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Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Ein Brief von Gerstäcker
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 575–576
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[575] Ein Brief von Gerstäcker.

An Bord der Anna im stillen Meer.     
4° nördl. Breite. 

Mein lieber guter Freund!

Als ich von Dir Abschied nahm, versprach ich Dir, von unterwegs einmal zu schreiben. – Ich will Dir mein Wort schon von hier aus halten, denn wenn ich meinen Bergsack auch noch nicht geschultert, meine Büchse noch nicht aus ihrem Futteral genommen habe, ist doch schon Manches geschehen, seit wir uns nicht gesehen, worüber ich mit Dir plaudern könnte – jedenfalls werd’ ich’s versuchen.

Als ich die Beschreibung meiner letzten Reise – jener Reise um den Erdball – schloß, geschah es mit den Worten etwa: und der Wandervogel steckt jetzt seine Flügel in die Tasche und ist fest entschlossen, von nun an zu Hause zu bleiben. – Es liegt eigentlich etwas Ironie darin, daß mir diese Worte gerade wieder in der Süd-See einfallen – ein Platz, der doch jedenfalls mit zum „Ausland“ gehört, aber – ich wäre eben kein Wandervogel gewesen, wenn ich hätte von da an so ruhig zu Hause bleiben können, und doch – Gott weiß es – ich bin ungern genug diesmal hinausgegangen. Kommt aber die Zeit, in der ein so unruhiges Blut einmal wieder reif zum „Ziehen“ ist, dann zuckt’s und treibts in den Adern, dann drängt’s und quält’s, und alles Sträuben hilft nichts – man muß fort. Da hab’ ich mich denn auch nicht lange geziert, sondern bin in mein altes Leben und Treiben wieder mitten hineingesprungen – jetzt hab’ ich zu thun, daß ich wieder herauskomme, und damit betäubt man am besten, was sonst dem armen Menschenherzen doch fast zu schwer zu tragen würde – die Trennung von daheim – die Trennung von daheim, ein böses – böses Wort.

Es ist schon ein recht schweres Stück, wenn man sich von den Seinen losreißen muß; wenn die Verhältnisse den Menschen zwingen, seinem Vaterland, seinen Lieben den Rücken zu kehren, und den Wanderstab in die weite Welt hinauszusetzen. Wie weh Einem da um’s Herz wird, ich habe es selber ja erfahren, ich weiß, wie sich’s erträgt. Aber der Mensch hat dann das Wörtchen muß, das ihm über Manches weghilft; und wenn er den Kopf zurückwenden will, geht es eben nicht mehr – er muß, und mit dem Bewußtsein tritt er der Zukunft resignirt entgegen. Anders aber stellt sich das, wenn man nicht gezwungen zu einem solchen Schritt ist, wenn man freiwillig Alles daheim verläßt, was sollst im Stande ist, den Menschen an seine Heimath zu binden, und dabei schon im Voraus genau weiß, welche Entbehrungen, welche Beschwerden, welche Gefahren uns dabei erwarten. Es gehört ein recht fester Wille dazu, dann doch zu sagen: ja! ich thu’s – und es auch wirklich eisern auszuführen. Leicht kann’s auf keinen Fall sein, denn ich halte es für das Schwerste, was ich in meinem Leben ausgeführt, und bin doch gerade nicht immer auf Rosen spazieren gegangen. Jetzt ist aber auch das Schwerste überstanden – der Abschied von daheim, und was nun noch folgen mag von Sonnengluth und Regengüssen, Hunger und Durst und dickköpfigen Indianern, sind eben nur Kleinigkeiten, über die man mit Leichtigkeit hinwegkommt.

Der Reisende selber hat es in der Hinsicht auch wirklich weit besser, [576] als die Zurückbleibenden, denn das Leben draußen, die vielen materiellen Kleinigkeiten, auf die er zu denken hat, nehmen ihn zu sehr in Anspruch, den Schmerz des Abschieds noch lange nachher so tief fühlen zu können, wie die Zurückbleibenden. So lange er noch in einem civilisirten Lande ist, verfolgt er mit dem Geldbeutel, in einem wilden mit der Büchse in der Hand seine Bahn, und – wenn die Abendstunden am Feuer nicht wären. könnte er sogar leichten Herzens durch die Welt fliegen.

