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Textdaten
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Autor: St. G.
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Titel: Ein deutscher Wundercur-Fürst
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 248–252
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[248]
Ein deutscher Wundercur-Fürst.
Nach erst jetzt zugänglichen Acten.


Prinzessin Mathilde von Schwarzenberg, eine Nichte des berühmten Oberfeldherrn der Verbündeten in der Schlacht bei Leipzig und Tochter jener Fürstin Schwarzenberg, welche bei dem heldenmüthigen Versuche, ihr Kind in Paris bei einer Feuersbrunst zu retten, verbrannt war, hatte bereits das siebzehnte Jahr erreicht, aber das Gehvermögen in Folge einer Muskelzusammenziehung nach einer Entzündung, die eine Eitersenkung veranlaßte, schon im dritten Jahre verloren. Nachdem Jahre lang die berühmtesten Aerzte und Chirurgen in Frankreich, Italien, Belgien etc. ihre Kunst an ihr erschöpft hatten, wurde die bereits aufgegebene Kranke dem durch seine chirurgischen Instrumente bekannten Bandagisten und Orthopäden Dr. Johann Georg Heine in Würzburg übergeben, der nach einer Consultation mit Hofrath Schäfer in Regensburg einen Heilplan entwarf, den er standhaft verfolgte, und der bei der Folgsamkeit der Prinzessin auch zur Heilung führte.

Da beide Männer es nämlich als Leiden der Prinzessin erkannt hatten, daß die zum Aufrechtstehen wesentlich beitragenden Muskeln verkürzt seien, so suchte Heine durch eigene, sinnvoll construirte Apparate allmählich die zusammengezogenen Muskeln auszudehnen, und durch eine andere für diesen Zweck erfundene Maschine brachte er die Kranke allmählich so weit, daß sie schon die Stellung einer Gesunden annehmen konnte, indem sie sich an einen Pfeiler lehnte und ein wenig auf die Füße stützte; nach anderthalbjähriger Cur konnte sich die Prinzessin schon aufrichten und einige Schritte thun, kurz: die vollkommene Herstellung des Gehvermögens stand in Aussicht. Heine, dem außer seinem laufenden Ehrensolde auch noch zehntausend Gulden zugesichert waren, wenn er die Prinzessin vollständig heile, wollte augenscheinlich möglichst sicher zu Werke gehen und ersann eine neue Maschine als Sicherheitsmittel für diese Gehversuche. Das Alles hatte so glücklichen Erfolg, daß die Prinzessin im April 1821 sich schon ohne alle Schmerzen erheben und des Tages vier bis fünf Stunden mit Unterbrechung gestreckt stehen konnte, wobei sie alle Bewegungen der Füße zum Gehen machte. Nunmehr schloß Heine, daß die Prinzessin einen Gehversuch vor Zeugen zum öffentlichen Beweis der vollendeten Heilung wagen könne, und er kündigte ihr und ihrem Sachwalter, dem Fürsten von Wallerstein, am 19. Juni an, daß er diesen Versuch nur einer nöthigen Reise wegen um wenige Tage verschieben müsse, aber auf den 23. Juni festsetze.

Prinzeß Mathilde wohnte während der sieben Vierteljahre ihres Würzburger Aufenthaltes bei Freiherrn von Reinach. Arm und Reich, besonders aber die Aristokratie und der damalige Kronprinz Ludwig, welcher damals abwechselnd in Würzburg und Bad Brückenau weilte und gerade von den Jesuiten mit Erfolg in die Cur genommen worden war, interessirten sich für die junge anmuthige, schon durch ihr langjähriges Leiden der Sympathie würdige und auch sonst körperlich und geistig ausgezeichnete Dame. Wer sie kannte, gewann sie lieb. Ihre Heilung mußte voraussichtlich als Triumph der Wissenschaft im In- und Auslande besprochen werden; Heine sowohl, der sie als Maschinist, wie Professor Textor, der sie als Chirurg behandelt hatte, mußten großen Ruf gewinnen, der selbst dem talentvollen jungen Arzte Dr. Eisenmann, der fünf Monate lang Magnetismus angewandt hatte, nicht entgehen konnte.

