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Textdaten
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Autor: H.
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Titel: Ein Tag im Harem
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 24–27
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[24]
Ein Tag im Harem.
I.
Unsichtbarkeit der Perserinnen. – Ehe auf Zeit. – Die große und die kleine Frau des Persers. – Der Divan-Chan oder das Empfangzimmer. – Persische Toilette. – Die Gebetbänder an den Armen der Perserinnen. – Schönpflästerchen auf Wangen und Hals. – Die hennagefärbten Nägel und Fußzehen. – Die rußbemalten Augenlidränder. – Brustfutterale und Ringe an den Fußzehen. – Vorbereitungen zum Diner.

Bald nach unserer Rückkehr aus Persien besuchte ich in Berlin mit meiner Frau das den Erben des leider zu früh verstorbenen Barons Julius von Minutoli gehörige persische Museum; mit uns betrat die Räume auch eine auswärtige Prinzessin in Begleitung eines Generaladjutanten und eines Kammerherrn des Königs von Preußen. Als die Fürstin zu den an Ort und Stelle gefertigten bunten Abbildungen persischer Frauen gelangte, fragte sie den sie herumführenden Herrn Dr. Brugsch, welcher mit der königl. preußischen Gesandtschaft ein Jahr in Persien zugebracht hatte: „Sind die Perserinnen hübsch?“

Der Angeredete bedauerte, ihr darüber keine genaue Auskunft geben zu können, weil er nie eine Perserin von Angesicht zu Angesicht erblickt habe, machte aber die Dame, nachdem sie ihm ihre Verwunderung deshalb ausgesprochen, auf mich aufmerksam, als einen deutschen Arzt, welcher während achtjährigen Aufenthaltes in Asien sehr häufig Gelegenheit gehabt hätte, mit Muhamedanerinnen näher zu verkehren, und bat um die Erlaubniß, diese Frage durch mich beantworten lassen zu dürfen. Dies geschah natürlich sofort und so gut, wie es in geflügelten Worten sich eben thun ließ.

Damals kam mir der Gedanke, daß ich über die Muhamedanerinnen meinen Landsleuten doch wohl manches Neue mittheilen könne; denn wenn eine fremde Fürstin, die, wie ich später erfuhr, mehr Gelegenheit gehabt haben dürfte, den Orient kennen zu lernen, als dies uns Deutschen meist vergönnt ist, durch ihre Verwunderung über die Antwort des Dr. Brugsch schon zu erkennen gab, wie wenig sie noch über die muhamedanische Frauenwelt erfahren habe, so darf ich daraus wohl schließen, daß dieses Capitel der großen Mehrzahl meiner Landsleute noch unbekannter geblieben sein möge. Dies und die mancherlei ganz absonderlichen Ansichten über den Orient und namentlich über seine Bewohnerinnen, die ich sogar durch Literaturwerke verbreitet gefunden, veranlassen mich endlich, von meinen Erfahrungen über das Leben der Muhamedanerinnen wenigstens Einiges, und zwar nach echt persischen Bildern illustrirt, den Lesern der weitverbreiteten Gartenlaube zu erzählen, selbst auf die Gefahr hin, sie dabei aus dem siebenten Himmel Muhamed’s etwas unsanft auf die reale Erde zu versetzen.

Der Leser gestatte mir, einiges Sprachliche und Volkseigenthümliche aus den Sitten des Orientalen hier vorauszuschicken, weil wir dadurch falsche Auffassungen und Wiederholungen im Verlauf unseres Vortrags verhüten. Das Wort „Serail“, das namentlich durch die Oper „Die Entführung aus dem Serail“ auch deutschen Zungen so geläufig geworden ist, muß für diese Seraï geschrieben und ebenso ausgesprochen werden; es bedeutet auch nicht etwa blos Fraueugemach, sondern „Palast“. Da allerdings in Palästen häufig Frauengemächer sich befinden, so ist hier das Ganze für den Theil genommen. Frauengemach und Frauen werden in den verschiedenen orientalischen Sprachen mehr oder weniger verschieden bezeichnet. Das allgemeine arabische Wort, welches die Munhamedaner dafür gebrauchen, ist „Harém“, nicht zu verwechseln mit „Harám“, welches nur „Verbotenes“ bezeichnet. Das in Europa ebenso geläufige Wort Odalisque ist das türkische Odalik oder besser Odalyk und läßt sich im Deutschen wörtlich übersetzen durch den Ausdruck „Frauenzimmer“. Wenn ich im Folgenden das Wort Harém sächlich gebrauche, so werden hoffentlich die gelehrten Orientalisten mir beistimmen. –

