Textdaten
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Autor: Eugen Friese
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Titel: Die Waldschnepfe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 184
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Waldschnepfe.

Unter den in Deutschland heimathberechtigten Schnepfenarten hat die Waldschnepfe für den Jäger wohl das höchste Interesse. Abgesehen von der Vortrefflichkeit des Wildbretts und dem daraus sich ergebenden Werthe des Vogels, bieten die verschiedenen Jagdarten auf denselben soviel des Spannenden, daß er schon um deßwillen als der Liebling des deutschen Waidmanns gilt.

Die Waldschnepfe ist ein Zugvogel, welcher Anfangs März zu uns kommt, um uns im November wieder zu verlassen, wobei die Zeit des Wieder- und Abstrichs etwa je vier Wochen währt. Ihr eigentlicher Lieblingsaufenthalt ist der Wald. Die in Würmern bestehende Nahrung findet sie meist auf den an den Holzrändern sich hinziehenden Wiesen, die sie aufsucht, um danach stets wieder in das gewohnte Waldesdunkel zurückzuflüchten.

Kaum einen zweiten Vogel dürfte es geben, über dessen Lebensgewohnheiten bei den Naturforschern noch bis vor Kurzem die Ansichten derart aus einander gingen, wie bei der Waldschnepfe. Ihr scheues, abgeschlossenes Treiben in Verbindung mit ihren abgeschiedenen Aufenthaltsorten schützte sie vor den Nachforschungen der Menschen, und wir verdanken die gründliche Kenntniß dieser Wildgattung erst der Epoche, da der Naturforscher selbst zur Flinte griff und wie Brehm, der der Waldschnepfe in seinem berühmten Werke „Das Leben der Vögel“ einen vortrefflichen Artikel widmet, durch eingehendes Selbststudium in der Natur sich Kenntniß von ihrem Leben verschaffte, ohne sich auf die oft recht abenteuerlichen Beschreibungen der Jünger Dianens zu verlassen.

Von den Jagdarten auf die Waldschnepfe mögen hier die interessantesten Erwähnung finden. Zuvörderst sucht man sie mit einem sicheren, mit einer Klingel versehenen Vorstehhunde, wobei es sich empfiehlt, daß zwei Jäger einander sekundiren. Während der Eine vorsichtig hinter den Hund tritt, sobald dieser steht, umgeht der Andere in weitem Bogen die Stelle, auf welcher der Blick desselben das Wild vermuthen läßt, um darnach von vorn auf die Hundenase zuzukommen. Hierdurch wird die Schnepfe gezwungen, in die Höhe zu steigen, und kann verhältnißmäßig leicht geschossen werden, während sie sonst, unmittelbar am Boden hinstreichend, zwischen dem Gestrüppe des Unterholzes ein überaus schwieriges Zielobjekt bildet.

Neben der Suche mit dem Hunde benutzt man den Ansitz an feuchten Sumpflöchern, sogenannten Suhlen im Walde, zu denen die Schnepfe am Abend und Morgen zur Aesung zieht. Hoch über den Wipfeln der Bäume sehen wir sie kreisen, ehe sie sich plötzlich pfeilschnell, mit pfeifendem Flügelschlage niederläßt. Längere Zeit bleibt sie darauf still auf einem Flecke stehen, den langen Schnabel zur Brust gesenkt und mit den hervortretenden Augen scharf sichernd, bis sie sich überzeugt hält, daß ihr keine Gefahr droht, worauf sie das Stechen nach Würmern beginnt. Von diesem Augenblicke an scheint sie jede Scheu verloren zu haben. Oftmals habe ich mit einem Gefährten an derselben Suhle gesessen und mit ihm Beobachtungen über den augenblicklichen Stand des Vogels mit lauter Stimme ausgetauscht, da wir des dunklen Erdreichs wegen ihn nicht erkennen konnten; er ignorirte das Geräusch, welches wir machten, vollständig und fuhr unbekümmert in seiner interessanten Beschäftigung fort. —

