Textdaten
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Autor: H. E.
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Titel: Die rothe Brieftasche
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 575–576
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[575] Die rothe Brieftasche. Zur Zeit, als ich noch Criminaldirector in Z. war, lebte dort ein Steuerrath Becker, der die großherzogliche Steuercasse allein zu verwalten hatte. Der Steuerrath, ein ruhiger, solider und fast penibler Mann, erfreute sich bei seinen Vorgesetzten und allen Einwohnern der Stadt eines hohen Ansehens, bei uns aber, die wir ihm näher standen, auch großer Liebe. Eine Reihe von Jahren trafen wir uns täglich gegen Abend in der einzigen Restauration des Ortes.

In den letzten Jahren wurden aber die Besuche des Steuerrathes seltener, und wenn er kam, so war er zerstreut, schreckte oft wie aus tiefem Nachsinnen empor und eilte baldmöglichst nach Hause. Nie gab er uns eine Erklärung dieses veränderten Wesens, und wir suchten den Grund in dem Umstande, daß sein ältester Sohn, der Buchhalter in einem kaufmännischen Geschäfte gewesen, plötzlich entlassen und nach Amerika ausgewandert war. So sagte man wenigstens in der Stadt. Mitunter aber überkam mich, ich wußte selbst nicht wie, ein anderer Gedanke. War auch die Casse des Steuerrathes in Ordnung? Der Steuerrath alterte; die Casse war sehr groß, enthielt oft ungemein hohe Summen; wie leicht konnte ein Versehen begangen sein! Noch mehr, so sparsam, ja fast geizig der Steuerrath war, so groß waren doch bei seiner zahlreichen Familie seine Ausgaben und der Gehalt verhältnißmäßig nur gering. Und dazu noch der mißrathene Sohn! Allein die Revisionen, ordentliche und außerordentliche, hatten nie einen Defect ergeben, die Casse stimmte stets bei Heller und Pfennig.

Es war im Spätsommer 1850. Ich saß in der Dämmerung in der Restauration, als der Hausdiener des gegenüber liegenden Gasthofes mich herausrief und mir mittheilte, daß im Hotel zwei Herren abgestiegen seien, die mich dringend zu sprechen wünschten und Ort und Zeit der Zusammenkunft erbitten ließen. Da meine Wohnung außerhalb der Stadt ziemlich entfernt lag, begab ich mich selbst nach dem Gasthofe und traf im oberen Zimmer zwei Herren, die mir auf die verbindlichste Art und Weise entgegen traten. In der gewähltesten Toilette stellten sie sich mir als Ministerialräthe vor und überreichten ein Beglaubigungsschreiben des Ministers, nach welchem Beide mit einer gewichtigen geheimen Mission betraut waren, ich aber gleichzeitig angewiesen wurde, den Herren Commissarien auf Verlangen unbedingte criminal-polizeiliche Hülfe zu gewähren.

Dieser Auftrag war so seltsam und für mich, den alten Criminalbeamten, so neu, daß er mich im ersten Augenblicke überraschte. Was war in meinem Bezirke geschehen, welches Verbrechen war begangen, von dem ich keine Ahnung haben sollte? Ich prüfte das Beglaubigungsschreiben von allen Seiten, es trug die mir wohlbekannte Unterschrift des Ministers und das große Siegel des Staatsministeriums. Ich mußte gehorchen.

„Womit kann ich den Herren dienen?“ begann ich.

„Mit nichts weiter, mein Herr Director, als daß Sie uns gütigst sagen, wo wir Sie heute Abend bestimmt finden und Ihre Hülfe in Anspruch nehmen können.“

„Ich bleibe zu Hause.“

„Wir danken verbindlich und hoffen, Sie nicht belästigen zu müssen.“

Ich entfernte mich nach den gewöhnlichen Höflichkeitsbezeigungen und ging nach Hause. Ich war mehr als mißmuthig, da ich mich als Werkzeug zur Entdeckung eines Verbrechens übergangen glaubte.

