Die verlassene Frau eines Bonaparte

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Titel: Die verlassene Frau eines Bonaparte
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 376–377
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die verlassene Frau eines Bonaparte.

An schönen sonnigen Tagen um die Mittagszeit sieht man häufig eine alte rüstige Dame in der Charles-Street und in den übrigen dem Washington-Monumente nahe gelegenen elegantesten Staßen Baltimores spazieren gehen. Ihre ganze Erscheinung ist eine eigenthümliche, auffallende. Die nicht große Gestalt ist gewöhnlich in einen kostbaren Sammetmantel gehüllt, dessen altmodische Façon ganz im Einklange steht mit einem Hute, den unsere Generation nur noch aus alten Bildern kennt. Das mit tiefen Furchen durchzogene, gelblich blasse Antlitz, welches wir unter dem Schatten jener Kopfbedeckung kaum entdecken können, bildet einen ganz frappanten Contrast zu den glänzenden klaren, mit jugendlicher Schärfe blickenden Augen, die es umrahmt.

Diese dunklen, wunderstrahlenden Augen allein sprechen noch von der Vergangenheit – jener fernen, fernen Vergangenheit, wo ihre Besitzerin den Ruf erwarb, von allen den Schönheiten, die Baltimore als jene Stadt Amerikas berühmt gemacht hat, wo man nie ein häßliches Frauengesicht erspähen könne, – die Schönste, Anmuthigste und Gefeiertste zu sein.

Das ist freilich schon lange, lange her. Seit Elisabeth Patterson die glänzendste Zierde der Gesellschaft Baltimores war, ist ein Menschenalter vergangen. Jene, die sie bewundert, geliebt und beneidet haben, sind längst begraben, – begraben auch Diejenigen, welche sie kränkten, verstießen und ihr Glück elendem, politischem Ehrgeize opferten.

Es war im Jahre 1803, als der damals erst achtzehnjährige jüngste Bruder Napoleon’s, Jerome, als Commandeur einer französischen Fregatte in dem Hafen von Baltimore landete. Den Bruder des ersten Consuls empfing man überall mit der größten Auszeichnung, und die angesehensten Familien Baltimores machten es in jenen Tagen ebenso wie in jüngster Zeit mit den englischen Prinzen, – sie kämpften förmlich um die Gegenwart Jerome’s in ihren Salons. Man überbot einander in Aufmerksamkeiten für ihn, und dem lebenslustigen, leichtsinnigen, übermüthigen Jerome behagte das ganz außerordentlich, und ohne Rückhalt und ohne Bedenken ergab er sich in toller Ausgelassenheit allen ihm gebotenen Lebensgenüssen.

Eines Abend traf er auf einem ihm zu Ehren gegebenen Balle im Hause eines der reichsten Geldfürsten zum ersten Male die Dame, der unbedingt die Krone der Schönheit und der Grazie zuertheilt wurde. Er hatte in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes in Baltimore so unendlich viel von dieser „Perle Marylands“ reden hören, daß er sehr gespannt auf ihre Bekanntschaft war. Er ließ sich ihr vorstellen, und als Elisabeth mit dem den Amerikanerinnen eigenen königlichen Anstande seine tiefe Verbeugung nur mit einem leichten Neigen des stolzen Hauptes erwiderte und das wundervolle Auge ihn kalt und halb spöttisch musterte – hatte sie sich doch den Helden des Tages in ihrer Mädchenphantasie wie einen Halbgott vorgestellt und fand nun statt dessen einen Jüngling, den die blendende Uniform allerdings recht hübsch kleidete, der aber mit dem kaum entknospenden Bärtchen mehr noch wie ein Knabe aussah –: da war’s um Jerome’s Herz geschehen!

Er begriff ihren Blick vollkommen, und die Eitelkeit stachelte ihn an, jener stolzen spöttischen Schönheit durch den ganzen Aufwand der echt französischen Liebenswürdigkeit, durch welche Jerome berühmt wurde, zu beweisen, daß sie in ihm den gefährlichen Mann fürchten könne.

Und was so unbedacht als Spiel kindischer Einfalt begann, wurde rasch zum Ernst, für Jerome allerdings nur zum vorübergehenden, für Elisabeth aber zum lebenslangen, bitteren Ernst. Jerome mit der ganzen weltbekannten Leidenschaftlichkeit seiner Natur wurde bald von einer so wilden, ungestümen Liebe zu der reizenden Amerikanerin erfaßt, daß er nicht mehr leben zu können glaubte, ohne daß sie die Seine würde.

