Ein selbstgemachter Mann

Textdaten
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Autor: H. B.
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Titel: Ein selbstgemachter Mann
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 159–160
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[159] Ein selbstgemachter Mann. Am 23. November 1823 sah Neidenburg anders aus als gewöhnlich. Das kleine Städtchen, nahe der preußisch-polnischen Grenze, hatte Lichter an’s Fenster gesetzt, so sehr liebte man den immer vergnügten, Allen wohlwollenden Strausberg, der den Nachbarsleuten erzählt hatte, daß ihm der erste Junge geboren wäre. Baruch Hirsch war und blieb des Vaters Freude. Die Eltern konnten auf die Erziehung des Kindes viel verwenden, denn sie lebten in leidlichem Wohlstand. Der alte Strausberg war Grundbesitzer und Kaufmann, daneben Schöngeist und passionirter Musiker. Nach der französischen Invasion in die Armee eingetreten, hatte er’s, obwohl Jude, 1813 bis zum Premier-Lieutenant gebracht. Er wollte, daß aus Baruch Hirsch etwas werden sollte. Früh prägte er ihm ein, er müßte auf die Universität und viel lernen. Als der Knabe sechs Jahre alt war, kam er nach Königsberg, um dort das Gymnasium zu besuchen. Er hatte das Unglück, daß er seine Mutter früh verlor. Dazu kamen Verluste, die der Vater im Geschäft erlitten, so daß Baruch Hirsch sehr früh mit dem Nothwendigsten sich behelfen lernte, zumal er noch drei Schwestern und einen Bruder hatte. Der Vater hatte ein ansehnliches Vermögen durch Lieferungen, die nicht bezahlt wurden, eingebüßt. So mußte er seine Kinder schließlich als Concipient durchbringen.

Als der alte Strausberg starb, war Baruch Hirsch zwölf Jahre alt. Niemand nahm sich seiner an, er war rein auf sich selbst angewiesen. Entschlossen, nach Neidenburg nicht zurückzukehren, wo sich ihm für seine Fortbildung nichts geboten hätte, witterte er aus, daß vor Königsberg ein Schiff lag, das, mit Oelkuchen befrachtet, nach London zurückfahren wollte. Er hatte sich gerade so viel von seinem Frühstück und Abendbrod gespart, um die Ueberfahrt bezahlen zu können. In London, wußte er, lebten drei Onkel von ihm, die zusammen ein bedeutendes Commissions- und Export- Geschäft hatten. Er glaubte, es würde ihm nicht fehlschlagen, wenn er zu denen ginge, um sich rathen und helfen zu lassen. Die Gottheimers nahmen ihn auch auf und zwar als Lehrling in ihr Comptoir.

Mit einem Male war Baruch Hirsch wie in eine neue Welt versetzt. Das gewaltige Leben und Treiben der größten Stadt regte ihn ungemein an. Von früh auf gewohnt, Alles scharf zu fixiren und seinem Gedächtniß einzuprägen, fand er in London Nahrung für seinen Verstand in Ueberfülle. Die Erlernung der Sprache nöthigte, weil der Tag viel kaufmännische Arbeit brachte, zu Abend- und Nachtlectionen, und je mehr das große, weite Leben Englands sich ihm erschloß, um so fühlbarer wurden ihm die Lücken seines Wissens. Baruch Hirsch ging mit Energie an einen systematisch angelegten Selbstunterricht, da anknüpfend, wo er in Königsberg stehen geblieben war, so daß er Geschichte, Geographie, Sprachen, Mathematik gleichmäßig durchnahm und die musikalischen Uebungen fortsetzte, so oft er zu einem Instrument kam. Auch in London verstand er es wie in frühester Jugend, nur das Nothwendigste zu genießen, um Geld für Licht und Bücher übrig zu behalten.

Bald nachdem er in England angekommen war, hatte er sich taufen lassen; er nannte sich fortan Bethel Henry Strousberg.

Für das Geschäft seiner Onkel ging er nach beendeter Lehrzeit auf Reisen, was der Ausdehnung seiner kaufmännischen und Menschenkenntniß zu Statten kam. Indeß je länger er für das Gottheimer’sche Haus thätig war, um so lebendiger drängte sich ihm das Verlangen auf, sein Lebtag doch nicht Kaufmann zu bleiben. Der junge Strousberg versuchte sich gelegentlich als Reporter für Meetings, die er fleißig besucht hatte, namentlich volkswirthschaftliche. Er fand Zeitungen, die seine Berichte abdruckten und von denen er Aufträge zu selbständigen Aufsätzen erhielt. Die Thätigkeit als Tagesberichterstatter und auch als angehender Schriftsteller war freilich weniger lohnend als die commercielle, allein er wollte doch einmal nicht anders, und er wandte sich um so lieber der Presse zu, als er nebenbei Mathematiker für Versicherungsgesellschaften und Agent derselben geworden war.