Unterwegs traf ich den Gensd’armen Leopold. „Was giebt es Neues im Kreise, Leopold?“

„Nichts, gar nichts, Herr Criminaldirector! Reite nun schon drei Tage umher und habe nicht einmal einen lumpigen Landstreicher getroffen.“

Also auch Leopold, mein Factotum und ausgezeichnet durch seinen polizeilichen Scharfsinn, wußte nichts.

„Kommen Sie mit,“ befahl ich ihm, „und warten Sie bei mir.“ Es geschah. Zu Hause angekommen, ließ ich ihn in der Unterstube und ging hinauf in mein Arbeitszimmer. Ich ging unruhig auf und ab, wartend der Dinge, die da kommen sollten. Es schlug sieben, acht, endlich neun Uhr, aber Alles blieb ruhig. Schon glaubte ich, daß meine Thätigkeit nicht mehr in Anspruch genommen werden würde, als es plötzlich heftig an der Klingel riß. Ich zuckte zusammen und öffnete die Thür. Die Treppe her auf stürmte weinend und schreiend die dreizehnjährige Tochter des Steuerrath Becker.

„Um Gottes willen, Herr Criminaldirector, helfen Sie, retten Sie; sie wollen den Vater verhaften, zwei Männer, die heut’ Abend die Casse revidirt haben. Vater läßt Sie bitten, gleich zu kommen.“

Jetzt war mir Alles klar. Es waren außerordentliche Revisoren, ein Defect war verrathen und festgestellt.

Ich eilte zu der Wohnung des Steuerrathes. „Gut, daß Sie kommen, schon wollten wir zu Ihnen schicken. Verhaften Sie den Steuerrath Becker; in der Casse ist ein Deficit von siebentausend Gulden.“

„Verflucht, wer das sagt!“ schrie der Steuerrath mit hocherröthetem Gesicht, „verflucht der Schurke, der das sagt! Es fehlt eine Brieftasche mit siebentausend Gulden, aber Ihr habt sie mir gestohlen, während ich draußen war. Ihr Diebe, Ihr Schurken! – verhaften Sie die beiden Menschen, Herr Criminaldirector.“

„Thun Sie Ihre Pflicht, Herr Criminaldirector,“ rief der eine der Revisoren mit befehlender Stimme, indem er das entfaltete Beglaubigungsschreiben emporhob.

„Gemach, gemach, meine Herren,“ entgegnete ich, „von dem Augenblicke an, daß Sie den Steuerrath Becker der Unterschlagung und dieser Sie des Diebstahls beschuldigt, hat das Beglaubigungsschreiben keine Wirkung mehr, ich habe vielmehr kraft des mir verliehenen Amtes jetzt selbständig zu handeln, zu untersuchen und zu entscheiden.“

„Bedenken Sie, was Sie thun; wir werden dem Herrn Minister Bericht abstatten müssen, wie wenig Sie –“

„Genug,“ unterbrach ich sie, „ich kenne meine Pflicht.“

Die Vernehmung begann und das Resultat war folgendes: Die beiden Revisoren waren gegen sieben Uhr Abends bei dem Steuerrathe eingetroffen, hatten sich als solche legitimirt und die Vorlegung der Bücher und die Oeffnung der Casse verlangt. Beides war geschehen. Sie hatten mit größter Gewandtheit die Bücher ausgerechnet und den Bestand der Casse somit festgestellt. Jetzt ging es an ein Zählen derselben. Die Geldrollen wurden gewogen, dann aufgebrochen und gezählt. Da war plötzlich das Dienstmädchen des Steuerrathes in das Cassenzimmer getreten.

„Herr Steuerrath, draußen ist ein Mensch, der Sie dringend zu sprechen verlangt.“

„Habe Revision und keinen Augenblick Zeit!“

Das Dienstmädchen hatte sich entfernt, und man hatte weiter gezählt.

Das Dienstmädchen war wieder eingetreten.

