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Die Tellerhäuser bei Wiesenthal (Ziehnert)

Textdaten
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Autor: Widar Ziehnert
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Titel: Die Tellerhäuser bei Wiesenthal
Untertitel:
aus: Sachsen’s Volkssagen: Balladen, Romanzen und Legenden. Band 2, S. 139–154
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1838
Verlag: Rudolph & Dieterici
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Erscheinungsort: Annaberg
Übersetzer:
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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[139]
16.
Die Tellerhäuser

bei
Wiesenthal.

[140] Die Tellerhäuser sind 3 kleine Güter zwischen Wiesenthal und Rittersgrün in einer wilden Gegend, von ungeheuern Wäldern und Bergen umgeben, und gehören zu keiner Commun. Die nacherzählte Sage fällt ohngefähr 1570.




[141]

Rosig stieg der Ostermorgen
     aus dem Böhmerland herauf,
seinen milden Strahlen schlossen
     sich des Bergvolks Herzen auf,

5
das Geläut der Festesglocken

     hallte wieder am Bardum,1)
und die fromme Christenmenge
     sang des Auferstandnen Ruhm.

Nach dem kalten langen Winter

10
     grüßte freudig Wiesenthal,

als des Lenzes erste Kunde,
     heut den Ostersonnenstrahl.
Die beglückten Bergbewohner
     wallten in das Gotteshaus,

15
schütteten vor Gott die Freude

     ihrer frommen Herzen aus.

[142]

Nur der arme Häuer Teller
     stimmt nicht in den Festeschor,
traurig mit gefalten Händen

20
     lehnt er an dem Kirchenthor.

In dem schmutz’gen Grubenkittel
     wagt er weiter nicht zu gehn,
und sein Herz, zerknirscht vom Kummer,
     kann die Freude nicht verstehn.

25
Endlos war des Mannes Jammer,

     grenzenlos sein Misgeschick,
seit dem Weihnachtsfeste hatt’ er
     keinen frohen Augenblick.
Denn sein Hüttchen war die Heimath

30
     jeder Sorge, jeder Noth;

krank sein Weib am hitz’gen Fieber,
     und drei Kinder ohne Brod!

Wehe, gegen wen das Unglück
     mit der Bosheit schließt den Bund! –

35
Wohl war Teller immer fleißig,

     immer rüstig und gesund;
wenn das Häuerglöckchen 2) tönte
     fuhr er in den tiefen Schacht,
hatte schon so manches Lachter

40
     seine Strecke fortgebracht.


Aber ach, der Herr der Grube
     war ein geitz’ger, harter Mann,
häufte still der Berge Segen
     in den Eisentruhen an,

[143]
45
gab nicht einen rothen Heller

     für das arme Bergvolk her,
geitzte mit dem Häuerlohne
     bald mit jeder Woche mehr.

Doch des Himmels Segen weilet

50
     nur in des Gerechten Haus!

Bald, dem Geitzigen zur Strafe,
     ließen alle Gänge 3) aus,
und auflässig 4) ward die Grube,
     alle Häuer machen Schicht,

55
bitten um den Rest der Löhnung,

     aber sie empfah’n ihn nicht.

Teller schied mit bittern Thränen
     von dem bösen Grubenherrn.
„Was beginn’ ich? – Betteln? – Stehlen? –

60
     Lieber Gott, das sey mir fern!“

Und mit christlich frommen Sinne
     trug der Häuer seine Noth,
Alles mußte er verkaufen
     um das liebe Bischen Brod.

65
Als das Licht des Ostermorgens

     in den Raum der Hütte drang,
und sein Weib in Fieberswehen
     ächzend mit dem Tode rang,
als der unverständ’ge Kleine

70
     weinerlich nach Speise schrie,

und die beiden ältern Knaben
     muthlos weinten, wie noch nie:

[144]

Ach, da stürzte Vater Teller
     planlos in das Feld hinaus.

75
Der Verzweiflung Wege führten

     ihn zum nächsten Zechenhaus, 5)
Still und leer war Alles drinnen,
     scheu trat er zum Schacht hinan –
Ruh’ verheißend, lockend gähnte

80
     ihn die finst’re Teufe an.


Und er will – da tönt herüber
     von der Stadt der Glocken Ton,
wundersam ergriffen steht er,
     blickt empor, und eilt davon.

