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Textdaten
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Autor: Carus Sterne
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Titel: Die mystische Krankheit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 804–807
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[804]
Die mystische Krankheit.
Nebst Winken, wie man ein Wunder daraus macht.
I.

Als Professor Virchow im vergangenen Jahre den Fall Lateau auf der Breslauer Naturforscherversammlung zum Gegenstande einer vielfach angefochtenen Rede machte, sein Urtheil zu den Worten: Betrug oder Wunder! zusammenfaßte und noch weiter dahin ausführte, daß hier ein sehr grober Betrug vorliegen müsse, wenn nicht ein Wunder angenommen werden solle, da ließ der berühmte Forscher außer Betracht, daß es zwischen seinem nach zwei Seiten hin verletzenden Entweder-Oder doch noch einen versöhnlicheren mittleren Ausweg geben könne, nämlich eine durch sehr auffallende Krankheitserscheinungen [805] beförderte, mehr oder weniger entschuldbare Selbsttäuschung.

In der That haben die inzwischen angestellten wissenschaftlichen Untersuchungen belgischer Aerzte das kaum erwartete Resultat ergeben, daß diese regelmäßigen Freitagsblutungen an wohlabgegrenzten Körperstellen ohne alle mechanische Nachhülfe eintreten, daß es also eine wirkliche mystische Krankheit giebt, wie vorurtheilsfreie Köpfe, z. B. Montaigne, seit Jahrhunderten vermuthet haben. Wir werden sehen, daß eine solche Krankheit nur als das höchst künstliche Erzeugniß einer tief irregeleiteten Menschennatur zu verstehen ist, daß sie ein außerordentliches Interesse darbietet, sofern sie zeigt, wie weit die Macht der Einbildungskraft über den Körper reicht, und daß in dieser unbefangenen Betrachtungsweise die Wunden wunderbarer als Wunder erscheinen, daß vielmehr der Betrug unter Umständen ein so feiner sein kann, daß weder die Anstifter noch die Opfer dieser schrecklichen Verirrung jedesmal bewußte Betrüger zu sein brauchen. Es eröffnet sich, wenn wir an der Hand sorgfältiger ärztlicher Beobachtungen ein Verständniß dieser Krankheitsvorgänge suchen, unseren Blicken ein Abgrund, von welchem wir uns schaudernd abwenden, ein Abgrund, in welchem es dennoch nicht an lockenden Gewalten fehlt, um den einmal daran Stehenden unwiderstehlich hinabzuziehen. Nur die Aufklärung über das innere Wesen solcher Nervenkrankheiten vermag ihre Verschleppung und die oft beobachtete ansteckende Macht derselben zu hindern, und während die neuere Medicin die Teufelskrankheiten der Alten, die Epilepsie und Hysterie, nur ihres dämonischen Ansehens zu entkleiden im Stande war, wird sie die Kreuzigungskrankheit ganz aus der Welt schaffen können, denn diese steht und fällt mit dem Vertrauen auf ihren übernatürlichen Ursprung.

Man möge nicht einwerfen, daß dieser Krankheit in unserer Zeit der Boden bereits entzogen sei. Im Gegentheile, kein früheres Jahrhundert ist so „begnadigt“ mit Kranken dieser Art gewesen, wie das neunzehnte, und die Aufregung unserer Zeit läßt noch manches Opfer befürchten, wenn nicht eben jetzt, wo eine ausgezeichnete Gelegenheit sich dazu bietet, der Spuk völlig aufgeklärt wird. Noch am 7. November 1874 forderte diese entsetzliche Krankheit zu Termonde in Ostflandern das Leben eines zwanzigjährigen Mädchens zum Opfer. Isabella Hendrick hatte, was nicht überflüssig scheint zu bemerken, niemals irgend welchen Schau-Zwecken gedient; sorgfältig vor den Blicken neugieriger Fremden gehütet, erlag die schwärmerische Kranke dem Blutverluste aus ihren erst seit sieben Wochen geöffneten Wunden. Auf eine ganz kürzlich und diesmal glücklicher Weise zur rechten Zeit in verständige ärztliche Behandlung gerathene Stigmatisationscandidatin zu Altbreisach werden wir später zurückzukommen haben. Sollte die unnatürliche Krankheit in der seltenen Entwickelung, wie sie Louise Lateau darbietet, noch ferner in sorgfältiger Weise studirt werden, so ist kein Zweifel, daß man dem „Kleinen Franzosen“ oder der Kunst, in sechs Stunden fertig französisch zu sprechen, bald eine unfehlbare Anleitung, in sechs Wochen ein vollkommener Heiliger zu werden, wird gesellen können, und so eine den Klöstern gegenüber „als Manuscript gedruckte Anleitung“ würde sehr viel Nutzen stiften können.

