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Autor: Max Maria von Weber
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Titel: Die Werkzeuge der Neuzeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 489-492
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Werkzeuge der Neuzeit.
I. Der Dampfhammer.
Von Max Maria von Weber.

Jedem bedeutsamen Abschnitte in der Culturgeschichte geht fast immer eine Erfindung im Bereiche der Technik voraus, ohne die der Eintritt jener Epoche, wo nicht unmöglich gemacht, so doch verzögert worden wäre. So ist die Reformation undenkbar ohne die Buchdruckerkunst, die Finsterniß des faustrechtlichen Mittelalters flieht vor dem Blitze des Schießpulvers, und die Dampfmaschine führt die Aera der Völkerverbrüderung und Gemeinsamkeit der Interessen herauf. Aber nicht blos bei den großen weltgeschichtlichen Erscheinungen ist dies der Fall, auch die allgemeineren Erfordernisse der Civilisation werfen ihren Schatten in Gestalt von Erfindungen voraus, durch die es möglich wird, jenen zu genügen.

Unsere Zeit ist durch einen guten und einen bösen Geist, ein erwerbendes und ein unproductiv verzehrendes Princip, einen Ormuzd und Ahriman im Völkerleben, beherrscht. Der erstere ist der Geist freier Association der Kräfte der Individuen, der zweite der der gewaltsamen Opposition der Kräfte der Nationen. Der Ormuzd heißt „Verkehr“, der Ahriman „bewaffneter Friede“. Der erstere treibt zur Schöpfung von Mitteln, welche die Völker zu einander führen, sie sich gegenseitig kennen und lieben lehren, zum Bau von Eisenbahnen, Schiffen, Häfen, Canälen, Straßen etc.; der andere lehrt sie die Werkzeuge verbessern, durch die sie sich abschlachten und vernichten können, Geschütze schmieden und ziehen, Panzerplatten und Explosionsgeschosse walzen und gießen.

Vom Schlusse des ersten Viertels dieses Jahrhunderts her datirt der Aufschwung des Associationsgeistes, des Verkehrswesens, der Eisenbahnen und der Dampfschifffahrt. Das revolutionäre Julikönigthum in Frankreich schuf wenige Jahre darauf den unseligen europäischen bewaffneten Frieden. Bis dahin unerhörte technische Arbeiten wurden jetzt ausgeführt. Die sich immer kraftvoller entwickelnden Eisenbahnbetriebsmittel, die Pumpmaschinen, welche Bergwerke trocken legten und weite Strecken Meeresboden in blühende Provinzen umwandelten, die Dampfschiffe, die, eins nach dem andern, immer riesenhafter vom Stapel liefen, die mächtigen Maschinen, welche gewaltige Walzwerke umtrieben oder wahre Sturmwinde von Luft durch das Feuer der Eisenwerke jagten, erforderten immer größere und aus dem die größte Sicherheit gewährenden Materiale, dem Schmiedeeisen, hergestellte Organe. Achsen, Wellen, Krummzapfen, Balanciers, Kolbenstangen etc. von vorher nie geahnten, immer steigenden Dimensionen wurden gebieterisch verlangt. Andrerseits rangen die Mächte auf dem kostspieligen Wege der Einschüchterung, durch Ueberbieten an imposanter Größe, Solidität, Vertheidigungs- und Zerstörungsfähigkeit ihrer Schutz- und Trutzwaffen zu Land und zu Wasser nach der Erhaltung des allen Völkern gleich nothwendigen Friedens. Die riesenhaften gezogenen und Bogenschußgeschütze, die gepanzerten Schiffe, die eisernen Bollwerke, entstanden. Der Erbauer des kolossalen Schiffs „Great Eastern“ verlangte von den Schmieden Englands die Herstellung einer Achse aus Schmiedeeisen von dreißig Zoll Durchmesser und sechshundert Centner Gewicht, um darauf seine Schaufelräder vom Durchmesser eines großen Kunstreiter-Circus zu stecken. Die Constructeure der schwimmenden Festungen hielten zu den Panzern ihrer schnellbewegten Citadellen Platten für erforderlich, deren jede, fünf Zoll dick von Schmiedeeisen, zwei- bis dreihundert Centner wog, während ihre Gegner, die Civil-Artilleristen Armstrong, Whitworth, Dahlgren, Parrot etc., zum Schaffen von Geschützen, die in diese Panzer wieder Bresche schießen sollten, nach geschmiedeten Kanonenrohren von vier Fuß Durchmesser und dreißigtausend Pfund Gewicht riefen, welche Projektile von fünfhundert Pfund und mehr Gewicht werfen sollten.

