Ein Familiengeheimniß

Textdaten
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Autor: August Schrader
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Titel: Ein Familiengeheimniß
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14–18, S. 177–180; 193–196; 209–212;193–196;221–224; 233–239
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[177]
Ein Familiengeheimniß.
Novelle von August Schrader.
I.
Ein Morgen im Comptoir.

Zu Anfang des Sommers im Jahre 1850 sah man an einem Hause in der W.straße zu Hamburg ein neues Schild mit der Inschrift: „Wechsel-Comptoir von Franz Soltau.“ Das Haus war von alter Bauart, der Giebel ging nach der Straße hinaus, die Menge kleiner Fenster desselben war vergittert, und die Thür bestand aus einem einzigen großen Flügel von schwerem Eichenholze. Trotzdem aber hatte dieses Haus ein freundliches, fast elegantes Ansehen, denn der ganze Giebel war von der Firste bis zur Schwelle mit dunkelgrüner Oelfarbe angestrichen, die Fensterscheiben erglänzten wie Krystall, und die große Thür mit dem schwarz lackirten Schlosse schien so eben erst verfertigt zu sein. Das große Schild mit den goldenen Buchstaben vollendete die Stattlichkeit des restaurirten alten Gebäudes.

Das Innere entsprach dem Aeußern: die Tünche der Neuzeit überzog das solide Alterthum. Ueberschritt man die weite Hausflur, welche die ganze Breite des Hauses einnahm, so trat man durch eine kleine gewölbte Thür in das Comptoir. Es war dies ein eben nicht großer gewölbter Raum, dessen drei Fenster nach einem Kanale hinausgingen. An jedem der Fenster befand sich ein vergittertes Bureau, vor dem ein Commis arbeitete. Vor dem Bureau stand ein langer, schmaler Tisch. Durch eine Glasthür rechts sah man in das Kabinet des Chefs dieses jungen Bankhauses.

Es war im Juni, Morgens halb zehn Uhr. Der Comptoirbote trat ein und legte die Briefe auf den Tisch, die er von der Post geholt hatte. Einer der Commis, ein blonder junger Mann in eleganten Kleidern, nahm die Briefe und trug sie in das Kabinet des Chefs

Franz Soltau war ein Mann von achtundzwanzig Jahren. Seine stets heitere und ruhige Stirn, der Schnitt seines einfachen, aber ausdrucksvollen Gesichts und seine ungekünstelten Bewegungen offenbarten ein arbeitsames, entsagendes Leben; zugleich aber auch lag in seinem ganzen Wesen eine hohe, imponirende Würde, aus der jener geheime Adel des Herzens spricht, der allen Lagen des Lebens Trotz bietet.

Der Commis überlieferte die Papiere und zog sich zurück. Der Banquier prüfte die mit der Post angekommenen Neuigkeiten. Er erbrach und las einen Brief nach dem andern, ohne daß sich seine Mienen veränderten. Der letzte indeß schien nicht nur seine Aufmerksamkeit, sondern auch seine Verwunderung zu erregen; er enthielt folgende Zeilen:

          „Mein Herr!

„Der Unterzeichnete ersucht Sie, beifolgenden Wechsel von hunderttausend Mark auf das Haus Salomon Heine zu realisiren und die Summe in Ihrem Bankhause zu deponiren. Bei einer solchen Caution werden Sie sicher keinen Anstand nehmen, einem jungen Mädchen, das sich Ihnen unter dem Namen Sophie Saller vorstellen wird, vierteljährlich eine Rente von tausend Mark zu zahlen. Die Empfängerin legitimirt sich durch ein Creditiv, das von derselben Hand, wie dieser Brief, geschrieben ist und dieselbe Unterschrift trägt. Die Quittungen Fräulein Saller’s erkenne ich im Voraus an und werde sie bei der Abrechnung, deren Zeit ich jedoch nicht bestimmen kann, als geleistete Zahlungen übernehmen. Im Uebrigen füge ich mich den in Ihrem Bankhause üblichen Zinsrechnungen.

     Berlin, den 15. Mai 1850.
E. Kolbert.“ 

Alles prüfte den Wechsel, der in dem Briefe lag; er war von einem bekannten Banquier in Berlin auf das Haus Heine in Hamburg ausgestellt. Kolbert, ein Name, den Soltau nie gehört, mußte demnach die Summe dort eingezahlt haben. Der Wechsel war augenscheinlich richtig.

„Wie aber kommt es,“ fragte sich Soltau, „daß man mir dieses Geschäft überträgt, mir, der ich erst seit einigen Jahren mein Bankhaus eröffnet habe? Ich erinnere mich nicht, je mit einem Kolbert in Berührung gekommen zu sein. Warum läßt man das Haus Heine die Rente nicht zahlen, auf das der Wechsel ausgestellt ist?“

Der junge Banquier hatte kein Risico bei dem Geschäft, wenn er das Einlagekapital erhielt; seine Betriebssumme ward im Gegentheil um hunderttausend Mark vermehrt, und außerdem war der Antrag ein Beweis des Vertrauens, das man ihm schenkte. Er nahm keinen Anstand, darauf einzugehen.

„Herr Lambert!“ rief er in das Comptoir.

Der junge Commis trat ein.

„Realisiren Sie diesen Wechsel bei Heine. Ich erwarte Sie so bald als möglich zurück!“

Lambert nahm den Wechsel, sah nach dem Betrage, rief den Comptoirdiener und entfernte sich. Nachdem Soltau noch einmal den Brief gelesen, legte er ihn in ein besonderes Fach, um ihn von den gewöhnlichen Geschäftspapieren zu trennen. Der gewöhnliche Geschäftsverkehr dauerte nun ununterbrochen eine Stunde fort, es kamen und gingen Leute, die Gelder brachten und holten. Das [178] Bankhaus Soltau war zwar ein sehr junges, aber es erfreute sich bereits eines ehrenvollen Vertrauens und regen Zuspruchs. Soltau hatte sich zum Gesetze gemacht, jede gewagte Speculation zu vermeiden, er wollte sich mit kleinen, aber sichern Gewinnen begnügen. An der Börse kannte man ihn als einen vorsichtigen, redlichen Mann, und schätzte sein Vermögen auf achthunderttausend Mark. Ein nicht unbeträchtlicher Theil des kleinen Wechselhandels lag bereits in seinen Händen, und für mehrere amerikanische und englische Häuser besorgte er das Incassogeschäft

Um elf Uhr brachte Lambert die Summe von hunderttausend Mark. Die Empfängerin der Rente hatte also einen fruchtlosen Besuch nicht zu fürchten. Soltau war zwar seit zwei Jahren mit einer jungen, liebenswürdigen Frau verheirathet, und war seine Ehe auch bis jetzt kinderlos, so fand er doch das größte Glück in dem Besitze seiner Gattin — aber er mußte doch über seine Neugierde lächeln, die ihn in Bezug auf die empfohlene Dame anwandelte.

„Ob sie jung und schön ist?“ fragte er sich. „Ob sie bald kommen und Zahlung fordern wird?“

Auf beide Fragen sollte er um zwölf Uhr Antwort erhalten.

Zur größten Ueberraschung der beiden jüngern Commis — der dritte Arbeiter war der Kassirer Lorenz, ein Mann von fünfzig Jahren — trat ein reizendes junges Mädchen in das Comptoir, und fragte schüchtern nach Herrn Soltau. Man zeigte ihr das Kabinet. Gleich darauf stand sie dem Banquier gegenüber. Nachdem sie bescheiden gegrüßt, flüsterte sie mit zitternder Stimme:

„Ich habe Herrn Soltau eine Anweisung von Herrn Kolbert zu übergeben.“

Ihre kleine, mit schwarzen verschossenen Handschuhen bekleidete Hand überreichte dem Banquier ein Papier. Erröthend schlug sie die Augen nieder, als ihre Blicke denen des jungen Mannes begegneten. Dann trat sie, vor Angst zitternd, einen Schritt zurück.

Soltau fühlte sich von Mitleiden ergriffen; ohne das Papier zu lesen, antwortete er:

„In diesem Falle habe ich das Vergnügen, Fräulein Sophie Saller zu empfangen?“

Das reizende Gesicht Sophie’s ward plötzlich von einem Freudenstrahle verklärt, und die leichte Röthe ihrer Wangen verwandelte sich in Purpur. Nachdem sie sich zum zweiten Male verneigt hatte, athmete sie hoch auf; daß der Banquier ihren Namen kannte, schien ihr die Bürgschaft für ein bevorstehendes Glück zu sein.

„So sind Sie auf meinen Besuch vorbereitet?“ fragte sie kaum hörbar.

Soltau nickte bejahend mit dem Kopfe, während er das Papier las. Es enthielt nur die Zeilen:

„Ueberbringerin ist Sophie Saller. E. Kolbert.“

Der vorsichtige Geschäftsmann legte das Blatt zu dem Briefe; bei dieser Gelegenheit vergewisserte er sich, daß beide Documente von einer Hand geschrieben waren. Dann wandte er sich zurück und bot dem jungen Mädchen einen Stuhl an.

„Die Summe von tausend Mark steht Ihnen zur Verfügung!“ sagte er artig. „Ich bitte, bescheinigen Sie den Empfang.“

Sophie trat zu dem ihr bezeichneten Tische, ergriff zitternd die Feder und schrieb die Quittung. Kaum hatte sie ihren Platz wieder eingenommen, als Soltau aus dem Comptoir zurückkehrte, die Thür hinter sich schloß und aus einem Lederbeutel die Summe von tausend Mark in Goldstücken auf den Tisch neben die Quittung legte.

„Zählen Sie nach, mein Fräulein!“ sagte er mit einer leichten Verneigung.

Das junge Mädchen hatte sich ein wenig erholt. Ihre lieblichen Züge lächelten, indem sie antwortete:

„Dessen bedarf es nicht; man hat mir gesagt, daß ich mich auf Herrn Soltau verlassen könne, und ich nehme das Geld als richtig an.“

Der erstaunte Banquier ließ sich dem Besuche gegenüber auf einem Stuhle nieder; er fand ein Interesse daran, das seltsame junge Mädchen näher in’s Auge zu fassen. Und wahrlich, Sophie war unter den obwaltenden Verhältnissen eine seltsame Erscheinung. Sie trug zwar anständige, aber schlichte, sehr schlichte und einfache Kleider. Der kleine Hut von dunkelgrüner Seide beschattete ein wahres Madonnengesicht. Wie regelmäßig schön und jungfräulich waren diese Züge! Das himmelblaue Auge, von einem Kranze langer, schwarzer Wimpern umgeben, war der Spiegel einer reinen, unschuldigen Seele. Das blaue Thibetkleid und das kurze Mäntelchen von abgetragener Seide verriethen, daß Sophie in sehr beschränkten Verhältnissen lebte. Sollte man nicht ihrer Schönheit den plötzlichen Wechsel der äußern Umstände zuschreiben? Doch nein, ein Blick in das Madonnengesicbt verscheuchte sofort jeden Argwohn.

„Fräulein Saller erlaubt mir wohl eine Frage,“ sagte der Banquier.

„Sie sehen mich bereit, zu antworten, wenn ich es vermag.“

„Herr Kolbert beehrt mich mit einem Vertrauen, das meine Dankbarkeit erweckt, und Sie selbst sprechen sich in einer Weise aus, die mich ehrt; man kennt doch gern die Leute, die einem wohlwollen, zumal wenn eine längere Geschäftsverbindung in Aussicht steht – wer ist Herr Kolbert, mein Fräulein?“

Die kaum gewichene Verlegenheit des jungen Mädchens kehrte wieder. Diese Frage schien sie nicht erwartet zu haben.

„Mein Herr.“ flüsterte sie, „ich kenne Herrn Kolbert eben so wenig, wie Sie ihn kennen; ich habe ihn nie gesehen. Hätte mich nicht das Seltsame der Situation abgehalten, ich würde Sie um die Gefälligkeit ersucht haben, mir Auskunft über meinen unbekannten Wohlthäter zu geben.“

Das Erstaunen des Banquiers läßt sich denken.

„Sie kennen wirklich den Mann nicht, der Ihnen eine jährliche Rente von viertausend Mark ausgesetzt hat?“

„Zweifeln Sie nicht daran, mein Herr!“ antwortete Sophie zitternd, und indem sie bittend mit ihren großen Augen zu dem Banquier emporsah. „Aus dem Briefe, der mir die Anweisung auf das Bankhaus Soltau brachte, erfuhr ich zum ersten Male den Namen Kolbert.“

„Und Fräulein Sophie Saller wohnt in Hamburg?“

Das junge Mädchen erhob sich. Ihre Verlegenheit hatte den höchsten Grad erreicht.

„Verzeihung,“ sagte Soltau, „der Geschäftsmann ging ein wenig zu weit. Sie werden mir nicht zürnen, wenn ich Ihnen die Versicherung ertheile, daß mich mein Interesse an Ihrer Person zur Indiscretion hinriß. Unser Geschäft ist geordnet: verfügen Sie jedes Vierteljahr über tausend Mark!“

Er deutete auf die Goldstücke. Sophie verbarg sie in eine Plüschtasche, die sie am Arme trug. Unter tiefem Erröthen verbeugte sie sich und verließ das Kabinet und das Comptoir. Der junge Lambert war so artig, ihr die Thür zu öffnen. Sie dankte und verschwand.

Es war halb ein Uhr; der Banquier mußte um ein Uhr an der Börse sein. Wie stets, so ging er auch heute noch einmal zu seiner Gattin, bevor er das Haus verließ. Madame Soltau erwartete ihren Mann zum Frühstück, das um zwölf Uhr eingenommen wurde.

„Du kommst spät, Franz!“ sagte die liebenswürdige Frau, indem sie ihm den Mund zum Kusse bot.

Franz umarmte zärtlich seine Gattin und führte sie zum Frühstücke, das auf einem kleinen Tische servirt war.

„Mein Geschäft gewinnt täglich an Umfang!“ rief er heiter. „Heute hat man die erste große Summe meiner Kasse anvertraut.“

Er erzählte den Besuch des jungen Mädchens.

„Und wer ist Dein neuer Kunde?“ fragte unbefangen Madame Soltau.

„In seinem Briefe, der aus Berlin kommt, nennt er sich E. Kolbert — und dies ist Alles, was ich von ihm weiß. Wie es scheint, werde ich auch vor der Hand nicht mehr erfahren.“

Der Banquier frühstückte rasch, um die Börse nicht zu versäumen; er hatte die Ueberraschung seiner Gattin nicht bemerkt als er den Namen „Kolbert“ ausgesprochen.

Nach einer Pause, in der sie sich gewaltsam ihre Fassung wieder angeeignet, fragte die junge Frau:

„Und wie nannte sich das junge Mädchen?“

„Sophie Saller. Sie ist jung, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt — und schön, sehr schön!“

„Sophie Saller?“ wiederholte Madame Soltau fast bestürzt. Und dabei überflog ein leichtes Roth ihr zartes, weißes Gesicht.

Franz sah seine Gattin an.

„Henriette,“ rief er lachend, „ich glaube, Du wirst eifersüchtig! Doch beruhige Dich, mein liebes Kind, ich weiß von der kleinen Sophie nicht mehr als von Herrn Kolbert, das heißt, den Namen.“

Er umarmte und küßte Henrietten, dann stand er vom Tische auf und nahm seinen Hut. Die junge Frau schmiegte sich zärtlich an ihn.

[179] „Und wenn ich nun eifersüchtig wäre?“ fragte sie flüsternd.

„Dann, mein Engel, würde ich sagen: Du hast keinen Grund zur Eifersucht, aber ich freue mich Deiner Liebe, die nach einer zweijährigen Ehe noch dieselbe ist, wie zur Zeit des Brautstandes. Und nun Adieu, die Börse ruft!“

In dem Augenblicke, als er das Zimmer verließ, schlug die Uhr eins. Henriette trat gedankenvoll an das Fenster; sie sah ihren Mann die Straße hinabeilen. Als er verschwunden war, nahm sie Hut und Shawl, gab der Köchin Befehl, um drei Uhr das Mittagsessen bereit zu halten, und verließ unter dem Vorwande, einen Spaziergang zu machen, das Haus.


II.
An der Börse.

Franz Soltau befand sich seit einer halben Stunde in dem großen Saale der Börse; er hatte einige Einkäufe von Papieren gemacht, die ihm einen mäßigen Gewinn gaben. Die Zeit war für den Banquier nicht unfruchtbar vergangen. Geschäftsfreunde forderten ihn auf, sich bei einem Eisenbahnunternehmen zu betheiligen — er lehnte es ab, da eine solche Speculation den Kreis überschritt, den er sich gezogen hatte.

„Wie ängstlich Sie sind!“ rief spottend ein Agent, mit dem er oft zu schaffen hatte. „Man bietet Ihnen Gelegenheit, Ihr Vermögen in einem Monate zu verdoppeln, und Sie weisen diese Gelegenheit von der Hand. Erlassen Sie eine Einladung zur Actienzeichnung, und es kann nicht fehlen, daß die erforderliche Summe zusammengebracht wird. Der Name Soltau hat einen guten Klang an der Börse. Muthloser, wenn ich an Ihrer Stelle wäre!“

„Wo ist Soltau?“ hörte man eine Stimme in dem Gedränge fragen.

Gleich darauf erschien ein junger Mann, der mit dem Banquier in gleichem Alter stand. Er nahm Soltau bei der Hand und zog ihn eilig an einen Pfeiler.

„Du, Philipps; was giebt es?“

„Hast Du ein Kapital von hunderttausend Mark disponibel?“

„Und wenn ich es hätte?“

„So könntest Du in dem Zeitraum von einigen Tagen fünfundzwanzig bis dreißigtausend Mark verdienen ——— vielleicht noch mehr. Du bist mein Freund, und ehe ich mich an einen Andern wende, habe ich geglaubt, Dir das Geschäft antragen zu müssen.“

Soltau bedachte sich; eine solche Summe aus eine Karte zu setzen, schien ihm zu gewagt.

„Sage mir zuvor, um was es sich handelt, Philipps.“

„Ein Bedrängter, der nicht genannt sein will, hat die Lebensversicherung eines alten Mannes zu verkaufen. Die Versicherung ist vor zwanzig Jahren bei dem englischen Globe geschehen, also bei einer soliden Gesellschaft. Der Betreffende hat sich mit hundertfunfzigtausend Mark eingekauft, und der Verkäufet fordert hunderttausend.“

„Warum wendet er sich nicht an die Gesellschaft selbst?“

„Es ist bereits geschehen; aber sie bietet zu wenig. Der Versicherte liegt schwer krank, die Aerzte geben ihm nicht acht Tage Frist mehr.“

„Warum wartet man nicht, bis der Tod erfolgt ist, wenn er in so naher Aussicht steht?“

„Weil man heute noch das Geld gebraucht. Soltau, es ist ein gutes, solides Geschäft. Hätte ich die Summe, ich würde nicht einen Augenblick anstehen —“

„Wo ist die Lebenspolice?“ fragte Soltau.

Der Agent holte das Papier hervor. Der Banquier nahm und prüfte es,

„Wie,“ rief er erstaunt, „der Versicherte ist Edmund Kolbert?“

„Und wie Du aus der Police ersiehst, ist er fünfundsechzig Jahre alt und seit zwanzig Jahren versichert.“

„Edmund Kolbert!“ murmelte der Banquier, der an den Wechsel von diesem Morgen und an Sophie Saller dachte. „Wo liegt der Mann krank?“

„In Berlin!“

Der Banquier hoffte bei dieser Gelegenheit einiges Licht in der Sache zu erhalten.

„Philipps,“ sagte er, „Du weißt, daß ich es liebe, jedes zu unternehmende Geschäft klar zu übersehen — Du bist ein redlicher Agent, selbst mein Jugendfreund; aber fühle Dich nicht gekränkt, wenn ich auf Deine Empfehlung allein nicht sofort zusage. Kennst Du Edmund Kolbert?“

„Nein!“

„Wer gab Dir das Papier, damit Du es verkaufen sollst?“

„Da man mir kein Schweigen auferlegt hat — nur der Name des Ueberbringers soll nicht genannt werden — so kann ich Dir mittheilen, was ich weiß. Diesen Morgen kam ein Mann zu mir, den ich Gründe habe, für einen englischen Offizier zu halten. Er überreichte mir einen Brief, in dem er mir von unserm gemeinschaftlichen Geschäftsfreunde Gotter in Berlin empfohlen ward. Ich bin gestern hier angekommen, sagte er; aber heute schon sehe ich mich genöthigt, Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Nun gab er mir diese Police zum Verkaufen. Ich ging sofort mit ihm auf das Bureau des Globe. Man forderte von ihm eine Legitimation über den rechtmäßigen Besitz des Papiers. Der Offizier zeigte eine amtlich bestätigte Urkunde vor, wonach Edmund Kolbert ihn zum Erben seiner Police ernennt. Hier ist sie.“

Der Banquier prüfte die Urkunde; es waren dieselben Schriftzüge, die er diesen Morgen schon in der Wechsel- und Rentenangelegenheit aufmerksam betrachtet hatte. Die Recognition war vor der englischen Gesandtschaft in Berlin vollzogen. Die Rechtmäßigkeit derselben war also nicht anzufechten.

„Da auch die übrigen Papiere des Fremden für richtig befunden wurden,“ fuhr Philipps fort, „so ließ man sich mit ihm auf Unterhandlungen ein. Die Gesellschaft bot neunzigtausend Mark; unser Mann aber braucht heute noch hunderttausend, und so kam der Handel nicht zu Stande. Nun entschloß ich mich, Dir das Geschäft vorzuschlagen, und suchte Dich zu diesem Behufe an der Börse auf.“

Soltau überlegte einige Augenblicke. Die Vorgänge am Morgen hatten ihm den Beweis gegeben, daß Kolbert über ein Vermögen zu verfügen habe. Philipps hatte ihm die Mittheilung gemacht, Kolbert liege in Berlin krank: hieraus ließ sich schließen, daß er auf seinen Tod gefaßt sei und daß die Angelegenheit der Rente sowohl, als die der Lebenspolice eine Sicherstellung seiner Erben bezwecke. Der englische Offizier, von dem Philipps sprach, war ohne Zweifel der Bruder oder ein Verwandter Sophie’s. Der Banquier wußte, daß sein Freund, der Agent, nicht minder vorsichtig war als er selbst. Die Erscheinung des jungen Mädchens und das unbedingte Vertrauen — man hatte ihm ja eine bedeutende Summe übergeben, ohne Quittung zu verlangen —— hatten in ihm einen zu tiefen Eindruck hinterlassen, als daß er die Angelegenheit ohne Weiteres abweisen konnte.

