Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Rudolf Cronau
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Stürme der Prairien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 835–836
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Extremwetterereignisse in den USA
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[835]

Die Stürme der Prairien.

Von Rudolf Cronau.

Mit dem allmählichen Vorwärtsschreiten der weißen Ansiedler Amerikas gen Westen, mit ihrem stetigen Vordringen in die Prairien erhielt man mehr und mehr Nachrichten und Aufschlüsse über die dort waltenden großartigen und verderblichen Witterungserscheinungen, die man früher weniger beachtet hatte, weil sie der öden Prairie keinen erheblichen Schaden zuzufügen vermochten, jetzt aber für die Werke der sich eben verbreitenden Cultur mitunter zu wahren Heimsuchungen wurden.

Den Schauplatz dieser furchtbaren Naturerscheinungen, der unter dem Namen Tornados bekannten Wirbelwinde, der Wolkenbrüche, der Cyclone und Schneestürme, bilden am häufigsten die Territorien Montana, Dacotah, Minnesota, Nebraska, das mittlere Iowa, Kansas, Illinois und Ohio. Stürme, die an Heftigkeit kaum ihres Gleichen haben, treten hier fast alljährlich auf; sie haben sich namentlich in den beiden letzten Jahren häufig eingestellt und eine verheerende Kraft entfaltet.

Das Schicksal der deutschen Ansiedelung Neu-Ulm in Minnesota, welche im vergangenen Jahre (1881) durch einen Tornado fast völlig zerstört wurde, ist auch in Europa bekannter geworden; dasselbe Schauspiel wiederholte sich im gegenwärtigen Jahre, wo eine Anzahl von Städtchen in Iowa auf das Schwerste heimgesucht wurde. Nicht selten, namentlich in den Monaten Mai und Juni, sind diese Stürme von schwerem Hagelschlage begleitet, und vielfach hat man unter den Schlossen einzelne von einem Umfange von drei bis sechs, ja von zwölf Zoll gefunden.

Die westlichen Tornados, deren Gürtel ein schmaler zu sein scheint, obwohl ihre Ausdehnung mitunter beträchtlich ist, entstehen urplötzlich und verrichten ihr Zerstörungswerk in wenigen Minuten. Der Sturm erscheint in Gestalt einer sich pfeilschnell umdrehenden Säule, und ist bei ihm die wirbelnde Bewegung das charakteristische Moment. In wie hohem Grade aber jene Regionen alle Bedingungen zur Bildung solch schwerer Stürme und Gewitter erfüllen, lernte ich während meiner einmonatlichen Mississippifahrt von St. Paul bis Cairo, in Gesellschaft des Capitain Boyton, kennen, während welcher sich fast tagtäglich ein, mitunter zwei oder drei Gewitter über uns entluden. Ja an einem Tage, am 18. Juni, hatten wir auf der Strecke von Louisiana bis Alton sogar fünf Gewitter zu verzeichnen, die sich ohne Ausnahme durch ungemein heftige elektrische Entladungen, kolossale Regengüsse und starke Stürme charakterisirten.

Nirgendwo ist ein derartiger „waterspout“ gewaltiger, grausiger und unheimlicher als auf den öden Prairien; nirgendwo – es sei denn auf dem Ocean – ist man sich seiner irdischen Nichtigkeit, nirgendwo der Nähe und Macht des Schöpfers bewußter, nirgendwo kann das Krachen, das dumpfe, lang anhaltende Rollen des Donners furchtbarer, erschütternder, der Blitz greller, blendender erscheinen, als eben auf den Prairien Amerikas.

Der Effect der während dieser Regenstürme in kurzer Zeit auf die Prairien niederschießenden, schier unglaublichen Mengen Wassers, die nach verschiedenen Messungen in einer Stunde manchmal 2½, 3 und sogar 4 Zoll betrugen, ist ein ebenso eigenartiger wie grauenhafter.

