Ein Schwingfest im Berner Oberland

Textdaten
<<< >>>
Autor: Max Wirth
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Schwingfest im Berner Oberland
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 166–169
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[166]

Ein Schwingfest im Berner Oberland.

Von Max Wirth.

Mag der Ringkampf, den die Jünglinge Griechenlands bei den olympischen Spielen aufführten, in Anmuth und Grazie der Bewegungen nicht mehr erreicht worden sein, – was Ausdauer, List, Gewandtheit und reckenartige Kraft anbelangt, so stehen, meiner Ueberzeugung nach, die Schweizer Schwinger vom Entlibuch, Unterwalden, Berner Oberland und Emmenthal unerreicht [167] da, und hat wider ihre Hünen noch kein Athlet von Profession aus irgend einem Lande Europa’s obzusiegen vermocht, ja jeder französische Ringerkönig, der sie herauszufordern wagte, in’s Gras sinken müssen. Alles, was ich auf Turnplätzen und bei Schaustellungen von Athleten an Ringkämpfen gesehen habe, ist Kinderspiel gegen ein solches Schwingen. Vielfach ist in Deutschland die Meinung verbreitet, das Schwingen bestehe wesentlich darin, daß es darauf ankomme, den Gegner über den Kopf auf den Boden zu werfen. Dies ist indessen nur einer der zahlreichen Kunstgriffe, durch welche ein Sieg entschieden wird, – in Wirklichkeit ist das Schwingen ein gewaltiger Ringkampf, bei dem alle nur denkbaren ehrlichen Griffe und Bewegungen angewendet werden, um den Gegner zu besiegen, d. h. auf den Rücken zu werfen. Dabei wird eine eiserne Zähigkeit, eine Schnellkraft und eine Muskelgewalt entwickelt, daß man eher Männer aus Stahl denn aus Fleisch und Bein vor sich zu sehen wähnt und wohl begreifen kann, wie einst ihre Väter bei Sempach und Morgarten die Eisenpanzer der Ritter mit Keulen und Morgensternen in Stücke schlugen.

Wenn man in den Alpen oft sieht, wie Lasten von hundert, hundertfünfzig, ja zweihundert Pfund und darüber auf steile Berge von acht- bis neuntausend Fuß sechs bis sieben Stunden weit auf dem Rücken von einem einzelnen Mann heraufgetragen werden, und wenn man dann erfährt, daß es nur die Blüthe der Mannschaft, die Auserlesenen aus diesem Kraftgeschlecht sind, welche sich zu einem öffentlichen Schwingfeste zu melden wagen, so wird man unsere Behauptung nicht mehr für übertrieben ansehen.

Es ist drum auch kein Wunder, daß ein Schwingfest mit derselben Leidenschaft besucht wird wie ein Wettrennen in England, nur mit dem Unterschiede, daß es auf ersterem anständiger und nüchterner zuzugehen pflegt.

Als wir an einem in Sonnenglanz strahlenden Sonntage des August 1867 Morgens um acht Uhr von Bern mit einem Extrazuge abfuhren, hatte das Dampfroß schon Gäste aus Zürich, Biel, Basel und den Zwischenstationen gebracht, die sämmtlich in einem besonders bestellten Dampfboote, welches noch einen Schleppkahn anhing, über den Thuner See gesetzt wurden. Der Schauplatz konnte nicht besser gewählt sein: ein natürliches Amphitheater an der Burgruine Unspunnen, hinter dem Rugen bei Interlaken – ein mit grünem Rasen bedeckter Kessel, der von allen Seiten mit Wald und Hügeln begrenzt ist, über welche das schneebedeckte Haupt der Jungfrau im Silberglanze herabstrahlte. Um den weiten Kampfplatz waren im Kreise Sitzbänke amphitheatralisch übereinander errichtet und die Abhänge ringsum von gegen fünftausend Zuschauern besetzt, worunter die Berner Mädchen in ihrer zierlichen Tracht, den schwarzen Miedern, den blendend weißen Hemdärmeln und Busentüchern, an denen die reichen silbernen Ketten herabhängen, einen überaus freundlichen, herzigen Anblick gewähren. Gar drollig nahm sich da mancher spindelbeinige französische und italienische Tourist, von denen es in Interlaken damals wimmelte, unter den Bärengestalten des Emmenthals aus.

