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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die heulenden Derwische
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 270–271
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Blätter und Blüthen.

Die heulenden Derwische. Man wohnt vielen ekelhaften Auftritten im Orient bei, doch giebt es nichts Abscheulicheres als die Ceremonien der heulenden Derwische. Es kostet allerdings besondere Mühe, dieselben mit anzusehen, denn sie – ganz unähnlich den drehtanzenden Derwischen zu Pera und anderswo, welche stets bereit sind, fremden Zutritt zu ihrem Gottesdienst zu gewähren – hassen die Gegenwart der „Unreinen“ und Sündhaften. Zutritt in die geheiligten Räume ihrer Zusammenkünfte kann man nur durch die Verwendung höherer Personen und wiederholte Gesuche erlangen.

Mehrere unserer Versuche, dies geheimnißvolle Schauspiel sehen zu dürfen, blieben erfolglos, bis wir endlich durch die besonderen schriftlichen und persönlichen Empfehlungen zweier einflußreicher Personen, deren Bekanntschaft wir gemacht hatten, zur gnädigen Beachtung des Oberpriesters zu Broussa gelangten. Diesen Empfehlungen wagten wir noch die Versicherung hinzuzufügen, daß wir uns mit aller schuldigen Ehrerbietung und ernstem Gesicht während unserer Anwesenheit betragen wollten.

Drei Bursche, welche der Imam an der Thür aufgestellt hatte, erwarteten uns, und verhinderten das Gedränge, welches uns die Aussicht benehmen möchte. Nachdem sie uns die Pantoffeln ausgezogen, führte man uns in ein höher gelegenes, kleines Zimmer neben der Kapelle, durch dessen vergitterte Scheiben wir das Geheimniß bewundern sollten. Die Wände der Kapelle sind mit einer häßlichen Art Decoration bekleidet, die an die Inquisitionskammern erinnern. Wie die Moscheen und andere heilige Oerter sind sie mit Sprüchen aus dem Koran geschmückt, doch haben diese Derwische Gebräuche, vor denen man schaudert – Streitäxte, Ketten, Zangen, Dornen hingen umher, welche sie brauchen, um sich damit zu martern, wenn Stimme und Bewegungen nicht mehr ausreichen, die religiösen Rasereien auszudrücken.

Die Jünglinge, welche unsere Bedeckung ausmachten, placirten uns so, daß wir so gut wie möglich die Scene übersehen konnten. Dann stellten sie sich neben uns und hielten das Gedränge ab. Viele bittere Verwünschungen über die „Giaurs“ wurden von denen ausgestoßen, welche, wenn sie versuchten, mitten in unsern Zauberkreis zu gelangen, hinausgeworfen wurden. Unser kleines Zimmer füllte sich, und da die Hitze sehr drückend war, öffnete unser Dolmetscher das Fenster, um frische Luft einzulassen, da wir es nicht länger aushalten konnten. Hierauf verhinderten die Jünglinge das weitere Eintreten von Zuschauern und öffneten ein kleines Fenster, wodurch eine feine Zugluft entstand, die gerade über den Theil des Zimmers, wo wir standen, eine angenehme Kühle verbreitete. Wir hörten einen leisen, monotonen Gesang und sahen einen sich langsam in die Kapelle bewegenden Zug von Derwischen, an der Spitze ihre hohen Priester. Die Derwische warfen sich auf die Erde, die Stirn in den Staub; die Priester, indem sie ihre geöffneten, flachen Hände zum Himmel erhoben, hielten ein langes inbrünstiges Gebet. Ein Tigerfell wurde alsdann vor dem Oberpriester ausgebreitet, worauf er sich stellte. Hierauf wurde ihm eine schöne grüne Schärpe gereicht, die er sich sehr feierlich umgürtete. Nun begann ein dumpfes, abscheuliches Geheul, welches von der ganzen Brüderschaft wiederholt wurde, wobei sie ihren Körper dermaßen hin- und herwägten, daß die Stirn fast den Boden berührte. Nach und nach nahm der Wahnsinn zu, die Augen fingen an mit einem schrecklichen, unnatürlichen Glanz zu leuchten, Schaum trat auf ihre Lippen, wie bei einem epileptischen Anfall, ihre Mienen verzerrten sich zu den scheußlichsten Grimassen; der Schweiß rann in großen Tropfen über die Wangen von der blassen, leidenden Stirn herab; das „Al’làh-hou!“ wurde mit größerer Wuth geschrien, bis durch die übermäßige Anstrengung die Stimmen versagten und die Worte in ein wahnsinniges Geheul, wie aus einer Höhle wilder Bestien überging. Plötzlich erscholl aus dieser wogenden Masse ein bestimmteres, aber noch schrecklicheres Geheul: „Lah il ’lah el il Al’làh!“ rief eine Stimme, deren Ton überirdisch klang. Die Andern wiederholten mit abscheulichem Geschrei diesen Ruf. Im nächsten Augenblicke entstand ein dämonisches Gekreisch, und der Mann, welcher zuerst gerufen hatte, rollte in todeskrampfähnlichen Verzückungen über den Boden hin. Die ihm Zunächststehenden kamen ihm mit neuem, schrecklichen „Al’làh-hou!“ zu Hülfe. Sie hoben ihn empor, erwärmten seine Hände, rieben seine Glieder und versuchten sie zu biegen, aber er lag leblos und steif, wie ein Leichnam, da. Mit Blitzesschnelle griff nun die Ansteckung dieses Paroxismus um sich; die „Lah il ’lah el il Al’làhs“ wurden noch schrecklicher: die Frömmsten schwangen in wahnsinniger Wuth ihre Arme in der Luft umher. Jetzt fiel ein zweiter Derwisch, als wenn er durch’s Herz getroffen wäre, um und in Zuckungen. Dies steigerte den Wahnsinn, und der Imam regte durch Zuruf, Heulen und Gesten noch mehr dazu an. Ein junger Mann verließ sodann die Gruppe, welchem der Oberpriester mit einem zangenartigen Instrument mit aller Macht die Wangen zwickte, aber der Derwisch gab kein Schmerzenszeichen von sich. Ein hübsches kleines Mädchen von ungefähr sieben Jahren trat ein und legte sich schüchtern auf eine rothe Decke nieder. Der Oberpriester stellte sich, unterstützt durch zwei Aufwärter, welche an jeder Seite neben ihm standen, auf ihren zarten, kleinen Körper, und verweilte so einige Zeit. Sie mußte viel dabei zu leiden haben, doch als er wieder hinunterstieg, erhob sie sich und ging mit der Miene äußerster Zufriedenheit von dannen. Jetzt begann ein anderer Theil des häßlichen Gottesdienstes. Der Imam schlug den Takt zum Gesange, indem er die Hände zusammenschlug, um ein schnelleres oder durch Gesten ein langsameres Tempo anzudeuten. Klage folgte nun auf Klage, Geheul auf Geheul, Al’làh-hou auf Al’làh-hou, bis endlich die stärksten Männer, unfähig, diese Anstrengungen länger zu ertragen, in Zuckungen niederstürzten oder gleich Kindern angstvoll schluchzten. Man kann sich im Ganzen keine empörenderen Scenen vorstellen, als die der heulenden Derwische. Von gräßlicher Geisteszerrüttung zeugt die Meinung, daß solche Martern von Gott gern gesehen werden.

