Ein Gang durch die Kaiserliche Fischzucht-Anstalt bei Hüningen

Textdaten
Autor: J. Meyer
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Titel: Ein Gang durch die Kaiserliche Fischzucht-Anstalt bei Hüningen.
Untertitel: Volksblatt. Eine Wochenzeitschrift mit Bildern. Jahrgang 1878, Nr. 29, S. 227–229, Nr. 30, S. 234–238, Nr. 50, S. 396–397
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Herausgeber: Dr. Christlieb Gotthold Hottinger
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Dr. Hottinger’s Volksblatt
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Erscheinungsort: Straßburg
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Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Gang durch die Kaiserliche Fischzucht-Anstalt bei Hüningen.


Stelle Dir einmal, verehrter Leser, einen großen, von stattlichen Tannen- und anderen Baumgruppen umrahmten Hof vor.

Vor Dir siehst Du ein mächtiges, im Schweizerstil aus Holzwerk errichtetes Gebäude von 50 Meter Länge und 11 Meter Breite, links und rechts davon je eine große, 57 Meter lange und 11 Meter breite Halle, welche zum Theil von Tannen verdeckt sind.

Das Hauptgebäude besteht aus einem Mittelbau, an den sich zu beiden Seiten ein hallenartiger Anbau anschließt. Von diesem Mittelbau führt eine steinerne Treppe in die durch zierliche Säulen und einen darüber befindlichen Altan gebildete Vorhalle. Diese ruht auf einem durch hübsche Felsengruppen, Blumen und Ziersträucher verkleideten Hügel.

Vor jedem Anbau befinden sich kleine Springbrunnen, deren Becken mit Blumenbeeten eingerahmt und im Hintergrunde durch Tannen beschattet sind.

Doch laß uns nun, nach dem flüchtigen Betrachten des Aeußern, eintreten und die Hauptsache, die inneren Einrichtungen, in Augenschein nehmen.

In der Vorhalle, in die wir jetzt gelangen, siehst Du vier Bruttische; auf denselben befinden sich, treppenförmig übereinander gestellt, viereckige irdene Brutkacheln. In die oberste Kachel fällt ein scharfer Strahl kalten Quellwassers, welches durch Ausgüsse von einer Kachel in die andere abwärts vertheilt wird. Was Du in diesen Brutkacheln bemerkst, sind erbsengroße Eier von Forellen, die auf Rosten von Glas ruhen und fortwährend von frischem Wasser überströmt werden.

Laß uns einmal solch ein Forellenei herausnehmen. Ich habe hierzu ein kleines Zängchen aus Draht, womit ich, wie Du siehst, das zarte Ei unversehrt herausbekomme. Ich halte dasselbe nun zwischen Daumen und Zeigefinger gegen das Licht. Das Ei ist gelblich und durchsichtig, besteht aus der Schalenhaut und dem Dotter, und dieser wieder aus der Dotterblase und dem Dotterstoff. Dieser letztere bestimmt die Farbe der Eier, und ist beim Forellenei also gelblich, bei den Eiern der übrigen Fische sehr verschieden, wie Du Dich später überzeugen wirst.

Bei genauerem Betrachten zeigt sich Dir im Ei am obern Ende ein kleiner runder öliger Tropfen, in dessen Mitte sich ein dunkler Kern befindet, der Keim zum künftigen Fisch.

Die Eier, die Du vor Dir siehst, sind soeben befruchtet worden, und da Du, verehrter Freund, leider dazu ein wenig zu spät gekommen und vielleicht noch nie gesehen hast, wie die Befruchtung vor sich geht, so laß mich es Dir kurz erzählen:

Man verschafft sich fortpflanzungsfähige Fische, d. h. solche, deren Rogen und Milch reif sind. Nun wählt man ein reines trockenes Gefäß, etwa eine flache Schüssel oder einen Suppenteller, faßt einen weiblichen Fisch mit der linken Hand unter den Kiemen und hält ihn über das Gefäß. Ist das Weibchen gut reif, so werden sofort von selbst einige Eier austreten, doch befördert man das Entleeren der Eier dadurch, daß man mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand an den Bauchseiten des Fisches sanft herunterstreift, wodurch dann die Eier in das untergestellte Gefäß fallen.

Jetzt ergreift man ein Männchen, hält es über die Eier im Gefäß und läßt dasselbe auf die gleiche Art einige Tropfen seiner Milch über die Eier ergießen. Hierauf wird etwas Wasser über die Eier geschüttet, das Ganze sorgfältig umgerührt, und die Befruchtung ist geschehen.

