Textdaten
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Autor: E. B.
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Titel: Drei deutsche Dichter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 446–448
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Hoffmannsthal, Tieck und Tiedge
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Drei deutsche Dichter.

Privatangelegenheiten, nebenbei auch der heimliche Drang, mir das Dresdner Hof- und Residenzleben genauer, als auf flüchtigen Durchreisen, anzusehen, bestimmten mich im Herbst des Jahres 1836, meinen Wohnsitz auf ein halbes Jährchen nach dem lieblichen „Elbflorenz,“ um welchem Namen Dresden schon damals kokettirte, zu verlegen. Der Landtag war um jene Zeit gerade versammelt, unter dessen Mitgliedern ich zwei Freunde, Todt und von Dieskau zählte; auch wußte ich, daß Julius Mosen, einer unserer reichbegabtesten, deutschesten Dichter, mir seit einer Reihe von Jahren lieb und vertraut, in Dresden wohnte, und so war ich gleich für den Anfang meines Aufenthaltes nicht in Verlegenheit, erst nach befreundeten und gleichgestimmten Herzen suchen zu müssen.

Vor Allem lag mir aber daran, die beiden Dichtergreise, die damals in Dresden lebten, Tieck und Tiedge, näher kennen zu lernen, von denen ich den letztgenannten einige Jahre früher (1829) in Leipzig zu sprechen Gelegenheit fand. Obschon ich damals nur wenige Stunden mit dem „Sänger der Urania“ zusammen gewesen, so empfing er mich doch, als ich ihn jetzt aufsuchte, mit einer so wohlwollenden Herzlichkeit, als wären wir schon seit langer Zeit befreundet. Er bewohnte – irre ich nicht, bis an sein Ende – die Räume, in welchen seine im Jahre 1833 entschlafene Freundin, die fromme Dichterin Elisa von der Recke, gewaltet hatte und noch heute sehe ich die gebeugte Gestalt mit den mildfreundlichen dunkelblauen Augen sich auf dem Drehsessel nach dem Eintretenden hinwenden und ihm gütig die Hand zum Willkommen entgegenstrecken. Von der Tapete des Zimmers war kaum etwas zu sehen, so dicht hingen rings an den Wänden Bild an Bild, alles Portraits unserer bekanntesten Dichter und Schriftsteller, meist in Oelgemälden, von Klopstock, Göckingk, Gleim und der Karschin herab bis auf Maltitz, den der Tod auch kurz vorher abgerufen; da schauten sie herab, die Heroen im Reiche der Geister, und es war mir oft, als sähe ich sie herniedersteigen aus ihren goldenen Rahmen in die Mitte dieses heiligen Tempels, wenn der greise Tiedge, von Erinnerungen aus längst verrauschten Jahren erfaßt, über seinen Aufenthalt in Löbichau oder von dem Zusammenleben mit diesem oder jenem Großgeist unseres Volkes erzählte und dann auf seinem Sessel nach der Seite der Wand sich hinwendete oder mit der zitternden Hand und den Worten: „der dort“ nach dem Bilde hinzeigte, das ihm die Züge des Geliebten von Neuem vor das Auge der Seele rief.

