Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Ein Waldkleeblättchen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 453–454
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Rothirschfamilie
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 31
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[453]
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 31. Ein Waldkleeblättchen.


Ein Kleeblatt im Walde.
Nach der Natur gezeichnet von Guido Hammer.


Der Juni, in Bezug auf die Jagd ein recht eigentlicher Brachmonat, bietet dem Waidmann, ist er eben nicht blos ein herzloser Todtschießer, dennoch manchen Hochgenuß dar. Ist’s doch die Zeit, wann das Rothwild – hier im Gegensatz zu dem Schwarzwild, also im weitesten Sinne genommen und demnach Reh- und Damwild mit inbegriffen – Mutterfreuden erlebt und dadurch dem beobachtenden Jäger bei Betrachtung des daraus hervorgegangenen engeren Familienlebens die mannigfaltigsten und lieblichsten Bilder bietet. Wenn in dieser Beziehung speciell das Edelwild, seines Namens auch hierin würdig, bei sorglichster Zärtlichkeit und unbefangenem Frohsinn zwischen Mutter und Kind – selten giebt’s bei dieser Gattung mehr als einen Sprößling, zugleich – ein immerhin gewisses ernstes Gebahren bewahrt, so macht sich beim Reh, dem harmlos sanften, vertraulichen und doch so schüchternen, [454] ein vorzugsweise munteres Treiben bemerkbar, wenn das, ihm fast regelmäßig bescheerte Zwillingspärchen in tollster, aber immer anmuthig bleibender Ausgelassenheit die treuäugige Pflegerin umspringt; das Damwild hingegen bietet wiederum einen ganz besonderen Reiz dadurch dar, daß bei ihm zu dem nicht minder traulichen, kosenden Zusammenleben von Stammhalterin und ihren Herzblättchen – denn auch diese Wildgattung „setzt“ gewöhnlich zwei, ja zuweilen, wie auch das Reh, gar drei Kälbchen auf einmal – die abwechselndste Verschiedenartigkeit der Färbung zwischen Alt und Jung dazu kommt und dadurch den Anblick einer solchen Gruppe in hohem Grade fesselnd macht.

Da sieht man denn wohl ein sogenanntes „buntes“, durch seine regelmäßig vertheilten weißen Flecken im rothen Haar so anmuthig gezeichnetes Stück Wild mit weißem oder vielmehr isabellfarbenem Kälbchen; oder es leuchtet aus dunklem Dickicht ein schneeweißes Thier hervor, das verschiedenfarbige z. B. bunte und schwarze Nachkommenschaft umspielt. Da nun zumal das Damwild die Hauptbevölkerung von eingehegten Wildbahnen und Thiergärten bildet und dabei an und für sich – bei aller Schlauheit für den Nothfall – die frömmste Wildsorte ist, wird es, mit einiger Vorsicht, nicht schwer fallen, uns einem in weiter Ferne sichtbar werdenden Kleeblättchen oben gedachten Wildes auf so weit zu nähern, um es mit Hülfe eines guten Glases scheinbar unmittelbar an uns heranzurücken und so jede Bewegung, jeden Zug der schmucken Thiere genau betrachten zu können. Und siehe da, bald ist unser Plan gelungen! Ein weißes Stück ist es nebst zwei gefleckten Kälbchen, an die wir uns so nahe hinangepürscht haben, daß wir uns gern dem Zauber des in reizendster Umgebung gebotenen lieblichen Bildes mit ganzer Seele hingeben können.

Das alte Thier vor uns hat sich unter tief herabhängendem Fichtengezweig „niedergethan“, ebenso der eine seiner sonst so ruhelosen Schützlinge, und zwar dicht angeschmiegt an die sanftäugige milchfarbene Mutter, die ihm soeben mit graciösester Bewegung die Stirn seines niedlichen Köpfchens – küßt hätte ich bald gesagt – sanft leckend glättet. Unmittelbar daneben aber steht das brüderliche Gespons, welches, vor sich neugierig in die blaue Ferne äugend, im nächsten Augenblick schon sich ebenfalls, eng an die Schulter der ruhenden Schützerin anrückend, in’s weiche Moos bettet. So ruhen sie lange, auf’s Traulichste vereinigt, am schattig heimlichen Orte, während auf den gleich dahinter liegenden Gehauen und Brüchen die volle Gluth der Sommersonne liegt, daß die erhitzte Luft flimmernd über den von Kreuzkraut und Schmälen umwucherten alten silbergrauen Stöcken der Waldblöße, wie über den mit Wollgräsern durchwebten Semmen des weiten Moores erzittert. Draußen aber, unter dem vollen Glanze eines wolkenlosen Himmels, liegt der blaue schilfgesäumte, waldumschlossene See, über dessen spiegelnder Fluth die weißen Möven kreisen oder pfeilschnell nach der Oberfläche niederschießen, den mit schärfstem Blick erspähten Raub im Nu zu fassen.