Das schätzenswerthe Material zu einer solchen Anleitung ist bereits ziemlich ansehnlich. Auf meinem Schreibtische haben sich mehr als ein Dutzend Abhandlungen, Schriften und Bücher belgischer, französischer, englischer und deutscher Aerzte über den Fall Lateau angefunden, die alle zu dem Schlusse gekommen sind, die Lateau und wohl noch manche ihrer zahlreichen Leidensschwestern der Heiligenlegende seien weder als Betrügerinnen noch als Gottbegnadigte, sondern vielmehr als beklagenswerthe Kranke zu betrachten. Wir haben nun zunächst diejenigen Umstände in’s Auge zu fassen, welche zu der Annahme gedrängt haben, daß in diesem zu europäischem Rufe gelangten Falle nicht Alles auf Lug und Trug beruht. Im vergangene Jahre legte der Dr. Charbonnier-Debatty in Brüssel der belgischen Akademie der Wissenschaften eine umfangreiche Arbeit über die mystischen Krankheiten vor, welcher, obwohl sie selbst nur literarisch-kritisch verfährt, wenigstens das Verdienst nicht abgesprochen werden kann, allgemeine Gesichtspuncte aufgestellt, und vor Allem eine gelehrte Körperschaft halb widerwillig dazu gezwungen zu haben, aus ihrer Gleichgültigkeit und Gemüthsruhe einem allgemeinen Scandale gegenüber herauszurücken. Charbonnier geht von der auffallenden Uebereinstimmung aus, welche man in der Vorbereitung zur Heiligenlaufbahn, den Reinigungen, Kasteiungen und dem Fasten bei Altindern, classischen Völkern, Juden und Christen nachweisen kann. Und zwar glaubt er den eigentlichen Kunstgriff in der allmählichen Gewöhnung des Körpers an eine unzureichende Nahrung, in einer planmäßigen Störung der regelmäßigen Verdauungsthätigkeiten zu finden. Schon Swedenborg, der in seinen jüngeren Jahren ein gepriesener Naturforscher, ein angehender Humboldt des Nordens gewesen, hatte diesen Zusammenhang seiner schlechten Verdauung mit seinen Geistererscheinungen wohl erkannt, und da die letztere verkörperte Gedanken sind, ließ er sich mit Recht von einer derselben die Donnerworte zurufen: „Iß nicht so viel!“ Zahlreiche Aerzte haben den nahen Zusammenhang der Unterleibskrankheiten mit der Entfesselung des phantastischen Vermögens, welche auch die Grundlage der Kreuzigungskrankheit ist, auf das Klarste nachgewiesen.

Nachdem Charbonnier gezeigt hat, daß von dem ersten Stigmatisirten, dem hl. Franciscus von Assisi, an sämmtliche Nachfolger ihren Weg mit Fasten und Kasteien begonnen haben, führt er den bis auf Louise Lateau ausgedehnten Nachweis, daß sie sämmtlich Schwerkranke waren, und tritt damit insbesondere dem in dieser Angelegenheit vielgenannten ultramontanen Professor Lefèbvre von Löwen entgegen, welcher die Stirn gehabt hat, zu behaupten, die Lateau sei kerngesund und werde alle Tage gesünder. Er meint, daß das Blut, welches bei gesunden Menschen den Verdauungsorganen zuströme, bei diesen Kranken vielmehr nach außen gedrängt werde, woselbst es sehr bald dazu gelange, die zarten Schleimhäute, welche die inneren Körperhöhlungen, Mund, Augenhöhlen und Nase auskleiden, zu durchbrechen. In der That bringt er die Belege bei, daß nicht nur der hl. Franz, sondern alle Stigmatisirten, deren Krankheitsgeschichte genau bekannt ist, wie Veronika Giuliani, Colette von Gand, Maria von Moërl, Louise Lateau u. s. w., bevor die härtere Oberhaut bei ihnen durchbrochen wurde, Blut aus Mund, Nase und Augen (sogenannte blutige Thränen) verloren haben, daß u. A. die heilige Therese, wie die oben angeführte Isabella Hendrick, an solchen inneren Blutverlusten erstickt ist.

