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Die freiwilligen Rifle-Corps in England

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die freiwilligen Rifle-Corps in England
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 395-397
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die freiwilligen Riffe-Corps in England.

Die häßliche, scharlachrothe Soldaten-Uniform mit dem scheußlichen Pelzthurm auf dem Kopfe gilt in England ungefähr ebensoviel, wie die Zuchthausjacke oder irgend ein Kainsstempel. Nur aus den niedrigsten, verwahrlostesten Schichten der englischen Hefe kauft der Werbeofficier unter falschen Vorspiegelungen und unterstützt von Bier, Gin, Tanz, Kneiperei und Tanzmusik, seine frische Waare für das schauderhaft casernirte und gefütterte, hoffnungslose, avancementsunfähige, noch mit Knute und „neunschwänziger Katze“ tractirte, gemeine Linien-Heer. Blos bis zum Corporal kann’s der gemeine Soldat bringen und dies nur unter seltenen, günstigen Umständen. Bis zur nächsten höheren Stelle gähnt eine unüberwindliche Kluft, jenseits welcher nur Söhne und Taugenichtse der Aristokratie und des großen Capitals die Officierstellen für schweres Geld kaufen, aber nicht durch Verdienst und Talent erwerben können. Deshalb sind auch die fabelhaft kostbaren Officier-Uniformen in gebildeter, civiler Gesellschaft so mißliebig, ja unmöglich, daß es keinem Lieutenant, Major oder General je einfällt, sich, wenn nicht pflichtmäßig „im Dienste“, öffentlich oder in Gesellschaft uniformirt und wohl gar mit scandalirendem, das Straßenpflaster mißhandelndem Schleppsäbel, wie es der Berliner Lieutenant so sehr liebt, zu zeigen.

Da es nun überhaupt in England verhältnißmäßig die wenigsten Soldaten gibt und die gemeinen außer Dienst nie mit Waffen ausgehen dürfen, fällt das englische Leben im Vergleich zu Ländern wie Preußen und Frankreich, wo man sich öffentlich vor Soldaten und Säbeln oft kaum retten kann, erfreulich durch seine freie, civile, uncasernirte Bewegung auf. Freilich ging daraus eine andere, langweilige, viel ödere Uniformirtheit hervor, die des merkantilen schwarzen, gebürsteten, schauderhaften französischen Hutes, dieser lächerlichen „Angströhre“ mit Backenbärtchen, steifen Vatermördern und fast immer schlecht sitzenden schwarzen, kellner- und bedientenhaften Leib- oder Oberröcken darunter. So eine dicht gedrängte Versammlung von Börsenmännern und City-Herren, von oben gesehen, gleicht einem kohlschwarzen, wimmelnden Sumpfe statt einer Schaar von Männern.

Die Trostlosigkeit dieser civilen, mercurialen Kleidungs- und Lebensweise ist zu schwer zu ertragen, als daß sich nicht wenigstens in der Jugend Sehnsucht und Streben nach freundlicheren Formen hätte regen sollen. Dieser Umstand ist nicht zu übersehen, wenn wir uns die neuen Lebensbilder, die jetzt durch die Straßen Englands ziehen und alle civilen Kreise durchdringen, hinlänglich erklären wollen. Aber wir geben einen tieferen, bedeutungsvolleren Grund zu und an. Das Vaterland war und ist wirklich in Gefahr, wie jedes Land in Europa, das unter Palmerston’s und anderer hoher politischer Herren pflegeväterlicher Zärtlichkeit den größten und energischsten Charlatan aller Zeiten wachsen und so gedeihen sah, daß Niemand mehr seiner Wäsche auf dem Zaune sicher ist.