In South-Street, einem Theile der Stadt nahe am Strande, wo jetzt nur noch Geschäftshäuser und Waarenhäuser sind, der aber damals der aristokratische Theil der Stadt war, steht noch das Haus, welches Elisabeth’s Vater, der reiche Kaufmann Patterson, bewohnte. Zu ihm hin lenkte der unbedachte und vom Liebestaumel berauschte junge Franzose, ohne viel zu überlegen oder zu schwanken, nach wenigen Wochen eines Morgens im Jahre 1803 seine Schritte, um sich beim Vater um Elisabeth’s Hand zu bewerben.

Dieser, geschmeichelt und geblendet durch die dargebotene Verbindung mit der Familie des ersten Mannes seiner Zeit, gab ebenso rasch seine Einwilligung wie Elisabeth, die ganz und innig die schnell entflammte Neigung Jerome’s erwiderte.

Die ungestüme Heftigkeit der Bewerbung Jerome’s schlug alle Bedenken und alle Vorbereitung zur Hochzeit erfolgreich aus dem Felde, und schon am Abend vor Weihnachten wurde die Ehe zwischen Jerome und Elisabeth vom Bischof der Diöcese, Carroll, dem Bruder des berühmten Carroll von Carrollston – eingesegnet. Der Ehecontract war von Alexander Dallas, nachherigem Schatzminister der Vereinigten Staaten, entworfen und der Mayor von Baltimore und viele ausgezeichnete und bekannte Persönlichkeiten wohnten der Trauung bei.

Ein Jahr verging dem jungen liebenden Paare in ungetrübtem Glück. Da plötzlich, wie der Blitz oft aus heiterem Himmel niederzuckt, kam die gebieterische Aufforderung Napoleon’s an Jerome sofort zurückzukehren. Er war auf’s Höchste erbittert durch die Heirath Jerome’s, da sein ehrgeiziger Kopf längst Pläne geschmiedet hatte, durch eheliche Verbindungen seiner Brüder mit legitimen Fürstenhäusern die jüngst geschaffene Kaiserkrone fester auf das eigene ehrgeizige Haupt zu drücken.

Jerome, der wankelmüthige, leichtlebige Jerome, von der glänzenden Aussicht in die Zukunft geblendet – schwankte keinen Augenblick, das einst so heiß ersehnte Familienglück den politischen Interessen seines Bruders zu opfern. Denn Napoleon hatte verlangt, daß er allein zurückkehre; – und die böse Welt setzt dazu, daß Jerome gern den Befehl seines mächtigen Bruders vorschützte, um sich von der Gesellschaft seiner Gattin zu befreien. Hatte doch Elisabeth mit fester Hand den jungen, zu den größten jugendlichen Excessen und Ausschweifungen geneigten Ehemann in Schranken zu halten gewußt und alles Rütteln an der holden Fessel seinerseits war umsonst gewesen; Elisabeth besaß schon damals die sie auch jetzt noch auszeichnende Energie und die kalte, ruhige Ueberlegungskraft ihrer späteren Tage.

Sie sah deshalb voraus, daß Jerome, so lange sie ihn begleite, ihr treu und ergeben sein würde, daß er aber, einmal ihres persönlichen Einflusses beraubt, in Napoleon’s Händen wie weiches Wachs zu lenken sei. Sie hatte ihre Gründe, genau die Schritte ihres Gatten zu überwachen, und darum war es eben nicht zu verwundern, daß dieser, als er, angeblich um seiner geliebten Elisabeth den Schmerz der Trennung zu ersparen, einen Tag vor der bestimmten Abreise heimlich die ihm zu Gebote stehende Fregatte betrat und nach gegebenem Befehl zum Ankerlichten in die Kajüte hinabstieg, dort ganz unerwartet seine treue Gattin fand. Man sagt, die Vorwürfe seien von beiden Seiten mit größter Aufrichtigkeit ausgetauscht worden – doch war Jerome, sich im Unrecht fühlend, während der ganzen Seereise der liebenswürdigste und aufmerksamste Ehegatte und sein Schmerz, nachdem seiner Gemahlin in Lissabon nicht mit ihm zu landen gestattet wurde, war aufrichtig und wahr. Er trennte sich bald darauf von ihr, die ihre Niederkunft demnächst erwartete, unter Tränen und mit den heiligsten Schwüren, sich in Amsterdam wieder mit ihr zu vereinigen, nachdem er erst in Paris Alles versuchen werde, um Napoleon zu versöhnen. Die arme verlassene [377] Frau schiffte sich nun nach Amsterdam ein und, als sie auch dort nicht landen durfte, nach England. Sie ließ sich in Camberwell bei London nieder und hier wurde am 5. Juli 1805 Jerome Napoleon Bonaparte geboren.