So weit hatte er es bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre gebracht, und seine rastlose Thätigkeit stellte ihn materiell sicher, weil er für seine Person bedürfnißlos geblieben war. Als Strousberg zwei Jahre darauf mit Fräulein Mary Swan, einer mittellosen Dame aus angesehener Familie, sich verheirathete, konnte er schon sorglos in die Zukunft sehen. Bei schlichtem Leben und viel Arbeit erwarb er sich sogar ein kleines Vermögen. Allein im Jahre 1847 brach in England, durch Ueberspeculationen in Eisenbahn-Actien herbeigeführt, auf dem Geldmarkte eine kolossale Panique aus. Strousberg hatte sich auf ein ihm fremdes Gebiet gewagt, und das sollte er schwer büßen. Er war, in dem Glauben, die Verhältnisse übersehen zu können, mit seinen Ersparnissen Engagements eingegangen, die allesammt verunglückten. Mit Einem Schlage hatte er Alles verloren.

Was nun thun? Guter Rath war theuer. Indeß er verlor den Muth nicht. Weib und Kind wußte er bei Verwandten gut untergebracht, wenn er zur Begründung einer neuen sicheren Lebensstellung England zeitweilig verließ. Und er entschloß sich, nach Amerika zu gehen, um dort eine auskömmliche Existenz für sich und seine Familie zu erringen. Sie sollte nachkommen, sobald sich Leidliches gefunden hatte.

Drüben angekommen, sah er sich nach allem Möglichen um. Er bekam eine Stelle als Erzieher der zwei Söhne eines reichen jüdischen Kaufmanns. Es war schwer, mit den wilden Burschen fertig zu werden. Ein Verweis, den ihnen der Lehrer Strousberg ertheilte, brachte sie dermaßen auf, daß sie mit Messern auf ihn losgingen. Als der Angegriffene kaltblütig sie entwaffnet hatte, kam der Vater dazu und nahm für seine Söhne der Art Partei, daß die Situation für den Präceptor noch lebensgefährlicher geworden wäre, wenn nicht die Mutter beschwichtigend sich in’s Mittel gelegt hätte. Strousberg gab die Stelle auf, und er fand eine ähnliche, nebenbei unausgesetzt sich weiter bildend und in der Lage, die Union nach allen Richtungen hin kennen zu lernen. Unter den größten Entbehrungen, die er sich auferlegte, gelang es ihm, sich sogar ein Sümmchen zu sparen.

Auf einem Spaziergange am Hafen von Newyork erfuhr er, daß eine Schiffsladung mit Schnittwaaren, die durch Havarie beschädigt war, verkauft werden sollte. Der Schulmeister war zugleich Kaufmann. Er besann sich nicht lange und kaufte die ganze Ladung, die nach seiner Berechnung nur äußerlich gelitten haben konnte, für einen geringen Preis. Bei Durchsicht der Waare ergab sich die Richtigkeit seines Ueberschlages, so daß er beim Wiederverkaufe eine hübsche Summe verdiente.

Strousberg eilte unverzüglich nach London zu seiner Frau und seinem Sohne zurück. Was er in Amerika erlebt und erlernt hatte, wollte er in England verwerthen. Er wandte sich mit doppeltem Eifer den Wissenschaften zu und trieb mit besonderer Vorliebe Geographie, Geschichte, römisches und Völkerrecht. So war er im Jahre 1850 im Stande, in kaufmännischen Journalen mit größeren Abhandlungen hervorzutreten und zwei Jahre später Lawson’s „Merchant’s Magazine, Statist and Commercial Review“ allein zu redigiren. Bemerkenswerth bleiben seine Aufsätze über „Die Convertirung der englischen Nationalschuld“, über die „Strikes“, über „Goldwährung“, den „Deutschen Zollverein“, „Amerika’s Handel“ etc.