Da kam ein schlauer Jesuit und sein Werkzeug, ein ebenso schlauer Bauer, beide entschlossen, die Früchte der Arbeit Anderer für sich zu pflücken. Der Jesuit war Alexander, Fürst von Hohenlohe. Geboren am 17. August 1793, das achtzehnte Kind des gemüthskranken Erbprinzen von Hohenlohe, österreichischen Generals, und einer sehr bigotten Magnatentochter, die das Söhnlein gleich bei der Geburt der Kirche weihte, hatte er unter dem Exjesuiten Niel, dann auf den bezüglichen Anstalten in Wien, Bern, Tyrnau, Ellwangen und schließlich im Clericalseminar zu Preßburg seine „Studien“ gemacht und ward 1815 zum Priester geweiht. Seine eigentliche Mission begann mit einer Reise nach Rom, wo er beim Papste nicht nur die beste Aufnahme fand, sondern auch die Vollmacht erhielt, bis auf dreitausend Rosenkränze, Crucifixe u. dgl. zu weihen. So ausgerüstet besuchte er die Höfe zu Stuttgart und München und wurde auf unmittelbaren Specialbefehl des Königs von Baiern am 8. Juni 1817 überzähliger Vicariatsrath des Bisthums Bamberg mit fünfzehnhundert Gulden Gehalt aus der königlichen Dispositonscasse. Nebenbei war er noch Stiftsherr von Olmütz und Ritter des Malteserordens. Der Fürst war zur Zeit seines Auftretens in Würzburg siebenundzwanzig Jahre alt, mittelgroß, wohl beleibt, mit bedeutungslosen Zügen und von blasser Gesichtsfarbe. Die Männer fanden seine Mienen gemacht, gespannt, die Weiber dagegen fromm und liebevoll. Seine Augen hatten jene eigenthümliche Fixheit, die einen geschlossenen Ideenkreis verräth. Sein Anzug war geistlich elegant, seine Sprache abgemessen. Er liebte den Predigerton, obgleich er kein großer Kanzelredner war. Sein früheres Leben soll nicht ganz priesterlich gewesen sein, doch seine Rechtgläubigkeit ließ nichts zu wünschen übrig, wie alle seine Gebetbücher und Predigten bewiesen.

Im Jahre 1820 begann Hohenlohe durch Vermittelung der päpstlichen Nunciatur zu Luzern einen Flugschriftenkampf gegen den Zeitgeist. In einer 1820 zu Bamberg erschienenen Flugschrift: „Was ist der Zeitgeist?“ die er der heiligen Allianz, den Kaisern von Oesterreich und Rußland und dem Könige von Preußen, gewidmet hatte, heißt es: „Die jenseits des Rheins erstickten, giftigen Revolutionskeime scheinen diesseits festere Wurzel geschlagen zu haben. Demagogen, Jacobiner, öffentliche Lehrer, Zeitungsschreiber leiten das Werk. Constitutionen ist ihr Feldgeschrei, der Zeitgeist ihr Palladium, Sturz von Religion und Thron, Lösung aller Bande ihr Zweck etc.“ Diese Lehren wollte Fürst Hohenlohe auch dem Clerus von Baiern einimpfen, um denselben gegen die bestehende Verfassung und jede freisinnige Richtung aufzuhetzen. Bei Gelegenheit einer seiner Mahnreden an die Pfarrgeistlichkeit des Ochsenfurter Gaues lernte er den Bauern und Wunderdoctor Michel zuerst kennen.

Dieser Martin Michel, weil sein Vater Schulze gewesen, kurzweg Schulzen-Märtä genannt, war damals zweiundsechszig Jahre alt und ein durchtriebener Gauner. Schon sein Großvater hatte mit Pater Gaßner und anderen wunderwirkenden Jesuiten auf vertrautem Fuße gestanden. Er selber hatte frühzeitig von den Jesuiten-Missionen profitirt, hatte, um einen [249] eigenen Bruchschaden zu heilen, sich auf die Heilkunst geworfen, die ihn endlich bis zu Wundercuren durch Teufelsbeschwörung vorwärts brachte. Trotz des Verbots seiner Quacksalberei ging er immer auf dem einträglichen Wege weiter, setzte dem bischöflichen Vicariat zu Bruchsal 1819 sogar schriftlich seine Grundsätze über die Heilung durch Vertrauen und Glauben an Jesus auseinander und fand, abermals trotz eines abmahnenden Hirtenbriefs des Vicariats, in dem Fürsten Hohenlohe 1821 einen ebenbürtigen Spießgesellen. Bei seinem Schwager, dem Stadtpfarrer Dr. Bergoldt in Haßfurt, einem Hauptanhänger der römischen Curie, brachte Michel dem Fürsten zuerst die Idee bei, das Wunder an Prinzessin Mathilde von Schwarzenberg zu wirken. Beide reisten sofort nach Würzburg, wo der Fürst sich beim Stadtpfarrer Deppisch im Stifthauger Pfarrhofe einlogirte, während Michel im „Einhorn“ wohnte und seinen gewöhnlichen Wein- und Geldgeschäften nachging.