„Du hast Dich von der Richtigkeit der Papiere überzeugt, Philipps?“

„Nimm meine Bürgschaft und die des Globe, der sich auf Unterhandlungen eingelassen hat.“

„Das ist allerdings eine Bürgschaft. Kann ich den Fremden sprechen ?“

„Er befindet sich dort in dem Nebenzimmer.“

„Führe mich zu ihm !“

Die beiden Freunde traten durch eine Glasthür in eins der Kabinette, welche rings den großen Börsensaal umgeben. Außer einzelnen Gruppen von Kaufleuten, die in lebhaften Unterhandlungen begriffen waren, befand sieh ein Mann in dem Kabinette, der gedankenvoll an dem großen Fenster lehnte. Philipps redete ihn an, und stellte ihn dem Banquier vor.

Das Gesicht des Fremden, der vielleicht einige vierzig Jahre zählen konnte, war bleich, aber edel und schön. Die männlichen Züge und das große, offne Auge verriethen ein tief am Herzen nagendes Leid. Man mußte sich auf den ersten Blick eingestehen, daß dieser Mann kein Abenteurer war. Soltau glaubte einige Aehnlichkeit zwischen ihm und Sophie zu erkennen. Seine Kleidung war anständig, einfach. In dem Knopfloche seines schwarzen Oberrocks sah man das Band eines englischen Ordens. Dies und der volle braune Schnurrbart gaben ihm das Ansehen eines entlassenen Offiziers.

„Mein Freund, der Banquier Franz Soltau!“ sagte Philipps vorstellend.

Der Fremde verneigte sich.

„Meine Firma ist Ihnen vielleicht bekannt?“ fragte der Banquier, indem er den Fremden forschend ansah.

Dieser antwortete lächelnd: [180] „Verzeihung, mir ist die Finanzwelt so unbekannt, daß ich von Herrn Philipps zuerst Ihr Bankhaus rühmen und empfehlen hörte.“

„Es handelt sich um ein bedeutendes Geschäft, wie ich höre –“

„Eben so bedeutend, als sicher und reell, wie meine Papiere ausweisen. Ich bedauere, daß mich ein Familiengeheimniß zwingt, Sie zu bitten, sich mit der Auskunft zu begnügen, die Herr Philipps und diese Papiere geben. Und was kommt im Grunde auch auf die Personen an, wenn die Papiere richtig sind?“

„Die Empfehlung Gotter’s, mein Herr, reicht hin, um Sie bei uns zu accreditiren, aber ich erlaube mir die Bemerkung auszusprechen, daß Sie bei dem vorgeschlagenen Geschäfte ein Drittel der Summe einbüßen, um die es sich handelt.“

„Demnach fürchten Sie, daß man Sie durch diese Lockspeise geneigt zu machen sucht, auf eine unredliche Spekulation einzugehen?“ fragte der Fremde mit einem bittern Lächeln.

„Verzeihung, mein Herr, ein reeller Geschäftsmann legt sein Kapital nicht zu Wucherzinsen an.“

„Die Gesellschaft Globe bot neunzigtausend Mark für mein Papier – Herr Philipps ist Zeuge.“ Der Agent stimmte durch ein Zeichen bei.

„Wenn ich hunderttausend erhalte, deren ich nothwendig heute bedarf, so habe ich gut verkauft. Und ist es außerdem nicht möglich, daß Kolbert länger lebt, als die Aerzte vermuthen?“

„Sie haben Recht!“ murmelte der Banquier.

Soltau müßte nicht Banquier gewesen sein, wenn ihn die Aussicht auf einen Gewinn von fünfzigtausend Mark nicht reizen sollte. Alle Umstände vereinigten sich, um ihn zu Gunsten des Fremden zu stimmen. Daß Kolbert, der Sophien eine Rente gesichert, derselbe war, dessen Lebenspolice ihm angetragen ward, ergab sich aus der Unterschrift. Im Falle eines Betrugs, der übrigens nicht wahrscheinlich war, hatte er Mittel in Händen, sich schadlos zu, halten. Er beschloß, Kolbert’s Police mit Kolbert’s Gelde zu kaufen, und das Weitere abzuwarten.

„Mein Herr, ich werde die Summe zahlen, begleiten Sie mich in mein Comptoir.“ Die drei Männer verließen die Börse, nahmen einen Fiaker, und fuhren nach Soltau’s Wohnung. In dem Nachbarhause hatte die Gesellschaft Globe ihr Comptoir. Soltau entfernte sich unter einem Vorwande, und präsentirte dem Dirigenten der Lebensversicherungsbank die Police; sie ward als vollkommen gut und richtig befunden.

„Wir sind verpflichtet, die Versicherungssumme zu zahlen, sobald der beglaubigte Todtenschein eingereicht wird,“ sagte der Dirigent. „Die Versicherung ist in London vorschriftsmäßig geschehen. Weitere Auskunft kann ich Ihnen über den Versicherten nicht geben, ohne zuvor in London angefragt zu haben.“

„Läuft man Gefahr beim Ankaufe dieses Papiers?“

„Wenn Kolbert eines natürlichen oder ohne sein Verschulden bewirkten Todes stirbt – nein! Man hat uns diesen Morgen das Papier angeboten, und wir würden es genommen haben, wenn dem Verkäufer die Summe genügt hätte, die wir nach der Vorschrift zu zahlen ermächtigt sind.“

Die letzten Bedenken des Banquiers waren beseitigt; er kehrte in sein Comptoir zurück, und schloß das Geschäft ab.

„Sehen wir uns wieder?“ fragte er den Fremden beim Abschiede.

„Habe ich Ihnen in drei bis vier Tagen einen Besuch nicht abgestattet, so werde ich auf das Vergnügen verzichten müssen, Sie noch einmal zu sehen. Von Herrn Gotter in Berlin erhalten Sie Nachricht über den Ausgang der Krankheit unsers Versicherten.“

Um vier Uhr ging Soltau zu Tische. Henriette, die längst zurückgekehrt war, empfing ihn mit der Zärtlichkeit und Unbefangenheit, die er an ihr gewohnt war. Die beiden Gatten speisten allein. Der Banquier erzählte der jungen Frau von dem an der Börse abgeschlossenen Geschäfte.

„Ich höre heute von Dir zum zweiten Male den Namen Kolbert,“ sagte Henriette; „ist der, dessen Police Du gekauft hast, derselbe, der dem jungen Mädchen die Rente angewiesen?“

„Ohne allen Zweifel. Ich habe mehr als einen Grund dafür.“ Der Banquier legte seine Gründe dar, und schloß mit der Bemerkung:

„Kolbert liegt sehr krank, wie mir der Fremde sagte; wünsche ich nun auch seinen Tod nicht, so kann mir doch Niemand den Wunsch verargen, sobald als möglich Gewißheit in der Sache zu erhalten. Morgen reise ich nach Berlin. Ich will den Kranken sehen und sprechen. Du erschrickst, mein Kind?“

„Franz, ich kann den Gedanken nicht fassen, daß Du auf ein Menschenleben spekulirst!“ flüsterte erbleichend die junge Frau. Der Kranke ist jedenfalls ein Mann von Stande, da er über so bedeutende Summen verfügt – welchen Eindruck wird der Besuch des Banquiers auf ihn ausüben, der seine Lebenspolice gekauft hat! Du hast den Handel einmal abgeschlossen, warte nun ruhig den Verlauf der Dinge ab.“

„Man wird einen schicklichen Vorwand zu diesem Besuche zu finden wissen, antwortete der Banquier. Hätte ich mit meinem eigenen Gelde spekulirt, ich würde Deinen Rath befolgen.“

„Wessen Geld hast Du angelegt?“ fragte die überraschte Henriette.

„Das Geld Sophie Saller’s!“

Franz bemerkte die Veränderung nicht, die in den Zügen seiner Gattin vorging. Ein unbefangener Beobachter würde der Ansicht gewesen sein, Henriette empfände eine innige Freude über diese Mittheilung; aber eine Freude, die sie ihrem Gatten zu verbergen suchte.

„Ja diesem Falle würde das junge Mädchen auch den Gewinn erhalten; nicht wahr, mein Freund?“ fragte sie.

„Nachdem ich Disconto und Spesen abgezogen – allerdings!“ rief Franz. „Sophie ist mir völlig unbekannt; aber man hat mir ihr Vermögen auf eine Weise anvertraut, die, wenn sie auch ein wenig räthselhaft ist, meinem Stolze als Geschäftsmann im höchsten Grade schmeicheln muß. Ich unternehme nur Schritte zur Sicherheit meiner Mündel, und dafür kann und muß ich das junge Mädchen halten.“

„Brav, Franz, das habe ich von Dir erwartet!“ sagte die reizende Henriette, indem sie dem Gatten die Hand reichte. „Du bist Banquier, aber ein Banquier, der für mehr, als für Zahlen Sinn und Gefühl hat. Du beschuldigtest mich diesen Morgen der Eifersucht – fast möchte ich in Deiner Fürsorge für das junge, schöne Mädchen einen Grund dazu erblicken, um so mehr, da ich Dich täglich inniger lieben muß.“

Soltau drückte die Gattin an seine Brust.

„Henriette,“ sagte er scherzend, „Deine Eifersucht könnte mich von dem guten Werke abhalten, das zu verrichten ich mir vorgenommen habe! Ich müßte wahrlich einen zu hohen Preis für das Bewußtsein zahlen, der gewissenhafte Vormund eines jungen Mädchens gewesen zu sein.“

„Nein, Franz, mein Vertrauen zu Dir steht so fest, daß das häßliche Gefühl, von dem wir sprechen, nicht aufkommen kann. Ich würde mich als Deine Gattin selbst herabsetzen, wollte ich dem Gedanken an Deine Untreue Raum geben!“

„Brav, Henriette! rufe auch ich Dir zu. So will ich mein Weib, so soll sie denken und reden! Und dasselbe Vertrauen hege ich zu Dir. Du bist mein Stolz, mein Glück, meine Ehre! Strebe ich nach einer bedeutenden Stellung im Leben, wünsche ich, daß meine junge Firma den ersten unsers Platzes zur Seite gestellt werde, so geschieht es, weil ich Dich geehrt und geachtet wissen will. Es ist nun einmal so in der Welt; der Mammon bestimmt die Stellung, er schafft Achtung, Vertrauen und Ehre!“

Eine innige Umarmung folgte dieser Herzensergießung.

[193] „Ich komme auf Deine Mündel zurück,“ begann Henriette wieder. „Was geschieht, wenn wider Erwarten ihr Kapital verloren gehen sollte?“

„Dann würde ich es Dir überlassen, für sie zu sorgen. Dieser Befürchtung will ich übrigens nicht Raum geben. Lebt Kolbert auch noch zehn Jahre, bleibt ihr Kapital dennoch gut angelegt.“

In diesem Augenblicke trat der alte Kassirer Lorenz ein.

„Was bringen Sie, Freund?“ rief ihm der Banquier entgegen.

„So eben geht eine telegraphische Depesche von Berlin ein – hier ist sie! Ich habe in Ihrem Namen den Empfang quittirt,“ fügte Lorenz hinzu, während Soltau den Brief erbrach und eifrig zu lesen begann.

„Edmund Kolbert ist todt!“ rief überrascht der Banquier.

„Diesen Mittag zwei Uhr ist er gestorben; die nächste Post wird mir seinen Todtenschein bringen.“

Henriette zuckte zusammen; mühsam erhielt sie ihre Fassung.

Dann fragte sie flüsternd: „Wer sendet die Depesche?“

„Sie ist ohne Unterschrift.“

„Seltsam!“ hauchte die junge Frau vor sich hin. Dann trocknete sie verstohlen eine Thräne, die ihrem schönen Auge entschlüpfte.

„Sind die Briefe von der Post geholt, Lorenz?“

„Ja, Herr Soltau.“

„Ich folge Ihnen in das Comptoir. Adieu, Henriette – diesen Abend besuchen wir das Theater!“

Der aufgeregte Banquier küßte seine Frau, und verließ mit dem Kassirer das Zimmer.

„Mein Gott,“ rief Henriette, indem sie den Blick zum Himmel wandte, „gieb mir bald Gewißheit!“

Abends besuchten die beiden Gatten das Theater. Gegen zwölf Uhr gingen sie schlafen, nachdem sie sich zärtlich eine gute Nacht gewünscht. Der Banquier dachte noch eine Zeit lang darüber nach, warum die anonyme Depesche gerade an ihn gerichtet gewesen, da man doch in Berlin nicht wissen konnte, daß er die Police angekauft habe. Der Tod des Versicherten war um dieselbe Zeit erfolgt, in der er mit dem Unbekannten Ertrag seiner Arbeit. Das Unglück ist der beste Lehrmeister, pflegt man zu sagen; Franz hatte von ihm gelernt, die Welt richtig aufzufassen und sich nach dieser Auffassung seine Bahn zu brechen. Den goldenen Spruch „Zeit ist Geld“ hatte er zum Prinzipe erhoben; er arbeitete, mied die Vergnügungen, deren seine wenigen Bekannten nacheilten, und fügte sich ruhig dem Laufe der Dinge. Der junge Commis hatte ein schönes, empfehlendes Aeußere, und seine Bescheidenheit machte ihn nicht nur beliebt, sie flößte auch denen, die ihn kennen lernten, eine Art von Achtung ein.

Als sein Vater, ein armer Professionist, starb, stand Franz allein in der Welt; er hatte keine Geschwister, keine Verwandte mehr. Sein Chef, der Wechselagent, zeichnete den thätigen Commis aus, er zog ihn zu den größern Gesellschaften und Festen, die in seinem Hause stattfanden. Bei diesen Gelegenheiten lernte er die Welt kennen, ohne sich ihr anzuschließen. Franz arbeitete den ganzen Tag; seine Mußestunden verwandte er zur Erlangung nützlicher Kenntnisse.

Der Wechselagent feierte seine silberne Hochzeit. Zu dieser Festlichkeit war eine große Gesellschaft, und auch unser Commis geladen. Hier sah er ein reizend schönes Mädchen. Die armen Menschen, die ungeliebt und unter stetem Arbeiten ihre Jugend verleben, sind besonders empfänglich für die verheerende Leidenschaft der Liebe, sie bemächtigt sich gewaltsam ihrer verlassenen, ungekannten Herzen. Alle ihre Kräfte und Neigungen vereinigen sich in dem Wesen, das sie fesselt. Aber wie selten bringen sie Eindrücke hervor, wie selten werden sie erhört! Getäuscht, verrathen [194] oder mißverstanden, ist es ihnen fast nie vergönnt, die süßen Früchte einer solchen Liebe zu genießen – sie bleibt ihnen eine vom Himmel gefallene Blume.

Franz hatte das Glück, eine Ausnahme von dieser traurigen Regel zu machen; er liebte Henrietten mit grenzenloser Leidenschaft, und Henriette erwiederte diese Liebe. Wie Bruder und Schwester schlossen sie sich einander an, wie zwei Kinder, die man bewundert, wenn sie sich Bahn durch eine Menge brechen.

Henriette war ohne Herkunft und ihr Vermögen gering. Franz jauchzte vor Glück, als er dieses Unglück erfuhr. Wäre Henriette die Tochter einer reichen Familie gewesen, so hätte der glühend liebende Commis verzweifeln müssen – aber die Geliebte war arm, und er heirathete sie.

Von diesem Augenblicke an schüttete Fortuna ihr Füllhorn über den armen Commis aus. Henriette hatte unter der Obhut einer Tante gelebt; diese Tante aber gab sich als die Mutter zu erkennen, als Franz um die Hand seiner Geliebten warb. Die Enthüllung dieses Geheimnisses beeinträchtigte seine Liebe nicht im Mindesten – er führte seine Braut zum Altare.

Die jungen Eheleute wohnten bei der Mutter. Eines Abends – es mochten vier Wochen seit der Hochzeit verflossen sein – sagte die Mutter zu dem Schwiegersohne:

„Machen Sie sich selbstständig, Franz; als Commis sind Sie zu lange von Ihrer jungen Frau getrennt. Es macht mir Kummer, daß die schönste Zeit Ihrer Ehe auf diese Weise verfließt.“

„Selbstständig?“ fragte Franz mit einem schmerzlichen Lächeln.

„Wie verstehen Sie das, Mutter?“

„Sie gründen ein eigenes Bankgeschäft.“

„Mein Vermögen besteht aus sechstausend Mark.“

„Genügen fünfmalhunderttausend Mark, um einen soliden Grund zu legen?“ fragte lächelnd die Mutter.

„Ich habe den Muth, mit dieser Summe anzufangen.“

„So fange an, Franz!“ sagte Henriette, indem sie ihm ein Portefeuille überreichte.

Als der erstaunte junge Mann den Inhalt den Portefeuilles prüfte, fand er Papiere darin vor, die ihm einen Credit von fünfmalhunderttausend Mark bei der städtischen Bank eröffneten.

Sprachlos sah Franz seine Schwiegermutter an.

„Nehmen Sie nur die Aussteuer Henriette’s,“ sagte lächelnd die alte Dame. „Ich habe lange um das Vermögen meines Kindes processirt – Sie sehen, mein Proceß ist gewonnen!“

Franz kaufte das alte Haus in der W.straße, das damals gerade ausgeboten wurde, erwarb sich das Bürgerrecht, und eröffnete sein Comptoir. Nach Abschluß der ersten Jahresrechnung ergab sich, daß er fünfzehn Procent Gewinn aus dem Umsatze seiner Kapitalien gezogen hatte. Das zweite Jahr wäre ergiebiger ausgefallen, wenn der Banquier mit dem Vermögen seiner Frau nicht zu vorsichtig speculirt hätte. Das dritte Jahr aber versprach eine reiche Ernte: der Leser weiß, wie es begonnen hat. Wäre Henriette’s Mutter nicht seit länger als einem Jahre todt gewesen, er würde die beiden Geschäfte, die man ihm gewissermaßen aufgedrungen hatte, ihrem Einflusse zugeschrieben haben. Franz war eitel genug zu glauben, seine Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit allein bewirkten die Ausdehnung seines Geschäfts.

Henriette war eine vollendete Schönheit von dreiundzwanzig Jahren, und hatte sie ihrem Gatten auch noch kein Kind geschenkt, so war ihre gegenseitige Liebe doch dieselbe geblieben – eine fast dreijährige Ehe hatte sie nicht abzukühlen vermocht.

Der erste große Gewinn hatte den jungen Banquier zu kühnen Unternehmungen angestachelt; sein Ehrgeiz gab den Einflüsterungen der Spekulanten Gehör, und er betheiligte sich bei einer Eisenbahnlinie, die man in dem benachbarten Fürstenthume errichten wollte. Da von ihm die Aufforderung zu Actienzeichnungen ausgegangen war, ernannte man ihn zum Mitgliede des Comité’s und zum Kassirer. Sein Credit wuchs mit jedem Tage, und von allen Seiten deponirte man Gelder in seinem Bankhause. Der Agent Philipps arbeitete nur für ihn, man drängte sich mit ihm, in Verbindung zu treten, und jede Speculation glückte. Bald ward Franz Soltau ein Fürst an der Börse.

Die geheimnißvolle Geschichte mit Edmund Kolbert und Sophie Saller schien im Drange den Treibens vergessen zu sein.

Da sagte Henriette eines Morgens zu ihrem Gatten:

„Franz, heute ist der fünfzehnte September.“

„Ich weiß es; ist er Dir besonders merkwürdig?“

„Sophie Saller muß heute kommen.“

„Ganz recht; das Vierteljahr ist zu Ende. Ich hatte das arme Mädchen vergessen.“

„Arm, sagst Du? Ich sollte meinen, eine Rente von viertausend Mark jährlich schützte vor Armuth, auch wenn wir den Gewinn nicht in Betracht ziehen wollen, den ihr Kapital gebracht hat.“

„Sei ohne Sorge, liebe Frau; ich werde meiner Mündel den Gewinn zu Gute schreiben.“

„Hoffentlich werden wir heute etwas Näheres über die geheimnißvolle Schöne erfahren?“

Soltau versprach, sich darum zu bemühen, und ging in sein Comptoir. Er trat zu dem jungen Commis, der bereits emsig arbeitete.

„Herr Lambert, erinnern Sie sich des jungen Mädchens, das Sie vor drei Monaten mir anmeldeten?“

Der Commis erröthete; er begriff die Absicht seines Chefs nicht.

„Ja, Herr Soltau. Ich notirte an demselben Tage eine Zahlung von tausend Mark an Sophie Saller.“

„Sophie Saller wird heute wahrscheinlich wiederkommen. Bereiten Sie sich vor, ihr zu folgen, wenn ich Ihnen einen Wink gebe. Es liegt mir daran, etwas Näheres über das junge Mädchen zu erfahren, dessen Vermögen man in meiner Bank deponirt hat. Sie sind gewandt genug, um unbemerkt diesen Zweck zu erreichen.“

Lambert verneigte sich, als Zeichen, daß er gehorchen wolle.

Von diesem Augenblicke an zitterte die Feder in der Hand des jungen Mannes und so oft die Thür sich öffnete, zuckte er heftig zusammen. Der Auftrag seines Prinzipals hatte ihn in eine fieberhafte Spannung versetzt. Um elf Uhr endlich erschien die so sehnlich Erwartete: sie trug dasselbe Kleid noch, dasselbe schwarze Mäntelchen, denselben Hut von grüner Seide. Schüchtern, wie das erste Mal, trat sie auch heute ein.

„Kann ich Herrn Soltau sprechen?“ fragte sie flüsternd.

Lambert verlor fast die Fassung; Sophie schien in dem Vierteljahre, daß er sie nicht gesehen hatte, noch schöner geworden zu sein. Wie bestürzt senkte sie die Augen, als sie sah, daß der junge Mann sie anstarrte.

„Herr Soltau ist in seinem Kabinet!“ stammelte endlich der Commis.

Und zugleich öffnete er ehrfurchtsvoll die Glasthür. Sophie dankte durch eine graziöse Verneigung und trat in das Kabinet.

Der Banquier empfing sie artig und mit einem sichtlichen Wohlwollen.

„Ich bitte, nehmen Sie Platz, Fräulein Saller, und schreiben Sie die Quittung über Ihre Rente. Lorenz,“ rief er durch die Thür, „bringen Sie tausend Mark in Golde!“

„Die Quittung, mein Herr, ist bereits geschrieben!“ antwortete Sophie mit bewegter Stimme. „Ich erlaube mir, sie Ihnen zu überreichen.“

Der Banquier nahm das Papier.

„Es scheint Ihnen daran zu liegen,“ sagte er lächelnd, „Ihren Besuch bei mir so viel als möglich abzukürzen; ich bedauere, daß es mir nicht erlaubt ist, mehr für Sie zu thun, als Ihr Vermögen auf die übliche Weise zu verzinsen. Die liebenswürdige Clientin würde wohlthun, mir eine ausgedehntere Vollmacht zu geben oder zu erwirken.“

„Mir genügt die Summe, die ich von Ihnen erhalte, mein Herr! Die Verwendung des Kapitals bleibt Ihnen überlassen.“

„Wenn ich nun im Stande wäre, durch geschickte Speculationen Ihre jährliche Revenue zu verdoppeln?“

„So würde ich nur meine bedungene Rente annehmen und darüber quittiren.“

Der Kassirer trat ein und brachte das Geld. Soltau zählte es, wie das erste Mal, selbst auf den Tisch. Sophie steckte die Goldstücke in ihre Plüschtasche, dankte und wollte sich entfernen.

