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Textdaten
Autor: H. Bauer, Frankfurt a. M.
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Titel: Dr. Conrad Zimmer
Untertitel: Volksblatt. Eine Wochenzeitschrift mit Bildern. Jahrgang 1878, Nr. 47, S. 369–370
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Herausgeber: Dr. Christlieb Gotthold Hottinger
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Dr. Hottinger's Volksblatt
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Erscheinungsort: Straßburg
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Quelle: Scan auf Commons
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Dr. Conrad Zimmer.


Dr. Conrad Zimmer, geboren den 8. September 1808, † 7. Juli 1878.

Ein stattlicher Leichenzug bewegte sich am Morgen des 9. Juli d. J. aus Sachsenhausen herüber nach dem schönen Friedhofe Frankfurt’s am Main. Voran zogen in großer Schaar Kinder, welche Blumen in den Händen trugen, und dem Sarge selbst folgten wieder zahlreiche Leidtragende und eine lange Reihe von Wagen. Dr. Conrad Zimmer, dessen Name längst zu den geachtetsten Frankfurt’s zählte und weit über die Grenzen dieser Stadt und des ganzen deutschen Vaterlandes hinaus einen hellen, guten Klang besaß, wurde unter vielseitiger Theilnahme von nah und fern zur letzten irdischen Ruhe gebracht. In welch’ hohem Grade aber der Entschlafene die aufrichtige Hochachtung verdiente, deren er sich in weiten Kreisen erfreuen durfte, zeigt ein Blick auf sein Lebensbild.

Karl Christian Conrad Zimmer war am 8. September 1808 zu Heidelberg geboren. Er war das erste Kind des dortigen Buchhändlers Johann Georg Zimmer[1], eines Mannes von hohem heiligem Ernste, und der Marie Charlotte, geborenen Bender, einer Pfarrerstochter, einer Frau von einfachem, schlichtem Wesen, ächt häuslichem Sinn und aufrichtiger, kindlicher Frömmigkeit. Schon das Jahr 1815 sollte in dem äußern Leben des siebenjährigen Knaben eine große Veränderung herbeiführen. Sein Vater, obgleich bereits Haupt einer größeren Familie und Besitzer eines gangbaren, soliden Geschäftes, hatte sich in der Stille, einem inneren Zuge folgend, dem Studium der Theologie gewidmet, die Prüfung bestanden und bezog nun die Pfarrei Schriesheim bei Heidelberg, welche er jedoch schon im Jahre darauf mit einer Pfarrstelle in Worms vertauschen sollte. Hier wurde der älteste Sohn zu Ostern 1822 confirmirt. Als vierzehnjähriger Junge wurde er dann einem Onkel J. Conrad Zimmer übergeben, welcher sich als Weinhändler in Hamburg niedergelassen hatte. Allein seine damals etwas zarte Gesundheit ertrug die Anstrengungen dieses Berufes nicht auf die Dauer; durch den längeren Aufenthalt in den Kellern zog er sich ein schweres Gliederleiden zu, und es blieb ihm keine andere Wahl, als den Beruf eines Weinhändlers ganz aufzugeben.

Mit getäuschter Hoffnung kehrte er im November 1824 zu seinen Eltern zurück. Dieselben waren mittlerweile von Worms nach Lich in Oberhessen übergesiedelt, wohin sein Vater als Stiftsdechant berufen worden war. Es frug sich jetzt, was beginnen. Die Eltern ließen verständiger Weise ihrem Sohne bei der Wahl eines neuen Berufes völlig freie Hand. Er folgte seiner innersten Neigung und entschied sich für die Pharmazie. Als Lehrling trat er in die sog. Hofapotheke zu Lich ein. Nach bestandener Lehrzeit conditionirte er zu Frankfurt a. M., zu Darmstadt und zu Heidelberg. Unermüdlich an seiner Weiterbildung arbeitend, besuchte er in letzterer Stadt zugleich Vorlesungen über Chemie und Pharmazie. Den Winter 1831/32 verbrachte er hierauf mit Privatstudien bei seinen Eltern in Frankfurt a. M., [370] woselbst sein Vater schon seit einigen Jahren als Consistorialrath und Pfarrer der durch ihre große denkwürdige Geschichte ausgezeichneten deutschen evangelisch-reformirten Gemeinde eine segensreiche Wirksamkeit entfaltete und wo derselbe heute noch bei Vielen in ehrendem Andenken steht. Aber schon im Frühjahr 1832 treffen wir den aufstrebenden jungen Mann in Stuttgart, wo er als Chemiker in der zu jener Zeit schon bedeutenden chemischen Fabrik von F. Jobst einen neuen Wirkungskreis gefunden hatte und wo er mit Erfolg thätig war. Was er sich in diesen verschiedenen Stellungen durch Fleiß und Sparsamkeit erworben, setzte ihn in Stand, das Studium der damals rasch fortschreitenden chemischen Wissenschaften an der Universität Berlin fortzusetzen, deren hervorragende Lehrer bald ihr Augenmerk auf ihn richteten.