Während beim Schwingen zu Langnau im Emmenthal (1866)[1] nur Emmenthaler und Oberländer vertreten waren, hatten sich diesmal zu den Recken aus diesen beiden Landschaften die Söhne Unterwaldens (ob dem Wald) und des Simmenthals gesellt. Das gab dem Ringkampf mehr Aufregung und Mannigfaltigkeit; denn die Paare werden in der Regel von den Kampfrichtern so erlesen, daß Thal gegen Thal kämpft. Ohne zu fragen, erkennt man da gleich die Emmenthaler am gewaltigen Gliederbau, die Oberländer an der schlanken Figur und der Gewandtheit. Man hat es offenbar mit zwei verschiedenen germanischen Stämmen zu thun: die Emmenthaler sind zweifellos Alemannen, – die Oberländer neueren Forschungen gemäß wahrscheinlich Abkömmlinge der Burgunder, deren Burgen historisch bis nach Thun reichten.

Präsident des Kampfgerichts war ein bewährter Turner und Schwinger, der Director der Irrenanstalt Waldau bei Bern, Dr. Schärer. Ihm zur Seite stand u. A. Advocat Berger von Bern, dem ich einen Theil meines Materials verdanke. Die erste Arbeit des Kampfgerichts war kitzliger Natur. Es hatte sich eine so vermehrte Zahl von Schwingern gemeldet, daß über vierzig zurückgewiesen werden mußten, weil es sonst unmöglich gewesen wäre, das Fest am gleichen Tage zu beendigen. Da gab es manche Unzufriedenheit und manches Zorneswort von Seiten Solcher, die sich vergebens wochenlang vorbereitet, geübt, gefreut, heute vor allem Volk die Stärke ihres Armes zu zeigen. Es wurden zwei Kampfreihen aufgestellt; die Unterwaldner standen zu den Oberländern, die Simmenthaler zu den Emmenthalern. Sechsunddreißig Paare wurden eingeschrieben, die Hälfte mehr, als bei jedem früheren Feste.

Gegen elf Uhr setzte sich der Festzug von Unterseen aus in Bewegung. Voran vier Staatsbursche in gestreifter alter Schweizertracht, mit mächtig wallenden, freilich falschen, Bärten, mit Hellebarde und Morgenstern; dann ein gewaltiger Bär (Mutz), das Symbol und Wappenthier von Bern, an dem alle Berner in mit rührendem Humor gemischter Vorliebe hängen; hierauf acht blumenbekränzte Preisschafe, von achtjährigen Knaben in zierlicher Kühertracht geleitet; ferner Kampfgericht, Festcomité und Schwinger nebst den Tausenden von Zuschauern, welche sich anschlossen, – so stolzirte der Zug, die muntere Feldschützenmusik von Interlaken vorauf, unter der umsichtigen Leitung des Platzcommandanten von Greierz das herrliche, festgeschmückte Gelände entlang nach dem eine halbe Stunde entfernten Festplatz, vom Jubel des Volkes begrüßt. Da sah man noch alte Schwinger, die vor bald fünfzig Jahren ihre Triumphe gefeiert, inmitten des Zuges, wie Beerpeter und Sandmattenfritz; die alte Lust, die einst so mächtig gewogt, hatte sich noch einmal gerührt und sie hierher getrieben, um zu sehen, was die Jungen vermögen.

Als der Zug in die wohlthuende Kühle des Rugenwäldchens einlenkte, wurde der Bär (Mutz) von Sturm und Drang des Festgeistes so mächtig erfaßt, daß er zur Seite springend eine junge Fichte ausriß und diese dröhnend hinstürzte. Männiglich war man erstaunt über dieses ungeheure Kraftstück. Böse Zungen waren zwar nachher ruchlos genug, zu behaupten, daß es nicht ohne Vorbereitung geschehen.

Auf dem Ringplatze angekommen, lagerten sich die zwei Parteien der Schwinger zu beiden Seiten des inneren Kreises, das Kampfgericht dazwischen, – so zwar, daß Raum genug in der Mitte für die Ringenden blieb.

