Die Todtenfeier eines deutschen Flüchtlings

Textdaten
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Autor: Hans Blum
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Titel: Die Todtenfeier eines deutschen Flüchtlings
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 729–731
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Todtenfeier eines deutschen Flüchtlings.

Von Hans Blum.[1]

Die zur Gerechtigkeit weisen, werden leuchten wie die
Sterne, immer und ewiglich. –

Jetzt, wo der ungeheuere Jubel des allgemeinen deutschen Schützenfestes zu Frankfurt verklungen und sich auf dem allgemein glänzenden Niveau jener Festestage einzelne Schattenstreifen deutlicher sondern, und wiederum einige Lichtstrahlen sich leuchtender wiederspiegeln, da wird es dem ruhigen Beobachter nicht schwer, den leuchtendsten unter den leuchtenden Strahlen zu finden. Es ist dies – man kann es unbeschadet der Liebe zu unsern Tyroler Brüdern offen bekennen – jener Strahl, der aus dem sonnigen Mittagshimmel schweizerischer Freiheit hineinfiel in unsere deutsche Morgendämmerung, es ist die herzinnige Freude, die der Schweizer und der Deutsche zu Frankfurt aneinander empfunden, die Freude zweier Brüder, die sich nach langer Schicksalstrennung wieder gefunden. Dieser Eine Moment ruht in seiner vollen Bedeutung und Inhaltsschwere noch im Schooße der Götter. Aber er ruht auch nur. Unsere Jugend, unsere Schützen, unsere Zeitungen und unsere ernsten nationalen Feste vor Allem werden ihn immer von Neuem erwecken und in den Vordergrund drängen, wie in jenen Tagen zu Frankfurt.

Giebt man dies zu – und wer sollte sich Herz und Sinn dagegen verschließen? – so werden selbst Diejenigen, die jene fröhlichen, großartigen Tage gesehen, nicht unwillig bei einer Feier verweilen, die diesen Gedanken der Verbrüderung Deutschlands mit der Schweiz so rein und edel gepredigt, wie kaum jene. Doch hüte man sich, den Maßstab des Frankfurter Festes auch nach andern Dimensionen hin an diese stille Feier zu legen. Eine einzige Ehrenpforte, ein schlichtes Ehrendenkmal und wenige frische Kränze an der Todesstätte eines theuren deutschen Mannes sind der ganze Ersatz eines großstädtischen Festschmucks. Wenige Hunderte: eine naturkräftige Dorfbevölkerung, eine Handvoll Sänger und Studenten, und an der Spitze Aller die geächteten Deutschen, wie sie das Schicksal über ganz Europa zerstreut, spielen hier die Rolle der prunkenden Gestalten und prunkenden Namen, wie sie sich vor wenig Monaten in Frankfurt zusammengehäuft. Fast scheint es eine Entweihung, jene friedliche Feier der großen geräuschvollen Welt zu verkünden. Am liebsten möchte man sie dem Herzensfreunde erzählen in einer stillen Stunde – oder dann einem Blatte, das ein lieber Freund ist an jedem Heerde. Warum also nicht der „Gartenlaube“?

Da, wo der Wallensee sich grundlos eingesenkt hat zum Fuße senkrechter Felsen, und nur hin und wieder einem Streifen fruchtbaren Bodens gestattet, heranzutreten an seine Wasser, hat sich auf einem dieser Seegelände das Dorf Murg erhoben. Hier gedeiht die zahme Kastanie im Freien, und der Wallnußbaum strotzt in üppiger Fülle; hier pflegte auch der deutsche Flüchtling Heinrich Simon am liebsten zu rasten von Arbeit und Mühe, und das traurige Loos der Verbannung zu vergessen – und hier ist er vor zwei Jahren beim Baden ertrunken im See, der seinen Körper nie zurückgegeben! Bald wurde die Klage der kleinen Gemeinde zu Murg, die er als Leiter ihres Kupferbergwerks glücklich gemacht und gesegnet hatte mit menschenfreundlichem Wohlthun, bald wurde sie übertönt durch die Klagen, die die eherne Zunge der Öffentlichkeit predigte im Lied und in gewaltiger Prosa, die selbst von jenseit des Oceans herüberschollen über sein allzufrühes Dahinscheiden. Aber unsere Zeit schreitet zu unbarmherzig schnell und verwischend einher, als daß ihr Geschlecht sich lange aufhalten ließe an der Trauerurne eines Mannes, und wäre es der beste und größte.