Die Abendstunden am Feuer – es ist etwas Wunderbares um so ein Lagerfeuer draußen im Wald, wenn nichts als die Finsterniß eine dichte enge Wand um uns zieht und durch diese hin grell beleuchtete phantastische Baumäste ihre zackigen rauschenden Zweige in diesen Zauberkreis stecken. Die Dämmerstunde daheim ist auch eine Art Lagerfeuer, aber doch nur ein sehr civilisirtes, mag der aufgehende Mond noch so phantastische Schatten durch die Scheiben werfen. Er wirft sie eben durch eine Glasscheibe, und draußen gehen Leute auf der Treppe, unten auf dem Straßenpflaster rollen Wagen, die Magd steckt auch wohl den Kopf in die Thür und fragt, ob man Licht haben will, kurz – wenn man wirklich nicht gestört wird, ist man doch stets in Gefahr gestört zu werden – Eins so schlimm wie das Andere.

Manche lange, lange Nacht hab’ ich so draußen im Wald gelegen, und alle Anzeichen sind jetzt da, daß ich noch manche andere drangen liegen werde. Da arbeitet dann der Geist des Menschen, da gährt’s und kocht’s, da wird’s lebendig in ihm, so still und ruhig Alles draußen ist, und die Erinnerung, des Menschen größter Schatz, die ihm kein Unglück, keine Entfernung rauben kann, führt ihm die liebsten Bilder vor. Wohl dem dann, dem nicht Alles, was ihm lieb und theuer war, nur in der Erinnerung liegt, wohl dem, der auch noch eine Zukunft hat; der er entgegenstreben kann; er wird das Alles leichter, viel leichter überdauern.

Das sind aber Alles eigentlich nur Betrachtungen, mit denen ich Dich nicht länger behelligen möchte. Die besprechen sich auch viel leichter und bequemer, als daß man sie mühsam zu Papier bringt. Eher möchte ich Dir etwas Reelles aus meinem jetzigen Leben bieten, wenn man überhaupt aus einem Zustande, in dem man als Passagier zwischen Himmel und Wasser schwimmt, etwas Reelles bieten kann. Daß wir uns aber in der Wirklichkeit befinden, davon überzeugt uns schon die Royal Steamship Company, die den Preis ihrer Passage nach Pfunden, ich möchte fast sagen Centnern rechnet. Reisen ist überall theuer, nirgends aber theurer als auf Seedampfern, die freilich auch ungeheure Unterhaltung kosten. Ich selber hatte bis dahin noch keinen rechten Begriff davon, denn ich war noch nie auf einem solchen Dampfer gefahren. Denke Dir aber vor Allem, daß der La Plata, mit dem ich von Southampton nach Westindien abfuhr, allein täglich 80–90 Tons Kohlen verbrennt, die Ton zu 2000 Pfd., also eine Masse von 160–180,000 Pfd. täglich, und Du wirft danach viel leichter auf das Uebrige schließen können.

Wer übrigens noch nie auf See war, wird auf einem solchen Dampfer kaum einen Begriff von einer wirklichen Seefahrt bekommen können. Man lebt mehr wie in einem Großen Hotel, um das der Ocean allerdings herumschwimmt, ohne daß Einen dieser aber etwas weiter anginge. Die Bewegung ist dabei sehr mäßig, und wird ja Einer seekrank, so verschwindet er in einer der zahlreichen Kammern und kommt nach einigen Tagen zwar etwas bleich, aber doch sonst wieder ganz menschenähnlich zum Vorschein. Das Schnauben der Maschine geht dabei ununterbrochen, eisern fort, die Räder peitschen die bäumenden Wogen des Oceans, und gegen Wind und Strömung bricht sich der Koloß seine Bahn, – aber das ist Alles nur äußerlich; im Innern bemerkt man nichts davon, und Alles, was sonst eine Seereise interessant macht, verschwindet in dem rasenden Fortgang des Schiffes. Kein Fisch kommt in die Nähe der rauschenden Räder, kein Delphin, kein Bonito, kein Hai, höchstens daß wir einmal ein paar fliegende Fische aus ihrer Ruhe aufscheuchen – keine schwimmende Muschel, keinen Nautilus kann man auffischen, denn der Bootrand ist zu hoch. Das Dampfschiff bietet auch in der That gegen das Segelschiff auf See denselben Unterschied, den auf dem festen Lande die Eisenbahn gegen die gemüthliche Postkutsche zeigt – vorwärts – nur immer vorwärts, und Station St. Thomas, Station Panama – es sind immer nur wenige Minuten Aufenthalt.