Mehr und mehr werden rings die Abhänge des Wald-Trichters von zuströmenden Zuschauern aus allen Ständen und Ländern angefüllt. Die Musikchöre lassen ihre hellschmetternden Fanfaren ertönen; dazwischen jodelt der traute Alphornreigen. Ein Gesumme und Gemurmel der Freude schwebt über dem ganzen Festtreiben, hie und da von den Auf- und Zurufen der schweißtriefenden Kampfrichter unterbrochen.

Aller Augen und Herzen sind auf die Kämpfer gerichtet! Jetzt wird’s mäuschenstille; Jedermann hält den Athem an sich: – zwei gewaltige Ringer haben sich gefaßt, der eine schwebt in der Luft, der andere dreht ihn sausend im Kreise, um ihn auf den Rücken zu fällen; jetzt fährt er kopfüber zur Erde, aber im Fallen rafft er sich zusammen, berührt mit einem Fuß den Boden, schnellt sich wie eine Stahlfeder empor, mit gewaltiger Faust nun den andern in die Luft hebend und zu Boden fällend! Da bricht aus den gelagerten Haufen der Oberländer oder der Emmenthaler Schwinger wildes Beifallsjauchzen aus, welches auch das übrige Publicum ansteckt, daß es mit Hand und Mund die schönsten und aufregendsten Schwünge begleitet. Am geschäftigsten ist es aber stets in dem Schwingerkreise selbst. Jeder ist erwartungsvoll, wann er aufgerufen werde, und ermißt zum Voraus die Chancen des Kampfes mit dem ihm bestimmten Gegner. Da fährt Einer schon eine halbe Stunde vorher in die Schwinghosen[2] und rollt sie so weit als möglich herauf, um dem Gegner den Griff zu erschweren, während ein Anderer mit schlottrigen Buxen ganz gemüthlich und sorgenlos zum Kampfe herantritt. Da läßt sich noch Einer die nervigen Arme mit Wein oder Wasser begießen, ein Anderer nimmt einen Grashalm in den Mund, um sich in den Anstrengungen des Riesenkampfes die Zähne nicht zu sehr zu zerknirschen!

Wir können unseren Lesern nicht zumuthen, die Kunstgriffe der Schwinger bis in’s Einzelne zu verfolgen, einzelne Typen müssen wir aber doch hervorheben. Ganz originell, dem schweizerischen Schwingen eigenthümlich, sind zwei so zu sagen taktische Bewegungen: Die eine besteht darin, den Gegner in die Luft zu heben, ihn rasch zu drehen und ihn sodann auf den Rücken [168] zu werfen; die andere wird von Solchen angewendet, welche sich schwächer fühlen, und besteht darin, daß der Schwächere sich auf die Kniee niederläßt, sich so gegen seinen Gegner stemmt, ihm jeden Zoll streitig macht und am Boden klebend, gleichsam wie Antäus von Mutter Erde immer neue Kraft zu gewinnen sucht.

Mit wechselndem Glück setzt der Kampf sich fort, indem den jüngeren Schwingerpaaren stets die älteren folgen, die Unterwaldner und Oberländer durch List und Gewandtheit die Stärke der wuchtigen Emmenthaler zu paralysiren suchen; denn seit Jahren haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, Alles zu studiren, wodurch sie aus ihrem in der Regel leichteren Körperbau den möglichst großen Vortheil gegenüber den kolossalen Emmenthalern ziehen können. Da wird schon beim „Einhängen der Griffe“[3], bei der zuerst einzunehmenden Stellung des Leibes und der Schenkel die größte Sorgfalt angewendet, bis plötzlich bei der geringsten Blöße des Gegners die Vertheidigung in den Angriff übergeht und durch einen rasch ausgeführten Kunstgriff ein beifallgekrönter Sieg erfolgt, ohne daß der Besiegte selbst noch recht weiß, wie Alles zu- und hergegangen ist. Das ist denn immer ein sehr fataler Moment für die betroffene Partei: der phlegmatische Emmenthaler fängt an unruhig zu werden; ein bereits grau gewordener Schwinger, der es sich nie nehmen läßt, noch als Rathgeber unter seinen Landsleuten zu erscheinen, bekommt gelindes Herzklopfen, steht aus seiner behaglichen Lagerung am Boden auf und mahnt kopfschüttelnd die „Buben“ ihre Aufgabe mit größerem Ernste anzupacken.