Nur eine kleine Anzahl von Männern war es, Freunde des Verblichenen in der Heimath und im Exil, die zusammentraten, [732] auf daß sein edler Name auf edlem Marmor eingegraben werde wo das Auge hinblicken kann auf die Stätte, da er für immer versunken. An der Spitze dieses Comités standen Jacoby von Königsberg, der berühmte Verfasser der „Vier Fragen“, welche dazu beitrugen, den März des Jahres 1848 zu dem März zu machen, der er geworden, Nauwerk, Köchly und Temme in Zürich und Andere, die mit Freuden zur Hand sind, wo es gilt ein Zeugniß abzulegen für die Ehre des deutschen Namens. Mit der Ausführung des Denkmals wurde ein Architekt betraut, der, kaum vom Polytechnicum zu Zürich abgegangen, dennoch durch seine ausgezeichneten Studien, die vortreffliche Zeichnung des Entwurfs und vor Allem durch die liebevolle Hingebung in dieser Sache hinreichende Bürgschaft dafür bot, daß sein Erstlingswerk gelingen werde. Es ist Luigi Chialiva, ein Bürger Italiens, doch geboren und aufgezogen in der Schweiz, da sein Vater der Verfolgungssucht und Kerkerhaft seiner großen österreichischen und kleinen einheimischen Tyrannen vor langen Jahren mit Mühe und Noth entronnen. Anfang September d. J. ward der Grundstein zum Denkmal gelegt auf einem Stücke Gemeindeboden von 40 Quadratruthen Umfang, das die Bewohner Murgs in dankbarer Erinnerung dem Bruder des Todten zu diesem Zweck geschenkt, der seinerseits diesen Raum dem Comité überlassen hatte. Als sich der Bau seiner Vollendung nahete, ward seine Einweihung auf Sonntag den 5. October festgesetzt, und freudig berief das Comité die Freunde und Gesinnungsgenossen Heinrich Simon’s aus diesen Tag nach Murg, dem großen Patrioten die letzte Ehre zu erweisen.

Ich traf am 4. October gegen Abend ein. Der Neffe Simon’s, der seinen Namen trägt, an Wuchs und Erscheinung das lebendige Ebenbild seines Onkels, führte mich in das Wirthshaus zum „Kreuz“, wo der Gemeindepräsident Gmür wirthet, und sich die Verwandten Simon’s, seine Schwester, Frau Gärtner, mit Sohn und Tochter, Dr. Borchardt aus Manchester mit seiner Tochter, Chialiva, mein alter Pensionsgefährte, Dr. Hilty aus Chur, der Anwalt des Denkmals, und vor Allem auch Johann Jacoby aus Königsberg bereits eingefunden hatten. „Ihr Vater würde auch gekommen sein, wenn er noch lebte,“ sagte mir Jacoby, herzlich die Hand drückend. Dann schritten wir unter der einzigen Ehrenpforte hindurch, die, mit einfachen Tannenreisern, Laubkränzen und schwarz-roth-goldenen Schleifen bekleidet, über der Mitte die Worte verkündete, die Verfasser an die Spitze dieser Zeilen gestellt. Der Pfad zum Denkmal führte steil bergan. Jetzt trat uns dies selbst vor Augen, malerisch an eine vom Wallensee bespülte Bergwand gelehnt (Vergl. die Abbildung). In rein griechischem Styl erhebt sich in der Mitte ein schlanker Tempelporticus, auf dessen Giebelfelde in goldenen Lettern Simon’s Wahlspruch eingegraben steht: Virtuti. Zwei schlanke ionische Sänken fassen die schwarze Marmortafel ein, welche als Blende den Porticus schließt. Sie zeigt an ihrem obern Ende, in der Hinterwand eingelassen, das in einem Medaillon von weißem Marmor gemeißelte Hautrelief des Verewigten aus der Hand des Bildhauers Kaiser in Zürich. Darunter stehen auf der Tafel die Worte: „Den Manen Heinrich Simon’s gewidmet von seinen Freunden und Gesinnungsgenossen.“ Zu beiden Seiten des Tempels zieht sich eine offene und mit steinernen Ruhebänken versehene Veranda hin, mit zwei in die Hinterwand eingefügten oblongen Votivtafeln, ebenfalls aus schwarzem Marmor, deren Inschriften von Johann Jacoby herrühren. Die Tafel des rechten Flügels enthält die Worte: „Er kämpfte für das Recht des deutschen Volkes und starb im Exil“; die auf der andern Seite: „Der Leib ruht in der Tiefe des Wallensees; sein Andenken aber lebt im Herzen des Volkes.“ Schmucklose Eichenkränze und Tannenreis zierten Relief und Porticus, und lebendiges Grün war der Veranda entlang gezogen. So war Alles bereit für die kommenden Morgenstunden, wo diese Stätte der Mit- und Nachwelt, der Schweiz und Deutschland übergeben werden sollte.

Seit einer Woche war der Festsonntag der erste, der statt eines regnerisch dunstigen Herbsthimmels die Sonne wieder wolkenlos heraufführte. Im bläulichen Duft thürmten sich die sieben Firnen der Churfürsten zum Himmel, leichte Morgennebel sandte opfernd der tiefblaue See empor, als ob er niemals noch mit wildem Tosen den Frieden seiner Umgebung gestört, und darein klangen die Frühglocken der Gemeine. Da braust der Zug heran. Ihm entstiegen die wackern Handwerkerbildungsvereine von Zürich, Glarus und Schwanden mit drei deutschen Fahnen; die deutsche Polytechnikerverbindung Teutonia von Zürich mit einer dritten großen schwarz-roth-goldenen Fahne aus schwerem Sammt; die Harmonie aus Zürich, 40 Mann stark, der berühmteste Männergesangverein der Schweiz; und mit ihnen eine Reihe von Männern, deren Namen für sich selbst sprechen. Da war fernher aus Paris Bamberger erschienen, und Ludwig Simon, dem die Thränen in die Augen stürzten, als er zum ersten Male seit acht Jahren wieder die geliebten Farben vor sich wehen sah. Da kam Moritz Hartmann aus Genf mit seinem Schwiegervater Rödiger, die Züricher Nauwerk, die beiden Wislicenus, Berlepsch, Temme, dann Marschall und Peter von Constanz. Born und Meyer, der Flüchtlingsvater vom Jura, und endlich die Schweizer Gottfried Keller und Prof. Vögeli von Zürich und Oberst und Nationalrath Bernold aus St. Gallen.

