Ein unklares Vorkommniß beim Consulat in Genua

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Titel: Ein unklares Vorkommniß beim Consulat in Genua
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 589
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[589] Ein unklares Vorkommniß beim Consulat in Genua. Ein solider junger deutscher Handwerker, Sohn achtbarer Eltern aus einer der größeren Städte unseres gewerbreichen Thüringens, theilt seinen Eltern ein selbsterlebtes Vorkommniß bei dem deutschen General-Consulat (Leupold) in Genua mit, bezüglich dessen in der That zu wünschen ist, daß es sich als irgend ein Mißverständniß aufkläre, und dessen hier mit dem Wunsche Erwähnung geschieht, womöglich eine befriedigende Aufklärung herbeizuführen. Wir lassen, nach den Mittheilungen der Eltern, den jungen Mann (J. M. aus G. in Thüringen), ohne weitere Randbemerkungen beizufügen, selbst reden. Derselbe schreibt an seine Eltern Folgendes.

„Ihr wart nicht einverstanden mit meinem Stellenwechsel und schriebt, daß mein Platz in Luzern sicher von größerem Werthe sei, als eine Stelle in Italien. Das weiß ich wohl. Ich habe die Reise auch nur gemacht, weil ich so nahe an der Grenze Italiens und sie mit so wenig Kosten verknüpft war. Das man einmal gesehen hat, das hat man gesehen und behält es für’s Leben. Ich habe aber diesmal mehr gesehen und erlebt, als mir lieb war. So hört denn, wie ein deutsches Generalconsulat mit Rath suchenden Deutschen im Ausland verfahren ist. Ich war bis Genua gekommen. In Genua hatte ich einen Reisegefährten gefunden, einen Schwaben, der von Rom kam, wo er ein Vierteljahr am kalten Fieber krank gelegen, und der, obschon genesen, doch noch sehr schwach war. Ich traf ihn im Vorzimmer im Consulatsgebäude; seinem Reisepaß nach hieß er Paul Topang und war Maler, aus Ravensburg in Würtemberg. Da wir der italienischen Sprache Beide noch zu wenig mächtig waren, so lag uns viel daran, deutsche Adressen zu erhalten, durch welche wir zu Beschäftigung zu gelangen hofften. Dies war der Zweck, zu welchem wir uns an das deutsche Generalconsulat wendeten. Nachdem wir unser Anliegen in aller Demuth und Bescheidenheit vorgebracht hatten, wurde uns bedeutet, zu warten. Die Ansprache des betreffenden Beamten, an mich speciell gerichtet, war, meinem guten Gedächtnis nach, folgende: ‚Wer seid Ihr? Was wollt Ihr? Zeigt Eure Schriften!‘ Und ohne ein Wort weiter anzuhören, ging der Beamte in’s Bureau. Nachdem wir eine Stunde gewartet, wurde uns ein Schreiben übergeben, welches wir auf die Präfectur bringen sollten, wo wir, nach der Aussage des Schreibers, ‚Freikarten‘ empfangen würden. Obschon wir nun dergleichen nicht, sondern nur deutsche Adressen gewünscht, so nahmen wir doch, im Vertrauen auf die Fürsorge der deutschen Reichsgewalt für die Deutschen im Ausland, das Schreiben arglos in Empfang und verwahrten es gar sorgfältig. Gehorsam gingen wir nunmehr, wie befohlen, nach der königlich italienischen Polizeipräfectur, stolz darauf, was man dort für Augen machen werde über die allgegenwärtige Fürsorge des deutschen Reichs für jeden seiner Angehörigen. In der Präfectur ließ man uns nicht warten, sondern bestellte uns auf zwei Stunden später. Wir nahmen das Schreiben vorsichtig wieder mit, nahmen inzwischen einen Imbiß und stellten uns dann, wie befohlen, pünktlich wieder ein. Als wir das Schreiben in der Kanzlei abgegeben und der dort fungirende Beamte es gelesen hatte, schellte er; im Nu standen – denkt Euch! – drei Carabinieri hinter uns. Wir wußten nicht, ob das Ernst oder Spaß sein sollte, und waren ganz verblüfft. Wir wurden abgeführt, um Mitglieder der geschlossenen Gesellschaft im Genueser Präfecturgefängniß zu werden. Alles Protestiren, so gut es mit unserer dürftigen Kenntniß der italienischen Sprache gehen wollte, half nichts, die stereotype Antwort war: ‚Conforme al Regolamente per Consule tedesco!‘ Als ich mich mit unserem kellerartigen Haftlocal, in welchem man es vor Chlorgeruch kaum aushalten konnte, ein wenig bekannt gemacht hatte, merkte ich bald, daß wir nicht die ersten Deutschen waren, die sich solcher Fürsorge zu erfreuen gehabt. Denn an den Wänden las man noch viele deutsche Namen, unter Anderm aus Sömmerda, Rothkappel bei Dresden, Stuttgart, Constanz, Wernigerode. Leserlich sind mir nur die folgenden Namen gewesen: Anton Cubeus aus Rothkappel bei Dresden, 8. März 1873; Julius Ebeling aus Wernigerode am Harz, 11. März 1873; Sänger von Sömmerda. Alle wohl ebenso ,conforme al Regolamente per Consule tedesco‘, wie es schien, hier untergebracht! Aber so tröstlich das Bewußtsein, im Leiden Genossen zu haben, nach dem lateinischen Dichter auch sein soll, wie ich immer von meinem Schulmeister gehört habe, wenn wir gemeinschaftlich Prügel bekommen hatten, – trösten über die ganz unerwartete scheinbare Enthüllung der Natur der deutschen Reichsvertretung in Italien konnte uns auch diese Entdeckung doch nicht. Da mein guter Schwabe sich in seiner Gesundheit noch nicht ganz wieder erholt hatte und überhaupt kränklich war, so bekam derselbe vor Schreck und Aufregung seine Anfälle und raste förmlich. Wären wir über Nacht in dem Keller geblieben, der Mann wäre sicher und gleichviel ob ‚nach‘ oder ‚gegen‘ das ‚Regolamente‘ am andern Morgen kalt gewesen. Zeichen konnten wir nicht geben; eine Schelle gab es nicht. Durch anhaltendes Treten mit den Füßen an die Thüre machten wir uns endlich doch verständlich. Es kam die Wache, und als diese sah, was vorging, dauerte es nicht lange, so wurden wir, nur durch deren menschenfreundliche Vermittlung, wenigstens aus dem Keller herausgelassen; aber auch nur, um am andern Morgen, conforme al Regolamente per Consule tedesco, mit Gensdarmeriebegleitung an den Bahnhof gebracht zu werden.