Einige Tage später machte ich zufällig die Bekanntschaft eines dieser Derwische. Es giebt unter den Osmanen zwei Krankheitsarten, die nur ihnen eigen sind; die eine nennen sie gellinjik, die andere yellanjik. Unter gellinjik verstehen sie fast alle möglichen Krankheiten des Leibes, unter yellanjik dagegen die einfacheren und leicht heilbaren, wie Zahnweh und das dadurch entstehende Gesichtsreißen. So schwer ist das gellinjik zu heilen, daß nur der Stamm einer einzigen Familie dies vermag; aber das yellanjik kann durch solche Emirs und Derwische geheilt werden, die vom Stamm der Fatima, der Tochter Mohamed’s sind. Der Zauber besteht in Folgendem: Meistentheils ist das schöne Geschlecht in der Türkei mit Gesichtsreißen behaftet; jedenfalls haben diese Quacksalber eine besondere Vorliebe für sie, welche sie die schwächeren Fahrzeuge des Lebens nennen. Wird ein Weib mit nervösen Schmerzen im Gesicht befallen, so muß der Glaube über die Etikette siegen. Sie wählt sich den Emir, der sie curiren soll. Sie läßt ihn kommen; er sitzt mit unterschlagenen Beinen und grünem, geordnetem Turban auf einem Divan. Die verschleierte Schöne wird von einem Sclaven zu seiner erhabenen Gegenwart geführt, und setzt sich auf ein niederes Kissen vor ihm. Der Emir spricht ein kurzes Gebet, legt seinen Daumen auf die Nase, streicht sanft über die Stirn und reibt leise die Wangen, und die Behandlung ist zu Ende. Eine junge Sclavin, welche mit yellanjik behaftet war, gehörte dem Hause an, wo man uns eingeladen hatte, auf einige Zeit zu wohnen. Auf ihren Wunsch wurde ein Bote zu einem Emir gesandt, welchen sie nannte und der ziemlich geschickt in seinen Kuren sein sollte. Er mochte einst ein schöner Mann gewesen sein, doch hatte sein Gesicht jetzt jenen kranken, verzerrten Ausdruck, wie er sich oft in Folge ihrer schrecklichen Ceremonien einstellt; und mit seinem dicken struppigen Schnauz- und geflochtenen Kinnbart machte er keineswegs einen angenehmen Eindruck. Ich unterhielt mich mit einem elektrischen Apparat an diesem Morgen. Nachdem er seine Operation vollendet, ging er an mir vorüber, als ich in der Säulenhalle Experimente machte, da dies sein nächster Weg zum Garten von ihrem Zimmer aus war. Er betrachtete die Gefäße einen Augenblick neugierig, stellte sich etwas zurück und zog einen kleinen Messingnapf hervor, indem er murmelte:

„Backschisch! Backschisch!“ (Geschenk, Trinkgeld, Almosen.)

