Textdaten
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Autor: Philipp J. Meyer
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Titel: Die Stadt der Ruinen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 396-399
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Stadt der Ruinen.

Von Allem, was ich in der Welt des Merkwürdigen gesehen, und es ist dies nicht wenig, hat mich nichts so ernst wehmüthig gestimmt, als der Anblick der Stadt Wisby auf der Insel Gottland. Welche Mahnung an die Vergänglichkeit alles Irdischen, welche Erinnerung an die Blüthenperiode deutschen Bürgerthumes! Wie Riesen der Vorzeit schauen seine altersgrauen Ruinen, aus denen ein frisches vegetabilisches Leben sich neu gebärt, ernst herab auf die Pygmäen der Gegenwart, die sich tief unter ihnen und wie unter ihrem Schutze um das dürftige tägliche Brod mühen, während diese Ruinen selbst Zeugniß von einer Zeit ablegen, von der die Chronik sagt:

Nach Centnern wägen Gottländer Gold
Und spielen mit Edelsteinen;
Die Schweine essen vom Silbertrog,
Auf Goldspindeln spinnen die Weiber.

Die meisten Leser der Gartenlaube haben ohne Zweifel den Namen der Stadt Wisby unter den einstigen Gliedern der mächtigen Hansa nennen hören; aber wunderlich ist es in der That,

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Die Gartenlaube (1859) b 397.jpg

Die St. Katharinakirche in Wisby.

daß bisher der rastlose deutsche Forschergeist ihr und ihren mächtigen Ruinen nicht die Beachtung geschenkt hat, die ihr sowohl in historischer, als in kunstgeschichtlicher Beziehung in so reichem Maße gebührt. Leider werde ich gezwungen sein, mich hier kürzer zu fassen, als es das Interesse des Gegenstandes verdient. Sollte aber durch meine Skizze Deutschlands Interesse für seine einstige, weithin berühmte Colonie neu geweckt werden, so behalte ich mir vor, später auf denselben Gegenstand zurückzukommen.

Wir besitzen keine zuverlässigen Nachrichten über Wisby’s Entstehung.[1] Wahrscheinlich verdankt es seinen Namen „Stadt der Opferstätte“ (von Wi, Opferstätte, und by, Stadt) der hier ungefähr um’s Jahr 1000 erbauten ersten christlichen Kirche, die bald zum Mittel- und Vereinigungspunkt der Inselbewohner wurde. Gottlands vortheilhafte Lage lockte nach und nach Kaufleute aus allen Gegenden und Ländern herbei. Namentlich sehen wir dort [398] schon zeitig neben den gottländischen Kaufleuten eine zahlreiche und mächtige deutsche Handelsgesellschaft, von großen Handelsfreiheiten in entlegenen Ländern begünstigt, entstehen. „Volk, die in allerhand Zungen redeten, versammelten sich auf Gottland,“ sagt ein alter Chronist. Großartig wurde bald der Handel, dessen Mittelpunkt Wisby war. Die Insel war gleichsam ein von der Natur bestimmter Stapelplatz für den Handel der Ostseeländer. Hierzu kam, daß die Stadt bis 1288 (da sie sich bekanntlich in Folge ihrer Streitigkeiten mit den Landbewohnern Gottlands vor dem mächtigen Schwedenkönige Magnus Laduläs beugen mußte), unabhängig und sich selbst regierend, für den großen Freihafen der Seefahrer und Kaufleute aller Nationen galt. Durch die enge Verbindung der eingeborenen Kaufleute mit den dorthin übergesiedelten deutschen Handelsherren bildete sich im Laufe der Zeit die große weltberühmte Handelsgesellschaft, die in Wisby ihren Sitz hatte und durch Eintracht und Gleichheit zu Macht und Stärke gelangte. Im Rathe von Wisby, der aus sechsunddreißig Mitgliedern bestand, saßen stets achtzehn Gottländer und eben so viele Deutsche; von den zwei Vögten der Insel war der eine ein Gottländer, der andere ein Deutscher.

