Die große Schmiedeeisenkanone der Herren Horsfall zu Mersey bei Liverpool

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die große Schmiedeeisenkanone der Herren Horsfall zu Mersey bei Liverpool
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 264–265
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die große Schmiedeeisenkanone
der Herren Horsfall zu Mersey bei Liverpool.

Es wurde neulich eines schönen Morgens Friede in London auf den Straßen geblasen, geblasen von Trompetern zu Pferde, verkleidet wie Kunstreiter, die sich dem hohen Adel und verehrten Publikum durch solche Umritte empfehlen wollen. Außerdem werden ja auch Buden gebaut draußen in Green- und Hyde-Park, worin die Palmerston’sche Regierung dem Volke für 8000 Pfund Sterling, welche dasselbe Volk erst hat hergeben müssen, ein besonderes Friedensfest geben will. Die Budenbauer und die regierenden Verwalter des Volksfriedensfestes nehmen so und so viele Tausend Pfund für ihre Bemühungen: was übrig bleibt, kommt dem Volke zu Gute, d. h. es kommt bei diesem Feste etwa um 5000 Pfund zu kurz. Hätte man ihm das Geld gelassen, könnte es sich dauernd der 8000 Pfund und des Friedens erholen. Aber der Friede besteht bereits jetzt schon wieder aus neuen Kriegsrüstungen. Der Friede sieht schon jetzt nicht wie eine dauerhafte Arbeit aus. Die Feinde Englands, zu denen zum Theil die hochgestelltesten Engländer gehören, suchen England zu einem Kriege gegen Amerika zu hetzen. Dazu müssen die ehemaligen deutschen Bummler, Assessor Streber aus Berlin, jetzt conservativer Dictator von Costa-Rica, und der alte göttinger Student Walker, jetzt Chef der rothen Republikaner von Nicaragua, auch der unkluge und etwas ungesetzliche Irländer Crampton, den die englische Regierung als ihren Gesandten und Soldatenwerber nach Amerika geschickt hatte, herhalten. So schickt man bereits trotz aller Protestationen Truppen nach Canada und nimmt die Miene des aberwitzigsten Krieges an, um die Vergehen Crampton’s gegen amerikanisches Gesetz zu vertheidigen.

Wir kommen aus diesem Wahnsinn zu unserem Thema, der technischen und wissenschaftlichen Bedeutung von Schmiedeeisenkanonen. Deren Fabrikation, lange für unmöglich gehalten und öfter mißlungen, ist jetzt als gesichert zu betrachten. So große Massen weiches Schmiedeeisen ließen sich nicht hämmern, ohne durch die Verschiedenheit ihrer Temperatur beim Schmieden zu krystallisiren, wodurch das Schmiedeeisen die ihm eigene Textur, den zähen Zusammenhang seiner kleinsten Theile verliert und spröde wird, so daß es leichter bricht und platzt. Es war lange ein Problem der Eisen- und Waffenmeister, die Dauerhaftigkeit und Kraft kleinerer Waffen von Schmiedeeisen auch auf Kanonen auszudehnen, überhaupt, die größten Massen von Eisen schmiedend zu formen. Den Eisenmeistern von Mersey bei Liverpool gebührt die Ehre, dieses Problem zuerst gelöst zu haben. Schon 1845 wurde in der Anstalt von Horsfall eine große Kanone mit einem 13 Fuß langen und 12 Zoll im Durchmesser großen Laufe, aus welchem Kugeln von 219 Pfund Gewicht geschossen wurden, für die amerikanische Dampffregatte Princeton geschmiedet. Sie wog ohne alle Zuthat 160 Centner. Die Ausbohrung des Laufes und alle feinere Arbeit ward der größern Anstalt von Fawcelt, Preston u. Comp. in Liverpool übertragen. Sie richtet jetzt ihre Mündung gegen Feinde Amerika’s auf Brooklyn bei New-York.

