Ein russisches Dichterleben

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Titel: Ein russisches Dichterleben
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aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 437–438
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein russisches Dichterleben.

Die Meister in Kunst und Wissenschaft haben zwar ein specielles Vaterland, aber ihre Werke gehören der Welt und schaffen ihnen gewissermaßen eine zweite Heimath überall, wo in den Herzen Liebe für Hohes und Edles wohnt. Wer vermöchte dem Zauber des Liedes sich zu entziehen, wer gefühllos zu bleiben vor der Schöne des Kunstwerks, wer unergriffen von der Tiefe des Gedankens? Ein kleinrussischer Dichter, Schewtschenko, der im vorigen Jahre starb, hat in den letzten Jahrzehnten nicht blos in seiner Heimath, der Ukraine, sondern im ganzen großen Rußland vielfache Anerkennung gefunden, die ebenso durch seine Bedeutung als volksthümlicher Dichter, Künstler und Mensch, wie durch seine Erlebnisse hervorgerufen wurde. Dennoch geht dem Auslande mit unserer Mittheilung vielleicht die erste Kunde über Schewtschenko zu.

Die Ukraine, jene Gegend Rußlands, die der Dniepr durchfluthet, von dessen hohen Ufern die alte Czarenstadt Kiew stolz hinabschaut, den Reisenden ebenso mit Ehrfurcht für die Vergangenheit als mit Entzücken über die herrliche vor ihm ausgebreitete Natur erfüllend, war von je an Dichtern aus dem Volke reich. Ihre Namen sind vergessen, vielleicht auch viele ihrer Lieder, aber in dem Volke lebt der Sinn für Poesie fort und wird immer neu belebt durch die schöne Natur, mit der sich das unverdorbene Menschengemüth so gerne im Einklange befindet. Aus ihrer innigen Wechselwirkung gehen jene bevorzugten Menschen hervor, die, vom Genius geweiht, segenbringend durch das Leben wandeln, die in keiner Lebenslage ihren höhern Adel verleugnen und die kein Hemmniß ihrer Bestimmung zu entfremden vermag. Wie dunkel und mehr geahnt als bewußt auch anfänglich die Aufgabe ihres Lebens in ihrer Brust lebt, sie bricht sich durch zum vollen Bewußtsein und erfüllt sich mit Nothwendigkeit. Zu diesen Naturen gehörte Schewtschenko.

Die Gartenlaube (1862) b 437.jpg

Taras Grigorjewitsch Schewtschenko.

Taras Grigorjewitsch Schewtschenko wurde 1814 in einem Dorfe Kirilowko im Kreise Swenigorod des Gouvernements Kiew geboren. Seine Eltern waren Leibeigene, starben frühe und ließen ihn im 8. Jahre als Waise zurück. Der dem Trunke ergebene Kirchner des Dorfs nahm ihn zu sich in die Schule, zugleich aber auch in der Absicht, um einen Diener zu haben. Schewtschenko’s Lage wurde bei seinem Herrn und Lehrer, dessen grausame Laune er täglich ertragen mußte, bald unerträglich; er entwich in ein nahes Dorf. Hier wurde ein Maler von Heiligenbildern sein Lehrer, aber auch hier war seines Bleibens nicht lange. Der neue Lehrer glich dem verlassenen in vielen Stücken, ja übertraf ihn sogar in einigen. Die roheste Behandlung und über alle Kräfte gehende Arbeit zwangen Schewtschenko, auch diesen Lehrer zu verlassen und in einem andern Dorfe bei einem Maler von Heiligenbildern in die Lehre zu gehen. Seine Lage war dadurch keineswegs gebessert, und als nun gar sein Meister ihm jedes Talent zum Malen absprach, kehrte Schewtschenko traurig in sein Heimathsdorf zurück, entschlossen Hirt zu werden. Doch ihn erwartete eine andere Bestimmung. Der bisherige Gutsherr hatte inzwischen das Zeitliche gesegnet, der Sohn hatte das Gut übernommen und dieser machte Schewtschenko zu seinem Zimmerkosaken. Als solcher mußte er im Vorzimmer sitzen, die Pfeife des Herrn stopfen, ein Glas Wasser reichen und jedes andern Befehls gewärtig sein, ein elendes Leben, das Schewtschenko durch Copiren von Bildern mit gestohlenem Bleistift und durch Lesen und Auswendiglernen alter Lieder für sich nützlich machte. Auf den Reisen seines Herrn benutzte er die Gelegenheit, aus jeder Herberge ein Bild auf Lindenbast, womit die Wände gewöhnlich geschmückt sind, mit sich zu nehmen, um es zu Hause in Muße zu copiren. – Indessen seine Sehnsucht nach Petersburg zu kommen, um bei einem ordentlichen Meister seinem Hange Genüge zu thun, wuchs mit jedem Tage. Sein Herr, der mit Schewtschenko’s Diensten nicht sehr zufrieden war, wurde der unaufhörlichen Bitten müde und gab endlich seinen Zimmerkosaken auf 4 Jahre in die Lehre zum Maler Shirajew in St. Petersburg. Unterschied sich auch dieser von den früheren Lehrern nicht allzu sehr, so lebte doch Schewtschenko jetzt in einer andern Welt, in der Hauptstadt, die nicht unterließ ihre Wirkungen auf den fähigen Jüngling zu äußern. Er konnte in seiner freien Zeit mit der schönen Kaiserstadt und mit Menschen bekannt werden, im Sommergarten sich ergehen und die Statuen studiren, in den wunderbaren Frühlingsnächten sich ganz dem über die Newa ausgebreiteten Zauber und seinen Träumen hingeben. Sein Geist fand Nahrung, wie elend auch seine sonstige Stellung war. Einst überraschte ihn beim Copiren der Statuen im Sommergarten der Akademiker Soschenko. Erstaunt über die Arbeiten, die keine gewöhnliche Anlage verriethen, gab er Schewtschenko den Rath, nach der Natur Aquarellportraits zu versuchen, und legte, als Schewtschenko es mit Erfolg that, diese Arbeiten dem damaligen Secretair der Akademie der Künste, Grigorowitsch, vor, dessen Interesse er für den jungen Mann rege machte. Grigorowitsch sprach mit dem Dichter Shukowski, dieser mit Brulow, dem berühmten russischen Maler, und Dank diesem erhielt Schewtschenko seine Freiheit und den Eintritt in die Akademie der Künste (1837). Brulow malte nämlich das Portrait von Shukow, sie verloosten es, und mit dem Ertrage dieser Lotterie wurden die Ansprüche von Schewtschenko’s Herrn befriedigt. – Der Unterricht in der Akademie, das Zusammenleben mit gleichem Ziele nachstrebenden Jünglingen, das Vorbild edler Lehrer, am meisten aber das beglückende Gefühl der Freiheit, das den Jüngling belebte und seitdem immer der Grundton seines tiefsten Denkens und Handelns blieb, ließen Schewtschenko reißende Fortschritte machen, ja riefen in ihm jene erhöhte glückliche Stimmung wach, der er die Entfaltung seines schönen Dichtertalents dankte. Dieses, sowie seine künstlerischen Arbeiten, machten ihn bald [438] in größeren Kreisen bekannt. Eine Reise in die Heimath trug nicht wenig dazu bei, seine Liebe für dieselbe tiefer und inniger zu machen, ihn zu neuem dichterischen Schaffen zu begeistern.

