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Titel: Die syrischen Schwammfischereien
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aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 602
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Blätter und Blüthen
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[602] Die syrischen Schwammfischereien. Es ist ein altes Wort, daß sich der Culturgrad eines Landes nach seinem Verbrauch von Seife bestimmen lasse. Auch der Verbrauch von Schwämmen könnte als Bildungsmesser betrachtet werden. In der That erreicht er in den europäischen Culturländern eine bedeutende Höhe. England allein führt alljährlich für zwei und eine halbe Million Schwämme ein. Sie kommen aus Griechenland, Syrien und den westindischen Inseln. Bekanntlich ist der Schwamm ein Pflanzenthier, das sich in der Nähe der Küsten auf felsigem Boden ansiedelt. Für die besten Schwämme gelten die syrischen, die man bei Tripolis, Ruad, Latakia und Batrun gewinnt. Bei Tripolis und Batrun findet man die besten, aber die Fischerboote besuchen alle Theile der Küste vom Berge Carmel im Süden bis Alexandretta im Norden. Der Gesammtwerth der Schwämme, welche die syrische Küste liefert, steigt in guten Jahren auf eine halbe Million Mark. Der Ertrag nimmt übrigens ab, da man zu viel gefischt hat. Gegenwärtig sind längs der syrischen Küste immer noch zweihundertfünfzig bis dreihundert Boote mit einer Mannschaft von fünfzehnhundert Köpfen thätig. Meistens sind es gewöhnliche Fischernachen mit einem Deck, das über drei Viertheile des Fahrzeuges weggeht, und mit einem kleinen Maste, der ein gewöhnliches Eversegel trägt. Ein solches Boot ist zwanzig bis dreißig Fuß lang und mit vier bis fünf Leuten bemannt, von denen einer die ganze Schiffsarbeit besorgt, während die Uebrigen Taucher sind. Die Fischerei wird vom Juni bis Mitte October betrieben. Lohn wird nicht bezahlt; die Leute erhalten einen Antheil vom Gewinn, und ein guter Taucher kann es bis auf achthundert Mark bringen. Schon als Knabe beginnt er sein Gewerbe und betreibt es bis zum vierzigsten Jahre. Schaden an ihrer Gesundheit scheinen die Taucher nicht zu nehmen, und wenn sie so früh aufhören, so liegt der Grund blos darin, daß ein Vierzigjähriger mit seinen jüngeren und kräftigeren Genossen nicht concurriren kann. Die Zeit, die ein syrischer Taucher unter dem Wasser zu verleben im Stande ist, hängt natürlich von Alter, Uebung und Körperbeschaffenheit ab. Sechszig Secunden gelten für eine hohe Leistung, und selten sind die Taucher, die achtzig Secunden unter dem Wasser aushalten. An der Küste hört man freilich von Solchen, die erst nach zehn Minuten wieder emporkommen. Der Taucher geht auf folgende Art zu Werke. Nachdem er sich vollständig entkleidet hat, bindet er sich ein offenes Netz, das seine Beute aufzunehmen bestimmt ist, um die Hüften, umfaßt mit beiden Händen einen länglichen weißen Stein, an dem ein Seil befestigt ist, und stürzt sich in’s Meer. Hat er den Grund erreicht, so läßt er den Stein zu seinen Füßen niedergleiten, hält sich am Seile mit der einen Hand fest und reißt mit der andern alle Schwämme ab, zu denen er gelangen kann. Durch Rucke am Seile giebt er das Zeichen, daß er nicht länger unten aushalten kann, und wird heraufgezogen.

In früheren Jahren stellten sich an der syrischen Küste viele Taucher vom griechischen Archipel ein. Jetzt kommen von dort blos noch fünf bis sechs Boote, da die große Gewandtheit der syrischen Taucher und ihre genauere Kenntniß der Küste eine Concurrenz sehr erschweren. In den Handel werden drei Classen von Schwämmen gebracht: feine, weiße Toilettenschwämme von Glockenform, große röthliche Badeschwämme (sogenannte Venetianer) und grobe rothe Schwämme, die zum Abwaschen von Fenstern, Thüren u. s. w. dienen. Etwa ein Drittel aller Schwämme wird von französischen Agenten aufgekauft, welche die syrische Küste alljährlich bereisen. Die türkische Regierung läßt sich den zehnten Theil des Ertrages der Fischereien als Steuer bezahlen.