Erst galt es das Terrain zu sondiren. Hohenlohe wurde mit der Familie Schwarzenberg durch den Freiherrn von Reinach bekannt, machte Besuche, erhielt Gegenbesuche und Einladungen, speiste am 18. und 19. Juni bei Freiherrn von Reinach, erwähnte aber mit keinem Worte Michel’s, der, um Aufsehen zu vermeiden, am 16. nach Haßfurt zurückgekehrt war. Sobald jedoch Hohenlohe die Nachricht erhalten hatte, daß die Prinzessin Mathilde zur Erprobung ihrer Heilung reif sei, ließ er durch einen expressen Boten Michel von Haßfurt herbeiholen.

Man beachte die Zeit: am Neunzehnten hatte Heine der Prinzessin und dem Fürsten Wallerstein das Ende der Cur und den Erprobungstag angekündigt, – war es da wohl ein Zufall, daß gerade am Zwanzigsten, wo Heine seine Reise angetreten hatte (es war ein Mittwoch), der Fürst mit Michel zur Vollbringung des großen Wunders schritt? Gegen halbzehn Uhr früh, als die Prinzessin noch in ihrem gewöhnlichen zierlichen Nachtbette schlief, stieg Hohenlohe, der vorher in der Hauscapelle eine Messe gelesen, zu ihr hinauf. Sie wurde geweckt und er eingeführt. Der fürstliche Priester verhieß ihr Hülfe unmittelbar von Gott, belehrte sie über Michel’s wunderbare Curen und schloß: „Ich gehe und hole ihn.“ Michel wartete im Hof und war sofort zur Hand. Vom Fürsten eingeführt, begrüßte er die Prinzessin und murmelte Gebete. Der Fürst aber sprach: „Gott kann, will und wird helfen; er ist helfend. Stehen Sie auf, und seien Sie gesund! Sie werden Ihr Bett verlassen, sich festlich kleiden und Gott danken, der Sie allein geheilt!“ Mit diesen Worten war Hohenlohe immer näher gerückt und auf seinen Wink kam auch der Bauer heran. „Haben Sie festes Vertrauen!“ begann er, „Gott hilft, Jesus hilft! Reines Herz, unbefleckte Unschuld, reines Gewissen, christliches Vertrauen, dies Alles haben Sie. Wohlan! Im Namen Jesu stehen Sie auf und wandeln Sie! Erheben Sie sich von Ihrem Lager! Glauben Sie an Gott, hoffen Sie auf Jesus! Lieben Sie Gott und Sie sind gesund!“

Die von den beiden Fanatikern exaltirte Prinzessin rief hochglühend: „Ja Jesus, Jesus!“ und suchte sich aufzurichten. Beide Wundermänner verließen das Gemach. Die Gouvernante war längst um sie beschäftigt; die Prinzessin ließ sich ankleiden und berief nun die Wunderthäter vor sich. Von der Gouvernante unterstützt, erhob sie sich von ihrem Lager, trat ängstlich auf und ging, halb getragen, am Arm derselben, die beiden Männer neben sich, langsam auf und ab. Sie weinte dabei Freudenthränen, so bewegt war sie, aber nach einigen Minuten schon, als die Aufregung etwas nachgelassen, wurde sie schwach und mußte wieder auf’s Bett gebracht werden. Die Wunderthäter aber gaben keine Ruhe. Sie murmelten von Neuem ihre Gebete mit noch größerer Inbrunst, und nach heftigeren Anstrengungen schrie Michel zuletzt wiederholt: „Im Namen Jesu! Stehen Sie auf und wandeln Sie!“ Da machte die bisher so muthlose Fürstin eine gewaltige Anstrengung, wagte zum ersten Male rasch selbst auf den Boden zu treten und schnell zwei Schritte vorwärts zu gehen; es gelang, und vom Fürsten geführt, spazierte sie vier bis fünf Mal im Zimmer auf und ab.

Alle fielen auf die Kniee mit Thränen und Dankgebeten. In wenigen Augenblicken war das ganze Haus versammelt. Alles schrie: „Wunder! Wunder!“ Boten wurden zum Kronprinzen, an alle vornehmen Häuser gesandt. Estafetten gingen nach München, nach Wien, nach Wallerstein. In zehn Minuten wußte es die ganze Stadt.

„In den Garten!“ rief plötzlich die Prinzessin. Fürst Hohenlohe bot ihr den Arm, und so stieg sie, auch von Michel unterstützt, eine Treppe von vierundzwanzig Stufen hinab. Als sie unten angekommen war, fand sie, daß die Anstrengung über ihre Kräfte ging, und sie ließ sich wieder hinauftragen, um auszuruhen. Bei der Mittagstafel saß sie, an die Rückseite ihres Sopha gelehnt.