England hat wenig, theuere und gegen Palmerston’s intimsten Zögling und Freund unzureichende Soldaten. Außerdem ist die Politik dieser kindisch gewordenen Greise, welche England regieren, dem starken, schlauen, konsequenten allgemeinen Feinde Europa’s gegenüber so schwach, so unzuverlässig, daß das in England plötzlich sich verwirklichende Wunder einer allgemeinen Volksbewaffnung nur aus diesem Umstände in seiner wahren Bedeutung sich begreifen läßt. Das Gefühl allgemeiner Unsicherheit und des Mißtrauens in die Kraft und den guten Willen der englischen Regierer, die Enthüllungen über Schwäche und Schwindeleien der Admiralität, welche sich Jahr aus Jahr ein eine ungeheuere „Canalflotte“ mit Millionen bezahlen ließ und eigentlich nur wenige Schiffe als gesund und gerüstet aufweisen kann, die täglichen unheimlichen Gerüchte von drüben, dem Lager des „Alliirten“, des Busenfreundes des englischen Regierer-Chefs, dessen Rüstungen, Kriegshäfen, Legionen und Lügen – dies zeugte chronischen, panischen Schrecken in England, allgemeine Entrüstung und allgemeine Rüstung. Freiwillige Volksheere sprangen wie aus der Erde über Nacht empor. Die regierenden Classen, ebenfalls in peinlichster Furcht vor den Folgen der Palmerston’schen Politik für Busenfreund Napoleon, hatten wenigstens so viel Einsicht, diesem Geiste allgemeiner Volksbewaffnung – den man in despotischen, militairischen Staaten als ein revolutionäres Element grimmig haßt und verfolgt – nicht nur nicht entgegen zu treten, sondern ihn zu begünstigen, durch vortreffliche Waffenlieferung zu kräftigen und ihn für sich zu gewinnen. Dies ist ihnen so sehr gelungen, daß man in den Rifle-Corps-Freischaaren ein conservativ-patriotisches Element geschaffen und erzogen haben mag, und England, von Soldaten und Marine, von Regierung und Parlament im Stiche gelassen, nun auf seine gleichsam aus Nichts geschaffenen Freischaaren sein Vertrauen zusammendrängt.

Die eigentliche Militair-Aristokratie – mit Robert Peel im Parlamente an der Spitze – spottet und höhnt zwar über diese „Soldatenspielerei“ nach Kräften, aber die bedeutendsten Herren des Ober- und Unterhauses und der Armee stehen an der Spitze dieser Spielerei und der nationalen Association, welche sich zur Förderung des Rifle-Corps-Wesens gebildet hat. Selbst Palmerston ist Mitglied dieser Association, und der Herzog von Cambridge, Chef des ganzen englischen Heeres, – florirt und fungirt als Oberst der City-Rifle-Brigade.

[396] Diese Brigade, etwa 1200 Mann stark, aus Jünglingen und Männern der City, also aus jungen Kaufleuten aller Nationen bestehend und eins der besten und ansehnlichsten Corps, hatte am ersten Sonnabend des Mai Revue und Parade vor ihrem stattlichen Oberst und zwar auf dem großen Platze vor dem Sitze der Roß-Garde in St. James-Park, dem eigentlichen Brennpunkte und Neste aller Militair-Aristokratie und ihrer „nobeln Passionen“. Diese Kühnheit der soldatenspielenden City-Kaufleute mag den nobeln Herren der Roß-Garde zu nahe getreten sein. Die englischen Zeitungen berichteten zum Theil weitläufig, mit Humor oder Entrüstung, über die Scenen vor der Parade, dem vielleicht aus 20,000 Köpfen bestehenden Pöbel, der die 1200 harmlosen jungen Kaufleute, die natürlich nicht einhauen durften, Stunden lang auf das Roheste und Brutalste drängte, stieß, mit Spott- und Schimpfreden tractirte und ihnen immer wieder jede Möglichkeit nahm, sich irgendwie soldatisch zu entfalten und zu bewegen. Erst nach langer Quälerei erschienen acht Dragoner zu Pferde, die vom Pöbel als „Reg’lars“, Reguläre, als officielle, königliche Soldaten mit Jauchzen begrüßt und so auffallend respectirt wurden, daß es diesen acht Mann mit einem Male gelang, was die 1200 Freischaaren theils mit Bitten, theils mit Drohungen ebenso vergebens versucht hatten, wie die Policemen.

Die Gartenlaube (1860) b 396.jpg

Die Büchsen-Freicorps in England.
Civildienst. Irländisches Corps. Sechs-Fuß-Volontair-Garde. Westminster-Corps. Postbeamten-Corps.
 (Dunkelgrau.) (Roth mit Silber gestickt.) (Hellgrau.) (Dunkelgrau.)