Als Antritt meiner Reise ist mir das freilich ganz recht – ich will ja eben rasch in eine fremde Welt, für die Heimkehr aber, wo ich das Erlebte zu verarbeiten habe, werde ich mir wahrscheinlich wieder ein Segelschiff aussuchen, denn in solchem Leben und Treiben kann man seine Gedanken nun und nimmer sammeln.

Auch mit dem Verkehr unter den Passagieren ist es genau so auf einem Dampfer, wie auf der Eisenbahn daheim. Man verkehrt mit dem größten Theil derselben gar nicht und geht Tag für Tag fremd an ihnen vorüber, weil man ja im Voraus weiß, daß man nur wenige Tage mit ihnen zusammen ist – und an der nächsten Station stiebt doch Alles auseinander. So war es auch, als wir in St. Thomas anlegten. Verschiedene Dampfboote legten augenblicklich langseit, die Briefsäcke und verschiedenen Passagiere an Bord zu nehmen. Ein Theil von diesen ging nach Jamaica, ein anderer nach Demerara an der Ostküste Amerikas, ein dritter, und ich mit ihnen, nach Colon, dem Isthmus von Panama, und wenige Stunden später schnaubten wir schon Alle wieder auf unseren verschiedenen Bahnen davon, einander vielleicht im Leben nicht wieder tu treffen.

Ein wunderbares Gefühl war es mir immer unterwegs, diese kleine, für sich abgeschlossene und von jedem europäischen Luxus erfüllte Welt zu sehen, die allem Anschein nach vollkommen sicher und vergnügt ihre Bahn durch die rollenden Wogen verfolgte. In dem prächtigen verzierten Salon bewegen sich die Leute gemüthlich durcheinander, lachen, singen, spielen Karten, erzählen, und ein einziger Stoß von außen, ein einziger Fels im Meer, oder nur der Ruf „Feuer“ durch das erleuchtete Schiff – und welche furchtbare Verwandlung würde der erschaffen! Wohl hängen zahlreiche Boote draußen an Bord, und alle Vorsichtsmaßregeln sind getroffen, auch einer solchen Calamität zu begegnen, wenn sie eben hereinbrechen sollte; aber, du lieber Gott, wie wenig Menschen behalten in einer plötzlich hereinbrechenden Gefahr auch die nöthtige Ruhe, ihr mit kaltem Blute zu begegnen, und mit einer Masse von Passagieren ist es oft nicht möglich, in einem solchen Fall die Ordnung aufrecht zu erhalten. So mag es auch auf der Austria gewesen sein, als der Feuerschrei durch das Schiff dröhnte, und die vor Furcht rasenden Passagiere nach den Booten stürzten. In der Angst, in dem brennenden Schiffe zurückgelassen zu werden, zerstörten sie selber die einzigen Mittel, auf denen sie sich hätten retten können, überfüllten die Boote oder warfen sie selber so unvorsichtig nieder, daß sie gleich von Anfang an Wasser schöpften, und weihten sich selbst dadurch dem Untergang.

Das Alles mag auch uns vielleicht bevorstehen, aber glücklicher Weise kennt der Mensch sein zukünftiges Schicksal nicht. Was auch die Zukunft in ihrem Schooße birgt, es ist für uns noch mit einem dichten Schleier bedeckt, und das leichte Herz des Menschen, die frohe Hoffnung eines glücklichen Gedeihens, die uns fast immer die Seele füllt, hilft uns, daß wir an mancher Klippe und Untiefe unseres Lebens ahnungslos vorüberschiffen. Um das bestätigt zu sehen, brauchen wir auch nicht einmal in See zu gehen, unser einfaches Leben daheim liefert uns hierzu Tausende von Beispielen. Hier aber wie daheim dürfen wir bei einer plötzlich hereinbrechenden Gefahr vor allen Dingen nicht den Kopf verlieren. Hier wie daheim müssen wir unsere Sinne beisammen behalten und ihr fest und kalt entgegentreten – sie hat in dem Falle schon die Hälfte ihrer Furchtbarkeit verloren. Und werde ich selber meine guten Rathschläge befolgen? Ich will es hoffen. Wieder liegt ein bewegtes Leben vor mir – wieder ein ganzer Welttheil, den ich die Kreuz und Quer zu durchwandern gedenke – gebe Gott, daß wir uns im nächsten Jahr so frisch und fröhlich wieder sehen, als wir in diesem von einander Abschied nahmen, und da der alte Gott noch lebt, dürfen wir das ja auch hoffen. Bis dahin aber grüßt Dich herzlich, mein lieber Freund,

Dein alter getreuer
Fr. Gerstäcker.