Die alten Verbindungen mit den Versicherungs-Gesellschaften nebenbei wieder aufzunehmen, wurde ihm um so leichter, als er in kaufmännischen Kreisen ebenso bekannt war wie in literarischen. Er verband grundsätzlich beide Beschäftigungen. Die Londoner geographische Gesellschaft ernannte ihn zu ihrem Mitglied, die gemeinnützige Baugesellschaft zu ihrem Vorsteher. In der Versicherungsbranche arbeitete er mit Erfolg, so daß er die Redaction des „Magazine“ abgab, wenn auch entschlossen, späterhin selbst ein neues Blatt zu begründen. Viel versprach er sich von einem illustrirten Pfennig-Blatte; allein er konnte schwer auf die Kosten kommen. Druck, Papier, Holzschnitt – Alles war theuer, nicht blos in London, sondern auch in Deutschland, und so irrte Strousberg in der Annahme, er würde besser fahren, wenn er die Herstellung des Blattes in Berlin vornehmen ließ. Der „Omnibus“ machte sich nicht, er mußte ihn eingehen lassen, die Exemplare kamen zu spät in die Hände der Londoner Leser, für die das Blatt zunächst bestimmt war. Mit diesem Unternehmen schloß er seine publicistische Thätigkeit ab, er zog vor, ausschließlich dem Versicherungswesen sich zu widmen und wissenschaftlich weiter zu arbeiten.

Eine englische Lebens-Versicherungs-Gesellschaft bot Strousberg die General-Agentur für den Continent an; darauf ließ er sich ein. Er kam nach Berlin, um sich zunächst zu orientiren. In der Dorotheenstraße miethete er sich eine kleine möblirte Stube, bis er 1856 mit seiner Familie übersiedelte. Es begann für ihn ein neues Leben, denn er gehörte wieder ganz seiner Heimath an. Seine Versicherungs-Geschäfte schlugen ein, es fehlte ihm nichts. So ging es Jahr um Jahr weiter in gleichförmigem Verlauf der Dinge. Er machte seinen Doctor, blieb, wie geschäftlich im [160] Verkehr mit dem großen Publicum, so mit Vorliebe in Verbindung mit Gelehrten und Künstlern. Weil mit den englischen wie heimischen Verhältnissen genau vertraut, sahen ihn der englische Gesandte, Lord Bloomfield, und dessen erster Secretär, Lord Loftus, oft bei sich. Er mußte für die Gesandtschaft Contracte abschließen, überhaupt ihre Interessen wahrnehmen.

Diese Beziehungen sollten von großem Werth für Strousberg werden. Als eines Tages bei Lord Loftus englische Capitalisten sich befragten, wen sie wohl für den Bau der Tilsit-Insterburger Bahn zu ihrem General-Bevollmächtigten ernennen könnten, brachte der Gesandtschafts-Secretär den Dr. Strousberg in Vorschlag. „Jetzt geht mein Stern auf!“ rief Strousberg aus. Seine General-Agentur, die er sieben Jahre inne gehabt hatte, gab er unverzüglich auf, um 1863 in seine neue Thätigkeit einzutreten. Die Engländer hatten den Bau in General-Entreprise genommen, die bis dahin in Deutschland noch nicht zur Anwendung gekommen war. Strousberg führte den Bau aus und fungirte als Bevollmächtigter für dieselben Unternehmer auch bei der inzwischen concessionirten ostpreußischen Südbahn. Die General-Entreprise baut rascher und billiger als eine Actiengesellschaft und der Staat, und gerade diese beiden Momente erregten das Mißtrauen des Publicums in die Solidität so zu Stande gekommener Bahnstrecken. Man forderte, und mit Recht, die strengste Controle durch staatliche Instanzen, die im weitesten Umfang eintrat, zumal die für beide Bahnen verantwortlichen Unternehmer Ausländer waren. Als später Dr. Strousberg selbstständig die General-Entreprise bei Berlin-Görlitz zur Anwendung brachte, hatte er zwei Control-Instanzen zu befriedigen, den Staat und die öffentliche Meinung. Die letztere verfuhr nicht weniger scharf wie die Commission der Regierung, die den Bau vom ersten Spatenstich an bis zur Fertigstellung an Ort und Stelle beaufsichtigten. Dies erste eigene Unternehmen Strousberg’s, von Engländern ebenfalls noch projectirt und angefangen, hat ihm die allergrößten Sorgen gemacht, denn die politischen Verhältnisse erfüllten, namentlich im Jahre 1866, die Geldmärkte mit paniqueartigen Besorgnissen. Der Bau wurde nicht unterbrochen, aber die Arbeiten gingen unter so schweren Opfern des General-Entrepreneurs weiter, daß das Publicum des Augenblicks gewärtig war, wo er seinen Bankerott erklärte. Die Actien waren bedeutend gefallen, und doch mußten zu jedem Cours die noch reservirten Obligationen ausgegeben werden, um immer Geld zu haben. Der Krieg nahm ein unerwartet schnelles Ende und das war Strousberg’s Glück. Die Bahn wurde fertig, nur hatte sie dem Unternehmer finanziell nichts eingebracht. In anderer Beziehung freilich um so mehr, denn das schließliche Gutachten der Staatscontrole lautete dahin, daß Berlin-Görlitz eine durchaus gutgebaute Bahn sei.

