Die drei Schwäne

Textdaten
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Autor: Friedrich Gottschalck
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Titel: Die drei Schwäne
Untertitel:
aus: Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen, S. 202-211
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1814
Verlag: Hemmerde und Schwetschke
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Erscheinungsort: Halle
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Die drei Schwäne.

Bei Wimpfen am Neckar giebt es einen kleinen See auf einem Berge, wovon folgende Sage erzählt wird.

Ein Knabe saß einmal am Ufer dieses See’s und spielte mit Blumen. Er war ganz allein. Oft hatte er schon auf das Wasser hingeschaut und sich einen Kahn gewünscht, mit dem er sich auf der glatten Oberfläche herumfahren könne, aber nur ein Bret lag neben ihm, was er allenfalls zum Schwimmen gebrauchen konnte, sonst nichts.

Jetzt blickte er wieder hin, und siehe, da waren mit einem Male drei schneeweiße Schwäne auf dem See. Mit stolzer Miene segelten sie hin und her, und endlich auf den Knaben zu. Der Knabe war ganz entzückt über ihren Anblick. Er suchte alle Brotkrumen aus den Taschen hervor, und fütterte sie. Sie schienen ihm so zahm, sie sahen ihn so freundlich an, und kamen so dicht an’s Ufer, daß er sie haschen zu können meinte. Aber immer wichen sie aus, wenn er sich auch noch so tief zu ihnen hin beugte, und die junge Pappel, die er umfaßte, noch so tief hinabzog, um recht weit zu reichen.

Je zahmer sie ihm schienen und je weniger er ihrer habhaft werden konnte, desto höher stieg sein Wunsch, einen wenigstens zu besitzen. Er ergriff daher das Bret neben sich, ließ es vom Ufer hinab, wagte sich darauf, und es trug ihn. Mit einem: Juchhei! stieß er vom Ufer, gebrauchte die Hände als Ruder, und trieb sich so vorwärts. Die Schwäne waren immer vor ihm, aber er erreichte sie nimmer. Jetzt war er mitten im See. Da überfiel ihn eine Angst und eine Mattigkeit. Er mußte die Arme sinken lassen und ruhen. Wo er hinsah, war eine große Wasserfläche um ihn her, und er zitterte vor Furcht, wie er wieder an das Ufer kommen solle. Indem hatten sich die drei Schwäne um ihn versammelt, als wollten sie ihn beruhigen. Da vergaß der Knabe die Gefahr, fuhr hastig mit der Hand nach dem schönsten, aber ach! – das unsichere Fahrzeug schlug um, und er sank hinab in die blaue Fluth.

Als er aus der ersten Betäubung erwachte, sah er sich auf einem Ruhebette in einem prächtigen Schlosse, und vor ihm standen drei wunderschöne Jungfrauen.

„Wie kamst du hierher?“ fragte die eine mit holder Miene, und ergriff seine Hand.

„Ich weiß es selbst nicht,“ sprach er, „wie mir geschehen ist, aber ich wollte drei weiße Schwäne auf einem Teiche haschen, und fiel dabei ins Wasser.“

„Willst du bei uns bleiben?“ sprach eine der Jungfrauen weiter, „so sollst du uns willkommen seyn. Wisse aber, daß, wenn du erst drei Tage verweiltest, du dann nie wieder in deine Heimath zurückkehren kannst; denn du würdest dich nicht wieder an die obere Luft gewöhnen können, und sterben müssen.“

Die Freundlichkeit der Schwestern flößte dem Knaben Zutrauen ein. Sein kindliches Gemüth hatte kein Arg, und bald sprang er von seinem Lager auf, und rief fröhlich aus: „Ich bleibe bei euch!“

Nun führten ihn die Holden in ihrem großen Feenpallaste herum. Sie zeigten ihm die Pracht und die Schönheiten, mit denen ein Gemach immer reicher als das andere geschmückt war, und nicht satt konnte sich der in Dürftigkeit empor gewachsene Knabe sehen. Das flimmerte, das glänzte! Da gab’s Perlen, wie welsche Nüsse; Diamanten, wie Hühnereier. Das Gold lag in langen Stangen herum, und mit Silberplatten waren alle Wände, alle Fußböden getäfelt. In den Gärten wuchsen Früchte so köstlich, als er sie noch nie gesehen. Aepfel, wie ein Kinderkopf; Pflaumen, wie ein Straußenei; Kirschen, wie eine Billardkugel; Trauben, wie sie einst Josua trug, und dergleichen mehr, alles mit den schönsten Farben geschmückt.

Der Knabe hatte oft vom Paradiese gelesen. „Das,“ sagte er, „ist’s gewiß, hier gefällt’s mir!“

Wochen und Monate verschwanden ihm, und er gewahrte es nicht; denn immer neue Gegenstände reizten seine Aufmerksamkeit und beschäftigten seine Sinne. Besonders oft hielt er sich unter den mit Früchten prangenden Bäumen auf, und naschte. Der Heimath gedachte er gar nicht.