An den bis hierher wohlbegründeten Nachweis einer durch Kasteiung beförderten Neigung zu allgemeinen Blutverlusten knüpfte Charbonnier die unbewiesene und schwerlich haltbare Vermuthung, daß der menschliche Körper, dessen Wärmeverlust in südlichen Gegenden, wenn er nicht arbeitet, gering ist, durch eine sehr allmähliche Entwöhnung zu einer fast vollkommenen Einstellung der Verdauungsthätigkeiten gelangen könne, daß die Lunge in solchen Fällen eine Stickstoff-Aufnahme aus der Luft vermitteln möchte, und daß also auch an der immer wiederkehrenden Behauptung, diese Mystiker äßen nicht, oder lebten, wie die indischen Fakire ausdrücklich behaupten, gleich den Pflanzen von Luft, etwas Wahres sein könnte. Obwohl zwei berühmte Chemiker, Regnault und Reiset, eine derartige unmittelbare Stickstoffaufnahme durch die Lunge bei einigen Thieren nachgewiesen haben und obwohl eine gegenseitige Vertretung von Körperorganen unter Umständen zweifellos eintritt, erscheint diese Annahme vor der Hand völlig aus der Luft gegriffen, wenn man auch nicht sagen kann, daß sie etwas Unmögliches behauptet.

Die Brüsseler Akademie beauftragte drei Naturforscher und Aerzte Fossion, Maskart und Warlomont, über die Charbonnier’sche Arbeit zu berichten. Der Doctor Warlomont glaubte aber vor Allem feststellen zu sollen, ob der Fall Lateau überhaupt zu einer ernsthaften Untersuchung geeignet wäre. Statt eine genaue Prüfung der Charbonnier’schen Arbeit anzustellen, begann er vielmehr die Kranke zu beobachten, und obwohl er somit seinen Auftrag mißverstanden und der Akademie Gelegenheit zu einem Tadel gegeben, hat er doch nicht nur den Beweis geführt, daß, wie Charbonnier behauptet hatte, die Stigmatisation eine Krankheit ist, sondern auch das erste vertrauenswürdige Material zum wissenschaftlichen Studium dieser Krankheit geliefert.

Er untersuchte zunächst die Wunden und stellte fest, daß das Blut aus angeschwollenen, aber unzerrissenen Aederchen hervortritt, er prüfte sodann das Blut mikroskopisch und fand, [806] daß es ein krankes Blut sei, welches sich durch eine ungewöhnliche Armuth an rothen Blutkörperchen und ein großes Uebermaß von Blutwasser (Serum) auszeichnet. Dies genügt, die der Kirche so werthvolle Behauptung des Professor Lefèbvre, Louise sei kerngesund, zu widerlegen, was aber das Heraustreten der rothen und farblosen Blutzellen durch unverletzte Gefäßwandungen anbetrifft, worin der Ebengenannte den bindenden Beweis eines übernatürlichen Vorganges gefunden haben wollte, so hat der deutsche Physiologe Professor Cohnheim inzwischen bewiesen, daß die Blutkörperchen im Stande sind, durch die engsten Gewebeporen hindurchzuschlüpfen, indem sie sich, wie ein Thier, welches durch schmale Spalten kriecht, ganz schlank machen.

Nachdem Warlomont sich völlig überzeugt, eine Kranke vor sich zu haben, kam es ihm zunächst darauf an, festzustellen daß bei dem Aufbrechen der Wunden, welches regelmäßig in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag vor sich geht, keine äußere Nachhülfe stattfinde. Profesor Lefèbvre hatte sich begnügt, für diese Probe der Kranken Handschuhe anzuziehen, deren Armschluß durch Siegel verwahrt wurde, aber es ist klar, daß dieselben eine mechanische Reizung nicht hätten verhindern können. Dr. Warlomont schloß deshalb an einem Donnerstage im Beginne dieses Jahres die rechte Hand der Kranken in einem geräumigen Glaskolben so ein, daß sie sich in demselben frei bewegen konnte; der Hals des Kolbens wurde mittelst einer Art von enganschließendem Gummileinwand-Aermel mit Bändern, deren Enden versiegelt waren, mit Kautschukauflösung etc. so fest am Oberarme angeschlossen, daß nach Ansicht Warlomont’s und der Aerzte, die ihn bei der Anlegung und Abnahme des Verbandes unterstützten, jede mechanische Berührung des Handrückens – der Handteller blieb den Fingernägeln zugänglich – ausgeschlossen war. Eine gebogene Röhre erlaubte der Luft freien Eintritt in den Kolben, um aber eine Luftverdünnung durch Ansaugen mit dem Munde unmöglich zu machen, wurde die ganze Vorrichtung noch einmal in einen weiten luftdichten Beutel eingeschlossen, dessen Anschluß am Oberarm ebenfalls wohl verwahrt wurde. Mit einem Worte, die Aerzte hatten die Ueberzeugung, jeden äußeren Eingriff abgeschlossen zu haben, und gleichwohl fanden sie bei der Eröffnung des völlig unberührt gebliebenen Behälters Handteller und Rücken, wie gewöhnlich am Freitage, blutend und den unteren Theil des Behälters mit einer geringen Blutmenge angefüllt.