Nach Ausbruch des Krieges nahm der moderne Vulkan Englands, Mr. Nasmyth, die Sache wieder auf, worüber in der Gartenlaube berichtet ward. Aber seine Riesenkanone platzte. Das Eisen war beim Hämmern zum Theil in krystallinischen Zustand übergegangen, also stellenweise brüchiger in der Textur geworden. Nasmyth behauptete nun, die Krystallisation ließe sich nicht vermeiden. Dies nahmen die Herren der Horsfall’schen Anstalt als eine Herausforderung an und gingen an ein größeres Werk als das von ihnen bereits geschmiedete. Die Schmiedearbeit zu ihrer jetzigen Riesenkanone ist vollendet. Man sah einen ungeheueren zusammengeschmiedeten, etwas kegelförmigen Eisenklumpen, 15 Fuß lang, 2 Fuß 10 Zoll im Durchmesser am dicken Ende, 23 Zoll bis zur Mündung abnehmend, 490 Centner schwer. Um die Textur des Schmiedeeisens beim Hämmern – das große Problem, zu sichern, wurden alle wissenschaftlichen und technischen Mittel und Vorsichtsmaßregeln angewandt. Man schmiedete sieben ganze Wochen lang ununterbrochen Tag und Nacht unter der Oberleitung des technischen Directors Mr. Clay. Die bearbeitete Eisenmasse bestand aus Eisenbarren, die der Länge nach an einander gelegt von dem großen Dampf-Stoßhammer zu einer einzigen fibrösen Substanz zusammengearbeitet wurden. Diese Masse wurde dann durch neue Eisenbarren, in der Quere, dann diagonal und dann wieder in der Länge angeschweißt, vermehrt und verstärkt. Bei dem ganzen Processe war es eine Hauptsorge, Stöße und Erschütterungen der Masse während des Kühlens oder während einer geringeren Temperatur zu vermeiden.

Es kam aber zuletzt immer noch auf die genaueste Durchsuchung des ganzen ungeheuern Klumpens an, ob er überall die zähe Textur des Schmiedeeisens beibehalten und nicht durch Krystallisation gelitten habe. Diese fiel durchweg zur größten Genugthuung aus und zwar beim Bohren des 131/2 Fuß langen und 11 Zoll im Durchmesser breiten Laufes. Der Bohrer brachte durchweg eine zähe, elastische Masse von Schmiedeeisenspähnen heraus, die auch unter dem Mikroskope nirgends eine Spur von Krystallisation verriethen. Die Hauptsache ist gethan und gelungen. Nur der Kaliber des Laufes muß noch erweitert und genau egalisirt werden. Die äußerliche Oberfläche zu formiren und zu poliren, ist zwar keine Kinderarbeit, aber doch mit den zu Gebote stehenden mechanischen Dampfmitteln eine gewöhnliche Procedur, nur im größten Maßstabe. Man hatte zur Vollendung dieser äußerlichen Arbeiten vier Wochen berechnet. Die vollendete Kanone [265] wird aus ihrem 350 Centner schweren Leibe mit dem 13 Zoll im Diameter messenden Laufe mit je 90 Pfund Pulver 302 Pfund schwere Kugeln 5 englische Meilen (d. h. eine ganze deutsche) weit schleudern. Den ersten Schuß aus ihr will man auf dem Schlachtfelde von – Waterloo thun. Aber wo ist Waterloo in England geblieben? – Gelingt der Schuß, wollen die Herren Horsfall dieses Stückchen in die Wirthschaft der Regierung schenken. Wird diese daraus schießen, um Crampton’s Vergehen gegen amerikanisches Gesetz damit zu rechtfertigen? Palmerston’s Regierung will es, will es hartnäckig, um zu zeigen, wie lieb ihr der Friede mit – Europa sei, um die Reste materieller Wohlfahrt und moralischen Uebergewichts vollends zu ruiniren und nichts mehr – vor Europa voraus zu haben; aber wir glauben so stark an die Bande der Interessen zwischen dem arbeitenden und producirenden England und Amerika, daß wir nicht fürchten, es könne den Müßiggängern und Doppelgängern gelingen, diese Bande zu sprengen, selbst nicht mit 302-Pfündern, von je 90 Pfund Pulver eine deutsche Meile weit getrieben.

Die große Schmiedeeisenkanone.

Und so hoffen wir, daß die Riesenkanone, nachdem sie über das Schlachtfeld der Todten bei Waterloo gedonnert und in Woolwich aufgestellt worden sein wird, sich zuweilen als Schlafstelle obdachloser Armen und als Beweis, daß Schmiedeeisen zu ungeheuren, unzerbrechlichen Banden der Völker und ihrer sich austauschenden Ueberfülle von Lebensgütern nützlich, sich aber nie als Mordinstrument gegen Völker – Brudervölker – wahnsinnig und ruhmvoll erweisen werde.

Die Interessen der Völker, die fast über die ganze Erde bereits dahin zusammenlaufen und erkannt werden, lassen die Diplomaten so wenig wieder zum alten erobernden Mord und Todtschlag kommen, daß selbst der jetzt friedensgekrönte Wahnsinn des Krieges mit gegenseitiger Herausgabe des Eroberten abschloß, alle übrigen Friedensbestimmungen aber bei einer Tasse Kaffee Nachmittags viel wohlfeiler und anständiger hätten erreicht werden können. Hoffentlich haben die friedlichen, fleißigen Völker selbst ihre Diplomaten bald so weit, daß sie Jeden, der ein Gewehr gegen ein ganzes Volk abschießt, mindestens als einen eben so großen Verbrecher behandeln, als Den, der als Privatperson gegen eine andere Privatperson Pulver und Blei mißbraucht.