Um 11 Uhr Morgens sammelte sich der Festzug. Voran schritten die Teutonen und Handwerker mit ihren Fahnen, die an und über dem Denkmal befestigt wurden. Dann folgte die Harmonie. Ihr reihten sich die Verwandten des Gefeierten an, und die Festredner Jacoby, Präsident Gmür und Moritz Hartmann eröffneten die Reihe der Freunde und Gesinnungsgenossen, die den Zug schlossen. Jetzt hatte sich nach den ersten erhebenden Gesängen eine andächtige Stille um die Versammlung am Denkmal gelagert, und in scheuer Zurückhaltung standen die Einwohner von Murg ringsum auf höher liegenden Punkten des Gebirges, als Johann Jacoby die Stufen des Denkmals hinanstieg und mit seiner männlichen, weithin vernehmbaren Stimme also begann:[2]

„Freunde und Genossen, deutsche Brüder und Männer des Schweizerlandes! Vollendet ist das Denkmal, zu dessen Weihefeier wir hier versammelt sind. Dem Andenken Heinrich Simon’s gewidmet, soll es zugleich Zeugniß geben kommenden Geschlechtern von den Kämpfen unserer Zeit, deren Früchte sie einst genießen werden. Welchen Antheil Heinrich Simon an diesen Kämpfen genommen, wie er im Vordertreffen stets als Mann des Volkes, als unerschütterlicher Hort des Rechts und der Freiheit sich bewährt hat, wird ein beredterer Mund als der meine Ihnen heute zu schildern versuchen. Meinem Herzen stand der Dahingeschiedene zu nahe, als daß ich ein Recht dazu hätte, sein Lobredner zu sein. Wohl aber liegt mir eine andere Pflicht ob, und ich erfülle sie mit Wehmuth zugleich und mit Freude. An Euch, Ihr Männer der Schweiz, richtet sich mein Wort. Im Namen des geliebten, nun für immer verstummten Freundes sage ich Dank, aus Herzensgründe Dank für die ehrende Anerkennung, für all das Gute und Liebe, was Ihr dem Freunde im Leben und nach seinem Tode erwiesen …“ Die Ehrfurcht vor unserer deutschen Preßfreiheit gestattet uns nicht, den vollen Inhalt von Jacoby’s Rede mitzutheilen. – Er fuhr also fort:

„Hier bot eine großartige Natur seinem für alles Edle und Schöne so empfänglichen Gemüthe reiche Befriedigung. Hier athmete in vollen Zügen seine Brust die reine Luft der Freiheit, die er so lange schmerzlich vermißt, so lange vergeblich erstrebt hatte. Doch nicht etwa das persönliche Wohlbehagen war es, was die neue Heimath ihm werth und theuer machte. In dem Lande der Telle und Winkelriede, da erkannte, da erlebte er bereits in voranschauendem Geiste die Zukunft, die staatliche Zukunft, den heranbrechenden Freiheitstag seines eigenen Vaterlandes. Uns so auch endete er. Angesichts dieser hohen, mächtigen Alpenriesen, die kühn und frei ihr Haupt in den Himmel erheben, starb er, voll Jugendmuth, voll Jugendhoffnung, und wie er selbst wenige Tage vor seinem Tode aussprach: „den Sieg im Herzen.“ Das Herz aber täuscht den Menschen nimmer … (Auch hier eine Lücke der Ehrfurcht.) Nachdem dann der Redner die Schenkungsurkunde, die in würdiger feierlicher Sprache die Entstehung des Denkmals enthält, verlesen, fuhr er also fort:

„Ihnen, verehrter Herr Präsident, als dem Vertreter der Gemeinde Murg, übergebe ich jetzt diese Urkunde. Möge unter dem Schutze Ihrer Gemeinde, unter Ihrer Fürsorge das Denkmal fort und fort von Geschlecht zu Geschlecht erhalten werden; möge es den spätesten Nachkommen das Andenken Heinrich Simon’s, des begeisterten Freiheitskämpfers, erwecken! Der Himmel gebe Murg, der ganzen Schweiz und dem ganzen theuern deutschen Vaterlande seinen Segen für und für!“

Der Eindruck dieser wenigen Worte war zu tief und gewaltig, als daß sich äußere Zeichen des Beifalls aus der Brust des

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Die Gartenlaube (1862) b 733.jpg

Heinrich Simon’s Denkmal am Wallensee.
Nach der Natur aufgenommen von Hans Blum.