Seit lange kannten die Gottländer die Wege und Fahrwasser zu den in Nordosten belegenen Ländern; schon seit der Mitte des elften Jahrhunderts fand ein lebhafter Handel zwischen Nowgorod und Gottland statt und für russische Producte eröffnete sich durch Gottlands Zwischenhandel ein großer Markt in den norddeutschen Häfen. Die Handelsherren von Wisby, und nach ihnen die deutschen, hatten in Nowgorod ihre Niederlagen, ihren sogenannten Hof (Handelsgericht) und ihre eigene Kirche, wie die Kaufleute von Nowgorod ihre griechische Kirche in Wisby hatten. Von und über Gottland kamen 1157 oder 1158 Bremer Kaufleute zu den liefländischen Küsten und der Dünamündung, die ihnen durch die Gottländer bekannt geworden waren. Mit Hülfe von gottländischen Handwerkern legte Meinward, Lieflands erster Bischof, 1188 eine Burg zum Schutze des aufblühenden Christenthumes an der Düna an. Jährlich kamen und gingen über Wisby und Gottland Schaaren von Pilgern und Rittern nach Liefland, und zum Danke für ihren vielseitigen Beistand erhielten die Gottländer gegen Ende des zwölften Jahrhunderts von den dortigen Ordensrittern ausgedehnte Handelsfreiheiten, die sich von Riga über sämmtliche Häfen Lieflands und Esthlands, bis Polotzk, Witepsk und Smolensk (im westlichen Rußland) und von hier weiter nach Osten erstreckten. Für diesen ganzen Handel verblieb jedoch Wisby die Hauptniederlage und der Mittelpunkt für alle einzelnen Handelsverbindungen, die die Städte des westlichen Deutschlands, jede für sich, in fremden Ländern (England, Flandern und Skandinavien) angeknüpft; denn wie lebhaft auch zuvor der Handel zwischen diesen Ländern und Norddeutschland gewesen sein mag, so gelangte derselbe doch erst durch die von Gottland herbeigeführte Verbindung mit dem Osten zur höchsten Blüthe. Deshalb genossen auch die gottländischen Kaufleute in den genannten und anderen Ländern bedeutende Handelsvorrechte. Man konnte Wisby das Venedig der Ostsee nennen, denn wie ein Theil von Indiens und Persiens Kostbarkeiten den Weg über das schwarze Meer nach Venedig nahm, so ging ein anderer Theil die Wolga hinauf, auf andern russischen Strömen nach Nowgorod herunter und von dort nach Wisby.[2] Der Handelsstand in Wisby war so mächtig, daß nach neueren Untersuchungen der große Hansabund zunächst aus der engen Verbindung der fremden Kaufleute auf Gottland entstand. Diese Verbindung auf Gottland gab, ohne die übrigen Städte zu Rathe zu ziehen, aus eigner Machtvollkommenheit Gesetze, denen bei Strafe der Ausschließung von der Verbindung mit dem gottländischen Kaufmannsstande die fremden Städte Folge zu leisten hatten. Wisby’s Seerecht galt weit und breit, und ward von vielen Städten angenommen, von anderen ihrem eigenen Seerecht zu Grunde gelegt.

Noch heute geben Wisby’s Ruinen, seine kirchlichen, civilen und militairischen Alterthümer Zeugniß von seiner einstigen Macht und Größe.

Von dem Einfalle des dänischen Königs Waldemar III. Atterdag und der Verheerung der Stadt durch ihn datirt man gewöhnlich Wisby’s Verfall. Aber eine durch Reichthum, Lage und Verhältnisse begünstigte Handelsstadt kann sich, wenn auch geplündert und niedergebrannt, durch eigene Hülfsmittel aus seiner Asche zu neuer Größe erheben – doch Wisby’s Mission war beendet; andere welthistorische Ereignisse, die Eroberungen der Mongolen in Rußland unter Tamerlan, und Astrachans Zerstörung (um 1390), wie später der neuentdeckte Handelsweg nach Indien um das Vorgebirge der guten Hoffnung (1498) vollendeten ihren Fall. Unter dänischer Oberherrschaft und der Tyrannei ihrer Lehnsherren litt Wisby und Gottland Unglaubliches; später wieder mit Schweden vereinigt, sah es sich auch von seinem Mutterlande stiefmütterlich behandelt und oft in der Zeit der Noth verlassen. Erst die neueste Zeit lenkte Schwedens Aufmerksamkeit wieder auf Wisby und seine ehrwürdigen Alterthümer, für deren Schutz gegenüber dem nagenden Zahn der Zeit möglichste Sorge getragen ist.