Der größte Theil der jetzigen Bewohner Persiens huldigt bekanntlich den Lehren Muhameds; deshalb unterliegen die Perserinnen den allen Muhamedanern eigenen Religionsvorschriften und den allgemeinen Gebräuchen derselben, mit wenigen Abänderungen. Da Frauen und Mädchen als etwas (für Andere) Verbotenes gelten, so ist es erklärlich, warum sie abgeschlossen von männlicher Gesellschaft in einem besonderen, dem inneren Theile der Wohnung, dem Harem, leben müssen; warum sie sich von Männern nur ihren allernächsten Angehörigen, höchstens den ältesten vertrautesten Dienern (Ferrasch chelwet, Diener, welcher in dem Orte des Alleinseins [Chelwet] dient), und bei Erkrankungen allenfalls dem Arzte zeigen und warum sie auf der Straße oder auf der Reise nur streng verhüllt und blos am Tage ausgehen dürfen.

Weniger bekannt möchte es dagegen sein, daß zwar auch den Persern gestattet ist, bis vier legitime Frauen zugleich zu besitzen, unter denen sich jedoch mindestens zwei freie befinden müssen, daß aber diese sogenannte beständige Ehe der Scheidung ebensogut ausgesetzt ist, wie die nur bei den Schiiten – der muhamedanischen Secte, zu welcher die Perser gehören – zugleich mit bestehende zeitweilige Ehe. Letztere kann für eine halbe Stunde ebensogut, wie für neunundneunzig Mondjahre abgeschlossen werden.[1]

Man glaube übrigens ja nicht, daß von der Polygamie in den Ländern, wo sie gestattet ist, so allgemein Gebrauch gemacht werde. Die sehr große Mehrzahl der Muhamedaner, namentlich der Türken, besitzt nur eine Frau, und wenn in Persien, bei der im Allgemeinen größeren Leichtigkeit des Lebens, bei dem leichteren Sinne der Perser und ihrem Hange zum Luxus, die Vielweiberei bisher häufiger in Gebrauch gewesen ist, so machen doch der größere Theil der arbeitenden Classen sowie der Landbewohner und fast alle Nomaden, welche zusammen weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung betragen, Ausnahmen davon, indem sie sich gewöhnlich mit nur einer Frau begnügen, die ihnen mehr die Gefährtin des Christen ist, als die Kindergebärerin des Muhamedaners. Eine solche Frau arbeitet dann häufig sogar mehr, als der Mann, und hält sich in der Regel nicht so streng verhüllt und abgeschlossen, wie die Frauen der Wohlhabenderen oder der Städtebewohner, deren Beschäftigungen fast nur im Empfangen und Erwidern von Besuchen, im Gebrauche der orientalischen (altrömischen) Bäder, im Besuche des Mesdsched (Bethaus), im Wallfahrten nach heiligen Orten, im Intriguiren und im Faulenzen bestehen.

Um den Leserinnen ein etwas anschaulicheres Bild von dem gesellschaftlichen Leben ihrer muhamedanischen Schwestern vorzuführen, will ich einen Besuchstag in dem Harem der ersten Frau eines der vornehmeren Chans in einer persischen Stadt zu skizziren versuchen. –

Wenige Stunden nach Sonnenaufgang trippelt ein Paar Perserinnen durch die Stadt. Ihre Gestalten sind in große dunkelblaue Tschader (Tücher) eingewickelt, welche sie vorn mit der linken Hand zusammenhalten. Die rechte Hand hängt dahinter frei herunter, oder sie kneift weiter oben in der Halsgegend den unteren Theil des Rubend, eines weißen, dichten baumwollenen Schleiers mit eingestickten engen Löchern zum Durchsehen, mit dem Tschader zusammen. Die an den dunkelfarbigen seidenen Ansteckehosen befindlichen Oberstrümpfe von gleichem Stoffe stecken in kahnförmigen kurzen Pantoffeln von buntem Saffian mit hohen Absätzen, welche dem Gange der Trägerinnen etwas Unbeholfenes verleihen. Wer in Europa sie so gehen sähe, würde glauben, wandelnde oder wackelnde Pakete aus irgend einer alten Rumpelkammer vor sich zu haben. Die zweite möchte wohl auch dahin gehören, denn sie hält das Gesicht fest verschleiert und läßt vorübergehende Männer mit einer Viertelwendung ihres Vorderkörpers nach der Häuserseite passiren. Gewiß ist sie eine alte Dienerin der ihr Vorangehenden. Ihre Herrin dagegen scheut sich nicht, den weißen Schleier kokett über die linke Schulter zu werfen und, nur den Untertheil des Gesichts bis zur Nase mit einem Zipfel ihres blauen Tschader bedeckend, die schwarzen brennenden Augen aus dem frischen noch jugendlichen Gesichte herausblicken zu lassen.

