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Autor: Anton Birlinger
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Titel: Die Sagen vom Mummel- und Hutzenbachersee
Untertitel:
aus: Schwarzwaldsagen, in: Alemannia, Band II, S. 151–159
Herausgeber: Anton Birlinger
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Adolph Marcus
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Erscheinungsort: Bonn
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Quelle: Google-USA*, Commons
Kurzbeschreibung:
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[151]
4 Die Sagen vom Mummel- und Hutzenbachersee[1].

1 Ein Markgraf von Baden, der mit Geistlichen und Hofleuten den See in Augenschein nahm, schose geweihte Kugeln [152] hinein und versenkte heilige Sachen. Plözlich sprang ein fürchterliches Ungeheuer aus dem Wasser, jagte die Verwegenen in die Flucht und 7 Tage lang war stürmisches Wetter. Klübers Beschreibung von Baden II Teil (1810) S. 191. Bader, Schnezler. Der gelehrte Jesuit Athanasius Kircher behauptete im 2. Teile seines „Mundi subterranei“ (Edit. Antwerp. 1678 fol.), dass er aus eigener Erfahrung vom Jahre 1666 versichern könne, dass das Steinwerfen in den Pilatus- und Mummelsee Sturm und Gefahr bringe. Dagegen meldet der Badener Jesuit Bernhard Dyhlin in seinem discursu de thermis Badensibus (Rast. 1728. 8.) in dem appendice de famoso Lacu Mummelsee p. 65, er habe so etwas nicht bemerkt, als er 1727 nicht nur mehrere Steine in den See geworfen, sondern auch mehrmal mit der Flinte hineingeschossen habe.

2 Ein seltsam gestalteter Bewohner des Sees, in Rattenpelz gekleidet, holte einst eine Hebamme aus Kappel, seiner Gattin bei der Niederkunft beizustehen. Mit einer Birken-Ruthe schlug er in den See. Sogleich theilte sich das Wasser, und beide stiegen, auf einer alabasternen Wendeltreppe in den Abgrund zu einem vergoldeten Prachtzimmer, in welchem ein aus Karfunkel zusammengesezter Thron aufgeschlagen war. Hier hatte die Wehmutter ihr Geschäft zu verrichten. Derselbe rätselhafte Mann führte sie, auf derselben Treppe, wieder zu der Oberwelt. Hier angekommen, gab er der Geburtshelferin als Belohnung einen Strohbündel. Voll der herzlichsten Freude, dass sie das Abenteuer glücklich bestanden, weigerte sie sich bescheiden, das Geschenk anzunehmen. Verschone mich, sagte sie, es ist gern geschehen; auch fehlt es mir zu Hause nicht an Stroh. Durch vieles Nötigen gelang es endlich dem Ratten-Pelzmann, dass sie das vermeintliche Stroh-Geschenk annahm. Doch kaum hatte er, im Zephyrschritt, sich entfernt, so warf sie den Strohbündel weg. Nach Hause gekommen, bemerkte sie, dass ein Strohhalm, der unversehens an ihr war hängen gebliben, sich in das reinste Gold verwandelt hatte. Nicht wenig grämte sich nun das arme Weib, dass sie das rätselhafte Geschenk so gering geachtet hatte.

3 Einst hauseten wundersame Seefräulein in dem dunkeln Wasser dieses Bergsees. Eine dieser Nixen bezauberte einen schönen Hirtenknaben, der ihr unvermutet in dem Gebüsch begegnet war. Oft fanden sich beide liebäugelnd zusammen an der kühlen, einsamen Quelle einer Bergschlucht. Sie lehrte den Knaben wundersame Lieder, während seine nervigen Arme um ihren weissen Nacken spilten. Stunden vergiengen im traulichen Gespräch wie Minuten. »Dringe nicht zu dem See, strebe nicht dahin, wie lang ich mich auch dir entziehen möge«, – diess war die Warnung, die sie jedesmal dem Knaben zuflüsterte, wenn sie, von dem Abendstern erglänzend, aus seinen Armen sich losriss. Mehrere [153] Tage schon hatte, gequält von der Liebe Pein, der Jüngling vergebens geharrt. In dem Rausch der Liebe eilt er ungeduldig und sehnsuchtvoll zu dem See. Plözlich dringt aus dem Schoose des Sees, wie aus beklemmter Brust, dumpfes Aechzen zu seinem Ohr, und blutrot färbt sich der See, mit den breiten Blättern der Nymphea bedeckt. Zittern und Beben überfällt die Glieder des lüsternen Knaben, er eilt in seine Hütte, und – stirbt auf diesen Sündenfall.