Nun sind die Eier lebensfähig und werden in fließendes Wasser gebracht, wo sie sich weiter entwickeln.

Im Freien geschieht die Befruchtung der Eier folgendermaßen:

Die weibliche Forelle sucht zu ihrer Vermehrung eine kiesige Stelle im Bache und höhlt durch unermüdliches Hin- und Herbewegen des Schwanzes eine muldenförmige Grube aus, in welche sie ihre Eier ablegt. Sie entledigt sich jedoch nicht an ein und demselben Tage sämmtlicher Eier, sondern legt dieselben fast immer in Zwischenräumen von 4 – 5 Tagen. Bei dem Eierlegen ist das Weibchen fast immer von einem männlichen Fisch begleitet, welcher über die kaum gelegten Eier seine befruchtende Milch ausspritzt und selbige hierdurch lebensfähig macht. Von den so gelegten Eiern wird aber schon aus der Ursache nur ein kleiner Theil lebensfähig, weil die Strömung des Wassers den belebenden Samen zu schnell mit sich fortreißt, als daß derselbe mit sämmtlichen Eiern in Berührung kommen könnte; auch ist das Männchen dabei gewöhnlich so unruhig, daß es seinen Milcherguß nicht nach der Lage der Eier abzirkelt.

Die übrigen Edelfische begatten und vermehren sich auf gleiche Weise.

Es ist demnach die künstliche Befruchtung eine viel vollkommenere, da dabei mit Anwendung einiger Sorgfalt sämmtliche Eier befruchtet werden.

Bevor wir nun in die eigentlichen Bruthallen eintreten, um die übrigen Vorgänge bei der Fischzucht kennen zu lernen, laß uns der Fischsammlung einen Besuch abstatten, die sich im Hinterraum des Gebäudes befindet.

Hier sind in geräumigen Glaskasten beinahe sämmtliche Süßwasserfische Europas aufgestellt. Zuerst bemerkst Du in zahlreichen, mit Spiritus gefüllten Gläsern von jedem Fische die Eier in den verschiedenen Entwicklungsstufen, dann den eben aus dem Ei gekommenen Fisch, das vollständig ausgebildete Fischlein bis zum eßbaren Fische. Auch die Feinde der Fischeier und Fische sind hier ausgestellt, theils in Spiritus, theils ausgestopft. Es sind dies verschiedene Insecten und deren Larven, der prächtige, aber für die jungen Fische sehr gefährliche Eisvogel, auch Wasseramsel genannt, der langbeinige, räuberische Fischreiher und die berüchtigte, tückische [228] Fischotter. Alle diese Thiere sind ungebetene Gäste des Fischzüchters, und er muß Alles daran wenden, sie auszurotten, wenn er nicht um den Lohn seiner Arbeit kommen will.

Nun steigen wir eine Treppe hinunter und gelangen in den zur Hälfte in der Erde befindlichen Brutraum, welcher aus dem Seitenanbau rechts und links gebildet wird und unter dem Mittelbau durchgeht. Hier fallen Dir sofort vier 50 Meter lange, in Cementmauerung ausgeführte Kanäle auf, in welchen das reinste Quellwasser fließt. Ueber diesen Kanälen lagern auf starken Streben 8, je 20 Meter lange, künstliche Bäche, sogenannte Bruttische, die aus Holz hergestellt und mit Zinkblech ausgeschlagen sind. Auch in diesen künstlichen Bächen fließt beständig ein reines Quellwasser, welches am Ende eines jeden derselben in den unterhalb befindlichen Kanal abläuft.

In jedem Seitenanbau befinden sich vier von diesen Brutbächen. Hinter denselben sind auf hohen Gerüsten zwei Wasserbehälter angebracht, welche das zur Speisung der Bäche erforderliche Wasser enthalten. Vor jedem dieser Behälter läuft über die Bruttische eine lange hölzerne Rinne, aus denen das Wasser durch acht Röhren auf die Bäche oder Bruttische, wie wir sie von jetzt ab nennen wollen, gelangt. Da zu einer vortheilhaften Entwicklung der Eier ein lufthaltiges, sauerstoffreiches Wasser ein Haupterforderniß ist, so wird durch sogenannte Wasser-Trommelgebläse in den erwähnten Rinnen das Wasser mit Luft versehen.

