Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: H.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Welt-Dichterfest
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 473, 474
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[473] Ein Welt-Dichterfest. Daß nicht nur Welt-Industrie-Ausstellungen, sondern auch Welt-Dichterfeste möglich sind, haben wir Deutsche zuerst erfahren an unserer großen Schillerfeier. Dank dem Wandertriebe, welcher den germanischen Stamm über die ganze Erde verbreitet hat! Er trug auch die Festfahnen jenes Dichtertages um die ganze Erde, und wo andere Völker den Tag nicht selbst mitfeierten, waren sie doch Zeugen der öffentlichen Verehrung, zu welcher jene Fahnen auf jedem Boden, den Deutsche bewohnen, aufgepflanzt wurden. Auch Petrarca’s Name ist keinem Gebildeten irgend einer Culturnation unbekannt, und wenn auch die Italiener nicht so massenhaft in der Ferne sich neue Heimathen gegründet haben, wie die Deutschen, so wird doch der achtzehnte Juli überall, wo man Dichter ehrt, wenigstens zu einer stillen Feier des Andenkens an den größten Lyriker seiner Nation einladen. Es ist eine seltsame Erscheinung, daß Petrarca’s Ruhm nicht auf dem Grunde fest steht, den er selbst für den festesten der Anerkennung seines Wirkens hielt, sondern einzig auf dem seiner hoffnungslosen Liebe und ihrer Verherrlichung. So eng ist der Name Laura mit seinem Namen verbunden, daß sie immer vereint vor unserem Geiste stehen. Und doch war Petrarca’s Wirken und Schaffen als Mann und Patriot, als Gelehrter und Diplomat von höchster Bedeutung, und selbst als politischer Dichter steht er in seiner Zeit unvergleichlich da. Glaubt man nicht eines von Rückert’s „Geharnischten Sonetten“ zu hören wenn der italienische Dichter seinen Zorn über „Avignon“ ausspricht, das damals die Päpste in ihrem sogenannten „Exil“ in einen Pfuhl aller Laster und Verbrechen verwandelt hatten?

„Des Himmels Blitz fall’ auf dein Haupt voll Trug!
Du, sonst vom Quell genährt und Eichelfrucht,
Die jetzt von Andrer Armuth Reichthum sucht,
Durch so viel Missethaten reich genug;

Verräthernest, zu brüten jeden Fluch,
Mit dessen Gift die Welt von heut’ verflucht,
Voll Saufen, Fressen, voll von schnöder Zucht
Und jeder Wollust höchstem Schandversuch.

Durch deine Hallen rast der Hexenreigen.
Von Alt und Jung; Beelzebub tanzt vornen
Mit Blasebalg, mit Spiegeln und mit Flammen.

Jetzt willst du nur in üpp’ger Pracht dich zeigen,
Sonst nackt und barfuß gingst du unter Dornen;
Zum Himmel stinkst du – mag dich Gott verdammen!“

Trotz des Verfalls der Kirche und ihres Regiments war das vierzehnte Jahrhundert eines der glorreichsten Italiens. Wir können es, freilich mit der Gefahr des Hinkens aller Vergleiche, wenigstens in Vielem mit dem Ende des achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts Deutschlands zusammenstellen, und zwar im Guten wie im Schlimmen. In letzterem ist so überhaupt die Aehnlichkeit des Schicksals beider Nationen wahrhaft großartig gewesen bis in unsere Tage, die beiden erst das Jahrhunderte vergeblich ersehnte Heil politischer Einheit brachten. Die Italiener von damals besaßen ebenfalls ihr Preußen und Oesterreich in ihren beiden wichtigsten Republiken Venedig und Genua, die im gegenseitigen Kampfe zur Freude ihrer gemeinsamen Feinde sich verbluteten; der Spalt zwischen Guelfen und Ghibellinen glich ganz dem, welcher die deutschen Völker durch den Glaubenskrieg trennte, und die Eifersucht kleinstaatlicher Selbstherrlichkeit hat bei ihnen nicht andere Früchte getragen, als bei uns. Aber in all ihrer politischen Zerfahrenheit und Ohnmacht bewahrten sie sich die Würde einer Nation im Geiste durch ihre großen Dichter, Gelehrten und Künstler – ganz wie die Deutschen zur Zeit der tiefsten politischen Erniedrigung ihres Vaterlandes. Und wie bei uns Lessing, Goethe, Schiller die Ehre Deutschlands waren, so reichten dort Dante, Petrarca, Boccaccio sich die Hand und glänzten als drei unvergängliche Sterne italienischer Nationalehre.

Freuen wir uns, daß wir in Petrarca nicht blos den Laura-Sänger, sondern auch den größten Gelehrten und Humanisten seiner Zeit und einen der vorurtheilsfreiesten Männer, der edelsten Menschen zu feiern haben, denn auch auf ihn ist der sinnige Ausspruch anwendbar, mit welchem Ernst Trompheller den Horaz ehrt: „Auch als Mensch steht er auf einer achtunggebietenden Höhe. Dichter und Mensch sind ja überhaupt nicht voneinander zu trennen. Es hat wohl keinen großen Dichter gegeben, der nicht auch ein großer und edler Mensch gewesen wäre, wenn ihm auch manche Schwächen, Leidenschaften und selbst Verirrungen nachgewiesen sein mögen, und manchem reichen Talent fehlt eben nur so viel an wahrer Dichtergröße, als es ihm an sittlicher Würde und Adel der Seele gebricht.

