Die Spielhölle in Wiesbaden

Textdaten
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Autor: Paul Frank
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Titel: Die Spielhöllen in Wiesbaden
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 712–716
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[712]
Die Spielhölle in Wiesbaden.[1]
Von Paul Frank.
2. Ein Beispiel von Hunderten.

Eines Tages flanirte ich im Westende von Wiesbaden, auf der Emser Straße, einer mit hübschen Gärten und einzeln stehenden Landhäusern flankirten Chaussee. Ziemlich weit draußen beredete mich mein Begleiter, in einen bescheidenen Wirthsgarten einzutreten, wo die Leute aus der Stadt ihren Aepfelwein und ihre saure Milch nehmen und zugleich auch die Fuhrleute und Bauern von draußen einzukehren pflegen. Wir fanden in dem Garten eine Gruppe, die mich interessirte. Zwei Bauern hörten mit Aufmerksamkeit, ja beinahe mit Andacht, einem Dritten zu, der halb leise und ganz heiser zu ihnen sprach. Dieser Dritte war halb bäuerlich und halb städtisch gekleidet. Er hatte, was bei den hiesigen Bauern eine große Seltenheit ist, eine mächtige Glatze. Sein Gesicht war durchfurcht von einem Netze tiefer Runzeln und Einschnitte, welche sich um die Augen herum zu einer solchen Hautwulst zusammenästelten, daß man nur zeitweise die kleinen grauen Augäpfel zu sehen bekam. Neben sich hatte er einen ledernen Büchsenranzen liegen, aus welchem vergilbte und schmutzige Papiere hervorsahen. Der Mann interessirte mich. Ich erkundigte mich bei dem Wirthe nach ihm und erfuhr, daß er ein durch das Spiel heruntergekommener, ehedem reicher Bauer sei, der jetzt zu den „problematischen Existenzen“ gehöre. Seine Geschichte ist kurz, aber lehrreich. Hier ist sie:

Der Mann hatte ein schönes Bauerngut in dem zwischen den Bädern Schwalbach und Schlangenbad mitteninne liegenden Dorfe Wombach. Man schätzte sein Vermögen auf etwa fünfzigtausend Gulden rheinisch. Er war verheirathet mit einer jungen und hübschen Bäuerin, die ihm zwei kräftige Jungen geboren hatte. Die Ehe war glücklich, die Frau wirthschaftlich und ordnungsliebend, der Mann fleißig. Sie kamen hübsch vorwärts oder – um einen bei den hiesigen Bauern grassirenden Provinzialismus zu gebrauchen, über den ich, so oft ich ihn hörte, habe lachen müssen – sie „empörten sich gehörig“, d. h. sie kamen empor. Der Bauer hatte schon in seiner Jugend die Spinnstuben und sonstigen bäuerlichen Vergnügungen nicht aufgesucht, die bei Branntwein und einer hier zu Lande üblichen Art Tabak, die Miggeseriwer heißt und übel duftet, gefeiert zu werden pflegen. Er schien sich für etwas Besseres zu halten und war deshalb bei seinen Standesgenossen mißliebig. Man beschuldigte ihn des Stolzes. So kam es, daß er, da nun einmal ein jeder Mensch das Bedürfniß nach menschlicher Gesellschaft hat, öfters nach dem benachbarten Bade Schwalbach ging und dort den Umgang der Kleinstädter suchte. Damals wimmelte es hier zu Lande noch von Spielhöllen. Sogar das kleine Schwalbach und das noch kleinere Schlangenbad hatten jedes seine „Bank“. Jetzt sind die kleinen „Banken“ verschwunden. Sie trugen den Unternehmern nicht genug ein. Das Laster des Spiels hat sich concentrirt auf einige große Etablissements, wovon eins gefährlicher ist, als früher ein Dutzend kleine.

Damals, als unser Wombacher Bauer, – er hieß Peter – nach Schwalbach ging, war ein Baron Fechenbach Bankhalter, wie auch gegenwärtig ein Baron Wellens Chef der Wiesbadner Spielhöllen-Actiengesellschaft ist. Wenn es heißt „der Baron“, so versteht man darunter den Chef des Spiels. So ein adeliger Titel giebt dem Spiel Lüstre, auch wenn er unecht ist. Bei dem „seligen Fechenbach“ war er aber echt. Sein Vater lebte als pensionirter Officier in einem Städtchen am Main. Er hatte sechs Söhne und ließ sie alle sechs gar nichts lernen. Ein Freund fragte ihn: „Aber lieber Baron, was soll aus Ihren sechs Söhnen werden; Vermögen haben Sie nicht, und Sie lassen den Jungen auch nichts lernen?“ – „Bah“, antwortete der alte Baron, „wenn sie groß sind, gebe ich Jedem ein Spiel Karten in die Hand und schicke ihn in die Welt, da mag er sein Glück machen und sich mit der Karte den Weg suchen.“ Mit der Karte meinte er natürlich nicht die Landkarte, sondern das Kartenspiel. Einer dieser sechs Söhne, die der alte Baron mit einem so sicheren Wegweiser in die Welt geschickt hatte, war der Spielbaron Fechenbach in Schwalbach. Er verstand sein Geschäft. Schwalbach war und ist noch kein Luxus-, sondern ein Heilbad. Sogenannte „große Spieler“ kamen nicht hin. Man mußte daher der klugen Spinne nachahmen, die, wenn keine großen Fliegen in das Netz flogen, keinen Anstand nahm, in Erwartung besserer Glücksumstände, auch die kleinen zu verspeisen. So war denn in den damaligen Spielhöllen, und auch in Bad Schwalbach, der geringste Satz eine österreichische Silbermünze, [713] welche man „Sechsbätzener“ nannte. Sie betrug vierundzwanzig Kreuzer rheinisch und ist in Folge der letzten Münzconvention aus dem Verkehr verschwunden.