„Herr Steuerrath, der Mensch läßt sich nicht abweisen, er hat eine wichtige Nachricht zu bringen –“

„Habe Dir schon gesagt, ich bin nicht zu sprechen, der Mensch soll warten.“

„Von Ihrem Sohne aus Amerika!“

„Von meinem Sohne?“

„Haben Sie einen Sohn in Amerika, Herr Steuerrath?“

„Ja, mein Herr!“

„So sehen Sie doch zu, was der Mensch will!“

Der Steuerrath war auf den Flur getreten. Er behauptete, daß an der Treppe ein Mensch gestanden, der ihn zu sich gewinkt, dann aber plötzlich Kehrt gemacht und zur Hausthür herausgelaufen sei. Er sei sofort in das Cassenzimmer zurückgekehrt. Hier hatten ihn die Revisoren mit der Mittheilung empfangen, daß an der Casse siebentausend Gulden fehlten. Der Steuerrath hatte dies bestritten und behauptet, daß, als er das Zimmer verlassen, eine rothe Brieftasche mit siebentausend Gulden in der rechten Ecke der Casse gelegen habe und nun verschwunden sei. Es war zu den heftigsten Scenen gekommen; die Revisoren hatten von Verhaftung gesprochen, der Steuerrath hatte sie Diebe, Betrüger genannt und um Hülfe gerufen.

So lag die Sache. Alle Drei hatten gegen die ausdrückliche Bestimmung gefehlt, nach welcher während der Revision Niemand das Zimmer verlassen durfte, ohne daß die Casse wieder verschlossen und versiegelt worden wäre. „Der Steuerrath Becker hat die Frechheit, uns des Diebstahls zu beschuldigen. Nun wohl! Wenn wir die Brieftasche gestohlen haben, so müssen wir sie ja bei uns tragen; wir bitten dringend, Herr Criminaldirector, uns zu visitiren!“

Dieser Antrag war nicht abzulehnen. Die Visitation begann und zwar auf das Allergenaueste. Nirgends die Spur einer Brieftasche, das Unterfutter der Kleider nirgends defect, es war kein Zweifel, die Herren hatten die Brieftasche nicht. Der Steuerrath war auf einen Stuhl gesunken und hatte sein Antlitz mit den Händen bedeckt. Ein leises Stöhnen drang zu unserm Ohr.

„Ich erkläre Sie als verhaftet, Herr Steuerrath,“ begann ich, „und werde Sie, da die Nacht zu weit vorgeschritten, bis morgen früh in Ihrem Hause bewachen lassen.“

„Das geht nicht, Herr Criminaldirector, wir bitten, den Steuerrath zum Arreste abzuführen, da wir die Casse in Beschlag nehmen müssen.“

„Die Beschlagnahme der Casse ist meine Sache,“ entgegnen ich, „ich stehe Ihnen dafür, daß der Steuerrath Becker nicht entfliehen soll, und ersuche Sie, sich morgen früh sieben Uhr zur Aufnahme des Thatbestandes wieder einzufinden. Es ist jetzt Mitternacht vorüber.“

Den beiden Herren kam dies offenbar nicht gelegen; sie beriefen sich auf den Befehl des Ministers und verlangten wiederholt die Abführung des Steuerrathes. Mein Entschluß stand aber fest; ich verschloß die Casse, nahm die Schlüssel an mich und rief durch das nach dem Garten gehende Fenster den Gensd’arm Leopold. Er war mir gefolgt, und ich hatte ihm befohlen, im Garten zu warten, bis ich seiner bedürfen würde. Jetzt trug ich ihm kurz auf, im Garten zu bleiben und bis auf Weiteres Niemand aus dem Hause und Niemand hinein zu lassen. Einen herbeigerufenen Polizeisergeanten stellte ich vor das Zimmer des Steuerrathes, dann entfernte ich mich mit den beiden Cominissarien, die ich bis dahin begleitete, wo unsere Wege sich trennten. Ich eilte nach Hause und suchte mein Lager.

Aber der Schlaf floh mich und unruhig wälzte ich mich hin und her. War der Steuerrath schuldig? Konnte man eigentlich noch daran zweifeln?

