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Titel: Ein Zug aus Lamartine’s Leben
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 719–720
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[719] Ein Zug aus Lamartine’s Leben. Wie oft schon hat man diese Frage gehört und wie oft mußte man als Antwort darauf die Vermuthung hinnehmen, daß der einst so reiche Dichter, der von allen Gütern der Erde umgebene Schriftsteller und Redner, der Ex-Minister sein Vermögen in thörichter Verschwendung verschleudert habe, daß er ein unpraktischer Mensch sei, der nicht mit Gelde umzugehen gewußt, und dergleichen Redensarten mehr. Aber Diejenigen, welchen es vergönnt ist, den seltenen Mann genauer zu kennen, wissen die Sache besser, sie können uns tausend Beispiele erzählen über die Art, wie er seine Reichthümer angelegt, und wir wollen auf’s Gerathewohl eines aus diesen tausend Beispielen herausgreifen und mittheilen.

Vor einer Reihe von Jahren lebte zu Macon bei Parin ein Portraitmaler, Namens Simon Renard, der ein sehr armseliges Dasein führte, nicht gerade, weil er ein verkanntes Genie war, sondern weil ihm eben jegliches Talent und Genie fehlten, er besaß vom Künstler nichts als die Eitelkeit! Trotz seines großen Selbstvertrauens und trotz seiner Werke, ja wahrscheinlich gerade wegen seiner Werke, wurde sein ödes Atelier nie von Auftraggebern belästigt, so daß es ihm zugleich als Wohnung dienen konnte; das ganze Meublement bestand aus einem wackligen Schemel und einem Strohsack.

Wenn ich nur erst bekannt wäre! war der ewige Refrain unseres Malers, den er in allen Tonarten täglich wiederholte. Ach, er war es nur zu sehr und sein Ruf war selbst bis in die Loge des Portiers und die Mansarde des Arbeiters gedrungen, selbst die Köchinnen, denen damals noch nicht das Objectiv der Photographen zu Gebote stand, mochten ihm nichts zu thun geben. Mit jedem Tage wurde Simon Renard ärmer und trübseliger und declamirte heftiger gegen die Käuflichkeit und Bestechlichkeit unserer Zeit, die Ungerechtigkeit der Menschen, die Grausamkeit des Schicksals.

So ereignet es sich auch eines Morgens, daß der arme Renard mit sehr hungrigen Magen erwachte und sich vergebens nach irgend Etwas umsah, was er hätte können zu Brod machen. So eifrig er auch suchte, er fand nichts, absolut nichts. Da ergriff ihn der Humor der Verzweiflung, er nahm ein Stück Kohle und zeichnete sich die Ingredienzen zu einem herrlichen Frühstück an die Wand, wie es nur sein ausgehungerter Magen ersehnen mochte: ein kaltes, gebratenes Huhn, eine Gänseleberpastete, einige Zuspeisen, verschiedenartiges Dessert, eine langhalsige Bordeauxweinflasche und eine Tasse Mokka. Dann löschte er Alles wieder mit dem Aermel weg und sagte: „Nehmen Sie das Couvert des Herrn wieder fort!“

So frühstückte Simon Renard, denn etwas Anderes hatte er nicht; darauf stieß er einen tiefen Seufzer aus und zerbrach sich den Kopf, wie er wenigstens zu einem etwas wesentlicheren Mittagsbrod kommen solle. Dabei öffnete er das Fensterchen seiner Mansarde, schaute bald gen Himmel, bald auf die Straße, aber es wollte sich kein Mittel zu einem Mittagessen zeigen. Auf einmal hörte er das Rollen eines Wagens, der in vollem Trabe in die Straße einbog; es war eine hübsche Kalesche mit zwei kräftigen Pferden. Bei diesem Anblick erhitzte sich die Galle unseres Malers und er dachte: „Was, es giebt Leute, die Wagen und Pferde besitzen, Pferde, die gehörig gefrühstückt haben, während ich …“ Sein Gedanke endigte in einem kräftigen Fluch, den er auf das Haupt der unglücklichen Pferde schleuderte, die eben unten auf der Straße anhielten. Ein zweispänniger Wagen in dieser Straße, vor diesem Hause, das war ein Ereigniß für das gesammt Viertel! Ein Herr, der wie eine ARt Haushofmeister aussah, stieg aus, betrachtete sich das Haus genau und trat ein. Dies setzte Simon Renard so in Erstaunen, daß er darüber beinahe seinen leeren Magen vergaß.

„Aha!“ sagte er, „das ist wahrscheinlich der Geschäftsführer des Hausbesitzers, der wegen der Miethe kommt. Das wird eine schöne Geschichte werden!“

Aber siehe da, es muß doch wohl etwas Anderes sein, denn er hört das Geräusch von Schritten, die bis zu seiner vierten Etage heraufsteigen; jetzt klopft es gar an die Thür.

