Ein würtembergisches Dorf an der Ostsee

Textdaten
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Autor: M. Sturmhaupt
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Titel: Ein würtembergisches Dorf an der Ostsee
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 318–320
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein würtembergisches Dorf an der Ostsee.

Als Lehrer an einem deutschen Gymnasium in Petersburg, wohin ich im Herbst 1864 gekommen war, hatte ich mich, des lieben Broderwerbs willen, so angestrengter Thätigkeit ausgesetzt, daß ich beim Beginn des nächsten Sommers mit seinem unleidlichen Temperaturwechsel das dringende Bedürfniß fühlte, einmal wieder eine reinere, gesundere Luft einzuathmen. Wohin aber mit einer Casse, welche eine weite Reise ebenso wenig gestattete wie den Aufenthalt in einem der vornehmen russischen Villeggiaturorte? Ich klagte einem mir bekannten deutschen Kaufmann, der bereits seit zwanzig Jahren in Rußland lebte, meine Noth. – „Gehen Sie doch nach der Kronstädter Colonie!“ meinte er.

Was er mir auf meine Fragen über diesen Ort Näheres mittheilte, sprach mich derart an, daß ich schon am nächsten Morgen, einem Sonntag, mich nach dem Peterhofer Bahnhof begab und mir ein Billet nach Oranienbaum löste. Dort angekommen, ward ich mit einem der vor dem stattlichen Bahnhofsgebände haltenden schmierigen „Ismóschtschiks“ (russische Droschenkutscher) mit ihren noch schmierigeren kleinen Droschken handelseins über den Preis, für den er mich nach Kronschtádtskaja Kolónia bringen sollte, und ließ mich rasch durch die schlecht gepflasterten Straßen Oranienbaums, eines hübschen, freundlichen Städtchens, rasseln. Dann ging es noch eine kurze Strecke – bis an das Ende des das gleichnamige, der Großfürstin Helene Páwlowna gehörige Schloß umgebenden Parks – auf einer erträglichen Chaussee im munteren Trabe weiter. Von da ab stolperten wir etwa eine halbe Stunde lang auf einem niederträchtigen Lehmweg, dessen tiefe Löcher man vergebens mit alten Kohlstrünken, Holzabfällen, Reisig etc. einigermaßen auszufüllen versucht hatte, derart hin und her, daß ich mich nur mit großer Mühe auf meiner lehnenlosen Droschke festzuhalten vermochte. Endlich bogen wir rechts ab, und im Galopp – bergauf fährt der russische Wagenlenker nie Schritt – ging’s einen mäßig steilen Hügel hinan, auf dessen Rücken ich das Ziel meiner Reise erblickte.

Kronschtádtskaja Kolónia liegt auf dem unteren Absatz einer vielleicht zweihundert Fuß hohen Anhöhe, der sich anfangs steil, dann in sanfterem Fall auf das ziemlich breite, ganz flache Wiesenufer des finnischen Busens niedersenkt, während die Anhöhe selbst hinter der Colonie zuerst eine Art von kleinem Plateau bildet, hierauf aber zum eigentlichen Kamm der Hügelkette sachte ansteigt. Es wird von nur sieben in einer Linie neben einander liegenden Gehöften gebildet. Zu jedem derselben gehört ein Streifen Landes, der von dem am Fuß des Hügels hinlaufenden Fahrweg an sich über das Dörfchen selbst hinaus durch das ganze Plateau hin in beträchtlicher Länge ausdehnt. Die Wiesenpartie zwischen Fahrweg und Meer ist Krongut. Die Gehöfte der Colonie bestehen aus dem eigentlichen Wohnhaus, den Ställen, Scheunen und anderen zum Zweck der Ackerwirthschaft bestimmten Nebengebäuden und endlich aus freundlichen, mit Balcons und Galerien versehenen, villenartigen Bauwerken, den Miethwohnungen für Sommergäste. Alle diese Gebäude sind aus Holz aufgeführt, die Hauptwände aus mächtigen Tannenholzblöcken ineinander gefügt, die Dächer mit Schindeln gedeckt. Die Wohnhäuser und jene Villen sind mit hellen, lebhaften Farben angestrichen. Um so freundlicher schauen sie aus den sie umgebenden Linden- und Obstbäumen heraus.