Man vergegenwärtige sich, daß die ganze Prairie durchschnitten ist von tiefen Rinnen und Strombetten, die während des Sommers meist ausgetrocknet sind! Ereignet sich nun in einer solchen Gegend einer dieser Wolkenbrüche, so ergießen sämmtliche Schluchten und Engpässe die in denselben angesammelten Wasser fast auf einmal in das Hauptsystem der Wasserläufe der Prairien; Vertiefungen in der Erdoberfläche, während des trockenen Wetters kaum bemerkbar, verwandeln sich in wenigen Augenblicken in wüthende Bäche; durch die Schluchten und Rinnen schießen unpassirbare Flüsse dahin, und meilenweite Thäler sind viele Fuß hoch überschwemmt. Haben Prairiereisende das Nahen eines solchen Unwetters in Sicht, so vermögen sie zumeist ohne große Schwierigkeit sich auf die Ankunft desselben vorzubereiten und einen genügende Sicherheit bietenden Platz zu erreichen; viel kritischer aber mag sich die Sache gestalten, wenn plötzlich, ohne ein vorheriges Anzeichen, ohne daß der Himmel durch eine Wolke getrübt wäre, wie mit einem Zauberschlage gewaltige Fluthen die ausgetrockneten Strombetten hinabgebraust kommen und Alles rings umher zerstören und verwüsten.

Dieses geheimnißvolle plötzliche Anschwellen der Wasserläufe, eine dem erfahrenen Trapper sehr wohlbekannte Erscheinung, entsteht durch den Niedergang von Wolkenbrüchen in den oberen Stromgebieten. Ein amerikanischer Officier, Col. Dodge, welcher ein derartiges Phänomen erlebte, beschreibt dasselbe also:

„Meine Compagnie lagerte auf einer Uferbank, die sich gegen 25 Fuß über das ausgetrocknete, sandige Bett eines Stromes erhob. Lesend lag ich Nachts in meinem Zelte, über welchem sich ein klarer, sternenbesäeter Himmel wölbte. Da plötzlich hörte ich in der Ferne einen seltsamen Laut, ein Sausen und Rauschen, das bald mehr, bald weniger deutlich, mit erschreckender Geschwindigkeit uns näher kam und schnell an Macht gewann.

Die Ursache dieses Geräusches augenblicklich erkennend, eilte ich aus meinem Zelte und placirte mich an den äußersten Vorsprung der den Strom überhangenden Uferbank. In wenig Minuten rollte eine lange zu Schaum gepeitschte Wassermasse mit zischendem und sausendem Geräusch über den dürren Sand in der Tiefe, und kaum sechszig Fuß hinter dieser Welle folgte eine mindestens vier Fuß hohe Masse Wassers, welche die ganze über hundert Fuß weite Schlucht überschwemmte.

Die Front dieser Masse war nicht zu einer Welle abgerundet, sondern erhob sich gerade aufwärts – eine vollendete Wand von Wasser, die immer höher und höher schwoll und Baumstämme, Sträucher, Felsblöcke und mächtige Stücke Erde mit sich riß.

In zehn Minuten hatte das Wasser zu meinen Füßen eine Tiefe von fünfzehn Fuß und der reißende Strom, das jenseitige niedrige Ufer übertretend, eine Breite von einer halben Meile erreicht. Für drei Tage war derselbe unpassirbar, und es dauerte einen vollen Monat, bis er zu seinem Normalstand zurückkehrte.“

Gottlob sind derartige Ereignisse auch in den häufiger von solchen Naturerscheinungen betroffenen Gegenden selten.

Führen Tornados und Wolkenbrüche während der Sommermonate das Regiment, so treten während der kälteren Jahreszeit die nicht minder berüchtigten Schneestürme an ihre Stelle.

Wochenlang sind die Tage klar und heiter gewesen; die Luft ist rein und trocken, der Himmel wolkenlos – nichts verkündet das Nahen des schlimmen Gastes, vor welchem selbst der wetterfeste Dacotah-Mann den größten Respect hat.

Da, als abermals eine leichte Röthe im Osten das Aufsteigen der Sonne verkündet, umzieht sich der Horizont allgemach mit grauen, schweren Dünsten, die langsam immer näher schleichen. Gegen Mittag senkt sich über die fernen Hügel ein weißer Nebel, die Umrisse derselben leicht verhüllend. Langsam und unmerklich kriecht der Nebel die Flußthäler entlang; Alles rings umher ist unheimlich still, nirgendwo Leben, nirgendwo Bewegung; nur hier und da weht leise schon eine feine Flocke hernieder. Sie schwebt zur Erde, wie die Blüthe eines Baumes, kaum getragen von einem Hauch. Der erfahrene Trapper aber versteht diese Zeichen und eilt, so schnell wie möglich irgend eine geschützte Niederung, eine [836] Schlucht oder das ausgetrocknete Bett eines Stromes zu erreichen. Nicht lange mehr läßt der Sturm auf sich warten. Der Flocken und Flöckchen werden mehr und mehr; ihre Flugrichtung wird eine immer verticalere, je mehr sich der Wind zum Sturm steigert. Hat derselbe seinen Höhepunkt erreicht, so werden die feinen Flocken mit einer solchen Kraft getrieben, daß die das Gesicht treffenden Theile gleich ebenso vielen Nadelstichen prickeln.