85
Zu dem heil’gen Zechenhause

     zieht’s ihn unaufhaltsam hin:
traurig lehnt der arme Häuer
     an dem Kirchenthore drin.

Endlich schwiegen die Gesänge,

90
     und der greise Pfarrer stand

auf der schön gezierten Kanzel,
     himmelan den Blick gewandt,
und begann: „Mein Herz, vertraue
     nur auf Gott und Jesum Christ,

95
der, vom Tode auferstanden,

     dir zum Heil gegeben ist!“

Mächtig drangen seine Worte
     in’s Gemüth der Hörer ein;
auch in Tellers Herzen senkte

100
     sich der Hoffnung milder Schein.
[145]

Unbeweglich hing sein Auge
     an des greisen Pfarrers Mund,
denn der Trost des Gotteswortes
     war für ihn der schönste Fund.

105
Wie so lieblich fühlt sein Herz sich

     durch das heil’ge Wort erquickt!
Und wie bebt er, tief ergriffen,
     als er selber sich erblickt,
sich, gleich bei der Kanzel stehend,

110
     in dem Häuerfesttagskleid, 6)

auf der Schulter eine Stufe
     blanken Silbers, lang und breit.

Die Gestalt zerfloß in Nebel;
     Teller wendet seinen Blick

115
scheu, als achtet’ er’s für Hochmuth,

     nur zu hoffen solches Glück.
Aber wie er sich auch mühet,
     zu vergessen das Gesicht,
unverwandelt vor den Augen

120
     steht es ihm, und weichet nicht.


Langsam geht er aus der Kirche,
     durch das Gotteswort gestärkt,
sieh, da kommt ein Herr des Weges,
     der mitleidig ihn bemerkt.

125
Dir Glückauf! du guter Häuer!

     – ruft der liebe reiche Mann –
Warum ziehst du heut zum Feste
     nicht die Feierkleider an?

[146]

Tellern thränen seine Augen,

130
     traurig giebt er ihm Bescheid:

„Lieber Herr, der Grubenkittel 7)
     ist mein einzig letztes Kleid!“
Hast du Kinder? „Ja, drei Knaben!“
     Und ihr leidet sicher Noth?

135
„Noth? O Gott! seht ich bin feirig,

     weiß mir keinen Bissen Brod!“

Und der Herr greift in die Tasche,
     reicht ihm einen Thaler: Hier!
Nimm, und mag dir’s Segen bringen,

140
     kauf den Kindern Brod dafür!

Spricht’s und geht. Der arme Häuer
     stiert den blanken Thaler an:
„Lieber Gott, vergilt’s ihm reichlich,
     was er jetzt an mir gethan!“

145
Eh’ er heim zur Hütte kehret,

     kauft er Brod und Milch zum Brei
und dem fieberkranken Weibe
     auch ein Fläschchen Arzenei.
Freudig greifen seine Knaben

150
     nach dem langentbehrten Brod,

sie vergessen ihre Thränen,
     alle Kümmerniß und Noth.

Teller heißt die Kinder beten
     für den guten reichen Mann,

155
und erzählt dem kranken Weibe,

     wie der Herr ihm wohlgethan;

[147]

aber von dem Lufgebilde
     in der Kirche schweiget er,
weil für einen armen Häuer

160
     solch Gesicht Versuchung wär’.


Doch was er beginnt und schaffet,
     immer bleibt ihm das Gesicht
unverändert vor den Augen,
     wie ein Spuk, und weichet nicht,

165
und drei Nächte nach einander

     tief im Traum bedünkt es ihn,
’s wolle ihn das Luftgebilde
     zur aufläss’gen Grube zieh’n.

Und es wird ihm reg’ im Herzen:

170
     „Wär’s ein Wink der Vorsehung?

Warum zieht mich’s so zur Grube? –
     Ja, so ist’s! Ich weiß genung.“
Schon am andern Tage muthet 8)
     er die Zeche, und erhält

175
vom Bergmeister flugs den Zettel

     für das wen’ge Muthungsgeld.

Freudig für die letzten Pfenn’ge
     kauft er Brod und Grubenlicht,
und verfährt, als Herr der Grube,

180
     wohlgemuth die erste Schicht.

Aber er, der einz’ge Häuer,
     bringt gar langsam nur das Ort,
ob er gleich sich mächtig mühet,
     in dem Quergesteine 9) fort.

