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Ein geschichtliches Gemälde von Ernst Wichert

Textdaten
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Titel: Ein geschichtliches Gemälde von Ernst Wichert
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 531
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[531] Ein geschichtliches Gemälde von Ernst Wichert. Auf einer Leinwand von größten Dimensionen hat diesmal der Königsberger Dichter Ernst Wichert ein Geschichtsbild aus der Vergangenheit der Ostseeprovinzen ausgeführt, welches eben so von der regen Phantasie und geschickten Hand dieses Schriftstellers, wie von seinen eingehenden historischen Studien Zeugniß ablegt. Der Roman führt den Titel „Der große Kurfürst in Preußen“ und besteht aus drei Abtheilungen, von denen die zweite und dritte je zwei Bände haben (Leipzig, Karl Reißner). Ein so umfangreiches Werk setzt eine gewisse Ausdauer seitens des Lesers voraus, und es bedarf nicht unbedeutender schriftstellerischer Vorzüge, um einen an leichtere Lektüre gewöhnten Geschmack an ein so bändereiches Werk zu fesseln.

Die Handlung des Romans spielt in jener Zeit, in welcher der große Kurfürst die gegen seine Souverainetät rebellirenden Städte und den sich in trotzigem Selbstgefühl auflehnenden Adel der Provinz unter seinen eisernen Willen beugte. Die Städte und der Adel kokettirten mit der polnischen Oberlehnshoheit und wollten einen großen Theil ihrer alten Vorrechte wahren. Sollen wir nun für den geschichtlichen Helden des Gemäldes, den Kurfürsten, der gewaltsam den Widerstand der Städte brach, Sympathie empfinden, so muß er uns als ein Vorkämpfer des Fortschrittes erscheinen, welcher zum Besten des Gemeinwesens und des ganzen Volkes in verrottete Zustände das Licht eines neuen Geistes trägt und das geschriebene Recht zu Boden tritt zu Gunsten eines neuen, welches dem Staate zum Heil gereicht.

Ernst Wichert hat dies wohl eingesehen – und die erste Abtheilung seines Werkes: „Konrad Born“, schildert uns mit lebhaften Farben die Willkür eines brutalen Junkerregiments, gegen welches kein Recht zu finden ist. Die Verführung der Töchter des Landes gehört zum höheren Sport; der alte Wildhüter wird im Wortwechsel von einem Junker getödtet; seine Stieftochter Gabriele flüchtet aus dem Vaterhause und geräth in das Schloß der Herren von Kalckstein, in welchem zerrüttete Zustände herrschen. Diese Kämpfer für die Rechte des Adels sind brutale Feudalherren, die allen Gelüsten die Zügel schießen lassen. Im Verlaufe des Romans wird uns die innere Zerrüttung der Familie noch näher geschildert: die Schwestern und Schwägerinnen beeilen sich, den bei der Erbschaft begünstigten Bruder hochverrätherischer Aeußerungen und Bestrebungen anzuklagen, Anklagen, die ihn zuletzt auf das Schaffot führen.

Der Held der ersten Abtheilung, Konrad Born, ist eine frei vom Dichter erfundene Gestalt, welche mit ihren persönlichen Abenteuern, die oft in die geschichtliche Haupthandlung eingreifen, auch in den späteren Abschnitten des Werkes die Theilnahme fesselt. Die zweite Abtheilung trägt den Titel „Schöppenmeister Rohde“, und ihr Held ist der unerschrockene Königsberger Bürger, der gegen die Souveränetät des Kurfürsten protestirt, so lange sie nicht in den Urkunden der Städte anerkannt ist, der gegen die neue eiserne Gewalt bei der polnischen Oberhoheit Schutz sucht, der vom Kurfürsten verhaftet, vors Gericht geschleppt und zu lebenslänglicher Festungshaft verurtheilt wird. Die dritte Abtheilung behandelt den Hochverrathsproceß gegen Christian Ludwig von Kalckstein, der zum Tode verurtheilt wird und das Schaffot besteigen muß.

Und neben diesen durch ihre geschichtliche Bedeutung und ihr tragisches Schicksal uns nahegerückten Männern erhebt sich auf einem mit dem Relief großer Thaten geschmückten Piedestal die Gestalt des Kurfürsten selbst, dessen Herrschertugenden, mögen sie auch hier und dort in tyrannischen Eigensinn ausarten, doch unsere Bewunderung erregen. Da mag Konrad Born seine tüchtigen militärischen Dienste, seine Betheiligung an der Schlacht bei Warschau, seine Kämpfe mit den Tataren, die Errettung des Edelfräuleins Blanche, die sich ihm mit rücksichtsloser Hingebung in die Arme wirft, obschon er auf ihre Hand verzichten muß, seine Liebe zu Barbara, des Schöppenmeisters Tochter, die er auch als Gattin heimführt, in die Wagschale werfen: Alles, was sich in dieser Welt der Abenteuer zuträgt, die an und für sich bei der lebendigen Darstellung Wichert’s uns in Spannung halten, vermag doch kaum ein Gleichgewicht herzustellen mit dem Theile des Werkes, welcher der geschichtlichen Chronik angehört, und um so weniger, als gerade die Processe gegen die beiden Hochverräther mit einer aus den Akten schöpfenden Treue, mit größter Ausführlichkeit und mit der Vorliebe des tüchtigen Juristen für alle Vorgänge beim Proceßverfahren früherer Zeiten dargestellt werden.

Von den Charakteren fesselt außer Konrad Born und den Titelhelden der zwei letzten Abtheilungen besonders die leidenschaftliche Blanche mit ihren herausfordernden Abenteuern und die nicht minder kühn ins Leben sich stürzende Gabriele, die edel gehaltene Barbara, der gelehrte Beamte Sandius und seine ernste Tochter Livia, die Helden der Schuhmacherwerkstatt, unter denen der weisheitsvolle Altgeselle Nathanael den ersten Platz behauptet. Die polnischen Hof- und Adelsscenen haben --Maasikaru (Diskussion) 19:12, 4. Mai 2014 (CEST)glänzendes Kolorit und sind in eine ironische Beleuchtung gerückt.

Der Ernst Wichert’sche Roman, nach beiden Seiten hin als Geschichtschronik und als Phantasieschöpfung, wird die Leser fesseln, ohne Hilfe jener Erregungsmittel, die eine krampfhafte Spannung hervorrufen, besonders auch durch seine gleichmäßig ruhige und klare Darstellungsweise, welche an geeigneten Stellen der Wärme nicht entbehrt und sich vor Allem von jeder altfränkischen Manierirtheit freihält.