Man hat Beispiele, daß Farmer, die während des Unwetters von ihren Wohnhäusern nur bis zu den Ställen zu gehen versuchten, den Weg verloren, in die Prairie geriethen und wenige Schritte von ihrem Herde elendiglich zu Grunde gingen.

Die Gefahr beruht weniger in der mit der Naturerscheinung verbundenen Kälte als in der ungemeinen Schärfe des Windes, welcher gleich einem Messer schneidet und alle Lebenswärme aus den Gliedern treibt. Ein gewöhnlicher Winterüberzieher schützt nicht mehr als ein Fetzen Mousselin gegen das Wüthen des „Blizzard“, der, von den eisigen Gebieten der nördlichen britischen Besitzungen und Alaska kommend, in der Regel drei Tage lang aus dem Norden bläst, dann plötzlich umschlägt und wieder drei Tage lang mit ungeschwächten Kräften sein Wüthen von Süden her fortsetzt.

Glücklicher Weise treten gewöhnlich diese äußerst schweren „Blizzards“ nur etwa fünf- bis sechsmal während eines Winters auf; ja im vergangenen Winter wurde Norddacotah nur von einem einzigen in den Monat März fallenden Schneesturm betroffen; dahingegen hat sich der Winter 1880 bis 1881 mit seinen sechszig schweren Stürmen für immer denkwürdig in die Chroniken des amerikanischen Nordwestens eingeschrieben. Der erste Schnee fiel früh, im October, und von dieser Zeit bis zum April führte der Winter ein ganz unerhört strenges Regiment. Ueberall lag der Schnee sechs bis zwanzig Fuß hoch; einige Schneewehen erreichten sogar eine Stärke von über fünfzig Fuß. Weit und breit war Alles unter diesen enormen Massen begraben, die Menschen litten schrecklich, und die Thiere starben zu Tausenden; jede Verbindung mit der Außenwelt war abgeschnitten, und die Passagiere der Eisenbahnzüge waren nicht selten inmitten der ödesten Prairien unter den größten Entbehrungen zu tagelanger Haft verurtheilt.

Welche Macht und Stärke die ungeheuren Schneemassen besaßen, erhellt aus der Thatsache, daß ein 48,000 Pfund schwerer Pflug, der noch dazu mit 80,000 Pfund Eisen belastet und von sechs hinter einander gespannten Locomotiven getrieben wurde, vollständig unfähig war, eine ihm entgegenstehende Schneewand zu durchbrechen. Als die furchtbare Attacke geschehen und die Werkleute den Pflug näher besahen, fanden sie, daß derselbe mit all seinen 128,000 Pfund Eisen wie eine Feder zurückgeschlagen, über die Schneewehe hinweggeglitten und gegen einige Bäume geschleudert worden war, wo die Maschinerie bis zum Wegschmelzen des Schnees ausruhen mußte. Die Schneewehe war zweiundfünfzig Fuß hoch.

Einige Bahngesellschaften suchten ihre Linien frei zu halten, indem sie Tausende von Leuten anstellten, die den Schnee in große Blöcke von der Breite des ganzen Bahnbettes und von zwölf Fuß Länge zu zerschneiden hatten, welche dann, durch Stricke und Planken zusammengehalten, mittelst einer vorgespannten Locomotive an weitere Oeffnungen geschafft wurden, um daselbst aufgebrochen und beseitigt zu werden.

So viel für heute über die Stürme der Prairien[WS 1]! Es wird genügen, um dem Leser ein Bild zu entwerfen von den Schrecknissen, mit denen die Natur die Bewohner jener Gegenden bedroht. Wohl uns, die wir einen freundlicheren Himmelsstrich bewohnen!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Prairiren