Endlich aber, es mochte wohl ein Jahr verflossen seyn, da ergriff ihn mit einem Mal eine unwiderstehliche Sehnsucht nach seinem Dörfchen. Nichts gefiel ihm, nichts schmeckte ihm mehr. Aber eingedenk der Worte: von hier nie wieder zurückkehren zu können, verbarg er den geheimen Kummer in seinem Innern, und nur wenn das dicke Gebüsch der Gärten ihn umgab, dann weinte er bitterlich. Sahen ihn die drei Schwestern, so zwang er sich, freundlich zu seyn, aber die Spuren des Kummers auf seinem Gesichte, die bleichen Wangen, die roth geweinten Augen, die konnte er nicht verbergen, und sie verriethen endlich den Streit in seinem Innern. Zutraulich fragten sie ihn oft, was ihm fehle, aber er verschwieg immer den wahren Grund, und suchte durch allerlei Entschuldigungen und Vorgeben von Kränklichkeit sie zu täuschen.

Einst lag er beim Untergang der Sonne auf weichem Rasen an einem Bache hingestreckt. Die ganze Natur um ihn her war so reizend, so üppig, so schwelgerisch. Alles ladete zur Freude und zum Genuß ein. Wohlgerüche erfüllten die Luft. Ihr Abendlied sangen die Vögel, und auf der Wiese vor ihm schäkerte im bunten Gemisch ein Häufchen fröhlicher Arbeiter. Da trat das Bild seiner Heimath, seines lieben Dörfchens, der Kreis seiner Gespielen, seine Mutter, wie sie um ihn weine, lebhaft vor seine Phantasie, und laut schluchzte er auf, und bitterlich weinte der gute Knabe. Das Gefühl seiner unglücklichen Lage bei all’ der Fülle von Ueberfluß und Reichthum, von Genüssen jeder Gattung, war nie so lebhaft in ihm rege geworden. Mit beiden Händen verhüllte er sein Gesicht, und barg es im hohen Grase. Reichliche Thränen befeuchteten die Erde unter ihm, und laut jammerte und weinte er.

In diesem Zustande der höchsten Anspannung und Reizbarkeit hörte er seinen Namen nennen. Er fuhr auf, und siehe, da stand vor ihm ein altes buckliches Weib, häßlich und widrig. Braun und in tiefen Falten gelegt war ihr Gesicht, rothbraun die lange Nase, triefend die Augen, und an einem dicken Stabe hielt sie ihren morschen und vertrockneten Körper aufrecht.

Nie hatte der Knabe eine so scheusliche Menschengestalt gesehen. Kalt überlief es ihn. Er wollte um Hülfe schreien, er wollte fortlaufen, aber er konnte nicht.

„Was willst du?“ fragte er endlich mit zitternder Stimme.

„Hi hi hi!“ grinste das Scheusal, „wenn du lieber Junge mir versprichst, mich zu heirathen, so will ich dich auch in deine Heimath zurückbringen.“

„Fort, du Ungeheuer!“ erwiederte der Knabe voll Ingrimm, „fort! Nimmer verlasse ich meine Wohlthäterinnen ohne ihren Willen, und lieber will ich sterben und meine Heimath nie wieder sehen, als dir häßlichem Geschöpfe folgen!“

Kaum hatte er die letzten Worte ausgesprochen, so zerfloß die häßliche Figur in Nebel, und vor ihm standen die drei Schwestern.

Er staunte sie sprachlos an. Da sprach die Eine:

„Weil du so redlich gegen uns denkst, so soll dir dein geheimer Wunsch gewährt seyn. Du sollst zu den Deinigen zurückkehren.“

Freude und Dankbarkeit machten den Knaben stumm. Er weinte, daß er gehen durfte; er weinte, daß er seine Wohlthäterinnen verlassen sollte. Er wollte gern fort, und wollte doch nun auch gern bleiben. Er konnte nichts, als weinen. Unruhig wälzte er sich auf seinem Lager herum, und erst spät in der Nacht schlief er ein.

Als er am andern Morgen erwachte, lag er am Ufer des wohlbekannten See’s. Er blickte auf, sah die drei Schwäne, streckte seine Arme nach ihnen aus, sie nickten ihm freundlich zu, tauchten unter, und nie sah er sie wieder.

Im Dörfchen war Freude und Erstaunen über sein Wiedererscheinen. Alles versammelte sich um ihn her, hörte mit weit aufgesperrtem Munde zu, was der Knabe erzählte, aber niemand glaubte ihm ein Wort.

Nach der ersten Freude, seine Heimath wieder gesehen zu haben, fand sich aber wieder eine leise Sehnsucht nach dem unbekannten Lande ein. Sie wuchs mit jedem Tage. Umsonst lief er oft zum See, die Schwäne erschienen nicht wieder. Er weinte von neuem, er härmte sich ab, nirgends fand er Ruhe. Immer seufzte er nach jenen paradiesischen Gefilden, und immer vergebens. Da bleichten seine Wangen ab. Langsam schlich er noch um den See, setzte sich ermattet an das Ufer, entschlummerte, und nie erwachte er wieder.

*     *     *

Badensche Wochenschrift von 1807.