Tiedge zählte zu jener Zeit 84 Jahre, aber außer der gichtischen Lähmung seiner Füße und den wenigen weißen Kopfhaaren, die nur kümmerlich sein Hinterhaupt deckten, verrieth nichts solch hohes Greisenalter; das Auge war frisch und freundlich, der Geist ungetrübt und lebendig, ja selbst das Gedächtniß noch wacker und treu. Dabei war sein ganzes Wesen voll Güte und Wohlwollen; ich glaube, er fühlte sich glücklich, wenn er einem Dritten eine Gefälligkeit erweisen konnte. Auch nahm er noch lebendigen Antheil an allen neuen die Zeit bewegenden Richtungen, ja er dünkte sich ein ganzer Liberaler (hier war er wohl von Maltitz angesteckt worden), weil er im Jahre 1832 in seinen „Wanderungen durch den Markt des Lebens“ im ernsten Rückblick auf die Reihe von Jahren, die an ihm vorübergegangen, die Erscheinungen der Vergangenheit und Gegenwart auf dem Felde der Politik und Literatur poetisch, aber vom freisinnigen Standpunkte aus besprochen und dabei Lorbeer- und Dornenkränze (letztere mit gemüthlich zahmer Satyre) vertheilt hatte. Gar häufig brachte er bei meinen Besuchen das Gespräch auf diese „Wanderungen“ und las mir einzelne Stellen aus denselben vor. Im Jahre 1837 sah ich ihn zum letzten Male; als ich später wieder nach Dresden kam, konnte ich nur sein prunkloses Grab besuchen.

Einen durchaus andern Eindruck machte Ludwig Tieck auf mich. Julius Mosen führte mich bei ihm ein. Auch Tieck nahm mich mit zuvorkommendem Wohlwollen auf, aber der ganze Empfang hatte mehr Ceremonielles, ich möchte sagen Hofmännisches, was ich jedoch keineswegs auffallend fand, denn ich durfte füglich nicht verlangen, daß Tieck die wenigen historischen Schriften, die ich veröffentlicht, gelesen, noch weniger, daß sie ihm gefallen hatten. Dennoch war er so freundlich, mich einzuladen, an einem der nächsten Abende eine seiner berühmten Vorlesungen mit anzuhören. Diese Erlaubniß ward später auf alle die bestimmten Abende ausgedehnt, an welchen Tieck einen gewählten Cirkel um sich versammelte und denselben durch seine herrlichen Vorlesungen unterhielt. Es ist von kundigeren Federn bereits so viel über diese Tieck’schen Abendunterhaltungen geschrieben worden, daß ich mich kurz darüber fassen kann. Wie andere Menschen zur Erholung spazieren gehen, um Kraft zu neuem Tagewerk zu schöpfen, so brauchte Tieck das Mittel des Vorlesens zu dieser Erholung, und obschon er damals im 63. Lebensjahre stand, so konnte man doch nach oft dreistündigem Vorlesen nicht die geringste Ermattung an ihm wahrnehmen. Sein Vortrag war vortrefflich (namentlich im Lustspiel) und hierin ist ihm bis jetzt kein Zweiter gleichgekommen, nicht Holtei, nicht Richard Schramm, von Heinrich Laube zu schweigen, der auch einmal den unglücklichen Versuch des Vorlesens riskirte. Shakespeare, Holberg, Göthe, Goldoni waren fast ausschließlich die Dichter, welche Tieck zu diesen Vorlesungen benutzte, obwohl auch einmal während meiner Anwesenheit in Dresden Herr Johannes Minkwitz mit einer seiner griechischen Uebersetzungen zu der unverdienten Ehre gelangte. Die Ruhe, die während dieser Vorlesungen herrschte, grenzte an’s Fabelhafte und wehe dem Armen, den vielleicht ein leises Niesen oder Hüsteln dabei anwandelte – die Blicke aller Anwesenden richteten sich indignirt auf den Unglücklichen, der vergebens nach einem Auge suchte, [447] welches ihm bedauerndes Mitleid zu erkennen gäbe. Oft, ja gewöhnlich machte Tieck am geeigneten Orte eine Pause, während welcher Thee und Backwerk herumgegeben und von den meisten Anwesenden sich angestrengt wurde, geistreich zu erscheinen. Dieses Haschen nach prägnanten Gedanken, nach genialen Schlagworten schien namentlich bei einigen Damen zum guten Ton dieser Gesellschaft zu gehören, war aber um so widerlicher, als es einen so geistvollen Mann, wie doch Tieck unzweifelhaft war, nöthigte, dieses traurige Gewäsch mit anzuhören. – Nach beendigter Vorlesung mußte Tieck regelmäßig fade Lobhudeleien hinnehmen, die mit obligaten Küssen auf seine Wangen oder Hände begleitet waren und ebenfalls zumeist von Damen ausgingen, welche die ersten Jugendthorheiten überwunden hatten. Fern sei es jedoch von mir, dieses vielleicht zu harte Urtheil über alle derartigen Abende im Tieck’schen Hause auszusprechen; es gab deren viele, die durch ernstes, würdiges Gespräch, wie durch die feinen Witzfunken, mit welchen der gefeierte Dichter die Unterhaltungen zu beleben wußte, die schönste und ungetrübteste Erinnerung in mir zurückgelassen haben.