[734] Zuhörerkreises hätten losringen können. Noch schüttelten die Nächststehenden Jacoby tiefgerührt die Hände, als Präsident Gmür, eine bejahrte, aber ungebeugte hohe Gestalt, hervortrat und mit sichtbarer Bewegung folgende schlichte Worte sprach: „Ich bin, wie Sie mir glauben werden, nicht vorbereitet und auch nicht gewandt zum öffentlichen Sprechen. Nur einfach erkläre ich, daß das, was die Schrift und der Vertrag enthaltet, mit aller Bereitwilligkeit eingehalten werden soll und die Gemeinde Murg dieses Denkmals Hüter sein wird. In allem andern bitte ich, daß man bereitwillig nur die große Liebe und Verehrung für den Seligen statt aller fernern Worte von mir und uns annehme.“

Laute Beifallsrufe begleiteten die Worte des wackern Mannes, und ein vaterländisches Lied entstieg den geübten Stimmen der Harmonie. Dann begann Moritz Hartmann seine Festrede:

„Bürger! deutsche und Schweizerbrüder! Wo die Vorväter einen Bund schlossen, da richteten sie einen Altar, und „das Buch“ vergißt es nicht, Bund und Altar zu erwähnen. Wo sie Brunnen gruben am Wege und in der Wüste zur Labung des Wanderers, des Pilgrims, auch da vergißt das Buch nicht es zu erwähnen, und sie benennen nach diesen Brunnen die Geschichte der Städte und Länder. Mit diesem Denkmal der menschlichen Bünde der Liebe und Milde hat dieses Denkmal, das wir heute hier errichten, mehr Aehnliches, als mit den Denkmälern der Eitelkeit, der Herrschsucht. Es ist ein stilles Denkmal der erfüllten Pflicht. Es ist ein Denkmal der Milde und Liebe. Der Ruhm Heinrich Simon’s klingt nicht laut wie Kanonendonner und wie das Brechen geschworner Eide (Beifall) oder wie Ambos und Hammer beim Kettenschmieden. (Lauter Beifall.) Es ist ein stiller Ruhm wie ein gutes Gewissen; und ein unbeweglicher Ruhm ist wie das Recht selbst, und demgemäß liegt dieses Monument hier hinter unnahbaren Bergen in unentweihtem Boden, gerade wie das unnahbare Bewußtsein, wie das unangreifbare Gewissen!

Als er für die Unabhängigkeit des Rechtes, für das Recht des preußischen Volkes überhaupt aufgetreten war – damals brachte ihm eine Zahl von Freunden und Gleichgesinnten einen Pokal dar, mit der Inschrift: „Virtuti“. Dieses wurde das Symbol seines Lebens. Sein Lebensbrod und Kelch trug diese Inschrift, worin er mit der ganzen Welt communicirte. Virtuti steht hier in seinem Monumente, das einzige, vielbedeutende Wort: die Mannhaftigkeit, die Tapferkeit, die Tugend. Er dachte, er beschloß wie ein Mann; er kämpfte mit Tapferkeit für das, was er als Recht erkannt und beschlossen hatte; und fleckenlos ging seine Tugend aus dem Kampfe hervor. Dieses Eine Wort ist sein ganzen Leben, sein ganzes Leben diese einzige Thatsache, daß er im Exil gestorben, und diese einfachen Worte sind nur ein kürzerer Commentar zu der ganzen Geschichte, die das Eine Wort Virtus erzählt.

Soll ich Ihnen das Leben, das Ihnen Allen bekannt ist, noch einmal erzählen? Ja, denn es ist ein Spiegel des Schönsten und Besten im deutschen Volke; denn sein Leben ist ein Sammelpunkt aller jener edlen Strömungen, die in der deutschen Nation über die Katarakte der deutschen Geschichte zusammenströmen. Es ist jener Thautropfen, in dem sich die ganze Sonne spiegelt; sein Leben jene klare Atmosphäre der Höhen, durch die wir in die ferne Zukunft blicken. Sein Leben für das öffentliche Wohl begann naturgemäß zu dem Zeitpunkt, wo in seinem Vaterlande die Liebe für das Abgestorbene und Dahingeschiedene den Thron bestiegen.[3] Die Liebe für die Zukunft mußte in diesem Zeitpunkt auftreten, wie das Heilmittel und das Gift eng bei einander sproßt in der großen Natur. Er trat zuerst für Religionsfreiheit auf, und als man dem preußischen Volke das Einzige nehmen wollte, die Unabhängigkeit des Richters, d. h. die Unabhängigkeit des Rechtes selbst, trat er gegen diesen fürchterlich drohenden Gewaltstreich auf. Seine größte That aber war es, als er zum dritten Mal auftrat, da man dem deutschen Volk anstatt des Brodes einen Stein, anstatt des Weines Essig, und anstatt der Wahrheit Heuchelei bieten wollte, als das sogenannte Februarpatent veröffentlicht wurde. Wie freute sich ein Theil der deutschen Nation, sich mit dem Scheine begnügen zu können; wie froh war man, nicht kämpfen zu müssen, da Einem nicht ein Papier geboten werden sollte, und doch nichts Anderes es war, als ein Papier! Er aber rief im entscheidenden Momente: „Annehmen oder Ablehnen?“ und er selbst gab die Entscheidung zu Letztem.

Von diesem Augenblicke an stand Heinrich Simon überall in den ersten Reihen der Kämpfer für das Recht des Einzelnen, wie für das Recht des Staates. Ihn schickte deshalb seine Vaterstadt an Friedrich Wilhelm IV., als sie wollte, daß ein Mann vor einem Thron spreche, ihn schickte das Vertrauen seiner Mitbürger und Gesinnungsgenossen in das Vorparlament, das Vertrauen dieser Männer in den Fünfzigerausschuß und das Vertrauen des ganzen Volkes in das deutsche Parlament zu Frankfurt. Sie kennen seine Stellung hier, und Viele von Ihnen als Augenzeugen.