Da Petrarca, den ein viel bewegtes Leben aus seiner kleinen Geburtsstadt [474] Arezzo in viele Städte Italiens und Frankreichs und selbst nach Holland, Deutschland und in die Schweiz geführt, im hohen Alter endlich in einem stillen Winkel die erste und die letzte Ruhe fand, so begeben auch wir uns zum Schluß wohl am besten ebenfalls dahin. Wir entnehmen die Schilderung dieser Oertlichkeiten der Mittheilung eines Herrn Hugo Knoblauch, welcher erst jetzt jene Stätten besucht hat, die den Mittelpunkt dieser Dichterfeier bilden. Er schreibt der Redaction unseres Blattes:

„Ein schönes Plätzchen, fern vom Treiben der Welt, in Mitte der Euganeischen Berge hatte Petrarca sich für die letzten vier Jahre zu seinem Dichten und Schaffen erwählt.

Das Dorf Arquà liegt in dem anmuthigsten Theile des Thales ‚Sensibeo‘, am Fuße eines einige hundert Fuß hohen Berges und führt nach diesem den Namen ‚Arquà del monte‘. Petrarca’s Haus steht inmitten eines Gartens, welcher von einer Mauer umschlossen ist, vereinzelt hoch oben am Berge; ein steiler, mit Wagen nicht befahrbarer Weg führt nach dem reizend gelegenen Häuschen, von welchem man das ganze fruchtbare Thal, eingerahmt von olivenbewachsenen Hügeln, überblicken kann.

Ueber der Thür, welche durch die Mauer in den Garten und zum Hause führt, ist eine Marmortafel angebracht mit den Worten:

‚Se Ti agita  ‚Wenn Dich bewegt
Sacro amore di patria,  Heilige Vaterlandsliebe,
T’inchina a questa mura,  Neige Dich vor dieser Mauer,
Ove spirò la grand anima,  Wo athmete eine große Seele,
Il cantor dei Scipioni  Der Sänger der Scipionen
     E di Laura.‘      Und der Laura.‘

Eine Freitreppe führt zu der kleinen Werkstatt des Dichters, welche aus einer geräumigen Vorflur, einem Arbeits- und einem Schlafzimmer besteht. Von dem Vestibül, an dessen Wänden sich leider unzählige Kieselack’s verewigt und dadurch die alten Frescomalereien ruinirt haben, gelangt man rechts nach dem Arbeitszimmer Petrarca’s, einem mehr als bescheidenen Raum von circa acht Fuß Breite und vierzehn bis fünfzehn Fuß Länge, und links nach dessen Schlafzimmer. Ueber der Thür, welche nach dem Arbeitszimmer führt, ist ein Glaskasten, welcher Petrarca’s Lieblingskatze ausgestopft enthält, angebracht; im Zimmer hängt gegenüber der Thür das von Petrarca selbst gemalte Bild seiner geliebten Laura. Im Schlafzimmer wird noch des Dichters hölzerner Arbeitssessel, auf welchem er während der Arbeit am 18. Juli 1374 sanft entschlafen ist, aufbewahrt. Inmitten des Vestibüls steht ein großer runder Tisch, auf welchem das Fremdenbuch für jeden Besucher ausliegt; gegenüber der Eingangsthür zum Vestibül führt eine große doppelflügelige Glasthür nach dem Balkon, von welchem aus man jene bereits erwähnte wundervolle Rundsicht in das anmuthige Thal hat.

Hier in diesen bescheidenen Räumen hat Italiens Dichterfürst die letzten Jahre seines sang- und thatenreichen Lebens in stiller Zurückgezogenheit verlebt. Geboren am 20. Juli 1304 zu Arezzo im Toscanischen, hat Petrarca das hohe Alter von siebzig Jahren erreicht, sein Leichnam, um dessen Besitz mehrere italienische Provinzen heftigen Streit führten, ruht unten im Dorfe Arquà vor der Kirche in einem Sarkophag, getragen von Marmorsäulen. Noch heute wird an dem Sarkophag ein nachträglich geschlossenes Loch gezeigt, welches Jünglinge aus der benachbarten Provinz Vicenza in der Nacht mit Gewalt durchbrochen hatten, um durch dasselbe den Sarkophag öffnen und wenigstens einen Arm Petrarca’s in ihre Vaterstadt Vicenza bringen zu können. Auf dem Grabmal ist Petrarca’s Büste und eine reimspielende lateinische Inschrift angebracht.“ –

Wir muthen unseren Lesern wohl nicht zu viel zu, wenn wir sie bitten, das Biographische über Petrarca im ersten besten Conversationslexikon nachzulesen. Wer aber sich näher mit dem Gefeierten bekannt machen will, dem empfehlen wir das „Zur Erinnerung an die fünfte Säcularfeier Petrarca’s am 18. Juli 1874“ erschienene Buch von Ludwig Geiger (Leipzig, Duncker und Humblot), das zugleich öffentliches Zeugniß dafür ablegt, daß wir Deutsche, wie wir so gern „in die Fremde“ gehen, um von den Fremden zu lernen, und wie wir die geistigen Schätze aller Völker uns zum Eigenthum gemacht haben, auch stets bereit sind, dankbar da mit zu feiern und mit Ehren zu lohnen, wo wir von fremdem Geiste mit genossen haben.

H.