Wir kennen diese Frau, die wir auf ihrem Gange zum Besuch bei der ersten Frau des Chans begleiten wollen. Fatme Chanum[2] ist tatarischer Abkunft und von armer Familie. Der schon alternde Mirsa (Schreiber, Secretär) des Chan hörte durch seine Mutter von Fatme’s Schönheit, ward mit ihren Eltern um die von ihm zu zahlende Morgengabe einig und nahm das kaum [25] zwölfjährige Mädchen als zeitweilige Frau vor der Hand für fünf Mondjahre in’s Haus. Wenn auch die noch lebende erste Frau des Mirsa, Chanum bosurk (die große Frau), welche nur eine Tochter geboren hatte, ihrem Manne nichts einwendete gegen eine zeitweilige Ehe desselben mit einer jüngeren Frau, von der er einen männlichen Leibeserben zu erlangen hoffte, so konnten doch, trotz Fatme’s geduldigem Wesen, Zwistigkeiten um so weniger ausbleiben, als Chanum bosurk herrschsüchtig war und ihre schon erwachsene Tochter ebenso ränkesüchtig wie hübsch. Schon glaubten Beide sich am Ziele ihrer Wünsche, nämlich die Sigeh (so heißt die zweite Frau in Persien) am Ende ihres Contractes entlassen zu sehen, als diese nach mehr als dreijähriger Ehe ebenfalls ein Mädchen gebar. Das arme Kind und seine Mutter hatten viel von Chanum bosurk und ihrer Tochter zu leiden, und auch der alte Mirsa fing an auf die junge Frau ungehalten zu werden, weil seine Wünsche nicht in Erfüllung gingen. Zum Glücke für das arme Kind starb es bald, aber eine noch traurigere Zeit folgte für die junge Frau. Da, als ihr Contract eben ablaufen sollte, gebar sie abermals und zwar Zwillinge männlichen Geschlechts, welche beide leben blieben. Der alte Mirsa war wie toll vor Freude über diesen in Persien so seltenen Fall, und wenig fehlte, er hätte seine erste Frau sammt Tochter aus dem Hause gejagt, als diese ihn glauben machen wollten, die Kinder wären nicht seine eigenen. Nun wandte sich das Blatt, und statt den zeitweiligen Ehecontract zu erneuern, nahm er seine zweite, bisher nur zeitweilige Frau, unter Beobachtung aller nöthigen Förmlichkeiten, als beständige auf. Die bisherige Fatme Sigeh wurde von nun an aber Chanum kutschuk (die kleine Frau) titulirt und bekam für sich und ihre Kinder eine besondere Wohnung. Häuslicher Friede ist dadurch zwischen den beiden Frauen nicht erzielt worden: Chanum bosurk und ihre Tochter umgaben die junge Frau mit ihren Spionen, zu denen auch die alte Dienerin gehört, welche heute die junge Frau begleitet und die ihren Auftraggeberinnen auch etwas vorlügt, wenn es nur dazu taugt, die zweite Frau und ihre Kinder bei dem Aga (Hausherrn) zu verleumden. Chanum bosurk und ihre Tochter sind ebenfalls eingeladen. Sie haben sich jedoch entschuldigen lassen, denn sie hassen in der Frau des Chans die Beschützerin ihrer Nebenbuhlerin.

Die Gartenlaube (1865) b 025.jpg

Eine vornehme Perserin mit ihrer Dienerin auf der Straße.
Nach persischen Originalzeichungen.