Sie wissen, mit welcher Achtung, ja mit welcher Ehrfurcht man horchte, wenn Er sprach. Sie wissen, daß er Einer der Wenigen war, die die Parteienwuth selbst nicht mit der Verleumdung, die doch alle Welt angriff, anzugreifen wagte. Man wußte zu gut, daß die deutsche Nation es wisse, wie Heinrich Simon sein Auge und Herz nur dem Einen Ziele zugewandt habe: der Größe, der Freiheit seines Vaterlandes. Sehr bezeichnend ist es, daß seine Stellung ursprünglich eine vermittelnde war, daß er sich aber der kämpfenden und thätigen Partei mehr und mehr näherte, je größer die Gefahr für das Recht und die Freiheit ward, und Jeder, der ihn kannte, konnte es voraussagen, daß er auch beim letzten Häuflein stehen würde. So war es auch. Er stand mit den Letzten; und als das Lager der Freiheit gänzlich versprengt wurde, war er es, auf den zuletzt noch das kleine Häuflein die Blicke richtete, war er es, der sich in die vordersten Reihen stellte, als Führer dieses Häufleins. Auch auf diesem Posten harrte er bis zum letzten Augenblicke aus, denn das Ausharren war es, was ihn auszeichnete. Schritt für Schritt, und Fußbreit für Fußbreit kämpfte er für das Recht, bis er mit dem letzten Schritte das Land des Exils betrat. –

Auch hier hörte seine Wirksamkeit nicht auf. Wir wollen bei diesem Lobe nicht verweilen; wir wissen, daß er sein Brod mit seinen Gesinnungs- und Leidensgenossen theilte. Ein großer Verwandter seines Geistes, der große Ghibelline, der in der Verbannung die Hölle malte, schildert sein eigenes Elend in den Worten: „Mit allen Unglücklichen empfinde ich Mitleid, aber das größte Unglück mit den Unglücklichen, denen es nur im Traum vergönnt ist, ihr Vaterland zu sehen.“ –

Doch sollen wir über das Exil sprechen? Nein, es hieße den Triumph unsrer Feinde vergrößern. Vergessen wir nur nicht, was er opferte! Seine Stellung, in der er von der Achtung der Besten umgeben war; eine Familie, eine seelenadlige Familie, deren Blüthe er war, in der sich die schönsten und besten Eigenschaften dieser Familie vereinigten, die ihm mit Stolz und Sehnsucht nachsah, wie einer Mutter und einem Vater, der ihr jene Wege des Rechtes und der Tugend gelehrt hatte zu wandeln; und ein Vaterland, das ihm um so werther war, je mehr er ihm Opfer brachte.

Dürfen wir aber von Heinrich Simon und seinem Exile sprechen, ohne des Landes zu gedenken, das ihn gastlich und edel aufnahm?

Dieser Freistaat, dieser edle Freistaat aller freien Gedanken aller Welt! Wohin wir sehen, an allen Seen liegen sie, die Märtyrer aller Nationen; die Märtyrer für den Glauben, die Italien, Frankreich und selbst Spanien hergesandt hat; die Märtyrer der Könige – und endlich haben wir hier in nächster Nähe einen Märtyrer, Ullrich Hutten, den würdigen Vorläufer Heinrich Simon’s. Gesegnet sei dieses Land, das so vielen Kämpfern für ihre Ueberzeugung eine Freistatt gewährt hat, dessen Freiheit das Dach war für so viele Obdachlose, und Sie Alle, die Sie hier sind, Nichtschweizer, Sie werden in diesen Segen mit voller Herzlichkeit einstimmen, wie Sie Alle, Schweizer! (Anhaltender Beifall.)

Aber, meine Herren, selbst durch die Gegenwart dieses Grabes seien wir nicht betrübt! Wir feiern kein Todtenfest, wir feiern ein Fest der Heiterkeit. Wir haben ein Recht, mit Heiterkeit auf einen Menschen und ein Leben zurückzublicken, das von der Heiterkeit erfüllter Pflicht getragen war. Mit Uebereinstimmung des Wesens Heinrich Simon’s hat der Künstler jene rein griechischen Formen gewählt, die dem freien Staate und der schönen Lebenslust voll sich geweiht hatten. Heinrich Simon’s Leben war ein eng in sich abgeschlossnes Kunstwerk, und er selbst ein schönes Menschenbild, und er starb, wie Einer, den die Götter lieben, in der Fülle des Lebens, wie Einer, der ewige Jugend in sich fühlt. Warum sollten wir traurig sein? Modell der Bürger, die wir erwarten, derjenigen Bürger Beispiel, deren Mitbürger er war – feiern wir ihn nicht besser als mit jener heitern Hoffnung, die ihn beseelte, wenn wir damit in die Zukunft sehen, und ihr festvertrauend mit dem Rufe endigen: Es lebe dieses edle und [735] gastliche Land, die Schweiz, das theure Vaterland Deutschland, es lebe allwaltend die Freiheit!“