Dem Allen hätten die Schmiede mit den Werkzeugen, die ihnen noch vor dreißig Jahren zu Gebote standen, nicht entsprechen können. Der Ursprung und die Construction derselben war zum Theil uralt und sie besaßen für das, was sie zu leisten hatten, meist Anordnungen, die mehrtausendjährige Praxis zu hoher Vollkommenheit herausgebildet hatte. In der That war das Werkzeug des Schmiedes, unter dessen geschickten Hammerschlägen sich der Stahlhelm des mittelalterlichen Raubritters wölbte, oder welcher die bewunderungswürdigen Schwerterklingen streckte, deren Ruhm in Lied und Geschichte auf uns gekommen ist, kein wesentlich anderes als das, womit, bis auf die Zeiten unserer Jugend herab, die Organe der Maschinen der Neuzeit geschmiedet wurden. Hämmer, Ambose, Schrotbeile, Gesenke, Locheisen, Zangen, Alles von verschiedener Form und Größe, die jedoch nie über die Möglichkeit der Handhabung durch eines oder einiger nerviger Männer Kraft hinausging, bildeten diesen Apparat. Fast eben so wenig hatte die Zeit ihre umgestaltende Macht an den Werkzeugen geübt, die zum Schmieden von Eisenkörpern dienten, deren größere Massen der von der menschlichen Hand geschwungene Hammer nicht genügend erschütternd durchdringen konnte. Es waren dies die großen Hämmer, deren monoton-sonorer Schlag vielstimmig in unseren von wilden Bächen durchströmten Waldthälern widerhallt. Bildete doch das einsam gelegene Hammerwerk, mit seinem rastlosen Dröhnen, leuchtenden Feuern und sprühenden Eisenstäben, deren Schein so traulich phantastisch auf den Schaum des umstrudelnden Rades und zwischen den uralten Stämmen ringsum hinausleuchtete, ein Hauptelement der Poesie unseres deutschen Gebirges.

Diese großen Hämmer wurden durch Wasserkraft (die sich in späterer Zeit hier und da durch Dampfkraft ersetzte, ohne die Construction des Werkzeuges wesentlich zu ändern) und einfachsten Mechanismus gehoben und auf das Schmiedestück, das bearbeitet werden sollte, fallen gelassen. Die Anordnung des Ganzen erschien nur in dreierlei Form. Gemeinschaftlich war allen das langsam umwälzende, möglichst schwere Wasserrad, dessen starke Welle in die Schmiede hineinragte. An dieser Welle saßen tüchtige Hebedaumen, „Frösche“ genannt, welche die Eisenmasse des Hammers beim Drehen der Welle faßten, hoben und, sich vorüberwälzend, wieder fallen ließen. Die Masse des Hammers saß dabei, einem gewöhnlichen Handhammer ähnlich geformt, an einem starken, meist aus einem zähen Eschenstamme hergestellten und mit Eisen stark geschienten Stiele, „Helm“ genannt. An diesem Stiele befanden sich Drehzapfen, die sich in Pfannen bewegten, so daß der emporgeschnellte Hammer gezwungen war, stets auf dieselbe Stelle zurückzufallen. Hier wurde der aus einem schweren Stücke verstählten Eisens bestehende Ambos angebracht. War der Hammer nicht zu schwer, d. h. überstieg sein Gewicht nicht drei- bis fünfhundert Pfund, so brachte man die Drehzapfen ungefähr in der Mitte des Stieles an und ließ die Kraft auf das dem Hammer entgegengesetzte Ende desselben wirken.

In dieser Form hieß der mechanische Hammer „Schwanz- oder Zain-Hammer“. Die Hämmer zum Behandeln schwerer Schmiedestücke ließ man achtzig bis hundert Mal in der Minute schlagen. In Fällen, wo eine größere Schnelligkeit des Schlags erforderlich war, wie z. B. bei den allerdings kaum einige Pfund schweren Hämmern der Löffel- und Zeugschmiede, die drei- bis vierhundert Schläge in der Minute machen sollte, reichte es natürlich nicht aus, den Hammer durch die bloße Wirkung der Schwere fallen zu lassen, und man brachte unter demselben, oder unter dem Schwanzstücke, Prallvorrichtungen, „Prallraitel“ genannt, aus Holz oder Leder an, die ihn rascher nach dem Ambose zurückwarfen. Mit diesen Hämmern wurden alle feineren Stab- und Flacheisensorten, z. B. Wagenreifen etc. ausgeschmiedet. In den mechanischen Werkstätten benutzte man sie zur Herstellung der größeren complicirten Schmiedestücke.