Allein, im fremden Land mit den brennenden Schmerzen getäuschter Liebe, verlassen von ihm, der ihr noch vor wenigen Wochen mit den heiligsten Eiden geschworen, daß er unbekümmert um des Bruders Zorn zu ihr zurückkehren und ihr treu bleiben wolle, und der, kaum in den Tuilerien angekommen, vom neuen Glanz geblendet, seine Versprechungen vergessen hatte und im Taumel rauschender Vergnügungen seine Ehre, seine Frau und sein Kind opferte, suchte die arme Frau umsonst durch Briefe das Herz Jerome’s zu rühren. Umsonst – alles umsonst! Jeder weiß, was folgte: wie Napoleon’s Machtgebot bald diese Ehe löste, die der Papst trotz aller Drohungen nicht lösen wollte und auch wirklich nie gelöst hat – und wie Jerome dann die Prinzessin von Würtemberg heirathete.

Von diesem Moment an zog Haß, bittrer glühender Haß in das Herz der armen Frau ein, die nach ihren traurigen Erfahrungen freilich längst zu lieben, aber nicht zu – hoffen aufgehört hatte. Nur einmal noch hat sie den leichtsinnigen Zerstörer ihres Glückes wiedergesehen, und bei dieser Gelegenheit sprach das dunkle brennende Auge, aus dem ihm so oft der Liebe milder Strahl geleuchtet hatte, die ätzende Sprache tödtlicher Verachtung!

Es war nach vier Jahren im Palast Pitti zu Florenz. In einem der Bildersäle stand Elisabeth, deren Begleiter unfern in einer Fensternische plauderten, tief versenkt in den Anblick einer Madonna. Plötzlich hört sie den Ton einer Stimme hinter sich, der jede Fiber ihres Herzens vibriren macht; – aber trotzdem war ihr Antlitz unbewegt und kalt wie das steinerne Haupt der Medusa, als sie sich umwandte und voll und groß Jerome, an dessen Arm die Prinzessin hing, ansah. Nur das wunderbare Auge sprach – der Mund war stumm und fest zusammengepreßt, die Züge wie aus Stein gemeißelt. Jerome, als er sie so unerwartet da vor sich stehen sah, die ihm wie das verkörperte Gewissen erschien, erschrak heftig und sein Blick konnte die Flammenblitze der Verachtung, die ihr Auge auf ihn hinabschleuderte, nicht ertragen. Er senkte das seine bestürzt zu Boden und während ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper durchflog, murmelte er einige unarticulirte Töne und zog hastig die Prinzessin, die nicht wußte, was sie aus der sonderbaren Szene machen sollte, und fragend bald ihren Gatten, bald die blasse, stolze, zürnende Frau ansah, mit sich zur Thür hinaus. Erst als er aus dem Sehkreis jener Verachtung strahlenden dunkeln Augensterne war, fand er die Sprache wieder und flüsterte:

„Jene Dame war meine erste Gattin!“

In derselben Stunde noch verließ er Florenz.

Kurz nach der Geburt ihres Sohnes ging die Verlassene nach Baltimore zurück, wo sie denn auch, ungerechnet kurzer Unterbrechungen, stets gelebt hat. Ihr Sohn besuchte, nachdem er herangewachsen war, die Universität zu Cambridge und studirte Jurisprudenz. Noch sehr jung heirathete er dann eine reiche Erbin, Miß Susan Mary Williams, und lebte mit ihr in sehr glücklicher Ehe, der zwei Söhne entsprossen. Er widmete sich hauptsächlich der Verwaltung seiner Güter und landwirthschaftlicher Unternehmungen.

Kein Mitglied der verschiedenen Familien Bonaparte hat eine solche Aehnlichkeit mit Napoleon dem Ersten als der Sohn Elisabeth’s. Diese Aehnlichkeit ist so frappanter Art, daß sowohl hier als auch in Europa die Leute auf der Straße ihm verwundert nachstarrten. Derselbe antike Kopf, dieselben hehren durchgeistigten Gesichtszüge, dieselbe blaßgelbliche Farbe, dasselbe Energie und Kraft bekundende Kinn! Selbst die hohen Schultern Napoleon’s sind ihm eigen; nur ist der Neffe viel größer und stattlicher als der Onkel. Und deshalb ist auch die Aehnlichkeit Beider am hervortretendsten, wenn Jerome, wie er das bis vor Kurzem mit Vorliebe that, sitzend in seinem Lieblingsgefährt, einem leichten von zwei prachtvollen Rappen, die er selbst lenkt, gezogenen Tilbury, im vollen Galopp die Straßen Baltimores durchjagt.

Jetzt liegt er hoffnungslos krank darnieder und sein ältester Sohn, der in der französischen Armee ist, wurde jüngst durch eine unterseeische Depesche nach Baltimore berufen. Eine Geschwulst am Halse, die er für ungefährlich hielt, verschlimmerte sich mit rasender Schnelligkeit und ist nach dem Ausspruche eines der ersten Aerzte Baltimores in jene schreckliche hoffnungslose Krankheit ausgeartet, die wir Krebs heißen.