„Fräulein Saller, ich bitte um eine kurze Unterredung! Als Sie das erste Mal mich besuchten, sprachen Sie mir Ihr unbedingtes Vertrauen aus - wie kommt es, daß Sie mich des Vergnügens berauben, Sie näher kennen zu lernen?“

„Erblicken Sie darin kein Mißtrauen, Herr Soltau; eben weil wir Ihnen vertrauen, hegen wir die Zuversicht, daß Sie ein Familiengeheimniß ehren werden. Und außerdem würde ich Ihnen auch nicht sagen können, was ich selbst nicht weiß. Ihrer Güte verdanke ich die Vermittelung der Rente, die mich vor [195] Entbehrung schützt – ich bin eine Waise und stehe allein in der Welt.“

„Um so mehr Grund, daß Sie sich einer Familie anschließen, die den lebhaftesten Antheil an Ihrem Geschicke nimmt. Im Namen meiner Gattin lade ich Sie ein, mein Haus so oft zu besuchen, als Sie das Bedürfniß nach Gesellschaft fühlen. Ohne Ihr Familiengeheimniß preiszugeben, können Sie uns das Vergnügen gewähren, Sie in unserer Nähe zu sehen.“

Eine tiefe Bewegung bemächtigte sich des jungen Mädchens.

„Mein Herr,“ antwortete sie mit bebender Stimme, „das Schicksal hat mich für jetzt noch zur Einsamkeit verurtheilt; aber sobald es mir gestattet ist, den Kreis meiner Existenz auszudehnen, werde ich nicht verfehlen, Ihrer Einladung nachzukommen.“

Sie verneigte sich tief, und verließ das Kabinet. Der Banquier begleitete sie bis zur Thür. Hier gab er dem Commis einen Wink – kaum hatte Sophie das Haus verlassen, so trat auch Lambert auf die Straße; er folgte dem Mädchen, das eine glühende Leidenschaft in ihm erweckt hatte.

IV.
Sophie.

Ohne sich umzublicken, ging Sophie die Straße hinab. An der nächsten Ecke bestieg sie einen Omnibus, der vorbeifuhr. Das große, schwerfällige Fahrzeug setzte so langsam seinen Weg fort, daß Lambert ohne Anstrengung folgen und das Aus- und Einsteigen der Passagiere beobachten konnte. Der Omnibus fuhr aus dem Thore der Vorstadt Sanct Georg zu. Am äußersten Ende dieser Vorstadt sah der Commis das junge Mädchen, das er unter tausend Personen wiedererkannt haben würde, aussteigen. Sie schlug eine der Seitenstraßen ein, die nach der Alster führen.

Lambert beeilte sich, ihr zu folgen, um zu sehen, welches von den Häusern sie betreten würde. Der Drang, die Wohnung des Engels kennen zu lernen, der ihn bezaubert hatte, trieb ihn mehr als der Gehorsam gegen seinen Herrn; er dachte kaum noch daran, daß er einen Auftrag des Banquiers ausführte.

Ludwig Lambert hatte fast das Schicksal Soltau’s: er besaß kein Vermögen, und außer einem alten Onkel auch keine Verwandten. Dieser alte Onkel war ein emeritirter Prediger aus dem Holsteinischen, er bezog eine kärgliche Pension, die er früher, ehe Ludwig die Stelle in Soltau’s Comptoir bekleidete, mit seinem Neffen getheilt hatte. Ludwig besaß aber statt des Vermögens eine Bildung, die man nicht häufig bei den über Zahlen erbleichenden Comptoirmenschen trifft. Sein Onkel hatte ihn zum Studium der Theologie bestimmt; Ludwig aber konnte die Universität nicht beziehen, nachdem er das Gymnasium verlassen hatte, denn der alte Prediger ward pensionirt, und seine Pension reichte nicht aus, um die Kosten des Studirens zu bestreiten. Ludwig trat als Lehrling in ein kaufmännisches Geschäft, ward nach drei Jahren Commis und erhielt die Stelle in dem neu errichteten Bankhause Soltau’s. Der Commis hatte jetzt die Liebe kennen gelernt, und seit dem ersten Erscheinen Sophie’s hatte er alle Qualen unbefriedigter Sehnsucht empfunden. Sein Bemühen, die Schöne ausfindig zu machen, war vergebens gewesen, und man kann sich seine frohe Ueberraschung denken, als er sie heute in dem Comptoir erblickte und den Auftrag erhielt, ihre Wohnung auszuspähen.

Leicht wie ein Sylph schwebte Sophie die Straße hinab. Als sie das Ufer des großen Alsterbassins erreicht hatte, blieb sie an einem Gartengitter stehen und holte einen Schlüssel aus ihrer Tasche. Bei dieser Gelegenheit wandte sie sich, und erblickte den Commis, der kaum dreißig Schritte von ihr entfernt war. Lambert stutzte; um aber keinen Verdacht zu erwecken, beschloß er, vorüber zu gehen. Sophie erkannte den Commis aus dem Comptoir Soltau’s. Rasch verbarg sie ihren Schlüssel wieder und schickte sich an, weiter zu gehen. In diesem Augenblicke kam Lambert an, dessen Gesicht vor Verwirrung wie Purpur glühte. Ehrfurchtsvoll grüßte er. Sophie dankte durch ein leichten Kopfnicken. Der Zufall wollte, daß sie Beide zugleich in die kleine Kastanienallee traten, die sich am Ufer der Alster hinzieht. Kein Mensch zeigte sich in dem ruhigen Stadttheile, und selbst die Fenster der niedlichen Landhäuser waren durch Jalousien geschlossen, um der brennenden Mittagssonne zu wehren.

Lambert konnte unmöglich diese günstige Gelegenheit, mit seiner Abgöttin anzuknüpfen, unbenutzt vorübergehen lassen. Er würde mehr gewagt haben, als sie anzureden, um endlich die Qualen seiner Sehnsucht zu mildern. Wie aber sollte er beginnen? Er sann vergebens auf eine passende Phrase. Da verlor Sophie, die einige Schritte vor ihm ging, den Schlüssel. Wie ein Habicht schoß der junge Commis aus das Kleinod, das ihm den Himmel seiner Liebe öffnen sollte. Sophie hatte den Verlust sogleich bemerkt – sie blieb stehen und sah sich um.

„Ihr Schlüssel ist gefunden, Fräulein Saller!“ stammelte Lambert, der kaum so viel Athem hatte, daß er reden konnte.

„Ich bin so glücklich, ihn Ihnen überreichen zu können.“

Sophie empfing mit zitternder Hand ihr Eigenthum.

„Sie kennen meinen Namen?“ fragte sie.

Diese Frage nahm dem armen Commis eine Centnerlast vom Herzen, denn sie bewies, daß der Engel seiner Träume nicht abgeneigt war, sich auf ein Gespräch mit ihm einzulassen. Trotzdem aber fehlte ihm noch die klare Besinnung zur unbefangenen Fortsetzung des Gesprächs.

„Ich kenne ihn,“ gab er zur Antwort, „weil ich ihn heute zum zweiten Male in unsere Register eingetragen habe. Den Namen einer schönen Clientin vergißt man so leicht nicht!“

Lambert erschrak vor sich selbst, als er, ohne es zu wollen, diese galante Phrase ausgesprochen hatte. Er warf einen Seitenblick auf Sophie, um die Wirkung derselben zu erforschen. Ein spöttisches Lächeln schwebte auf dem reizenden Gesichte des jungen Mädchens.

„Ganz recht, Sie sind der Secretär des Herrn Soltau!“

„Sie erkennen mich wieder?“

„Nur auf Ihre so eben gegebene Andeutung hin. Ich würde an eine Ähnlichkeit mit dem jungen Herrn geglaubt haben, den ich vor kaum einer halben Stunde noch arbeitend an dem Bureau gesehen habe. Der Omnibus hat mich rasch in diese Gegend gebracht, und Sie kommen mit mir zugleich an – da ich nicht annehmen konnte, daß Sie mir auf dem Fuße gefolgt sind –“

„O, nehmen Sie es nur an, mein liebes Fräulein; ich bin Ihnen auf dem Fuße gefolgt!“

„Das ist ein offenherziges Geständniß!“

Ludwig Lambert erschrak über den spröden Ton, in dem diese Worte gesprochen wurden.

„Wofür ich Ihnen danke,“ fügte sie nach einer Pause hinzu.

Der Commis fühlte, daß er jetzt eine Nothlüge aussprechen mußte, wenn er den Zweck seines Ganges verheimlichen wollte; aber ihm fehlte der Muth, das Mädchen, das er liebte, gleich bei der ersten Unterredung mit einer Unwahrheit zu hintergehen. Er befand sich in einer sehr peinlichen Lage: die Liebe kämpfte mit der Dienstpflicht. Aber der Kampf dauerte nur einige Augenblicke – die Liebe trug den Sieg davon.

„Ich begreife,“ begann er zagend, „daß Ihnen mein rasches Erscheinen in dieser Vorstadt auffallen muß – darf ich es wagen, Ihnen Aufklärung darüber zu geben?“

„Fast glaube ich, daß ich Sie in meinem Interesse darum bitten muß!“

„Mein liebes Fräulein, fürchten Sie keine verletzende Indiscretion – ich bin Ihnen gefolgt, um einem Wunsche zu genügen, der mir seit einem Vierteljahre am Herzen gelegen hat.“

„Und dieser Wunsch ist?“ fragte sie flüsternd.

„Sie wiederzusehen, ohne von dem Zufalle abhängig zu sein.“

Erröthend blickte Sophie vor sich hin, ohne zu antworten.

„Kostet es Ihnen aber Ueberwindung,“ fuhr Ludwig treuherzig fort, „mich, den Fremden, einer nähern Bekanntschaft zu würdigen, so nehmen Sie an, daß Sie meine Bitte nicht gehört, und meine Person heute nicht gesehen haben. Ich werde mich bemühen, den Eindruck zu vergessen, den Ihr erstes Erscheinen auf mich ausgeübt hat!“

Sophie’s Verlegenheit erreichte den höchsten Grad. Einen so plötzlichen Sturmangriff hatte sie nicht erwartet. War ihr der hübsche blonde Commis nicht gleichgültig gewesen, so ward er ihr von diesem Augenblicke an interessant.

„Und um diesen Wunsch mir auszusprechen, sind Sie mir nachgeeilt?“ fragte sie.

„Ja! Wie anders wäre es denn möglich gewesen, Sie zu sprechen oder zu erfahren, wo Sie wohnen? Konnte ich denn [196] wissen, ob Sie je wieder unser Comptoir betraten? Ich faßte Muth, warf die Feder fort und eilte Ihnen nach.“

„Und was wird Ihr Chef sagen, wenn Sie zurückkehren?“

Bei dieser Frage war Sophie stehen geblieben und sah ihren Begleiter forschend an; aber sie lächelte mit einer Anmuth, die den armen Commis fast um die Besinnung brachte. Ihm schien Sophie kein irdisches Wesen mehr zu sein.

„Mein liebes Fräulein,“ rief er hingerissen, „Ihnen kann ich keine Unwahrheit aussprechen, ich würde es für eine Sünde gegen Gott halten, der mir erlaubt hat, Sie kennen zu lernen und zu verehren! Herr Soltau wird mich fragen, ob ich erforscht habe, wo Sie wohnen.“

„Demnach verließen Sie in seinem Aufträge das Comptoir?“

„Aber mehr noch von meinem eigenen Drange getrieben. Hätte er mir glücklicherweise nicht den Auftrag gegeben, ich würde meine Stellung auf das Spiel gesetzt haben, um mit Ihnen sprechen zu können.“

„Was werden Sie Ihrem Herrn antworten?“

„Ich erwarte, daß Sie mir die Antwort sagen.“

Sophie senkte die Augen, und setzte den Weg fort; sie schien zu überlegen, was sie sagen sollte. Lambert folgte mit klopfendem Herzen, denn es regte sich ein Gefühl in ihm, das der Eifersucht auf den reichen Banquier nicht unähnlich war. Er hatte sich bereits in tausend Vermuthungen über die Absicht seines Chefs erschöpft.

„Mein Herr,“ begann Sophie nach einer Minute, „Sie haben den Wunsch ausgesprochen, mich von Zeit zu Zeit zu sehen – dieser Wunsch kann nur in Erfüllung gehen, wenn Herr Soltau nie erfährt, daß wir uns heute gesprochen haben und daß meine Wohnung sich in der Vorstadt Sanct Georg befindet. Zugleich hoffe ich, Sie werden mich nie um die Gründe fragen, die mich veranlassen, dem Banquier unbekannt zu bleiben. Daß er mir vierteljährlich eine Rente auszahlt, verpflichtet mich ihm nicht zur Dankbarkeit – es ist dies ein Geschäft, wie jedes andere, das in den Bankhäusern vollzogen wird. Ich weiß, was ich von Ihnen fordere, indem ich Sie veranlasse, Ihren Herrn zu hintergehen; aber es ist dies eine Maßregel, die ich seinen Nachforschungen gegenüber zu ergreifen gezwungen bin, eine Maßregel, die ihm weder Nachtheil bringt, noch einen Vortheil entzieht. Aber erlaubt es Ihre Stellung nicht, das verlangte Schweigen zu bewahren, so trennen wir uns jetzt, um uns nie wiederzusehen.“

„Nein, nein!“ rief Ludwig. „Mich hält Nichts ab, Ihr Geheimniß wie ein Heiligthum zu bewahren. Auch Herr Soltau hat seine Geschäftsgeheimnisse vor uns – warum sollte ich nicht ein Herzensgeheimniß vor ihm haben? Geben Sie mir Gelegenheit, Ihnen nützlich zu sein, und Sie werden meinen Eifer kennen lernen. Ich schwöre Ihnen, daß ich verschwiegen sein will, wie das Grab.“

„Gut, mein Herr, ich nehme Ihren Schwur an!“

Sie reichte ihm ihre kleine Hand. Lambert ergriff sie und drückte sie mit Inbrunst an seine Lippen.

„Wann und wo sehe ich Sie wieder?“

„Nennen Sie mir Ihre Adresse, und Sie werden einen Brief durch die Stadtpost erhalten.“

Der Commis sann einen Augenblick nach.

„Ich wohne in dem Hause meines Prinzipals,“ murmelte er; „dorthin darf der Brief nicht kommen – aber mein Onkel kann ihn annehmen: ihm darf ich sagen, daß ich das größte Glück meines Lebens darin finde, mir die Gunst Fräulein Sophie’s zu erwerben!“

Lambert holte sein Taschenbuch hervor, schrieb einige Worte auf ein Blatt, riß das Blatt aus dem Buche, und überreichte es dem jungen Mädchen.

Sophie las:

„Ludwig Lambert, per Adresse Pastor Lambert, Polstraße 11. 3. Etage.“

„Der Pastor ist der Bruder meines verstorbenen Vaters,“ fügte Ludwig ergänzend hinzu. „Er liebt mich wie seinen eigenen Sohn, und wird den innigsten Antheil an meinem Glücke nehmen.“

„Halten Sie es denn wirklich für ein Glück, mich näher kennen zu lernen?“ fragte Sophie, verschämt lächelnd. „Wenn Sie sich nun in Ihren Erwartungen getäuscht fänden?“

„Ein Engel kann nur Glück bringen, und Sie sind für mich ein Engel in menschlicher Gestalt!“ rief Ludwig wie begeistert.

Einige vorübergehende Personen unterbrachen den Herzenserguß des liebeberauschten Commis! Indem sie sich den Anschein müßiger Spaziergänger gaben, traten sie den Rückweg an. Die Uhr in der Kirche des heiligen Georg schlug eins.

„Jetzt erlauben Sie mir, daß ich mich entferne!“ flüsterte Sophie. „Leben Sie wohl, und erwarten Sie meinen Brief!“ fügte sie tief erröthend hinzu.

„Und werde ich lange warten müssen?“

„Ich glaube, daß es mir möglich sein wird, Ihnen bis übermorgen zu schreiben. Die Bitte um Verschwiegenheit spreche ich nicht noch einmal aus, sie müßte Sie beleidigen. Leben Sie wohl, Herr Ludwig!“

„Auf Wiedersehen, Fräulein Sophie!“

Sie reichten sich einander die Hand. Dann schlüpfte Sophie in eine Seitenstraße und verschwand. Lambert sah ihr entzückt einige Augenblicke nach, dann trat er den Rückweg zur Stadt an. Gern hätte er gesehen, welches Haus seine Geliebte öffnete; aber er wollte nicht neugierig erscheinen, und ging langsam weiter. Diesen Ausgang seines Abenteuers hatte er nicht erwartet. Alle Qualen des Herzens, die er seit einem Vierteljahre erduldet, waren verschwunden, er durfte sich jetzt der süßesten Hoffnung hingeben. Sophie hatte ihm eben so viel Ehrfurcht als Liebe eingeflößt, sie war für ihn das schönste, vollkommenste Weib, das er je gesehen. Mit ganzer Seele überließ er sich dem Entzücken der ersten, der reinsten Liebe. Ludwig stand noch in dem glücklichen Alter, in dem man Genuß an der Melancholie und Seligkeit in dem Traume von entfernten Hoffnungen findet; er war noch jung genug, um in einer Frau mehr als die Frau zu erblicken. Die Stimme Sophie’s, ein Blick von ihr reichten hin, um ihn in einem Meere von Seligkeit schwelgen zu lassen.

Jetzt kam er an dem Eckhause vorbei, das die Geliebte hatte betreten wollen. Die Fenster des Erdgeschosses waren mit Läden verschlossen – in dem Augenblicke, als er zu dem obern Stockwerke emporsah, rollte ein weißes Rouleau auf, und Sophie, noch im Mantel und Hut, erschien hinter den glänzenden Fensterscheiben. Lächelnd nickte sie einen Gruß herab, dann aber legte sie schnell den Finger an die Lippen. Ludwig grüßte kaum merklich, und ging rasch weiter. Dieser neue Beweis von der Gunst des reizendes Mädchens machte ihm den Kopf wirr. Drückte ihre Pantomime nicht aus: du kennst jetzt meine Wohnung, aber schweige?

„Schweigen werde ich,“ flüsterte er wie berauscht vor sich hin, „und wenn es mich meine Stelle in dem Hause des Banquiers kostet. Jetzt habe ich ein Recht, die Geliebte vor unwürdigen Nachstellungen zu schützen!“

[209] Nach einer halben Stunde trat Lambert in’s Comptoir. Soltau war nach der Börse gegangen.

„Herr Lambert,“ sagte der alte Kassirer Lorenz, „Madame Soltau will Sie sprechen.“

„Mich?“ fragte verwundert der Commis.

„Sie hat Auftrag gegeben, Sie sogleich zu ihr zu schicken, sobald Sie zurückkämen.“

Gehorsam ließ sich der Commis bei der Gattin seinen Chefs melden. Er ward sogleich vorgelassen. Henriette, in einer reizenden Toilette, trat ihm lächelnd entgegen.

„Mein Mann hat Sie dem jungen Mädchen nachgeschickt, das diesen Morgen in unserm Comptoir war?“ fragte sie.

Der arme Commis gerieth in eine peinliche Verlegenheit; er war der Meinung, die eifersüchtige Gattin suche ihn auszuforschen.

Der Gedanke, er könne den Samen eines unglücklichen Zerwürfnisses zwischen die beiden Gatten säen, aber auch der Gedanke daran, daß Soltau die Eifersucht seiner Frau auf Kosten der Ehre Sophie’s rege gemacht, ließ ihn zittern. Die Inquisition kam ihm so unerwartet, daß er außer Stande war, zu antworten.

Henriette begriff die Verlegenheit den jungen Mannes.

„Indem Sie den Auftrag Ihres Prinzipals ausführten, sind Sie dem meinigen nachgekommen,“ fuhr sie fort. „Sophie Saller interessirt mich, und deshalb möchte ich ihre Wohnung kennen lernen. Mein Mann kommt heute spät nach Hause – er hat mir aufgetragen, Ihre Nachricht in Empfang zu nehmen.“

Die Worte der Herrin vom Hause durfte er nicht bezweifeln.

„Madame, ich bedauere, Ihnen melden zu müssen, daß meine Bemühungen fruchtlos gewesen sind. Das junge Mädchen verschwand mir in dem Gewühle, und ich habe es, trotz aller Anstrengungen, nicht wieder erblicken können. Ich glaube die Bemerkung gemacht zu haben, daß Sophie Saller unerkannt bleiben will.“

„Wo kam sie Ihnen aus den Augen?“

Der Commis, der in seinem Rechte zu sein glaubte, nahm keinen Anstand, die Lüge auszusprechen:

„In dem Menschengedränge in der Bergstraße. Sie muß dort in ein Haus geschlüpft sein.“

Die junge Frau dankte und entließ den Commis, der nun an sein Bureau zurückkehrte, um noch eine Stunde zu arbeiten.

„Das ist seltsam!“ flüsterte Henriette. „Ich muß klar sehen in der Sache, und möge es kosten, was es wolle.“

In diesem Augenblicke trat die Kammerfrau ein.

„Was giebt es?“

„Draußen steht eine alte Frau, die Madame Soltau zu sprechen verlangt.“

„Vielleicht eine Bettlerin?“ fragte Henriette, indem sie nach ihrer Börse griff.

„Ihre schlechte Kleidung spricht dafür; aber sie dringt beharrlich darauf, mit Ihnen zu sprechen.“

Es war nicht das erste Mal, daß arme Leute in großer Bedrängniß sich an die Gattin des reichen Banquiers, die als wohlthätig bekannt war, wandten. Henriette linderte gern die Noth Anderer.

„Führen Sie die Frau zu mir!“

Die Kammerfrau entfernte sich, um nach einigen Augenblicken eine alte Frau eintreten zu lassen, deren gelbes Gesicht, gebogene Nase, schwarzes Haar und unsaubere Kleidung die hamburger Jüdin vom reinsten Wasser verriethen. Ihr widrig-freundliches Lächeln zeigte einen fast zahnlosen Mund. Ihren Kleidern entströmte der eigenthümliche Duft, den man nur in den Wohnungen der gemeinen Handelsjuden findet.

„Madame Soltau wollte ich sprechen!“ sagte die Jüdin.

Henriette trat unwillkürlich zurück vor der widerlichen Gestalt.

„Ich habe Sie eintreten lassen, um Sie anzuhören, liebe Frau!“

„Aber ich bin gekommen, um allein mit Madame Soltau zu sprechen.“

Auf einen Wink der Herrin, die den lästigen Besuch so rasch als möglich abfertigen wollte, entfernte sich die Kammerfrau.