Die beiden Frauen gelangen jetzt an eine geräumige Wobnung mit vielen Gebäuden und einem großen Garten, die von einer hohen Mauer mit mehreren Eingängen umgeben ist. Am Haupteingange zu dem Divanchane (Empfangszimmer des Hausherrn) stehen plaudernd und hocken rauchend neben einem Paar zerlumpter Soldaten viele Diener, und Pferde werden herumgeführt, bedeckt mit kostbaren Decken. Hier zieht Chanum kutschuk das Rubend wieder über ihr Gesicht und wandert still vorbei um die Ecke zu einer Seitenpforte, die sich, nach mehrmaligem Klopfen mit dem daran befestigten Eisenklöppel, öffnet. Ein aller Schwarzer öffnet den beiden Frauen, welche im Hause so wohl bekannt sind, daß er ihre Gesichter nicht einmal zu sehen braucht, um sie zu [26] kennen. Im Hofe angelangt, schlägt die junge Frau sogleich den Schleier wieder zurück, um die frischen Lüfte zu genießen, die um das große wassergefüllte Bassin spielen.

Endlich im großen Empfangszimmer angekommen, grüßt die junge Frau mit einer Verbeugung die Frau vom Hause, welche auf dem Fußboden an dem unten geöffneten großen Fenster von bunter Glasmosaik mit untergeschlagenen Beinen sitzt, denn sie gehört zu der jetzt regierenden Kadscharenfamilie, welche, nebst den Europäern, in Persien einzig das Recht hat, so zu sitzen. Die junge Frau steigt die sechs Stufen zu dem erhöhten Erdgeschosse hinauf, lüftet ihr Tschader, streift in der Doppelthür ihre Pantoffeln ab, und während ihre Begleiterin im Nebenzimmer über dem Hausflur das Gleiche thut, tritt sie noch fest verhüllt – denn so erheischt es der Anstand – vor die Herrin. Diese, eine stattliche Frau, wie man sie unter den Kadscharinnen häufig findet, hat die junge Frau, deren Leben erst seit Kurzem eigentlich begonnen hat, schon längst liebgewonnen und behandelt sie mehr wie eine Vertraute, als wie die Frau eines Untergebenen ihres Mannes. Sie läßt daher die Eintretende, nachdem diese ihre Verbeugung mit dem arabischen Gruße: „selamun aleïkum“ (Heil über Euch!), dem „we aleïkum esselam“ (und über Euch Heil!) als Antwort folgt, wiederholt hat, vor sich am Fußboden niedersetzen oder vielmehr niederknieen, und erwidert die Frage: „Wie ist das Befinden der Gnädigen?“ mit einem kurzen „Dank (nämlich: Gott), es ist gut, und Euer Befinden?“ Während die junge Frau antwortet: „Durch die Gewogenheit der gnädigen Frau ist es sehr gut,“ bringt eine schwarze Sclavin ein Galjan (persische Wasserpfeife) herein. Nach einigen Zügen übergiebt die Hausfrau der Besuchenden das Rauchwerkzeug zum Weiterrauchen, und das Eis der nöthig gewesenen Etikette ist gebrochen. Auf einen Wink entfernen sich die Dienerinnen, welche mit den wenigen Anordnungen zum Empfange der Gäste im Empfangszimmer beschäftigt sind, und horchen anfangs theilweise und gucken durch die Spalten der Thür oder hinter den Vorhängen, denn einige von ihnen sind eben erst vom Lande hereingekommen, wo sie von Harem und Haremsleben meist nur sehr wenig gekannt haben. Die Herrin hatte zwar „chelwet“ geboten, d. h. sie wollte (mit ihrem Besuche) allein gelassen sein; was half es aber gegen die weibliche Neugierde?