Nachmittags strömten nun hohe und vornehme Besuche von allen Seiten herbei. Alle umringten die Fürstin; Jeder wollte das Wunder mit eigenen Augen sehen; Alle, selbst die Männer, weinten und anerkannten gerührt die göttliche Einwirkung. Dem gewöhnlichen Volke aber sollte das Wunder am folgenden Tag servirt werden zur Erhöhung des Fronleichnamsfestes. Und in der That fand die Procession nie so zahlreiche Theilnehmer, war nie so pompös, so prachtvoll gewesen. Das Wunder versetzte Alles in glühende Andacht und fromme Begeisterung. Hohenlohe zeigte sich voll Würde und Salbung; das Bewußtsein, der Liebling der Gottheit zu sein, durch den sie Wunder wirke zur Verherrlichung der alleinseligmachenden Kirche, umgab ihn mit einem Heiligenschein. Das schöne Geschlecht besonders bewunderte an ihm das Gottähnliche, die kleinen Füße, die netten Hände, die vielsagende Männlichkeit des wohlgenährten Vicariatsrats, seine sonore Stimme, mit der er unter Seufzern und Thränen die Macht des Glaubens pries. Bald sprach man nur von ihm. Das Volk, welches jetzt die Fürstin, die so lange getragen ward, gehen sah, ohne zu wissen, wie weit das Heilverfahren gediehen war, schwur auf die Wahrheit des Wunders; selbst sonst Aufgeklärte waren in Ungewißheit, zumal da auch die höchsten Herrschaften, voran der Kronprinz, daran glaubten.

Zwar hatte die Behörde die Wunderthäter, die Geheilte und ihre Gouvernante und sonstige Zeugen der That vernommen, die Prinzessin erklärte jedoch, daß ihr Jesus und das Gebet allein geholfen, und der durchlauchtige Vicariatsrath gab eine schlechtstilisirte Erklärung ab, die von der größten geistlichen Anmaßung zeugt und seine jesuitischen Zwecke entlarvt. Denn da heißt es: „Es sei ein unmittelbares göttliches Einwirken gewesen, damit durch solche Ereignisse der in unseren Tagen so sehr gesunkene Glaube an die Gottheit Jesu wieder neu belebt werde unter den vielen Namenchristen, die aus menschlichem Stolze ihren Verstand dem Glauben nicht unterwerfen wollen.“ „Wir können solche Heilungen von Gott verlangen!“ so heißt es gegen den Schluß dieser Erklärung.

Was nun aber den offenbar um einen wohlverdienten Lohn gebrachten Heine betrifft, so traf ihn dieser Verlust als eine Strafe, wenn auch von ungerechter Hand, doch nicht ohne Schuld. Er hatte das arme Mädchen, trotzdem er wußte, daß es geheilt war, fort und fort in neue Maschinen gesteckt – aus Habsucht, weil er die Henne der goldenen Eier wegen, die sie ihm legte, so lange als möglich fest halten wollte. Der ganze Wunderschwindel wäre unmöglich gewesen, wenn er seinen Geiz beherrscht und den Triumph seiner mühevollen Cur noch am Neunzehnten gefeiert hätte. Jetzt war alle Anstrengung, gegen den siegreichen Wahn anzukämpfen, vergeblich. Er schickte einen kurzen Bericht an die „Allgemeine Zeitung“ und den „Correspondenten von und für Deutschland“, um durch Darstellung des wahren Sachverhalts der Wunderreclame entgegen zu wirken. Aber ohne Erfolg; denn als Heine am Abend des 23. Juni nach Würzburg zurückkehrte, fand er Alles in dieser Stadt schon in Aufruhr und mit Hilfsbedürftigen, die von überall herbeigeeilt waren, angefüllt und mußte noch an demselben Abend den Hohn erleben, daß der Bauer und der Fürst die Keckheit hatten, unerwartet und unangemeldet in sein eigenes Institut zu kommen und ihre Wundercur zu versuchen – ohne daß Heine von seinem Hausrechte Gebrauch machen und sie hinauswerfen durfte; ja am 29. Juni mußten sogar auf den Wunsch des Fürsten die Patienten Heine’s alle Bandagen ablegen. Sie hatten freilich nur die Mühe, sie wieder anlegen zu müssen, denn es wurde weder von ihnen, noch von den vielen Kranken der Stadt, die an diesem Tage ebenfalls in’s Heine’sche Institut geströmt waren, um von dieser Gelegenheit zu profitiren, ein Einziger geheilt. Doch diese Mißerfolge kamen nicht in Betracht. Glaubte doch selbst der Kronprinz daß schon über siebzig Personen [250] geheilt worden seien, wie nachstehender Brief beweist, der damals zur Veröffentlichung bestimmt war:

„Brückenau, den 3. Juli 1821.
Lieber Graf Seinsheim!