„Liebe Madame,“ begann die Jüdin, „ich möchte ein Geschäftchen mit Ihnen abschließen. Wir sind doch ganz allein?“

„Ganz allein!“ antwortete die verwunderte Henriette.

„Vor einer Stunde kam ein alter Mann zu mir und sagte: Kochelorum, wollt Ihr ein Händelchen machen? Warum nicht, ich lebe von Handelchens! – Da gab er mir diesen Brief – die Alte holte ein Papier unter ihrem schmutzigen Umschlagetuche hervor – und sagte: gebt diesen Brief in die Hände Madame Soltau’s, ohne daß es ein Mensch sieht, und Madame Soltau wird Euch einen Louisd’or dafür zahlen. – Ich dachte, die Mühe ist gering, es kommt auf den Versuch an. Hier ist der Brief, liebe Madame!“

Die Alte streckte grinsend die gelbe, fleischige Hand mit dem Papiere aus.

Die erschreckte Henriette trat zurück.

„Kennen Sie den Mann, der die Kühnheit hat, Sie zu mir zu schicken?“

[210] „Nein, liebe Madame, ich habe ihn im Leben nur ein einziges Mal gesehen, und zwar vor ungefähr einer Stunde. Wäre er jung und schön gewesen, ich würde es nicht gewagt haben, seinen Auftrag anzunehmen; aber er war ein alter Mann mit eisgrauem Haar, der so ehrwürdig aussah, daß ich ihm alles Gute zutraue.“

„Gleichviel; geben Sie ihm den Brief zurück!“

„Das wird unmöglich sein, meine liebe Madame.“

„Warum?“

„Weil ich nicht weiß, wo ich den alten Mann antreffen soll. Als ich ihn fragte, was wird, wenn Madame Soltau den Brief nicht annimmt? Was wird, wenn ich von Ihnen meinen Botenlohn erhalten muß? Da antwortete er: ich habe nicht Zeit, Eure Rückkehr zu erwarten, Kochelorum aber zeigt nur Madame Soltau die Aufschrift, und sie wird Euch gern einen Louisd’or geben.“

Das Judenweib trat näher und streckte den Arm wieder aus.

Die junge Frau konnte sich nicht enthalten, einen Blick auf die Adresse zu werfen. Da zuckte sie plötzlich zusammen, riß der Alten den Brief aus der Hand, und starrte die scharfen Schriftzüge an. Dann zerbrach sie hastig das Siegel und überflog die Zeilen. Wie bestürzt legte sie das Papier auf den Schreibtisch, ergriff ihre Börse, holte ein Goldstück heraus, und gab es der Jüdin.

„Der Mann mit eisgrauem Haare hat Recht, sagte sie in gewaltsamer Fassung; hier ist der Botenlohn, den er Ihnen versprochen. Sollten Sie ihn zufällig wiedersehen, so sagen Sie ihm, ich würde meinen Mann von dem in Kenntniß setzen, was mir sein lange erwarteter Brief mittheilt.“

„O ich wußte es wohl,“ rief froh das Judenweib; „ein so alter, würdiger Mann konnte sich keinen Spaß mit mir erlauben. Gott grüße Sie, liebe Madame Soltau! Werde Ihren Auftrag ausrichten, wenn ich den Mann wiedersehe!“

Das Goldstück betrachtend, verließ die Alte das Zimmer.

Kaum hatte sie sich entfernt, als Henriette die Thür schloß, den Brief wieder ergriff und zu lesen begann. In ihrem schönen Gesichte malten sich zuerst Bestürzung, dann Ueberraschung und endlich ein wehmüthiger Schmerz – sie brach in Thränen aus. Drei, vier Mal las sie den Brief, dann verbrannte sie ihn über der Flamme eines Wachsstocks, den sie mit bebender Hand angezündet, und warf die Asche durch das offene Fenster, daß der Wind sie zerstreute. Nachdem sie einige Minuten auf und abgegangen, um sich zu sammeln, erschloß sie die Thür wieder und setzte sich ruhig an ihren Stickrahmen. Als Soltau eine Stunde später eintrat, zeigte ihr schönes Gesicht keine Spur mehr von der heftigen Gemüthsbewegung.

V.
Auf dem Balle.

Es war im November, in der Zeit, wo Hamburg in Regen und Nebel eingehüllt ist. Soltau hatte unerhörtes Glück in allen seinen Unternehmungen gehabt; es schien, als ob ein besonderer Schutzgeist über seinem Bankhause wachte. Die sich immer noch häufenden Geschäfte hatten eine Vermehrung des Comptoirpersonals nöthig gemacht: statt drei Commis sah man jetzt neun an eleganten Bureaux arbeiten. Ludwig Lambert, der seit dem ersten Tage des Bestehens der Firma dem Hause angehörte, nahm die geachtetste Stellung ein, ihn, und dem alten Kassirer Lorenz überließ Soltau die Leitung des Comptoirs, wenn ihn die großen Unternehmungen in andere Kreise zogen. Die Zeit des schnell reich gewordenen Banquiers war dergestalt in Anspruch genommen, daß nothwendig eine Aenderung in dem häuslichen Leben der beiden Gatten vorgehen mußte. Soltau sah seine Gattin nur des Mittags bei Tische und selten des Abends, denn er war gezwungen, die Cirkel seiner zahlreichen Geschäftsfreunde zu besuchen, die ihn mit Einladungen bestürmten. Henriette war intelligent genug, um die Nothwendigkeit dieser Veränderung einzusehen; sie zürnte deshalb nicht, sie schien vielmehr ihre Zärtlichkeiten zu verdoppeln, um einen Ersatz für die Beschränkung der Zeit zu haben.

Franz wiederholte ihr fast täglich: „Ich arbeite nur für Dich, Henriette, damit Du wie eine Fürstin geehrt werdest.“

„Ehrt man Deine Frau nicht schon genug?“ fragte sie einst. „Bedürfen wir noch mehr des Reichthums, um in unserer Liebe glücklich zu sein?“

„Ich habe mir vorgenommen, Dein Vermögen zu verzehnfachen,“ antwortete er. „Gönne mir den Stolz, einige Jahre an der Börse geherrscht zu haben.“

Das Glück, das Soltau in dem Besitze seiner reizenden Gattin fand, war seit der Zeit der Verheirathung nur ein einziges Mal getrübt worden: ein neidischer Speculant hatte in gewissen Kreisen das Gerücht verbreitet, Soltau verdanke sein Vermögen nicht seinem Geschäftsfleiße, sondern seiner schönen Frau, und diese habe es durch hohe Protektion theuer erkauft. Franz hatte diese Verleumdung dadurch gerächt, daß er den verleumderischen Speculanten mittelst eines geschickten Börsenmanövers zum Fallissement gezwungen. Der Banquier besaß den richtigen Takt, diese Angelegenheit und ihre Folgen, die das eheliche Glück würde getrübt haben, seiner Frau zu verschweigen; dafür suchte er aber als Banquier zu glänzen und seinem Ehrgeize durch große Unternehmungen zu genügen. Franz betete seine Frau an, und liebte seine kaufmännische Ehre.

Ein großer Schiffsrheder, der durch den Transport von Auswanderern ein enormes Vermögen erworben hatte, gab um diese Zeit einen Ball. Franz und Henriette waren dazu geladen. Der Schiffsrheder bewohnte eins jener palastähnlichen Häuser, die nach dem großen Brande entstanden sind. Seine Säle waren mit seidenen Tapeten und Gold verziert; der Ball sollte sie den Gästen bei glänzender Beleuchtung zeigen.

Um neun Uhr erschien der Banquier mit seiner Gattin. Man beneidete das schöne, glückliche Paar. Henriette war in weiße Seide gekleidet; ein kostbarer Diamantschmuck erglänzte an ihrem Alabasterhalse, und eine einfache rothe Rose schmückte das volle braune Haar. Auch Franz hatte eine reiche elegante Toilette gemacht, denn er war noch Liebhaber und wollte seiner Frau gefallen. Beide hatten sich nicht für die Welt, sie hatten sich nur für sich selbst geschmückt.

Während Franz eifrig von den Männern begrüßt ward, führte die Frau vom Hause, eine schon bejahrte Dame, die strahlende Henriette zu einem Kreise junger Frauen und Mädchen. Die Musik begann, und die Tänzer erschienen, um die harrenden Tänzerinnen zu engagiren. Selbst die Hausfrau ward von einem Schiffskapitain in die Reihe gezogen.

Da trat ein junger Mann zu Henrietten, und bat um ihre Hand zum Tanze.

„Ich tanze nie, mein Herr,“ antwortete artig die junge Frau; „es sei denn, daß mein Mann mich zu einem langsamen Walzer führt, der keine anstrengende Bewegung erfordert. Mehr als einen Tanz hat mir der Arzt nicht erlaubt, und ich glaube, daß ich Sie nicht kränke, wenn ich zu diesem einen Tanze meinem Mann die Hand reiche.“

„Ah, Madame ist verheirathet!“ sagte pikirt der Tänzer.

„Und doch versicherte man mir neulich das Gegentheil.“

„So hat man sich über meine Person getäuscht, oder man hat Ihnen absichtlich eine Unwahrheit gesagt.“

Henriette sah den blonden Modemann erstaunt an.

„Sie erinnern sich wohl meiner nicht mehr?“ fragte er mit einem impertinenten Lächeln.

„Ich wüßte nicht, daß ich Sie schon früher gesehen hätte.“

„Sie waren vorgestern Abends acht Uhr in einem Hause der Polstraße. An meiner Hand erstiegen Sie die Treppen zum vierten Stocke. Als Sie eine Stunde später zurückkehrten, fanden Sie mich an der Thür, und ich hatte das Vergnügen, einen Fiaker für Sie herbeizurufen. War Ihr schönes Gesicht auch in einen schwarzen Regenhut gehüllt, so habe ich mir die Züge desselben doch so tief eingeprägt, daß ich sie selbst unter dem Diademe einer Königin wiedererkennen würde.“

Entrüstet erhob sich Henriette; mit stolzen, verachtenden Blicken sah sie den jungen Mann an.

„Ich wiederhole noch einmal, daß Sie sich täuschen, wenn Sie nicht die Absicht haben, mich zu beleidigen.“

„Verzeihung, Madame, dann würde ein kostbarer Diamantring, der sich beim Einsteigen in den Wagen von dem zarten Finger der Dame streifte, in meinen Händen bleiben müssen. Ich glaubte schon so glücklich zu sein, die Gelegenheit gefunden zu haben, das werthvolle Kleinod der Eigenthümerin zurückzustellen.“

Henriette zuckte leicht zusammen; sie fächelte sich mit ihrem Fächer Luft zu, um eine schnell aufsteigende Röthe zu verbergen. In diesem Augenblicke erhob sich ein Gast, der gedankenvoll auf [211] einem Stuhle neben dem Kamine gesessen und das Gespräch unbemerkt belauscht hatte. Sein Gesicht war bleich und von einem vollen, schwarzen Barte eingerahmt: Er trug elegante schwarze Ballkleidung. Geräuschvoll ging er hinter dem Rücken des jungen Mannes vorüber und verschwand in dem Gewühle der Tänzer, die ihre Damen zu den Plätzen zurückführten.

Der lästige Ballgast verneigte sich und verließ Henrietten, die von bekannten Damen umringt ward.

Um zehn Uhr reichte man den Gästen Erfrischungen. Soltau nahm den Arm seiner Frau und führte sie durch die Säle, wo er bald hier, bald dort Bekannte traf. In einem der prachtvollen Nebenzimmer saß ein kleiner Kreis Herren und Damen. Auch Philipps, der Agent, befand sich unter ihnen; er zog Franz und Henrietten in die Gesellschaft und forderte sie auf, hier die Erfrischungen einzunehmen. Die Damen, unter denen Soltau’s Gattin einige Bekannte traf, gruppirten sich um den Thee, die Männer um eine Bowle Ananaspunsch.

Plötzlich zog der Banquier seinen Freund in eine Fenstervertiefung, von wo aus sie den Kreis der trinkenden und plaudernden Damen übersehen konnten.

„Philipps,“ flüsterte er aufgeregt, „kennst Du alle diese Damen?“

„Ich glaube.“

„Wer ist das junge Mädchen in dem blauen Kleide mit schwarzen Spitzen?“

„Wo?“

„Sie spricht jetzt mit meiner Frau.“

Philipps lächelte, indem er leise ausrief: „Sollte diese Fee auch Dich bezaubern, da Du eine so schöne Frau besitzest, um die man Dich allgemein beneidet?“

„Laß den Scherz, und sage mir, was Du von ihr weißt.“

„Sie und jene alte Dame in dem schwarzen Oberrocke, die neben ihr sitzt, sind die beiden einzigen Personen, von denen ich Dir weiter nichts sagen kann, als daß ich sie hier vorgefunden habe, und daß das junge Mädchen mir, wie aller Welt, den Kopf verdreht.“

„Das ist seltsam!“ murmelte der Banquier.

„Franz, fast bereue ich, Dich hier aufgehalten zu haben!“

„Hast Du ihren Namen gehört?“

„Nein!“

Die beiden Männer beobachteten einige Augenblicke das reizende Geschöpf, das sich lächelnd mit Madame Soltau unterhielt. Die Unbekannte glich einer zarten, halb entfalteten Knospe; Henriette einer kaum erblühten Rose, die frisch im Morgenthaue duftet.

„Ich muß Gewißheit haben!“ murmelte Soltau, wie im Selbstgespräche.

„Worüber, Franz, worüber?“

Der Banquier ging zu seiner Frau.

„Verzeihung, meine Damen,“ sagte er, „wenn ich einen Augenblick störe. Henriette,“ wandte er sich zu seiner Gattin, ohne die Blicke von der Unbekannten abzuwenden, „ziehst Du ein Glas Limonade dem Thee vor?“

Seine Absicht war, sich bemerkbar zu machen, und den Eindruck seines Erscheinens zu beobachten. Das junge Mädchen sah ihn an, und blieb ruhig.

„Ich danke, Franz, für Deine Aufmerksamkeit!“ antwortete Henriette. „Willst Du mir aber eine besondere Gefälligkeit erzeigen, so trage Sorge, daß wir mit diesen beiden Damen bei der Tafel zusammensitzen.“

„Wir nehmen an, daß wir nicht lästig fallen!“ fügte das junge Mädchen hinzu.

Franz verneigte sich, und zog sich zurück.

„Das ist ihre weiche, wohlklingende Stimme, das sind ihre schönen Augen, ihre schwarzen Haare – mit einem Worte, es ist das Madonnengesicht Sophie’s!“ dachte er überrascht, indem er das Zimmer verließ, um den Herrn vom Hause aufzusuchen.

,Heute soll sie mir nicht spurlos verschwinden!“

Franz traf den Festgeber in dem Speisesaale, wo er mit dem Arrangement der Tafel beschäftigt war. Der Banquier trug dem Schiffsrheder seine Bitte vor.

„Nennen Sie mir die Namen der beiden Damen, neben denen Ihre Frau Gemahlin zu sitzen wünscht, und ich werde sofort die Einrichtung danach treffen.“

„Wenn ich die Namen wüßte, mein lieber Freund!“ rief

Franz, indem er seine Verlegenheit unter einem Lächeln verbarg.

„Ich hoffe, sie von Ihnen zu erfahren.“

„Wo befinden sich die Damen?“

„Folgen Sie mir, ich werde sie Ihnen zeigen!“

Die beiden Männer, anscheinend in einem gleichgültigen Gespräche, traten Arm in Arm in die Thür des Seitenkabinets. Die Gesellschaft unterhielt sich, so daß sie die Angekommenen nicht bemerkte.

„Sehen Sie neben meiner Frau die junge Dame im blauen Kleide?“

„Ich sehe sie!“

„Nun diese und ihre Nachbarin meine ich!“

Der Schiffsrheder war ein jovialer Mann; er sah seinen Freund lächelnd an, dann flüsterte er ihm in’s Ohr:

„Miß Belling scheint selbst den Männern, die schöne Frauen haben, den Kopf zu verdrehen! Ihre Gattin, mein Bester, macht eine gefährliche Bekanntschaft!“

„Ich habe Gründe, etwas Näheres über diese Dame zu erfahren. Ehe ich meiner Frau gestatte, sich ihr anzuschließen, möchte ich wissen, wer sie ist.“

„Miß Belling ist eine Amerikanerin von guter Familie,“ antwortete der Rheder, indem er mit dem Banquier aus der Thür zurücktrat, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft nicht zu erregen. Die alte Dame ist Madame Lay, eine Freundin meiner Frau, von der auch die Einladung zum Balle ergangen ist.“

„Und in welcher Beziehung steht Miß Belling zu Madame Lay?“

„Darüber kann ich Ihnen keinen Aufschluß geben, weil ich mich nicht darum gekümmert habe. Aber jedenfalls sind beide Damen respektable Personen, meine Frau würde sie sonst nicht zu unserm Feste gezogen haben.

Ein Diener rief den Hausherrn ab.

„Miß Belling wird neben Madame Soltau sitzen!“ sagte er lächelnd, indem er sich entfernte.

Der Banquier wußte jetzt nicht um ein Haar mehr, als zuvor. Er trat in die Thür und betrachtete Miß Belling: sie war Zug für Zug Sophie Saller. Soltau hätte sein ganzes Vermögen gegen einen Schilling verwettet, daß Miß Belling und Sophie eine Person seien. In diesem Augenblicke blieb ihm Nichts weiter, als sie für die von dem Hausherrn bezeichnete Amerikanerin zu nehmen. Das geheimnißvolle Dunkel, das die schöne Rentenbezieherin umgab, ward immer dichter, und Soltau’s Neugierde natürlich immer größer.

Man ging zur Tafel. Soltau führte seine Gattin. Miß Belling und ihre Begleiterin erschienen am Arme eines schwarz gekleideten Mannes. Die Ordnung der Plätze war, wie sie der Banquier gewünscht hatte: die Unbekannte saß zwischen Madame Soltau und der alten Dame, neben Letzterer nahm der Herr im schwarzen Fracke seinen Platz.

„Philipps,“ flüsterte Soltau seinem Freunde zu, der neben ihm saß, „mir ist, als ob ich den Mann, der Deine Schöne geführt hat, heute nicht zum ersten Male sähe. Kennst Du ihn?“

„Nein; aber ich hoffe, ihn diese Nacht noch kennen zu lernen.“

„Er erinnert mich an den Verkäufer der Lebenspolice.“

„Wahrlich nein! Jener war jünger und hatte braunes Haar – dieser ist schwarz wie ein Italiener. Wir werden ja sehen – in einer Stunde weiß ich mehr.“

Das Souper ging unter gleichgültigen Gesprächen vorüber, und der Ball begann wieder. Soltau tanzte mit seiner Frau einen Walzer. Die Unbekannte erschien am Arme des jungen Agenten Philipps. Man bewunderte allgemein das reizende Geschöpf.

„Henriette,“ flüsterte der Banquier, als er mit seiner Gattin ruhete, „Du hast Dich mit Miß Belling lange unterhalten –“

„Wer ist Miß Belling?“ fragte verwundert die junge Frau.

„Sie war Deine Nachbarin bei Tische.“

„Ach so! Die junge Dame meinst Du. Nun?“

„Was glaubst Du, wer sie ist?“

„Aus der Unterhaltung habe ich sie als eine geistreiche, liebenswürdige Person kennen gelernt. Mehr zu erfahren, war unmöglich, ohne den Anstand zu verletzen. Du kennst ihren Namen, Franz?“

„Ich erfuhr ihn, als ich die Plätze besorgte.“

„Den Interesse an ihr ist eben so groß, als sie schön ist!“

„Du wirst es erklärlich finden, wenn ich Dir sage, daß ich [212] sie für Sophie Saller halte. Ist sie es nicht, so haben beide Personen eine wunderbare Ähnlichkeit.“

„Deine Mündel ist eine mir gefährliche Person, Franz!“

„Fürchte nichts, Henriette; für mich ist meine Gattin das schönste Weib auf der Erde. Mein Interesse für jene Dame ist ein rein geschäftliches. Ich verwalte ja ihr Vermögen.“

Beide Gatten drückten sich zärtlich die Hände wie Liebende, die sich zum ersten Male ein Geständniß gemacht haben. Franz war glücklich, das Gefühl der Eifersucht in seiner Frau, die er anbetete, rege zu finden. Kaum hatte er das reizende Weib nach dem Tanze auf ihren Platz geleitet, als der blonde Elegant, dem Henriette den Tanz versagt, sich ihm näherte, und ihn um eine kurze Unterredung bat. Beide traten in ein Nebenzimmer.

„Sie kennen mich, Herr Soltau?“

„Wenn ich nicht irre, so giebt mir der Herr Advokat Eberhardi die Ehre –“

„Ganz recht, Eberhardi ist mein Name.“

„Und worin kann ich dienen, Herr Advokat?“

„Sie sind Banquier, ich brauche Geld – vielleicht können wir ein Geschäft machen. Der Ballsaal ist zwar nicht die Börse, aber ich möchte die heutige Gelegenheit benutzen, um zu erfahren, ob Sie geneigt sind, mit mir in Verbindung zu treten.“

„Es kommt auf die Natur der Geschäfte an, die Sie mir proponiren werden.“

„Das heißt, auf die Bürgschaft, die ich zu stellen vermag? O, die Sache ist einfach und kurz. Ich glaube, Diamanten haben einen größern Werth als Papiere.“

Soltau sah lächelnd den jungen Mann an.

„Mein Herr, ich bin der Chef eines soliden Bankhauses, und nicht eines credit mobilier oder einer Leihanstalt. Wenn Ihre Diamanten gut und echt sind, so kann es Ihnen nicht schwer werden –“

Verzeihung, der Werth solcher Dinge ist imaginär, die Anschauung des Liebhabers erhöht ihn. Jeder Andere, außer Ihnen, würde mir auf mein Pfand eine sehr geringe Summe bieten. Ich kann mich nur an Kenner wenden – –“

„Glauben Sie denn, daß ich Kenner bin?“ rief Soltau lachend.

Der Advokat zeigte dem Banquier einen Ring, dessen Diamanten er im Kerzenlichte spielen ließ.

„Vielleicht für dieses Kleinod?“ fragte er mit einem höhnenden Lächeln. „Sehen Sie sich ihn näher an, und machen Sie Ihr Gebot.“

Dann drückte er ihm den Ring in die Hand. In diesem Augenblicke trat der schwarz gekleidete Herr, der Miß Belling zu Tische geführt hatte, hastig den beiden Männern näher; aber er kam dennoch zu spät, um zu verhindern, daß der Ring aus der Hand des Advokaten in die des Banquiers überging.