Es würde bequem gewesen sein, wenn man auch den schweren Hämmern, deren die Eisenwerke bedurften, diese Form hätte geben können. Dies verbot sich aber durch den Umstand, daß der Stiel, der Helm, hier in seiner ganzen Länge die Kraft zum Heben des Hammers stoßweise fortpflanzen mußte. Für schwere Hämmer hätte sich kein Stamm von genügender Haltbarkeit gefunden. Man legte daher bei ihnen die Welle entweder zwischen die Drehzapfen und den Hammerkopf (Aufwerfhämmer) oder, wie meist bei den schwersten, vor denselben (Stirnhämmer). In beiden Fällen wurde die Festigkeit des Hammerstiels wenig in Anspruch genommen, dagegen beschränkte sich die Hubhöhe des Hammers und die Bequemlichkeit der Manipulation auf dem Ambos nahm ab, weil die Welle ganz in der Nähe desselben lag. Das Gewicht der in der Eisenindustrie früherer Zeiten verwendeten Aufwerf- und Stirnhämmer stieg bis auf mehrere tausend Pfund. Allen diesen Vorrichtungen [490] waren zwei Nachtheile gemein. Erstens, daß die Höhe, bis zu der sie den Hammer hoben, in allen Fällen dieselbe blieb und die Wirksamkeit da gerade abnahm, wo ihre Erhöhung wünschenswerth gewesen wäre, nämlich dann, wenn das auf dem Ambos liegende zu schmiedende Stück von großen Dimensionen war und somit von der Fallhöhe des Hammers wenig zum Schlage übrig blieb. Zweitens, daß der Schlag des Hammers vermöge des Winkels, in dem er gehoben wurde, niemals parallel zum Ambos erfolgen konnte.

Außerdem beschränkte sich die Wirksamkeit der Hämmer durch die Schwierigkeit, ihren Fundamenten die für rapide Arbeit und die Verwandlung der wälzenden Bewegung der Welle in die des Hammeraufwurfes nöthige Stabilität zu geben. In dieser Verwandlung der wälzenden Bewegung der Welle in das Auf- und Niedergehen der Hämmer gab sich eine Uneigentlichkeit kund, die a priori für den denkenden Techniker auf die Nachtheile der damaligen Hammerconstruction hindeutete und mit Sicherheit annehmen ließ, daß die Form für die wirksamste Anordnung des mechanischen Hammers noch nicht gefunden sei. In diesem Sinne nahm schon im Jahre 1696 Evan Jones ein Patent auf Verbesserungen im Betriebe von Eisenhämmern, dessen Wesen indeß nicht mehr genau zu ermitteln ist.

Gerade in der letzterwähnten Schwierigkeit lag der Grund, daß das geradlinige Auf- und Niedersteigen der Kolbenstange der Dampfmaschine sich eigentlich ohne Weiteres als diejenige Gestalt mechanischer Kraft kundgeben mußte, die für Hervorbringung eines verticalen Schlages von beliebiger Fallhöhe und Intensität wie geschaffen schien. Am wenigsten konnte dies dem durchdringenden Blicke des Mannes entgehen, dessen großer Genius in der Entwickelung der Dampfmaschine die ganze Arbeit gethan hat, zu der es, beim Heranbilden anderer Erfindungen, der Thätigkeit von Generationen bedurfte.

James Watt, der die Dampfmaschine als formlosen, kaum lebensfähigen Embryo empfing und als reiche Individualität, als mächtigstes Rüstzeug des Geistes unserer Zeit aus den „sinnbegabten“ Händen stellte, der uns nur das Häufen der Zinsen jenes gewaltigen Capitals von Ideen übrig ließ, mit denen er, in wahrhaft apokalyptischem Geiste, die ganze Gegenwart und Zukunft der Dampfmaschine umfaßt hat: James Watt erkannte sofort, nachdem ihm seine doppelt wirkende Maschine gelungen war, daß es, um ein wirksames Werkzeug herzustellen, eigentlich nichts bedürfe, als einen gewöhnlichen Hammer mit dem Balancier dieser Maschine in Verbindung zu bringen und von diesem aufheben und fallen zu lassen.