So laut auch das dreifache Hoch wiederhallte aus den Herzen der Menschen und Berge, als Hartmann diese Worte gesprochen, so herzlich auch die Harmonie einfiel mit ihren kräftigen Stimmen, ein merkwürdiges Gefühl blieb über der Versammlung schweben, sie fesselnd und sie niederdrückend. Keiner gestand es in diesem Augenblicke; Alle später; Keiner konnte sich selbst eine Erklärung desselben verschaffen, und doch haftete eines Jeden Fuß jetzt noch an der geweihten Stätte, als nehme der Geist dieser Berge ihn gefangen, bis er seine Söhne und die Fremdlinge, die ihn hier heraufbeschworen, angeredet mit Worten des Scheidens. Und siehe da, dieser Geist fuhr in die Gestalt des Herrn Bernold, Mitglied des Nationalraths und Oberst aus St. Gallen, der tiefbewegt von den Stufen des Denkmals herab also redete:

„Meine Freunde! Es will mich bedünken, daß wir nicht scheiden dürfen, nicht scheiden dürfen, bevor ein Schweizer sein volles Herz ausgeschüttet hätte. (Allgemeiner Beifall.) Ich stehe vor dem Denkmal eines echten Deutschen. Ich sage Ihnen, daß ich tief ergriffen bin, denn auch wir Schweizer sind Deutsche! (Lautes, stürmisches Bravo.) Wir sprechen deutsch, fühlen deutsch und haben in Deutschland unser Tiefstes und Höchstes geholt: unsere Bildung und Begeisterung für alles Hohe. Denn wenn wir Schweizer uns begeistern wollen, so müssen wir hinanschauen auf die deutsche Größe. Bekennen wir das offen, denn das hat nichts gemein – leider nichts gemein mit der andern Stellung, die Deutschland politisch einnimmt. Das ist leider etwas Anderes, und wir müssen uns wundern, daß ein solcher Geist, ein solcher Charakter, ein solcher Muth nichts Anderes zuwege gebracht hat, als wie es in Deutschland jetzt steht. Diese großen Errungenschaften im Geiste, und diese kleinen im politischen Volksinteresse, wie erklären wir uns das? Da steht Einem, wie man zu sagen pflegt, der Verstand still! Ich kann das Räthsel nicht lösen. – –

Verzeihen Sie diese kurze Abschweifung, aber ich mußte das sagen an dem Denkmal des Mannes, der uns hierher geführt hat mit seinem Geist und seinem Ruhm in den Dingen, die man jetzt anstrebt in Deutschland. Ja, wir geben uns heute das Wort (und als Schweizer spreche ich das aus), wir geben uns heute das Wort, dieses Denkmal treu zu wahren, diesem Denkmal unsere wärmsten Gesinnungen zu weihen und vor diesem Denkmal nicht vorüberzugehen, ohne den Weihegedanken eines edlen patriotischen Herzens. Hier gehen wir vorüber wie an den Thermopylen (stürmischer, fortdauernder Beifall), wo auf dem Denkmal auch stand: „Hier sage, Wanderer, dem Vaterlande, hier starben wir der Pflicht getreu!“ (Laute Bravos.) Und wenn wir hier vorübergehen, sagen wir Wanderer dem Vaterlande: Hier ist das Denkmal einem deutschen Manne geweiht. Thut Seinesgleichen; und wenn wir Seinesgleichen thun, dann wird und muß es anders werden! Er war leider allein, oder nicht Viele mit ihm, aber der Geist, der in Deutschland lebt, muß durchdringen trotz aller Cabale und Heuchelei, wie sie heute so treffend geschildert wurde.

Ja, meine Freunde, ich muß es sagen, auch ich war in Arkadien, auch ich war im Teutoburger Dynastenwalde, wo kein Hermann mehr war – ein paar Jahre. Und ich darf es sagen, daß ich meine Richtung in Deutschland geholt. Die schönsten Erinnerungen richten sich dahin, wo ich meine Jugendjahre verlebt habe mit den deutschen Herzen. Ich darf es frei und offen sagen, denn da war es noch eine Zeit, wo man hoffen durfte, in den 30er Jahren, kurz nach dem Sturm vom Juli. Und hier durften wir einander damals schon sagen: Es giebt ein deutsches Reich, ein großes deutsches Volk; und wir, damals ein Herz und eine Hand, erlabten uns an dem Gedanken eines großen deutschen Volkes, das die Knechtschaft abwirft, und umfaßt uns Deutsche Alle, Deutsche und – Schweizer. (Lauter Beifall.) Kein Land, keine Grenze, keine Confession, keine Scheide zog sich unter uns! Wir waren Brüder in der bekannten Burschenschaft! (Stürmisches Bravo.)

Meine Freunde! ich sage es nochmals, ich bin hierher gezwungen worden durch den innersten Trieb meiner Seele, Ihnen dies zu sagen, und Ihnen zu sagen, meine Schweizer Freunde, zu gedenken und zu thun, wie dieser Mann Ihrer gedacht und Ihnen gethan hat. Und daß wir schützen die heilige Stätte eines Patrioten im Exil, das geloben wir Ihnen!“

Während Alle dem wackern Oberst zuerst in donnerndem Applaus und dann in kräftigem Händeschütteln ihren Beifall bezeugten. Deutsche und Schweizer, hatte die Harmonie in glücklichster Wahl ihr letztes Lied an der Feststätte begonnen: „Die Wacht am Rhein.“ Sodann begab sich der Zug in umgekehrter Ordnung nach Murg zurück.