Endlich scheinen die Fliegen, eine Hauptplage alles Wildes, der trauten Gruppe ihr erwähltes Plätzchen zu verleiden, denn plötzlich erhebt sich das alte Thier anmuthigen Schwunges, und die Kleinen folgen ihm in jugendlicher Raschheit. Alle Drei ziehen, dabei immer noch, wie im Sitzen, unaufhörlich die Gehöre hin und her bewegend und mit den „Blumen“ wedelnd, dadurch das lästige Geschmeiß, das sie auch im Weiterschreiten noch umschwirrt, möglichst abzuhalten, langsam in einen dunkelschattigen Fichtenbestand. Auch hierhin folgen wir ihnen mit den Blicken und sehen nun, wie das geschwisterliche Pärchen einander in neckischer Ungebundenheit im Kreise um die Mutter herumjagt, zuweilen auch in seiner tollen Scherzerei weit vorauseilend oder zurückbleibend. Dann eilt das sorgliche Thier trollend seinen ausgelassenen Wildfängen nach oder, ängstlich zurückblickend, ruft es sogleich die Säumigen mit fast klagend klingender Stimme an sich heran, was denn auch folgsam von den fiepend antwortenden Nachzüglern beachtet wird, die nunmehr unter dem unmittelbaren Schutze der Mutter ihr loses Spiel fort treiben.

So durchschreiten und durchspringen die Ungestörten Dick und Dünn, dabei hier und da ein saftiges Hälmchen oder Blättchen äßend, bis das Thier wieder einmal an einem einladenden Plätzchen, im kühlen Schatten einer dichten Buche, Ruhe suchend, sich von Neuem niederthut, während die Kälbchen in noch lebendiger Frische nicht aufhören, sich lustig umherzutummeln, bis auch sie endlich ermüdet der Mutter folgen, und nun Beide, die schalkhaften Köpfchen auf den Rücken der Mutter auflegend, in vollster, sorgloser Bequemlichkeit der süßen Ruhe pflegen. In solchem Wechsel von Spiel und Ruhe, wozu noch das oftmalige Trinken an der immer willigen Ernährerin kommt, geht der Tag hin, und der herannahende Abend mit seinen erquickenderen Luftströmungen veranlaßt endlich unser Trifolium aus dem stillen Düster des Waldes hinauszutreten auf die weiten Brüche am kühlen See. Denn nun wird es rege in der Thierwelt, namentlich unter dem Gevögel auf dem See. Da hört man Enten aufsteigen und schwirrend und pfeifend durch die Luft sausen, um weithin lautschallend wieder in ihr plätscherndes Element einzufallen. Oder im Geröhricht, nahe am Ufer, rudert eine alte Stockente mit ihrer Kette leise raschelnd dahin, während über ihr die Rohrsperlinge lärmend umherflattern. Auch die Reiher, die, von ihrem Anstande heimkehrend, über die weite Fluth hinwegziehen und dabei dann und wann ihren so melancholisch klingenden schrillen Schrei ertönen lassen, ehe sie auf die übergehaltenen alten hohen Föhren, ihre Forstbäume, die stellenweise den dichtgeschlossenen Wald am Ufer des Sees überragen, zu ihrer Nachtruhe aufhaken, geben dem Ganzen einen wundersamen Reiz.

Stiller und stiller wird es ringsum. Nur noch das eintönige Quaken der Frösche und das die Luft durchschwirrende Zirpen der Grillen klingt wie eine durchgehende einlullende Stimme der weiten Natur durch den im Uebrigen nun gänzlich verstummten Wald, und auch wir lassen uns dadurch an den Heimweg zum häuslichen Heerd ermahnen, dort die müdgewordenen Glieder zu strecken. Zuvor aber suchen wir noch einmal unsere Wildgruppe zwischen den Semmen und Riedgräsern, die die Kleinen freilich fast gänzlich decken, auf, und finden sie auch trotz vorgeschrittener Dunkelheit bald aus der Umgebung von anderem Wilde, Alt und Jung, das jetzt die Blößen bevölkert, heraus. Doch Alle stehen zu entfernt, um eingehenderer Beobachtung zugänglich zu sein und so wenden wir nur noch einzelnen näherstehenden starken Schauflern, die am Geröhricht sich äßen, einen Blick zu, wie nicht minder einem am Ausläufer des Sees herausgetretenen Edelhirsche, der eben eine Einbuchtung durchschreitet, wobei die von ihm gezogene silberne Wasserfurche noch deutlich zu uns herüberblinkt.

Inzwischen ist, wenn auch nicht eigentliche Finsterniß eingetreten – denn es ist ja die Zeit der kürzeste Nächte – doch die Natur mehr und mehr verschleiert worden, so daß das Auge die Ferne nicht mehr zu durchdringen vermag und deshalb unwillkürlich Ruhe sucht. Darum scheiden auch wir vom trauten, herzigen Walde, dem treuen Berger des schönen, nicht nur Waidmannsaugen erfreuenden Wildes.