Der große Vater der Dampfmaschine nahm auf diese Idee ein Patent, das vom 28. April 1784 datirt ist. Sie kam während seines Lebens nicht zur Ausführung und wie die Patente, die er auf Verwendung der Dampfmaschine zum Treiben von Schiffen und Wagen entnommen, erlosch auch dieses unbenutzt. Die Zeit für die Idee war noch nicht da. Aus gleichem Grunde besaß die Wiedererfindung derselben Vorrichtung durch W. Deverell, dessen Patent vom 6. Juni 1806 ist, keine Lebensfähigkeit. Da erschien der Geist der Zeit, der zu Ende des vorigen und Anfang des jetzigen Jahrhunderts die riesenhaften Kämpfe seiner politischen Reformation geschlagen hatte, nach mehr als zehnjähriger Ruhe mit neuer Kraft, aber in friedlicher Gestalt, auf dem Schauplatze der Civilisation. Die bewegliche Dampfmaschine, diese Personification des Verkehrs, war sein eingebornes Organ. Mit anderen Verkehren nahm auch der auf der Hauptstraße, welche die Civilisation auf ihrem Wege von Ost nach West um den Erdball wandelt, der Transatlantischen, ungewohnte Dimensionen an. In gleichem Maße wuchsen die der Fahrzeuge, welche ihn vermittelten, und ihre Theile.

Rathlos stand daher der Eigenthümer der berühmtesten Schmiedewerkstatt der Welt, John Nasmyth zu Patricroft, vor der ihm gestellten Aufgabe, als die Eigenthümer der neu begründeten Cunard-Dampfschifffahrt-Gesellschaft für ihr später so unglückliches Schiff „Präsident“ eine Welle mit Luftpumpenkrummachse von fünfzehn Zoll Durchmesser und zweiundzwanzig Fuß Länge durch ihn ausgeführt zu sehen wünschten. Die Noth zwang ihn endlich, einen Versuch mit dem directen Heben eines Hammerblockes durch einen darübergestellten Dampfcylinder zu machen. Der Versuch gelang über Erwarten, obwohl das Werkzeug blos aus einem alten Dampfcylinder bestand, der, auf einem Holzgerüste umgekehrt befestigt, an der Stange des in ihm spielenden Kolbens einen Block von circa zweitausend Pfund Gewicht ungefähr vier Fuß hoch hob und dann wieder fallen ließ, wenn man dem wirkenden Dampfe die Entweichung gestattete. Die Schläge, welche diese rohe Vorrichtung auf das zu bearbeitende Stück führte, waren so mächtig, so correct, so wirksam, daß die Constructeure derselben, Nasmyth, Gaskell und Crawdon, den Apparat mit großer Freude umstanden, der die glühenden Blöcke so gründlich durcharbeitete und die Schweißschlacke, selbst aus dem innersten Kerne desselben, so lustig herausspritzen ließ.

Aber die Herren waren noch weit von derjenigen Lösung der Aufgabe entfernt, durch welche das neue Werkzeug die Gestalt erhalten sollte, die es dazu befähigte, die ihm bestimmte große Rolle in der Entwickelungsgeschichte der neuen Technik zu spielen. Der erste Dampfhammer, den die Bridgewater Foundry zu Patricroft im Jahre 1842 vollendete, hob den Kolben mit dem daranhängenden Blocke nur dann, wenn ein Ventil in Schieberform, welches dem Dampfe gestattete, aus dem Kessel unter den Kolben zu treten, mittels eines langen Hebels von der Hand des Schmiedes geöffnet wurde. Dieser mußte nun alle Aufmerksamkeit darauf verwenden, daß dies nur während der gehörigen Zeit geschah. Erfolgte es nicht lange genug, so hob sich der Kolben und Hammer nicht zur vollen Höhe, während zu lange einströmender Dampf verloren ging. Es gehörte daher große Geschicklichkeit, Geistesgegenwart und auch Körperkraft dazu, mit der Vorrichtung einigermaßen regelmäßige Schläge auszuführen.