Unser Peter aus Wombach hatte einst seine Haferernte gut verkauft und regalirte den Schullehrer mit einer Flasche Wein. Beide kamen auf die Idee, einmal in „gute Gesellschaft“ d. h. in den Spielsaal zu gehen, und da der Bauernkittel dort nicht zugelassen wurde, so lieh der Schulmeister unserem Peter einen dunkelblauen Leibrock und Vatermörder. Hiermit ausstaffirt, setzte Peter einen Sechsbätzener auf Roth. Dieselbe Farbe kam viermal hintereinander heraus. Peter hatte den Satz aus Unverstand stehen lassen und wurde erst nach dem vierten Spiel durch den Lehrer veranlaßt, ihn zurückzuziehen. Er hatte fünf Gulden sechsunddreißig Kreuzer gewonnen, neben seinem Einsatz. Das war viel für einen Bauern, der nicht an größere Summen baaren Geldes gewöhnt ist. Er kaufte seiner Frau ein schönes buntes Kopftuch; mit dem Reste des Geldes bezahlte er die Steuern. Er blieb ein solider Mann. Aber die Sache ging ihm im Kopfe herum. Während er den Erntearbeiten oblag, dachte er oft daran, wie sauer er sich hier plagen müsse im Schweiße seines Angesichts, um ein paar Kreuzer zu verdienen. Und wie leicht war es doch gewesen, die paar Gulden zu erwerben! Er hatte seinen Sechsbätzener hingesetzt; das Rad der Roulette war ein paar Mal herumgegangen; der Mensch, der es drehete, hatte ein paar unverständliche Worte vor sich hingeschnurrt, und siehe da, der Sechsbätzener hatte sich verdreißigfacht. Der Weizen hatte schnell und schön geblüht. Und dabei war Peter in vornehmer Gesellschaft gewesen, in einem schön decorirten und hell erleuchteten Saal, wo es nach allerlei fremdartigen Gerüchen duftete, aber nicht nach Tabak und Schnaps. Er hatte den Leibrock und die Vatermörder eines Gelehrten angehabt und man hatte ihn respectvoll behandelt, und die Leute, die ihn so respektvoll behandelten, waren doch anscheinend vornehm, weit vornehmer, als der Schulze und der Amtmann, die ihn, statt mit „Sie“, mit „Er“ oder „Du“ anredeten und in der Regel übergrob waren.

Gegenüber solchen Verlockungen rief sich Peter alle gute Lehren seiner seligen Mutter in das Gedächtniß zurück, ihr „Wie gewonnen, so zerronnen“, ihr „Bauer-Brod – sauer Brod, aber ehrlich Brod“. Er erinnerte sich, wie oft sie ihn gewarnt hatte vor dem Kartenspiel, vor dem alten einbeinigen Sergeanten und seinem Freund, dem „Säuschnitter“, welche zu betrügen pflegten und einmal seinen seligen Vater beinahe in eine Criminalgeschichte verwickelt hätten, woran er so unschuldig war, wie ein neugeboren Kind. Er gedachte des „Vetter Anton“, der, von Haus aus ein vermögender Bauer, an das Kartenspiel und durch das Spiel an die Verzweiflung und durch die Verzweiflung an den Trunk gerathen war und einen frühen Tod fand, seiner Familie nichts hinterlassend, als den Bettelstab. Er sah noch jetzt das Bild des Vetter Anton vor Augen, wie der, wenn er die Nacht durch mit dem „Einbein“ und dem „Säuschnitter“ bei Branntwein und Karten gesessen, mit blaugrauem Gesicht und übernächtigen gerötheten Augen, im Dorf herumlotterte und zur Arbeit nicht zu brauchen war. Er gedachte zurück, wie sich Einer nach dem Andern von dem Vetter Anton zurückzog und wie zuletzt, als der nichts mehr hatte, was er verspielen konnte, sogar der Sergeant und der Schweineschneider sich mit geflissentlich an den Tag gelegter Verachtung von ihm abwandten. Damit wußte er den Lockungen so lange zu widerstehen, bis der Herbst kam, das Roulettespiel in Schwalbach aufhörte und der Spielbaron ging. Am 10. September wurde die Bank geschlossen und die Versuchung war vorbei. Der Lehrer war zwischenzeitig auf eine bessere Schulstelle versetzt worden. Sonst wußte Niemand von der Sache. Die Brücke nach dem Gebiete des Lasters war vollständig abgebrochen. Peter lächelte zuweilen still vor sich hin. Seine Frau fragte ihn, warum. Aber er sagte nichts. In Wirklichkeit freute er sich, daß er den Fallstricken entronnen war, und als er in den Psalmen las: „Herr, ich danke Dir, daß Du mich erlöset hast aus den Netzen und Stricken der Jäger“, da meinte er im Stillen, das paßte auch auf seinen Fall.