Nunmehr macht es sich die junge Frau bequem. Sie wirft Tschader und Rubend in einen Winkel, dazu die violettseidenen Ansteckhosen, aus denen die Fülle der weiten persischen Unterröcke herausquillt, welche ein hellseidener deckt. Die Füßchen stecken bis zu den Knöcheln, welche schwarze Perlenbäuder umfassen, in bunten persischen Wollensocken und den Oberkörper bedeckt ein dünnes Hemd bis zum Nabel; von da bis zu der Gegend der Hüften, wo die Röcke beginnen, bleibt der Unterleib frei. Ein buntseidenes Jäckchen mit langen Manschetten bedeckt das Hemd, und darüber ist ein vorn offener Tuchrock mit kurzen Aermeln gezogen. Das häßliche weiße Kopftuch, unter welchem die schwarzen Locken üppig hervorquellen, wirft sie zu den übrigen Stücken und läßt den Scheitel blos mit einem kleinen buntseidenen Käppchen bedeckt, in welches Goldfäden und echte Perlen eingestickt sind. Die Frau des Chaus ist ähnlich gekleidet, nur sind die Stoffse ihrer Kleidung schwerer und kostbarer. Ihr Rock von Caschmirshawl wird von einem goldenen Gürtel zusammengehalten, um dessen Schloß große Rubinen sitzen. Auf dem Kopfe trägt sie einen nach hinten zu fallenden feinen Schleier und ein reiches Diadem mit großen Perlen dicht besetzt. Die Gebetbänder an den Oberarmen sind, den Gesetzen der Religion, an die sich die Kadscharenfamilie am allerwenigsten stößt, zuwider, mit Perlen reich eingefaßt, während sie bei der jungen Frau des Mirsa nur aus Schnuren schwarzer Kugeln bestehen, welche aus Seetang vom persischen Meerbusen gefertigt sind. Goldene Arm- und Fußknöchelbänder vertreten bei ihr die Stelle der sonst gebräuchlichen schwarzen Knochenperlen. Silberne Ringe mit vorstehenden großen Rubinen, Smaragden und Brillanten stecken fast an allen Fingern der niedlichen Hände, weite Perlenringe hangen in den Ohrläppchen. Chal, kleine schwarze Schönpflästerchen, finden sich auf den Wangen und der oberen Mitte des Halses. Tragen auch Beide keine schwarzbläulichen Tätowirungen in Rosetten und anderen Figuren an Armen, Stirn, Kinn und Leib, wie so viele andere Perserinnen, so sind doch gewiß die schönen schwarzen Haare mit Henna bräunlich scheinend gefärbt, und die braune Farbe des Henna findet sich, wenn nicht an Händen und Füßen ganz und gar, so doch mindestens an den Nägeln der Zehen und Finger, denn anders wäre es eben so unschicklich, in Gesellschaft zu erscheinen, wie bei uns ohne Handschuhe. Auch die Augenlidränder sind mit feinem Ruße schwarz überzogen, um das Weiße der Augen mehr hervortreten zu lassen, und die geschwärzten Augenbrauen durch einen Strich über der Nasenwurzel fast mit einander verbunden. Dies sind unschuldige Mittel, die, wie die Schminke, welche die Hausfrau aufgelegt hat, ihnen durch ihre Religion gestattet sind. Wenn ich aber recht indiskret sein darf, so erlaube ich mir noch zu bemerken, daß die Hausfrau, wie viele vornehme Perserinnen, ihre Brüste in reich gestickten Etuis trägt, die durch das dünne weiße Hemd hindurchschimmern, und daß manchmal, wenn sie der Wärme halber ihre weißbaumwollenen Ispahaner Socken auszieht, auch die Zehen ihrer niedlichen Füßchen sich mit Ringen geschmückt zeigen.

Beide Frauen, die sich fast täglich sehen, gerathen in ein vertrauliches tête à tête, in welchem sie sich gegenseitig so viel erzählen, daß man glauben möchte, sie wären Jahre lang nicht zusammengekommen. Dabei werden sie nach und nach so lebhaft und so laut, daß die Mulattin vor der Thür, welche den geheimen Befehl erhalten hat, die alte Dienerin der jungen Frau fern zu halten, fast jedes Wort der Unterhaltung wiedergeben könnte, wenn sie überbaupt tatarisch verstände, in welcher Lieblingssprache der Kadscharen sich die beiden Frauen vertraulich unterhalten, nachdem sie officiell sich persisch begrüßt hatten. Endlich ist die Unterhaltung zu Ende. Die Dienerinnen werden wieder hereingerufen, und die junge Frau steht als Hausfreundin der Hausfrau im Anordnen der Vorbereitungen zur Mahlzeit bei, die sehr einfach sind, denn die Küche allein nimmt die meiste Arbeit in Anspruch.

Das große hohe Empfangszimmer, eingeschlossen an drei Seiten von weißen, glatten Gypswänden, an denen oben ein paar Reihen bunter und vergoldeter, schon theilweise beschädigter Stuckverzierungen hinlaufen, hat oben an diesen drei Seiten durch Vorhänge verhüllte Fenster, welche zu kleineren Haremszimmern des nächst höheren Stockwerkes gehören. An der hohen Holzdecke zeigen sich Tafeln mit persischen Malereien von sehr untergeordnetem Kunstwerthe. In den Mauernischen und auf den Simsen stehen europäische Glasgefäße und Steingutgeschirre. Die beiden schmäleren Seiten des länglichen Saales enthalten je zwei niedrige, schmale Doppelthüren mit Seitenvorhängen und fußhohen Doppelschwellen, an denen sich ungeübte Europäer ebenso leicht die Schienbeine bestoßen, wie an den niedrigen Querbalken der Thüren den Kopf. Gegenüber der einen großen Längenwand nimmt das ungeheure Fenster von persischer Glasmosaik in mehreren Abtheilngen die ganze vierte Wand ein. An ihm herab hängen bunte Kattunvorhänge zum Schutze gegen die Sonne und etwaige Neugierige. Die unteren Abtheilungen dieses großen Fensters sind hinaufgeschoben, um frischer Luft Zugang zu verschaffen und den Blicken die Aussicht auf den innersten Hof mit seinem großen Wasserbassin und den dahinter befindlichen Garten mit den monotonen Pappeln und Cypressen, mit seinen Maulbeerbäumen, mit den feuerroth blühenden Granatenbüschen und den schattigen Platanen, die ein bräunlicher Höhenzug in weiter Ferne überragt.

