Die beiden jungen Weltbürger des Dresdener Thiergartens

Textdaten
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Autor: C. Clß.
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Titel: Die beiden jungen Weltbürger des Dresdener Thiergartens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 443–446
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Braunbärjunge in Dresden
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Die beiden jungen Weltbürger des Dresdener Thiergartens.


Bei der Popularität des Bären erfreuen sich in unseren zoologischen Gärten die Bärenbehausungen immer der besonderen Aufmerksamkeit des Publicums. Einen fesselnden, wohleingerichteten und gut besetzten Bärenzwinger hat u. a. der zoologische Garten in Dresden. In der nach Norden gelegenen Abtheilung des geräumigen Zwingers residirte der Tiger der Arktik, der Eisbär, der noch am meisten das Wilde, Furchtbare im Charakter seines Geschlechts repräsentirt. In der mittlern Abtheilung war noch bis vor Kurzem ein Halsbandbär aus Sibirien, ein Bruan oder malayischer Bär und einer der bekanntesten Bären Amerikas, der Baribal oder Muskwa, untergebracht. In der dritten Abtheilung endlich hausen die gemeinen braunen Bären. Der Eisbär ist kürzlich, nachdem er sechs Jahr dem Dresdner Garten angehört hat, mit Tod abgegangen, und auch der kleine muntere Malaye, dem die [444] Sonne seiner Heimath gefehlt, ist der Tuberculose erlegen. Ein Ersatz für diese Verluste wurde dem Garten in den letzten Monaten durch einen Familienzuwachs der braunen Bären, ein Ereigniß, welches gegenwärtig in erhöhtem Grad das Interesse der Gartenbesucher auf den Bärenzwinger lenkt. – Schon öfters hatten besagte Bären Junge gehabt, aber es war bis jetzt nicht möglich gewesen, dieselben am Leben zu erhalten. Trotz der besten Pflege und obgleich Madame schon wochenlang vor ihrer Niederkunft von ihren Cavalieren getrennt gehalten wurde, starben doch die Jungen immer wenige Tage nach der Geburt und wurden dann sofort von der zärtlichen Mama aufgefressen. Ende Februar dieses Jahres ist Meister Petz wieder mit Zwillingen beschenkt worden. Man hat sich diesmal die möglichste Mühe gegeben, jede Störung von der Wöchnerin fern zu halten, und so besonders auch den Andrang der Besucher zu vermeiden gesucht. Dank diesen Bemühungen gediehen die Jungen, die in der Größe von Maulwürfen zur Welt kamen und vier und eine halbe Woche blind waren, in erfreulichster Weise. Sie sind jetzt bereits, ungefähr drei Monate nach ihrer Geburt, so groß wie mittlere Pudel und von lichter, warmer graubräunlicher Färbung. Obgleich sehr beweglich, haben sie doch auch schon die Plumpheit der Alten, ihren breitwatschelnden Gang, der dem menschlichen Schritte sich einigermaßen nähert und dadurch eben so komisch wirkt. Immer zum muntern Spiel aufgelegt, sind sie in ihrer Drollerie höchst ergötzlich und, weil kindischer, noch viel unterhaltender als junge Löwen. Sie versuchen an der Alten oder am Gitterwerk des Käfigs in die Höhe zu klettern, balgen und jagen sich umher wie ausgelassene Buben, plätschern im Wasser mit den Pfoten und treiben allerhand Possen. Unzählige prächtige Motive bieten sie so, im Verein mit der Alten, der Thiermalerei dar und trefflich hat unser Künstler verstanden, ein solches herauszugreifen und festzuhalten und seiner Freude an den Thieren, sowohl was deren Form, als was deren seelisches Wesen betrifft, Ausdruck zu geben.