Da trat ein Ringerpaar auf, bei dessen Anblick es fast feierlich stille unter den Schwingern wurde, und unter den Zuschauern geht es von Mund zu Mund: jetzt fangen die „Rechten“ an. Es sind nicht mehr jugendlich rasche Bursche, die zuweilen durch ungestümes Dreinfahren oder trotziges Verlassen auf große Körperstärke sich allfällig in üble Positionen bringen lassen, sondern es sind Männer durch und durch, welche in den Circus treten, Kämpfer von erhärteter Kraft und erprobter Kunstfertigkeit, die ersten in ihren Thalgebieten weit und breit. Die Meisten derselben kennen sich untereinander, sei es durch einen Hosenlupf, den sie selbst ausgemacht, sei es vom Hörensagen. Man weiß, mit welchem Schwung der Eine im Entlibuch obgesiegt, auf welche Weise der Andere auf allen Schwingerplätzen des Emmenthales aufgeräumt hat und wie dem Dritten beim „Dorfet“ der Unterwaldner und Haslithaler Alle unterlegen sind. Drei Paare dieser Schwingerfürsten zieren diesmal den Kampfplatz. Zuerst tritt ein Rathsherr von Unterwalden in den Kreis. Bei dem schönen Ebenmaß seines schlanken Wuchses tritt besonders über den Schultern und an den netten Armen so viel Athletisches hervor, um den kräftigen Ringer in ihm errathen zu lassen; Haltung und Blick zeigen etwas Zuversichtliches, doch nichts Herausforderndes; mit einem Grashalm zwischen den Lippen spielend erwartet er den Gegner.

Dieser kommt langsam auf ihn zugeschritten; es ist ein wahres Ungethüm von einem Mann; stierartig, jeder Zoll ein Emmenthaler. Dieselben geben ihm den zweiten Rang unter den Ihrigen, glauben aber, daß weder im Entlibuch, noch diesseits und jenseits des Brünig seines Gleichen zu finden sei. Der Unterwaldner legt sich zum Angriff auf’s rechte Knie und sucht mit ausgestreckten Armen und tiefgesenkter Schulter den mächtig andringenden Gegenpart abzuhalten; dieser rückt mit kleinen Schritten immer näher, zieht immer fester an und drückt mit der ganzen Wucht seines gigantischen Leibes auf den entgegenstemmenden Gegner, – schon sieht Jedermann den Augenblick, da dieser emporgehoben wird, – da plötzlich, fast allen Zuschauern unbegreiflich, stürzt kopfüber in einem förmlichen Purzelbaum, als ob er es aus freien Stücken gemacht hätte, der Emmenthaler auf den Rücken. Es geschah dies mit dem sogenannten Stich, welchen die Unterwaldener mit besonderer Gewandtheit ausführen. Weitschallendes Jauchzen der hochaufspringenden Unterwaldener bei diesem glänzenden Siege, wobei auch ihre Alphornbläser eine Siegesweise anstimmen! Das nächste Mal[4] benutzt nun aber der Emmenthaler seine Stärke besser: kaum in den Griffen, zieht er wie mit einer eisernen Winde den Unterwaldener an sich, hebt ihn langsam, Körper ganz an Körper, vom Boden auf und legt ihn dann, ein pures Kraftstück, vor sich nieder. Das dritte Mal triumphirte nach hartnäckigem Kampfe wieder die Gewandtheit über die Kraft, indem der Emmenthaler einem unerwarteten Schlag in die Kniekehle unterlag.

„Es ist Zeit, daß ich es den Jüngeren überlasse,“ sagte der Besiegte, als Beide sich mit dem üblichen Handschlage, dem Zeichen, daß Treue und Freundschaft durch den vorübergehenden Kampf nicht gestört werden solle, zurückzogen.