So viel Gäste hat wohl das Kreuz in Murg nie gesehen, wie an jenem Nachmittage des 5. October, als die geräumigen Localitäten des Hauses nicht zulangen wollten, um an einer Tafel die Verehrer Heinrich Simon’s zu versammeln zu einem heitern Mittagsmahle. So endete denn die Feier, wie sie begonnen, unter Gottes schönem Dom, und was hier gesprochen wurde, erhob sich, wie am Morgen, frei zum Himmel. Hinter dem Hause, der Eisenbahn zu, liegt ein kleiner Wiesenplan. Da reihte sich nun Tisch an Tisch und Bank an Sessel, die manches freundliche Nachbarhaus geliefert, als des Kreuzes fahrende Habe nicht mehr zureichte. So sehr aber auch Präsident Gmür’s wirthlicher Scharfblick bewundert wurde, da unter seinen Anordnungen der beschränkte Raum zu gewinnen schien an Länge und Breite – die braven Handwerker fanden keinen Platz mehr, ja sie suchten keinen zu finden, denn ehe man sich’s versah, waren sie vorübergezogen unter Sang und Klang in einen benachbarten Gasthof.

Beim Kreuz auf der Wiese ging’s unterdessen bunt genug zu, ehe Jeder sein Plätzchen erobert. Allein als dies geschehen und Schüsseln und Flaschen anfingen zu kreisen, herrschte die vollkommenste Ordnung ohne unsere deutsche Angewohnheit eines Tischpräsidiums. Frei nach Schweizersitte erhob sich Jeder an seinem Platze, der zu sprechen wünschte, und Alle hörten andächtig zu, und dazwischen füllte die unermüdliche Harmonie die Pausen mit einem kräftigen Liede. Und doch stand ganz Murg zwei Schritte blos von den Tafelnden, durch nichts geschieden, als durch einen leichten hölzernen Zaun, den jeder laute Toast in seinen Grundvesten erschütterte, und doch waren dies einfache Bauern und keine Polizei unter ihnen, und neben ihnen speisten manche der höchsten Würdenträger ihres Volkes. Deutscher Tafelbesucher, was meinst Du zu dieser Anarchie?! O wenn die Männer der Kreuzzeitung jene Liste gesehen hätten, wo sich die Männer und Frauen des 5. October zu Murg einzeichneten als Gäste des Festes – welche Fülle von gefährlichem Deutschland und anarchischer Schweiz würden sie darauf entdecken!

Diese Liste kreiste noch, als sich der junge Dr. Hilty aus Chur erhob, und den ersten Toast im Namen der Verwandten Simon’s dem Comité, Luigi Chialiva und Jacoby ausbrachte.

Jacoby erwähnte darauf das alte prophetische Wort: daß der Brocken einst mitten in der Schweiz stehen werde. Dies Wort könne sich bewahrheiten durch den Bruderbund der Schweiz mit Deutschland, und diesem gelte sein Hoch.

Mit diesen Worten war dem gesammten Zuhörerkreise wieder jene peinliche Wahrheit des Oberst Bernold nahe gerückt worden, daß das Mißverhältniß zwischen der geistigen Blüthe und der politischen Nacht Deutschlands den „Verstand stille stehen“ mache. Prof. Vögeli aus Zürich that den ersten Schritt zur Lösung des Räthsels. Er führte aus, wie sich nach der Durchbildung der Völkerindividualität der Deutschen Schweizer und Deutsche brüderlich lieben müßten. „Und dieser Ausbildung der großen germanischen Nation,“ schloß er, „die aber in der großen europäischen Völkerfamilie auch nur ein Stamm ist – der bringe ich mein Lebehoch an dem heutigen Tage.“

Der zweite Redner, der in die von Bernold angeregte Frage eintrat, war Bamberger aus Paris. Leider verstattet es uns der Raum nicht, diese vortrefflichen Worte in ihrer vollen Ausdehnung zu geben. Bamberger führte das heutige politische Elend Deutschlands auf jene Zeiten zurück, wo zahllose Kriege scheinbar religiösen Ursprungs in dem 30jährigen Kriege ihr letztes tragisches Nachspiel fanden, aus deren Zerrüttung es sich heutzutage noch nicht völlig erholt. Und daran schloß er Worte über die Stellung des Exilirten zum Vaterlande und dessen idealen Bestrebungen, die diejenigen hätten vernehmen sollen, welche in der Sprache des Exilirten blos eine Summe von Entstellungen und Bitterkeiten finden. Dann schloß er: „Und Sie, theure Bruder, denen es vergönnt ist, in das Vaterland zurückzukehren, bringen Sie ihm unsere Grüße; sagen Sie, daß wir im Auslande treulich aushalten. [736] Bringen Sie ihnen aber vor Allem Grüße des edlen Todten; sagen Sie ihnen, daß sicherlich sein letzter Gedanke das Beste des deutschen Vaterlandes besorgte, und sagen Sie ihnen, daß ihm ein anderes Denkmal folgt in Breslau auf dem Markte, und ein anderes in der Brigittenau zu Wien und an den Richtstätten von Rastatt und Mannheim.“

Freudig fiel in diese Worte der Jubel der Versammlung ein, freudig erklärte Oberst Bernold in längerer Rede, „daß ihm der Verstand nicht mehr still stehe, wenn man sich so unterhalte,“ und feierte diesen Tag als den „Grütlibund Deutschlands in der Schweiz“, dessen Bestrebungen zur freisinnigen Fortentwicklung Deutschlands er sein Hoch brachte.