So scheint das deutsche Reichsconsulat in Genua seine Aufgabe aufzufassen, gegenüber rathsuchenden anständigen Deutschen. Ich möchte wohl einmal auch die Lieder von Denen aus Rothkappel, Sömmerda, Wernigerode etc. singen hören. Mißverständniß ist unter diesen Umständen nicht wohl denkbar. Und wenn etwa die Herren Schreiber in der deutschen Consulatscanzlei in Genua nicht ordentlich deutsch verstehen sollten, so wäre es wohl Sache des Herrn Generalconsuls, sich solche Beamte anzuschaffen, die es wirklich verstehen und nicht, statt Rath und Auskunft zu ertheilen, den deutschen Reichsbürgern Uriasbriefe an die königliche italienische Polizeipräfectur ausstellen.

Ihr wißt, ich war mit Euch sehr begeistert für die ganze Herrlichkeit des neuen deutschen Reichs und über allen nunmehrigen Glanz und Schutz der Deutschen im Ausland. Nehmt mir’s nicht übel, wenn ich in dem Genueser Präfecturkeller gar sehr abgekühlt worden bin und jetzt gar keine rechte Vorstellung mehr habe von dem Wesen der deutschen Reichsvertretung im Ausland und ob, wenn das überall so sein sollte, die Ausländer den richtigen Begriff vom Schutz der Deutschen durch ihre Reichsgewalt erhalten werden. Doch genug davon!

Als ich aus Italien zurückkam, führte mich mein Weg über den St. Gotthardt. Etwas ermattet durch das Schneelaufen, kehrte ich im Hospiz ein. Hier traf ich einen jungen Schweizer, welcher auch aus Italien kam, und ohne daß ich ihm mein Abenteuer in Genua erzählte, sagte er mir: daß er in Genua beim schweizer Consul gewesen wäre, von diesem ganz freundlich aufgenommen und in Begleitung des Secretairs an den Bahnhof gebracht worden sei. Dort habe der Secretair für ihn Fahrt und Mittagsessen bezahlt und darauf sich von ihm verabschiedet. Ich schämte mich mein Erlebniß zu erzählen, aber ich dachte, wenn das schweizer Consulat es so machen kann, warum kann das deutsche Reichsconsulat nicht Gleiches?

Lebt wohl für diesmal! Seit ich wieder in der Schweiz bin und mit unserm Reichsconsulat nichts mehr zu thun habe, befinde ich mich wieder ganz wohl. Euer dankbarer Sohn J. M.“