„Und für mich ist’s auch das letzte Mal, daß man mich auf öffentlichem Platze schwingen sah,“ erwiderte treuherzig der Rathsherr. „Denn nie könnte ich rühmlicher meine Laufbahn als Schwinger schließen; zudem muß ich bekennen, daß es zwei Mal nur an einem Häärlein lag, daß nicht ich, sondern Du gewonnen hättest.“

Bereits schickten sich wieder zwei stattliche „Mannen“ zum Zweikampf an: es ist der erste Schangnauer Schwinger, was genug sagen will, um jede ferneren Lobsprüche überflüssig zu machen, und ihm gegenüber der auserlesenste Kämpe aus dem Oberhasli. Beide kennen sich genau, denn sie haben sich in früheren Jahren schon zwei oder drei Mal geprüft, und der Schangnauer hatte öfter geäußert: es sei Keinem weniger zu trauen, als diesem zähen und unerhört gewandten Gemsenjäger, der übrigens mit der letzteren Eigenschaft noch eine seltene Stärke verband. Da wurde man gewahr, was Schwingen sei. Mit einem wahren Katzensprung hatte der Gemsenjäger sofort die rechte Flanke des Schangnauers gewonnen; dieser aber drehte sich „wie ein Wetterleich“ und faßte wieder Stellung. Dann standen Beide einander gegenüber, Nacken fest an Nacken, wie zwei Stiere, die auf der Alp das erste Mal zusammentreffen und um die Ehre der Führerschaft der Heerde streiten. Nun zieht der Schangnauer ein; eisenhart springen die gewaltigen Mnskeln seiner Arme hervor, aber der Oberhasler drückt so fest zu Boden, daß keine Kraft ihn demselben entheben kann.

Endlich sind nach unfruchtbarem Gange beide Kämpfer genöthigt, einander „fahren“ zu lassen. Geröthet im Gesicht, den Brustkorb von tiefen, schnellen Atemzügen auf und niederwallend und für den Augenblick zu jeder Anstrengung unvermögend, gönnen sich Beide für kurze Zeit Erholung. Und wieder arbeiten Beide sich auf die gleiche Weise ab, daß alle Adern anschwellen, der Athem zu versiechen droht und Beide wieder ermattet hinsinken. Da bricht es fast zu wild auf an dem ehrbegierigen Oberländer, der sich schon lange in keinen Widerstand mehr schicken konnte.

„Dies Mal muß es den einen oder anderen Weg gehen!“ sagte er mit bestimmtem Tone.

Und wirklich ist in plötzlich kühnem Angriff der Emmenthaler unterlaufen, wird aufgehoben und auf den Nacken geworfen, als ob er nie gestanden hätte. Er war gezwungen, vom ferneren Kampf abzustehen, da es ihm schier schien, als sei das Genick so etwas in’s Ungleis gekommen. –

Jetzt Morgenstern und Zweihänderschwert herbei! Da erschienen zwei Löwengestalten, welche zu solchen Instrumenten wie geschaffen sind. Der Eine ist das Haupt der Entlibucher, besonders bekannt durch den glänzenden Zweikampf, in welchem er vor Kurzem einen sogenannten französischen Ringerkönig, der prahlend die stärksten Schweizer herausgefordert, besiegt hatte; der Andere ist nach einstimmigem Urtheil die erste Schwingergröße des Emmentales. Zwei saure Gänge blieben unentschieden, da der Entlibucher, rein auf seine Vertheidigung bedacht, mit Armen, Schultern und Nacken den gefährlich eindringenden Nebenbuhler vom Leibe zu halten suchte. Im folgenden Schwung errang der kundige Emmenthaler einen Sieg, daß selbst der auf’s Knie gebückte und aufmerksam allen Bewegungen lauschende Obmann aufsprang, in die Worte ausbrach: „Schöner nützt nichts!“ und gleich darauf dem Entlibucher Balsam in die Wunde träufelte.

