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Textdaten
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Autor: M. Hagenau
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Titel: Ein neues Mittel gegen Insektenstiche
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 330–331
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein neues Mittel gegen Insektenstiche.

Von M. Hagenau.

Sie summen und surren in den Lüften, tanzen im hellen Sonnenschein und ihre Bewegungen sind so flink und zierlich, ihre Flügel schillern in allen Farben. Wir bewundern sie das eine Mal und bald darauf wünschen wir diese Insekten zum Kuckuck, denn gar viele von ihnen sind mit Stacheln bewaffnet, die obendrein noch vergiftet sind, und geschickt handhaben sie diese Waffen gegen uns Menschen.

Die Stechmücken können uns alle Freude am Naturgenuß vergällen und in wasserreichen Gebieten werden sie zu einer unerträglichen Plage. In Nord und Süd hausen sie mit gleicher Zudringlichkeit. Alexander von Humboldt hat behauptet, daß nicht Indianer, nicht Schlangen, Krokodile und Jaguare die Reise auf dem Orinoko furchtbar machen, sondern die Scharen der Stechmücken, und von dem blutgierigen Treiben dieser Geschöpfe in den Tundren Sibiriens hat Brehm in seinen Vorträgen eine abschreckende Schilderung geliefert. So schlimm ist es bei uns in Deutschland mit dieser Plage nicht bestellt, aber wie lästig Mückenstiche werden können, davon weiß wohl fast jeder unserer Leser aus eigener Erfahrung.

Zu den Mücken gesellen sich als Plagegeister die Scharen der Bremsen. Diese blutgierigen Fliegen peinigen zwar vor allem das Vieh, werden aber auch dem Menschen lästig und gefährlich. Die Stechfliegen, die Tiere besuchen, werden mitunter zu Verbreitern schwerer tödlicher Krankheiten. Ist das Tier, an dem sie Blut gesaugt haben, krank, so können sie, wenn ihr Stechrüssel verunreinigt wurde, Krankheitskeime auf andere Tiere und Menschen übertragen. In gewissen Gegenden des tropischen Afrika sind z. B. die Rindviehzucht und das Halten der Pferde unmöglich, die Tiere erliegen in der Regel den Stichen einer Bremse, die man Tsetsefliege nennt. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, daß die Tsetsefliege an sich ungiftig ist, daß sie aber mit ihrem Stechrüssel todbringende mikroskopische Parasiten in das Blut der Rinder und Pferde einimpft. In derselben Weise werden bei uns Stechfliegen zu Verbreitern des Milzbrandes. Stiche der Fliegen haben bei Menschen wiederholt Blutvergiftungen verursacht.

Vergiftete Waffen führt auch das Heer der Bienen und Wespen. Unter ihnen werden am meisten die Hornissen gefürchtet und ein Sprichwort besagt, daß zwei Hornissen einen Menschen und drei ein Pferd töten können. Richtig ist dieses Sprichwort nicht. Das Gift der Bienen und Wespen ist nicht so stark, daß unter gewöhnlichen Umständen einige dieser Tiere durch ihre Stiche den Menschen umbringen könnte. Anderseits kommt es auf die Art der Stiche an und diese kann sich so ungünstig gestalten, daß schon ein einziger Stich lebensgefährlich wird. Trifft der Stich z. B. die Zunge, so kann die Anschwellung so stark werden, daß sie auch die tiefer liegenden Teile des Halses um den Kehlkopf angreift und Erstickung herbeiführt. Versenkt die Biene den Stachel in ein Blutgefäß und ergießt sie in dasselbe ihr Gift, so wirkt dieses besonders stark, dann treten schlimme Erscheinungen ein, Ohnmacht, Herzschwäche usw. In diesem Falle aber kann auch das Gift eine Gerinnung des Blutes herbeiführen, das Gerinnsel wird von dem Blutstrom fortgerissen, kann nach dem Gehirn getragen werden und, wenn es hier Arterien verstopft, Lähmungen und Tod verursachen. Schließlich sei noch erwähnt, daß ein ganzer Bienen- oder Wespenschwarm einen Menschen so furchtbar zurichten kann, daß er an den Wunden zu Grunde geht. Glücklicherweise sind solche Zufälle äußerst selten, in der Regel legt sich die Entzündung, die der Stich verursacht hat, nach einigen Tagen.