Ueberdies ergab es sich als geradehin unmöglich, mit der Vorrichtung so schnell zu schmieden, wie es erforderlich war, wenn die Glühhitze der Stücke, während deren sie am zweckmäßigsten bearbeitbar sind, genügend ausgenützt werden sollte. Im Ganzen zeigte sich daher noch im Jahre 1843 die neue, mächtige Vorrichtung zu Patricroft so unbehülflich, daß die Eigenthümer des berühmtesten Eisenwerks in England, dessen zu Low Moor, die Herren Hird, Dawson und Hardy, die im März des genannten Jahres nach Patricroft kamen, um den Apparat zu sehen und einen solchen von großen Dimensionen für ihr riesiges Etablissement bauen zu lassen, enttäuscht wieder abreisten. Bei dem ihnen zu Ehren gegebenen Diner äußerte einer der Herren, daß sie mit Bedauern die Banknoten wieder mitnähmen, die sie gern zu Patricroft gelassen hätten. Da sprang John Nasmyth auf und rief: „Legen Sie sie bei Seite! Legen Sie sie bei Seite und noch zehn Mal mehr dazu, und sie sollen doch nicht ausreichen, uns den Tribut zu bezahlen, den wir von Ihnen noch erheben werden!“

Die Thatsache gab den genialen Technikern zu Patricroft einen gewaltigen Stimulus, das ungelenke Kind ihres Talentes zum brauchbaren Manne heranzubilden. Mit zwei Eigenschaften mußten sie den Hammer vor allen Dingen ausstatten. Er mußte schneller arbeiten lernen und seine Function mußte von der unmittelbaren Leitung der Menschenhand unabhängig werden. Schon Deverell hatte 1806 den Weg zu Erreichung des ersteren Zweckes gezeigt. Er verschloß den Obertheil des Cylinders, in dem der hebende Kolben spielte, und ließ von diesem bei seinem Steigen die darin befindliche Luft zusammendrücken, so daß, wenn die Wirkung des Dampfes aufhörte, die Elasticität dieser Luft den Kolben rasch zurückschleuderte. In ähnlicher, jedoch nicht unwesentlich modificirter Weise, stellten die Ingenieure von Patricroft aus Luft ein Prallkissen, einen unzerstörbaren und nie versagenden Puffer her, der ihrem Hammerblocke die nöthige Geschwindigkeit verlieh. Blieb noch die Abhängigkeit von der Steuerung durch die Menschenhand zu beseitigen, und dies war die schwerere Aufgabe!

Der Eifer und eiserne Fleiß, mit dem die Constructeure an ihre Lösung gingen, war ohne Gleichen in der Bridgewater Foundry. Das Wort ihres berühmten Chefs, die Ehre des Werkes war verpfändet. Es handelte sich nicht mehr darum, ob die Erfindung gemacht werden könne, sondern nur darum, wann sie reif und fertig vom Zeichentische der Techniker in die Ateliers zur Ausführung wandern mußte. Das Constructionsbureau erklärte sich in Permanenz, es wurde zum Cardinalconclave, das fast nicht essen, trinken und schlafen durfte, bis der Papst gewählt, d. h. die Erfindung gemacht wäre.

Robert Wilson, einer der Chef-Techniker des Werkes, war der glückliche Finder der Ideen zu der „automatischen Steuerung des Hammers“, die von allen seinen Collegen, die mit ihm gebrütet und fast Tag und Nacht die Stirnen über die Reißbreter und Skizzenblätter gebeugt hatten, als vollständige Lösung der Aufgabe erklärt wurde. Die Wilson’sche Hammersteuerung gehört [491] zu jenen seltenen Constructionen, die reif und fertig im ersten Entwurfe aus dem Stifte ihres Erfinders hervorgehen. Alle späteren Verbesserungen haben nichts thun können, als ihr Nebenwerk abzuändern, zu dem Principe der Wilson’schen Vorrichtung ist man immer wieder zurückgekehrt.