Bereits wird dem aufmerksamen Beobachter eine Temperamentsverschiedenheit der beiden jungen Thiere bemerkbar, indem sich besonders das eine schon sehr reizbar und launisch erweist. In den Mittagsstunden liegen beide ziemlich faul, ihre Pfötchen leckend, da, während die Mama sich um sie geringelt hat, sie mit ihren Tatzen umschlungen hält und mit ihrer Schnauze bedeckt. Wenn man die Besorgniß, die Zurückhaltung der alten Gnädigen erwägt, die Pfänder ihrer Liebe dem frivolen Blick der Welt auszusetzen, möchte man fast dem alten Märchen glauben, daß die Jungen von der Bärin erst zurecht geleckt und präsentabel gemacht werden müßten. Die Alte hatte in den ersten Tagen etwas Weiches, fast Gutmüthiges im Blick, obgleich ihr nicht zu trauen und sie schnell mit einem Tatzenschlag bei der Hand war, wenn man sich zu unvorsichtig dem Käfig näherte. Kommt ihr eines der Jungen in den Weg, so daß sie zu fürchten hat, es zu treten, so wird das liebe Söhnchen vorsorglich mit dem Vorderbeine auf die Seite geschoben. Die Zärtlichkeit der Bärin zeigte sich besonders, als die Familie aus dem geschlossenen Raume, welcher als Wohnstube diente, in den Käfig gebracht wurde, den sie jetzt bewohnt; da die Luft noch rauh war, so bedeckte die Alte ihre Jungen sorgsam mit dem Stroh und Heu, welches im Käfig lag, indem sie nur deren Gesichter frei ließ. So überraschend und rührend oft derartige Züge sind, welche das Thier dem Menschen näher rücken, so werden wir doch immer der Thierwelt gegenüber daran erinnert, daß dieselbe von der bewußten Kindesliebe des Menschen weit entfernt bleibt, denn sobald der Fortpflanzungstrieb sich wieder einstellt, existiren die Jungen nicht mehr für das alte Thier.

Merkwürdig, wenigstens immerhin interessant ist, was nicht nur die russischen Bauern, sondern auch nordische Naturforscher davon erzählen, wie die Bärin ihre Jungen erzieht. Die Zwillinge, welche sie wirft, sind gewöhnlich ein Männchen und ein Weibchen. Das Weibchen entläßt sie schon im Herbst, das Männchen aber muß bleiben, um in der nächsten Kinderstube allerlei Dienste zu verrichten, die jüngeren Geschwister auf Spaziergängen durch Bäche und Sümpfe zu geleiten und zu tragen und ihnen Futter zu bringen, weshalb in Rußland dieser Bärenknabe den Namen Pestun, d. h. Kindeswärter, führt. Junge Bären sollen, auch wenn sie der Mutter an Kräften schon überlegen sind, ihre Züchtigung geduldig ertragen. Unser Gewährsmann hierfür, Eversmann, ein russischer Naturforscher, erzählt von einer Bärenfamilie, welche er über einen Strom setzen sah, Folgendes: „Als die Mutter am jenseitigen Ufer angekommen, sieht sie, daß ein Pestun ihr langsam nachschleicht ohne den jüngeren Geschwistern, welche noch am Ufer waren, behülflich zu sein. Sowie der Pestun ankommt, erhält er von der Mutter stillschweigend eine Ohrfeige, kehrt sofort nach eröffnetem Verständniß wieder um und holt das eine Junge im Maule herüber. Die Mutter sieht zu, wie er wieder zurückkehrt, um auch das andere herbeizuholen, bis er dasselbe mitten im Flusse in’s Wasser fallen läßt. Da stürzt sie hinzu und züchtigt ihn aufs Neue, worauf der Pestun seine Schuldigkeit thut und die Familie in Frieden weiter zieht.“ Man weiß noch nicht bestimmt, wie lange das Wachsthum des Bären währt; nach A. Brehm sollen mindestens sechs Jahre vergehen, ehe das Thier zum wirklichen Hauptbären wird. Das Alter, welches der Bär überhaupt erreichen kann, scheint ziemlich bedeutend zu sein. Man hat Bären gegen fünfzig Jahre in der Gefangenschaft gehalten und beobachtet, daß die Bärin noch in ihrem dreißigsten Jahre Junge geworfen hat.