Indem ich nur kurz das Treiben der Schnepfen durch Treiber, wo undurchdringliche Dickungen es nicht gestatten, dem Hunde zu folgen, erwähne, komme ich auf die beliebteste Jagdart, den Anstand gelegentlich des Schnepfenzuges, der eigentlichen Paarungs- oder Balzzeit im Frühjahr am Morgen und Abend, zu sprechen; letztere Tageszeit wird der längeren Dauer des Zuges Wegen mit besonderer Vorliebe gewählt. Der bekannte Jagdmaler Deiker hat auf nebenstehendem Bilde unsern langschnäbeligen Lieblingen einen Augenblick ihres Treibens zur Dämmerstunde getreulich abgelauscht.

Von den Wiesen steigen die Nebel auf, und der laue West nimmt sie in seine Arme, um sie dem dunklen Waldrande zuzuführen und sie spielend und kosend um die Wipfel der Erlen und Birken zu schlingen, deren junge Triebe durstig das Naß einsaugen. Wie ein sanfter, seliger Schauer fliegt es über das Moor mitten in den finsteren Rahmen des Forsts. Es kommt ja der Lenz gezogen, und werden auch noch Wochen vergehen, bis seine Liebeswerbung die Natur voll beglückt, so fühlt sie doch jetzt schon den süßen, berauschenden Athem, der seinem Kommen voraneilt. Und mit ihr empfinden seine Nähe all ihre gefiederten Kinder in Busch und Wald, die ihn mit schmetterndem Gesang jubelnd und jauchzend begrüßen.

In stummer Andacht stehen wir und lauschen. Wie das zwitschert und flötet, zirpt und schmettert! Eine unendliche Mannigfaltigkeit des Gesanges und dennoch nur ein einziges Motiv, welches jeder Einzelne der kleinen Künstler seinem Liede untergelegt hat, das er in seiner Weise variirt: sie singen das Lied von der Liebe. Vom Süden sind sie zurückgekehrt, bei uns wollen sie ihr Nest bauen, ihre Heimath ist der Norden.

Dunkler wird es um uns her, und mit dem hereinbrechenden Abend verstummen allmählich die Sänger. Nur noch die Drossel läßt ihre sehnsüchtigen, schmelzenden Weisen hören, bis auch ihr Flöten durch längere Pausen unterbrochen wird, bis auch sie endlich ihr Gefieder sträubt und das Köpfchen unter den schützenden Flügel steckt, um von des Frühlings Liebe und Lust zu träumen.

Stille ringsum; erloschen ist das Licht des Tages, und mit ihm sind die rothen und goldigen Säume der Wolkenschäfchen im Westen verblichen. Das Himmelsgewölbe über uns, eben noch hellgrün leuchtend, ist jetzt in lichtes Blau getaucht, auf dessen Grund eben, kaum erkennbar noch, ein kleiner, glänzender Punkt sichtbar wird: der Abendstern, vom Jäger mit frohem Hoffen begrüßt.

Aufhorchend steht er da. Quaor — quaor — langsam sieht er sie, der seine Andacht gilt, näher ziehen an dem Waldrande hin. Schon hebt er die Flinte, da — pfuitz — pfuitz; ein zweiter Schatten ist neben dem ersten, und nun wirbelt es in wilder Jagd pfeilschnell an ihm vorüber, einander überstürzend und sich zu haschen suchend. Er hat nicht zu schießen vermocht, weil die Umrisse der Vögel beim hastigen Fluge zur Erde im Schatten derselben verschwunden gewesen; und dennoch athmet er froh auf. Die alte Jägerregel hat sich von Neuem bestätigt: „Okuli, da kommen sie“; die ersten Schnepfen sind da.

Wir aber möchten dem Verslein eine dritte Strophe hinzufügen: „Schieß’ jetzo sie nie!“ Leuchtet doch der Abendstern ihnen zur beglückenden Liebesfahrt; wollen doch auch sie bei uns ihr Nest bauen.

Eugen Friese.
[185] 
Die Gartenlaube (1885) b 185.jpg

Schnepfenstrich.
Originalzeichnung von C. F. Deiker.