„Backschisch! Backschisch wofür?“ fragte ich. Er machte ein Zeichen, wodurch er andeutete, ich solle ihm Almosen geben. „Nein, ich kann Euch kein Almosen geben. Ihr seid rüstig und stark, Ihr könnt arbeiten.“

„Ich arbeite auch – schwere Arbeit.“

„Für wen?“

„Für Al’làh!“

„Aber Eure Arbeit ist nutzlos, für ihn sowohl, wie für Euch. Ich gebe nichts und damit Punktum!“ erwiederte ich mit der gewöhnlichen Bestimmtheit. Ich war gerade mit einem interessanten Experiment beschäftigt und kehrte zu meinem Apparat zurück. Der Derwisch setzte sich ruhig auf den Boden, schlug seine Füße untereinander, hielt nochmals seinen Messingteller hin und saß da wie eine Marmorstatue. So trieb er es eine halbe Stunde lang, doch war ich fest entschlossen, ihm unter keiner Bedingung „Backschisch“ zu geben, und sein unermüdliches Gaffen fing an, mich zu ennuyiren. „Sagen Sie ihm, er soll seinen Geschäften nachgeben,“ sagte ich meinem Dolmetscher. Dieser that es. Aber der Derwisch erwiederte, daß er nicht ohne Geld gehen würde. „Wenn Ihr nicht gutwillig geht, so sehe ich mich genöthigt, Euch zu zwingen,“ sagte ich.

Der Derwisch antwortete nur mit einem gefälligen Lächeln, wodurch er andeuten wollte, daß er meiner Drohung Trotz biete und ich ihn nicht so los würde.

„Gut,“ sagte ich. „Wenn ich etwas mache, was Euch sehr unangenehm sein möchte, so ist dies nicht meine Schuld.“

Ich hatte eine große elektromagnetische Batterie in Thätigkeit auf dem Tische vor mir, von der diejenigen, die mit einem solchen Apparat bekannt sind, wissen, daß der stärkste Mann die Wirkung desselben auf die Nerven nicht auszuhalten im Stande ist. Ich brachte den Draht mit seinem Teller in Verbindung und gab ihm zur Probe die schwache Dosis einer kleinen Batterie. Er lachte höhnisch und rief: „Al’làh el il Al’làh.

„Jetzt geht Ihr,“ sagte ich, den Magnet an den Kolben setzend, während sich die Dienerschaft herumstellte, um die Wirkung zu sehen. Sie war augenblicklich. Er rollte auf den Boden mit dem Schrei: „Al’làh hou!“ Seine Arme zitterten und der Teller, welchen er gern gehalten hätte, flog ihm wie eine Rackete aus den Händen; seine Gesichtszüge waren durch Schmerz und Wuth entstellt. Da ich merkte, daß er genug habe, befreite ich ihn von der Tortur. Er stand auf und in seiner Flucht, fast den Dolmetscher umlaufend, floh er, so schnell ihn seine Beine tragen wollten. Als er eine beträchtliche Strecke zurückgelegt hatte, wendete er sich um, und niemals sind mehr Flüche auf Jemand gefallen, als in diesem Augenblick auf mich. Er flehete mit seinem braungelben Gesicht Allah an, daß ich und mein Stamm verdorren möge mit Wurzel und Zweig, und binnen vierundzwanzig Stunden mit Beulen und Geschwüren bedeckt sein möchte. Jetzt wendete er auch den Frauen meiner Familie seine Aufmerksamkeit zu. Diese verfluchte er von meiner Urgroßmutter bis zur Urenkelin, und endlich setzte er noch hinzu, sollte meiner Frau Alles widerfahren, nur nicht Schönheit und Fruchtbarkeit, oder daß, wenn die letzte Bitte fehlschlagen sollte, meinen Nachkommen der bitterste Fluch würde, der jemals auf das Loos eines Vaters gefallen wäre. Seitdem habe ich oft herzlich über den in die Flucht gejagten Yellanjik-Doctor lachen müssen.

Man sieht aus diesem ganzen Erlebniß, daß an dem Untergange des türkischen Kultus mit seinen heulenden und drehtanzenden Derwischen nicht viel gelegen ist, und wenn die westliche Civilisation mit ihren elektrischen Apparaten auch von Grund des Herzens der Gläubigen verflucht wird, ist es doch ein Segen, diese faulen Nerven des Alttürkenthums tüchtig zu schütteln, und den religiösen Bettlern elektrische Schläge der Wissenschaft, statt Geld zu geben.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.