Mein Ismóschtschik brachte mich aus eigenem Antriebe vor das Haus des Vorstehers der kleinen Colonie. Dieser selbst, welcher, vor seinem Hofthor stehend, mein Gefährt und mich schon aus der Ferne beobachtet hatte, trat, als die Droschke hielt, heran und fragte mich, als ich ausgestiegen war, in gutem Russisch nach meinem Begehr. Ich antwortete ihm in deutscher Sprache, ich beabsichtige mir hier eine Sommerwohnung zu miethen. Ueber des Mannes Antlitz flog ein freudiger Ausdruck. „Ah, Se sinn ach ä Deitscher!“ rief er und schüttelte mir nun zum Willkommen derb die Hand. – Ich fand in seiner eigenen „Villa“, was ich suchte, ein freundliches, großes, nach Norden, d. h. dem Meere, gelegenes, mit einem Balcon versehenes Zimmer und zwei daran stoßende luftige Kammern. Sie waren, wie fast alle Miethwohnungen in der Colonie, unmöblirt. Mit Hülfe eines Kronstädter Möbelhändlers – ich fuhr noch am selben Tage auf leichtem Kahn nach der der Colonie gerade gegenüber liegenden Festung in nicht ganz einer Stunde hinüber – und meines Hauswirthes hatte ich jedoch bald ein genügendes Ameublement zusammen, richtete mich häuslich ein und verlebte dann drei Monate in Kronschtádtskaja Kolónia in der angenehmsten Weise.

Von meinem Balcon aus hatte ich eine wirklich sehr schöne Aussicht; sie beherrschte mehrere prächtige Parks russischer Großen, weite Acker-, Gehölz- und Wiesengebiete und in der Ferne das Meer mit der Inselfestung Kronstadt und deren vielen Festungs-Inselchen und wurde, wenn die aufgehende und mehr noch die untergehende Sonne ihren prächtigen Farbenreiz auf diese Bilder legte, zu einer wahrhaft großartigen.

Völlig Nacht wurde es Ende Juni und Anfang Juli in diesen Gegenden nicht. Denn, während in der genannten Zeit die Sonne erst etwa um halb elf Uhr Abends unterging, erhob sie sich schon bald nach zwei Uhr Morgens wieder, und auch in der Zwischenzeit blieb es so hell, daß man, ohne sich die Augen besonders anzustrengen, zu jeder Zeit draußen oder am Fenster sehr gut lesen konnte. Den Augenblick, wo die Sonne am Horizont verschwand, wie denjenigen, in welchem ihr goldener Saum wieder aus dem Meer empor zu steigen begann, verkündeten stets zwei von den Wällen Kronstadts dröhnende Kanonenschüsse.

Allerliebste Spaziergänge ließen sich von der Colonie aus in deren Umgebung machen. Außer den genannten Parks ladet dazu besonders der aus Rothtannen und Birken bestehende, hinter der Colonie liegende Gemeindewald ein, welchem viele hie und da darin versteckte erratische Granitblöcke und mächtige Farrenkrautbüsche etwas Urwaldartiges geben. Auch am Meeresstrand hinzuschlendern, an welchem noch hie und da zur Zeit des Krimkrieges aufgeworfene Schanzen zu finden sind, verlohnte schon der Mühe, obwohl der hier sehr schmale und flachuferige finnische Busen nichts von der Großartigkeit der Nordsee hat. Sein Wasser erscheint bei ruhigem Wetter meist dunkelblau, selten grünlich schillernd, bei starkem Wind dunkelbraun. Am auffallendsten war mir der Reichthum und die Ueppigkeit der Vegetation in diesen Gegenden. Die Flora war dieselbe wie die Mitteldeutschlands, aber die einzelnen Pflanzen und Blumen zeigten sich weit größer, kräftiger, als sie dort zu sein pflegen.

Kein Wunder daher, daß die Colonie als Sommeraufenthalt für nicht allzu reiche Bewohner Petersburg’s und Kronstadt’s sehr beliebt ist. Alle Villen der Colonisten waren Ende Juni mit Miethern überfüllt, unter denen sich besonders kleine Beamte, Kaufleute und Handwerker befanden. Die meisten waren deutschen Ursprungs.