Keiner hatte den Kampf dieser beiden wehrhaften Männer genauer beobachtet, als der Gemsenjäger aus dem Oberhasli, Zurflüh, der zum Schluß noch mit dem siegreichen Emmenthaler, Hans Ulrich Beer von Trieb, in den Ausstich kam. Er hatte sich jede Stellung, jedes Anziehen, die Art des Aufladens und Ausleerens des Gewaltigen gemerkt, mit dem er nun an die Reihe kam. „Das ist jetzt nicht zum Spaßtreiben!“ hieß es, als diese zwei Meister in den Kreis traten, und dann wurde es ringsum [169] lautlos still. Hui! wie flogen sie nun zwei bis drei Mal im Kreis herum, nach einem Vortheil haschend und zugleich auf ihren Schutz bedacht. Da stellt der Emmenthaler plötzlich den Gegner und rückt ihm auf den Leib; dieser läßt sich vertheidigungsweise auf ein Knie nieder und weicht etwas zurück. Der Angreifer rückt wieder vor, man sieht, wie alle Muskeln an ihm arbeiten, und plötzlich thut er mit einem Schritt nach vorn einen gewaltigen Ruck, welcher den Oberländer der Erde entrückt; mit einem blitzschnell folgenden neuen Ruck hebt er ihn hoch auf und entscheidet mit einem kunstgerechten Wurf den Sieg für das Emmenthal. Der Gemsenjäger scheint durch diesen Fall den Muth noch gar nicht verloren zu haben; zuweilen schon hat er einen Schwung verloren und die zwei folgenden dafür glänzend gewonnen. Warum sollte es dies Mal nicht auch so gehen können?

Er machte nicht lange Rast, und nun sah man ein herrliches Kunst- und Schauschwingen, wobei mit fabelhafter Behendigkeit Schwung und Gegenschwung auf einander und durcheinander folgten, bis plötzlich der Emmenthaler in wagrechter Stellung in den Lüften zappelt und im Nu auf dem Rücken liegt. Unbändiges Jauchzen der Oberländer, verblüffte Gesichter der Emmenthaler! Das Publicum in höchster Spannung! Hans Ulrich Beer in verbissenem Groll alle Freunde von sich abweisend! Der Gemsenjäger seinen freudetrunkenen Cameraden, die sich mit der Weinflasche um ihn drängten, erzählend: wie er fortwährend aufgepaßt habe, bis der Emmenthaler mit seinen Schultern etwas schwerer auf ihn eingelegen sei, wie er dann den Augenblick benutzt, den Uebersprung gewagt, ihn im Kreuz und Genick erfaßt und ihm dann gezeigt, daß dies Mal ein Anderer zu befehlen habe. Alles sei ihm wie eine Eingebung gewesen.

Unterdessen war der Emmenthaler mitten im Kreise stehen geblieben, die Hände auf die Hüften gestützt, unverwandten Blickes nach der Richtung schauend, woher sein Gegner kommen mußte. Umsonst boten ihm seine Freunde Wein an, umsonst ließ ihn sein junges hübsches Fraueli rufen. Seine Antwort war: „Das trägt nichts ab! Laßt mich ruhig, es ist jetzt etwas Anderes zu thun!“

Da trat der ausgeruhte Haslithaler, seine Hemdärmel zurückstreifend und die Schwinghosen vorsichtig aufrollend, wieder aus der Gruppe der in stolzer Hoffnung erfüllten Oberländer. Der Emmenthaler ging ihm sogleich entgegen und der Obmann, der als Schwingerveteran den angehäuften Zündstoff im Herzen der Beiden wohl durchschaute, gesellte sich ihnen bei, ließ einige leise Worte von „freundlichem Schwingen“ fallen und blieb dabei, bis die Griffe geordnet waren. Da drang wie ein losgelassener Löwe der Trieber auf den zur Erde sich schmiegenden Gegner ein und „sprengte“ ihn mit unwiderstehlicher Kraft vom Boden auf. Dieser wand jedoch schlangenartig sogleich sein rechtes Bein um das linke des Angreifers, wurde aber durch einen heftigen Fußstoß ebenso schnell wieder „losgestüpft“ und bis zur Brusthöhe emporgehoben; da schoß der Gemsenjäger, seine schwierige Lage wunderbar gut benützend, von oben herab mit beiden Händen dem Widerpart auf die Schultern, um ihn dadurch rückwärts aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber der auf Alles gefaßte Emmenthaler beugte diesem sonst gefährlichen Kunstgriff durch sein nach hinten gestelltes rechtes Bein vor und blieb fest wie ein Eichstamm; noch versuchte der Emporgehobene durch Umschlingung des gegnerischen Nackens das Unheil, das ihn bedrohte, abzuwenden. Knirschend über den neuen Widerstand löste Beer mit größter Anstrengung mit der einen Hand den wie angewachsenen Arm, der ihn bald des Athems beraubt hätte, los, während er sich mit der andern der Schenkel des Oberländers, der ihm sonst immer noch hätte entwischen können, versicherte. Nun war der Augenblick gekommen. In gewaltigem Wurfbogen schleuderte der Emmenthaler den kühnen, wehrhaften Gemsjäger vom Wirbel bis zur Fußsohle auf den Rücken, daß der Brustkorb erzitterte und die Rippen in ihren Fugen krachten.