Mit den jungen Bären läßt sich ruhig spielen; sowie sie aber älter werden, ist ihnen nicht mehr zu trauen, denn sie sind, wenn sie sich auch zu allerlei Künsten abrichten lassen, eigentlich unzähmbar; bei aller Einfalt, scheinbaren Harmlosigkeit und Gutmüthigkeit haben sie immer etwas Tückisches und werden nie zutraulich gegen ihre Wärter. Der berühmte französische Thierbändiger Charles trat furchtlos in den Käfig eines bengalischen Tigers, aber wagte sich nur selten in den seines braunen Bären. Selbst die Tanzbären, welche sich früher in Deutschland producirten, haben, obgleich sie durch alle möglichen Qualen in der Regel mürbe gemacht waren, mitunter noch Unheil angerichtet. Der letzte und auch in Deutschland wohl noch bekannteste Bärenführer war ein gewisser Yorik, aus Polen gebürtig, obgleich er sich nach Art dieser Leute den „großen Wilden der Cordilleren“ nannte. Er war ein immer phantastisch aufgeputzter, wüster Geselle, stark wie Simson, der mit seinen Bestien kämpfte und sie wie Federbälle auf die Erde warf. Auch Yorik soll schließlich von einem seiner Bären zugedeckt worden sein. Kann man als Freund der Romantik bedauern, daß die abenteuerlich lustige Erscheinung der Bärenführer von dem Hauche der Neuzeit weggeweht worden ist, so darf uns doch der Gedanke trösten, daß so und so viele Thiere weniger gemartert werden. Denn um den Bären zum Tanz abzurichten, pflegte man ihn in einen Käfig zu setzen, dessen aus einer eisernen Platte bestehender Boden glühend gemacht wurde; das Thier wollte der Hitze entgehen, richtete sich empor, hüpfte fortwährend mit den Hinterfüßen; dabei wurde getrommelt und gepfiffen und das Thier gewöhnte sich allmählich, sobald es diese Töne hörte, sich aufzurichten und zu tanzen. Ein durch die Nase gezogener Ring, mittels dessen der Bär gelenkt wurde, mußte das Uebrige thun. Ja, es soll vorgekommen sein, daß man, zum Zweck der Dressur älterer Bären, denselben grausamer Weise die Augen ausgestochen und sie allein durch Hunger und Prügel zu bändigen gesucht hat.

Im Mittelalter, als die Wälder Deutschlands noch viele Tausende von Bären bargen, gehörte die Jagd derselben, der Gefahr wegen, zu dem edelsten Waidwerk. Kaiser Max suchte einen Ruhm darin, es je zuweilen ganz allein mit einem dieser „wilden Wurmen“ aufzunehmen, was dann im Theuerdank gewissenhaft verzeichnet ward, während Ludwig der Bärtige von Ingolstadt ganze Dörfer zur Bärenhatz versammelte. Wer dem Aufgebot nicht folgte, dem ward der Ofen eingebrochen. Der Kopf des erlegten Thieres gehörte der Herrschaft, ebenso die rechte „Hand“; die linke kam dem Geistlichen zu, der mit dem Sacrament bei der Jagd bereit sein mußte für den Fall, daß ein Schütze unter den mörderischen Tatzen blieb. Und dieser Fall kam nicht selten vor. So zerriß bei einer Jagd, die Heinrich der Vierte in Frankreich hielt, ein stark verwundeter Bär sieben Treiber und mit mehreren anderen, die er auf dem Gipfel eines Felsens verfolgte, stürzte er sich endlich in den Abgrund. Daß aber auch das römische Alterthum, welches in seinen Kampfspielen Bären massenhaft abschlachtete, die Natur des Thieres nicht unterschätzt und dasselbe durchaus nicht für ein harmloses Geschöpf angesehen hat, geht aus einem Bilde hervor, dessen sich Horaz bedient. Er vergleicht die Scheu vor einem lästigen Dichtergenie mit der Flucht vor einem Bären, „der das Gitter seines Käfigs zu brechen vermochte.“
C. Clß.



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Die jungen Bären im zoologischen Garten zu Dresden.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.