[319] Mich interessirten jedoch die Colonisten selbst weit mehr. Schon bei meiner ersten Ankunft in Kronschtádtskaja Kolónia glaubte ich anfangs zu träumen. Wußte ich doch bestimmt, daß ich in Rußland am äußersten Ende der Ostsee sei, und doch – war ich wie durch Zauberei in ein schwäbisches Dorf versetzt. Daran war kein Zweifel möglich. Wie ließ sich sonst die Tracht, die Sprache, das Wesen der Colonisten erklären? Die Männer trugen die langen Tuchröcke mit blanken Knöpfen, die bis an den Hals zugeknöpften, meist bunten Westen, die etwas bauschigen dunklen Beinkleider, welche in den hohen, engschäftigen Stiefeln steckten, gerade so, wie ich es so oft im Schwabenlande bei den dortigen Bauern gesehen hatte. Die Colonistinnen hatten das in lange Zöpfe geflochtene Haar auf dem Hinterkopf brezelförmig aufgesteckt; sie trugen die kleinen, spitzig auslaufenden, aus bunter, mit silbernen Blumen bestickter Seide angefertigten Schwabenhäubchen, die mit breiten bunten Bindebändern unter dem Kinn festgehalten wurden, eine hoch hinauf gehende dunkelfarbige Jacke mit langen, enganschließenden, nur an der Achsel aufgebauschten Aermeln, kurze bunte Faltenröcke und weiße kokette Schürzen. Alles wie die „Schwobenmaidli“. Und nun die Sprache! Frauen wie Männer, Greise wie Kinder plauderten in einem so unverkennbar schwäbischen Dialect mit einander, wie ich ihn in Würtembergs Dörfern nirgends reiner gehört hatte. Bei näheren Nachfragen löste sich mir das Räthsel leicht und einfach.

Auf Veranlassung der damaligen russischen Regierung war in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts die Kronstädter Colonie von würtembergischen Auswanderern gegründet worden. Unter dem mächtigen und gütigen Schutz der Großfürstin Helene Páwlowna hatten jene rasch im fremden Lande feste Wurzel gefaßt, das ihnen angewiesene Terrain cultivirt, aus ihm reiche Ernten gewonnen, diese gut verwerthet, waren zu Wohlstand gekommen und hatten endlich in der weiteren Umgegend die Nebencolonien Strélena, Snámensky, Oranienbaum und Peterhof (die Russen, welche in ihrer Sprache das „h“ überhaupt nicht haben, sagen Petergof) gegründet. Mit größter Strenge hatten die Colonisten dabei vor Allem darauf gehalten, daß Niemand unter ihnen ein russisches Element in seine Familie aufnahm; nur untereinander schlossen sie ihre Ehebündnisse. Gerade hierin waren sie auch von der Großfürstin Helene Páwlowna bestärkt worden. So haben sie sich ihren lutherischen Glauben,[1] ihre deutschen Sitten und Eigenschaften, ihre schwäbische Tracht und Sprache bewahrt.

Auch bei der Betreibung ihrer Landwirthschaft verfahren sie im Wesentlichen, soweit es das dortige Klima mit seinem kaum vier Monate dauernden Frühling und Sommer irgend erlaubt, ganz so, wie es ihre Ahnen in der deutschen Heimath gehalten hatten und ihre dortigen Stammesgenossen noch jetzt halten. Ja sogar die Beinamen der ersten Gründer der Colonie, welche diese in Würtemberg gehabt hatten, sind auf ihre Nachkommen übergegangen, obwohl sie in keiner Weise mehr passen. Da giebt es noch einen „Schmalz im Dunkeln“, einen „Jörg an der Eck“, einen „Krischan in der Dell“, wenngleich der jetzige Schmalz nicht im Dunkeln, der Jörg nicht an der Ecke und der Krischan nicht in einer Dell (Thal, Vertiefung) wohnt. Aber auch die Fehler der Vorfahren hatten sich auf die Colonisten vererbt: Bauernstolz und Bauernneid, Bauernmißtrauen und Bauerngeiz, und ebenso die oft etwas zweifelhafte Reinlichkeit der schwäbischen Bauern, welche hier freilich neben dem unzweifelhaften Schmutz ihrer russischen Nachbarn relativ immerhin einen recht guten Eindruck machte. Männer wie Frauen waren übrigens ohne Ausnahme stattliche Erscheinungen, letztere zum Theil sogar sehr hübsch. Specielle Erinnerungen, wie es im Heimathsdorf, Würtemberg, Deutschland aussehe, hatten sich nur wenige bei ihnen erhalten. Was aus beiden – Würtemberg und Deutschland – geworden, oder noch werden könne, war ihnen ziemlich gleichgültig. Wenn ich den Einen oder Anderen fragte: „Ob er denn gar keine Lust habe, nach der Heimath zurückzukehren,“ bekam ich stets die Antwort: „Worum? Hie hent mer’s zehn moal besser, als mer’s dahoim je g’hätt hättet.“ Dagegen erkundigten sie sich in echt germanischem Sinne mit Eifer nach den Wein- und Bier-Preisen in Deutschland, und was ich ihnen in dieser Beziehung mittheilte, erregte ihr Mißvergnügen, weil bis auf den Schnaps, den sie zum Glück nicht sehr liebten, in Rußland alle Spirituosen so „verdeixelt“ theuer seien.