Es geschehen Wunder! In den letzten zehn Tagen des Monats glaubte man sich in Würzburg in die Apostelzeiten versetzt. Taube hörten – Blinde sahen – Lahme gingen – nicht durch Berührung, sondern vermittelst kurzen Gebetes auf Befehl und im Namen Jesu. Glauben an Jesus, – Glauben, daß geholfen werde, verlangte Fürst Hohenlohe – Glauben als nothwendige Bedingniß. Bereits am 28. Juni Abends betrug die Zahl der Geheilten mehr als siebzig von jedem Geschlechte, von jedem Alter, von jedem Stande, von der geringsten Volksclasse bis zum Kronprinzen, der sein in der Kindheit ohne äußerliche Veranlassung verlorenes Gehör am 27. Juni um Mittag wieder bekam, nach wenigen Minuten des vollbrachten Gebetes durch den noch nicht siebenundzwanzig Jahre alten Priester-Fürsten Alexander von Hohenlohe-Schillingsfürst. So gut, wie Andere, hörte ich zwar noch nicht, aber kein Vergleich zwischen dem, wie es vorher war; und seitdem verbesserte sich mein Gehör noch auffallender. Bescheiden ist der junge Fürst, und wundert sich über die auf eine vorzügliche Weise von Gott ihm gewordene Gnade. In meinem Vorzimmer, im Beisein der Hofdame Grafenreuth, wurde nach zwei Mal vergeblichem Gebete, als der Fürst auf einer Frau dringende Bitte zum dritten Male betete, diese fünfundzwanzig Jahre lang Blinde sehend. Dann noch eine andere im Beisein meines Bibliothekars Lichtenthaler. Dies sind nur ein paar Beispiele aus der Menge. Meine Ohren sind nun sehr empfindlich, so stark schallte mir am letzten Freitag die Musik, daß ich das gegen sie gerichtete Glasfenster meiner Tribüne darum zum ersten Male zumachte. Am Tage nach meiner Heilung empfing ich das heilige Abendmahl. Laut und innig war die von den Würzburgern gewordene Theilnahme, der ich von Seite des lieben Karl auch herzlich gewiß bin. Meinen Brief können Sie Jedem zeigen und abschreiben lassen. Wir leben in mehrfacher Hinsicht in einer großen Zeit.

Mit allem Gefühle
Ludwig, Kronprinz.“

Die Etiquette und die Servilität forderten schon auf diesen Brief hin, daß das „Wunder“ geglaubt wurde. In der That aber log Kronprinz Ludwig sich selbst ebenso an, wie seine Hofschranzen ihn.

Der bairische „Augustus“, wie Sepp ihn nennt, litt nämlich schon seit früher Jugend an Harthörigkeit und Jeder, der mit dem König Ludwig dem Ersten einmal ein Gespräch anfing, weiß, daß er diese Harthörigkeit nie verlor. Doch war bei trockener warmer Witterung und im Sommer sein Gehör besser, als an feuchten, kalten Tagen und im Winter. Seine Umgebung bemerkte das besser als der Kronprinz selbst. Nun waren die drei Tage vom 20. Juni an ungewöhnlich heiße und trockene, während vorher, vom Monat April an, naßkalte Witterung fast ununterbrochen geherrscht hatte. So erklärt sich das „Wunder“ des Besser-Hörens bei dem nun auf sich aufmerksam gewordenen Prinzen, der, wie Jeder weiß, nach wenigen Tagen wieder ebenso schlecht hörte, als früher.

Da also der Kronprinz und der hohe Adel den Wunderschwindel des Fürsten Hohenlohe begünstigten, da Geistlichkeit und feile Federn ihn als Wunderthäter fast Christus gleichstellten, war es leicht zu begreifen, daß von allen Seiten das blindgläubige Volk hereinströmte und vor Hohenlohe, wie vor einem Gotte, auf den Knieen liegend, um den Segen des siebenundzwanzigjährigen Jesuiten bat. Dieser eitle Mann, von dem schönen Geschlechte förmlich verfolgt, der vom Diner zum Wunderwirken, vom Wunderwirken zur Tabakspfeife oder zur Damengesellschaft eilte, machte das Wunderwirken sich ziemlich leicht. Er betete immer dieselbe Formel und zeigte sich bald brutal und hartherzig gegen die Kranken, wenn sie ihm lästig wurden, und gab ihnen spitzige Reden, die sie in Schrecken versetzten. Später machte er sich’s noch bequemer; er betete gar nicht mehr, wenn er nicht disponirt war, segnete auch nicht ferner einzeln, sondern en bloc gleich viele Kranke auf einmal, maschinenmäßig.