„Mein Herr, Sie sind ein Schurke!“ zischte er Eberhardi in das Ohr. „Und Sie, Herr Soltau, zweifeln Sie nicht an der Schurkerei dieses Elenden, dem kein Mittel zu schlecht ist, um Geld zu erpressen. Genügt Ihnen meine Versicherung nicht, die Versicherung eines Unbekannten, so urtheilen Sie nicht vorschnell, man wird Ihnen Beweise liefern.“

Nachdem er dem erbleichenden Advokaten einen furchtbaren Blick zugeschleudert, verließ er hastig das Zimmer, in dem sich zufällig keine andern Gäste befanden. Soltau war überrascht einige Schritte zurückgetreten, den Ring in der Hand haltend. Seine Ueberraschung ging in Bestürzung über, als er einen Blick auf das flimmernde Juwel warf: er erkannte den Ring, den er am letzten Geburtstage seiner Frau geschenkt hatte. Er glaubte zu träumen – um sich zu vergewissern, trat er einer Kerze näher: auf der von Steinen umgebenen Platte standen die Buchstaben F. S. Der Ring war nach seiner eigenen Zeichnung von dem Juwelier verfertigt, es konnte also kein Zweifel obwalten. Er wollte sich zu dem Advokaten wenden – der junge Mann war verschwunden.

„Was ist das? Was ist das?“ fragte er sich. „O der Unbekannte hat Recht, er muß Recht haben: Henriette hat diesen Ring verloren, der Advokat hat ihn gefunden, und sucht einen möglichst hohen Finderlohn zu erhalten. Wie aber hat der Fremde diesen Schlich erfahren? Warum war er so erbittert auf den Advokaten?“

Er ging einige Augenblicke durch das Zimmer, um seine Fassung wiederzuerlangen, dann trat er in den Saal. Eberhardi ging rasch an ihm vorüber. Der Banquier eilte ihm nach. In dem Vorsaal traf er den Advokaten, der seinen Mantel und Hut genommen hatte.

„Mein Herr, wenn ich den Worten des Fremden nicht glauben soll, so geben Sie mir Aufklärung! Es ist Ihre Pflicht, daß Sie mir sagen, wie dieser Ring in Ihre Hand gekommen.“

Indem der Advokat sich in seinen Pelzmantel hüllte, gab er kalt zur Antwort:

„Ich habe das Eigenthum, das mir nicht gebührt, zurückgegeben – das Uebrige ist die Sache Ihrer Frau. Was die mir zugefügte Beleidigung anbetrifft, so werde ich meine Maßregeln zu ergreifen wissen.“

„Wo ist der Fremde?“

„Wenden Sie sich an Madame Soltau; sie ist ohne Zweifel besser unterrichtet, als ich!“

Der Advokat grüßte flüchtig, verließ den Vorsaal, und eilte die Treppe hinab. Auf der Straße bestieg er einen der Fiaker, die sich vor dem Hause des Schiffsrheders in langer Reihe aufgestellt hatten.

Der arme Banquier lernte zum ersten Male die Qualen der Eifersucht kennen, dieser gräßlichen Leidenschaft, die Alles in den schwärzesten Farben malt. Er suchte sich zwar zu überreden, daß eine so schöne Frau wie Henriette nicht ohne Anfechtung bleiben könne, und daß diese ganze Intrigue ohne ihr Vorwissen eingeleitet sein könne; aber der Funke des Argwohns war einmal entzündet, und er ließ sich nicht sofort wieder löschen. Franz besaß zu viel Takt, und er liebte zu aufrichtig, als daß er seine Gattin durch die Aeußerung eines Verdachtes kränken sollte, den aller Wahrscheinlichkeit nach zufällig entstandene Verhältnisse angeregt hatten. Wie er ihr die vor einigen Jahren erlittene Verleumdung verschwiegen, so nahm er sich vor, auch den Vorfall dieses Abends so lange geheim zu halten, bis sich ihm durch sorgfältiges Forschen eine Begründung bieten würde. Und dies konnte ihm ja nicht schwer werden, da er im Besitze des verhängnißvollen Ringes war. Anscheinend ruhig durchstreifte er nun die Säle, um den Unbekannten aufzusuchen. Weder er, noch Miß Belling und ihre Begleiterin waren zu sehen. Als er durch das Zimmer kam, in dem sich die Familie des Hausherrn befand, trat ihm Henriette entgegen.

„Franz, Du bist so blaß,“ sagte sie besorgt. „Dein Aussehen fiel mir auf, als Du eintratest; bist Du krank geworden?“ fragte sie mit zärtlicher Aengstlichkeit.

„Mir ist wirklich nicht recht wohl; der Wein und das Ballgewühl –“

„So fahren wir nach Hause, Franz!“ unterbrach sie ihn rasch. „Du weißt ja, daß ich nur Deinetwegen diese Festlichkeit besuche. Auch ist es zwei Uhr vorüber,“ fügte sie hinzu, indem sie nach der Pendule auf dem Kamine sah – „unser Wagen muß angekommen sein.“

„Gut, so fahren wir nach Hause!“

Soltau ließ sich durch einen Diener nach seinem Wagen erkundigen. Er war angekommen. Trotz des Zuredens zu bleiben, verließen die beiden Gatten die Gesellschaft. Sie hüllten sich in ihre Pelze, bestiegen den bequemen Wagen und fuhren ab.

[221]
VI.
Der Diamantring.

Franz hatte sich in die eine, Henriette in die andere Ecke des Wagens gelegt. Die Ungewißheit über den Ring brannte wie Feuer auf der Seele des armen Banquiers. Um sich zu zerstreuen, sah er nach den schwarzen Wänden der stillen Häuser, an denen sie vorüberfuhren. In dem Augenblicke, als eine Straßenlaterne ihre Strahlen in den Wagen warf, sah er unwillkürlich nach seiner Frau – ruhig, in ihren seidenen Pelzmantel gehüllt, saß sie da, sie schien nachzudenken, und dachte auch vielleicht nach. Franz zitterte bei dem Anblicke dieser schönen, engelgleichen Züge, er zitterte vor einer unheilvollen Aufklärung des seltsamen Geheimnisses. Ihm war, als ob die Last des Argwohns, die auf seiner Frau lag, ihn selbst drücke, und als ob er sie unwillkürlich abschütteln müßte, fragte er:

„Wir haben sehr schnell den Ball verlassen – Du hast doch nichts vergessen?“

Es war dunkel im Wagen, sonst hätte er die Ueberraschung gesehen, die sich in Henriette’s Gesicht malte.

„Nein!“ antwortete sie, und ihre Stimme zitterte ein wenig. „Ich wüßte nicht, daß ich etwas vergessen hätte.“

Das vorige Schweigen trat wieder ein. Mit der Schlauheit der Frauen, die stets die Tugend ein wenig beeinträchtigt, wartete sie auf eine zweite Frage ihres Mannes. Franz hatte sich ruhig gewendet, und setzte seine Betrachtung der Häuser fort; er fühlte, daß er auf diese Weise nicht weiter forschen dürfe, ohne seinen Verdacht zu erkennen zu geben, und den Verdacht gegen seine Frau hielt er für ein Verbrechen an der Liebe. Franz hatte früher durch die Macht seines Geldes einen Geschäftsmann ruinirt, ohne die Tugend seiner Gattin in Zweifel gezogen zu haben.

Henriette hatte keine Ahnung von der Leidenschaft, von den tiefen Empfindungen, die sich unter dem Schweigen ihres Mannes verbargen, und Franz kannte das große Drama nicht, das das Herz seiner Frau zusammenpreßte. Der Wagen trug zwei Ehegatten, die sich gegenseitig anbeteten, die eins in dem andern lebten, aber dennoch durch eine tiefe Kluft getrennt wurden. Sonst saßen sie Hand in Hand neben einander, freundlich plaudernd – heute zum ersten Male hing Jedes seinen Gedanken nach.

Der Wagen hielt an. Franz bot seiner Gattin den Arm, und führte sie in ihr Zimmer. Die Kammerfrau, die sich zur Dienstleistung meldete, ward fortgeschickt; Henriette wollte ihre Nachttoilette allein besorgen. Das Schlafzimmer Madame Soltau’s war ein reizender Ort. Franz hatte ihn erschaffen, indem er seinen zärtlichen Launen gefolgt war, die nicht müde wurden, der Göttin, die er anbetete, einen Himmel auf der Erde zu schaffen. Der Reichthum hatte für ihn einen um so größern Werth, da er ihm die Entwicklung seiner Gefühle gestattete. Franz war stets darauf bedacht gewesen, jene Sorgfalt und Zartheit an den Tag zu legen, welche die Liebe läutert und den Gegenstand derselben reizender macht.

Henriette wußte, wozu sie durch die Sorgfalt ihres Gatten verpflichtet ward; sie suchte ihm das zu sein, was er aus ihr machen wollte. Von wahrer Liebe begeistert, ward sie nie müde, alle jenen kleinen Pflichten zu erfüllen, die eine Frau nicht außer Acht lassen muß, da sie der Liebe stets neuen Reiz verleihen. Henriette betrat ihr Schlafzimmer allein, um ihren Ballstaat abzulegen; als sie wiedererschien, trug sie ein reizendes Nachtgewand. Franz erblickte seine Frau in einem schneeweißen Negligé – die schweren Flechten ihren dunklen Haaren waren leicht auf dem Haupte zusammengelegt. Henriette zeigte sich ihrem Manne schöner, als sie es für die Welt gewesen war. Sie kannte das Geheimniß, sich für die Feste ihres Herzens geheimnißvoll zu schmücken. Heute hatte sie die größte Sorgfalt auf ihre Toilette verwendet; die feine Batistrobe war nachlässig zusammengezogen, die entfesselten Locken der Schläfe fielen auf die schwellenden Alabasterschultern herab. Ihre zarten Füße bekleideten Pantoffeln von rothem Sammet. Ein feines Parfüm entströmte ihrem Gewande.

Als sie eintrat, saß Soltau neben dem zierlichen Bronce-Ofen, in dem ein Feuer knisterte. Er war nachdenkend, und hatte ihren Eintritt nicht bemerkt. Lächelnd und ihres Vortheils gewiß, schlich sie näher, legte ihre kleine weiße Hand auf seine Augen, und flüsterte, indem sie die Spitzen ihrer Perlenzähne an seine Wangen brachte, daß ihr würziger Athem ihn berührte:

„Franz, ist Dir noch unwohl?“

Dann umschlang sie ihn mit dem schönen Arme, als ob sie ihn seinen trüben Gedanken entreißen wollte. Henriette liebte mit ganzer Seele, und diese Liebe gab ihr das ganze Bewußtsein ihrer Macht.

„Nein, mir ist besser!“ murmelte Franz, indem er die rechte Hand seiner Frau ergriff. Er zuckte zusammen, als er den Ring an dem Zeigefinger derselben vermißte.

„Franz, Du bist wirklich krank!“ rief sie besorgt.

Soltau sah sie an: ihr schönes Auge blickte offen und mitleidsvoll auf ihn herab; die lieblichen Züge drückten nur Besorgniß, keine Spur von Befangenheit aus.

[222] „Mein Gott,“ dachte er, und ein stechender Schmerz durchzuckte seine Brust – „wenn dieses Engelsgesicht löge, wenn hinter diesen Blicken ein arglistiges Herz verborgen läge!“

„An was denkst Du, Franz?“ fragte sie ein wenig schüchtern.

„An den Ball!“

„Ah, an Miß Belling!“ rief sie scherzend, indem sie sich auf seine Kniee setzte.

„Du hast Recht.“

„O, ich wußte es.“

„Ich stelle Vergleiche zwischen Dir und ihr an.“

„Und darf man wissen – es ist zwar eine seltsame Frage von einer Frau an ihren Mann – darf man wissen, zu wessen Gunsten diese Vergleiche ausfallen?“

„Sie ist seltsam; aber auch ein Beweis Deines Vertrauens in meine Offenheit.“

„Vorausgesetzt, daß ich nicht so anmaßend bin, außer bei meinem Manne einen Sieg über die gefeierte Schönheit davontragen zu wollen. Du siehst, Franz, daß ich eben so offen bin, als Du.“

Franz drückte sie zärtlich an sich, indem er sagte: „Muß ich Dir denn wiederholen, daß meine Frau den Vergleich, den ihr Mann anstellt, nicht zu fürchten hat? Glaube mir, ich kenne den Schatz, den ich besitze, und jeder Vergleich läßt mich seinen unschätzbaren Werth erkennen.“

„O Franz, ich hätte jene Frage nicht an Dich richten sollen!“

Sie preßte ihre zarten Lippen auf seinen Mund, während sie sich mit beiden Armen an seinen Hals hing. Dann flüsterte sie:

„So hat der Ball sein Gutes gehabt.“

„Aber auch sein Uebel.“

„Für Dich?“

„Nein.“

„Was willst Du sagen, Franz?“

„Man bot mir auf dem Balle einen Diamantring an – ich sollte eine Summe darauf leihen. Hier ist er.“

Er gab ihr den Ring, den er von dem Advokaten erhalten hatte. Henriette verlor ihre Fassung nicht; sie sah den Ring einen Augenblick verwundert an, dann gab sie ihn zurück.

„Fast möchte man glauben, er sei der meinige, Dein Geburtstagsgeschenk, Franz!“

„Ich habe es geglaubt, und glaube es noch!“ antwortete der Banquier, indem er die Steine betrachtete.

„Dann bist Du im Irrthume, mein Freund!“ antwortete ruhig die junge Frau.

„Hier steht mein Name – diese Steine habe ich selbst gekauft – –“

„Das ist seltsam!“

„Henriette, Du hast diesen Ring verloren – Du mußt ihn verloren haben!“ fügte er mit großer Anstrengung hinzu.

„Vorhin, als ich mich auskleidete, habe ich den Ring mit meinen Schmucksachen abgelegt.“

Franz sah bestürzt auf.

„Unmöglich!“ flüsterte er.

Sie erhob sich schweigend und ging in ihr Kabinet. Franz sah ihr mit starren Blicken nach; dann betrachtete er das verhängnisvolle Juwel wieder, von dem er die Ueberzeugung hatte, daß es das Geschenk seiner Liebe war. Er zitterte vor dem nächsten Augenblicke, der Aufklärung bringen mußte. Wie war es möglich, daß Henriette den Ring vorhin abgelegt haben konnte, der sich seit zwei Stunden in seinen Händen befand? Sollte sie sich stellen, als ob sie der Meinung sei, ihn wirklich mit den übrigen Schmucksachen abgelegt zu haben?

„Das ist eine fürchterliche Nacht!“ flüsterte er vor sich hin. „Ich muß die Tugend meiner Frau in Zweifel ziehen, muß sie wie eine Verbrecherin inquiriren!“

Da erschien Henriette wieder; schweigend und mit ruhigen Mienen überreichte sie ihm ihren Diamantring. Der bestürzte Franz hielt zwei Ringe in der Hand, die sich so täuschend ähnlich sahen, daß er nicht zu unterscheiden vermochte, welchen von beiden er zuletzt empfangen hatte.

„Henriette,“ murmelte er, „an Wunder kann ich nicht glauben – hier liegt eine arge Mystifikation zum Grunde.“

„Mir scheint, man will das Glück unserer Ehe zerstören!“ flüsterte sie bewegt.

„Du hast Deinen Ring nie vermißt, Henriette?“

„Nie! Auf welche Weise hast Du den zweiten Ring erhalten?“ fragte sie schüchtern.

„Der Advokat Eberhardi gab ihn mir.“

Er erzählte kurz die Scene mit dem Advokaten und dem Fremden.

„Der Begleiter Miß Belling’s,“ schloß er, „nahm sich Deiner mit einer Wärme an, die mich in Erstaunen setzte. Er sprach von Beweisen, die man mir liefern würde, wenn ich die Schurkerei des Advokaten in Zweifel zöge. Sollte er den Ring gemeint haben, den Du mir so eben gebracht hast?“

„In diesem Falle, Franz, setzest Du eine Beziehung zwischen mir und ihm voraus?“ fragte die junge Frau, indem sie ihn vorwurfsvoll ansah. „Kannst Du es denn nicht über Dich gewinnen, mich so lange ohne Argwohn zu betrachten, bis diese verhängnißvolle Angelegenheit aufgeklärt ist? Ist Deine Liebe zu mir ein leichtes Rohr, das bei jedem Windhauche schwankt? Franz, ich fühle, daß ich diesen Thatsachen gegenüber kein Recht mehr habe, Vertrauen von Dir zu fordern; aber ich bitte Dich darum, indem ich Dir zugleich bei dem Andenken an meine Mutter und bei dem Glücke, das wir bisher in unserer Liebe fanden, schwöre: Deine Gattin hat keinen andern Gedanken, als Dich, sie hat nicht einen Augenblick aufgehört, Dich zu lieben und Dir treu zu bleiben. Mein Vertrauen zu Dir steht so fest,“ fügte sie mit bebender Stimme hinzu, „daß es selbst eine Fluth von Verdächtigungen nicht erschüttern könnte.“

Er stand rasch auf, und drückte sie tief erschüttert an seine Brust.

„Henriette, verzeihe nicht mir, verzeihe meiner unendlichen Liebe zu Dir!“ rief er unter Thränen. „Wenn ich Dich betrachte, muß es mir ja klar werden, daß uns Neid und Mißgunst verfolgen!“

„Warum bleiben wir nicht fern von der Welt?“ fragte sie, nachdem sie zärtlich seine Augen geküßt hatte. „In unserer Einsamkeit sind wir so glücklich, und wir suchen die Welt auf!“

„Meine Eitelkeit, mich an Deiner Seite zu zeigen, ist hart bestraft – vergessen wir diesen Abend, und fliehen wir die tückische, boshafte Welt.“

„Und was wirst Du mit dem zweiten Ringe beginnen?“ fragte sie an seinem Halse.

„Ich werde ihn dem Advokaten mit dem Bemerken zurücksenden, daß er entweder ein Wahnsinniger oder ein Betrüger ist. Und nun gute Nacht, Henriette.“

Der Banquier wollte sich entfernen.

„Franz!“ rief sie noch einmal.

Der Gerufene kam zurück.

„Versprich mir, Dich keiner Gefahr auszusetzen und das Aufsehen zu vermeiden, damit der böse Mensch seinen Zweck nicht erreicht.“

„Fürchte nichts, Geliebte; meine Liebe zu Dir macht mich vorsichtig! Schlafe ruhig, mein Engel – ich habe Alles vergessen, das schwöre ich Dir!“

Nach einer innigen Umarmung trennten sich die beiden Gatten.

„Henriette hat Recht!“ flüsterte Franz vor sich hin, als er sein Zimmer betrat. „Sie liebt mich so rein und aufrichtig, daß der leiseste Verdacht ihre zärtliche Neigung beflecken muß.“

Die junge Frau brach in Thränen aus, als sie allein war.

„Mein Gott, mein Gott,“ rief sie leise aus, „ende bald die schrecklichen Tage der Prüfung und laß meinen armen Mann nicht in dem Meere der Zweifel versinken, das ihn umtobt!“

Dann trat sie zu dem Tische, auf dem die beiden Ringe lagen. Sie ergriff einen davon, betrachtete ihn eine Zeit lang, drückte ihn an ihre Lippen und flüsterte:

„Dies ist der rechte! O wie theuer ist er mir – er soll ferner nicht mehr von meinem Finger kommen!“

Sie steckte ihn auf den Zeigefinger der rechten Hand; den andern verschloß sie in ein Kästchen. Dann löschte sie die beiden Kerzen aus und trat in ihr Schlafgemach, das durch eine Lampe unter blauem Glase matt erhellt ward.

Zwei Minuten später lag sie in den seidenen Kissen ihres Bettes, um bald darauf einem ruhigen Schlafe, dem Schlafe reiner Seelen, in die Arme zu sinken.


[223]
VII.
Der Auferstandene.

Ehe Franz am andern Morgen in das Comptoir ging, betrat er das Zimmer seiner Frau. Es war leer. Leise öffnete er die Thür ihres Kabinets – Henriette lag noch in einem sanften Schlafe. Ihre zarten Wangen waren leicht geröthet, und ein weißes Häubchen suchte umsonst die Locken zu verbergen, die auf die Schultern herabquollen. Durch die rosigen Lippen schimmerten die weißen Zähne wie Korallen. Ihr leises Athmen war kaum zu vernehmen.

„Die Schöpfung lügt nicht!“ dachte der entzückte Banquier. „Eines solchen Schlummers kann sich nur die Tugend erfreuen.“

Unbemerkt zog er sich zurück. Das Gewitter, das gestern den Horizont seines ehelichen Lebens getrübt, hatte seine Liebe erfrischt, wie der Regen die stets der Sonne ausgesetzten Blumen. Und man kann Soltau’s Liebe mit einer solchen Blume vergleichen, denn die Sonne des Glücks hatte sie stets erwärmt, sie bedurfte der Erfrischung eines Gewitterregens. Wie anders betrachtete er heute die Dinge! Er hätte die armen Menschen bedauern mögen, die ihn um seinen Schatz beneideten. Leichten Herzens ging er an die Arbeit. Gegen zwölf Uhr trat Ludwig Lambert in sein Kabinet und gab ihm einen Brief.

„Wer brachte ihn?“

„Ein alter Mann; er wartet im Comptoir auf Antwort.“

Der Banquier erbrach den Brief und las:

„Mein Herr!

