Gare, wo zwei Riesensäulen von je 50m Höhe das Entstehen gewaltiger Dampfanlagen verkünden. Am 1. Mai d. J. wird diese zweite Station, mit 8000 bis 10 000 Pferdekräften ausgestattet, eröffnet werden, ein gewaltiger Erfolg nach etwa dreijähriger Wirksamkeit des „Systems Popp“ in Paris.

Von Belleville nach den „Egouts“! Das sind die Kanäle von Paris, die Kellerstraßen, die unter den Boulevards sich hinziehen, hoch, geräumig, sauber, daß es ein Vergnügen ist, darin zu wandeln. Diese unterirdischen Kanäle sind in erster Linie allerdings zur Aufnahme der Abwässer der Stadt bestimmt, aber vorsorglich hat man daran gedacht, in diesen Bauten auch Raum für andere Zwecke zu schaffen. Da liegen die mächtigen Rohre der Wasserleitung, an den Wänden befestigt, und neben allerlei Kabeln elektrischer Anlagen die etwa gleich - ungefähr 30 cm - starken Röhren der Gas- und der Druckluftleitungen.


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Die Druckluft als Triebkraft der Nähmaschine


Von den Kompressoren der Rue St. Fargeau wird die Druckluft in diese Röhren getrieben und unter der nöthigen Spannung gehalten. Darin zieht sie unter den großen Boulevards durch, bis zum Eintrachtsplatze, um über die Uferstraßen der Seine am Louvre entlang zurückzukehren.

Ueberall sind Anschlüsse. In Bleirohrabzweigungen tritt die Druckluft in die Häuser ein. Ihr Hauptzweck, dem Kleinbetrieb zu dienen, nöthigt sie oft, hoch in die Häuser emporzusteigen; die Bleirohrleitungen folgen gefügig allen Sonderbarkeiten, welche Pariser Korridore und Treppenhäuser darbieten, und als guter Kamerad tritt die Druckluft ebenso ein in die glänzenden Salons des Heilkünstlers in der Rue des Pyramides, welcher Asthmatikern Bäder mit 1 1/2 Atmosphärendruck in prächtigen Kabinen darbietet, wie zu dem Tischler, der im dritten Stock in der Rue Portefoin, an der Ecke der Rue du Temple, aus dem Holze der wilden Kastanie Kruzifixe herstellt. Der Tischler ist nicht so zurückhaltend wie die Geschäftsführerin des Arztes; er ist ein Schweizer und heißt Burkhardt; er begrüßt uns als Landsleute, mit denen er wieder einmal deutsch sprechen kann, und so ist Gelegenheit vorhanden, reichliche Auskunft zu erhalten.

Herr Burkhardt ist einer der ältesten Abonnenten; er ist seit drei Jahren an die Druckluftleitung angeschlossen und hat seinen Entschluß nicht zu bereuen; denn, während er anfangs nur einen Motor von einer halben Pferdekraft besaß, hat er sich bald einen zweiten größeren von einer Pferdekraft angeschafft, dem er seit kurzem einen dritten mit zwei Pferdekräften zugesellt hat. Die erste Anlage nebst dem kleinsten Motor hat 700 bis 800 Franken gekostet, die zweite etwa 1200, der dritte Motor einschließlich der Einrichtung gegen 2000 Franken. Ausbesserungen sind während des gesammten dreijährigen Betriebes nicht nöthig geworden. An Druckluft verbraucht Burkhardt jetzt monatlich für 30 bis 40 Franken in allen drei Motoren, welche natürlich nicht fortgesetzt alle in Betrieb sind. Mit einem gewissen Stolz zeigt er eine besondere Art der Anwendung seiner Druckluftleitung eigene Erfindung! Er läßt über seine besonders feinen, auf Sammet befestigten Erzeugnisse einen starken Strom Druckluft streichen, welcher auch die feinsten Staubtheile entfernt! Wir haben es übrigens hier nicht mit einem Manne zu thun, der besonders kostbare Ware liefert, für den es gleichgültig sein kann, wie theuer sich für ihn die benutzte Kraft stellt; seine Werkstatt ist mehr als einfach und, wie erwähnt, drei steile Treppen hoch gelegen; er zahlt nebenbei bemerkt hierfür sowie für eilte recht bescheidene Wohnung immerhin 1050 Franken Miethe.