Wenn die Heilung nicht gehen wollte, schien sie der Wundermann ertrotzen zu wollen und donnerte namentlich die ängstlichen Weiber an, sich vom Lager zu erheben. Der umstehende Pöbel schrie dann nach: „Auf im Namen Jesu!“ und nahm die Krücken weg. Wenn auch die Kranken gleich wieder zusammensanken, war doch das Wunder geschehen und wurde proclamirt. Die Polizeidiener rissen oft die Zusammengesunkenen im Namen der heiligen Dreifaltigkeit wieder auf und schleppten die von allen Seiten Geängstigten erbärmlich weiter. „Nur glauben und etwas Kampher einreiben, dann kann es nicht fehlen!“ sagte der Polizeidiener; aber oft starben die „Geheilten“ an an den Folgen der Reise und Aufregung.

Den Wirthen und Bäckern in Würzburg war dieser Schwindel nicht unlieb, da Hunderte von Wagen täglich in die Stadt gefahren kamen. Freilich kehrte auch alles mögliche Gesindel zurück, welches die Suspendirung der Gesetze zu Gunsten des Jesuiten benutzte. Ausgewiesene Bettler und Streuner kamen unter dem Schutze des Wunders ungestraft wieder in die Stadt; sie simulirten eben auch eine Krankheit, stellten sich lahm und blind, und da sie bald darauf durch Wunder wieder gehen und sehen konnten, erhielten sie von den staunenden Betschwestern und Pfaffen Geld und Lebensmittel auf viele Wochen. Wenn jemand nicht geheilt wurde, war nicht der Fürst schuld, sondern der Kranke hatte entweder keinen Glauben oder war von schwerer Sündenlast gedrückt, weshalb diese Armen sich mit schweren Gewissensscrupeln quälten und namentlich Ehegatten sich oft die häßlichsten Vorwürfe machten. Das Volk wollte blind sein und drohte Jedem, der ihm den Staar zu stechen versuchte.

Wenn Hohenlohe unter den Hülfesuchenden Kranke erkannte, die er schon in Behandlung gehabt, sagte er zornig: „Ich habe es Euch schon gemacht, ich mache es nicht zum zweiten Male.“ Zu den Blinden sagte er: „Ihr dummen, einfältigen Menschen! Wie könnt Ihr so etwas von mir verlangen!“ Trotzdem behandelte er Einen Namens Oe–r, dessen Sehvermögen bedroht war, mit Auflegung der Hände und Bestreichung des Auges. Da es ohne Erfolg war, sagte er zum Patienten, er möge getrost fortgehen. Zum Arzte aber sprach er: „Meine Zeit ist zu beschränkt, diesen Kranken ganz zu heilen. Das würde eine halbe Stunde erfordern, bis er sehen und lesen könnte.“ Mißlangen auch, wie im Würzburger Hospitale, alle Wunderversuche, so verbreiteten doch die Jesuitenanhänger das Gerücht, Hohenlohe habe dort Viele durch Gebete geheilt. Die unverschämteste Lüge ward nicht gescheut; der Zweck heiligte eben die Mittel.

Der Pöbel, gegen den alle Polizeigesetze suspendirt waren, wurde so frech, nicht nur in die Höfe der Adeligen, sondern sogar am 29. Juni in den Kaisersaal der Residenz einzudringen. Dort ließen sich die bisher von der Polizei geächteten Streuner mitten unter den Höflingen vom frommen Kronprinzen Trost einsprechen und wurden auch wohl plötzlich sehend, wenn sie ein entsprechendes Geldgeschenk erhielten. Der Fanatismus nahm so überhand, daß es zu Thätlichkeiten kam. Abergläubische Gebete als Talismane gegen alles Mögliche wurden verbreitet; an Zeichen am Himmel, an Prophezeiungen fehlte es ebensowenig; denn es gab schlaue Pfaffen, die den Sinnentrug als baare Münze verwertheten. Ein Vicar, Namens Baur, rühmte sich, zwölftausend Exemplare seiner Broschüre, welche die Hohenlohe’schen Wunder verherrlichte, verkauft zu haben, und nannte das „ein erfreuliches Zeichen der Zeit“.