Jetzt war Dr. Strousberg nicht mehr der Aufträge Suchende, sondern der von Communen und Kreisen Gesuchte. Rasch folgten sich die Rechte Oderufer-Bahn, die Märkisch-Posener, die Halle-Sorauer, die Ungarische Nordost-Bahn, die Bahnen in Rumänien, die Strecke Hannover-Altenbeken. Und wie fing Strousberg es an, um das Alles bewältigen zu können, wo er nebenbei noch den Berliner Viehhof und andere Etablissements herstellte? Er engagirte sich vorzügliche Ingenieure und Architekten, bewährte Verwaltungsbeamte, Männer, die zum großen Theil hohe Stellungen im Staate aufgaben. Er selbst behielt jederzeit die centrale Leitung in Händen. Neu in Entreprise genommen sind bekanntlich Lyck-Bialystock bis nach Brzesc-Litewsk, Chemnitz-Aue-Adorf mit Verlängerung nach Hof, ein Hafenbau an der Sulina-Mündung und sehr bedeutende Bauten in und um Antwerpen. Zu letzteren hat Strousberg belgische Officiere und Beamte engagirt; das Antwerpener Unternehmen verspricht sein bedeutendstes zu werden.

Der Umschlag, der durch die gesammten Entreprisen seit 1863 gemacht worden ist, beläuft sich auf mindestens sechshundert Millionen. Peto und Andere gingen zu Grunde, weil sie falsche Finanzdispositionen trafen. Sie ließen sich mit ihren Geldern auf Speculationen ein, die unberechenbar waren. Strousberg’s Finanzsystem war im Unterschied hiervon ein rein kaufmännisches. Legte er seine ersten Ueberschüsse in Grundbesitz an, was seinen Credit wesentlich hob, so erstand er später industrielle Etablissements wie die v. Egestorff’sche Maschinenfabrik in Hannover, die Arndt’schen Schienenwalzwerke in Dortmund, die Dortmunder Hütte und vieles Andere. Strousberg ist damit großer Industrieller geworden, vielleicht der größte, den wir in Deutschland überhaupt haben. Bedeutende Gütercomplexe besitzt er in Böhmen und in fast sämmtlichen Provinzen Preußens. Im Berliner Centralbureau sind allein mehr als dreihundert Personen beschäftigt; das gesammte Arbeiterpersonal von den Oberingenieurs bis herunter zum Erdarbeiter beläuft sich durchschnittlich auf hundertfünfzig Tausend.

Der Gelderwerb allein macht freilich noch Niemand anbetungswürdig, auch den Dr. Strousberg nicht; doch ist die zähe Ausdauer, die ihn in den Stürmen des Lebens stets oben erhielt, ebenso bemerkenswerth, als das fabelhafte Glück, mit welchem er operirte und in wenigen Jahren Millionen gewann. Dabei ist er – und darin stimmen Freunde und Widersacher überein – ein Mann, der nie vergessen hat, daß er durch viele Jahre in Armuth und Entbehrung gelebt. Er giebt oft und vollauf. Seine letzten Acte generösen Wohlthuns sind bekannt, sie ergänzen die reichen Spenden während des ostpreußischen Nothstandes. Das Geld ist immer nur sein Diener, nie sein Herr gewesen. Als Millionär gerade so bedürfnißlos für seine Person geblieben, wie er als Londoner Berichterstatter und New-Yorker Sprachlehrer war, hat er sich sein Interesse für Wissenschaft und Kunst, namentlich für Gesang und Musik zu wahren verstanden. Zwei Söhne und fünf Töchter nehmen Theil an dem seltenen Glück des Strousberg’schen Hauses, er selbst aber kann, auf sein Leben zurückblickend, sagen, er sei ein „selbstgemachter Mann“.
H. B.