„Ein Elender hat es gewagt, die Ehre Ihrer Gattin anzutasten, indem er Ihnen einen Ring überreichte, der einen Schein von Schuld auf sie werfen mußte. Der Zufall hat mich die Fäden des Netzes erkennen lassen, mit dem der Advokat Sie umstrickt. Diese Nacht auf dem Balle kam ich zu spät, um den ersten Angriff auf Ihre Ruhe zu verhindern, aber noch zeitig genug, um Sie den Feind würdigen zu lehren. Sie sehen, ich bin in ein Geheimniß eingeweiht, das unter den wenigen Personen bleiben muß, die es kennen. Der Advokat muß unschädlich gemacht werden, und dies kann nur durch mich geschehen; wollten Sie es unternehmen, Sie würden Ihre Ehre und die Ihrer Gattin auf das Spiel setzen. Der Ring, den er Ihnen gab, ist falsch und die Steine sind unecht. Fragen Sie bei dem Juwelier nach, der den echten und den unechten gefertigt hat. Ich bitte, mir durch Ueberbringer dieses Briefs den falschen Ring senden zu wollen, er soll mir als Waffe dienen, mit dem ich den Advokaten zu züchtigen gedenke. Sollten Sie Anstand nehmen, ihn mir anzuvertrauen, so betrachten Sie die Summe als Kaution, von deren Zinsen Sie Fräulein Sophie Saller die Rente zahlen. Uebrigens forschen Sie nicht weiter nach meiner Person, Sie könnten sonst in den Verdacht gerathen, den Todtenschein eines Lebenden erschlichen zu haben, um seine Lebenspolice zu verwerthen. Es liegt also in Ihrem Interesse, mich durch Ihre Indiscretion und Neugierde nicht zum Leben zu erwecken. Vergessen Sie nicht, daß der Advokat der Bruder des Kaufmanns ist, den Sie vor einigen Jahren ruinirt haben, weil er Ihre Gattin verleumdete. Der Bursche will sich an Ihnen rächen; sein Plan ist so schlau angelegt, daß er endlich nicht nur die Ehre Ihrer unschuldigen, liebenswürdigen Gattin brandmarken, sondern auch den oben ausgesprochenen Verdacht wegen der Lebenspolice auf Sie wälzen und Sie verderben muß. Nur ein Todter kann Ihr Schützer und Ihr Retter sein. Verschonen Sie meinen Boten mit Fragen, und übersenden Sie

den Ring.
Edmund Kolbert.“

     P. S.

„Der Sicherheit wegen verbrennen Sie diesen Brief, wenn Sie ihn gelesen haben.“

Wir unternehmen es nicht, die Bestürzung des armen Banquiers zu beschreiben. Er müßte verblendet gewesen sein, hätte er nicht einsehen wollen, daß hier ein großes, wichtiges Geheimniß obwaltete, in das man ihn wider seinen Willen und selbst unbewußt hineingezogen hatte. Die Angelegenheit mit der Lebenspolice war weder abzuleugnen noch rückgängig zu machen, und wer bürgte ihm dafür, daß der Advokat nicht auf der Spur sei, die zur Entdeckung dieses Geheimnisses führte? Durfte er es wagen, ohne seine Firma zu beflecken, die Sache zur Sprache zu bringen? Sollte er Anlaß zu einer Untersuchung geben, die ihn compromittiren mußte? Oder sollte er voreilig die Plane eines Unbekannten durchkreuzen, der sich später dafür rächen würde? – Der schwarze Ballgast konnte demnach kein anderer gewesen sein, als Edmund Kolbert, und Miß Belling und Sophie Saller waren eine und dieselbe Person. Franz beschloß, dem Unbekannten den Ring zu senden und ihm zu überlassen, den Advokaten, den er allen Grund zu fürchten hatte, unschädlich zu machen.

In dem Comptoir stand der alte Mann, der Bote des Briefs. Er war sehr anständig gekleidet und hatte ernste, ehrwürdige Züge.

„Ich bitte, mein Herr, nehmen Sie einen Augenblick Platz!“ sagte Soltau, indem er an ihm vorüberging.

Der Greis verbeugte sich und nahm den Stuhl, den ihm Lambert gab.

Henriette hatte mit Ungeduld auf ihren Mann gewartet. Sie war ein wenig blaß nach der Ballnacht, aber diese Blässe gab ihrer Schönheit einen wunderbaren Reiz. Franz küßte mit einer unbeschreiblichen Seligkeit seine Gattin, die durch den Brief von allem Verdachte gereinigt war. Die neu entstandenen Verwickelungen galten ihm Nichts gegen das Glück, das er in der Ueberzeugung fand: Henriette’s Liebe hat sich nicht geändert. Beide liebten sich einander zu rein, als daß der zugleich grausame und wohlthätige Eindruck, den die Scene in der verflossenen Nacht ausgeübt, nicht eine Spur in ihrer Seele zurückgelassen hätte, die Jeder mit gleichem Eifer zu verwischen strebte. Sie wetteiferten in der gegenseitigen Annäherung.

„Mein Kind,“ begann er mit einer Zärtlichkeit, die nicht ganz frei von Affectation war, „ich muß Dich an die unglücklichste Stunde unsers gemeinschaftlichen Lebens erinnern.“

„Warum?“

„Man fordert den zweiten, den unechten Ring von mir.“

„O, ich wußte es Wohl, daß er falsch war. Sende ihn zurück, Franz; mich peinigt ein drückendes Gefühl, so lange ich ihn in unserm Hause weiß.“

Sie holte beide Ringe. Franz war ein Kenner – die Verschiedenheit der Steine, die ihm Abends beim Kerzenlicht entgangen, war jetzt bemerkbar. Im Uebrigen war eine täuschende Aehnlichkeit vorhanden.

„Wird ihn der Advokat ferner nicht mißbrauchen?“ fragte sie besorgt, während der Banquier den Ring in ein Papier siegelte.

„Dann werde ich ihm entgegenzutreten wissen!“ antwortete Franz, der seiner Frau den wahren Zusammenhang der Sache verschweigen wollte, um sie nicht zu beunruhigen. „Laß das Frühstück serviren, Henriette, in einer Viertelstunde bin ich wieder bei Dir.“

Er ging in das Comptoir zurück, und übergab dem alten Manne das Papier. Dieser grüßte höflich und entfernte sich. Nach dem Frühstück ging Franz zur Börse. Ergiebige Geschäfte boten sich ihm, ohne daß er sie suchte; es schien, als ob an diesem Tage ein besonderer Glücksstern über dem Banquier schwebte. Philipps war nicht zu sehen, wohl aber bemerkte er in dem Gewühle den Advokaten Eberhardi, der nicht selten die Börse besuchte, um Geschäfte zu machen. Eberhardi war mehr Wucherer und Börsenspekulant, als Rechtsanwalt; seine Praxis war eine moderne: er verlieh Gelder zu hohen Zinsen und hatte Wucherer zu Clienten. Man sagte, daß er sich in einem Jahre ein bedeutendes Vermögen erschunden habe. Diesem Umstande verdankte er seine Anwesenheit auf dem Balle des Schiffsrheders.

Der Advokat schien den Banquier gesucht zu haben. Kaum hatte er ihn bemerkt, so verfolgte er ihn. An einem der großen Pfeiler trafen beide zusammen. Mit der Keckheit, die Haß und Rache verleihen, redete er Soltau an, indem er ihn am Arme ergriff.

„Mein Herr, ich bitte um eine kurze Unterredung, denn ich habe Ihnen nicht nur wichtige Entdeckungen zu machen, sondern auch Erklärungen von Ihnen zu fordern, die Sie mir als Mann von Ehre nicht verweigern können.“

„Wenn Ihre Entdeckungen sich auf einen gewissen Ring beziehen, so muß ich Sie bitten, zu schweigen,“ antwortete Franz.

„Uebrigens werden Sie Ihr Eigenthum, ein nachgemachtes Juwel mit falschen Steinen, durch eine dritte Person zurückerhalten, von der Erklärungen zu fordern Sie mehr Grund haben als von mir.“

Ein bitteres Lächeln verbreitete sich über das Gesicht des Advokaten.

„Fürchten Sie nicht, daß jener Kapitain Belling dem Kriminalgericht entgeht; aber ich möchte nicht gern, daß Madame [224] Soltau an seiner Seite vor den Schranken der Justiz erscheine, die den Verbrechern das Urtheil spricht. Wollen Sie noch, mein Herr, daß ich schweige?“

Der Banquier erblaßte; aber er war stark genug, seine Fassung zu bewahren. Rasch trat er mit dem Advokaten hinter den Pfeiler, dann sagte er mit vor innerer Aufregung halb erstickter Stimme:

„Herr Advokat, ich werde Sie hören; aber jedes Ihrer Worte, das meine Frau beleidigt, haben Sie zu vertreten.“

„Dazu bin ich erbötig!“ rief Eberhardi. „Also hören Sie mich an: Sie haben mich in dem Verdachte, Ihnen gestern Abend einen nachgemachten, falschen Ring überreicht zu haben? Nun gut, so muß ich Ihnen sagen, wie ich in den Besitz dieses Ringes gekommen bin. Vor ungefähr acht Tagen, Abends gegen sieben Uhr, führte mich ein Geschäft in ein Haus der Polstraße, das von Leuten bewohnt wird, über deren Erwerb selbst unsere Polizei nicht im Klaren ist. Ein Advokat darf sich nicht scheuen, auch mit solchen Leuten in Berührung zu kommen.“

„Fassen Sie sich kurz, mein Herr!“,

„Als ich nach beendetem Geschäfte aus der Thür dieses Hauses treten will, kommt athemlos eine Frau an und fragt mich: mein Herr, trägt dieses Haus die Nummer 50? Ich bejahete es. Sie dankte, und betrat die dunkele Hausflur. Gleich darauf höre ich einen leichten Schrei – ich eile zurück, und finde die Frau halb ohnmächtig neben der Treppe; sie hatte sich ohne Zweifel heftig an das Geländer gestoßen, das sie in der Finsterniß nicht sehen konnte. Fast weinend bat sie mich, ich möchte sie die steilen Treppen zum dritten Stocke hinanführen, da sie voraussetze, daß ich in dem Hause bekannt sei. Mitleidig ergriff ich die Hand der bescheiden gekleideten Frau, und zog sie die steile, finstere Treppe hinan. Im ersten Stocke kommt ein Mädchen mit Licht – die Neugierde, welche die kleine, zarte Hand erregt, trieb mich an, meinem Schützlinge in das Gesicht zu sehen – die schwarze Kaputze bedeckte einen wahren Engelskopf. Erröthend wandte sie sich ab, dankte für den geleisteten Dienst, entzog ihre Hand der meinigen, und bat das Mädchen, es möge ihr gegen einen guten Lohn voranleuchten. Beide verschwanden auf der Treppe zum zweiten Stocke. Gleich darauf hörte ich sie die dritte Treppe ersteigen. Das schöne Gesicht hatte auf mich einen um so größern Eindruck ausgeübt, da mir schien, als ob mir die Züge desselben bekannt wären. Offenbar gehörte die Frau einem Kreise an, der den Bewohnern dieses Hauses fern lag. Ich beschloß, ihre Rückkehr zu erwarten, und stieg die Treppe hinab. Nach einer Viertelstunde höre ich Schritte, und meine Schöne kommt die Treppe herab. Ein Mann im Schlafrocke bleibt auf der Mitte der Treppe stehen, um ihr zu leuchten. Von meinem Verstecke aus konnte ich deutlich sein Gesicht beobachten, das sich in dem Lichtkreise der Kerze befand. „Gute Nacht!“ rief sie noch einmal zurück. „Gute Nacht, meine theure Henriette!“ antwortete die Baßstimme des Mannes, der nun mit dem Lichte verschwand. Henriette wollte auf die Straße treten – eine wahre Sündfluth strömte vom Himmel herab. Seufzend blieb sie auf der Schwelle stehen. Ich bot ihr zum zweiten Male meine Dienste an. „Rufen Sie mir jenen Fiaker herbei, der vorüberfährt!“ bat sie mit einer himmlischen Stimme. Nach einer Minute hielt der Fiaker vor dem Hause. Die junge Frau befahl dem Kutscher, sie an die Ecke der W.straße zu fahren. Bereitwillig öffnete ich den Wagenschlag, ergriff ihre Hand und half ihr einsteigen. Sie war so eifrig bemüht, ihr Gesicht vor dem Scheine der Straßenlaterne zu verbergen, daß sie mir hastig ihre Hand entzog, die Kaputze niederriß, leichtfüßig in den Wagen sprang, und die Thür hinter sich zuschlug. Der Fiaker rasselte davon. Ich blieb zwar zurück, hatte aber nicht nur ihr Gesicht noch einmal deutlich gesehen, sondern hielt auch einen Ring in meiner Hand, der sich von ihrem Finger gestreift hatte. Am folgenden Tage hielt ich Nachfrage in dem Hause – man wollte weder von einem Manne im Schlafrocke, noch von einer jungen Frau etwas wissen. Ich mußte also den Ring behalten, dessen Werth ein Juwelier auf tausend Mark schätzte. Gestern Abend erkannte ich in Madame Soltau die Besitzerin des werthvollen Ringes – sie weigerte sich, ihn anzunehmen, und ich bot ihn ihrem Gatten an. Da erschien ein anderer Ballgast, um mich zu beleidigen. Man nannte ihn auf dem Balle den Kapitain Belling; ich aber erkannte in ihm den Mann im Schlafrocke. Das Criminalgericht wird auf die mir zugefügte Beleidigung Antwort geben. Und Sie, Herr Soltau, müssen am Besten wissen, ob Ihre Frau falsche Steine im Ringe trägt.“

Jeder Andere würde dem Advokaten mit derselben Aufmerksamkeit zugehört haben, wie unser Banquier: aber des Gatten Henriette’s mußte sich ein hohes Erstaunen bemächtigen. Jetzt zeigte sich Soltau’s Charakter: die Erzählung versetzte ihn mehr in Erstaunen, als daß sie ihn niedergeschlagen machte. Hier galt es zu unterscheiden und zu richten, und zwar über eine angebetete Frau. Aber er war immer noch mehr Liebhaber als Ehemann, und in dem Chaos von Gedanken, das seinen Kopf durchtobte, hörte er deutlich eine Stimme, die ihm zurief: sie kann nicht lügen, und warum auch sollte sie dich hintergehen?

„Mein Herr,“ sagte er nach einer Pause, „ich habe bereits Gelegenheit gehabt, die echten Diamanten meiner Frau von den unechten jener Person zu unterscheiden, der Sie den Dienst geleistet haben. Sie irren sich, denn als ich den von Ihnen empfangenen Ring zeigte, brachte mir meine Gattin den ihrigen. Einen schlagernden Beweis kann es nicht geben. Ihre Angelegenheit mit dem Kapitain Belling kümmert mich nicht; wollen Sie aber durchaus einen Criminalproceß einleiten, so werde ich mit beiden Ringen vor den Schranken erscheinen, und es wird nicht schwer sein, den Fälscher zu ermitteln. Für Ihre Mittheilungen danke ich Ihnen nicht, denn sie sind eben so falsch wie Ihre Diamanten. Denken Sie an Ihren Bruder, der heute noch bereuet, mich in meiner Gattin beleidigt zu haben!“

Er wandte dem Advokaten verachtend den Rücken und verließ die Börse. Nun suchte er den Juwelier auf, der in einer der angrenzenden Straßen wohnte. Er traf den Mann in seinem Laden. Ohne Umschweife fragte er nach dem Besteller des Ringes. Der Juwelier sah ihn verwundert an.

„Herr Soltau selbst hat mir Auftrag zu der Arbeit gegeben,“ war die Antwort.

„Ich selbst? Seit einem Jahre habe ich Ihren Laden nicht betreten. Wir sahen uns das letzte Mal, als ich den echten Ring bei Ihnen bestellte.“

„Ganz recht, Herr Soltau; den zweiten Ring haben Sie brieflich bei mir bestellt.“

„Ich bitte, zeigen Sie mir den Brief.“

Der Juwelier holte ihn aus seinem Schreibpulte hervor. Mit Erstaunen sah der Banquier, daß seine Handschrift täuschend nachgeahmt war. Hätte er nicht genau gewußt, daß er die Bestellung nicht gemacht, er würde die Schriftzüge für seine eigenen gehalten haben. Selbst die Unterschrift war wie von seiner eigenen Hand.

„Sie sehen,“ sagte der Juwelier, „daß ich in Ihrem Auftrage die Arbeit geliefert habe. Es war mir nicht nur Ihre Handschrift bekannt, sondern auch die Bezugnahme auf die Zeichnung, die Sie mir vor zehn Monaten selbst eingehändigt, mußte mich in dem Glauben bestärken, daß Sie der Auftraggeber seien. Der Schreiber des Briefs spricht von einem Scherze und fordert den Ring so rasch als möglich – einen so theuern Scherz kann sich nur ein reicher Mann erlauben, denn die imitirten Diamanten stehen ziemlich hoch im Preise.“

„Wer brachte den Brief?“

„Ein junger Mann, den ich für Ihren Commis hielt. Derselbe Bote holte den Ring ab, und bezahlte zweihundertfunfzig Mark. Hat man Ihnen vielleicht den Ring mit den echten Steinen betrügerisch vertauscht?“

An einen solchen Betrug konnte Soltau nicht glauben, wohl aber an einen andern.

„Nein,“ antwortete er zerstreut, „das ist es nicht; aber der Scherz ist doch ein wenig kühn. Lassen Sie mir den Brief – ich werde den Schreiber warnen, daß er seine Kunst nicht zum zweiten Male versucht. Noch Eins: würden Sie den Boten wieder erkennen, wenn Sie ihn sehen?“

„Ich glaube, Herr Soltau!“

„Sprechen Sie nicht über die Sache, ich werde sie vorläufig als Scherz nehmen.“

Der Juwelier versprach es.

[233] Der Banquier verließ den Laden des Juweliers und eilte nach Hause. In seinem Kabinette suchte er sich zu sammeln. Es war ihm unmöglich, einen leitenden Faden in der verwickelten Sache zu gewinnen. Sophie Saller, Miß Belling, der Kapitain, Edmund Kolbert, der Mann im Schlafrocke, Henriette und der Advokat – alle bewegten sich wie gespenstige Erscheinungen wirr durcheinander vor seinen Blicken.

„Aber warum, warum das Alles?“ fragte er sich. „Was für einen Zweck verfolgen alle diese Personen? Und Henriette, die mich liebt, was könnte sie veranlassen, ein solches Spiel mit mir zu treiben, das meine Ruhe und ihr Glück untergräbt? O, es ist klar, hier liegt ein Geheimniß zum Grunde, das ich mit großer Vorsicht kennen zu lernen suchen muß. Mein Gott,“ flüsterte er vor sich hin, und der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn – „wenn dieses Geheimniß mit der ersten Verleumdung im Zusammenhange stände, wenn der Kaufmann Eberhardi – –“

Er legte beide Hände vor das Gesicht, als ob er fürchtete, in einen Abgrund zu blicken. Sein streng rechtlicher Charakter sträubte sich, ohne Beweise zu verurtheilen – Henrietten zu verurteilen, der er sein Glück als Geschäftsmann und als Gatte verdankte. Das Vertrauen auf die Tugend seiner Frau gab ihm den Muth und die Stärke, ruhig und vorsichtig zu forschen. Aber wo sollte er beginnen? Er beschloß, dem Zufalle zu vertrauen, und der Zufall ließ nicht lange auf sich warten.

Drei Tage lang ging Alles gut. Der vierte Tag war regnerisch und düster, es lag ein so dichter Nebel in den Straßen der Stadt, daß man nicht fünf Schritte weit sehen konnte. In den Kaufläden brannten um Mittag die Gasflammen, und auch die Börse war erleuchtet, als Soltau sie um ein Uhr betrat. Den Banquier schüttelte ein leichter Fieberfrost; er machte die nothwendigsten Geschäfte ab, bat Philipps, etwa eingehende Aufträge anzunehmen, und trat gegen drei Uhr schon den Rückweg nach Hause an. Das Spiel des Zufalls ist oft so wunderbar, daß man es für die Erfindung eines Romandichters halten möchte, wenn man es erzählt. Der Verfasser kann jetzt leicht in den Verdacht kommen, einen solchen Zufall erfunden zu haben, weil er ihn zur weitern Entwicklung seiner Novelle gebraucht; der Leser kann sich aber versichert halten, daß dieser Zufall eine von den Thatsachen ist, die seinem kleinen Werke zum Grunde liegen.

Bei dem schlechten Wetter, und da er sich nicht wohl fühlte, beschloß Soltau einen Fiaker zu benutzen, der langsam an ihm vorüberfuhr. Er hielt ihn an.

„Wohin?“ fragte der Kutscher.

Franz bezeichnete Straße und Haus, und stieg ein. Indem er sich in die eine Ecke des Wagens warf, berührte seine Hand ein Papier, das auf dem Sitze lag. Er fühlte, daß es ein Brief war. Mechanisch behielt er das Papier so lange in der Hand, bis er vor seinem Hause ausstieg.

„Wer hat vor mir den Wagen benutzt?“ fragte er den Kutscher, der ihm den Schlag öffnete.

„Eine junge Dame, Herr; sie ist ebenfalls hier ausgestiegen und in dieses Haus gegangen.“

Soltau zeigte auf die Thür.

„In dieses Haus?“ fragte er.

„Ja, Herr, in das Haus des Banquiers. Vor kaum einer Viertelstunde ist sie hier ausgestiegen. Ich wollte nach dem Stationsplatze an der Börse fahren, als Sie mich anhielten.“

Franz hatte in der Zeit einen Thaler aus seiner Börse genommen.

„Wo ist sie eingestiegen?“

„Am Steinthore; wahrscheinlich hatte sie den Omnibus verlassen.“

„Nimm diesen Thaler für Deine Nachricht!“

„Danke, Herr!“

Der Banquier hielt keinen Thürsteher, sonst hätte er sogleich erfahren können, wer die angekommene Dame sei. Er ging durch das Comptoir in sein Kabinet, wie er stets nach der Rückkehr von der Börse pflegte. Hier betrachtete er den Brief, den ohne Zweifel die Dame in dem Wagen verloren hatte. Er war versiegelt, aber ohne Adresse. Rasch erbrach Franz das Siegel und entfaltete das Papier: die Schriftzüge Edmund Kolbert’s standen vor seinen Augen. Begierig las er folgende Zeilen: :P. P. „Von einem unerklärlichen Zufalle begünstigt, ist der Advokat unserm Handel mit der Lebenspolice auf die Spur gekommen. Ich habe Dir versprochen, mein lieber Engel, Deinen Mann vor jeder Unannehmlichkeit zu schützen, und es wird geschehen. Du kennst meine zärtliche Liebe für Dich, Du weißt, daß ich für Dich den Tod nicht scheue, daß Dein Glück die Aufgabe meines Lebens ist. Du batest mich, ich möge Dich diesen Abend von dem verabredeten Rendezvous entbinden – es ist mir leider unmöglich. In Deinem und meinem Interesse mußt Du Dich einfinden, und solltest Du den kühnsten Vorwand zu Deiner Entfernung ersinnen. Aber damit es Dir nicht gar zu schwer fällt, habe ich dafür gesorgt,

[234] daß Dein Mann von Philipps eine Einladung für diesen Abend erhält, der er nicht ausweichen kann. Du wirst von sechs bis neun Uhr völlig frei sein. Wähle denselben Anzug, den Du in der Polstraße getragen, und finde Dich Punkt halb acht Uhr bei dem Thurme der Kirche von Sanct Georg ein. Es wacht über Dich Dein
E. K.“ 

Wie vernichtet sank der Banquier auf seinen Sessel. Der Brief trug weder Adresse noch Ueberschrift – aber aus Allem ging hervor, daß er an Henrietten gerichtet war. Demnach hatte der Advokat sie wirklich in der Polstraße gesehen, demnach war ihr Ring in seiner Hand geblieben, und der falsche bei dem Juwelier bestellt, um den echten zu ersetzen. Zu dem Schmerze über diese Treulosigkeit kam der furchtbare Gedanke: der Verleumdung, die der Kaufmann einst ausgesprochen, liegt etwas Wahres zum Grunde. Und Edmund Kolbert ist der hohe Protektor. Wer aber ist Kolbert? Wer aber ist der Kapitain Belling?