Es würde zu weit führen, wenn wir hier den Versuch machen wollten, eine Idee vom Functioniren seines bewundernswürdigen Apparates zu geben. Genug, die Regulirung der Bewegung des Hammers wurde von dieser selbst hergeleitet. Der gewaltige Hammerblock berührt, auf- und absteigend, leicht bewegliche, verhältnißmäßig zarte, mechanische Organe, vorübergleitend, kaum streifend, öffnet durch diese leicht verschiebliche Ventile und erschließt so selbst den ihn auf- und abtreibenden, gewaltigen Dampfkräften den Weg zur Wirkung. Die Vorrichtung überließ dem Menschen gleichsam nur das Denken für den Hammer. Die Idee Wilson’s frappirte des Erfinders Genossen mit der vollen Kraft ihrer Evidenz. Der ganze rastlose Eifer, der auf das Produciren des Gedankens gewandt worden war, lenkte sich jetzt auf die Ausführung. Aus Hand in Hand arbeiteten sich Zeichner, Gießer. Schmiede, Dreher, Hobler, Monteure zu, und acht Tage nach Mittheilung von Wilson’s Skizze stand Crawdon, einer der Theilhaber an dem Werke zu Patricroft, der früher selbst Schmied gewesen war, an einem fertigen, mit vollständiger automatischer Steuerung ausgerüsteten, dreihundert Pfund schweren Hammer und ließ ihn lustig, dem Drucke seines Fingers gehorchend, dreihundert Mal in der Minute auf das sprühende Eisen energisch schlagen oder in der Luft auf- und abschnellen, oder auf halbem Wege umkehren, oder eben das Schmiedestück nur berühren und dann wieder aufhüpfen, kurz, er spielte vor den Augen der Techniker von Patricroft mit dem Blocke des Eisenhammers, wie ein geschickter Jongleur mit Eiern oder Aepfeln spielt. Die Wilson’sche „automatische Steuerung“ war auf den ersten Wurf gelungen! Thomas Crawdon sagt selbst von ihr: „Die Erfindung hatte keine Kindheit; sie trat mit voller Wirkungskraft in’s Leben, wie ein Product jahrelanger Studien und Erfahrungen.“

Wie erzählt, waren die Eigenthümer des Low Moor-Eisenwerkes im März 1843 enttäuscht aus Nasmyth’s Schmiede geschieden. Schon am 18. August desselben Jahres mußten sie die damals „mit Bedauern wieder mitgenommenen Banknoten“ nach Patricroft für „einen Dampfhammer mächtigster und vollkommenster Leistung“ einsenden, mit dessen Lieferung der berühmte Besitzer jenes Werkes sein fünf Monate vorher gesprochenes, kühnes Wort einlöste. Aber auch mit dieser außerordentlichen Leistungsfähigkeit, Bequemlichkeit und Sicherheit der Behandlung ausgerüstet, genügte der Apparat bald den steigenden Ansprüchen an Schnelligkeit und Energie des Schlages nicht mehr. Es wurde zur Ausführung gewisser schwieriger Stücke, an die sich jetzt die Kunst des Schmiedens zu wagen begann, z. B. der Steven der Schiffe, die Schweißung breiter Platten etc., erforderlich, mit verhältnißmäßig geringem Hammergewichte ungemein kräftig auf die Schmiedestücke zu wirken.

Auch hier wußte die Werkstatt zu Patricroft Rath. Statt den Kolben des Dampfes beim Auftrieb von einem Prallkissen aus Luft zurückstoßen zu lassen, gab man dem hochgespannten Dampfe, mit dem man den Kolben gehoben hatte, Zutritt über denselben und ließ ihn den Hammerblock, wie ein Projectil, von oben her mit außerordentlicher Geschwindigkeit auf die Arbeitsstücke schleudern, so die Wirksamkeit des Werkzeuges in Zeit und Energie vervielfältigend. Schnell nacheinander wurden jetzt zu Patricroft die mächtigsten Werkzeuge vollendeter Wirksamkeit geliefert, eines das andere an Dimensionen und Gewicht überbietend. Keines verließ die berühmten Ateliers, das nicht neue Vorzüge gezeigt hätte. Das unbequeme, die Manipulation beengende Gestell der ersten Hämmer verwandelte sich bald in kühne, leicht und doch solid construirte Gerüste, deren Gestalt nach den speciellen Zwecken des Hammers auf das Vielfältigste wechselte. Aber auch von allen Seiten tauchten Fabriken auf, die dem gewaltigen Werkzeuge andere Formen gaben, um sich, trotz dem Patente des Erfinders mit seiner Herstellung beschäftigen zu können. Einige dieser Veränderungen waren wirkliche Verbesserungen, wie z. B. die Construction von Diron, der den Hammerblock nicht mehr an die Kolbenstange eines hochstehenden Cylinders hing, sondern den in schweren Massen gegossenen Cylinder selbst zum Hammer machte und an dem feststehenden Kolben auf- und abspielen ließ, so die schwankende Höhe des Hammergerüstes wesentlich vermindernd. Bald nachdem große, unter Dampfhämmern ausgeführte Schmiedestücke von rundem Querschnitt hie und da gebrochen waren, zeigte es sich, daß sonderbarer Weise die Gewalt des Werkzeuges in seiner damaligen Form für die zu schaffende Arbeit zu bedeutend war. Die Kerne großer Achsen und Wellen erschienen nämlich porös mit sternförmig vom Mittelpunkt ausgehenden Blätterungen. Nasmyth’s Scharfsinn fand zugleich die Ursache der anfangs unerklärlichen Erscheinungen und das Mittel dagegen. Der unwiderstehliche Druck des Hammers quetschte bei jedem Schlag des Schmiedens auf dem bis dahin üblichen, flachen Ambose die runde Welle etwas breit, so eine Ellipse herstellend, in deren längerer Achse das Eisen eine Dehnung oder Zerreißung erlitten haben mußte. Bei den rund um die Welle schreitenden Schlägen mußte eine völlige Zerstörung von deren Kern stattfinden.