„Ich muß wohl träumen,“ denkt er, „denn ich habe keinerlei Bekanntschaften weder unter Wagen noch Pferden oder gar Intendanten. Ich mache nicht auf, es ist jedenfalln der Abgesandte den Hausbesitzers.“

Es klopft abermals.

„Herein!“

Der fremde Herr mit dem Haushofmeister-Aussehen tritt ein. „Komme ich hier recht zu Herrn Simon Renard?“

„Ja, ich bin es, aber Sie finden mich eben in Verlegenheit. Sie müssen entschuldigen, mich so zu treffen… Mein Bankier …“

Der Fremde lächelte und verbeugte sich. „Können Sie über Ihre Zeit gebieten?“

„Vollkommen … das heißt, eine Dame, eine Marquise, erwartet mich heute zur ersten Sitzung.“

Der Fremde lächelte mit derselben höflichen Ungläubigkeit; der Bankier und die Marquise schienen ihm zu derselben Familie zu gehören.

„Kann die Frau Marquise nicht warten?“

„Nun, ich hoffe es … sie ist so gut.“

„Dann nehme ich Sie mit.“

„Wohin?“

„Nach Schloß Milly, zu Herrn von Lamartine.“

„Was soll ich dort?“

„Sie werden zum Frühstück erwartet, falls Sie nicht bereits gefrühstückt haben.“

„Das habe ich allerdings, oder eigentlich auch nicht … Sei es aber, wie es wolle, für Herrn von Lamartine habe ich zweimal Appetit.“

Wahrscheinlich wollte er sagen, daß er Appetit für Zwei haben werde. Beim Herabsteigen seiner vielen Treppen dachte er: „Das grenzt mir an’s Wunderbare. Wenn ich träume, möchte ich erst beim Dessert aufwachen.“

Die Pferde eilen im Galopp davon und bald war man in Schloß Milly bei dem reichbesetzten Frühstückstisch. Herr von Lamartine machte dem armen Simon mit aller ihm eigenthümlichen Liebenswürdigkeit die Honneurs, und dieser zerbrach sich während des eifrigen Bemühens, seinen leeren Magen anzufüllen, den Kopf, den Grund dieses Empfanges und des ganzen Abenteuers zu errathen. Beim Dessert sagt endlich der große Dichter zu dem kleinen Maler: „Mein Herr, ich habe von Ihnen und Ihrem Talent gehört.“

Simon verbeugte sich.

„Und habe Sie bitten lassen, hierher zu kommen, um die Portraits meiner Frau, meiner Tochter und das meinige zu malen. Es wird sich nur darum handeln, Bilder zu copiren, welche in meinem Salon hängen, denn unsere Zeit würde uns kaum erlauben, Ihnen zu sitzen. Sagt Ihnen dies zu?“

Simon bedankte sich bescheidentlich und nahm natürlich mit Freuden das Anerbieten an. Als er sich noch desselben Tages darüber machte, seine Farben vorzubereiten, sagte er voll Stolz zu sich selbst: „Endlich werde ich mir also einen Namen machen! Aber wo hat er von mir sprechen gehört? Gewiß nicht bei der Ausstellung, wo man alle meine Gemälde unerbittlich zurückgewiesen. Was schadet’s aber, thun wir unser Bestes!“ Die Arbeit dauerte einige Wochen, während welcher Zeit Simon Renard mit der äußersten Zuvorkommenheit behandelt wurde. Als er fertig war, schickte er sich mit vielem Bedauern an, das Schloß zu verlassen; Lamartine begleitete ihn selbst in dem bekannten Zweispänner bis nach Macon vor die Thür seiner Wohnung und sagte dort mit seiner gewohnten Höflichkeit: „Ich danke Ihnen sehr für Ihre Gefälligkeit, Sie werden mir stets sehr willkommen sein, wenn Sie mich besuchen wollen.“ Hiermit schüttelte er dem unverstandenen Genie herzlich die Hand, das bei aller Künstlereitelkeit doch empfand, welche Ehre ihm widerfuhr. Dabei ereignete es sich, daß ihm eine Geldrolle in der Hand blieb; bevor er seinen Dank stammeln konnte, war der Wagen verschwunden.

Simon wog die Rolle in der Hand und meinte: „Das ist ein würdiger, lieber Mann, wahrscheinlich finde ich hier noch Etwas, daß ich nicht [720] so bald wieder zu hungern brauche; wieviel kann es sein? ... Hundert Franken etwa?“

Er brach die Rolle auf, sie enthielt fünfundzwanzig Doppellouisd’or! Simon weinte fast vor Freude.

Lamartine hatte mit seinem seltenen Zartgefühl zugleich die Eigenliebe des Künstlers schonen und den Menschen aus dem Elende reißen wollen. Simon kam dadurch auch zur Erkenntniß; er eröffnete ein Geschäft als Zimmer- und Firmenmaler, verheirathete sich und lebt in bescheidenen, aber angenehmen Verhältnissen. Es hat ihm seitdem nie wieder an einem Frühstücke gefehlt.