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Titel: Ein Wochenmarkt in St. Petersburg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 635–638
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Wochenmarkt in St. Petersburg.


Petersburg liegt, wie jedes Schulkind weiß, an dem schönen Newastrom, der die Stadt nicht nur in zwei von einander sehr verschiedene Hälften theilt, sondern auch diese mit zahllosen Seitenarmen und Canälen durchschneidet. So kommt es, daß z. B. die Schiffe, die vom waldigen Norden, vom Ladogasee her, ihre aus Brennmaterial bestehenden Ladungen auf der Newa nach der Riesenstadt bringen, wenn nicht direct vor dem Hause des Bestellers, so doch in nächster Nähe seiner Wohnung abladen können.

Der bedeutendere Theil Petersburgs liegt an der linken Seite des Stromes, denn hier stehen in ihrer wuchtigen Größe die Isaaks-Kirche, der Winterpalast; hier breiten sich die enormen Gebäulichkeiten des Senats, der Admiralität aus; dahinter liegen die bekannten, von Menschen und Gespannen wimmelnden Straßen der Marskoi, der Newski etc.. Minder bekannt ist der Theil der Stadt, der sich auf dem rechten Ufer der Newa ausbreitet, und obwohl auch hier ein reges Treiben herrscht, so hat diese Seite doch ein weit ländlicheres Gepräge als die jenseitige.

Wasilij-Ostrow (Basilius-Insel) heißt dieser ganze Stadttheil, der, von Peter dem Großen (1703) angelegt, in schnurgeraden Linien erbaut wurde. Diese Linien führen von der Hauptnewa bis an die kleine Newa und sind der Quere nach gleichfalls von geraden, sehr breiten Straßen durchzogen, die mit ihren Gärten vor den Häusern, mit ihren schattigen breiten Fußwegen einen sehr angenehmen Eindruck machen. Man erzählt, der Erbauer dieser Quadratbauten habe beabsichtigt, all diese Straßen in Canäle zu verwandeln und so im hohen Norden ein zweites Venedig entstehen zu lassen, und allerdings liegt dieser Gedanke nahe, wenn man aus der Vogelperspective einen Blick auf die enorme Wassermasse wirft, die hier eine weite Strecke Landes zu Inseln macht.

Erwähnten wir vorhin den ländlichen Anstrich von Wasilij-Ostrow, so schließt dies jedoch nicht aus, daß auch hier, namentlich am Newaquai, großartige Gebäude stehen: die Universität mit ihren reichhaltigen Sammlungen, Bibliotheken etc., die Börse, der [636] schöne Solojew’sche öffentliche Garten, die Lagerhäuser für Schiffsladungen – das Alles sind eben nicht Orte, die auf ländliche Stille schließen lassen.

Durch die Quadratbauten auf Wasilij-Ostrow entstehen weite große Höfe mit Ställen und Remisen, sodaß z. B. viele Familien im Winter ihren Bedarf an Milch im eigenen Stalle holen. Sobald im Frühling Schnee und Eis weichen, ruft der Kuhhirt am Morgen mit seinem Horn die Kühe zur Weide und führt eine ganz stattliche Heerde vor die Stadt in’s Freie.

Das Straßenleben in der Morgenstunde hat in Petersburg, wie in allen großen Städten, sein eigenes Gepräge; damit ist freilich nicht die Zeit, die wir so nennen, gemeint, denn in Rußland wird es spät Tag. Die Russen dehnen, in allen Schichten der Gesellschaft, mit besonderer Vorliebe die allabendliche Theestunde bis weit hinein in die Nacht aus, woraus folgt, daß sie nothwendig am Morgen die versäumte Schlafenszeit nachholen müssen. Geht man zwischen neun und zehn Uhr durch die Straßen, so sieht man noch zahllose Menschen, die allem Anscheine nach der arbeitenden Classe angehören, sich beim Austritt aus dem Hause bekreuzigen – ein untrüglicher Beweis dafür, daß dies ihr erster Ausgang ist. Kein rechtgläubiger Russe würde je zum ersten Male am Tage seine Schwelle überschreiten, ohne sich dabei demüthig zu verneigen und im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes seinen Weg anzutreten. Der Griechisch-katholische ist in der Erfüllung solcher Aeußerlichkeiten fast noch gewissenhafter, als der römische Katholik, und oft begreift man nicht, wie es die schwer bepackten Menschen möglich machen, vor Kirchen und Heiligenbildern das Zeichen des Kreuzes zu schlagen; sogar der Kutscher, der nur mühsam sein schnaubendes Dreigespann im Zaume hält, wird darüber seine religiösen Pflichten nicht versäumen.

