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Titel: Ein religiöser Kartenspieler
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 596
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[596] Ein religiöser Kartenspieler. Ein Soldat, Namens Richard Lee, wurde in Glasgow vor Gericht geladen, weil er während des Gottesdienstes Karten gespielt hatte. Der Vorgang war folgender:

Ein Sergeant hatte die Soldaten der Compagnie eben zur Kirche geführt. Der Geistliche verlas, wie üblich, die Gebete und den Text, wozu auch jene ihre Gebetbücher aufgeschlagen hatten und andächtig folgten; nur Lee legte anstatt des Buches ein Spiel Karten vor sich aus und betrachtete sie abwechselnd mit großer Aufmerksamkeit.

Der Sergeant traute seinen Augen kaum und flüsterte ihm zu:

„Richard, stecke die Karten ein! Hier ist nicht der Ort für solche Dinge.“

„Was schadet’s?“ sagte Lee und ließ sich nicht stören.

Als die Andacht beendigt war, trat ein Constabler auf ihn zu, erklärte ihm, daß er sein Gefangener sei, und brachte ihn vor den Mayor.

„Was hat der Mann begangen?“ fragte dieser den Constabler.

„Er hat in der Kirche Karten gespielt, Herr.“

„Was hast Du zu Deiner Vertheidigung zu sagen?“ fragte der Mayor den Soldaten.

„Sehr viel, mein Herr.“

„Das ist sehr gut, sonst wartet Deiner eine harte Strafe.“

Richard Lee: „Ich bin seit sechs Wochen auf dem Marsche, hatte kein Gebetbuch mit, aber ein Spiel Karten; diese brachte ich nun auch in die Kirche mit, und wenn Sie mich hören wollen, theile ich Ihnen mit, wie andächtig ich dabei gewesen bin.“ Er legte die Karten auf dem Tische auseinander und sagte: „Das Aß erinnert mich daran, daß es nur einen Gott giebt; die Zwei deutet auf den Vater und den Sohn. Bei der Drei denke ich an die heilige Dreieinigkeit. Wenn ich die Vier betrachte, erinnere ich mich der vier Evangelisten. Die Fünf ruft mir die fünf klugen Jungfrauen in’s Gedächtniß, die ihre Lampen schmückten; zwar waren deren zehn, aber nur fünf waren klug, die anderen waren thöricht und wurden abgethan. Bei der Sechs denke ich daran, wie Gott in sechs Tagen Himmel und Erde gemacht hat. Die Sieben sagt mir, daß Gott am siebenten Tage von seiner Arbeit ruhte und diesen Tag heiligte. Die Acht ruft mir die acht Gerechten in’s Gedächtniß, welche vor der Sündfluth gerettet wurden, nämlich Noah und sein Weib, seine drei Söhne und Schwiegertöchter. Bei der Neun denke ich an die neun Aussätzigen, die Christus heilte; es waren Undankbare, denn von zehn Geheilten kehrte nur einer zurück, seinem Wohlthäter zu danken. Bei der Zehn – woran könnte ich da anders denken, als an die heiligen zehn Gebote? Der König erinnert mich an den König des Himmels, die Königin an die Freundin Salomo’s, die eine weise Frau, wie er ein weiser Mann war. Als sie seinem Hofe einst einen Besuch machte, brachte sie in ihrem Gefolge fünfzig Knaben und fünfzig Mädchen, sämmtlich in Knabenkleidern, mit und stellte ihm die Aufgabe, die letzten von den ersten zu unterscheiden. Der König hieß einem Diener Wasser bringen und forderte die hundert Kinder auf sich zu waschen. Die Knaben benetzten die Hände knapp bis zum Handgelenk, während die Mädchen auch die Arme bis zum Ellenbogen geschäftig wuschen, wodurch die Aufgabe bald gelöst war. – Wenn ich nun sämmtliche Zeichen der Karten zusammenzähle, erhalte ich die Zahl 365, mithin die Tage eines Jahres.“

„Nun gut,“ sagte der Mayor lächelnd, „Du hast mir jede Karte bis auf eine erklärt –“

„Es fehlt nur noch eine, ich weiß es,“ rief der Soldat mit Eifer, „es ist der Bube. Wenn der Richter es nicht übel nimmt, will ich auch den noch bezeichnen.“

„Wenn Du mich damit nicht beleidigst, laß hören!“ sagte der Mayor.

„Der größte Bube, den ich kenne, ist der Mann, der mich herbrachte,“ sagte der Soldat mit einem ergrimmten Blicke nach der Thür, an welcher der Constabler stand.