Die schwarz-roth-goldene Fahne in London

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die schwarz-roth-goldene Fahne in London
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 390-391
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[390]
Die schwarz-roth-goldene Fahne in London.

Wenn auch kein heiliger, gießt sich doch ein freudiger Geist zu Pfingsten über die Menschen aus. Die Schützenfeste, die Würfelbuden, neue Kleider, lachende Wiesen, grüne Bäume, blauer, warmer Himmel, gewöhnlich mit einem Donnerwetter dazwischen fahrend, Pfingstbiere, neue Liebe, reifende Hochzeiten – alle diese alten Gerechtigkeiten der Pfingstwoche werden sich wohl auch diesmal gegen Kriegsbereitschaft und Mobilmachung im lieben Deutschland geltend gemacht und heitere Genüsse und Erinnerungen auf den dunkeln Grund der Gegenwart gedruckt haben.

Wir Deutschen in London feierten auch ein recht heiteres und echt deutsches Pfingstfest mit deutschen Musikanten, weithin leuchtender, flatternder schwarz-roth-goldner Fahne, deutschen Reden, Gesängen und Tänzen auf grünem Rasen unter lichtgrünen Eichen, mit deutschen Würsten, Schwarzbroden, Schwänken, Bier, Kuchen, Kaffee, Frauen und Kindern und der weithin unter die Engländer schmetternden, noch immer nicht beantworteten Frage: „Was ist des Deutschen Vaterland?“

Und in welch’ einem großartigen Rahmen! Auch London hat seinen Pfingstmontag, wo die Zahl der zu Fuß und zu Pferd, zu Wasser und zu Lande Ausfliegenden nach Hunderttausenden berechnet und zur Million wird, wenn man nur ein Drittel als von dem allgemeinen Ausfliegefieber getrieben annimmt. Zehn riesige Eisenbahnhöfe (zum Theil doppelte und dreifache für verschiedene Richtungen und Compagnieen) und mehr als hundert noch in das Bereich Londons fallende Stationen füllen sich an diesem Pfingstmontage fortwährend mit drängenden, schwitzenden Schaaren von Menschen, Proviantkörben, Flaschen, Fahnen, Pfeifen, Trompeten und donnern fast ununterbrochen in viertelmeilenlangen Zügen davon über Häuser und Straßen, durch Tunnels und Tiefen, über Höhen und Thäler, durch Vorstädte, Wälder und Wiesen, sich unten und oben in den verworrensten Schienennetzen kreuzend, aneinander verbeisausend und sich mit vollster Lungenkraft, mit Mützen und Hüten, Tüchern und Fahnen gegenseitig in aller Eile zutelegraphirend, daß man kreuzfidel sei heute und dem vorbeisausenden Zuge ein Gleiches wünsche.

So zerstreuen sie sich mit der Zeit über einen achtzig- bis hundertmeiligen Umkreis von London und lagern sich zwischen Blumen und Wiesen, schilfig-seiden säuselnden Weizenfeldern, unter den üppigen Baumkronen der Wälder und Parks und leeren ihre Proviantkörbe und unglaubliche Massen von zinnernen Bierkrügen und tanzen, jagen, necken und spielen den ganzen Weg in derber, herzhafter Weise. Hier werden Kokosnüsse von Stangen geworfen, dort mit Kindern und Damen Spazierritte auf überall bereitstehenden Mietheseln unternommen. Ueberall, überall in der Nähe und Ferne fröhliche, bunte Menschengruppen, verschönt durch Freude, geröthet durch Schwelgen in frischer Luft und aus allen möglichen Flaschen, wie durch den grünen Wiederschein des saftigsten englischen Grün’s, das stets grüner ist, als jedes andere Laub und Gras in Europa.

Was die Eisenbahnen nicht leisten konnten, versuchen unten auf der Themse Hunderte von Dampfschiffen, die, stets zum Sinken überladen, bunt, musicirend, flaggend, wimpelnd und jauchzend hin- und herschießen, weit hinauf in idyllische, weit hinunter in meeresbenachbarte Gegenden. Aber auch die Dampfschiffe reichen nicht hin. Unzählige Privat-Omnibusse, alle Arten von Wagen und Karren müssen sich überfüllen lassen und zwischen Wagenburgen sich jubelnd hinausdrängen. Auch die vielen Canäle, die London mit der Umgegend nach verschiedenen Richtungen verbinden, bedecken sich mit langen, menschenüberladenen Kähnen, die von Pferden in langen, jauchzenden Reihen hinaus in Luft und Lust, in Jauchzen und Jubel gezogen werden.