Doch treten wir noch bei einem anderen Tischler ein in der Rue St. Augustin; er verfertigt lediglich Kisten zum Versenden von Waren; ein Keller ist seine Werkstatt, unter der Treppe hat er seinen Motor von nur zwei Pferdekräften angebracht. Fünf Gesellen schaffen ziemlich stetig; eine Kreissäge, eine Hobelmaschine sind im Gange, die Schleifsteine werden ebenfalls vom Motor aus in Bewegung gesetzt. Unser Mann bezahlt durchschnittlich 30. Franken monatlich für die benutzte Druckluft und ist augenscheinlich stolz darauf, daß er den Werth derselben für sein Gewerbe erkannt und sich seit etwa achtzehn Monaten angeschlossen hat.

Ganz dasselbe Ergebniß lieferte die Besichtigung einer Fabrik von Elfenbeinwaren in der Rue St. Denis, in welcher früher eine Lokomobile von sechs Pferdekräften die grobe Arbeit zu verrichten hatte. Noch liegt der Kessel am Boden, aber seitdem die Maschine, übrigens ohne erhebliche Kosten, für den Drucklustbetrieb eingerichtet worden ist, blieb er unbenutzt. Das Elfenbein wird hier geschnitten gebohrt und gedreht; alle hierzu erforderlichen Maschinen sind fortwährend im Gange. Der bedeutende Betrieb erfordert monatlich etwa für 240 Franken Druckluft. Ebenso wie Holz und Elfenbein wird Eisen in anderen Werkstätten gedreht und gelocht; auch das Löthrohr, mit Gas und Druckluft versehen, scheint wesentliche Vortheile dem Klempner zu bieten. Neben den harten Stoffen zeigt der Betrieb eitler Wäschefabrik (Akar & Co. in der Rue Cléri), daß sich auch Leinwand 48 Schichten über einander gelegt - mittels einer Bandsäge, welche ein Druckluftmotor von nur einer halben Pferdekraft treibt, bequem und geschwind zu den ausschweifendsten Halskragen zerschneiden läßt. Der Motor steht im selben Raume wie die Schneidemaschine, ohne daß dadurch die Sauberkeit des Linnens beeinträchtigt würde; vier Nähmaschinen im Nebenraume vollenden später das Werk, jede hat am Fuß ihren kleinen Motor; sie verrichten dieselbe Arbeit wie fünf Kolleginnen mit Fußbetrieb.

In welcher Weise sich die Druckluft in Bewegung umsetzt, das macht die schematische Zeichnung aus Seite 111 deutlich. Die Druckluft tritt auf der durch die Pfeile bezeichneten Bahn durch den unteren Zutrittskanal in den Kolben (dort durch Schraffirung angedeutet), drückt den Schieber nach aufwärts, wodurch eine Kurbelstange in Bewegung gesetzt wird, während die über dem Schieber befindliche kraftlose Luft durch das Austrittsrohr entweicht. Sobald nun der Schieber am obersten Ende des Kolbens angekommen ist, wird durch eine in unserer Zeichnung nicht sichtbare, am Schwungrad angebrachte Vorrichtung die Stange, deren Ansatz wir rechts erblicken, nach abwärts gedrückt; der untere Zutrittskanal wird für die Druckluft geschlossen, der obere geöffnet. Sie strömt nun oben ein, drückt den Schieber nach unten, kurz, der ganze Vorgang wiederholt sich in umgekehrter Reihenfolge. Bei den eigenartigen „Druckluftwerkzeugen“, wie sie der Arbeiter auf der Abbildung Seite 109 handhabt, vollzieht sich derselbe Vorgang des Vor und Zurückstoßens innerhalb des kleinen Stahlcylinders, aus welchem das eigentliche Werkzeug, Feile, Meißel, Säge, Stichel oder dergl., herausragt und welcher die Druckluftzuleitung vermittels eines Gummischlauches erhält.