Dem Genie lag die Abhülfe mit bewundernswürdig einfachem Mittel nahe. Nasmyth gab dem Ambos einen dreieckigen Ausschnitt, in dem beim Schmieden die Welle, die Achse ruhte, so daß der Schlag des Hammers sie nicht mehr breitdrückte oder ausdehnte, sondern von drei Punkten her jederzeit mächtig zusammenquetschte, sie solcherweise bis in’s Innerste verdichtend. Die Gestalt, in der Nasmyth’s Dampfhammer jetzt erschien und der sich seit zwanzig Jahren eigentlich nur im Aeußeren, nicht im Wesentlichen verändert hat, war ungefähr folgende:

Auf zwei schweren, sehr stabilen Gerüststücken von Gußeisen ist oben ein Dampfcylinder festgebolzt, in dem ein Kolben durch sehr hoch, meist bis zu sechs und acht Atmosphären gespannten Dampf auf und nieder geschoben wird. Die stählerne Stange dieses Kolbens tritt unten aus dem Cylinder und an ihr ist der schwere gußeiserne, zwischen Gradführungen im Gerüste gleitende Hammerblock festgekeilt, an dem unten wieder sehr solid die schmiedeeiserne verstählte Hammerbahn befestigt ist. Das Ganze spielt mit dem Kolben auf und nieder. Um diesen Zutritt des Dampfes ganz nach dem Belieben des Hammerschmieds reguliren zu können, der aus einer Plattform am Hammergerüste steht, dazu ist der Mechanismus, „Steuerung“ genannt, an dem Apparate angebracht, dessen bewundernswürdige Anordnungen zu den interessantesten Schöpfungen der neuen Mechanik gehören, aber doch nicht so einfach sind, daß sie sich ohne technische, nicht hierher passende Zeichnung genügend deutlich machen ließen. Genug, mittels der Handhabung eines Griffs bestimmt der Schmied auf das Genauste die Höhe des Hubes und mit einem andern die Zahl und das Maß der Energie der Schläge.

Und dies geschieht mit solcher Sicherheit und Genauigkeit, ja Unfehlbarkeit, daß sich Schmiede oft den Scherz machen, vor den Augen der erstaunten Zuschauer mit einem Hammer von Hunderten von Centnern an Gewicht eine Nuß aufzuknacken, ohne deren Kern zu verletzen, oder zum Entsetzen, das fast Jedem einen Schrei entlockt, den Kopf auf den Ambos legen und den Riesenhammer bis zum Berühren der Nase auf und ab spielen lassen! Natürlich sind die Schläge so gewaltig hart herabfallender Massen wie Hämmer von mehreren hundert Centnern Gewicht mit Erschütterungen des umliegenden Bodens verknüpft, welche die sichere Begründung des Standes der Hämmer und ihrer Ambose mit großen Schwierigkeiten verknüpfen, besonders da die der letzteren, um dem Schlage ganze Wirksamkeit zu geben, einer gewissen Elasticität nicht entbehren darf. Von der Anwendung von Stein muß daher hierbei fast ganz abgesehen werden, und die Fundamente großer Hämmer enthalten oft wahre Wälder starker, kreuzweis aufeinander geschichteter Eichenstämme, auf dem die Riesenwerkzeuge zitternd und schwankend und doch sicher stehen.