Sämmtliche Kanäle und Bruttische werden in der Regel von Quellwasser durchflossen, doch ist auch die Vorrichtung getroffen, daß nöthigenfalls das Quellwasser mit Flußwasser gemischt werden kann, zu welchem Zwecke an der vordern Seite des Brutraumes ein gemauerter Kanal hinläuft, der Wasser aus dem Rhein-Rhone-Kanal enthält.

Die künstliche Fischzucht.
Für das „Volksblatt“ auf Holz gezeichnet von J. Meyer, in Holz geschnitten von F. Falkenstein
Tafel I.
a Lachsei am Anfang der Entwicklung (natürl. Größe). – b Lachsei, ungefähr 7 Wochen alt. – c und d Lachseier, ungefähr 7 Wochen alt (vergrößert). – e Forellenei am Anfang der Entwicklung (natürl. Größe). – f Forellenei, ungefähr 7 Wochen alt (natürl. Größe). – g Forelle nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei (natürl. Größe). – h Forelle, ungefähr 3 Wochen alt (natürl. Größe). – i Darstellung der künstlichen Befruchtung von Forelleneiern. – k Pipette (Heber) zum Herausnehmen von Fischchen, Eiern, Unreinigkeiten u. s. w. – l Zängchen zum Auslesen der verdorbenen Eier – m Californischer Apparat zum Ausbrüten der Eier. – n Tischapparat zum Ausbrüten von Eiern, mit Glasrosten, ein Rost mit Eiern belegt. – o Glasrost. – p Brutkachel.

An der hintern Seite des Gebäudes befinden sich zahlreiche Fischbehälter, die zur Aufbewahrung von größeren Fischen dienen.

Treten wir nun an einen der Bruttische.

Der ganze Tisch ist mit erbsengroßen orangerothen Eiern bedeckt, und zwar ruhen dieselben auch auf Glasrosten. Dies sind Eier des Rheinlachses und schon etwas weiter entwickelt. Du siehst darin bereits den zukünftigen Fisch, wie er in der Form einer Sichel den Dotter umschließt. „Was sind denn aber das für weiße [229] undurchsichtige Eier, die so grell unter den rothen hervorstechen?“ wirst Du mich jetzt wohl fragen. Diese sind abgestorben; das Eiweiß darin ist geronnen, und bald bildet sich darauf, wenn sie nicht entfernt werden, eine Art Schimmel. Derselbe ist sehr gefährlich, da ein mit ihm behaftetes Ei auch die umliegenden ansteckt; die zahlreichen Mädchen und Knaben, die Du hier siehst, sind deshalb beständig mit dem Auslesen solcher Eier beschäftigt.

Auf diesem Bruttische hier sind Eier der großen Seeforelle, die bis zu 30 Kilogramm schwer und hauptsächlich in den großen Seen der Schweiz und in Oesterreichs gefunden wird.

Die hier befindlichen Eier stammen von Forellen aus dem Genfer See und sind schon viel weiter entwickelt als die Forellen- und Lachseier, die Du gesehen. Die zwei schwarzen Punkte, die so deutlich durch die Schalenhaut schimmern, sind die Augen des winzigen Fischleins, und bei genauem Untersuchen erkennst Du auch bereits deutlich das schon stark ausgebildete Fischchen. Siehst Du! Jetzt bewegt es sich sogar und überzeugt Dich, daß es wirklich lebt.

Diese andern Bruttische enthalten ebenfalls Lachseier; auch die sämmtlichen Kanäle im Boden sind mit solchen angefüllt.

Gehen wir nun in die Abtheilung rechts.

Hier finden wir auf einem Tische kleinere grünliche Eier des Ritter, Rötheli oder Saiblings. Dies ist einer unserer feinsten Fische, noch viel feiner wie die Forellen, und ist in den gleichen Seen zu finden, wie die Seeforelle. „Aber was sind das für kleine, kaum stecknadelkopfgroße Eier hier auf dem Tische nebenan?“ Dies sind Eier des Blaufelchen oder Fera, deren Eltern hauptsächlich im Bodensee heimisch sind. Auf dem andern Tische dort siehst Du Eier der edlen Madue-Maräne, eines ausgezeichneten Fisches, der bis jetzt nur in dem in Pommern gelegenen Madue-See heimisch gewesen ist, nun aber auch in andern Seen verbreitet werden soll.[234]