Mit tüchtigen Kenntnissen ausgerüstet, ließ er sich nunmehr am Wohnorte seiner Eltern 1836 in Frankfurt a. M. dauernd nieder. In Verbindung mit seinem langjährigen Freunde und Studiengenossen Dr. Ernst Sell gründete er eine chemische Fabrik unter der Firma „Zimmer und Sell“. Bald darauf vermählte er sich mit Luise Klemm aus Lich, an welcher er eine edelgesinnte, treue Lebensgefährtin gewann und welche ihm einen einzigen Sohn schenkte, den Erben seines Geistes und seiner Güter. Seine Gattin wurde ihm nach sechzehnjähriger glücklicher Ehe wieder entrissen. Ihr Verlust war ein harter Schlag für ihn, von welchem er sich nur schwer und nie völlig erholte.

Das neue Fabrikunternehmen hatte sich im Laufe der nächsten Jahre nach zwei sehr verschiedenen Erzeugungsgebieten hin entwickelt, welche sich auf die Dauer ohne wesentliche Nachtheile nicht wohl in gemeinsamem Betriebe weiter führen ließen. In freundschaftlicher Weise wurde die Verbindung deshalb getrennt. Wie sehr dies im wohlverstandenen beiderseitigen Interesse lag, hat die Zukunft beider Geschäfte bewiesen. Das ursprüngliche Fabrikanwesen ging in Zimmer’s alleinigen Besitz über und entwickelte sich unter der Firma „C. Zimmer“ mehr und mehr zu seiner hohen Bedeutung. Wie viel Leidenden hat dasselbe durch die geniale Erfindung seines Begründers, ein besonders gehaltreiches und werthvolles Chinin darzustellen, wofür ihn die Universität Erlangen mit der philosophischen Doktorwürde ehrte, in ihren Schmerzen Erleichterung und Hilfe verschafft!

Obgleich sein Geschäft einen immer größeren Aufschwung nahm und ihm ein irdischer Segen zu Theil ward, wie Wenigen, blieb doch der Besitzer stets sich selbst treu, einfach und schlicht, bedürfniß- und anspruchslos, demüthig und bescheiden, unermüdlich thätig, streng rechtlich gesinnt in Handel und Wandel, zuverlässig im Großen und im Kleinen, erfüllt von aufrichtiger, lauterer Gottesfurcht. Von den reichen Mitteln, welche ihm zuflossen, machte er den schönsten Gebrauch. Er war ein Vater seiner Arbeiter. Er hat im Geheimen Vieler Thränen getrocknet. In großartiger Weise und mit seltener Opferfreudigkeit hat er die Anstalten der Mission unterstützt, sowohl der äußeren, als auch ganz besonders der inneren. Für Frankfurt a. M. bleibt mit ihren Stiftungen der Name Conrad Zimmer’s unzertrennlich verbunden. Der Grundzug seines ganzen Wesens überhaupt war das köstliche Vermächtniß des Zimmer’schen Hauses, sein christlicher Sinn, welcher seiner ganzen Person den Ausdruck eines ruhigen, milden, überaus wohlthuenden Ernstes verlieh.

Nach wunderbarer Lebensführung, eifrigem, gesegnetem Wirken und längerem Leiden entschlief dieser bedeutende und verdiente Mann am 7. Juli d. J. in einem Alter von nahezu 70 Jahren. Durch seine Erfindung hat er sich in der Wissenschaft, durch seine Betriebsamkeit in der Geschäftswelt, durch seine Menschenfreundlichkeit in vielen Herzen ein schönes, unauslöschliches Andenken begründet. Sein ganzes Wirken aber, welches sich von kleinen Anfängen aus immer größeren Kreisen mittheilte, zeigt, was redlicher Fleiß und unerschütterliche Ausdauer verbunden mit strenger Rechtschaffenheit und aufrichtiger Gottesfurcht unter dem Beistande von oben vermögen.

In einer Zeit, in welcher so manches schwindelhafte Unternehmen mit gewaltigem Krache wieder zusammengebrochen, thut es doppelt wohl, sich an einem solchen Lebensbilde zu erheben, welches bestätigt, daß Beharrlichkeit zum Ziele führt, und daß an Gottes Segen Alles gelegen ist!

Frankfurt a. M.   H. Bauer.

Anmerkung (Wikisource)