Aber Wisby träumt nicht mehr von Wiederbelebung seiner einstigen Größe; es zehrt an seinen Erinnerungen, dies Stück in einem Winkel des Nordens vergessenes Mittelalter!

Von den 18 größeren und kleineren Kirchen, die Wisby im Mittelalter besaß, ist uns nur die unbedeutendste, die Marienkirche, von den Deutschen in Wisby 1190–1225 erbaut, erhalten; von zehn andern stehen noch Ruinen; sieben sind gänzlich untergegangen. Leider hat die Kunstgeschichte diese großartigen und wichtigen Denkmäler noch nicht beschrieben. In ihnen finden sich alle Baustyle des Mittelalters theils einzeln, theils vermischt wieder: der reine römische Rundbogenstyl des ältesten Mittelalters, wie der sogenannte römische Uebergangsstyl (abwechselnd zwischen Rund- und Spitzbogen) der letzten Hälfte des 12. Jahrhunderts; die Bauarten des Morgen- und Abendlandes, byzantinischer und gothischer, römischer und Renaissance-Geschmack begegnen sich hier. – Diese wunderbare Mannichfaltigkeit findet in den historischen Schicksalen der Stadt und Insel seine genügende und interessante Erklärung. Gottland war im 12. und 13. Jahrhundert ein Ruhepunkt auf der großen Handelsstraße zwischen dem Morgen- und Abendland. Büßer, Pilger und Bischöfe vom nordwestlichen Europa auf dem Wege zum heiligen Lande, Streiter und Abenteurer, die für Sold und Gold Dienste am Hofe des griechischen Kaisers suchten, nahmen den Weg über Gottland. Waaren und Ideen von Byzanz begegneten sich hier mit Waaren und Ideen von Franken und England, und fanden in der reichen und prachtliebenden, warm-katholischen Hansestadt einen fruchtbaren und dankbaren Boden.

Von Wisby’s zehn Kirchenruinen ist die von St. Catharina die imposanteste, und die der Heiligengeistkirche die merkwürdigste.

St. Catharina war die zum Franciscanerkloster gehörende Kirche, deren Erbauung wahrscheinlich mit der Niederlassung der Franciscaner in Wisby 1233 zusammenfällt. Noch ist an der südlichen Kirchenmauer ein Klosterzimmer von 26 Ellen Länge und 8 Ellen Breite erhalten. – Die Kirche ist ihrer Form nach eine Basilika (in Form eines Rechtecks) mit fünfseitiger Emporkirche östlich und mit einer Vorhalle westlich. Die Ordnung oder eigentlicher die Unordnung, in der die schönen Pfeiler der Kirche stehen, beweist die subjective Freiheit und Unabhängigkeit der gothischen Kunst von der für den antiken Baustyl so wesentlichen Symmetrie. Daß mit oder trotz dieser Anordnung eine seltne Schönheit erzielt werden konnte, ist eben das Geheimniß der gothischen Kunst. Wer sollte wohl beim ersten Anblick dieser Ruine glauben, daß die Pfeiler auf keiner Seite in parallelen Linien stehen, und der Abstand der Pfeiler von einander höchst ungleich sei? Und doch ist dem so und die Schönheit und Einheit des Ganzen keineswegs dadurch beeinträchtigt!

Wie herrlich dieser öde Tempel ist, wie schön seine Bogen und Pfeiler mit ihrer grünenden Krone von Mispelbüschen und grüner Altardecke, fällt dem Beschauer schon bei der Betrachtung unsers schwachen Bildes der Wirklichkeit in’s Auge.