„Ich kann es diesen Abend erfahren!“ murmelte er mit einer gräßlichen Bitterkeit vor sich hin. „Wohlan, so will ich die Rolle spielen, die man mir zugedacht hat – Philipps mag seine Einladung senden, ich nehme sie an!“

Während der Banquier in seinem Kabinette auf und abging, fand draußen eine andere Scene statt. Ludwig Lambert kam von einem Geschäftsgange zurück. In dem Augenblicke, als er die hell beleuchtete Hausflur betrat, geleitete Madame Soltau eine junge, elegant gekleidete Dame die Treppe herab. Auf der Mitte der Treppe grüßten Beide sehr artig, und trennten sich. Die junge Dame rauschte die Stufen herab, und trat dem Commis entgegen.

„Sophie!“ flüsterte Ludwig überrascht.

Die junge Dame sah ihn verwundert an. In diesem Augenblicke schlug die Uhr auf dem nahen Nicolaithurme drei.

„Mein Gott, sollte ich mich täuschen?“ stammelte der verwirrte Commis.

„Wen glauben Sie in mir zu sehen?“ fragte sie freundlich.

„Sophie Saller!“

„Sie irren, mein Herr. Eine zufällige Aehnlichkeit täuscht Sie.“

„Nein, das ist nicht möglich!“

„Ich wiederhole es, mein Herr.“

„Sie müssen –“

Die Dame zog ihren schwarzen Schleier über das Gesicht, verneigte sich flüchtig und schwebte, leicht wie ein Sylph, der Thür zu, die Lambert offen gelassen hatte. Ein Fiaker rasselte herbei, und hielt dicht vor der Thür. Lambert eilte der Dame nach, um sie noch einmal anzureden – als er aber auf der Schwelle der Thür ankam, ward der Schlag von innen geöffnet, und zwei Männerarme, deren Hände mit schneeweißen Handschuhen bekleidet waren, empfingen die einsteigende Schöne. Das rasche Wiederzuschlagen der Wagenthür gab dem Kutscher das Signal, er hieb auf sein Pferd, und der Fiaker verschwand in der finstern Straße.

Der verliebte Commis stand einen Augenblick bestürzt da, dann schloß er die Thür, und flüsterte vor sich hin:

„Nein, sie war es nicht; Sophie trägt keinen Sammethut mit Straußfedern und keinen mit Pelz gefütterten Atlasmantel. Auch ist sie mir zu gut, als daß sie mich verleugnen sollte. Sahe ich doch, seit ich sie kenne, in jedem jungen Mädchen meine Sophie, und da diese Dame ihr ähnlicher sieht, als jede andere, ist es natürlich, daß ich mich täuschte. Und was hätte Sophie bei Madame Soltau zu thun? Nein, sie war es nicht; die mit weißen Handschuhen bekleideten Hände sollen mich nicht erschrecken! Diesen Abend werde ich ihr das seltsame Zusammentreffen erzählen.“

Ludwig liebte zum ersten Male, und da er selbst keiner Täuschung fähig war, glaubte er fest an die Redlichkeit seiner Geliebten. Soltau würde ihm gesagt haben: armer Mann, Sie kennen die Frauen nicht!

Mit dem gewöhnlichen Eifer gab sich der Commis seiner Arbeit hin, bis die Stunde der Freiheit schlug. Der Banquier ging um vier Uhr zu Tische. Kein Blick, keine Miene verrieth, was in seinem Innern vorging; er nahm immer noch Anstand, den Stab über seine Gattin zu brechen, die mit einer himmlischen Anmuth den Gatten bei Tische bediente. Sie war ganz Zärtlichkeit, ganz Liebe. Die beiden Gatten hatten den Tisch noch nicht verlassen, als die Kammerfrau einen Brief brachte. Er enthielt die erwartete und gefürchtete Einladung Philipps’. Der Agent schrieb, daß er unwohl sei, und den Freund dringend bitte, ihn um sechs Uhr behufs Besprechung einer wichtigen Geschäftsangelegenheit, die sich bis auf den folgenden Tag ohne Nachtheil nicht verschieben lasse, zu besuchen. Er reichte den Brief seiner Frau.

„Philipps war diesen Mittag nicht auf der Börse,“ fügte er hinzu.

Seine stechenden Blicke ruhten auf Henrietten, während sie las. Ihr schönes Gesicht veränderte sich nicht, sie blieb unbefangen wie zuvor. „Sollte sie um die Sache, nicht wissen, da sie den Brief nicht empfangen hat?“ fragte er sich. Daß sie selbst das Papier in dem Wagen verloren habe, ließ sich nicht annehmen, es mußte demnach eine zweite Dame die Ueberbringerin gewesen sein. Gern hätte er gefragt, ob Henriette Besuch gehabt habe; aber er schwieg, um keinen Verdacht zu erwecken.

„Willst Du der Einladung folgen?“ fragte sie, indem sie das Papier auf den Tisch legte.

„Ich muß wohl. Philipps ist krank und das Geschäft läßt sich nicht aufschieben.“

„Nimm unsern Wagen bei dem schlechten Wetter, Franz.“

„Ja, mein Kind, ich werde den Wagen nehmen.“

„Und wann soll ich ihn senden, daß er Dich zurückholt?“

„Um zehn Uhr! Nun ist sie ganz sicher,“ dachte er. „Es unterliegt keinem Zweifel: die Botin hat ihren Auftrag mündlich ausgerichtet.“

Gleich nach sechs Uhr warf sich Franz in den Wagen, nachdem er unter einer furchtbaren Herzensbeklemmung seine Frau geküßt hatte. Ihm war, als ob er ihre schönen Lippen zum letzten Male berührt, als ob er von einer Verlorenen Abschied genommen hätte. Nur einem Charakter, wie ihn der Banquier besaß, konnte es gelingen, unter so schwierigen Umständen scheinbar die Fassung zu bewahren. Als er allein in der Ecke des Wagens saß, flossen seine Thränen. Doch bald erlangte die Energie seines Willens die Herrschaft wieder, und als der Wagen vor Philipps’ Wohnung hielt, lag der Ernst des Geschäftsmannes auf seinem Gesichte. Der Agent, der wirklich von einem starken Catarrh heimgesucht war, empfing den Freund mit der gewohnten Herzlichkeit. Es lag dem Banquier daran, zu erfahren, ob Philipps ein willenloses Werkzeug Kolbert’s sei, oder ob auch der Jugendfreund eine Rolle in dem großen Drama spiele, dessen Katastrophe er diesen Abend herbeizuführen gedachte. Der Agent schlug ihm wirklich ein Actiengeschäft vor, das, wenn es am nächsten Tage auf der Börse eingeleitet wurde, einen großen und sichern Gewinn versprach. Dieser Vorschlag gründete sich auf Nachmittags eingegangene Depeschen und auf das Sinken gewisser Papiere an der Börse, er war mit einem Worte durch rasch eingetretene Verhältnisse entstanden, daß Franz nicht glauben konnte, der Agent habe darin einen Vorwand gesucht und gefunden. Aber hatte Philipps auf dem Balle nicht gesagt, daß er über den Kapitain Näheres erfahren wolle? Hatte ihn Miß Belling durch ihre Schönheit nicht bezaubert? Und hatte er bis jetzt nicht vermieden, des Gegenstandes auch nur mit einem Worte zu erwähnen? Diese Betrachtungen hielten den Argwohn des Banquiers wach, und er beschloß auch bei dem Jugendfreunde, den man ohne Zweifel durch die reizende Miß Belling zu Allem gefügig gemacht, auf seiner Hut zu sein. Man besprach noch eine Stunde das Geschäft, und Franz, der den Gewinn nicht in Abrede stellen konnte, ging darauf ein, obgleich ihm die Börsenangelegenheiten sehr gleichgültig waren. Was lag ihm daran, große Summen zu gewinnen, da er seinen höchsten Schatz, seine Gattin, verlieren sollte?

Franz sah, daß man Vorbereitungen zum Abendessen traf.

„Ich muß Dich verlassen, Philipps,“ sagte er, „so gern ich den Abend bei Dir zugebracht hätte. Ehe ich Deine Einladung erhielt, hatte ich dem Theaterdirektor, der, wie Du weißt, seine Gelder bei mir deponirt, versprochen, ihn gegen acht Uhr auf der Bühne aufzusuchen. Wir sehen uns morgen an der Börse.“

Philipps gab sich keine Mühe, den Freund zurückzuhalten, denn er wußte, daß der Banquier sein gegebenes Wort hielt. Er ließ durch den Diener einen Fiaker zur Fahrt nach dem Theater bestellen. Die Freunde trennten sich. In der nächsten Straße befahl Franz dem Kutscher, anzuhalten. Er öffnete das Fenster nach dem Bocke zu, und gab dem Roßlenker einen Thaler.

„Ich habe meinen Plan geändert,“ sagte er. „Fahre mich nach der Vorstadt Sanct Georg, mein Freund. Wenn ich klopfe, hältst Du an.“

Der Fiaker schlug den Weg nach der Vorstadt ein. Bei dem ersten Hause derselben hörte der Kutscher klopfen. Der Wagen hielt und der Banquier stieg aus.

[235] „Soll ich warten, Herr?“

„Nein!“

Der Fiaker lenkte um, und fuhr nach der Stadt zurück.


VIII.
Das Rendevous.

Der Abend war so finster, daß man die Vorübergehenden nicht sah, sondern nur ihre Schritte hörte. Die Alleen, die sich in verschiedenen Richtungen nach der Vorstadt hinziehen, waren still; die Flammen der spärlich angebrachten Gaslaternen verbreiteten in der nebelschweren Luft nur einen kleinen Lichtkreis. Franz kannte zwar die Gegend, aber bei der dichten Finsterniß wußte er nicht, wo die Kirche lag. Da erklangen plötzlich zwei Schläge durch die stille Luft: die Glocke von Sanct Georg schlug halb acht. Der arme Banquier bebte zusammen, als ob der schwere Hammer der Uhr seine Brust getroffen hätte. Schaudernd hüllte er sich in den kurzen Pelzmantel und schlug die Richtung ein, die ihm die Uhr bezeichnet hatte. Nach fünf Minuten stand er an dem Portale der Kirche.

Ort und Zeit paßten vortrefflich zu einem Stelldichein, das kein Ohr belauschen durfte. Die nächste Umgebung des stillen Gotteshauses war wie ausgestorben, selbst das Geräusch der Stadt konnte man nicht mehr vernehmen. Eine Frau mußte gewaltige Beweggründe haben, um sich hierher zu begeben, und Franz fragte sich unwillkürlich, warum man diesen unheimlichen und unbequemen Ort gewählt habe. Ihm blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn eine Gestalt huschte an ihm vorüber und verschwand wie ein Gespenst hinter dem nächsten Strebepfeiler der Kirche. Franz drückte sich fest an den Baum, der ihm zur Seite stand.

Zwei Personen befanden sich also auf dem Platze. Sollte Henriette die dritte sein?

Fünf Minuten der gräßlichsten Qual verflossen dem Harrenden, da ließ sich hinter ihm das leise Geräusch von Schritten vernehmen. Die Person, die sie verursachte, war nicht zu erkennen, aber Franz, dessen Kopf wie im Fieber brannte, hielt sie für die leichten Schritte einer Frau. Er hatte sich getäuscht: gleich darauf erschien die Gestalt eines Mannes, die vor dem Portale auf und abzugehen begann. Wer war nun die erste Person gewesen? Der Banquier wartete mit angehaltenem Athem auf die Entwickelung der Dinge.

„Großer Gott,“ dachte er, „ist es so weit gekommen, daß ich bei Nacht und Nebel die Vorstadt besuchen muß, um meine Frau auf dem Verbrechen der Treulosigkeit zu ertappen?“

Unwillkürlich entquoll seiner Brust ein lauter Seufzer. Er erschrak – er hatte seine Anwesenheit verrathen, denn der Mann blieb stehen. Nach zwei Secunden schritt er auf den Baum zu – Soltau, der seiner Sinne kaum noch mächtig war, trat ihm entgegen; er hatte die Vorsicht vergessen, die er beobachten wollte.

„Es ist eine unangenehme Ueberraschung, wenn man statt der Frau den Mann findet!“ sagte der Banquier mit bebender Stimme.

„Und nicht wahr, mein Herr, Sie suchen eine Frau?“

Der Mann schlug schweigend seinen Mantel um die Schultern, und wollte sich entfernen.

„O, mein Freund, so entkommt man mir nicht; ich will wissen, wer die zweite Person bei diesem Rendezvous ist!“

Der Unbekannte bemühte sich, sein Gesicht zu verbergen; Franz aber riß ihm den Mantel ab, packte mit Riesenkraft seine beiden Schultern, und sah ihm in das Gesicht. Die vor Schrecken entstellten Züge des Advokaten Eberhardi grins’ten ihn an.

„Herr Soltau,“ stammelte er, „vergessen Sie Ihren und meinen Stand nicht!“

„Der Advokat!“ murmelte Franz betroffen, indem er ihn fahren ließ. „Gehen Sie, ich weiß genug!“

Eberhardi nahm ruhig seinen Mantel vom Boden auf, und warf ihn um die Schultern.

„Mein Herr,“ sagte er, „mir scheint, Madame Soltau hat Sie abgeschickt, um das zu erfahren, was ich ihr selbst mitzutheilen versprochen habe. Der Gatte hat das Recht, die Geheimnisse seiner Frau zu kennen!“ fügte er höhnend hinzu. „Die schöne Henriette hat eine große Unvorsichtigkeit begangen, wenn sie indiskret gewesen ist; aber ich beklage sie, wenn man sie ertappt hat.“

„Denken Sie besser von meiner Frau, Herr Advokat – sie hat mir Ihre Verfolgungen mitgetheilt!“ flüsterte Franz, der immer noch die Ehre seiner Gattin nicht völlig preisgeben wollte.

„Desto besser!“ lachte höhnend Eberhardi. „Also hat man mich vorsätzlich betrogen. Diese Perfidie will ich mit der größten Offenherzigkeit bezahlen. Herr Soltau, Sie haben mit Hülfe Ihres Vermögens meinen Bruder ruinirt – ich richte Sie mit meiner Wissenschaft zu Grunde. Mein Bruder hat in einer Gesellschaft die Behauptung ausgesprochen, Ihre Frau erfreue sich der geheimen Protektion eines mächtigen Mannes – wohlan, ich bin im Stande, Ihnen juristische Beweise zu liefern.“

„Mein Herr, mein Herr!“ stammelte Franz, den die Wendung der Dinge fast zu Boden warf.

„Hätte die schöne, bewunderte Henriette gewußt, daß ich ihr sagen wollte: Madame Soltau, mir ist jetzt die Quelle bekannt, aus der die Kapitalien Ihres Mannes geflossen, sie würde sicher keinen Stellvertreter geschickt haben.“

„Aus welchem Grunde luden Sie meine Frau zu dieser Unterredung ein?“

„Ich habe mir vorgenommen, offen zu sein, und ich werde es sein. Seit der Geschichte mit dem Ringe habe ich die reizende Madame Soltau näher kennen gelernt, die, als sie vor ihrer Verheiratung noch bei ihrer Tante war, meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Um diese Zeit führte und gewann ich für die Tante einen Prozeß. Es handelte sich um fünfmalhunderttausend Mark, um die Summe, mit der Sie Ihr Geschäft gründeten. Der Prozeß war gegen die dänische Regierung gerichtet, die mit dem Vermögen eines flüchtigen Verbrechers auch das Vermögen Henriette’s confiscirt hatte. Wenn ich sagte, ich gewann den Prozeß, so ist das nicht ganz richtig, Herr Soltau, denn der raffinirteste Jurist würde das nicht ausgerichtet haben, was eine Reise Henriette’s und der Tante nach Kopenhagen ausrichtete. Das Geld wurde zurückgegeben, ohne daß man den Prozeß beendete.“

„In welcher Beziehung stand der Verbrecher zu Henriette?“

„Er war –“

Der Advokat konnte nicht fortfahren, denn in diesem Augenblicke erfaßte ihn eine Hand so kräftig beim Halse, daß ihm die Worte in der Kehle stecken blieben. Die Gestalt eines, in einen Pelz gehüllten Mannes stand vor dem bestürzten Banquier. Der würdige Rechtsanwalt krümmte sich wie ein Wurm an der Eisenfaust dieses Mannes, der sich ruhig, als ob ihn durchaus Nichts behinderte, zu Soltau wandte.

„Mein Herr,“ sagte er, „das, was Sie hier erleben, ist eine Fortsetzung der Infamie, die der Rechtsanwalt – ich will dieses Prädicat noch einmal schänden, indem ich es diesem ausgefeimten Schurken beilege – die der Rechtsanwalt mit dem Diamantringe begonnen hat. Ihre Gattin und Ihre Schwiegermutter sind nie in Kopenhagen gewesen. Daß der Prozeß um Henriette’s Vermögen so rasch gewonnen wurde, ist einzig und allein nur mein Werk. Dieser Bursche – er schüttelte den Advokaten, daß er laut röchelte – dieser Bursche würde ihn im Leben nicht gewonnen haben. Ihre Gattin, Herr Soltau, ist rein wie der Schnee, der in diesem Augenblicke vom Himmel fällt.“

„Aber mein Herr, was für ein Interesse leitet Sie, daß Sie sich zum Protector meiner Frau aufwerfen?“ sagte mit fester Stimme der Banquier, der um jeden Preis Aufklärung erlangen wollte.

„Das Interesse für Sie, Herr Soltau.“

„Für mich? Für mich?“

Der Fremde streckte die rechte Hand, welche den Advokaten hielt, so weit als möglich aus, augenscheinlich deshalb, daß der Geknebelte die Worte nicht verstehen sollte, die er dem Banquier zuflüsterte: „Sie haben die Lebenspolice Edmund Kolbert’s gekauft – Edmund Kolbert ist ein rechtlicher Mann, er duldet nicht, daß Sie für diese Gefälligkeit Undank ernten. Gehen Sie nach Hause, mein Herr, kränken Sie Ihre Gattin nicht durch ungerechten Verdacht, und fürchten Sie diesen Advokaten nicht mehr, der von jetzt an schweigen und zittern wird. Nehmen Sie den Ring zurück, damit er nicht zum zweiten Male gemißbraucht werde. Ich forderte ihn von Ihnen – jetzt bedarf ich seiner nicht mehr, da ich den Advokaten in der Hand halte.“

„Mein Herr, wir müssen uns näher kennen lernen – ich muß mit Ihnen sprechen!“ rief Franz.

„Fordern Sie das nicht, Herr Soltau!“ antwortete schmerzlich die bebende Stimme Kolbert’s. „Sie untergraben den Grund, [236] auf dem Ihr Glück ruht. Die Zeit wird kommen, wo Sie Aufklärung erhalten.“

„Und wer giebt sie mir?“

„Sophie Saller! Ich sage nicht auf Wiedersehen, denn ich muß für Sie wie für die Welt todt bleiben.“

Kolbert verschwand hinter der Kirche, indem er den Advokaten mit sich fortschleppte. Wie träumend hatte Franz einige Augenblicke an seinem Platze gestanden, dann eilte er dem Fremden nach. Die Finsterniß war so dicht, daß er Nichts unterscheiden konnte. Er blieb stehen, um sich zu orientiren: da hörte er in der Entfernung Schritte, die sich rasch entfernten. Das Geräusch dieser Schritte wurde von zwei Personen verursacht. Er verfolgte die Richtung, aus der das Geräusch kam – bald stand er an dem Ufer des breiten Alsterbassins. In dem Augenblicke, als er ankam, stieß ein Kahn ab, er hörte es an dem Rauschen der Ruder und dem Geklirr der Kette. Dann sah er, als er seine Sehkraft anstrengte, einen dunkeln Gegenstand auf der Wasserfläche verschwinden. Nach einer Minute war die Gegend wie ausgestorben. Franz suchte und fand den Rückweg. Als er von Schnee und Regen durchnäßt sein Zimmer betrat, schlug es zehn Uhr. Ein Fieberfrost schüttelte ihn; aber er erhielt sich aufrecht, um noch eine Stunde bei seiner Frau zuzubringen, deren Ruhe er nicht stören wollte.



IX.
Die Lösung.

Am fünfzehnten December mußte Sophie Saller erscheinen, um ihre Rente in Empfang zu nehmen. Es war dies also der Tag, der Franz Aufklärung bringen, der ihn von der furchtbaren Herzenslast befreien sollte. Der Entschluß stand in ihm fest, bis zu diesem Termine in Geduld auszuharren, dann aber mit kräftiger Hand den Schleier zu zerreißen, der so geheimnißvoll über seiner Gattin lag. Der Banquier hatte Mitleid mit Henrietten, denn er sah, wie auch sie kämpfte, er sah, mit welcher Ueberwindung sie die Ruhe und Freundlichkeit erkünstelte, die sie ihm zeigte.

„Warum darf ich nicht wissen, was Dich bedrückt?“ hatte er sie einmal gefragt. „Bin ich nicht Dein Gatte, der Alles mit Dir zu tragen bereit ist?“ – „Franz,“ hatte sie ihm geantwortet, „fordere nicht, daß ich über fremdes Eigenthum verfüge, und das Geheimniß, nach dem Du fragst, ist nicht mein Eigenthum. Ich gäbe Viel, Alles darum, wäre es mir vergönnt, den Zustand Deiner Unruhe und Besorgniß um einen Tag, selbst um eine Stunde zu verkürzen. Habe Geduld, und vertraue Deiner Gattin, die für Dich lebt und stirbt.“

„Ich werde Geduld haben,“ murmelte Franz – „bis zum fünfzehnten December!“

Er begrub sich in seine Geschäfte, um den Geist von der verhängnißvollen Angelegenheit abzulenken, und mied es, Nachforschungen anzustellen. Aber wie die geheimnißvolle Hand das Dunkel um ihn gewoben, so schien dieselbe Hand es ohne seine Mitwirkung lichten zu wollen. Vierzehn Tage nach dem Rendezvous bei der Kirche verbreitete sich das Gerücht, der Advokat Eberhardi sei in seiner Wohnung erhängt gefunden, und es unterliege keinem Zweifel, daß er selbst Hand an sich gelegt, da er auf dem Tische die letzte Bestimmung über sein Vermögen hinterlassen habe. Den Grund, der ihn zu dem Selbstmorde getrieben, kannte man nicht.