Nach der schweren arbeitsamen Zeit des Herbstes kam der Winter, wo unsere Bauern nichts zu thun haben. Sie schlafen lange, bei Tag liegen sie auf der Ofenbank und rauchen ihre Pfeife. Der Müßiggang macht böse Gedanken. Auf der Ofenbank ist schon mancher verderbliche Proceß ausgesonnen worden. Da werden die alten Erbtheilzettel, die alten Flur- und Grenzbücher, die vergilbten Schuldscheine und Briefe hervorgesucht, ein wirkliches oder vermeintliches Unrecht, das schon fast verjährt und jedenfalls schwer zu erweisen ist, wird da entdeckt und mit jener Hartnäckigkeit verfolgt, welche sich in dem Bauernsprüchwort ausdrückt: „Nach einem Loth Recht darfst Du das beste Pferd aus Deinem Stalle zu Schanden reiten“. Peter war zu wohlhabend und zu gutmüthig, um proceßsüchtig zu sein. Aber wenn er auf der Ofenbank lag, nahete sich ihm ein Versucher, der schlimmer war, als der Proceßteufel.

Der Spielteufel hielt ihm die Roulettetafel vor, in der Mitte die Drehscheibe, in welcher das elfenbeinerne Kügelchen springt, rechts und links daneben die grünen Teppiche, die bemalt sind mit rothen und schwarzen Strichen und allerlei Nummern, darunter auch Null und Doppelnull, wie sie auch geschrieben stehen in den achtunddreißig Fächern der Drehscheibe, auf welche die verhängnißvolle Kugel springt. Der Schulmeister hatte ihm ausgelegt, daß man auf Roth und auf Schwarz allemal das Doppelte gewinnen könne, ebenso auf „Grad“ und „Ungrad“ und auf „Drunter“ (manque) und „Drüber“ (passe), daß man aber auf einer Zahl gar das Fünfunddreißigfache gewinne. Davon, daß, wenn das Kügelchen auf Null oder Doppelnull falle, fast alle Einsätze eingestrichen werden, fast alle Spieler verlieren und nur die Bank gewinnt; daß überhaupt, wenn man die Sache mathematisch untersucht, die Spieler nur unter sich spielen und die Spielbank von jedem Satze etwa sechs Procent zieht, so daß, wenn ein Gulden zehnmal gesetzt worden ist, er der Bank gehört, und daß, wenn dieselben Spieler, ohne Zufuhr von außen zu erhalten, vierzehn Tage mit der Bank spielten, keiner einen Kreuzer übrig hätte, unmöglich übrig haben könnte, nach den unumstößlichsten, unbarmherzig-ehernen Gesetzen der Mathematik – von Alledem hatte der Schulmeister dem Bauern nichts gesagt. Er wußte es selbst nicht. Giebt es ja doch noch heutzutage eine Menge hochstudirter Leute, Staatsmänner, Geschäftsleute, Grafen und Fürsten, die es auch nicht wissen, obgleich es keine dunkle und schwierige Geheimlehre ist, sondern gedruckt steht in Büchern, die für ein paar Groschen zu haben sind (z. B. in dem Schriftchen über das Roulette-Spiel von Dr. Wiener, Lehrer der Mathematik in Darmstadt. Frankfurt a. M. Expedition des Arbeitgeber, 1863), und verstanden werden kann von Jedermann, der die vier Species nothdürftig erlernt hat.

Nachts im Bette mit geschlossenen Augen, bei Tage auf der Ofenbank mit offenen Augen, träumte Peter vom Roulettespiel. Er spielte nicht mehr mit Sechsbätznern, sondern mit großen und schweren Goldstücken, und wo er hinsetzte, da gewann er. Von dem Gewinn kaufte er sich ein großes Gut. Er legte darauf eine Branntweinbrennerei neuesten Systems an. Denn die alten kleinen Brennereien in Wombach mußten vor der neuen Steuergesetzgebung die Segel streichen. Er trug Sporen und einen Cylinder, von dem Leibrock und den Vatermördern gar nicht zu reden. Er wurde in den Vorstand des landwirthschaftlichen Vereins gewählt und von dem Minister, der ihn in landwirthschaftlichen Dingen zu Rathe zog, zu Tisch gebeten. Seine Nachbarn platzten vor Neid. Er aber dachte: „Besser beneidet, als bemitleidet!“ … Und wenn er sich bis zu dieser Stufe des Glücks im Traum emporgeschwindelt hatte, dann trat plötzlich wieder vor seine Augen das Bild des Vetter Anton mit seinem verzerrten, bleichen und verzweifelten Gesicht, rechts der „Einbein“, links der Säuschnitter, wie sie ihm die Taschen leerten, und dann kam seine gute selige Mutter mit ihren klaren, treuen, blauen Augen, die schon so lange gebrochen waren; sie hob warnend den Finger und wiederholte das „Bauer-Brod, sauer Brod“ und die anderen Sprüchwörter, worin sie so stark war.