4 Manche nützliche Hülfe wiederfuhr von den See-Nymphen, selbst unbekannterweise, den Dorfnachbarn. Während diese der nächtlichen Ruhe pflagten, arbeiteten für sie insgeheim die Wasserjungfrauen. Oft, wenn jene erwachten, war die für den kommenden Tag bestimmte Arbeit schon gethan – von den Unbekannten. Sogar Haus- und Küchengeschirr waren gereinigt, das Brot gebacken, nur die Betten nicht gemacht. Dass ihre Tugend und Betriebsamkeit auf die Probe gestellt sey, ahneten die Kurzsichtigen nicht; auch bestanden sie in der Probe so wenig, als der schöne Hirtenknabe. Trägheit und Wolleben, Unzucht und Schwelgerei waren die Klippen, an denen ihre Tugend scheiterte. Mit Abscheu flohen die vestalischen See-Jungfern diese Werkstatt der Sünde, wo nun die Gefallenen, ihrer Hülfe beraubt, der Arbeit entwöhnt, in dem Joche des Lasters dreifach büsseten.

Gross war die Zahl dieser Nymphen, die, in grauer Vorzeit, in und unter dem See ihren Wohnsitz hatten. Sie stunden unter der Aufsicht eines sehr alten Mannes, mit einem Karfunkel-Gesicht, und mit langem, schneeweissem Bart. Ein Theil derselben pflegte bei Nacht im Murgtal die Waldung auszustecken und anzubauen. Andere mischten sich in die Tanzgesellschaften der Dorf-Bewohner, liehen diesen Geld, Getreide und andere Lebensmittel. Noch andere widmeten sich dem menschenfreundlichen Geschäft, die Reisenden in den Einöden des Schwarzwaldes zu geleiten, und die Verirrten zurechtzuweisen. Einige von diesen bieten sich einst etlichen schönen Jünglingen, die dort wanderten, zu Führerinnen an. Man verspätet sich, die Schönen bitten, unter allerlei Versprechungen, die rotbackigen Fremdlinge, mit ihnen nach dem See zu wandern, und da zu übernachten. Die Jünglinge weigern sich. »Auf ewig seyd ihr verloren: wofern ihr unsere Bitte verschmäht!« sprechen drohend die Seejungfern. Die Zudringlichkeit siegt über das Mistrauen der geschämigen Jünglinge. Sie folgen.

Kaum an das Schilfgestade des Sees gekommen, werden Alle von dem Gebirg verschlungen. Wie auf einen Zauberschlag fallen sie in den Abgrund, unter dem See. Da stehen sie mitten in einem sehr grossen schwarzen Saal, der mit vielen grossen Spiegeln und einer zahllosen Menge Perlen und Diamanten ausgeschmückt, und von Millionen Lampen erleuchtet ist. Ein Greis, der Wassergott, sizt da unter einem goldenen Thronhimmel auf [154] dem Richterstul, einen schwarzen Stab in der Hand. Hundert schwarze Kobolde und eben so viel Delphine ligen zu seinen Füssen, und Tausende von Nymphen, in weissem Gewand, hüpfen um ihn, während unzälige silberne Glöckchen an der Decke des Saals in regelmässiger Bewegung harmonisch erklingen. Man hält Gericht über die Verwegenen. Die Verführerinnen werden zum Tode verurteilt.