In einem solchen Rahmen mit Tausenden von Genrebildern des englischen Volkslebens bewegte sich auch der schwarz-roth-goldene Zug deutscher Männer, Frauen und Kinder aus allen Gegenden der Heimath und den verschiedensten Ständen mit klingendem, schmetterndem Spiel nach einem östlichen Eisenbahnhofe Londons. Die Führer und Vorsteher trugen breite, schwarz-roth-goldene Schärpen, die Ehrengäste freiflatternde schwarz-roth-goldene Bänder vor der Brust. Die Eisenbahn führte sie hinaus in einen eichenreichen Theil des beinahe zwölf Meilen langen Epping-Forstes im Osten von London, genannt Snaresbrook. Sie zogen von der Station in die vorher ausgesuchte Waldesstelle, wo sich schon Proviantwagen mit Bier, Brod, Kuchen, deutschen Würsten und Schinken eingefunden hatten. Diese weisen Vorsichtsmaßregeln und die ganze Formation des Festes war von dem Verein „Bund deutscher Männer“ ausgegangen.

Nachdem sie mit Musik und der deutschen Fahne den Ort des Festes erreicht, bildeten sie einen Kreis und weihten den Tag durch entsprechende Reden und deutschen vierstimmigen Männergesang, der manche liebe Erinnerung an die Gymnasien- und Studentenzeit der Heimath schmerzlich wohlig wachrief und liebe Freunde, die längst dahingegangen, rothwangig und hoffnungsvoll – aber freilich nur im Geiste – in unsere Mitte zauberte.

Nach dieser Eröffnung zerstreute man sich zwischen Thälern und Höhen und gruppirte sich zu kleinen Lagern und Kränzchen, um zu frühstücken, Natur, Luft, Licht und Sonne zu genießen, liebe Freunde und Freundinnen und sich selbst zu amüsiren. Mit der Zeit kam’s zu Spielen und Tänzen auf grünen, sonnigen Plätzen, doch erst, als drei Uhr Nachmittags die erwarteten [391] Ehrengäste angekommen waren, und speciell nach feierlicher Einholung des Professor Gottfried Kinkel und Bewillkommnung desselben mit Reden und Vivats, erreichten die Feierlichkeiten und Freuden ihre volle Blüthe. Der schönste Duft derselben war die Bewillkommnung Kinkel’s und seine Rede. Ein Communisten-Verein, der jetzt ein Wochenblatt herausgibt, hat es sich zur speciellen Aufgabe gemacht, nicht allein die Zeitung Kinkel’s, sondern auch diesen persönlich auf die frechste Weise zu verunglimpfen, wobei sie die handgreiflichsten Lügen nicht scheuen. Ein begründeter Angriff von einem ehrenhaften Gegner kann den Angreifer und den Angegriffenen ehren, aber Lüge und absichtliche Verleumdung der Person, deren bürgerliche Ehrenhaftigkeit auch der bitterste politische Feind nicht mit Grund antasten kann, ist absolut niederträchtig. Der Bund deutscher Männer wollte das Fest benutzen, dem Professor Kinkel zu zeigen, wie ihn die Deutschen aller Stände und Berufe in London ehren und lieben. Das sah und fühlte Jeder den ganzen Tag über. Auch Kinkel war davon sichtlich ergriffen. Und so gab es ein unvergeßlich schönes Bild, das allen Deutschen, wo und in welcher politischen Situation sie auch leben mögen, Freude machen wird, als er aus dem bunten Kreise deutscher Männer, Frauen und Kinder unter einer hellgrünen, lichtdurchzitterten Eiche mit entblößtem Haupte in die Mitte trat, beschattet und umflattert von der schwarz-roth-goldenen Fahne, und unter derselben in der Mitte deutscher Männer über die Pflicht und die Mittel sprach, sich als Deutscher im Auslande den sittlichen Zusammenhang mit dem Vaterlande und deutsches Leben, Thun und Denken zu wahren.