Neben den zahllosen Kleinbetrieben giebt es auch eine Menge [111] von Großbetrieben, welche die Druckluft mit großem Vortheil benutzen, so die Druckerei des „Petit Journal“, welches seinen an alle Giebel geklebten Anzeigen nach eine Million Exemplare täglich absetzt. In den Kellern der Rue du Exemplare treibt ein Motor von 50 Pferdekräften die zwölf Druckpressen des gedachten Blattes.

Noch größere Motoren, bis zu 400 Pferdekräften, sind an den Stationen tätig, welche die Dynamomaschinen zur elektrischen Beleuchtung einiger Stadttheile von Paris treiben; die interessanteste, äußerlich nicht bemerkbare Anlage aber ist in den Kellern der Getreidebörse (bourse de la Commerce) angebracht; sie ist bemerkenswert wegen der zweckmäßigen Anwendung eines Nebenerzeugnisses der Druckluft, der Kaltluft! Die Druckluft tritt beim „Auspuff“, nach Abgabe ihrer motorischen Kraft, in einen Seitenraum, welcher durch einen Mittelgang in zwei Reihen von Kältekammern zerlegt ist. Diese Kammern sind an Handeltreibende der nahen Centralmarkthalle vermietet, welche dort ihre Vorräthe an Fleisch, Geflügel und Wild aufbewahren. Man muß schon sein Halstuch umnehmen, wenn man hinabsteigt;


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Anschluß der Druckluftleitung an den Betrieb.


ein Markthelfer mit einem Spieß voll Wachteln erscheint und öffnet seinen Raum, nicht ohne vorher denselben durch den Druck an einen Knopf elektrisch beleuchtet zu haben. Da hängen sie, die Hasen, Fasanen und Rebhühner , steif gefroren, denn der Thermometer zeigt 10 Grad Kälte!

Auch in kleineren Verhältnissen findet sich diese Doppelanwendung der Druckluft; so stellt sich der Wirt des Restaurants Cog d'or in der Rue Montmartre sein elektrisches Licht im Keller selbst her und benutzt in einem noch darunter liegenden Raum „Auspuffluft“ zur Eisbereitung.

„Einen Chartreuse, Garcon!“ hören wir einen Gast rufen.

Das Gewünschte erscheint, dazu eine Karaffe mit Wasser, in welcher sich ein Eiskrystall befindet, groß wie ein Kinderkopf. Wie mag der durch den Flaschenhals hineingekommen sein? Sehr einfach! Der Wirt hat die ganze Karaffe, zusammen mit einer ganzen Batterie anderer, in seinen Gefrierkeller gebracht; zehn Minuten genügen, um im Inneren den Eiskloß zu bilden; denn dort unten zeigt der Thermometer - 35 Grad Celsius! Damit übrigens die Drucklust dort, wo sie Kälte nicht erzeugen soll, nicht lästig fällt, wird sie durch einen Vorwärmer, einen kleinen Heizapparat geleitet, welcher indeß bei Klein Motoren nicht erforderlich ist.

Auch Bacchus hat sich neuerdings an Aeolus gewandt. Am Quai St. Bernard nahe beim Jardin des Plantes liegen die gewaltigen Weinlager von Paris, die Halles aux vins. In den Kellern und darüber lagern unendliche Mengen großer und gewaltiger Fässer; selbst der berühmte Zwerg Perkeo und seine Heidelberger trinktapferen Nacheiferer würden angesichts dieser Vorräte klein beigeben. Hier rechts beim Hause Herteaux wird gerade umgefüllt. Schläuche führen an der Kellerdecke entlang; jetzt wird ein Faß von 130 Litern Inhalt herangerollt und mit einem größeren, von welchem aus die Füllung erfolgt, verbunden, indem die Metallspitze des von demselben herabhängenden Schlauches in sein Spundloch gesteckt wird. Ein Hahn an der Wand wird geöffnet, die Druckluft beginnt zu wirken und der Küfer muß sich mit seinem Schlegel beeilen; denn während er an den Dauben des Fasses heraufklopft, hat sich die Füllung schon vollzogen. Bis 200 Liter füllt er mit Hilfe der Druckluftzuleitung in einer Minute um. Die Druckluft wirkt hier, ebenso wie bei der Hebung von Wasser aus Brunnen, direkt, ohne daß es der Einschaltung einer Pumpe bedarf, indem jeder unter Druck eintretende Kubikcentimeter Luft ein entsprechendes Quantum der zu hebenden Flüssigkeit durch das Steigerohr treibt.