„Sollte man einen Zeugen aus der Welt geschafft haben?“ fragte sich Franz mißtrauisch. „Welche furchtbare Gewalt schwebt über mir und meiner – vielleicht schuldigen Frau!“ fügte er schaudernd hinzu. „Und das Alles eines Vermögens wegen, das mich unglücklich macht! O, wie gern wäre ich der einfache, geplagte Commis geblieben, hätte ich mir meine Henriette bewahren können!“

Am folgenden Tage erhielt er durch die Stadtpost ein Zeitungsblatt unter Kreuzcouvert. Es war die neueste Nummer des Hamburger Correspondenten. Als er das Blatt öffnete, fand er einen Artikel mit Rothstift angestrichen, und aus den eingeklammerten Zeilen trat ihm der großgedruckte Name „Edmund Kolbert“ entgegen. Begierig las er folgenden, von London datirten Artikel:

„In diesen Tagen hat die Kings-Bench einen zugleich wichtigen und merkwürdigen Prozeß beendet, der seit beinahe zwanzig Jahren obschwebte. Im Jahre 1831 ward der sehr ehrenwerthe Lord Brougham durch Gift ermordet. Der Verdacht dieser schändlichen That fiel auf einen jungen Marine-Offizier, der mit der einzigen Tochter des edeln Lords, Jenny, heimlich ein zärtliches Verhältniß unterhielt. Lord Brougham, ein strenger Mann, billigte dieses Verhältniß nicht, und sandte die Tochter zu seinem Bruder, der in Deutschland ein Consulat verwaltete. Edmund Dudley, der Liebhaber, gerieth in Verzweiflung, drang in das Landhaus des Lords, und verlangte den Aufenthalt des Mädchens zu wissen, mit dem er, wie er sagte, vor Gott verlobt sei. Der Vater ließ den Verwegenen durch seine Diener zur Thür hinauswerfen. Einige Tage nach diesem Vorfalle verschied der Lord, und die Aerzte constatirten eine Vergiftung, die dadurch verübt, daß man Arsenik in die Karaffe geworfen, aus der der Lord das Wasser trank. Nach der angestellten Untersuchung konnte kein anderer der Giftmischer gewesen sein, als der verzweifelnde Liebhaber, der die Geliebte von der Tyrannei des Vaters befreien, ihr aber auch zugleich das große Vermögen erhalten wollte, da sie die einzige Tochter war. Edmund Dudley ward in dem Augenblicke ergriffen, als er sich nach Deutschland einschiffen wollte. Man brachte ihn in das Criminalgefängniß, und machte ihm den Prozeß. Nach einem Jahre verschwand der Angeklagte, gegen den keine Beweise aufzubringen waren, auf eine unerklärliche Weise aus dem Gefängnisse. Alle Bemühungen, ihn aufzufinden, blieben vergeblich, und das Untersuchungsverfahren mußte ruhen. Da auch die junge Lady aus dem Hause ihres Onkels verschwunden war, hatte man allen Grund zu der Annahme, daß die beiden Liebenden zusammen die Flucht ergriffen hätten. Das große Vermögen des Lords ward von dem Staate verwaltet. Die Aufforderungen an die Erbin blieben erfolglos. Im Jahre 1847 starb der Consul Brougham, der Bruder des Vergifteten, in Kopenhagen, wohin er sich aus Deutschland zurückgezogen hatte. Sein Vermögen, das aus fünfmalhunderttausend Mark bestand, hatte er der Tochter eines gewissen Edmund Kolbert vermacht, der ihm in Berlin bei einer Feuersbrunst das Leben gerettet. Der Consul war aus Dankbarkeit der Pathe des jungen Mädchens geworden. Als Henriette Kolbert das Vermögen ihres verstorbenen Pathen in Kopenhagen erheben wollte, machte man ihr Schwierigkeiten, da ihr die Legitimationspapiere fehlten, und es ergab sich, daß sie eine uneheliche Tochter Kolbert’s war. Es entspann sich ein Prozeß, der dadurch zu ihren Gunsten ausfiel, daß sie endlich den Trauschein ihrer Eltern brachte. Aus diesem Scheine nun ergab sich, daß die Mutter keine andere war, als jene Lady Jenny Brougham, die seit der Vergiftung ihres Vaters verschwunden war. In Kopenhagen wußte man um das Verbrechen nicht, und zahlte ihr die Erbschaft aus. Wiederum vergingen einige Jahre, da schrieb der Advokat E. aus Hamburg der Kings-Bench in London, daß Edmund Kolbert wahrscheinlich Edmund Dudley sei, da er sich mit Jenny Brougham verheirathet habe. Die Nachforschungen begannen von Neuem zunächst bei dem holsteinischen Prediger, der die Liebenden getraut und ihnen den Trauschein ausgestellt hatte. Der Pfarrer Lambert, der sich bei der Erhebung der Herzogthümer gegen Dänemark betheiligt, war seines Amtes entsetzt und verschwunden. Schon glaubte man dem vermeintlichen Verbrecher auf der Spur zu sein, als man durch den Globe erfuhr, Edmund Kolbert sei in Berlin gestorben, nachdem er seine Lebenspolice verkauft habe. Auch Jenny war nicht mehr am Leben, man sandte ihren Todtenschein von Hamburg ein, wo sie in dürftigen Verhältnissen gestorben war. Wem gebührt nun das große Vermögen des vergifteten Lords? war die Frage. Die Kings-Bench entschied für Confiscation, da Edmund und Jenny ungerechtfertigt gestorben seien. Da erschien zu Anfang des November ein Mann vor dem Tribunale, den das Gewissen trieb, sich als den Mörder des Lord Brougham zu bekennen. Er war der Kammerdiener des Verstorbenen gewesen, und hatte, in der Meinung, sein Herr werde ihm ein großes Legat für treu geleistete Dienste aussetzen, das Gift in die Karaffe geworfen. Er hatte die Ausführung des Verbrechens in dem Augenblicke gewählt, wo der Verdacht auf den verzweifelnden Liebhaber fallen mußte. Man ist neugierig, wer sich als die Erbin des Vermögens legitimiren wird, das jetzt aus mehr denn einer Million Pfund Sterling besteht.“

Dem armen Banquier schwindelte der Kopf als er diesen Artikel gelesen hatte. Er las ihn zum zweiten, zum dritten Male. Das also war das Familiengeheimniß, das ihm so großen Kummer bereitet hatte. Wie Schuppen fiel es von seinen Augen. Alle [237] Intriguen des Advokaten lagen enthüllt vor ihm. Die Mutter Henriette’s hatte also jene Reise, die man ihm als verdächtig geschildert, nur unternommen, um sich mit Kolbert trauen zu lassen.

Der Verkauf der Lebenspolice war deshalb eilig geschehen, um den Tod Kolbert’s, der den erneuerten Nachforschungen entgehen wollte, festzustellen. Und der Pastor Lambert – wohnte er nicht in Hamburg? War der würdige Mann nicht der Onkel seines ersten Commis? Er hatte den vertriebenen Prediger nie gesehen, aber er kannte das verwandtschaftliche Verhältniß desselben zu Ludwig.

Er wollte den Commis rufen, dieser aber trat in das Kabinet.

„Fräulein Sophie Saller!“ kündigte er mit bebender Stimme an.

Soltau warf einen Blick auf den Wandkalender; er zeigte den fünfzehnten December an. Rasch trat er in das Comptoir, wo das junge Mädchen wartete. Statt sie in das Kabinet zu führen, führte er sie in das Zimmer seiner Frau. Sophie sank Soltau’s Gattin weinend an die Brust.

„Was ist Dir, Schwester?“ rief Henriette erschreckt.

„Begleite mich, ohne Zögern! Aber auch Sie, Herr Soltau, dürfen in den letzten Augenblicken unsers armen Vaters nicht fehlen.“

„Wie, Edmund Dudley liegt krank?“ fragte bestürzt der Banquier.

„O, säumen Sie nicht, es könnte zu spät werden!“

„Franz, wie ist Dir dieser Name bekannt geworden?“ fragte Henriette.

Er überreichte ihr, statt der Antwort, das Zeitungsblatt.

„Lies, lies, mein herrliches Weib, und Du bedarfst meiner Erklärung nicht. Ich gehe, um unsern Wagen anspannen zu lassen und Ludwig Lambert Aufträge für die Börse zu geben.“

Franz eilte aus dem Zimmer. Henriette las mit bebender Stimme den Zeitungsartikel vor. Sie kannte den Verdacht, der auf ihren Eltern lastete, nicht aber die Lösung des Prozesses.

„Mutter, Mutter,“ rief sie laut schluchzend, „warum hat Dir der Himmel nicht noch einige Jahre geschenkt, daß Du den heutigen Tag erleben konntest! Du bist zwar stets von der Unschuld meines armen Vaters überzeugt gewesen; aber daß er nicht vor der Welt gerechtfertigt war, hat Dich mit tiefem Kummer erfüllt. Aber auch ich habe viel, viel gelitten!“

Eine weitere Erklärung der beiden Schwestern war nicht möglich, da Soltau eintrat. Henriette ergriff Pelz und Hut. Am Arme des Banquiers stiegen beide Frauen die Treppe hinab. Vor der Thür hielt der Wagen.

„Wohin fahren wir?“ fragte Soltau, als die beiden Frauen eingestiegen waren.

Sophie bezeichnete Haus und Straße in der Vorstadt Sanct Georg. Franz gab dem Kutscher Anweisung, stieg ein, und der Wagen rollte davon. Nach einer Viertelstunde hielt er vor demselben Hause, vor dem Ludwig Lambert Sophie gesehen hatte. Man stieg aus, und eine Minute später betraten die drei Personen ein freundliches Zimmer des ersten Stocks. Ein alter Mann empfing sie. Der überraschte Soltau erkannte den Boten, der den unechten Ring im Auftrage Edmund Kolbert’s von ihm abgeholt hatte. Sophie stellte den Greis als den Pastor Lambert vor.

„Leider muß ich mich Ihnen bei einer traurigen Gelegenheit zu erkennen geben,“ sagte bewegt der Greis. „Der Arzt hat den Ausspruch gethan, daß Herr Kolbert nur noch wenige Minuten leben wird.“

In diesem Augenblicke ließ sich ein lautes Weinen vernehmen. Als der Pastor und der Banquier in das angrenzende Schlafzimmer traten, lagen die beiden Schwestern vor dem Bette des todtblassen Kolbert schluchzend auf den Knieen. Der Kranke streckte dem Banquier die Hand entgegen.

„Sie kennen mich?“ fragte er mit matter Stimme.

Und dabei umschwebte ein schmerzliches Lächeln seine bleichen Züge.

Soltau erkannte den Verkäufer der Lebenspolice.

„Mein Herr, wir sahen uns an dem Tage auf der Börse –“

„Wo ich Ihnen meine Lebenspolice verkaufte?“ fragte Edmund. „Und dann auch auf dem Balle, wo Sie den Kapitain Belling kennen lernten. Herr Soltau, Sie haben das Zeitungsblatt [238] erhalten, das Ihnen mein würdiger Freund, der Pastor Lambert zusandte?“

„Ja, mein Herr!“

„Dann habe ich Ihnen wenig noch zu eröffnen, ehe ich die Augen schließe.“

„Um Gottes willen, Vater, was ist geschehen?“ rief Henriette.

„Du wirst Alles erfahren, mein theures Kind, wenn Du mich ruhig anhören willst.“

Mit Hülfe Sophie’s richtete sich der Kranke mühsam empor; dann begann er mit schwacher Stimme:

„Ich werde es nicht versuchen, meine Person zu rechtfertigen, denn Sie können Alles ermessen, Herr Soltau, weil Sie lieben. Ach, auch ich liebte, ich liebte wie Sie, mit der ganzen Kraft eines jugendlichen Herzens. Und Jenny, Henriette’s und Sophie’s Mutter – Sie haben sie gekannt, mein Herr – war sie nicht ein Engel an Liebe und Güte? Wir beteten uns an, und durften uns nur heimlich sehen, weil die Welt den vermeintlichen Giftmischer ausgestoßen hatte. In meinen Kindern lebte dieser Engel fort; aber auch des Vaters furchtbares Geschick würde sich auf sie übertragen haben, wenn ich nicht wie eine zweite Vorsehung über sie gewacht hätte. Diese Pflicht fesselte mich an das Leben, denn ich hatte die Hoffnung aufgegeben, meine Unschuld je entdeckt zu sehen. Als die Mutter meiner Kinder gestorben war, erzitterte ich vor dem Gedanken: was wird aus Henriette? Kann sie ohne Schaam sich an die Brust ihres Mannes werfen? Kann Sophie einst dem Geliebten die Hand reichen, ohne erröthen zu müssen? Kolbert starb in den Augen der Welt, aber er lebte fort, um eine schützende Mauer um seine Kinder zu bilden. Der Advokat trat zuerst zwischen Sie und Ihre Gattin. Ein tückischer Zufall spielte ihm Ihren Ring in die Hände, als Henriette mich besuchte. Unser Geheimniß stand auf dem Spiele, und die arme Henriette zitterte, daß die Liebe dessen beeinträchtigt würde, den sie anbetete, dessen Stolz auf seine Gattin sie kannte. Mein ganzes Leben war ja eine Täuschung, und ich nahm zu der des falschen Ringes meine Zuflucht, als ich die Angst meiner Tochter sah, die mir den Werth und die Entstehung des Kleinods mitgetheilt hatte. Henriette besaß einen falschen Ring, ohne es zu wissen, ich hatte ihn ihr als wiedergefunden gegeben. Erst auf dem Balle erfuhr ich, in wessen Händen sich der rechte befand. Der Advokat benutzte ihn, um seine Rache auszuführen. Ich konnte nicht verhindern, daß er einen Angriff auf Sie ausführte. Wäre ich eine Minute früher gekommen, Sie hätten nie erfahren, eben so wenig auch Henriette, daß ein falscher Ring existirte. Glauben Sie mir,“ sagte Edmund traurig, „es kam mir schwer an, Mittel dieser Art zu ergreifen; aber ich hätte noch andere nicht verschmäht, um mein Kind zu schützen.“

Der Kranke war erschöpft, er schwieg einen Augenblick. Soltau ergriff gerührt die Hand seiner Frau, die ihn mit nassen Augen anblickte. Henriette verstand, daß er sie des ungerechten Verdachtes wegen um Verzeihung bat.

„Vater,“ rief Henriette, „Sie haben in meinem Herzen gelesen! Mein ganzes Bestreben war, daß Franz mit Recht auf seine Gattin stolz sein konnte. Ich wußte, was er von mir forderte, und ich wollte ihm Alles gewähren oder sterben!“

„Du warst eine gute Tochter und eine gute Gattin, mein Kind! Doch, ich fühle, daß meine Kräfte rasch schwinden. Mir bleibt noch Einiges Deinem Gatten zu entdecken – hören Sie mich an, Herr Soltau. Die Summe, die Sie für die Police zahlten, brauchte ich zu einer Reise nach England. In Berlin starb wirklich ein Kolbert – er war Gesandtschaftssecretär und mein Freund. Die Versicherungssumme sollte ich seiner Schwester nach London bringen. Da er Edmund Kolbert hieß – denselben Namen hatte ich schon Jahre lang geführt – so beschloß ich, von seinem Tode Vortheil zu ziehen. Durch die Rente stellte ich meine Sophie sicher, und um auch meiner Henriette etwas zukommen zu lassen, schloß ich mit Ihnen den bewußten Kauf ab. Henriette kannte mich, sie hatte mich bei der Trauung gesehen, die deshalb vollzogen worden war, um ihr das Vermögen des Consuls, ihres Großonkels zu verschaffen. Sophie hatte eine Pension verlassen, in der sie von ihrem zartesten Alter an gewesen war. So lange der Fluch auf dem Vater ruhete, sollte sie ihn nicht kennen lernen; sie sollte lieber eine Waise bleiben, als die Tochter eines Giftmischers werden. Ich reis´te nach London, theils um dem Auftrage meines verstorbenen Freundes zu genügen, theils um nach dem Stande meines Prozesses und nach dem Vermögen meiner Frau zu forschen. Als Kapitain Belling hielt ich mich einige Zeit in London auf. Jetzt erkannte ich, daß eine Vorsehung lebte, an der ich schon gezweifelt hatte. Ich suchte die Schwester Kolbert’s auf, eine Wittwe Lay: sie erkannte in mir den unglücklichen Edmund, und ich erkannte in ihr die Erzieherin meiner armen Jenny. Unser Wiedersehen war ein schmerzliches. Die gute Frau hing noch mit so großer Liebe an ihrer Schülerin, daß sie beschloß, mich nach Hamburg zu begleiten, um die Kinder Jenny’s kennen zu lernen und der verlassenen Sophie Mutter zu sein. Sie können sich denken, mit welcher Freude ich diesen Entschluß aufnahm. Nun machte sie mir wichtige Entdeckungen. Von jeher überzeugt, daß ich den Mord nicht begangen, hatte sie die Domestiken des alten Lords beobachtet. William, der Kammerdiener, ein habsüchtiger Mann, hatte durch sein gedrücktes, scheues Wesen ihren Verdacht erregt. Wir schrieben ihm einen anonymen Brief, in welchem wir ihn geradezu des Verbrechens beschuldigten, und ihn aufforderten, sein Seelenheil zu wahren, was nur dadurch geschehen könne, daß er den Verdacht von den Häuptern zweier Unschuldigen wälze, die ihn vor Gott verklagten. Wir riethen ihm, die Schwere seines Verbrechens zu lindern, indem er dem Tribunale schriftlich die Wahrheit anzeigte, und England verließe. Da dieser Brief keine Wirkung zu haben schien, so folgte ich dem Drange meines Herzens, und reis’te mit Mrs. Lay nach Hamburg zurück. Nun entdeckte ich mich der armen Sophie und gab ihr in meiner Reisegefährtin eine Mutter. Ich miethete unter dem Namen Kapitain Belling dieses Haus, in dem Sophie zeither ein Stübchen bewohnt hatte. Dieses Haus nun gehört dem Schiffsrheder Herrn S. Madame Lay wurde mit Madame S. bekannt, und so kam es, daß wir zu dem Balle geladen wurden, auf dem Henriette die Erzieherin ihrer Mutter kennen lernte.

„Die übrigen Vorgänge kennen Sie, – mir fehlt die Kraft, Ihnen mehr zu sagen – aber was ich bisher gesagt, wird Ihnen den Schlüssel zu den Räthseln geben, zu dem Geheimnisse, das auf der Familie Ihrer Gattin lastete. Ich bin schwer verwundet – durch einen Schuß des Advokaten – mit dem ich in Folge der Unterredung an der Kirche – ein Duell hatte. Er kannte bereits aus den Zeitungen meine Unschuld – als wir uns auf dem Kampfplatze einfanden. O, meine Kinder, nun sterbe ich zufrieden, denn Ihr könnt mich vor der Welt Euren Vater nennen, ohne vor Schaam erröthen zu müssen. Und Dir, Jenny, verklärte Dulderin, Dir habe ich den Eid gehalten – den ich Dir in Deiner letzten Stunde geschworen – unsere Kinder beweinen den Vater, der von jeder Schuld frei ist!“

Edmund sank in das Bett zurück. Nach einigen Augenblicken jedoch erhob er sich wieder mit großer Anstrengung. In seinem Gesichte war eine auffallende Veränderung vorgegangen: die Augen glühten seltsam, und die Blässe war bläulich geworden.

„Herr Soltau,“ fragte er leise, „darf ich Sie jetzt meinen Sohn nennen?“

Der bewegte Banquier war keines Wortes mächtig; er ergriff die Hand des Sterbenden und drückte sie mit Innigkeit an seine Lippen.

„Vater meiner angebeteten Henriette!“ stammelte er endlich.

„Ich werde stolz sein, mich Ihren Sohn nennen zu dürfen!“

„Dann vergessen Sie meinen alten Freund nicht!“ sagte Edmund, indem er zu dem Pastor hinüberblickte. „Dafür, daß er den Eltern Ihrer Gattin den kirchlichen Segen gegeben, hat er sein Amt eingebüßt. Die Denunciation ist von dem Advokaten ausgegangen.“

„Verzeihen wir ihm,“ sagte der würdige Pfarrer; „er wandelt ja nicht mehr auf der Erde!“

„Ist er todt?“ fragte der Kranke.

„Er hat sich selbst entleibt; seine Sophismen waren nicht mächtig genug, um das schwer belastete Gewissen zu beruhigen.“

„Mein Gott, mein Gott!“ rief Edmund, indem er die Arme ausbreitete.

Der letzte Todeskampf begann. Nach einer Viertelstunde war Edmund verschieden.

„Herr,“ betete der Pfarrer, „nimm seine Seele gnädig auf!“


Noch an demselben Tage überreichte Pastor Lambert dem Banquier die Papiere, die zur Erhebung des Vermögens in London erforderlich waren; Edmund hatte sie ihm vor dem Duelle anvertraut. [239] Am dritten Tage bestattete man zwei Leichen: auf dem Friedhofe der Vorstadt Sanct Georg unter feierlichem Gepränge Sir Edmund Dudley, wobei Pastor Lambert an dem Grabe des Freundes eine erhebende Rede hielt – und auf einem Friedhofe der Stadt in der Morgendämmerung den Advokaten Eberhardi, den man als einen Selbstmörder in einem Winkel verscharrte. Ihm ward keine Thräne nachgeweint, es waren ihm im Leben genug geflossen: die Thränen der armen Menschen, die er an den Bettelstab gebracht hatte. Wie sich später ergab, hatte er sein bedeutendes Vermögen in einer großen Spekulation verloren, und da er außerdem in eine Criminaluntersuchung verwickelt war, glaubte man die Gründe seiner letzten und einzigen ersprießlichen Handlung erkannt zu haben.

Drei Monate später kam Franz von London zurück; er hatte das enorme Vermögen Henriette’s und Sophie’s erhoben. Der Kammerdiener William war wahnsinnig im Gefängnisse gestorben, nachdem er zuvor ein offenes Bekenntniß seiner That abgelegt hatte.

„Und was wird nun mit unserer Sophie Saller?“ fragte Franz seine Gattin eines Tages, als sie im traulichen Gespräche die Leidensgeschichte ihrer Ehe recapitulirt hatten.

„Sie verheirathet sich.“

„Mein Freund Philipps hat sich auf dem Balle in sie verliebt.“

„Sie liebt längst einen Andern.“

„Wen?“

„Unsern Ludwig Lambert. Du siehst, mein lieber Freund, daß die Banquiers in unserer Familie Glück machen. Du bist der Vormund Sophie’s – wirst Du Deine Einwilligung versagen?“

„Knüpfe Du das Band Deiner Schwester, ich werde den armen Philipps zu trösten suchen.“

Ein halbes Jahr später hatte sich die Firma des Bankhauses verändert; man las auf dem Schilde „Soltau und Lambert.“ Die beiden Schwäger waren Associé’s geworden. Der Pastor Lambert lebte bei seinem Neffen, und Madame Lay wartete auf die Enkel Jenny’s, um ihr Amt als Pflegerin und Erzieherin von Neuem anzutreten. Ob die Hoffnungen der guten Frau in Erfüllung gehen werden?

Sophie vergalt ihrem Gatten die kleine Mystifikation, die sie auszuüben gezwungen gewesen, durch das offene Geständniß, daß sie den Schlüssel, der ihre Bekanntschaft eröffnet, mit Fleiß verloren habe.

„Und der Mann im Wagen?“ fragte Ludwig.

„War mein armer Vater, unser Schutzgeist!“