Als Hohenlohe, fêtirt und geehrt wie ein Gott, nach Ablauf des Juni nach Bamberg zurückkehren mußte, hatten seine Freunde dafür gesorgt, daß auf allen Stationen, die er berührte, die Kunde von seinen Heilungen ihm voranging. Dennoch war den Hohenlohe’schen Wundern dort ein nicht so günstiges Prognostikon zu stellen als in Würzburg; in Bamberg stand an der Spitze des Stadtmagistrats der als freisinniger Landtagsabgeordneter bekannte Bürgermeister von Hornthal. Außer ihm mißtrauten noch viele andere Bamberger dem Wundermanne, weil er in dieser Stadt schon 1819 sich berüchtigt gemacht hatte durch eine kaum glaubliche Proselytenmacherei, verübt an einem sterbenden Protestanten, Dr. Wetzel. Dieses Attentat hatte damals das „Weimarer Oppositionsblatt“ gebührend gebrandmarkt.

Trotz alledem versuchte der Fürst am 4. und 5. Juli im Bamberger Krankenhause seine Wunderkraft an einer Anzahl Patienten; aber es wollte nicht gehen, obgleich mancher gläubige Kranke in große Ekstase versetzt ward. Die Gelähmten, die Hohenlohe aufforderte, ihr Bett zu verlassen, vermochten es [251] nicht, die Tauben und Blinden blieben taub und blind. Zu einem Einäugigen sagte der Wundermann selbst unwillig: „Geht, ich kann Euch kein neues Auge machen!“ Zu Anderen äußerte er: „So geht mir’s; dem Einen soll ich den Buckel wegblasen, dem Andern Fleisch hin machen. Heute ist’s nichts mehr.“ Und mit diesen Worten verließ er den Saal. Aber obgleich alle Augenzeugen nur mißglückte Wunderversuche zu registriren hatten, so rief doch der Pöbel auch hier, auf dem freien Platze vor dem Krankenhause, fortwährend Heilungen aus.

Die Bamberger Behörde machte alle Anstrengungen im Interesse der Ordnung: um Streuner und Betrüger fern zu halten, verfügte sie, daß jeder Kranke ein obrigkeitliches Zeugniß vorzuweisen habe, den Wunderthäter machte sie auf die bestehenden Gesetze aufmerksam, ließ seine sogenannten Heilungen prüfen und berichtete über Alles an die Regierung in Bayreuth, zuversichtlich hoffend, daß diese solch ferneres Wunderwirken verbieten werde. Hohenlohe setzte währenddeß seine Heilversuche ungenirt fort.

Die Gartenlaube (1873) b 251.jpg

Adele Spitzeder.
Nach einer Photographie.

Es war aber auch zu verführerisch! Wenn die Menge vor seinem Hause, nach neuen Wundercuren verlangend, stand, was sollte er tun? Er öffnete eben das Fenster und rief: „Habt Ihr Zutrauen? Glaubt Ihr, durch die Kraft und Allmacht Gottes, durch den Namen Jesu geheilt zu werden?“

Alles schrie: „Ja!“

„Kniet nieder!“ fuhr dann der Fürst fort. Nun folgten Gebet und Segen vom Fenster aus und die Verheißung: „Euch ist geholfen. Geht!“ Und der Jubel des Volks erfreute abermals Seine Durchlaucht.

Dennoch wurde es dem Fürsten schließlich etwas schwül bei seinen Wundercuren. Er mußte sich gestehen, daß er täglich gegen die Landesgesetze sich vergehe, und wenn diese zeitweise gegen Adelige und Priester auch unausgeführt blieben, doch auf die Dauer ein solches Unwesen sich nicht halten könne, zumal bereits verschiedene Gauner, durch Hohenlohe’s Straflosigkeit ermuthigt, ihm Concurrenz machten. Einer derselben, ein junger Mann, der sich für einen Secretär und Vertrauten Hohenlohes ausgab, curirte in einem Landgerichte auf eigene Faust, ließ die Bauern mit brennenden Kerzen niederknien und purgirte ihre Geldbeutel. Wollte irgend ein Vorsteher ihn nicht gewähren lassen, so forderte er Schutz gegen die Ungläubigen. Auch andere Apostel standen auf, u. A. ein Kerzenträger bei Processionen und ein alter Bauer in der Nähe von Bamberg, der sogar das Teufels- und Hexenbannen wieder in Schwung brachte und verschiedene Weiber für Hexen erklärte, bis diese fast selbst daran glaubten und beinahe verrückt wurden. Ein Anderer, der bisher nur das Vieh vom bösen Wesen der Hexerei befreit hatte, wagte sich nach den Erfolgen Hohenlohe’s nunmehr auch an Menschen. Aber die plebejischen Gauner sperrte man ein, obgleich die Geistlichkeit die Ansicht aussprach: „Es kommt nicht auf die handelnde Person an – wenn das Wunder nur geschieht.“