Soll ich noch von Tieck’s Aeußerem sprechen? Auch ihn hatte die Gicht (ich glaube bereits seit 1806, wie er mir einmal sagte) den Körper gekrümmt und das Gehen erschwert; dagegen war sein Kopf einer der prächtigsten von allen – den Thorwaldsen’s vielleicht ausgenommen – die ich je gesehen habe. Auf dieser hohen Stirne thronten die reichen, geistvollen Gedanken; dies dunkle Auge, das mit ruhigem, würdevollem Ernste um sich schaute, verrieth das innere Feuer wahrer Begeisterung, wenn der Dichter beim Vorlesen an eine seiner Lieblingsstellen gelangte; Nase und Mund – Alles war schön und harmonisch an diesem Muster eines Kopfes! –

Auch Tieck hatte sich, wie sein Meister Göthe, in eine Welt des Edlen und Schönen zurückgezogen, aus welcher er sich nicht gern herausziehen ließ; hiervon nur ein Beispiel.

Eines Abends rief mich Julius Mosen aus dem Theater ab und theilte mir mit, daß ich ihm sogleich folgen müsse, um eine interessante Bekanntschaft zu machen. Unterwegs entnahmen wir aus einer Weinhandlung einige Flaschen edlen Rheinweins und so stieg ich denn, in gleicher Weise wie Mosen mit süßem Stoff beladen, aber ungewiß der Dinge, die da kommen sollten, die Treppen hinauf, die nach des Freundes bescheidenem Zimmer führten. Dort harrte unserer ein lieber Gast, Hoffmann von Fallersleben, der, eben von einer Reise durch Belgien und die Niederlande zurückgekehrt, einige Tage in Dresden verweilen wollte. Bis in die Nacht hinein saßen wir beim blinkenden Rebensaft im trauten Gespräch, das namentlich durch Hoffmann’s sprudelnden Witz und durch Mittheilung der Schätze, die er auf seiner Reise gesammelt (altdeutsche Volkslieder und Sagen), in lebendigen Fluthen auf und nieder wogte. Hoffmann ist ein deutscher, biederer Charakter, der das Herz immer auf der Zunge hat, anspruchslos und bescheiden, obschon er Tüchtiges, namentlich im Fache der altdeutschen Literatur, zu Tage gefördert, dabei ein Volksdichter in des Wortes edelster Bedeutung; er wollte gern Tieck persönlich kennen lernen und ich versprach sogleich, ihn an einem der nächsten Tage dort einzuführen. Da Tieck sich früher viel mit altdeutscher Literatur beschäftigt – er hatte ja selbst die „Minnelieder aus dem schwäbischen Zeitalter,“ die „Genoveva,“ den „Kaiser Octavianus,“ „Ulrich’s von Lichtenstein Frauendienste,“ das „Altdeutsche Theater“ etc. herausgegeben – so glaubte ich, daß beide Männer, von gleichem Streben beseelt, die reichen Schätze unserer vaterländischen Literatur wieder zum Gemeingut des Volkes zu machen, bei persönlicher Bekanntschaft manchen Anknüpfungspunkt finden würden, der gegenseitig fördernd und anregend wirken könne. Nun war aber Hoffmann leider ein Tourist nach der alten Schule; er legte seine Reisen meist zu Fuß zurück, führte keinen pariser Hut bei sich und gab, wenigstens damals, nicht allzuviel auf seine Toilette; sein Haupthaar war während seiner jüngsten Tour etwas länger gewachsen, als es der Modeschnitt gut hieß und wallte frei über den Nacken bis an die Schultern. Ein Dichter – so wähnte ich – würde bei einem andern Dichter weniger auf diese Außenwerke sehen und nur die innern Werke würdigen. Getrost eilte ich daher mit Hoffmann in das Eckhaus am Altmarkt, in Tieck’s oftbeschriebene Wohnung. Nach den ersten formellen Begrüßungen lenkte sich das Gespräch natürlich schnell auf altdeutsche Dichtkunst und Hoffmann, offen und rücksichtslos wie immer, machte den Altmeister Tieck ohne große Entschuldigungen auf einige Schönheiten der alten Volkssage aufmerksam, die Tieck bei seiner Bearbeitung übersehen habe. Bald darauf ward das Gespräch abgebrochen und wir entfernten uns nach einem Aufenthalte von kaum zehn Minuten. Als ich einige Tage später wieder zu Tieck kam und die Unterhaltung auf Hoffmann von Fallersleben brachte, äußerte er unumwunden: „ich war froh, als er fort war; die ganze Erscheinung gemahnt mich an die Zeit der alten Studenten von 1816–18 und ist mir zuwider.“ Ich schwieg, nahm mir aber vor, mit derartigen Einführungen fortan etwas vorsichtiger zu sein.