Die Hauptmahlzeit findet in Rußland wie in Frankreich und England am Abend statt, sodaß Hausfrau und Dienerschaft erst spät am Tage dafür Sorge zu tragen haben. Auch die Lieferanten brauchen darum nicht zu eilen, und es mag gegen zehn Uhr sein, wenn die finnischen Milchfrauen erscheinen, die ihre vorzügliche Butter, ihren dicken Schmand und alle die verschiedenen Käsearten feilbieten; ihre zweirädrigen Karren, ihre Tillinggen mit den gedrungenen, kleinen Pferden bespannt, stehen in Reih’ und Glied auf den freien Plätzen, wo der eigentliche Markt nicht wie bei uns nur an besonderen Stunden und Tagen, sondern vom Montag Morgen bis zum Sonnabend Abend in langen Holzbaracken abgehalten wird. Ein breiter Gang führt durch diese Bretterhalle; zu beiden Seiten liegen die einzelnen Verkaufslocale, die, kaum merklich von einander getrennt, einen überraschend hübschen Anblick gewähren. Hier finden sich, in zahllosen Fächern aufgethürmt, allerhand Gemüse; in hohen Körben stehen die runden, gelben Rüben genau nach Art und Größe sortirt; ferner Spargel, Bohnen, Radieschen, Erbsen, Spinat und der hier sehr beliebte Sauerampfer.

Im nächsten Raume wird Obst, nach unseren Begriffen freilich sehr theueres, feilgeboten; diese Obstbuden verdienen besondere Beachtung, denn es ist, als ob der Nordrusse die schönen Früchte, die nicht bei ihm gedeihen, mit besonderer Vorliebe behandelte; auch die Obstläden der Stadt sind auf das Geschmackvollste hergerichtet. Was der kalte Norden nicht erzeugen kann, das wird aus den üppigen Gefilden der Krim, aus fernen Ländern hierher versandt, und so stehen neben Aepfeln, Birnen, Pflaumen, Melonen etc. Körbe voll Malagatrauben, Granatäpfel, Ananas, Bananen. Auch Beeren aller Gattungen giebt es in Massen und zu verhältnißmäßig sehr geringen Preisen, da diese in der Umgegend trefflich gedeihen. Die russische Frucht par excellence ist die Arbuse (Wassermelone), die im Hochsommer so reichlich aus den südlichen Provinzen verschickt wird, daß sie ein Engros-Handelsartikel genannt werden kann. Die Arbuse fehlt selten auf der Tafel des Reichen, und das Bettelkind, das man auf der Straße beschenkt, eilt nach dem nächsten Obststand, wo man ihm für die kleinste Kupfermünze eine schöne Scheibe der saftigen, röthlichen Frucht mit den glänzend schwarzen Kernen verabreicht.

In der folgenden Bude finden wir einen blühenden Garten mit Gelbveiglein, Rosen, Nelken, anderen schönen Blumen und grünen Gewächsen, die in russischen Häusern als Zimmerschmuck viel gepflegt werden. Nun folgt ein Raum mit Geflügel oder Eiern, Butter u. dergl. m.; so geht es fort in bunter Reihe bis an das obere Ende der Halle, wo ein klares Wasser, nur leicht überdeckt, an den Fischbuden vorüberfließt. Die Russen essen gerne Fische, wofür das besonders rege Treiben hier einen neuen Beweis liefert. Die Namen der Fische, wie Lachs, Zander, Aal, den köstlichen, geräucherten Sik, die zahllosen Variationen der Häringe, Sardellen etc. aufzuzählen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit, aber es ist ein wahres Vergnügen, an den gefüllten Butten und Kästen vorüber zu gehen. – Auch die Wildprethandlungen verdienen es, erwähnt zu werden: sie bieten eine besonders große Auswahl an Geflügel. Da giebt es Reb-, Hasel-, Schnee-, Birk-, Auerhühner in Hülle und Fülle neben all den auch uns bekannten Trabanten des Geflügelhofes; nur die Taube fehlt, da dieser Vogel dem Volke heilig ist. Bei der enormen Vermehrung der Tauben entstehen in den russischen Städten ganze Schwärme davon; vom Reichsten bis zum Aermsten ist wohl kein Russe, der nicht seine rothe Holzschale, mit Taubenfutter gefüllt, stets bei der Hand hätte. Geht man an freien Plätzen vorüber, so sieht man jeden Augenblick Geschäftsleute vor die Thür treten, um mit vollen Händen Körner auszustreuen; im Nu sind diese von der geflügelten Schaar, die sich wie eine dunkle Wolke niederläßt, aufgepickt. – Unter dem vierbeinigen Wilde ist unser beliebter Hase schwach vertreten; Freund Lampe gilt dem Russen als ein ganz schlechtes, ja fast schädliches Essen, wofür ihm aber der köstliche Rennthierbraten im Winter reichlichen Ersatz bietet.