„Ach was,“ sagte Peter, der sich zu helfen wußte, dagegen, „meine Mutter hatte gewiß Recht, aber das hier ist ja ganz etwas Anderes. In dem Schwalbacher Spielsaal, da geht es nicht zu wie im Solospiel bei dem einbeinigen Sergeanten. Das Schwalbacher Roulettespiel ist von hoher und höchster Obrigkeit gestattet und verpachtet, und die Pachtgelder fließen in die herzogliche Domainencasse; und wenn das was Unrechtes wäre, dann würde es der gnädigste Herr und die hohe Regierung nicht erlauben und noch weniger würden sie ein Sündengeld von einem Pacht davon beziehen. Auch ist ein extraer landesherrlicher Commissarius darüber gesetzt, der darauf Acht giebt, daß Alles mit rechten Dingen zugeht und daß Jeder von der richtigen Katz gefressen wird. Wenn der einbeinige Sergeant und der rothhaarige Säuschnitter meinen versoffenen Vetter Anton rupfen wollten, dann nahmen sie ihn mit [714] in das hinterste grüne Stübchen des Wirths Moos, wo ohnedies kein ehrlicher Mann hinging. Aber hier wird gespielt in einem hellerleuchteten Saal voll Glanz und Pracht, und rundherum stehen vornehme Herren und geputzte Damen, die viel zu vornehm und zu reich sind, um selbst zu betrügen, und viel zu gelehrt und klug, um sich betrügen zu lassen. Jedermann kann dem Mann, der die Scheibe dreht, auf die Finger gucken. Da geht Alles ehrlich und offen zu. Das ist nicht, wie in Moosens Haus. Und was thut’s denn, wenn ich auch einmal ein Goldstück verliere? Das soll dann das letzte Mal sein. Einmal ist Keinmal. Und wenn ich die gewonnenen fünf Gulden sechsunddreißig Kreuzer abziehe, wieviel Verlust bleibt dann? …“

Im Frühjahr, als die Schwalben wieder kamen, kam auch der Baron Fechenbach und schlug sein Roulettespiel wieder auf im Alleesaal in Schwalbach, ein paar hundert Schritte vom Weinbrunnen. Und die Leute, die an dem Brunnen Gesundheit trinken sollten, tranken lieber im Alleesaal Gift, das Gift der bösen Leidenschaften, des Hoffens auf Wunder, des Aberglaubens und der Verachtung der ehrlichen saueren bürgerlichen Arbeit.

Unser Peter von Wombach hatte ein gutes Bienenjahr gehabt und viel feinen Honig erzielt. Er hatte diesen im Mai in die Stadt getragen und einen schönen Preis erzielt, zehn Gulden mehr, als er gehofft. Da stieg ihm wie eine Feuergarbe der Gedanke im Kopfe auf: „Von diesen zehn Gulden weiß Deine Frau nichts, damit wird gespielt; damit wechsele ich mir ein Goldstück ein und setze es auf eine Nummer. Gewinne ich, dann habe ich statt eines meine sechsunddreißig Goldstücke. Verliere ich’s, nun dann hat die arm’ Seel’ Ruh, dann ist’s aus und vorbei, und kein Teufel soll mich mehr in dem Alleesaal sehen.“

Zu Hause gab er seiner Frau den Erlös um zehn Gulden geringer an. Er schlief die Nacht, obgleich er müd war, schlecht; er hatte seine Frau belogen und ging mit geheimen Gedanken um. Auch überlegte er, wie er zu einem Goldstück kommen sollte. Da fiel ihm das „Ziegen-Herzchen“ ein, oder wie es sich nach seiner neuen Aera nannte, der Commissionär und Advocat Herz Jesaias Fays in Schwalbach. Herzchen war ein israelitisches Waisenknäblein. In seiner Jugend hatte er sich damit ernährt, daß er in der Umgegend von Schwalbach die Felle der Lämmer und Ziegen zusammenkaufte und an den Hauthändler Bär Hirsch Baum in Wiesbaden verkaufte. Damit hatte er sich ein kleines Capital gemacht, und mit diesem Capital war er in die Welt gegangen. Später hatte er eine Zeit lang in Wiesbaden als Advocatenschreiber prakticirt, und zuletzt war er Amanuensis bei dem Chef der geheimen Polizei, dem damaligen Regierungsrath W*. Von da kehrte er nach Schwalbach zurück und etablirte sich als Commissionär und Advocat (d. h. als Winkeladvocat, oder wie es die Bauern etwas derb nennen, als „Ferkelstecher“), indem er prätendirte, daß die Leute, die ihn früher „Herzchen“ und „Du“ angeredet hatten, ihn nunmehr „Herr Doctor Fays“ und „Sie“ nennen sollten. Allein die Leute thaten das nicht, sondern wählten einen Mittelweg, indem sie ihn „Doctor Pfui“ titulirten. Von der Advocatur des selbstgeschaffenen Herrn Doctor war nun zwar nicht viel zu verspüren, wohl aber hatte er sonst seine Hände in Allem und namentlich in Allem, was das Spiel angeht. Das Spiel ist eine sociale Krankheit, und es heißt: „Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier“. Haltet Euch nur wenige Tage an dem Orte einer Spielhölle auf, und wenn Ihr nur die geringste naturwissenschaftliche Beobachtungsgabe habt, so werdet Ihr unter allen den Masken mit Uniform und Degen, von Director und Rath und Geheimerath und Commerzienrath, alsbald die Aaszüger herausfinden. Auch Herr H. J. Fays war ein solcher, aber vorerst nur noch ein ganz kleiner. Indeß „was ein Dörnlein werden will, das spitzt sich bei Zeiten.“