Auf ihre russischen Nachbarn sahen sie mit großer Verachtung herab; von den Finnen sprachen sie gut. Dank verschiedenen ihnen bei ihrer Einwanderung zugesicherten und bis hierzu von der Regierung nicht zurückgenommenen Privilegien und der Protection der Großfürstinnen Helene Páwlowna und Katharine Michaílowna (Tochter der Ersteren, Gemahlin des Prinzen von Würtemberg) lassen sie sich von den russischen Behörden nichts Ungehöriges gefallen. Als während meines Aufenthalts in Kronschtádtskaja Kolónia einmal auf Anordnung eines höheren russischen Wegebaubeamten vier Männer aus der Snámensky’schen Colonie, weil sie sich geweigert hatten, für die Ausbesserung der Staatschaussee bei Peterhof Frohndienste zu leisten, in den dortigen Thurm gesteckt worden waren, schlugen die übrigen Colonisten energisch Lärm und erwirkten rasch die Freilassung der Verhafteten. Den Schulz von Snámensky aber setzten sie ab, weil er in der Sache „net Courasch g’nug g’hätt hoat“.

Ihre Kirche liegt im Park der Großfürstin Katharine Michaílowna auf einer Anhöhe über dem Städtchen Oranienbaum. Dort wohnt im Sommer ein eigener Prediger, und während dieser Zeit findet jeden Sonntag Gottesdienst statt. Im Winter wird solcher nur alle vier Wochen gefeiert, der Prediger kommt dann immer eigens hierzu von Petersburg nach Oranienbaum. Auch ein Schulhaus hat die Colonie, das aber, weil die an und in ihm nöthigen Ausbesserungen nach einem bestimmten Turnus von den einzelnen Gemeindemitgliedern beschafft werden sollen, nicht gerade im besten Stande war. Der Gehalt des Lehrers besteht in zweihundert Rubeln baaren Geldes und in Naturalleistungen, welche von den Colonisten nach dem Verhältniß der Größe ihrer Höfe zu liefern sind. Damals war der Schullehrer ein ganz gescheidter und unterrichteter Mann, und ich fand die Schulbildung bei den Kindern, wie bei den Erwachsenen im Ganzen nicht auf niedrigerer Stufe stehend, als sie in den meisten Dörfern Süddeutschlands durchschnittlich zu sein pflegt.