Jetzt wollen wir endlich einmal betrachten, wie die Fische ausschlüpfen und bitte ich Dich, mir nach jenem andern Tische zu folgen. Hier erblickst Du zahlreiche Eier von Lachsbastarden; das sind Lachseier, welche mit Forellenmilch befruchtet worden. Bei diesen Eiern treten die ganz schwarzen Augen besonders lebhaft hervor, weil sie ganz nahe am Ausschlüpfen sind. Du siehst, das junge Fischchen bewegt sich öfters ruckweise darin. Sieh da! Jetzt platzt sogar an einem Ei die Schale, und mit einer letzten Kraftanstrengung entledigt sich der junge Fisch der beengenden Hülle, in welcher er 8 – 10 Wochen eingeschlossen gewesen.

Nehmen wir nun ein so winziges Fischlein mit etwas Wasser in die hohle Hand. Es ist ein dünner, in der Mitte mit einer feinen Linie versehener Streifen, was Du erblickst. Dieser Streifen wird nach vorne dicker und endigt in den Kopf, an welchem wieder zuerst die großen, schwarzen Glotzaugen Deine Aufmerksamkeit fesseln. Nach unten ist der genannte Streifen mit einem großen, birnförmig oder kugelig gestalteten Sack verwachsen, und wenn Du das Fischchen jetzt sehr genau betrachtest, so zeigen sich Dir dicht hinter dem Kopfe zwei sehr zarte, unermüdlich arbeitende Flossen, die dem Fischchen das zum Athmen nöthige Wasser wechseln, ferner das Herz als einen rothen Fleck, der nach allen Seiten feine Blutgefäße aussendet.

Der große Sack enthält die erste Nahrung für das junge Fischchen, und zehrt es aus demselben so lange, bis es im Stande ist, zu fressen, wo es dann sogleich auf Beute ausgeht. Dieser Sack hält das Fischchen seiner Schwere halber in der ersten Zeit zu Boden, so daß seine Bewegungen sehr beschränkte sind; doch wird er mit jedem Tag kleiner und kleiner, und je mehr er abnimmt, desto mehr nehmen die Bewegungen des Fischchens zu, bis der Dotterstoff ganz aufgezehrt ist und das Fischchen sich selbst verköstigen kann.

Die Fischchen hier in der zweiten Abtheilung dieses Bruttisches sind weiter im Wachsthum voran, der Dottersack viel kleiner, weshalb sie auch schon viel lebhafter sind.

Bei den in dieser letzten Abtheilung vorhandenen Fischchen ist nur noch eine kleine Spur vom Dottersack zu sehen, und darum sind sie auch sehr beweglich und schießen pfeilschnell durch das Wasser. [235]

Und damit Du siehst, daß sie, obschon noch klein, doch großen Appetit haben, werfe ich ihnen jetzt aus diesem Glase kleine Wasserthiere, sogenannte Flohkrebse, vor. Sieh doch, wie sie schon mit Begier darnach schnappen, und wenn Du noch eine Weile wartest, wirst Du auch keine Spur mehr von dem Futter sehen. Solche kleine Wasserthiere, welche in Sümpfen, Lachen und Pfützen zu Millionen vorhanden sind, werden täglich gesammelt und zur Fütterung verwendet. Später, wenn die Fischchen größer sind, bekommen sie größere Insecten, Froschquappen u. s. w., dann zerhackte Weißfische, unter Umständen auch zerkleinertes Fleisch.

Gehen wir weiter.

Dieser große schwarze Kasten am Ende dieses Tisches ist ein amerikanischer Brutapparat, eine kleine tragbare Brutanstalt. Derselbe ist zur Probe hier aufgestellt, und sollen darin Lachseier ausgebrütet werden. Er hat die gute Eigenschaft, daß in ihm große Mengen von Eiern ausgebrütet werden können, da darin die Drahtroste, 15 – 20 an der Zahl, übereinander gestellt werden können. Das Wasser fließt bei diesem Kasten unten ein und tritt oben, nachdem es alle Roste durchströmt, durch eine Rinne wieder aus.

Dicht nebenan steht ebenfalls ein amerikanischer Apparat, der mit Forelleneiern belegt ist, die auch von unten vom Wasser bespült werden.