Adel und Friede breiten sich über das Ganze. Das Bild der Vergänglichkeit kann sich nicht in milderm, lieblicherm Lichte zeigen, als hier; – durch die fast spielende, wundervolle Anordnung der Natur stehen die leblosen Mauern im vollen Schmuck von Büschen und Bäumen; Weinranke und Epheu decken liebevoll die Wunden des alten Steins, und Tod und Leben, Verheerung und ewige Verjüngung reichen sich hier geschwisterlich die Hände!

Ich habe schon oben die Ruinen der Heiligengeistkirche als die merkwürdigsten bezeichnet; in ihr begegnen sich wie [399] vielleicht in keinem andern Bauwerke des Mittelalters der Geschmack des Morgen- und Abendlandes.

Um alle Einzelheiten dieses herrlichen Denkmals christlicher Kunst zu schildern, müßte ich bei dem Leser eine genauere Bekanntschaft mit der Architektonik voraussetzen. Ich beschränke mich deshalb auf wenige Andeutungen. Ueber den Bau dieser Kirche schwanken die Meinungen; die Einen setzen ihre Entstehung in das elfte, Andere in das dreizehnte Jahrhundert. Die Kirche bestand aus zwei Stockwerken, was sie allerdings mit einigen Burgcapellen in Deutschland (z. B. in Landsberg a. d. Saale und Freiburg a. d. Unstrut) gemeinsam hat, unterscheidet sich aber wieder hauptsächlich dadurch von ihnen, daß die Emporkirche sich zu solcher Höhe erhebt, daß sie durch einen eigenen Bogen mit dem Oberschiff in unmittelbarer Verbindung steht. Wahrscheinlich hatte das obere Stockwerk den Zweck, die barmherzigen Schwestern des großen Hospitals in Wisby aufzunehmen, während das untere den Mönchen bestimmt war.

Für diejenigen meiner Leser, die mein kleiner Aufsatz vielleicht zu einem Besuch der Wisby-Ruinen anregt, will ich hinzufügen, daß die mehrmals wöchentlich von Stettin und Lübeck abgehenden Dampfboote sie binnen 36–48 Stunden nach Stockholm bringen; von Stockholm gehen gleichfalls zweimal wöchentlich Dampfboote nach Wisby, und langen dort nach zwölfstündiger Fahrt an. Deutsche Landsmänner heiße ich mit Freuden hier willkommen und stehe ihnen gern mit Rath und Aufschlüssen zu Dienst; diejenigen aber, die durch Bild und Wort genauere Bekanntschaft mit Gottland’s und Wisby’s Ruinen machen wollen, verweisen wir auf das Prachtwerk: „Gotland och Wisby i Taflor. Text af C. J. Bergman, Teekningan af P. A. Säve“ (mit 21 Kupfern in Folio).

Stockholm.

Philipp J. Meyer.





  1. Der katholische Bischof Brask, der mit Kühnheit und Ueberzeugung Gustav Wasa’s Reformationseifer entgegentrat, hielt es für seine Sicherheit räthlich, Schweden heimlich zu verlassen. Mit der Inspection der gottländischen Klöster betraut, soll er die Manuscriptschätze und Urkunden der Klöster mit sich nach Danzig und dem nahegelegenen Olivakloster geführt haben. Er starb im Kloster Landa in Polen. Ich füge diese Anmerkung hinzu, weil es nicht unwahrscheinlich ist, daß sich in genannten Orten noch Manches von diesen Manuscriptschätzen verborgen hält, was für Wisby’s Vorzeit von Wichtigkeit ist. Ein so weit verbreitetes Blatt, wie die „Gartenlaube“, möchte vielleicht den einen oder anderen Leser zu Nachforschungen anregen, und sollten diese von Erfolg gekrönt sein, so würde der Fund zu hohem Preise von der schwedischen Regierung erworben werden.
  2. Es vergeht fast keine Woche, wo nicht in gottländischem Boden morgen- und abendländische Alterthümer gefunden werden; namentlich ist die Ausbeute an kufischen und angelsächsischen Münzen reich, die dem königlichen Münzcabinet in Stockholm anheimfällt.