Der angesehenste und vornehmste Mann in der Colonie war mein Hauswirth, der Schulz Conrad Daniel Craubner in der Dell (von den Russen Daniel Iwánowitsch genannt). Er war ein stattlicher Mann, etwas corpulent, reichlich vierzig Jahre alt, seinen Untergebenen und seines Gleichen gegenüber trat er mit ungeheurer Würde, Höhergestellten gegenüber mit mißtrauischer Vorsicht auf. Galt es einen Profit zu machen, so zeigte er sich als geriebener Patron. Ging er Sonntags im Festanzug, im langen Rock aus feinem dunkelblauen Tuch, in der hohen schwarzen Weste, dem bunten Halstuch, den schwarzen Beinkleidern, den blanken, vorn mit Troddeln verzierten Stulpenstiefeln, den spanischen Rohrstock mit silbernem Knopf in der Hand, seiner Familie zwei Schritte voraus zur Kirche, so erinnerte er mich immer an Auerbachs berühmten Dorfschulzen, den Buchmeier. In seinem eigenen Hause spielte er übriges keineswegs die erste Flöte. Vielmehr wurde dieses Instrument einzig und allein von seiner etwa siebenzigjährigen Mutter geblasen, welche bei einer fast unnatürlichen Corpulenz von ungewöhnlicher Behendigkeit und Rüstigkeit war, das ganze Hauswesen dirigirte und Sohn, Schwiegertochter (ein dickes, gutmüthiges, dunkeläugiges Weibchen) und die ganze Reihe ihrer Enkel als absolute Regentin tyrannisirte. Conrad Daniel Craubner stammte direct von dem eigentlichen Gründer der Colonie ab und hatte wie das größte, so das bestcultivirte Gehöft. Auf Beides war er nicht wenig stolz. Als wir näher mit einander bekannt geworden waren, weihte er mich in die Geschichte seiner Familie und der ganzen Colonie ein, übergab mir auch eines schönen Tages, als einen Beweis seines besonderen Vertrauens zu mir, die Familienpapiere derer von Craubner. Sie waren in der That mindestens eben so interessant wie die mancher Herren von -witz oder -ow.

Ein Vorfahr meines Hauswirths Christian Ulrich Craubner hatte, laut Zeugniß des dortigen Bergmeisters vom Jahre 1770, in Freudenstadt in Würtemberg das Bergwerkshandwerk erlernt, war dann in Reutlingen Grobschmied geworden und hatte es schließlich in Tuttlingen gar bis zum Schulmeister gebracht. Seine rege Wanderlust ließ ihn aber hier nicht Ruhe finden; mit seiner Familie – er hatte elf Kinder – siedelte er erst nach Oesterreich, dann nach Preußisch-Polen über und wanderte schließlich nach Rußland aus. Was von dieser Zeit an ihm begegnet ist, hat [320] Craubner eigenhändig in eine Art von Haushaltungsbuch tagebuchartig in säuberlichster Weise eingetragen. Seine Ankunft in Oranienbaum und an der Stelle, wo jetzt die Colonie sich befindet, meldet er mit den Worten: „Am 30. December 1799 sind wir allhier angekommen im fremden Lande. Es ist überall eine große Wildniß. Alles ist voll Bäume, Birken und Tannen, und voll arger, böser Steine, und darunter liegt der große See. Schnee und Eis ist aber überall, auch auf dem See. Der Herre Gott, allgütiger Vater, wolle meinem Arm Stärke geben und Kraft, auf daß mir Frau und Kindlein nicht verkommen in dem fremden, wüsten Lande.“

Uebel genug muß es damals ausgesehen haben. Denn wo jetzt fruchtbares Ackerland und Wiesen, war damals Alles Sumpf oder Waldwildniß, deren Urbarmachung durch ungeheure, in reicher Anzahl hier und da verstreute erratische Blöcke noch besonders erschwert wurde. Aber Christian Ulrich Craubner und die Seinen verzagten doch nicht. Eifrig schwangen sie die Axt; dröhnend fiel der Hammer auf den Granit; was ihm widerstand, wich der sprengenden Gewalt des Pulvers. Bald lichtete sich der Wald; die Felsblöcke verschwanden. Tiefe Gräben leiteten aus den Morästen und Sümpfen das faulige Wasser zur Ostsee hinab, und bald lagen jene ausgetrocknet da. Jetzt furchte zum ersten Male der Pflug den urbar gemachten Boden; das erste Saatkorn vertraute der ehemalige Schullehrer mit frommem Gebet der fruchtbaren Erde an. Mit heißem Dank gegen Gott registrirte er dann in der Familienchronik die erste Ernte; sie war über alles Erwarten reich und gut ausgefallen. Mit rastlosem, echt deutschem Fleiße wird von den Ansiedlern unverdrossen weiter gearbeitet. Die provisorischen kleinen Hütten, die man zum ersten Obdach hergerichtet hatte, verwandeln sich bald in behagliche Blockhäuser. Feld reiht sich an Feld, Wiese an Wiese. Nach Oranienbaum hin bauen die Colonisten mit Hülfe der russischen Regierung einen Weg. Die Großfürstin Helene Páwlowna besuchte die Colonie zum ersten Male. Ihre Anerkennung für das, was bereits geleistet ist, ihre Rathschläge, ihre thätige Hülfe fachen zu neuem Eifer an.

