Die Sichtbarkeit der Töne und die Abbildung des Gesanges

Textdaten
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Autor: Bw
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Titel: Die Sichtbarkeit der Töne und die Abbildung des Gesanges
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 0 b
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
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[0 b] Die Sichtbarkeit der Töne und die Abbildung des Gesanges. Es ist seit langer Zeit bekannt, daß dieselben Wellenbewegungen der Luft, welche in akustischer Hinsicht die Klangwirkungen der Sprache und Musik hervorbringen, auch optisch dargestellt und zu sichtbarer Erscheinung gebracht werden können. Fast jedes teilweise gefüllte Weinglas zeigt, wenn man es am Rande mit dem benetzten Finger streicht, auf der Oberfläche der darin enthaltenen Flüssigkeit gewisse scharf begrenzte Figuren, während gleichzeitig ein bestimmter musikalischer Ton hörbar wird und mitunter zu beträchtlicher Stärke anschwillt. Ton und Bild hängen scheinbar von der Menge der im Glase befindlichen Flüssigkeit, in Wirklichkeit jedoch von der Höhe der darüber im Glase stehenden Luftsäule ab, durch deren Schwingungen sowohl die eine wie die andere Erscheinung entsteht. So wie hier giebt es noch viele andere Fälle, in denen, wenn nicht Töne, so doch Luftschwingungen durch die regelmäßige Gestalt, die sie gewissen flüssigen oder festen Körpern erteilen, sichtbar gemacht werden können, und Luftwellen und Töne sind ja in vielen Fällen eins. Um diese Erscheinung der Wissenschaft nutzbar zu machen, hat der Amerikaner H. Curtis einen Apparat erfunden, dem er die Bezeichnung Tonograph beilegte und dessen Bestimmung es ist, gesungene Töne unmittelbar aufzuzeichnen. Die betreffenden Noten werden in die eine Oeffnung eines knieförmigen Rohres, dessen andere und weitere Oeffnung nach oben gerichtet ist, unmittelbar hineingesungen und erzeugen auf einem dünnen, die obere Oeffnung des Tonographen überspannenden Häutchen die entsprechende Tonfigur. Um diesen Vorgang zu verstehen, muß man sich an die sogenannten Chladnischen Tonfiguren erinnern, die durch das Streichen eines Violinbogens am Rande einer dünnen mit feinem Sand bestreuten Platte entstehen. Die Figuren des Tonographen werden von den Luftschwingungen, welche der gesungene Ton im Rohre erzeugt und welche das Häutchen in Mitschwingung versetzen, hervorgebracht. Es ist nur nötig, auf das Häutchen eine geringe Menge eines feinen Pulvers zu schütten, welches aus getrocknetem Kochsalz und feinkörnigem Schmirgel gemischt ist. Durch die Schwingungen der Platte wird das Pulver zu einer regelmäßigen geometrischen Figur geordnet, welche genau der Tonhöhe entspricht und nach dem Verwischen in genau derselben Form und Größe wieder erscheint, so oft die gleiche Note mit derselben Reinheit wieder in das Rohr gesungen wird. Abgesehen davon, daß jeder reine Ton der Oktave ein seiner Schwingungszahl entsprechendes charakteristisches Bild ergiebt, zeigen die Tonbilder für ein geübtes Auge auch sofort an, welcher Oktave die gesungene Note angehört. Das Bild eines dreigestrichenen C ist dem eines zwei- oder eingestrichenen wohl in seinen Grundzügen ähnlich, aber entsprechend der weit höheren Schwingungszahl viel komplizierter. Indem man die Curtisschen Tonbilder mit weißfarbigem Pulver auf dem Hintergrund einer roten Membrane hervorbrachte, ließen sie sich sehr gut photographieren, und eine Sammlung solcher Tonphotographien ergiebt ein sehr anschauliches Bild des Unterschiedes zwischen den Noten verschiedener Schwingungszahl, sowie den Tönen, welche einerseits von dem geübten Organ einer Sängerin oder eines Musikers und anderseits eines Anfängers hervorgebracht werden.

Ob sie aber auch, wie der Erfinder des Tonographen hofft, geradezu als Unterrichts- und Anschauungsmittel für angehende Sänger und Sängerinnen zu gebrauchen sein werden, muß dahingestellt bleiben. Jedenfalls wird es interessant sein, in Zukunft die Tonfülle, den Umfang und die Reinheit der Stimme bedeutender Sänger mit Hilfe des Tonographen aufzeichnen und mit photographischer Treue festhalten zu können. Vielleicht erleben wir es noch, daß mit der Photographie und den Zeugnissen einer angehenden Sängerin künftig auch das photographische Album ihrer Stimmmittel als Vorbedingung eines Engagements gewünscht wird.
Bw.