Ludwig Simon aus Paris schloß sich ihm an mit den Worten: „Ich möchte trinken auf das Wohl des Joseph Garibaldi, der in diesem Augenblicke darniederliegt an den Wunden, die er empfangen für das Wohl seines Vaterlandes, dessen Schicksal so eng verknüpft ist mit der Unabhängigkeit Deutschlands und aller andern Nationen! Ich möchte trinken auf das Wohl des Mannes, der das, was wir Deutsche in zu geringem Maße besitzen, für den Augenblick vielleicht in zu hohem Maße besessen hat. – Aber jede gute Sache muß ihre Märtyrer haben, die zu früh kommen, während Andere noch schlafen. Und gerade in ihrer getadelten Kurzsichtigkeit, d. h. in demselben edeln Rausche, womit sie die Schwierigkeiten der Gegenwart übersehen, darin liegt die Kraft, welche befruchtend auf die Zukunft wirkt. Ein Hoch denn dem Manne der That, ein Hoch Joseph Garibaldi, ein Hoch dem Helden von Aspromonte!“

Die Reihe von glänzenden Toasten und glänzenden Namen, die sich bisher hatten vernehmen lassen, wurde plötzlich unterbrochen durch eine schlichte Erscheinung, die aber gerade durch ihre natürliche Einfachheit des Gefühls eine Wirkung hervorbrachte, um den mancher Kammerredner den braven Redwisch, Präsidenten der anwesenden Arbeitervereine, beneidet hätte. Er ließ die schwarz-roth-goldenen Farben leben. Manches treffende Wort von Jacoby, Prof. Vögeli, Dr. Borchheim, Peter von Constanz und Anderen muß ich unterdrücken, um zum Schlusse zu eilen. Die Reihe der Toaste schloß mit dem dritten Hoch auf die Schweiz, das Meyer von Eßlingen anstimmte.

Während sich der Jubel, den die letzten Worte hervorriefen, noch lange verbrüdernd weiter pflanzte unter die Gäste der Kreuzwiese, folgte eine größere Anzahl derselben den Schritten Jacoby’s, Ludwig und Heinrich Simon’s, Bamberger’s u. A., die dem Orte zueilten, wo sich die braven Handwerker zum letzten Abschiedstrunke versammelt hatten. Ludwig Simon redete sie hier an mit seinem ganzen edlen Feuer und seiner hinreißenden Herzlichkeit. Dort sprach er zu ihnen etwa Folgendes: Er sei durch die Revolution um seine ganze materielle Existenz gekommen, habe Krankheit, Mangel und Elend reichlich durchgemacht und dann, nachdem alle seine Bestrebungen zur Fortsetzung seiner frühern Lebensbahn gescheitert, vor nun etwa acht Jahren als Commis in Paris einen neuen Lebensweg betreten. Er habe mit dem Copiren von Wechseln und anderen kleinen Arbeiten begonnen, sei mittellos gewesen, habe Nichts als seine Arbeitskraft gehabt und sich mit dieser durch Ausdauer allmählich eine Vertrauensstellung in einem angesehenen Pariser Bankgeschäfte errungen. Er fühle sich daher unter den Arbeitern als ein Gleicher unter Gleichen, auch er sei ein einfacher Arbeiter und stolz auf diese Eigenschaft. Viele Hindernisse seien wegzuräumen, welche der Arbeiterkraft entgegenstehen. Aber die Hauptsache sei doch die aus der Tiefe ausdauernd geübte Kraft des Einzelnen. Das wahre gesunde Wohl könne dem freien Manne nicht von oben geschenkt werden; das müsse schließlich immer auf der eigenen Kraft ruhen. Hindernisse seien wegzuräumen; wo die Kraft des Einzelnen nicht ausreiche, sei der Hebel der Association anzusetzen. Er schloß mit einem Hoch auf die deutschen Arbeiter, worauf Viele ihm die Hand schüttelten und Einer für Alle sagte: Wo sie solche Vorbilder hätten, wie so viele der hier erschienenen Männer, da könne es nicht fehlen.

Ihr Präsident sammelte dann seine Schaaren zum Aufbruch, die wieder unter ihren deutschen flatternden Fahnen dahin zogen zum Bahnhof unter den Klängen Mozart’s: „Brüder, reicht die Hand zum Bunde.“

Mit fröhlichem Hurrah nahm sie der Bahnzug auf, in dichten Massen drängten sich die Zurückbleibenden an die Wagen, ihnen zum letzten Male die Hände zu schütteln, und noch lange flatterten aus den Fenstern ihre schwarz-roth-goldenen Fahnen.


  1. Des unvergeßlichen Robert Blums talentvoller Sohn, der hier zum ersten Male mit einer größern literarischen Arbeit vor das lesende Publicum tritt.
  2. * Die Reden sind wörtlich stenographirt.
  3. Friedrich Wilhelm IV.