Den Christian Ulrich Craubner aber traf im Jahre 1807 ein harter Schlag. Sein liebes Eheweib, Anna Charlotte geb. Roth aus Tuttlingen, starb am Fieber und bald nach ihr zwei ihrer Kinder. Er senkte sie „als eine Aussaat für die Auferstehung köstlicher denn Gerst und Waitzen“ in die fremde Erde hinab, die ihm, wie er schreibt, erst dadurch ganz heimisch wurde. Der Alte sah noch manchen Enkel geboren werden; er erlebte es noch, daß von Kronschtádtskaja aus neue Colonien gegründet wurden; daß in die Villen des eigenen Dörfchens die ersten Sommergäste zogen. Unter dem 3. Februar 1833 hat sein ältester Sohn, der Vater des jetzigen Schulzen, in die Familienchronik eingetragen: „In dieser Nacht ist mein Herr Vater Christian Ulrich Craubner, 81 Jahre alt, sanft verstorben. Er hat zuletzt noch zu uns gesagt: ‚Halt euch von den Russen, so werdet ihr bestehen‘. Sit ei terra levis!“ Es war offenbar ein tüchtiger, achtungswerther Mann. Seine Söhne und Enkel haben in seinem Sinne weiter gewirkt. Mit Neid blickt der Russe, mit Freude jeder Deutsche, mit gerechtfertigtem Stolze der Colonist selbst auf die blühende Colonie, auf ihre behäbigen Gehöfte, ihre fruchtbaren Aecker, ihre saftigen Wiesen. Ein vornehmer Russe, dessen talentvollen Söhnen ich in Petersburg Privatstunden gegeben hatte, besuchte mich mit meinen Schülern während meiner Villeggiatur in Kronschtádtskaja Kolónia. Wir trafen bei einem Spaziergang den Schulzen Conrad Daniel Craubner mit seinen Söhnen und Knechten beim Roggenmähen. Unter ihren Sensenhieben sanken die goldgelben Halme mit ihren schweren Aehren in dichten Lagen nieder. Graf Sch. bewunderte den Reichthum der Ernte, wie überhaupt die vorzügliche Cultur aller Felder und fragte (er wußte, wie es früher hier ausgesehen hatte und wie es in den benachbarten russischen Dörfern noch aussah):

„Wie haben Sie das Alles nur so weit gebracht? Da haben Sie gewiß erst viel Geld hineinstecken müssen, guter Freund?“

„Geld, Herr? Nein! Wo hätte mein Großvater das her haben sollen? Aber Schweiß, Herr, viel Schweiß!“ antwortete der Schulz, die mächtige Gestalt hochaufrichtend und mit der schwieligen Hand über die gefurchte, braungebrannte Stirn streichend, auf der von der emsigen Arbeit die hellen Schweißtropfen standen.

Als ich im September nach Petersburg zurückkehren mußte, wurde es mir recht schwer, mich von der Colonie zu trennen, und ich versprach meinem Hauswirth, seiner dicken Mutter, der ganzen Familie, im folgenden Sommer wieder zu ihnen zu kommen. Verhältnisse zwangen mich im Frühjahr 1866 eilig nach Deutschland heimzukehren. Ich hatte nicht einmal Zeit, meinen Bekannten in Kronschtádtskaja Kolónia Lebewohl zu sagen. Seitdem habe ich von ihnen und der Colonie nichts mehr gehört. Möge es ihnen auch ferner gut gehen! Möge es ihnen vor Allem gelingen, ihr deutsches Wesen zu bewahren! Daß es ihnen in dieser Hinsicht bei der jetzt in Rußland und zwar auch in den Regierungskreisen herrschenden hyperslavistischen Richtung an mancherlei Anfechtungen nicht fehlen wird, ist leider nicht zu bezweifeln.

M. Sturmhaupt.     




  1. Nach russischen Gesetzen müssen, wenn in einer Ehe auch nur einer der Ehegatten sich zur orthodox-griechischen Religion bekennt, sämmtliche Kinder unter allen Umständen in der griechischen Religion getauft und erzogen werden.