„So Du Zion vergissest, soll Deiner vergessen werden.“ Diese furchtbar wahr gewordene Prophezeiung war sein Hauptthema. Er begann seine Rede mit einem Griff in die flatternde Fahne hinauf und erinnerte an die Zeit, als sie frei und hoffnungsvoll von einem Ende Deutschlands zum andern wehte. Doch auch nicht die leiseste Spur von bitterer Bemerkung entschlüpfte ihm. Die Rührung, diese Fahne wieder zum ersten Male in einem fremden Lande in einem Kreise deutscher Männer und Familien zu sehen, gab ihm ergreifende Worte, welche manches Auge feuchteten oder unverhohlen, unbewußt mit Thränen füllten. Aber bald ging es in den Ton der Ermuthigung und des Trostes über. Er bewies, daß die Deutschen im Auslande eine schöne, welthistorische Bestimmung übernommen hätten und sie überall, wenn auch größtentheils noch unbewußt, erfüllten: sie tragen die deutsche Cultur persönlich und praktisch durch Beibehaltung und Entwickelung deutschen Wesens mit allem seinem reichen Inhalte in alle Welt und machen es oft unter freieren und besseren Verhältnissen, als zu Hause, in England, in Amerika, wie in dem sibirischen Paradiese am Amur (in dessen Hauptstadt Nikolajewsk sich auch bereits ein deutscher Verein gebildet hat) geltend, bringen es zu Anerkennung und Ehre, wodurch die Deutschen mit der Zeit zu dem bindenden, versöhnenden Elemente unter den Völkern der Erde werden mögen, die Pioniere des praktischen Kosmopolitismus. Dies ist nur möglich durch Cultur des deutschen Wesens im Auslande, durch Erhaltung lebendiger Theilnahme an den Schicksalen und Leiden unseres gemeinschaftlichen Vaterlandes, welches der Bund deutscher Männer mit seiner schwarz-roth-goldenen Fahne, seinen heiter und herzlich vereinten Mitgliedern aus allen möglichen „engeren Vaterländern“ und Ständen an diesem Tage schön und erquickend in seiner Freiheit und Einheit, wenn auch nur im Kleinen, darstelle und genieße.

Nach dieser Rede begannen die heiteren und humoristischen Seiten des Festes sich üppig zu entwickeln. Es wurde herzhaft getanzt auf dem grünen Rasen, geschmaußt und getrunken, gespielt und gescherzt in vollster Freiheit, Vertraulichkeit und Gemächlichkeit. Dann und wann traten die Männer zu einem vierstimmigen deutschen Gesänge zusammen. Umzüge mit der Fahne, mit Musik und Gesang. Echte Zigeunerinnen, die im Epping-Forste nisten, drängten sich gelbbraun unter die weißen, rothgetanzten Damen, um für wenig Kupfer die schönsten Dinge zu wahrsagen. Auch dem wohlig im Grase lagernden Professor Kinkel naht sich ein überaus schmutziges und doch sehr schönes Zigeunerkind, kauert sich neben ihm nieder und liest aus seinen Handlinien die wunderbarsten Ereignisse der Zukunft. Welch’ ein malerisches Genrebild!

Hier wird deutsche Wurst, die nicht verzehrt war, verauctionirt. Der Fahnenträger fungirt als Capellmeister bei einem Trinklieds und dirigirt mit dem Propfenzieher auf dem vorgehaltenen Hute. Ein hoch am Eichenaste schwebender Krug Bier muß ausgetrunken werden, ohne ihn anders als mit den Lippen zu berühren. Auch gilt es, aus einem noch höher gehangenen Brodkorbe blos mit den Lippen zu essen. Diese und unzählige andere Schwänke steigerten die freie deutsche Einigkeit und Heiterkeit nicht selten zum unauslöschlichen Göttergelächter.

Spät Abends zieht die glückliche Gesellschaft mit klingendem Spiel und der schwarz-roth-goldenen Fahne vor andächtig Platz machenden Policemen und hutschwenkenden, jauchzenden Engländern vorbei nach dem Eisenbahnhofe, nach Hause mit der bleibenden Erinnerung, im Kleinen, aber in schönster Wirklichkeit ein einiges, freies Deutschland repräsentirt und genossen zu haben.