Herr H. J. Fays lieh auf Pfänder und Zinsen, und zwar ganz geheim an Solche, welche öffentlichen Credit entweder nicht besaßen, oder ihn zu gebrauchen sich scheuten, sei es aus wahrer, oder – was das häufigere ist – aus falscher Scham. Er nahm in der Regel nur auf den Monat neun, also auf das Jahr hundertundacht Procent. Allein es klagte Niemand darüber, denn erstens ging Alles ganz geheim, und zweitens hatte Fays auszusprengen gewußt, die Gelder kämen von einem gar mächtigen und hohen Herrn in Wiesbaden, und wer mit dem anbinde, der komme in des Teufels Küche. Daß Fays mit der geheimen Polizei in Beziehungen stand, glaubte man. Noch kürzlich war ein Mann, den man zur Opposition zählte, zu einer Correctionshausstrafe verurtheilt worden, weil er auf einer öffentlichen Versteigerung für ein Portrait des Landtagspräsidenten Herber einige Gulden und dagegen für das des regierenden Herrn nur ebenso viele Kreuzer geboten hatte. Man fand darin eine Majestätsbeleidigung. Es waren gefährliche Zeiten. In Mainz saß und tagte die „schwarze Commission“ oder, wie sie mit ihrem officiellen Titel hieß: „Die geheime Bundes-Central-Untersuchungs-Commission“ …

Und Doctor Fays war sehr intim mit dem Amtmann. Er war ein sehr loyaler und frommer Unterthan. Auf Herzogs Geburtstag schrie er bei dem Toast immer am allerlautesten von Allen sein „Hoch“, und wenn er nicht zufällig ein Israelite gewesen wäre, würde er auch bei der Procession eine Kerze oder Fahne getragen, oder allerwenigstens aus einem dicken Goldschnittsgesangbuch laut gesungen haben.

Warum ich diesen Herrn genauer beschrieben habe, als den Helden der Geschichte? fragt der Leser. Ei nun, weil der Herr zu den charakteristischen Anhängseln des Spiels gehört, und weil er in unserer Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Denn an dem Tag, welcher dem Verkauf des Bienenhonig und dem Belügen der Frau folgte, schlich unser Wombacher Peter bei Fays zur Hinterthür herein. Zu der Vorderthür, auf welcher in einem blauen Schild mit großen gelben Buchstaben geschrieben stand: „Commissionsbureau und Advocatur von H. J. Fays“, hineinzugehen, schämte sich der Bauer. Auch zur Hinterthür kam er wieder heraus.

Was hatte er drinnen gethan? Nichts als einen Tresorschein von zehn Gulden umgewechselt gegen ein Goldstück. Als solches hatte ihm der Herr Doctor einen Napoleon ausgehändigt, der freilich vierzig Kreuzer weniger werth war, als die zehn Gulden. Das nannte der Herr Doctor eine kleine Provision. Warum hatte Peter das Geldwechselungsgeschäft gerade bei Fays vorgenommen? Weil er das Geheimniß suchte, weil ihn sein Gewissen drückte, und weil er deshalb dachte, er gehe am besten zu Jemandem, der selber in seines Herzens Schrein gerade nicht Alles in bester Ordnung habe.

Abends spät zu einer Stunde, wo noch gespielt wurde, aber Einheimische nicht mehr dabei waren, huschte Peter in den Alleesaal. Er ging, wieder mit Rock und Vatermördern maskirt, entschlossen auf den Spieltisch zu und setzte seinen Napoleon auf Nummer Eilf. Die Kugel rollte und sprang, der Bankhalter sprach einige Worte, die Peter nicht verstand. Der Croupier schob ihm mit einem hölzernen Rechen fünfunddreißig blanke Goldstücke zu seinem einen hinzu. Die Nummer war herausgekommen. Peter griff mit beiden Händen zu und schob das Gold in die Hosentaschen. Er stürzte aus dem Saal in’s Freie. Er konnte kaum athmen und fürchtete einen Schlagfluß. Erst nach und nach kam er zu sich, aber er war nicht froh. Er ging den Lampen, die vor dem Hause hingen, aus dem Wege und suchte sich die dunkelste Hainbuchen-Allee auf, welche dem Weinbrunnen und dem Paulinenbrunnen entlang an den Münzbach aufwärts führt. Je näher er dem Walde kam, desto unheimlicher ward es ihm, er glaubte allerlei Schatten zu sehen und Stimmen zu hören. Hatte es nicht da eben dicht neben ihm ganz leise „Peter“ gerufen? Es „gruselte“ ihn. Auf einmal hält ihn auch Jemand an dem Zipfel des erborgten Leibrocks. Es war eine lange, knochige, krallenartige Hand und die Hand gehörte einem aus dem Schatten einer alten Hainbuche hervortretenden kleinen Menschenkind mit krummem Rücken und noch krummerer Nase, dem über seine niedrige Stirn kleine schwarze Locken in Propfenzieher Format herabhingen. Es war Fays. „Peter,“ schmunzelte er, „was habt Ihr in Eurem Hosensacke? Gebt mir eins von den schönen blanken Dingen. Mir habt Ihr sie doch zu verdanken. Es war ein Heckethaler, den ich Euch wechselte. In ihm stak das Glück. Gebt mir eins; es wird Euch nicht thun leid, es wird nicht sein Euer Schaden!“