Doch nun hinaus vor die Thore der Riesenstadt! Vom Bastilleplatz führt die Eisenbahn in die östlich belegenen Vororte; da alle Viertelstunden ein Zug abgeht, so haben sich die Vororte Vincennes, Nogent u. s. w. stark bevölkert, wie der rege Verkehr auf dem Bahnhofe beweist.


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Wasserversorgung durch Druckluft


An die Eisenbahn schließt sich eine Straßenbahn, welche in Vincennes beginnt, durch Nogent hindurch mit einer Abzweigung ins Marnethal bis Ville Evrard hinausführt. Die Strecke von 11 Kilometern wird in einer knappen Stunde zurückgelegt. Nicht Dampf, nicht Elektrizität, sondern Druckluft ist die bewegende Kraft, welche die großen Wagen, deren oft drei aneinander gehängt sind, vorwärts bewegt. Mitunter sind solchen Zügen auch kleine Lokomotiven, welche die bewegende Kraft in einem großen Kessel mitführen, vorgespannt; sonst befindet sich die Druckluft unter dem Boden des Wagens in Cylindern aufgespeichert, während neben dem den Kutscherplatz einnehmenden Wagenführer ein Messingkessel sichtbar wird, welcher mit stark erhitztem Wasser gefüllt ist. Die Straße selbst enthält nichts als die gewöhnlichen Pferdebahnschienen. Die Druckluft soll eine Spannung von fünfunddreißig Atmosphären erhalten; dies hat zu Bedenken Veranlassung gegeben. Indeß hatten sich im Betriebe keine Anlässe zur Besorgniß gezeigt, da Störungen in den achtzehn Monaten vom Beginn der Fahrten bis zu unserem Besuche nicht vorgekommen waren. Der Preis für Pferd und Kilometer stellt sich in der Umgegend von Berlin beim Pferdebahnbetrieb auf 1 Mark, bei der Drucklust-Straßenbahn in Nogent jedoch dieselbe Leistung auf 85 Centimes, trotz der hohen Kohlenpreise in Frankreich, sodaß auch beim Straßenbahnwesen für die Druckluft in allen größeren Städten und deren Umgebung ein weites Feld offen steht.

In Mal-Tournée, etwa in der Mitte der Strecke, befindet sich die Centralanlage, in welcher die Luft komprimiert wird. Die Wagen fahren ein; an der Wand der Wagenhalle zeigen sich zwei Hähne, über welchen sich die Inschriften „air“ (Luft) und „eau“ (Wasser) befinden. Nach Herstellung der Verbindung des Wagens mit den Füllstellen wird dem ersteren die zur Zurücklegung einer Elfkilometertour erforderliche Energie binnen einer Viertelstunde mitgeteilt. Der Wagen verläßt wieder den Schuppen und tritt unmittelbar darauf in Thätigkeit.

Wie die Druckluft in die Stadt Paris durch Popp eingeführt ist, so ist sie nach Nogent durch Mekarski, auch einen Ausländer, gekommen.

Nicht unerwähnt darf bleiben, daß längs der ganzen Bahnstrecke [112] sich eine rege Bauthätigkeit bemerkbar machte namentlich sind es zahlreiche Einfamilienhäuser einfacher Art, welche der so geschaffenen bequemen und zweckmäßigen Verbindung ihr Entstehen zu danken haben. Daß sich in ähnlicher Weise auch bei uns die Umgebungen der größeren Städte anbauen möchten, ist der lebhaft geäußerte Wunsch aller Sozialpolitik; hier sehen wir ihn in die Praxis übergeführt, durch einen Neuling - die Druckluft; eilen wir, denselben auch bei uns in Deutschland als einen überall dienstfertigen Geist und guten Gesellen heimisch zu machen