[148]
185
Von der langen Arbeit müde

     kehrt er tiefbetrübt zurück,
mustert seinen kleinen Haushalt
     mit der Sorge trübem Blick.
„Brod nur noch für wenig Tage!

190
     Licht kaum für zwei Schichten noch!

Weh mir! – ruft er händeringend –
     wenn mich das Gesicht betrog!“

Traurig greift er zum Gezähe
     mit dem nächsten Morgenroth,

195
theilt mit Weib und Kindern redlich

     noch das letzte Haferbrod,
geht gedankenvoll zur Grube,
     fährt mit wenig Hoffnung ein,
und ermüdet Arm und Fäustel 10)

200
     an dem tauben Quergestein.


Herber Hunger heißt ihn rasten,
     und mit sorgenvollem Sinn
setzt er sich, sein Brod zu essen,
     auf des Ortes Strosse 11) hin,

205
nimmt aus seinem Wamms das Hückchen

     mit dem Licht und Brod heraus,
sieht’s wehmüthig an, und breitet’s
     sinnend auf der Strosse aus.

„Wäre das die letzte Mahlzeit?

210
     Gott, o hilf mir in der Noth,

oder gieb mir und den Meinen
     einen schnellen, gnäd’gen Tod!“

[149]

Und er griff zum Brod, und sahe,
     wie aus einem Drusenloch 12)

215
rasch ein aschengraues Mäuschen

     lüstern nach dem Brode kroch.

Und er scheucht es nicht von dannen,
     lächelt mild: „Du armes Thier,
bist so gut, wie ich, ein Häuer,

220
     bleib’ nur da, und iß mit mir!

Freilich hab’ ich wenig, wenig,
     und mir dräut der Hungertod;
aber Gott kann mir noch helfen:
     da, nimm dieses Rindchen Brod!“

225
Schnalzend wirft er’s hin. Das Mäuschen

     kriecht heißhungrig dreist heran,
und zerknappert flink das Rindchen,
     und verzehrt’s mit scharfem Zahn.
Lächelnd sieht ihm zu der Häuer;

230
     ist doch für den armen Mann

wohlzuthun die größte Freude,
     da er’s so nur selten kann.

Doch kaum hat das graue Mäuschen
     das geschenkte Brod verzehrt,

235
als es, lüstern um sich schnobernd,

     nach dem Licht daneben fährt.
Aber Teller sieht’s, und zürnet:
     „Böses Thier, pfui, schäme dich,
hab’ dir deinen Theil gegeben,

240
     und zum Dank bestiehlst du mich?“


[150]

Voll Verdruß faßt er das Fäustel
     und erhebt es lauernd still,
als das Mäuschen, Unrath merkend,
     in die Druse flüchten will.

245
„Dies zum Lohn, du Undankbare!“

     heftig schlägt er nach der Maus,
und das Fäustel sprengt vom Flötze 13)
     ein gewaltig Stück heraus.

„Großer Gott!“ Der arme Teller

250
     schrack vor Freuden weit zurück,

starr, und tief den Oden schöpfend,
     stand er da mit stierem Blick,
seiner Hand entsank das Fäustel,
     betend blickt’ er himmelan;

255
denn ein Gang gediegnen Silbers

     brach vor seinen Augen an.

Nieder zog’s ihn auf die Kniee:
     „Lieber Gott, dein Auge wacht
über uns, so wie zu Tage,

260
     also auch im finstern Schacht!

Gabst mir deiner Berge Segen,
     gieb mir nun das Beste ein,
daß ich mag des neuen Stückes
     und des Reichthums würdig seyn.“

265
Ernst und stillzufrieden kehrte

     zu den Seinen er zurück,
und erzählt dem kranken Weibe
     allgemach sein seltnes Glück.

[151]

Mächtig wirkte seine Kunde,

270
     ihres Fiebers Schmerz entwich,

neu erglühten ihre Augen,
     ihre Wangen färbten sich.

Wenig Wochen drauf vermochte
     schon zur Zeche sie zu geh’n,

275
um dort all das lust’ge Treiben

     ihrer Häuer anzuseh’n.
Die empfingen sie mit einem
     ungeheuchelten Glückauf,
denn in Tellern ging dem Bergvolk

280
     eine schöne Hoffnung auf.