„Dummes Geschwätz,“ sagte Peter und wollte weiter eilen. Aber Fays folgte ihm zur Seite, wie sein Schatten, immer leise auf ihn einredend.

„Peter,“ lispelte er, „Ihr habt gespielt an der Roulette. Wißt Ihr, wer spielen darf an der Roulette? Der Curfremdling. Wißt Ihr, wer nicht spielen darf? Das eingeborene herzoglich nassauische Landeskind. Für uns hat gemacht der gnädigste Landesvater ein mächtig Gesetz, wo gedruckt steht im Gesetzblatt, daß, wenn wir spielen an der Roulette, so kostet’s das erste Mal [715] fünfzig Gulden Strafe, das zweite Mal hundertfünfzig Gulden, und das dritte Mal werden wir gethan hinter Schloß und Riegel auf volle drei Monat. Von der Straf’ kriegt der Anzeiger die Hälfte als Fanggeld. Könnt’ ich mir nicht verdienen fünfundzwanzig Gulden? Gebt mir einen Napoleon, es soll nicht sein Euer Schaden.“

„Miserabler Bub’,“ zürnte der Bauer, „dann fang’ ich lieber gleich mit der dritten Strafe an und gebe Dir die Hälfte, sechs Wochen Correctionshaus. Lieber bezahl’ ich dem Amtmann fünfzig Gulden Straf’, als Dir einen Kreuzer Hehlgeld.“

„Peter, seid vernünftig,“ mahnte Fays, „Ihr könnt nicht zahlen an den Amtmann. Der Amtmann setzt nur die Strafen, aber Geld darf er keins nehmen. Er schreibt die Straf’ in ein groß Buch. Das Buch wird geschickt alle Vierteljahr an die Steuercasse. Die schreibt dem Rentmeister und der dem Erheber und der dem Dorfschulzen, und dann wird’s Euch gefordert. Eh’ Ihr’s nur bezahlen dürft, werdet Ihr eingeschrieben in sechs große Bücher und herumgeschleppt bei allen hohen und niedrigen Obrigkeiten. Weiß es der Dorfschulze, weiß es Euer Schwiegervater; weiß es der, dann weiß es Eure Frau, daß Ihr gespielt habt an der Roulette. Nun Peter, wie heißt?“

„Kerl, ich zerschlage Dir alle Knochen in Deinem nichtsnutzigen –“ schrie Peter, indem er den Stock hob.

„Halt, Peter, halt,“ mahnte Fays, „hitzig ist nicht witzig. Peter, bedenkt, wart Ihr nicht gewesen am vorletzten Sonntag mit dem Schuster-Jacob zu Wiesbaden in dem Wirthshause bei dem Polen-Bücher, wo gesungen worden sind gefährliche Lieder? ,Noch ist Polen nicht verloren’, und ,Fürsten, zum Land hinaus’, und sonst?“

„Ich hab’ nicht mitgesungen,“ antwortete Peter mit der Ruhe eines guten Gewissens.

„Nicht mitgesungen? Wird Dir was Schönes helfen,“ höhnte Fays, „solche Lieder singen ist Hochverrath. Wer Hochverrath hört, sieht oder riecht, muß es anzeigen in den ersten vierundzwanzig Stunden, sonst ist er so schuldig und strafbar, wie der Maleficant selber und kommt auf Lebenszeit wohin, wo er scheinen sieht keine Sonn’ und keinen Mond. Peter, bedenkt. Hier steh’ ich, wenn es noch dauert eine Minut’ und ich hab’ nicht zwei Napoleon, dann kost’s drei; und dauert es dann noch eine Minut’, dann geh’ ich und schell’ den gestrengen Amtmann aus seinem Bett, nicht wegen Roulettespiel, aber wegen Hochverrath, und es dauert keine halbe Stund’, dann kommen die Landjäger zu reiten mit den Ketten, und Du und der Schuster-Jacob –“

Peter ließ ihn nicht ausreden. Das Ende vom Liede war, daß Fays zwei Napoleon erhielt und Schweigen versprach. Er drückte zum Abschied Petern die Hand mit dem Bemerken: „Ihr werdet mich kennen lernen als einen Mann von Wort, als einen Mann von Wahrheit und Ehre; wenn Ihr habt nöthig Beistand und Hülf, kommt zum Fays.“