Doch ein schwarzer Schatten sollte bald seinen heitern Lebenshimmel verdüstern. Mit den damaligen Regierungsansichten stand der Geist, den seine Lieder athmeten, ebenso wenig im Einklange als der Freimuth, mit dem er sich über alle Verhältnisse aussprach, und so wurde er im Jahre 1847 nach Nowopetrowsk, einer Festung im Orenburg’schen Gouvernement, verbannt. Zehn Jahre lebte er dort, fern von Allem, was ihm theuer, auf sich beschränkt, von elenden, verwerflichen Menschen umgeben und überwacht. – Was Wunder, wenn nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg der angegriffene Körper dem frohen Aufschwunge und Schaffen des Geistes nicht zu folgen vermochte, wenn körperliche Leiden sich einstellten, denen er schon im Februar 1861 unterlag.

Von den vielen an seinem Grabe gehaltenen Reden drücken die Worte des Dichters Kulisch am besten aus, was er seinem Volke gewesen. Sie lauten: „Es giebt Niemanden unter uns, der am Grabe Schewtschenko’s ein vaterländisches ukrainisches Wort zu sprechen würdig wäre, denn nur ihm hat sich die ganze Kraft und Schönheit dieser Sprache offenbart. Doch danken wir ihm das Recht, dieselbe in diesem weiten Reiche (Rußland) hören zu lassen … Schewtschenko’s Hauptverdienst besteht darin, nicht daß er uns gelehrt hat, wie wir verderbenbringend Städte und Dörfer erobern, sondern daß er uns das lebenbringende Wort der Wahrheit verkündet hat.“

Die irdischen Ueberreste Schewtschenko’s wurden von St. Petersburg in die Ukraine gebracht, um im heimathlichen Boden zu ruhen. Die Theilnahme, die auf diesem Wege sich für den vom Volke hochverehrten Dichter kund gab, dürfte einzig dastehen. –

Tiefes, inniges Gefühl, vollendete Form und wohltönende Sprache zeichnen Schewtschenko’s Poesien aus. Seine Lieder spiegeln alle die Gefühle wieder, die seine Brust bewegten, seine reine Freude an der schönen Natur, seinen tiefen Schmerz über das, was das Leben ihm versagte, seine Hoffnungen, mit denen er vertrauensvoll in die Zukunft blickte, besonders aber seine Liebe für seine Heimath und seine ukrainischen Brüder. –

Ein Theil von seinen Gedichten erschien 1840 unter dem Titel „Kobzar“ d. i. Sänger, der seine Lieder mit der Kobza, einem ukrainischen Instrumente, begleitet.