Nun wird gewiß ein anderer Kasten, d. h. ein großes Wasserbecken, Deine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, in welchem eine schwarz-grüne Masse wimmelt. Es sind dies junge, kaum fingerslange Aale. In diesem Zustande steigen die Thierchen im Frühjahre aus dem Meere in mehrere Flüsse, und werden deshalb in Frankreich montée (d. h. Steige) genannt. Diejenigen, die Du hier vor Dir siehst, sind in Wasserpflanzen verpackt aus der Normandie in Frankreich hieher gesendet worden und werden auf die gleiche Weise wieder eingepackt und in die verschiedenen Gewässer Deutschlands vertheilt.

Doch jetzt folge mir zu dem Sehenswerthesten, was die Anstalt besitzt.

Die fingerslangen Fische, die Du hier in diesem Aquarium (Wasserbehälter aus Glas) siehst, könnten Dir eine lange Geschichte erzählen, wenn sie eben nicht stumm wären. Du ahnst kaum, was dieselben schon Alles erlebt, welche Strapazen sie schon zu ertragen hatten.

Es sind dies junge Lachse, welche von Eiern des großen californischen Lachses stammen, der im Sacramento, einem großen Strom in Californien, zahlreich vorkommt. Die Eier wurden an diesem Fluße befruchtet, durch Indianer sorgfältig verpackt und durch einen amerikanischen Fischzüchter nach Europa übergeführt.

50.000 dieser Eier waren für Deutschland bestimmt, welche bei ihrer Ankunft in Bremerhaven vom Herrn Director der Anstalt in Empfang genommen wurden. Trotz einer sechswöchentlichen Reise waren die Eier in gutem Zustande und nur wenige davon verdorben. Von der genannten Zahl erhielt eine Fischzucht-Anstalt zu Freiburg i. B. 25.000 Stück und die hiesige Anstalt die gleiche Zahl. Diese kostbaren Eier wurden mit der größten Sorgfalt ausgebrütet und die gewonnenen Fische theils in die Donau, theils in den Rhein ausgesetzt, und besitzen beide Flüsse nun den Stamm einer überaus werthvollen neuen Fischart, welchem wir das beste Gedeihen wünschen wollen. Ein kleiner Theil wurde zur Beobachtung in der Anstalt zurückbehalten, die größere Hälfte davon in einem abgeschlossenen Bache der Anstalt freigelassen, und der Rest in diesen Behälter gesetzt.

Nun sieh Dir einmal die jungen Amerikaner genauer an, werther Freund! Wohl noch nie hast Du munterere und hübschere Fischchen gesehen. Die Farbe des Rückens ist dunkelviolett, welche Färbung nach den Seiten in ein helleres Violett ausläuft. Die Seiten und der Bauch sind lebhaft silberglänzend und die Seiten außerdem mit bläulichen metallschimmernden Streifen geschmückt. Auf dem Kopfe tragen sie einen rothen Fleck, und die Flossen prangen in einem röthlichen Schimmer.

Der californische Lachs wird viel größer wie unser Rheinlachs und soll viel schneller wachsen; diese jungen Californier sind deshalb auch schon bedeutend größer als gleichaltrige Lachse.

Folge mir nun noch nach dem großen Seitengebäude, der Bruthalle.

Hier sind drei 50 Meter lange Kanäle; in einem davon sind Bachforellen, im andern Seeforellen und Saiblingseier, und der dritte ist mit Lachseiern gefüllt.

An dem einen Flügel dieser Halle siehst Du zwei Turbinen (wagrechte Wasserräder) in Thätigkeit, welche durch Wasser des Rhein-Rhone-Kanals getrieben werden und das reine Quellwasser auf große, im Dachraum befindliche Behälter pumpen. Diese Behälter sind das Herz der Anstalt; denn von ihnen aus vertheilt sich das Wasser durch ein vielverzweigtes Bleiröhrennetz wie in Adern auf alle Bruttische u. s. w. und bringt den Eiern und Fischchen Leben und Gedeihen.

Die linke Seitenhalle wird augenblicklich nicht benutzt, da sie umgebaut werden soll.

Doch eben bemerke ich, daß es an der Zeit ist, Eier zu verpacken und zu versenden, und lade ich Dich ein, mir zu guter Letzt nach dem Packraum zu folgen.