Und es ist richtig; was er über die bestehenden Gesetze gesagt hatte, das war wahr. Als das Ziegenherzchen heimlich wie ein Schatten in der Allee verschwunden war, wischte Peter seine Hand, die ihm Fays gedrückt, im nassen Gras neben dem Wege ab. Sie kam ihm vor wie schmutzig. Die vierunddreißig Napoleon brannten ihm in der Tasche, wie höllisches Feuer, und auf der Zunge glitt ihm ein Fluch hin von der hier landesüblichen Länge. Er fing an mit: „Himmel-Kreuz-Element-Millionen-Donnerwetter-Schockschwerenoth, krieg’ die Kränk’, Du miserabeliger –“ etc., und als er zu Ende war, war Peter zu Haus. Er hatte vierunddreißig Goldstücke, aber einen Mitwisser, einen Rathgeber, einen Beherrscher. Das lag ihm schwer auf dem Herzen.


Ein Mann, der gespielt und gewonnen, ist wie ein Löwe, der Blut geleckt hat: er kommt wieder. Denn es schmeckt nach Fortsetzung. Jeden Sommer lassen die Spieldirectoren von bezahlten Federn große Gewinne in die Welt posaunen. Da heißt es: In Homburg vor der Höhe hat der große Spieler Don Manuele Garcia die Bank gesprengt und eine halbe Million gewonnen; in Wiesbaden hat der walachische Fürst Mekadiamantopetrovicz oder der Grieche Anakaladiapopulos das Gleiche gethan und eine Million Franken davongetragen. Es ist gerade, als wenn alle Spielbanken der Welt Bankerott machen müßten. Wenn aber im Herbst die Herren Spieldirectoren den Actionären auf der Generalversammlung Rechnung ablegen, dann weist der „Baron Wellens“ in Wiesbaden eine Spieleinnahme von anderthalb Million Gulden nach und vertheilt einige dreißig Procent Dividende. Wie stimmt das zusammen? Die Einnahme und Dividende sind jedenfalls Wahrheit, und die Nachrichten über die Verluste sind theils übertrieben, theils ganz erfunden, um Gimpel in das Netz zu locken. Wenn aber einmal ein Spieler wirklich einen großen Gewinn gemacht hat, dann streicht der „Spielbaron“ lächelnd seinen Bart und sagt: „Das ist blos geliehen.“ Und richtig, der Spieler kommt wieder, er verliert seinen Gewinn und wird daneben noch ausgeplündert bis auf’s Hemd. Der vielgenannte Spanier, der in Baden, Wiesbaden, Homburg, Nauheim etc. die Millionen gewonnen hat, endete damit, daß ihn das Schicksal nackt und bloß an den Strand von Paris warf, wo ihn die Polizei in einer geheimen Spielhölle beim Betrug ertappte und durch Vermittelung des Gerichts auf die Galeeren schickte. Die Spieler kommen von den Galeeren, oder sie gehen dahin – und das Alles unter der schützenden Aegide deutscher Landesväterlichkeit!


Auch Peter kam wieder, wobei ihm sein Freund Fays, als „Mann von Wort und Ehre“, behülflich war. Fays hatte, nachdem er die zwei Napoleon bekommen, Wort gehalten. Er hatte Petern weder wegen Hochverraths, noch wegen strafbaren Hazardspiels denuncirt, er hatte ihm vielmehr seinen Beistand und seine Hülfe angedeihen lassen, freilich in seiner Art. Zunächst hatte Peter seiner Frau etwas vorgeschwindelt in Betreff der Einnahmequelle, woraus das Geld geflossen. Den größern Theil hatte er zu wirthschaftlichen Zwecken verwandt, den Rest aber u. A. dazu, sich städtische Kleidung anzuschaffen, womit er seinem eigenen Hochmuth schmeichelte, die bäuerlichen Landsleute gegen sich erbitterte und, was das Schlimmste war, sich die courfähige Tracht zum Spielsaal erwarb.

Sein zu Tag getragener Wohlstand, dessen Ursache man im Dorfe nicht kannte, weckte den Neid. Man raunte sich zu, das sei nicht just, wer wüßte, wem der sich verschrieben; der habe gewiß ein Hanselmännchen, oder eine „Spirifilaris“ (spiritus familiaris). Darüber gab’s Zank, Streit, blutige Köpfe, Untersuchung, Strafe, Kosten, Amtsgeläufe, Sporteln, Anwaltstaxen und – immer größere Abhängigkeit von dem „Manne von Wort und Ehre“, immer häufigere Rückkehr zum Spiel. Aber das Glück hatte sich gewandt. Die Alten malen es als ein reizendes Weib, das auf der Stirn schöne volle Locken trägt und auf dem Hinterhaupt eine Glatze. Für unsern armen Peter existirten die Locken nicht mehr, nur noch die Glatze.