Soweit es eine Untersuchung ohne beständige Ueberwachung zuläßt, scheint damit festgestellt, daß für jetzt die Blutung freiwillig in den regelmäßigen Perioden eintritt, dagegen konnte Warlomont verschiedene andere Angaben der Herren Lefèbvre, Rohling, Majunke, Imbert Gourbeire, van Looy, und wie die zahlreichen Propheten des Wundermädchens sonst heißen, durchaus nicht bestätigen. Was zunächst die Angabe betrifft, daß die Wunden bereits am Sonnabend geheilt und mit einer glatten, schorflosen Haut bedeckt seien, fand er vielmehr, daß sie noch am Sonntage weit von einer vollständigen Heilung entfernt waren, auch scheint die Schorfbildung dauernd geworden zu sein. Besonders wichtig sind nun ferner die Warlomont’schen Beobachtungen hinsichtlich der Ernährungsfrage. Um festzustellen, ob in dem kranken Körper ein regelmäßiger, von Charbonnier in Frage gestellter Stoffwechsel stattfinde, und ob bei Louise, wie bei andern Menschen, nur durch Essen ersetzbare Körperstoffe im Blute zu Kohlensäure und Wasser verbrannt werden, ließ er sie nun zunächst mittelst eines Röhrchens anhaltend durch klares Kalkwasser athmen, während er selbst mit einer zweiten gleichen Vorrichtung zeigte, wie sie dies machen sollte. Und siehe da! Louisens Kalkwasser wurde ebenso schnell trübe wie das des Doctors, zum Beweise, daß sie, wie er, beständig Kohlensäure ausathmet, die sie doch vermuthlich aus nichts Anderem bereitet, wie er selbst, nämlich mittelbar aus Brod und anderer Speise. Zum Ueberflusse sammelte Warlomont eine größere Menge der von Louise ausgeathmeten Luft in einem besonderen Behälter, um dieselbe von Professor Depaire genau analysiren zu lassen. Es ergab sich dabei zwar ein etwas geringerer Gehalt an Kohlensäure und Wasserdunst, als ein gesunder Mensch ausscheidet, allein dies erklärt sich schon durch das etwas tiefere Einathmen bei dem Versuche, sofern dadurch der Procentgehalt der Ausscheidungen bedeutend herabgestimmt werden muß.

Der Untersuchende zog hieraus den Schluß, daß die Kranke esse, wenn auch vielleicht nicht eben reichlich, und wunderte sich deshalb auch nicht, einen in ihrem Wohn- und Schlafzimmer aufgestellten Schrank mit denjenigen Gottesgaben – Brod und Früchten – angefüllt zu finden, die sie angeblich vor vier Jahren zum letzten Male genossen haben soll. Er veranlaßte sie sodann, in seiner Gegenwart fünfzehn Gramm Brod und dreißig Gramm Kaffee zu genießen, um zu sehen, ob sie, wie die Parteigänger des Wunders einstimmig behaupten, wirklich diese geringe Nahrungsmenge alsbald wieder von sich geben würde. Er wartete fünf, zehn Minuten, ein halbe Stunde, und ging dann fort, ohne daß, trotz vielen Würgens, von diesen Dingen etwas wieder zum Vorscheine gekommen wäre. Natürlich versicherte ihm der gute Pfarrer Niels, daß dies alsbald nach seinem Fortgehen geschehen sei, allein auf’s Gewissen befragt, gestand er, daß er das nicht selber gesehen und daß Louise es nur gesagt hätte. Obwohl somit Warlomont einzig Beweise gegen die kostlose Lebensweise der Kranken erhalte hatte, wußten die ultramontanen belgischen Blätter alsbald triumphirend zu berichten, Herr Warlomont von der Akademie habe ebenso wie die Freiwilligkeit des Blutens auch das Hungerwunder lediglich bestätigen müssen. Er verwahrte sich nachdrücklich in den Zeitungen gegen derartige Verdrehungen der Wahrheit, allein trotzdessen wird er in der vor wenigen Monaten erschienenen Schrift des Abbé Cornet, „Louise Lateau und die deutsche Wissenschaft“, ruhig als Zeuge für die Enthaltsamkeit angeführt. Wir werden das entsetzliche Lügensystem, durch welches diese merkwürdige Krankheit zu einem Wunder aufgeblasen wurde, weiterhin noch an einem viel stärkern Beispiele kennen lernen, um daran zu sehen, wie die Wunder, nachdem sie im Rohen fertig sind, ihren letzten Schliff und die Politur erhalten. Erst dann werden wir die ganze Schwierigkeit einer derartigen Untersuchung, bei welcher die Trennung der unbewußten von der bewußten Lüge keineswegs leicht ist, übersehen können.