Nicht nur die Räumlichkeiten eines Petersburger Marktplatzes sind verschieden von den unserigen, auch die Art und Weise des Handelns ist eine andere als bei uns. Sobald man die „grüne Bude“ betritt, folgt der Gärtner dem Betreffenden mit einem breiten Bastkorbe, in den er Alles, was dieser wünscht, legt; erst wenn die Auswahl getroffen ist, nimmt der Verkäufer sein Rechenbrett zu Hülfe. Ein solches hat Jeder stets zur Hand, und es wäre in Rußland undenkbar, nach unserer Art im Kopfe oder auf Papier zu rechnen. Diese Rechenmaschinen, wie man sie bei uns zuweilen für Kinder hat, sind wohl Jedem bekannt. Bei der bequemen Decimalrechnung mit Kopeken und Rubeln ist ihre Anwendung leicht: die zehn Perlen auf der obersten Schnur im Brette gelten für die einzelnen Kopeken; hat der Verkäufer diese zehn Perlen für den Preis einiger Kleinigkeiten – freilich ganz geringen Wertes – nach rechts geschoben, so zieht er die ganze Reihe zurück und schiebt dafür eine Perle der zweiten Reihe, welche die Zehner darstellt, vor. Ist auf diese Weise auch die zweite Perlenreihe nach rechts gekommen, so schiebt er auch diese zurück, und die erste Perle der dritten Reihe – der Rubel, da zehnmal zehn, also hundert Kopeken den Rubel ausmachen – kommt nach rechts, bis wieder bei größeren Einkäufen die zehn einzelnen Rubel sich zurückziehen, um den Zehnern, später den Hunderten zu weichen.

So glatt geht jedoch die Sache auf dem Markte nicht vor sich, wie sie sich hier lesen läßt; schiebt der Verkäufer seine Perlen vor, so schiebt ihm der Käufer immer wieder viele derselben, oft ohne ein Wort zu sprechen, zurück; nun bricht der Händler in lebhafte Betheuerungen aus und versichert, oft auf die komischste Art, bereits den geringsten Preis gefordert zu haben. Schließlich läßt er immer bedeutend nach, denn der russische Handelsmann ist fast noch geriebener als der Jude in Geschäftssachen.

Im geschäftlichen Verkehre rechnet man stets nach Silberrubeln, doch bekommt man nie einen solchen zu sehen; und so hübsch die kleinen Zehn-, Fünfzehn- und Zwanzig-Kopekenstücke sind, so häßlich und unsauber sind die Rubelnoten. Einen harten Silberrubel, den man dann und wann in Finnland oder einer sonstigen russischen Provinz erhält, kann man getrost als seltenes Stück aufbewahren.

Während in anderen Ländern der Betrieb des Marktes zum großen Theile in den Händen der Frauen liegt, wird er hier, bis auf die Milchwirthschaft, fast ausschließlich von Männern besorgt. Auch in den Kaufläden, es sei denn in Stickgeschäften u. dergl., findet man selten Verkäuferinnen. Ueberhaupt sieht man die russischen Frauen nicht oft außerhalb ihres engsten Berufskreises thätig.

Läßt sich die reiche Russin gern bedienen, so macht es ihre Köchin genau wie sie. Nimmermehr trüge sie ihre Einkäufe selbst nach Hause, das kommt dem Verkäufer zu, der die Sachen

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Die Gartenlaube (1879) b 637.jpg

St. Petersburger Marktscene. Originalzeichnung von A. Baumann in Düsseldorf.

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Es ist kaum nöthig hier zu erwähnen, daß eine Stadt, die, wie Petersburg, einen Umfang von vier Meilen zählt, viele Marktstellen wie die oben besprochene aufzuweisen hat. Flott gehandelt und eingekauft wird an jeder, denn ist der Russe im kurzen heißen Sommer mit einer frischen Gurke zu seinem Brode zufrieden, so erfordert das nördliche Klima im Winter eine besonders kräftige und nahrhafte Kost.