Nachdem er ansehnliche Summen verloren, kam er auf die Idee, das Terrain in Schwalbach sei ihm nicht mehr günstig. Denn alle Spieler sind abergläubisch. Statt von Wombach aus gen Norden, nach Schwalbach zu pilgern, zog er gen Süden, nach Schlangenbad, wo damals auch eine Spielbank war. Als es dort auch schlecht ging, zog er nach Wiesbaden und dann nach Homburg vor der Höhe und darauf nach Wilhelmsthal, Nauheim und wie alle diese Spielbäder heißen, die sich unweit des Rheins gruppiren als Ueberreste aus jener Zeit, da man diesen Strom die „große Pfaffengasse“ nannte und sich Erzbischof und Bischof, Prior und Abt, Domherr und Generalvicar, Weihbischof und Ordinariatsrath, Canonicus und Aebtissin, Deutschordensherr und Stiftsdame und der sonstige hohe und niedere Adel aus den zahlreichen und üppigen Manns- und Frauenklöstern der Umgegend in diesen Bädern tummelten.

Peter entfremdete sich immer mehr der treuen Mutter Erde, welche dem Bauer ein schweres, aber sicheres Stück Brod bietet. Er wurde ein Spiel-Nomade. Habe ich nöthig, ausführlich zu erzählen, wie er von Stufe zu Stufe seines Wohlstands berabstieg; wie er dies und jenes verkaufte, um seiner Frau die wirkliche Lage zu verheimlichen; wie er in den Schuldthurm wandern mußte und in Concurs gerieth, und wie sein Weib endlich vor Gram sich hinlegte und starb?

Unermüdlich wanderte Peter von einem Spielbad zum andern, ein moderner Ahasver. Sein Haar wurde vor der Zeit grau und fiel dann aus. Seine Rettung erblickte er endlich in einem Franzosen, der zu der Zunft der professeurs de jeux gehörte und auf wissenschaftlich-praktischem Wege das unfehlbare Mittel entdeckt hatte, eine jede Bank zu sprengen. Das gab einen Wendepunkt in Peter’s Schicksal. Er wurde nämlich von nun an [716] nicht blos von der Spielbank geplündert, sondern auch von dem Spiel-Professor. Desto schneller ging es mit ihm den Berg hinunter, und wie einst der Stelzfuß und der rothe Säuschnitter sich von dem Vetter Anton zurückgezogen, so zog sich nun das „Ziegen-Herzchen“ von Peter zurück. Haus und Hof waren ihm verkauft, und die unbarmherzigen Gläubiger hatten ihm nichts gelassen, als einen Büchsenranzen und den Bettelstab. Den nahm er und zog in das Land. Die landwirthschaftlichen Arbeiten hatte er verlernt. Dazu fehlten ihm jene Ausdauer und Andacht, die der Bauer nöthig hat, der Herr wie der Knecht. Er hatte kein Obdach mehr. Er wurde ein Stromer.

In der Umgebung der Badeorte, wo er sich ruinirt hat, sieht man ihn bis auf den heutigen Tag umherstreichen, bekannt unter dem Namen der „Ranzen-Peter“. „Aber wovon lebt er denn?“ fragt der Leser. Je nun, wovon leben die „verfehlten Existenzen“? Von Allem, nur nicht von der Arbeit. Das Unglück, sogar das selbstverschuldete, giebt eine Art Nimbus. Peter war durch sein Spiel, durch seine Finanzen, durch seine Streitigkeiten, seine Processe, seinen Concurs mit allen möglichen Menschen und Behörden in Berührung gekommen. Er hatte allerlei erfahren und gelernt, was sonst dem Bauern fremd bleibt. Er, der sich selbst nicht zu helfen gewußt hatte, verlegte sich nun darauf, Andern zu rathen. Wenn ein Bauer in Nöthen war, wenn er sich in Finanznoth oder Gewissensangst befand, wenn ihm Strafe drohte, oder er einen Proceß hatte, dann fragte er heimlich den Ranzen-Peter. Denn der war in den nämlichen Schuhen krank gewesen und mußte es wissen. Die Sachen, worin Peter rieth, waren meistens mißlicher und verdächtiger Natur. Einige Meineidscomplote, darauf gerichtet, durch falsches Zeugniß bei Gericht Processe zu gewinnen, waren kürzlich zur Aburtheilung gekommen. In den Verhandlungen figurirte auch Peter, jedoch nicht als Angeklagter. –

Während ich Ihnen diesen seinen wahrhaftigen Lebenslauf erzähle, hat Peter seine Unterredung mit den zwei Bauern beendigt. Jeder derselben legt ihm ein Sechskreuzerstück auf den Tisch und geht. Peter bleibt in tiefes Sinnen versenkt sitzen. Auch wir verlassen den Wirthsgarten. Auf der Chaussee begegnet uns ein elegantes Fuhrwerk. Eine geputzte schöne Frau und ein schwarzes häßliches Männlein, letzteres wo möglich noch mehr geputzt, sitzen darin. Wer ist es? Die Prima-Donna vom Theater und das vormalige Ziegen-Herzchen, jetzt Herr Häuserbesitzer und Rentier Fays in Wiesbaden. Sie fahren nach der Fasanerie, einem Vergnügungsort in der Nähe von Wiesbaden.


  1. S. Nr. 3, 1864.




Anmerkung des WS-Bearbeiters:

Von Bernhard Frank erschien bereits in Heft 3 ein Beitrag zu diesem Thema unter dem Titel Die Spielhöllen in Wiesbaden