Hier zeige ich Dir eine Holzschachtel, die unten und an den Seiten mit feinem, feuchtem Wassermoos ausgepolstert ist; in dieser Kanne befinden sich die zu versendenden Eier. Ich habe nun hier ein kleines, durchlöchertes Blechgefäß, fülle dasselbe mit Eiern, thue dieselben in die Schachtel und vertheile sie auf der Mooslage möglichst dünn mit einer Federfahne. Hierauf setze ich eine Schicht feuchtes, fein zerzupftes Moos, darauf wieder Eier, wieder Moos, und fahre so fort, bis meine Schachtel gefüllt ist. Diese Schachtel kommt, nachdem sie verschlossen, in eine größere und wird darin rings mit trockenem Moos umgeben, damit die zarten Eier auf der Reise nicht durch Frost oder Wärme leiden. [236]

Während eines Winters werden auf diese Art circa drei bis vier Millionen Eier in die verschiedensten Länder versendet.

Du willst nun wohl auch wissen, Verehrter, was eigentlich der Zweck der Fischzucht ist und was die hiesige Anstalt darin schon geleistet hat. Du verlangst das mit Recht, und in möglichster Kürze sollst Du es erfahren.

Die edelsten unserer Süßwasserfische, der Lachs, die Bachforelle, die Seeforelle, der Saibling u. s. w., sind durch massenhaftes Fangen während der Laichzeit, durch die Eindämmung der Flüsse, durch Ableiten von Schmutzwasser und giftigen Stoffen in die Flüsse, durch Anlage von Wehren und durch noch viele, hier nicht zu erläuternde Ursachen so vermindert worden, daß sie zur theuern Luxusspeise wurden.

Die Hauptursachen der Verarmung unserer Gewässer an edlen Fischen ist jedoch das Fangen derselben während ihrer Laichzeit. Dadurch werden nämlich die im Fischleibe vorhandenen Fortpflanzungs-Producte, Eier und Milch, verschleudert und mit ihnen, was wir nicht vergessen dürfen, die Keime zu Millionen von eßbaren Fischen. Was würdest Du von einem Landmanne halten, der im Frühjahre ruhig seinen Nachbarn zusehen würde, wie dieselben ihre Saaten bestellen und, ohne an ein Besäen seiner eigenen Aecker zu denken, doch stets auf eine reichliche Ernte im Spätjahre hoffte? Du würdest sicherlich den Mann bemitleiden.

Aber was haben denn wir gethan? Nicht nur haben wir jahrelang unsere Gewässer nicht besäet, wir haben sogar die Fische, welche dieses Geschäft zu unserem Nutzen bereitwilligst für uns verrichteten, gewaltsam daran verhindert, haben ihre, die Keime zu unberechenbaren Mengen Nachkommen enthaltenden Samenkörner auf die leichtsinnigste Weise vernichtet. Und doch – es ist wahrlich lächerlich – verlangen wir immer viele und billige Fische; ist es doch gerade, als wenn wir von unserm gackernden Federvieh junge Hühnlein und Hähnlein erwarteten und ihnen die gelegten Eier stets wegnähmen.

Die künstliche Fischzucht.
Für das „Volksblatt“ auf Holz gezeichnet von J. Meyer, in Holz geschnitten von F. Falkeisen.
Tafel II.
I. Bachforelle (Trutta Fario) – II. Rheinlachs (Salmo Salar). – III. Blaufelchen oder Fera (Coregonus Wartmanni). – IV. Aesche (Thymallus vulgaris). – V. Karpfen (Cyprinus Carpio).

Du kennst, mein Lieber, und hast sie wohl schon selbst erfahren, die Wahrheit des Sprichwortes: „Wer ernten will, der muß auch säen“, und wollen wir eine reichliche Fischernte, so müssen wir, wie unsere Ackerflächen, auch die flüssigen Fluren, die Gewässer, besäen und bewirthschaften. Strenge Gesetze, welche den Fang aller Arten Fische während ihrer Laichzeit verbieten, strenge Beaufsichtigung der Gewässer und die Fischzucht [237] bilden vereint das Mittel, wodurch wir unsere herrlichen Gewässer wieder fischreich machen können.

