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Die Sagen vom Schlosse Mutzschen bei Grimma

Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Die Sagen vom Schlosse Mutzschen bei Grimma
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 343-346
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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[343]
397) Die Sagen vom Schlosse Mutzschen bei Grimma.
J. Praetorius, der abentheuerliche Glücks-Topf. o. O. 1669. 8. S. 63 sq.

Im Jahre 1659 hat auf dem zwischen Grimma und Hubertusburg gelegenen Schlosse Mutzschen eine Köchin, Namens Magdalena gedient. Zu der ist das Schloßgespenst gekommen und hat sie geplagt, sie solle mit ihm in den Keller gehen und drei Ellen tief graben, da werde sie einen großen [344] Schatz heben, der ihr beschert sei und niemand Anderem, davon solle sie die eine Hälfte den Armen geben, die andere aber behalten. Ob ihr nun gleich Viele zugeredet haben, dem Gebote Folge zu leisten, haben ihr doch die Geistlichen abgerathen, zumal weil der Betrüger niemals hat antworten wollen, wenn sie zu ihm gesagt haben: „alle guten Geister loben Gott den Herrn,“ sondern allezeit stillgeschwiegen hat. Auch hat er keine gewürgten Tauben annehmen wollen, denn man hat hier den Aberglauben, daß man einer Taube den Kopf abreißen und an den Ort der Erscheinung hinwerfen solle. Es hatte nämlich das Gespenst immer dazu gesagt, es wäre der Schatz mit unschuldig vergossenem Blute dahin gelegt worden, müsse also auch auf diese Weise wieder gehoben werden. Darum haben die Priester gemeint, der böse Feind wolle der dorthin gelockten Magd ohne Zweifel den Hals umdrehen. Sie hat es also abgeschlagen, gleichwohl aber vor dem Gespenste keine Ruhe gehabt.

Einst kam das Gespenst wieder zu ihr in die Küche, hatte einen weißen Trauerschleier um und fing mit ihr an zu sprechen; während es nun ein Bein über das andere geschlagen hatte, da sah die Magd, daß ihm ein Pferdefuß unter dem Kittel herausscheine, worauf es verschwand. Man glaubte aber, hier habe vor Zeiten ein Edelmann seine Schwester mit einem Bund Schlüssel todt geworfen. Dieses war das Gespenst; es kam bei Tag und Nacht, Niemand war vor ihm sicher, warf mit Steinen, schien zu zielen, traf aber Niemand. Zuweilen lief es aus einer Stube in die andere, rasselte mit Ketten, nahm auch zuweilen in dem obern Gestock den Verwaltern das Essen vom Tische und ging damit zur Thüre hinaus, wenn aber die hungrigen Leute es baten, ihnen ihre Speisen wiederzugeben, brachte es das Essen wieder unversehrt herein. Gesehen ward es zwar von Niemandem als der Magd, allein gleichwohl wollte zuletzt Niemand mehr im Schlosse bleiben. Endlich kam ein Beschwörer, der es auf acht Jahre wegbannte, auf länger aber gelang es ihm nicht. Einstmals ging ein Pfarrer mit Andern hinauf um es zu [345] sehen, da sahe er, wie sich das Gespenst über ein ganzes Dach ausbreitete. Darüber fiel er in Ohnmacht, und wäre ihm nicht Jemand zu Hilfe gekommen, so hätte er wohl seinen Geist aufgeben müssen.

Einst kam ein witziger Pfarrer in das Städtchen Mutzschen und fragte, ob es denn wahr sei, daß es auf dem Schlosse so umgehe, wie man sage. „Freilich,“ ward ihm geantwortet, „gehet selbst hinauf, wenn Ihr es nicht glauben wollt.“ Er geht also allein hinauf und lockt das Gespenst mit Aeußerungen, als: „bist Du denn da? komm her, laß Dich sehen!“ etc. Allein das Gespenst erschien nicht, sein Muthwille blieb unvergolten und er ging also wieder hinab und sagte, er sehe wohl, daß Alles Lüge sei, was man ihm so oft schon zu Ohren gebracht, er könne gar nichts erblicken. Da antwortet man ihm: „die Sache ist leider nur allzu gewiß, habt Ihr ein muthig Herz, so verziehet nur ein wenig, es ist bald halb Eilf; demnach gehet noch einmal hin, Ihr werdet schon zur Genüge von dem Geiste bekommen!“ Der Pfarrherr wagt’s auch, ruft abermals wie zuvor, und wie er nochmals meint, er sei umsonst gegangen, da sieht er von ungefähr vor sich hinauf und wird gewahr, daß über den Balken ein ungeheurer Geist[1] mit einem häßlichen Elephantenrüssel liegt und auf ihn los zielt. Darüber ist er so erschrocken, daß er die Treppe herabstürzte und für todt aufgehoben ward.

Der adelige Besitzer des Schlosses besaß nun aber neben [346] dem Schlosse noch eine andere Wohnung. Da träumt ihm eines Nachts, als habe er einen Schatz in derselben Stube. Er läßt also einen Ruthengänger mit einer Wünschelruthe kommen. Diese schlägt nun an einem gewissen Orte ein, und hier läßt man durch die Mauer in einen Pfeiler, der hohl war, einbrechen. In diesen begab sich der Schatzgräber und nahm seine Arbeit vor. Er sprach aber kein Wort, sondern schrieb darin bei Licht immer einen Zettel nach dem andern und langte ihn heraus, wenn er ein Werkzeug, als Hacke etc. von Nöthen hatte. Man glaubte nun, er möge jetzt wohl tief genug gekommen sein, aber gefunden hat sich nichts. Unter der ausgeschöpften Erde befanden sich aber viele Menschengebeine, welche, wenn man sie anrührte, zerfielen. Man sah auch Kleidungsstücke darunter, an denen noch Gold war, so man sie aber antastete, zerfielen sie wie Mehlstaub.

Uebrigens erzählt man, daß das ganze Schloß auf lauter Diamanten stehe, eben so wie der andere Sitz des damaligen adligen Besitzers (Mitte des 17. Jahrhunderts). Man hat auch nicht eher aufgehört, darnach zu graben, bis einmal die ganze Mauer sammt mehreren Pferden in den Graben herabstürzte. Diese Diamanten sind theils weiß, theils bräunlich und besser als die böhmischen, haben 6 Ecken und stecken in Feldsteinen, die inwendig hohl sind. Sonst soll aus dem Berge jährlich gegen die Osterzeit ganz weißer Thon herausfließen, aus dem die Kinder sich Scheibkeilchen machten, und hat man im Volke angenommen, daß dieser die Materie zu den Demanten ist.


  1. Nach der Volkssage wäre dieser der Geist jenes frühern Besitzers, eines Generals, den August der Starke wegen Unterschleifen hinrichten ließ und der, ehe er nach Dresden ging um sich seinem Richter zu stellen, erst seine großen Schätze mit einem Maurer, den er aber nach vollbrachter Arbeit selbst ermordete, irgendwo vermauert haben soll. Dieses Gespenst hat sich übrigens noch bis in dieses Jahrhundert sehen lassen. Die Familie Lüttichau, der das Schloß gehörte, zog deshalb sonst auch nur wenige Wochen im Jahre hin und die Gattin eines der letzten Besitzer, die kurz vor ihrem Ende daselbst einige Wochen wohnte, hat es durch Rufen und Thürwerfen so geängstigt, daß sie bald darauf starb. Auch die in der Dienerstube sitzende Kammerfrau ward mehrmals bei ihrem Namen zu ihrem Herrn gerufen, wie sie mir selbst erzählte, ohne daß Letzterer es gethan hatte.