Die Bayreuther Regierung hielt es endlich doch an der Zeit, einzuschreiten. Bei solchen Aussichten fand es Fürst Hohenlohe für angezeigt, einer wiederholten Einladung des Kronprinzen von Baiern, mit ihm der ländlichen Ruhe in Brückenau zu pflegen, Folge zu leisten. Er verließ am 8. Juli das undankbare Bamberg. Wie sehr die Regierung Recht hatte, gegen ihn einzuschreiten, zeigte sich bei seiner Abreise, wo nicht mehr Kranke allein, sondern auch vom Teufel Besessene Hülfe von ihm verlangten. Sechs von diesen Teufeln trieb er im Fluge aus. In Würzburg verweilte Hohenlohe am 8. und 9. Juli und machte dort wiederholte Heilversuche, aber alle erfolglos.

In Karlstadt am Main, wo der Fürst am 11. Juli bei einem ihm von Ellwangen aus bekannten Kaufmanne übernachtete, entstand das Getümmel eines Jahrmarktes. Als Hohenlohe abreiste, warf sich das Volk vor ihm auf die Kniee, wie vor einem Götzenbilde, und bat um seinen Segen, ja Einzelne liefen voraus, um einen speciellen Segen für sich zu erobern. Auch in Gemünden, wo der Wundermann Heilversuche anstellte, ward er fast abgöttisch verehrt. Dieser Weihrauch und sein zunehmender Ruf (bis nach Brückenau reisten ihm Kranke aus Oesterreich nach) berauschten den eiteln jungen Mann derart, daß er am 15. Juli von Brückenau aus an einen Geistlichen schrieb: „Das verachtete Lamm Gottes wird sich bald den Christusverächtern als Löwe aus dem Stamme Juda zeigen. Ich verfechte Gottes Sache. Selbst Aerzte, ja ein Medicinalrath und Professor bat mich um Hülfe, der schon Magnetismus und Behauchung im Namen Jesu gebraucht. Möchten doch alle Aerzte so denken, wie dieser!“

Auch eine förmliche Proclamation erließ der Wunderthäter, de dato Brückenau, 28. Juli, in welcher er zum Schlusse behauptet: er habe nur die Kirche in dieser Zeit des Unglaubens verherrlichen wollen, er scheue auch die Anwesenheit Sachverständiger nicht, obgleich die Erfahrung lehre, daß wunderbare Heilungen oft erst später eintreten.

Ebenfalls von Brückenau aus berichtete er im Juli 1821 dem päpstlichen Stuhle selbst von seinen Curen; die Curie wollte jedoch von seinen Wundern nichts wissen, verwies ihn sogar auf den Beschluß des Tridentinischen Concils, nach welchem jedes Wunder der Prüfung des Bischofs unterliegen müßte, und auf die Mirakelbulle Benedict’s des Vierzehnten – trotzdem der Hofkellermeister des Kronprinzen, der Burgpfleger in der Residenz und andere vom baierischen Thronfolger abhängige Beamte und Kaplane öffentlich Zeugniß für ihn abgelegt in Danksagungen, welche wahrscheinlich dem Schreiben des Fürsten an den Papst als Belege hatten dienen müssen.

So machte also der überzählige geistliche Rath trotz seines vielversprechenden Debuts keine besondere Carrière. In Baiern scheint er sich selbst für „unmöglich“ gehalten zu haben, da er nach Oesterreich zurückging. Nach kurzem Aufenthalte in Wien kam er als Domherr nach Großwardein. Seitdem verscholl der Wundermann; nur einige ihm geistesverwandte Geistliche Frankens konnten ihn nicht vergessen – noch im Jahre 1824 gedachten sie in einem Nachrufe der Zeiten seiner Triumphe, als er die katholische Kirche als echte Gemeinde des Herrn verherrlicht habe.

Ob Mathilde voll Schwarzenberg nachhaltig geheilt war, ob es ihr nicht später ging wie der bekannten Gräfin Droste-Vischering, darüber wissen wir nichts Genaues. Thatsache ist, daß die junge Dame die Reise nach Oesterreich in Begleitung eines Verwandten, der sie abholte, zurückzulegen im Stande war, nachdem sie vorher noch mit demselben nach dem Dorfe des Bauern Michel gefahren war, um diesem Wunderthäter die kostbarsten Geschenke zu überbringen; denn der schlaue Bauer scheint zwar den Curwunderruhm an Hohenlohe abgetreten, sich selbst aber die materiellen Vortheile vorbehalten zu haben.

Fürst Hohenlohe starb als Titularbischof zu Großwardein im Herbste 1849; die Nachricht von seinem Tode wurde übertäubt vom letzten Kanonendonner der ungarischen Revolution.
St. G.