Die Zeitungen schwiegen über die Gründe und Motive dieser auffallenden Erscheinung, die sich bei ähnlichen Revuen anderer Freicorps ähnlich wiederholte, so daß ein Chef, der Carl von Grosvenor, bei einer solchen Gelegenheit äußerte, er wolle seine Schaaren lieber gegen einen Feind führen, als in der Mitte solchen Pöbels des Landes friedlich paradiren. Die Sache, die bis jetzt von der freien Presse Englands mit Stillschweigen übergängen ward, ist, daß die eigentliche Militair-Aristokratie die freien Schaaren des Volkes lächerlich zu machen, in Mißcredit zu bringen, zu ermüden, mit dem unbewaffneten Volke und Pöbel in Reibung, Streit und Conflict zu bringen sucht. Sie bezahlt gute, tapfere Exemplare des Pöbels, damit Straßenjungen und Lumpenhaufen aller Art unter Führung und Anreizung derselben durch ihre Masse und Frechheit vielleicht einmal so etwas wie Bürgerkrieg hervorrufen, der ja schon drohen würde, wenn einmal einzelne entrüstete Freischaaren diesen oder jenen Spottteufel verwundeten oder gar niederschössen. Dann würde man schreien: Entwaffnung! Fort mit den Freischärlern, die nur das Geschäft und die Ehre des eigentlichen Militairs beeinträchtigen und den Bürgern des Landes mehr Gefahr bringen, als ein Feind von außen! –

So etwa speculirt und intriguirt Englands „Junker-Partei“, die sich im Wesentlichen überall gleich bleibt. Sie ist in diesem Falle nicht stark, da die Freischaaren durch ihre Officiere, die ihnen zur Wahl aus der Militair-Aristokratie selbst vorgeschlagen werden (die geringeren Officierstellen werden durch Wahl aus ihrer Mitte besetzt), mit den höchsten Ständen des Landes freundschaftlich verbunden sind und vom Ober- und Unterhause, von der nationalen Association, von der Regierung, der Presse und dem Volke gestützt und getragen werden. Gefährlich bleibt das Spiel der Junker-Partei freilich immer. Wie leicht können einmal in einem unglücklichen Augenblicke ein Paar Gewehre „von selbst“ losgehen!

Bis jetzt sind die Freischaaren in England eine herrliche, [397] malerische, patriotische, frische Erscheinung, eine Schöpfung freier Männer und Jünglinge, ein starkes, wundervolles Werk des Volks. Daß auf Bällen und Paraden, bei Wahlen und Streitigkeiten um Officierstellen, in Gesellschaften und öffentlichen Versammlungen sich Einzelne durch Renommisterei und Uniformen-Eitelkeit, Anmaßung oder Rohheit lächerlich und verächtlich machen, kann das frei und bunt zusammengesetzte Freischaarenwesen selbst noch nicht in Verruf bringen. Kern und Wesen der Sache ist und bleibt eine wie aus Nichts d. h. aus der freien Begeisterung des Volkes geschaffene freie Wehrkraft von mindestens 100,000 Mann, die durch ihren freien Dienst und ihren Patriotismus ersetzen, was ihnen an steifen Exercirkünsten und Parade-Linie fehlen mag.

Der allgemeine Feind Europa’s und Busenfreund Palmerston’s nöthigt auch Deutschland zur Verstärkung seiner Wehrkraft. Man verlangt zu diesem Zwecke so und so viel Millionen von Thalern und so und so viel Hunderttausende von jungen Arbeitern, die man für das Geld zu Soldaten machen will. Warum macht man’s nicht wie in England? Bewaffnet euch oben mit der Liebe des Volkes und erlaubt ihm nur, sich wehrkräftig zu organisiren, so seid ihr vor allen Napoleons sicher und braucht dem ausgesteuerten Volke nicht erst Millionen abzunehmen und aus freien Männern und Arbeitern Soldaten zu machen!