Selbst die ungefährlichen Stiche vieler Insekten sind jedoch oft so lästig und schmerzhaft, daß der Wunsch, Mittel zu erfinden, welche die Heilung beschleunigen, durchaus gerechtfertigt erscheint. Das Volk kennt eine ganze Reihe derselben, in verschiedenen Gegenden werden verschiedene Linderungsumschläge empfohlen. Bald soll man feuchte Erde, bald frische Blätter, bald geriebene Kartoffeln oder Milchumschläge auf die Stichwunde legen. Was an diesen Mitteln hilft, das ist weiter nichts [331] als die feuchte Kälte. Denselben Erfolg wird man auch durch gewöhnliche Umschläge von kaltem Wasser erzielen und dieselben empfehlen sich auch mehr als die vorhergenannten, sofern man reine Tücher und reines Wasser verwendet. In der Erde, auf Blättern und Kartoffeln ist oft Schmutz vorhanden, wird die Stichwunde durch denselben verunreinigt, so kann das eine Verschlimmerung, Eiterung usw. herbeiführen.

Eine langwierige Eiterung pflegt auch einzutreten, wenn der Stachel des betreffenden Insektes in der Wunde stecken bleibt. Recht haben darum diejenigen, die raten, man solle eine Stechmücke, die uns gerade gestochen hat, nicht totschlagen sondern sich ruhig vollsaugen und dann fortfliegen lassen. Im letzteren Falle zieht sie ihren Stechrüssel zurück, im ersteren pflegt derselbe abzubrechen und bleibt in der Wunde stecken. Giebt es aber nicht ein Mittel, das als Gegengift die Folgen des Stiches unmittelbar aufhebt?

Gesucht hat man seit langem danach und im Laufe der Zeiten auch verschiedenes angepriesen. Bei den Imkern südlicher Länder steht z.B. der Skorpion als Heilmittel gegen Bienenstiche in besonderem Rufe. Sie legen einen Skorpion in ein Fläschchen mit Oel und bestreichen mit diesem die Bienenstiche. Zuverlässige Beobachtungen über die Wirkung dieses Mittels sind uns nicht bekannt. Seit einer Reihe von Jahren wird bei uns das Ammoniak gegen Mücken- und Bienenstiche empfohlen. Das Mittel muß aber möglichst bald nach dem Stiche angewandt werden, wenn es Linderung bringen soll. In mückenreichen Gegenden tragen darum Viele kleine Fläschchen mit Salmiakgeist bei sich. Ganz zuverlässig ist aber auch dieses Mittel nicht.

In unsren Tagen hat Dr. Jos. Ottinger in der Münchener medizinischen Wochenschrift ein neues Mittel empfohlen, dem er eine „ausgezeichnete Wirkung“ zuschreibt. Es ist dies das Ichthyol, eine unangenehm riechende ölige Substanz, die durch trockene Destillation aus bituminösen Gesteinen gewonnen wird und in der Heilkunde seit einer Reihe von Jahren eine ausgedehnte Verwendung gefunden hat. Ottinger hat es im vergangenen Sommer in zahlreichen Fällen von Fliegen-, Schnaken-, Bienen- und Wespenstichen angewandt und damit die Entzündungserscheinungen rasch beseitigt. Im Verlauf einiger Minuten haben Schmerz, Brennen, Jucken usw. aufgehört und die Anschwellung der gestochenen Stelle nahm rasch ab.

Die Anwendungsweise ist sehr einfach. Am schnellsten und sichersten wird das Ichthyol rein, mit einem Pinsel in einer etwa ein Millimeter dicken Schicht aufgetragen. Doch läßt es sich auch in Salbenform anwenden, mit Lanolin oder Vaselin zu gleichen Teilen. Die bequemste Anwendung jedoch gestattet es in Pflasterform, namentlich als Ichthyol-Guttaperchapflastermull.

Die Wirkung des Pflasters ist bei geringen Entzündungserscheinungen und bei unmittelbarem Auflegen nach dem Stich zuverlässig, in schwereren Fällen sollte reines Ichthyol oder die Salbenform benutzt werden.

Es dürfte sich empfehlen, dieses Mittel nachzuprüfen. An Gelegenheit wird es auch in diesem Sommer nicht fehlen.

Eins aber möchten wir unsern Lesern ans Herz legen. Sie sollten, falls dieses oder ein anderes Mittel nicht einschlägt, sondern die Entzündung der Stichwunde trotzdem besteht oder zunimmt, nicht auf eigene Faust quacksalbern, sondern alsdann baldigst einen Arzt aufsuchen. Die Möglichkeit, daß die Wunde durch krankheiterregende Stoffe verunreinigt wurde, ist in solchen Fällen nicht ausgeschlossen, und dann kann nur eine schleunige sachverständige ärztliche Hilfe Heil bringen.