Unsere Kranke hat vor zwei Jahren zu den für spätere Bedürfnisse bereits angelegten Heiligen-Acten erklärt, daß sie (damals) seit drittehalb Jahren nichts weiter genossen habe, als die Hostie und sehr wenig Wasser, und hat diese Aussage durch einen Eid vor dem Crucifixe bekräftigen müssen. Da es allbekannt ist, daß Nervenübel derjenigen Art, von denen Louise heimgesucht wird, beinahe regelmäßig von einem unerklärlichen Hange zum Verbergen der Wahrheit begleitet sind, so ist die Abnahme eines derartigen Eides ein ebenso schweres Unrecht, als wenn man einen Berauschten vereidigen wollte. Warlomont macht auf die Möglichkeit aufmerksam, daß die Kranke vielleicht unbewußt esse. Er bringt den Umstand nämlich in Verbindung mit ihrer Angabe, daß sie seit ungefähr derselben Zeit nicht mehr geschlafen habe. Befragt, was sie denn die ganze Nacht treibe, hat sie verwirrt gestanden, daß sie, auf dem Stuhle sitzend, mitunter längeren Geistesabwesenheiten unterliege. Da sie nun während ihrer Ekstase einen ähnlichen Zustand darbietet, wie der Pariser Automatmensch (Gartenlaube Nr. 36 dieses Jahrgangs) oder ein sogenannter Nachtwandler, so wäre es möglich, umsomehr da ihre Schlafstube zugleich die Speisekammer der Schwestern ist, daß sie in diesem bewußtlosen Zustande den Speiseschrank öffnet und ißt. Warlomont, der, wie man sieht, kein Mittel unversucht lassen möchte, an die Aufrichtigkeit Louises noch ferner zu glauben, erzählt in seinem ausführlichen Berichte zwei Fälle von Kranken, die in ähnlichen Zuständen Speise nahmen. Der merkwürdigere derselben betrifft eine jetzt lebende Londoner Dame, welche die Speisen, die sie im wachen Zustande genießt, nicht im Magen behält, dagegen Alles wohl verdaut, wenn sie vorher durch ihren Arzt in den sogenannten magnetischen Schlaf versetzt wird. Seit drittehalb Jahren folgt sie ihrem Arzte, ohne den sie nicht leben kann, wie sein Schatten auf allen seinen Reisen. Sie würde, setzt Warlomont hinzu, wenn man ihr nicht das Gegentheil oft erzählt hätte, „vor dem Crucifixe, auf’s Evangelium oder bei dem Haupte ihrer Kinder schwören, daß sie während dieser ganzen Zeit weder etwas gegessen, noch etwas getrunken habe“. Wir werden sehen, daß der Zustand der mystischen Kranken in [807] ihren Ekstasen etc. die größte Aehnlichkeit mit dem der Nachtwandler und Magnetisirten darbietet, und begreifen die Nothwendigkeit einer genaueren Untersuchung mit völliger Bewachung, wie sie Warlomont am Schlusse seines Berichtes betont, vollständig. Er hat gezeigt, daß Louise Lateau ein ausgezeichnetes Beispiel einer Krankheit, deren Vorhandensein man bisher geleugnet hat, darbietet, und daß es somit unverzeihlich sein würde, wenn die belgische Regierung nicht den Aerzten die Möglichkeit gewähren wollte, diese Kranke ohne Einmischung der sie bisher streng überwachende Klerisei zu untersuchen. Natürlich würde es im eigenen Interesse der medicinischen Wissenschaft liegen, daß die Kranke mit der größten Schonung behandelt und wie bisher eher in dem Glauben, daß ihre Krankheit einen übernatürlichen Ursprung habe, bestärkt werde, als daß man ihr alsbald mit geistigen und körperlichen Pflastern zu Leibe gehen dürfte.

Carus Sterne.