Während die Oberländer ihren langsam sich aufrichtenden Freund umringten, die Emmenthaler einen Freudenjauchzer in die Lüfte sandten, ging Beer hinüber zu seinem Gegner und begrüßte ihn mit einem weitausgeholten Handschlag. Da brach ein ungetheilter Beifallssturm der vielen Tausende von Anwesenden los und einstimmig erschollen die Lobpreisungen der beiden „Schwingerhelden“.

Ein interessantes Zwischenspiel vor dem Ausschwingen oder dem Entscheid unter den Siegern war in Interlaken das Steinstoßen, bei dem indessen ein kolossaler Stein von über zwei Centner nur zur Parade herbeigeschleppt zu sein schien, denn es wurde mit einem Steine von kaum hundert Pfund gestoßen.

Unter lautloser Stille verkündete der Präsident des Kampfgerichts die Namen der Sieger. In der ihm eigenthümlichen, die Herzen erschütternden Weise hob er die Bedeutung des so herrlich gelungenen Festes hervor. Vor alten Zeiten hätten hier die Ritter ihre Turniere gefeiert; das Volk habe dabei als leibeigen den strengen Frohndienst gehabt. Heute seien es die Sennen, die Hirten und Jäger, welche ohne allen Prunk dieses schönste aller Turniere abgehalten! Und alles Volk habe Antheil genommen und aus dem Innersten des Herzens sich dabei gefreut, im Bewußtsein, daß diese Kampfspiele und deren Pflege dem Vaterland zum Nutzen und Frommen gedeihen. Hier Angesichts der Jungfrau, auf diesem von allen Schönheiten der Natur umgebenen Wiesenhange, der so sehr demjenigen gleiche, auf welchem am Vierwaldstätter See der heilige Bundesschwur der Väter zum Himmel erklungen, möge jeder Festtheilnehmer in seinem Innern den Schwur erneuern, Herz und Hand dem Vaterland, zu dessen Ehre und Glück dieses Fest veranstaltet worden, zu weihen.

Während der Zug der Schwinger sich nach Interlaken zurückbegab, um bei einer reichbesetzten Tafel von den gehabten Anstrengungen sich zu erholen, ging der Jubel auf dem Festplatz erst recht los; ein Jubel, den wir am besten mit den Worten schildern, welche Frau von Staël vor nun gegen fünfzig Jahren darüber niedergeschrieben hat:

„Ausländer und Schweizer, Hohe und Geringe, Alter und Jugend wurden hingerissen. Tänze begannen nun überall; Fürsten und Grafen und die Häupter schweizerischer Regierungen tanzten mit Landmädchen, Gräfinnen mit Hirten, Greise mit Kindern. Man tanzte unter den Gezelten, im Schatten der Bäume, unter’m blauen Gewölbe des Himmels; kein Fleck war, wo nicht Freude und Fröhlichkeit, wo nicht das Bild der schönsten und glücklichsten Gleichheit sich zeigte; Alles war trunken vom Geiste des Tages!“



  1. Im Jahre 1868 ist kein Schwingen abgehalten worden.
  2. Dies sind kurze, nur bis zum Knie reichende leinene Hosen, welche über die anderen gezogen und am Oberschenkel hinaufgerollt werden.
  3. Beim Anfang jedes Schwunges müssen sich die Ringer gegenseitig an den aufgerollten Wülsten der Schwunghose greifen; das heißt im Griff sein.
  4. Zu jedem regelrechten Schwung gehören drei Gänge, bei welchen Derjenige Sieger wird, welcher den Gegner zwei Mal auf den Rücken geworfen hat.