Nach allen menschlichen Berechnungen wird also die fünfundachtzigjährige Mutter den Sohn überleben. Diese rüstige, energische Frau, die mit der Regelmäßigkeit einer Uhr jeden Morgen das Geschäftslocal ihres Banquiers, der ihr Vermögen verwaltet, zu Fuße aufsucht, um sich Bericht erstatten zu lassen, ist eine vortreffliche, klare, ihre Vortheile wahrende Geschäftsfrau. Sie ist reich, enorm reich; sie besitzt im werthvollsten Geschäftstheile der Stadt viel Grundeigenthum, dessen Werth sie genau bis auf den Heller und Pfennig kennt, und lebt dabei mit der Einfachheit einer wahren Republikanerin. Sie lebt seit dem Tode ihres Vaters in einem der freilich eleganten, aber der Gemüthlichkeit so wenig zusagenden Boardinghäuser und ist dort nur Herrscherin über zwei Zimmer. Augenblicklich beschäftigen zwei große literarische Unternehmungen ihre Zeit beinahe ausschließlich; das eine ist die Verfertigung ihrer „Memoiren“, das andere die Beendigung ihrer „politischen Reminiscenzen“.

Madame Elisabeth Patterson war gefeiert, bewundert, geliebt im Zauber der Jugend, im Alter ist sie vergessen oder – gefürchtet. Die Erfahrungen ihrer Jugend haben sie verbittert und eifersüchtig auf schroff geforderte und vom Schicksal verweigerte Rechte gemacht. Sie hat den Sohn im Haß gegen den Vater erzogen, und als dennoch Beide sich aussöhnten und der Erste den Letzteren verschiedene Male in Paris besuchte und Jahre lang ein bedeutendes Jahrgeld von ihm bezog, da war auch das frühere herzliche Einverständniß dahin, und man glaubt auch hierin die Ursache zu sehen, warum Madame Patterson nie das Haus ihres Sohnes mitbewohnte.

Madame Elisabeth macht in ihrem Auftreten durchaus nicht den Eindruck einer sehr alten Dame; sie hat in ihrem Wesen etwas Energisches, Schroffes, Protestirendes und wenig von der älteren Frauen sonst so oft eigenen, herzgewinnenden Milde. Man fürchtet den scharfen Geist mit den immer fertigen Sarkasmen.

Allein ging auch die Milde unter, so büßte sie doch sicher nicht den Frauenstolz und die Würde ein, und ihr ganzes Leben war eigentlich ein fortwährender Kampf um ihre Rechte! Sie selbst verlangte Nichts mehr für sich; nach ihrer Rückkehr von England hat sie sich nie mehr an Jerome gewandt, aber als ihr Sohn erwachsen war, mußte er in französischen Gerichtshöfen zu verschiedenen Malen seine Ansprüche geltend machen. Und obgleich von diesen natürlich die Gültigkeit seiner legitimen Erstgeburt nie anerkannt wurde, da ihm dies Vorrechte bei Hofe vor dem Prinzen Napoleon und Prinzessin Mathilde gewähren mußte, so liegt doch in der Berücksichtigung, die Napoleon der Dritte ihm stets zu Theil werden ließ, und in der Thatsache, daß dieser ihm zu wiederholten Malen den Herzogshut anbot, ein gewisses Bestreben, die Härte des Onkels wieder gut zu machen.

Es befriedigte die Mutter sehr, daß der Sohn diese Auszeichnung ausschlug, denn mit der Zähigkeit, – welche oft hart geprüften Gemüthern eigen zu sein pflegt, hält sie den Glauben an eine poetische Gerechtigkeit fest, und ist überzeugt, daß ihr Großsohn jener, der sich in Frankreich heimisch machte, doch dereinst den französischen Thron besteigen und dadurch sie an den anderen Napoleoniden rächen wird.

Sie haßte Jerome, allein sie vergaß dennoch nie die einzige glückliche Zeit ihres Lebens, in der sie ihn liebte. Sie durchwandelt jetzt noch mit Vorliebe jene Straßen, durch welche einst Jerome sie als junge Gattin führte, stolzer durch den Besitz dieser strahlenden Schönheit, als er je gewesen sein kann, nachdem die Königskrone, die er so theuer mit seiner Ehre bezahlte, den hübschen Kopf mit den frivolen und leichtsinnigen Gedanken darin zierte.

Die Erinnerung an ihn, an die romantische Episode ihrer kurzen Liebe scheint sich denn auch jetzt am späten Lebensabend mit immer neuer Kraft und Schärfe geltend zu machen. Sie wirft helle Sonnenblicke in das Herz der alten Frau, und darum ist es nur anerkennenswerth, daß sie erst jetzt ihre „Memoiren“ zu schreiben begann, nachdem die bittere Erfahrung ihrer Jugend, die sie früher oft ungerecht machte, immer traumgleicher und nebelhafter in die ferne Vergangenheit versinkt.