Täglich hob sich Tellers Reichthum,
     bald war er im ganzen Land
als der reichste Eigenlöhner 14)
     und der beste Herr bekannt.

285
Nie vergaß er seine Armuth,

     nie des Reichthums große Pflicht,
in der Noth war er dem Bergvolk
     stets ein tröstlich Grubenlicht. 15)

* * *

In der Wiesenthaler Kirche

290
     steht ein Häuer, schön geschnitzt,

der mit starker Hand und Schulter
     nimmermüd’ ein Betchor stützt.
Das ist Teller. Heut noch steht er
     in der Häuerkleidung da,

295
wie an jenem Ostermorgen

     er sich selber stehen sah.

[152]

Einsam, fast drei Stunden Weges
     abendwärts von Wiesenthal,
steh’n im Wald die Tellerhäuser,

300
     heut noch drei nur an der Zahl.

Diese baute Vater Teller
     seinen dreien Söhnen dort,
und der fromme Sinn des Gründers
     erbte in den Häusern fort.






[153]
Anmerkungen.

1) Bardum ist der böhmische Name des Keilberges, der bei Wiesenthal, dem Fichtelberge gegenüber, auf böhmischer Seite sich erhebt.

2) Das Häuerglöckchen giebt den Bergleuten das Zeichen, das erste Mal, sich auf den Weg zur Grube zu machen, das zweite Mal, bei der Grube zu seyn.

3) Gänge sind die wichtigste Art von erzhaltigen Lagerstätten.

4) auflässig ist eine Grube, wenn sie, gewöhnlich weil die Ausbeute die Kosten nicht deckt, nicht mehr bebaut wird. Der Besitzer der Grube zeigt es dem Bergamt an, nimmt das auf seine Kosten Angeschaffte wieder aus der Grube, das Bergamt kann nun das Bergwerk vergeben, und wer zum weitern Bebauen desselben Lust hat, sich beim Bergamt melden. 5) Das Zechenhaus, ein Gebäude, in oder bei dem sich der Schacht befindet, und wo die Bergleute vor dem Ein- und nach dem Ausfahren beten und singen, und ihr Gezäh (Werkzeug) bewahren.

6) Zum Häuerfesttagskleid gehört die grüne Mütze ohne Schirm, welche die Form eines hölzernen Mäßchen, und vorn eine große Cocarde in der Nationalfarbe hat; der Paradekittel, der sich von dem Grubenkittel nur durch die schwarze Farbe und die gelben oder weißen Metallknöpfe unterscheidet; der mit Spitzen besetzte weißzeugene Kragen, die weißleinenen bis zum Knie reichenden Beinkleider; die weißen Strümpfe und die sogenannten Kniebügel, d. i. halbrunde, 6 Zoll hohe, schwarz lackirte Stücken Kalbleder, die unterm Knie angeschnallt, über dasselbe heraufstehen; endlich die Bergparde, d. i. eine Art Helleparde mit 1¼, Elle langem Stiele.


[154] 7) Der Grubenkittel ist das schmutzige Arbeitskleid der Bergleute.

8) Muthen heißt, bei dem Bergmeister um Erlaubniß zum Bebauen einer neu entdeckten Lagerstätte oder aufläss’gen Grube bitten, worauf der Muther für den Muthgroschen den Muthzettel (die schriftliche Erlaubniß alsbald zu bauen) erhält.

9) Quergestein, das Gestein, welches quer zwischen den Gängen geht.

10) Fäustel, ein Hammer, mit dem der Bergmann das Eisen (Meisel) in das Gestein treibt.

11) Eine Strosse ist das in der Sohle (dem Boden einer Strecke oder eines Stolln) hervorstehende Gestein.

12) Drusen sind lochförmige Spalten im Gestein.

13) Flötze, eine horizontale Lage von Erd- oder Steinmassen, welche sich von der Bergart unterscheidet.

14) Eigenlöhner sind diejenigen, welche auf eigne Kosten, oder in Gesellschaft mit Andern, die nicht über drei seyn dürfen, eine Grube bebauen.

15) Grubenlicht, ein Licht, das in der Grubenblende (einer kleinen hölzernen, nur auf einer Seite offnen Laterne) steckt, welche mit dem an der hintern Seite befindlichen Haken in ein Knopfloch des Grubenkittels gehängt wird. Es ist dem Bergmann die einzige Leuchte in den gefährlichen Finsternissen der Teufe.