Wir kamen bald darauf auseinander. Eines Abends, nachdem Tieck ein Lustspiel von Goldoni entzückend vorgelesen, wendete sich das Gespräch auf italische Literatur und ich staunte ein wenig über die Naivetät, mit welcher sich einige der anwesenden Damen über Boccaccio’s Decamerone äußerten. Um die Unterhaltung von diesem zarten Gegenstande abzulenken, frug ich Tieck nach seinem Urtheil über Alfieri, dessen Werke gerade um jene Zeit in Italien wieder große Theilnahme gefunden hatten. Tieck gab die kurze Antwort: „Alfieri ist Republikaner und mir ein Gräuel!“ – Dies wollte mir nicht genügen und so bat ich um Erläuterung, die vielleicht nicht ganz passenden Worte hinzufügend: „Nach meinem Dafürhalten kommt bei Beurtheilung eines Dichters dessen politische Gesinnung nicht ist Betracht, und ich würde in gleicher Weise entschieden entgegentreten, wenn Jemand die Behauptung aufstellte: Herr Hofrath Tieck ist kein Dichter, denn er ist Aristokrat!“ – Die übrige Gesellschaft schaute mit staunenden Blicken auf den kecken Opponenten, [448] zu welchem Tieck, ohne eine Antwort abzuwarten, mir noch die Worte sprach: „Wer sagt Ihnen, daß ich Aristokrat sei?“ – Darauf wendete er sich von mir ab und warf im Allgemeinen noch einige Bemerkungen über italisches Leben und Dichten hin.

Beim Heimgehen lachte mir Mosen in’s Gesicht. „Narr,“ rief er mir zu, „wie willst Du wieder gut machen, was Du heute gesündigt? Diese Art des Widerspruchs wird Dir nimmer vergeben!“ Ich theilte seine Befürchtung nicht, er hatte aber Recht. Von diesem Tage an erhielt ich keine neue Einladung zu den Tieck’schen Cirkeln; ich selbst war aber damals zu störrisch, um einen neuen Anknüpfungspunkt zu suchen und so hatte ich mich durch meine offene Entgegnung eines Genusses beraubt, dessen ich mich jetzt nach achtzehn Jahren noch mit hoher Freude erinnere.

E. B.