Der Gypsestrich des großen Saales ist schon in der Morgenfrühe besprengt und gekehrt worden. Der aufgewirbelte Staub ist da liegen geblieben, wohin ihn die Luftströmungen und die Gesetze der Schwerkraft trugen. Die den Estrich zunächst bedeckenden platten Schilfmatten aus den weiten Sümpfen der persischen Ufer des kaspischen Meeres sind ausgeklopft worden. Nun legt man auf sie einen kostbaren großen länglichen Teppich in die Mitte des Zimmers. An den zwei Längenseiten kommen dicke bunte Filze von gleicher Länge zu liegen, die mit denen an den beiden schmäleren Querseiten ein längliches Quadrat bilden, welches die Ränder des großen Mittelteppichs überragt und ihn so vollständig einsaßt. Auf den Platz der Hausfrau in dem Winkel am Fenster gegenüber der als Haupteingang benutzten Thür wird jetzt noch ein großer, viereckiger, schönerer Filz hingelegt und an die glatten Wände dieses Platzes und der benachbarten kommen große, länglich runde, weiche Kissen zu liegen. Es sind dies große Säcke mit Baumwolle, manchmal auch mit Schwanenfedern gefüllt, über die ein dunkler Baumwollenstoff gezogen ist, welchen eine dünne Hülle von Mousselin mit eingenähten Goldarabesken bedeckt. An beiden Seiten sind diese Kissen durch rothseidene, mit Goldfäden durchschossene Quasten geschlossen. Darin besteht die ganze Vorbereitung [27] des Besuchszimmers. Selbst die zahlreichen Spinnen läßt man in Ruhe, und Tische und Stühle werden glücklicherweise nicht gebraucht.

Jetzt läßt die Hausfrau den Koch aus der im andern Hofe etwas abgelegenen Küche unter das geöffnete Fenster bescheiden, und nachdem sie einen Zipfel ihres Schleiers vor diesem männlichen Wesen bis an die Nase gezogen hat, schärft sie ihm nochmals ein, sich Mühe zu geben, damit ihr und ihm ja keine Schande erwachse. Sollte er aber zu viel in Rechnung setzen oder sich wieder betrinken, was einem guten Muselman doch ein Gräuel sein müsse, so würde sie bei dem Herrn schon dafür sorgen, daß er wenigstens seine fünfzig Hiebe auf die Fußsohlen bekäme. Der Koch schleicht sich still brummend davon; denn so sehr es ihm widerstrebt, Befehle oder gar Drohungen von einer Frau hinnehmen zu sollen, die ja doch nach persischen Begriffen nur den halben Verstand eines Mannes besitzt, so weißer doch aus Erfahrung zu gut, daß mit dieser Frau nicht zu spaßen ist, die als echte Kadscharin ihren Mann beherscht, trotzdem sie kinderlos geblieben ist. Was das Erstere aber anlangt, so sind die Perser sehr im Unrechte, denn im Allgemeinen stehen die Perserinnen den Persern an Geist und auch an Gemüth weit voran, wenn auch viel seltener an Erfahrung, die bei ihrer abgeschlosseneren Lebensweise fast unmöglich ist. Endlich muß eine Dienerin im offenen Hausflur die ungeheure russische Theemaschine mit Wasser füllen und in Brand setzen, während zwei andere schwarzen Kaffee und Wasserpfeifen bereit halten.
H.
  1. Ein Mondjahr umfasst die Periode von zwölf Mondenwechseln und beträgt elf Tage weniger, als ein Sonnenjahr.
  2. Das persische Wort Chanum wird ebensowohl für „Frau“, als für „Fräulein“ angewandt.