Auch die Gebäude, in denen sie arbeiten, müssen dem gemäß construirt sein und werden in neuester Zeit meist leicht und elastisch, zum großen Theile aus Eisen und Blech hergestellt. Der Besitz von Dampfhämmern von mehr oder weniger Macht, geringerer oder größerer Dimension wurde bald ein Bedürfniß aller größeren mechanischen Ateliers und ist jetzt ein Lebenselement jeder Werkstatt, die größere Stücke producirt, für jedes Eisen- und jedes Walzwerk, eine Nothwendigkeit für mittlere Anstalten dieser Art und wünschenswerth auch für das kleinste Atelier. Es giebt in England, Westphalen, Rheinpreußen, Berlin, Oberschlesien, Frankreich, Belgien Werkstätten und Eisenwerke, in denen jetzt Dampfhämmer, vom kleinen, zierlichen kaum centnerschweren Schmiedehammer an bis zum dröhnenden und stöhnenden Ungeheuer von fünf- bis sechshundert Centner Gewicht, zu Dutzenden in Reih und Glied stehen. Die Vorwelt konnte nur Riesen bekämpfen [482] und tödten, die Zeit der Humanität und Association thut mehr, sie zwingt sie für Cultur und Verkehr zu arbeiten! Fast jede gute Maschinenfabrik producirt jetzt Dampfhämmer und die Ateliers von Fernley, Rigby, D. Ivy, Condie, Thwaistle und Carbutt, Molar und Whaley in England, Schwarzkopf, Borsig, Wöhlert, Haswell und Zimmermann in Deutschland, und Cavé in Frankreich haben sich um die Verbesserung der Constructionen wahre Verdienste erworben.

Je nach Bedarf und Moralität hat man auch zum Betriebe von Apparaten, die dem Nasmyth’schen Dampfhammer im Princip ähnlich sind, comprimirte Luft und Wasserdruck angewandt und Armstrong’s und Haswell’s hydraulische Hämmer haben sich für gewisse Zwecke großer Vorzüge vor den Dampfhämmern zu rühmen. Der Raum verbietet, auf diese Constructionen sowie auf die Vorrichtungen einzugehen, durch die man in letzter Zeit versucht hat, den von der Menschenhand geführten leichten Schlag beim Schmieden complicirter Stücke nachzuahmen. Balmforth in Leeds hat darin das meiste Glück gehabt. In den letzten Jahren, wo der gigantische Aufschwung des Verkehrs, der Drang dem Ocean seine Schrecken zu nehmen, auf der heitern Seite menschlicher Thätigkeit, die Kriege in der Krim und in Nordamerika auf der düstern Seite, den Menschen gedrängt haben, mit immer gewichtigeren Waffen die feindliche Natur und den feindlichen Bruder zu bekämpfen, sich eben so ängstlich hier zu sichern, wie dort emsig zu tödten, gipfelt sich die Production ungeheuerer Schmiedeeisenstücke in den Steven, Schrauben und Schaufelwellen der Oceandampfer, in den Panzerplatten der „Monitors“ und in den Rohren der ungeheuren Marine- und Wallgeschütze. Mit diesen Producten sind die Schmiedewerkzeuge, die Hämmer, gewachsen, deren Riesen von vier-, fünf- und sechshundert Centner Gewicht aber Friedrich Krupp’s Hammer in seiner Stahlfabrik zu Essen kopfeslang noch überragt.

Nicht mehr wie ein Hammergerüst steigt das Gestell dieses Giganten in der kirchenhohen Halle empor, in der er arbeitet, sondern wie ein eiserner gegliederter Thurm, in dem der fast tausend Centner schwere, schmiedende Theil zehn Fuß hoch auf- und niedersteigt. Der Block, auf dem der Ambos ruht, wiegt hier fast siebentausend Centner, das Ganze an zwölftausend Centner. Zwei große Dampfkrahne heben die ungeheueren Schmiedeblöcke, bis vierzigtausend Pfund an Gewicht, aus den Oefen und schieben und wälzen sie auf den Ambos, wo der Hammerblock mit dumpfem Donner und mehrere tausend Fuß im Umkreis fühlbarer Erschütterung auf sie niederfällt, dem Stahl zu Kanonenrohren, Achsen, Radreifen, Schiffswellen, Schienen etc. jene unvergleichliche Dichtheit verleihend, die Krupp’s Artikel vor allen andern ihrer Art auszeichnet.

Der Hammer allein absorbirt so viel Dampf zu seinem Betriebe, wie eine Maschine von fast eintausend Pferdekraft, und wenn er sich mit mächtigem Brüllen aus dem Cylinder entladet, die Erde vom Schlag des Hammers bebt und der Stahl wie Brei vom Ambos sprüht und alles dies dem Druck der Hand von wenig Männern gehorcht, die wie Pygmäen unter den arbeitenden Riesengliedern des Mechanismus umhereilen, so fühlt wohl Jeder mit stolzem Schauer, daß für einen Geist der Zeit, der mit solchen Werkzeugen an seinen Schutz- und Trutzwaffen schmiedet, kein menschgebornes Wesen mehr Ketten schmieden kann.