Hatte er nicht eine starke Familie, einen ungerathenen Sohn? Und der Trübsinn der letzten Jahre! Aber war er nicht ein offener, biederer Charakter, langjährig bewährt im Staatsdienste, war er nicht sparsam über alle Maßen? Und die beiden Commissarien, sollten sie die Brieftasche gestohlen haben? Unmöglich! Wer war der Mann, der den Steuerrath herausgerufen? Offenbar ein Werkzeug in der Hand des Steuerrathes, dem Alles daran gelegen, das Cassenzimmer verlassen und nun die Commissarien des Diebstahls beschuldigen zu können. Kein Zweifel!

Es dämmerte schwach im Osten, da litt es mich nicht länger auf meinem Lager. Ich begab mich nach dem Hause des Steuerrathes und zwar durch den an das freie Feld stoßenden Garten, in welchem Leopold auf- und abpatrouillirte. Er wußte noch nichts, ich machte ihn mit dem Sachverhältniß bekannt.

„Mein Gott,“ sagte er, „als ich gestern Abend in den Garten trat, sah ich einen Menschen, der vom Felde her nach dem Garten schlich, aber umkehrte, als er mich gewahr wurde. Auch in der Nacht war es mir, als ob wieder Einer nach dem Hause zu schleichen versuchte. Leider klapperte mein Säbel, und er nahm Reißaus.“

Sonderbar! Stand dieser Mensch mit der That in Verbindung? Im Zimmer des Steuerrathes brannte noch Licht. Ich begab mich hinauf und trat in die Stube. Verzweifelnd die Hände ringend, bleich wie der Tod, trat er mir schluchzend entgegen.

[576] „Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig, beim Blute des Erlösers, ich bin kein Verbrecher, ich habe den Großherzog nicht bestohlen. O mein Gott, mein Gott, meine Ehre, mein armes Weib, meine Kinder!“

„Herr Director, Herr Director,“ schallte plötzlich Leopold’s Stimme zu uns herauf, „hier liegt eine rothe Brieftasche im Grase!“

Wir standen Beide einen Augenblick versteinert.

„Das Geld ist drin, das Geld ist drin! Sieben Scheine zu tausend Gulden.“

Und im Osten stieg jetzt die Sonne empor. Der Steuerrath aber war auf die Kniee gesunken und erhob die Hände dem leuchtenden Gestirne entgegen, seine Augen glänzten in wahrer himmlischer Seligkeit und seine Lippen lispelten ein heißes Dankgebet.

„Mein Weib, meine Kinder!“

Und ich rief sie Alle herein, welche die Nacht hindurch in heißen Thränen sich gebadet, und sie stürzten zu den Füßen des Gatten und des Vaters, umklammerten seine Kniee und umschlangen seinen Nacken und jubelten laut, daß Gott der Herr sie errettet! In der Thür aber stand Gensd’arm Leopold, die aufgeschlagene Brieftasche mit dem Gelde in der Hand, und in dem Auge des alten Soldaten glänzte eine schwere Thräne und rollte langsam in großen Tropfen über seine Wange.

„Auf, nach dem Gasthofe!“

Ja, wo waren die beiden Herren Ministerialräthe? Das Nest war leer, die beiden Herren waren abgereist, hatten die Rechnung zu bezahlen vergessen, auch waren die silbernen Leuchter des Wirthes nach ihrem Geschmacke gewesen. Es war kein Zweifel mehr. Die beiden Gauner hatten die augenblickliche Abwesenheit des Steuerrathes aus dem Cassenzimmer benutzt und die Brieftasche aus dem Fenster in den Garten geworfen. Der Mann, der den Steuerrath herausgerufen, war der Dritte im Bunde und bestimmt gewesen, die Brieftasche im Garten zu suchen. Leopold’s Anwesenheit hatte ihn daran gehindert. Die Steckbriefe durchliefen die Zeitungen, aber die Gauner wurden niemals ergriffen.

H. E.