Du hast wohl schon von Fischzucht gehört oder gelesen, ohne daß es Dir ganz klar geworden wäre, in was dieselbe eigentlich besteht; vielleicht hast Du Dir ganz wunderbare Begriffe gemacht, wenn Du sogar von „künstlicher Fischzucht“ etwas vernommen. Aber mit Unrecht; denn etwas Künstliches gibt es gar nicht bei der Fischzucht; sie bezweckt einfach, der Natur zu Hilfe zu kommen, das gut zu machen, was schlecht gemacht und zum Schaden des Menschen vernachläßigt wird. Es ist deshalb die erste Aufgabe der Fischzucht, die Fischeier vor den zahlreichen Feinden zu bewahren, die ihnen im freien Wasser nachstellen; denn kaum hat draußen ein Fisch gelaicht, d. h. seine Eier abgelegt, so erscheinen auch schon die Feinde in großer Zahl, wie: Quappen, Grundeln, Frösche und Salamander, Wasserkäfer und deren Larven, auch Wasservögel und noch unzählige andere Thiere, welche die hilflosen Eier als kostbaren Leckerbissen betrachten und über sie herfallen.

Man kann mit Sicherheit annehmen, daß von 1000 im Freien gelegten Eiern nur eines zum wirklichen Fische wird.

Diese 999 übrigen Eier will nun die Fischzucht dadurch zu retten suchen, daß sie die Fische veranlaßt, die Eier an einem bestimmten Orte abzulegen, wo sie vor jeder Gefahr möglichst geschützt sind.

Auch die aus den Eiern gekommenen jungen Fischchen sucht die Fischzucht so lange zu schützen, bis sie sich selbst schützen können.

Die Fischzucht beschäftigt sich bis jetzt nur mit den edleren Fischarten, den Forellen-, Lachs- und Felchenarten; die andern Fische sind mit wenigen Ausnahmen alle so fruchtbar, daß es genügt, wenn ihnen in den offenen Gewässern das Laichen gestattet wird.

So legt z. B. die Schleihe und der Hecht circa 100.000, Karpfen und Barsch 300.000 – 400.000, die Welse und Störe sogar Millionen von Eiern, wogegen die oben genannten Fischarten nur eine verhältnißmäßig sehr geringe Anzahl Eier absetzen.

Es werden deshalb durch die Fischzucht die Eier der edleren Fische ausgebrütet und mit den gewonnenen Fischchen die geeigneten Gewässer besetzt. Die kleinen Fischlein sind dann schon so behend, daß ihre Feinde ihnen nur wenig mehr anhaben können.

Die Grundlage der Fischzucht bildet also nach dem oben Gesagten der Schutz des wehrlosen Fischeies und der Schutz des aus dem Ei gekommenen Fisches bis zu dem Zeitpunkte, wo er sich selbst schützen kann, wodurch eben ermöglicht werden soll, daß auch die bessern Fische mit der Zeit wieder ein billiges Volksnahrungsmittel werden.

Die Fischzucht wurde schon vor mehr als 100 Jahren von einem Deutschen, dem Lieutenant Jacobi zu Lippe-Detmold, erfunden, gerieth aber wieder in Vergessenheit, bis zwei Fischer in den Vogesen dieselbe vor ungefähr 30 Jahren zum zweitenmale erfanden. Die französische Regierung erkannte sofort die Wichtigkeit dieser Erfindung und beschloß durch eine Verfügung vom 5. Mai 1852 die Errichtung einer Muster-Brutanstalt, der Anstalt Hüningen.

Im Jahre 1871, gleich nach beendigtem Kriege, trat die Anstalt unter deutsche Verwaltung, welche den Betrieb in verbesserter Weise fortsetzte und auch die Aufzucht von edleren Fischen in Teichen in’s Auge faßte, wozu eine Reihe vorzüglicher Teiche hergestellt wurde. Es ist demnach aus der französischen Brutanstalt eine deutsche Muster-Fischzuchtanstalt geschaffen worden.

Welch’ großen Segen die Anstalt seit ihrem Bestehen unter deutscher Verwaltung gestiftet, mag aus folgenden Zahlen hervorgehen.

Es wurden an Eiern von Forellen, Seeforellen, Lachsen, Saiblingen, Felchen, Huchen, Aeschen und Bastarden bis jetzt versendet:

1871/1872   4.100.000
1872/1873 3.500.000
1873/1874 5.000.000
1874/1875 3.000.000
1875/1876 2.500.000
1876/1877 2.400.000
1877/1878 3.000.000
Zusammen      23.500.000

Junge Fische wurden ausgesetzt:

1. In den Rhein 2.000.000 Lachse
2. In die Mosel, Ill u. Saar 650.000 Lachse
und 250.000 Bastarde
3. In d. Wasserläufe d. Ober-Elsaß, als: Augraben,
Dollern, Fecht, Ill, Lauch, Rimbach, Strenzbach und Thurr
250.000 Forellen
und 50.000 Bastarde
4. In den Weißen und Schwarzen See 15.000 Maränen
5. In den großen Mittersheimer Weiher u. in
die Weiher bei Rixingen
45.000 Aale
Zusammen       3.260.000