Die englischen Freischaaren, jetzt bereits 120,000 Mann stark, bleiben schaffend und wirkend im bürgerlichen Leben und widmen nur frei ihre Freistunden den Uebungen, die zum Schießen und Schlagen, für Wehr und Waffe nothwendig sind. Welch’ ein Unterschied zwischen dem Soldatenthum und der freien Wehrkraft des Volkes! Wir leugnen nicht, daß die jetzigen Zustände der Taktik und Strategie große Massen regulairer, geübter Truppen unerläßlich machen. Ohne diese würden Freischaaren kaum ihr Land vertheidigen können. Furchtbarer aber ist die Thatsache, daß das „herrlichste Kriegsheer“ ohne freie Wehrkraft des Volks Land und Leute weder vor äußeren noch vor inneren Feinden schützen kann.

Nebensache, aber gar nicht zu übersehen dabei ist, daß die freien, bewaffneten Männer und Jünglinge durch die Uniformen, die sich die einzelnen Corps selbst wählen, etwas Malerisches und Mannichfaltiges in das sonst ziemlich öde civile Leben bringen. London sieht tausendmal interessanter aus, seitdem Tausende von Waffenröcken freier Wehrkraft sich zwischen civilen Röcken und Leibröcken hindurch drängen. Die Uniformen haben alle etwas Aehnliches, sind aber doch hinlänglich verschieden, sodaß militairische Einförmigkeit und Steifheit vermieden ward. Kein Freicorps nahm die von der Regierung vorgeschlagene Modell-Uniform an. Nur die königlichen Westminsters und das Juristen-Freicorps bequemten sich dazu, sie für sich umzuändern. Alle Anderen wählten nach eigenem Geschmack. Die „Westminsters der Königin“ tragen sich hellgrau mit rothen Aufschlägen, bronzenen Knöpfen und sonst fast ganz ohne Putz. Das braune Lederzeug sichert Neutralität allen Farben, die den Linientruppen oft so aufgestickt sind, als sollten sie bunte Käfer darstellen. Auch die Juristen haben sich ähnlich uniformirt, wie die Westminsters.

Die „Königl. Londoner Irländischen Riflers“ machen schon mehr Staat mit ihren dunkelgrauen, reich mit Silber und grauer Seide gestickten Waffenröcken, smaragdgrünen Einfassungen und schwarzen Gürteln mit Silberschnallen. Auf der halb czakoartigen Kopfbedeckung flattern braune, glänzende Federn. Die Irländer haben’s gern etwas lustig und flatterig. Die Postbeamten rifeln in Dunkelgau mit schwarzem Besatz, dunkler Forage-Mütze, schwarzen Gurts und bronzenen Ornamenten. Aehnlich kleiden sich die „Civil-Dienst-Corps“, nur daß sie sich an die Mütze oben eine geschmacklose, lächerliche „Knuppe“ gesteckt haben. Am meisten fallen die „Sechs-Fuß-Frei-Garden“ auf; sie haben die schauderhafte englische Soldatenfarbe – gekochtes Krebsroth – für ihre Waffenröcke gewählt und sie mit Silber sticken lassen. Der Helm besteht aus lackirtem Leder, Silberbesatz und wehenden, dunkelbronzenen Federn. Das sind einige Andeutungen. Die Abbildung sagt das Uebrige. Wir gehören nicht zu den weisen, wissenschaftlichen Landesvätern, die über einen Knopf oder eine Schnalle dieses oder jenes Regiments lange und tief nachdachten und die Welt dann und wann durch einen Knopf mehr oder weniger als Reformatoren überraschten. – London und England schwärmt von verschieden uniformirten Freischaaren, die im Juli nach deutschem und schweizerischem Muster ein großes Schützenfest halten werden, wozu sich die Königin bereits angesagt hat. Alle sind von der Regierung mit herrlichen, langen Rifle-Büchsen versehen, den „Enfield-Rifles“, die in Enfield unweit London mit 100,000 Dampf-, Pferde- und noch mehr Menschenkraft seit Jahren Tag und Nacht auf das Vollkommenste und Massenhafteste fabricirt werden. Die 120–150,000 Mann werden die „Rothhosen“ sehr warm empfangen, wenn sie es wagen sollten, das Annectiren bis über den Canal auszudehnen.