Du kannst Dir nun, lieber Leser, nach den vorgeführten Einrichtungen und den oben angegebenen Zahlen wohl ein Bild von der Thätigkeit der Anstalt und ihren Zielen entwerfen; es bleibt mir nur noch übrig, Dir mitzutheilen, daß ihr umfangreiches und vielseitiges Wirken nicht nur in Deutschland, sondern auch schon in den entferntesten Ländern die herrlichsten Früchte getragen hat.

Zahlreiche Flüsse und Bäche, früher fischarm, sind jetzt mit zahlreichen munteren Edelfischen belebt. In unserem schönen Rheinstrom werden nun in Folge des Aussetzens von junger Brut so viele Lachse gefangen, daß der Pachtwerth bedeutend gestiegen ist und das Pfund Lachs bereits zu dem niedrigen Preise von 50 bis 60 Pf., also so billig wie Fleisch, verkauft werden konnte. Herrliche Seen, in denen die Fische zur Seltenheit [238] geworden waren, beherbergen jetzt wieder eine Menge von Seeforellen, Saiblingen und Felchen.

Durch die Anregung der Anstalt sind schon Hunderte von kleineren Fischzuchtanstalten entstanden, und täglich laufen Berichte ein, welche bezeugen, wie erfreulich es mit unserer guten Sache, der Wiederbevölkerung der Gewässer, vorwärts geht.

Und nun nehme ich Abschied von Dir, freundlicher Leser! Wenn das wundervolle Walten der schönen Natur Dir schon jemals einen erhebenden Genuß geboten, so wird auch dieser Gang durch die Anstalt Dich einigermaßen befriediget haben. Gerne hätte ich Dir noch die zahlreichen Wasserläufe und Teiche der Anstalt vorgeführt, Dir ihre Bewohner im freien Elemente gezeigt und an Deiner Seite die sonstigen Anlagen durchwandert, doch die Zeit erlaubt mir dies nicht, und so rufe ich Dir denn zu: „Auf Wiedersehen!“

Fischzuchtanstalt bei Hüningen.   Meyer.

[396]

I. Die Anstaltsgebäude.

[397] Vorliegende 3 Bilder [1] stellen die Kaiserliche Fischzucht-Anstalt dar, deren Einrichtungen u. s. w. bereits in Nr. 29 und 30 des „Volksblattes“ näher beschrieben worden sind.

Zur Erläuterung der Bilder demnach nur folgendes:

Auf Abbildung I bemerkt der geehrte Leser sämmtliche Anstaltsgebäude nebst mehreren Teichen und Wasserläufen, in welchen verschiedene Arten Fische enthalten sind. Im Seitengebäude rechts befinden sich 4 Brutkanäle und eine große Menge transportabler Brutapparate, außerdem die Maschinen, welche das zur Bebrütung der Eier nöthige Wasser auf große Behälter pumpen.

Das Seitengebäude links sollte ursprünglich zur Aufzucht von Fischen dienen, hat sich jedoch als unzweckmäßig erwiesen und soll deshalb umgebaut werden.

II. Das Mittelgebäude.

Das im Schweizerstil erbaute Mittelgebäude, durch Abbildung II auch besonders dargestellt, enthält zahlreiche künstliche Brutbäche und Tausende von transportabeln Brutapparaten.

Im Mittelbau über dem Brutraum befindet sich die Wohnung des Anstaltsdirektors, im linken Flügelbau die des Assistenten. Die zwei kleinen Häuschen rechts und links vom Wege werden von den Anstaltsaufsehern bewohnt.

III. Das Bosquet.

Abbildung III zeigt das sogenannte Bosquet, welches viele krystallhelle Bäche und Teiche enthält, die durch muntere Forellen, Seeforellen, Saiblinge, Aeschen, californische Lachse etc. belebt ist.

Bäche und Teiche sind von zierlichen Weidengruppen eingerahmt, wodurch das Ganze einen äußerst freundlichen Anblick gewährt.

Anmerkungen der Vorlage

  1. Die Abbildungen sind aus dem Fischerei- und Fischzucht-Kalender für das Jahr 1879 von J. Meyer entnommen.