Die Jünglinge, hingerissen von Mitleid, werfen sich auf die Kniee, und flehen um Gnade für die Schönen. Ihre Fürbitte wird erhört von dem grauen Alten. »Was Euch betrifft – sagt er zu den unbärtigen Gesellen – so sey der Leichtsinn diessmal eurer Unerfahrenheit verziehen; es sey euch vergönnt, auf die Oberwelt zurückzukehren, aber hütet euch, je einen Stein in den See zu werfen, augenblicklich wird sonst die Rache des Himmels fürchterlich über euch kommen. Hier sind drei Steine, bewahrt sie zum Andenken an diesen unterirdischen Ort, wie der Rache also der Gnade. Merket: so wie ein Fels von einem dieser Steine berührt wird, quillt heisses Wasser aus solchem hervor.« –

Kaum hatten die leichtsinnigen Jünglinge auf der Oberwelt von dem glücklich bestandenen Abenteuer sich erholt, als Vorwitz und Neugier sie verleitet, einen Stein in den See zu werfen. Plözlich erhebt sich Sturm und Ungewitter, so schrecklich, dass sie jeden Augenblick fürchten, der Abgrund werde sich abermal auftun, und sie auf ewig verschlingen. Von der fürchterlichsten Todesangst gequält, eingedenk der warnenden Drohung des Wassergottes, rennen sie, ohne Rast, verfolgt von dem Ungewitter, über Berg, Wald und Thal eiligst davon, bis sie, halbtot vor Angst und Ermattung, an dem Berg der heutigen Stadt Baden niedersinken, und von dem Schlaf überwältigt werden.

Während sie da sinnlos ruhen, fällt einer von den drei Steinen aus der Reisetasche auf den Platz, wo jezt die Hauptquelle (der sogenannte Ursprung) fliesst. Alsbald öffnet sich der schwarze Fels, und es strömt siedheisses Wasser armdick hervor. Der Stein rollt weiter noch den Berghang hinab, und es sprudeln allenthalben wo er den Felsen berührt, heisse Quellen heraus. Diess der Ursprung der warmen Heilquellen von Baden!

Kohlbrenner, die aus dem nahen Wald das seltsame Ereigniss bemerkt hatten, fallen über die rätselhaften Fremdlinge her, und drohen sie als vermeinte Zauberer zu morden. Schon schweben die Keulen über ihren Häuptern, als der Angstruf, sie anzuhören, noch erhört wird. Bebend stammeln sie, was mit ihnen vorgegangen, welches Abenteuer sie bestanden, wie Todesangst sie auf diesen Hügel getrieben habe. Als Pfand der Wahrheit, bieten sie den Köhlern die noch übrigen zwei Wundersteine. Das steinerne Sühnopfer wird angenommen.

Der eine Köhler begibt sich in das heutige Huber Bad, und bringt da mit seinem Stein das warme Badwasser zum Ausfluss; [155] der andere bewirkt mit dem seinigen dasselbe zu Badenweiler. Doch, was noch wundersamer ist, die Erlösung der Nymphen in und um den Mummelsee, scheint auf der Lösung dieser warmen Wasser beruht zu haben; denn seitdem diese Quellen fliessen, sind jene Nymphen verschwunden, bis auf die lezte Spur![2]

5 Es sollen auch Seefräulein drin hausen, die man nicht nur allda wahrgenommen haben will, sondern die – wie man erzählt – sogar zu den benachbarten Hütten- und Dorfbewohnern auf Besuch zu kommen pflegen.

Das Lexikon von Schwaben erzählt: »Den 21. Juli 1756 ist aus einem kleinen Wölkchen, das in der Grösse eines runden Huts aus diesem See aufstieg, sich aber nach und nach vermehrte, eines der entsetzlichsten Gewitter entstanden, welches in einem Bezirk von acht Stunden alles verderbt hat. Die nahe wohnenden Seebacher haben schon öfters die Tiefe des See’s mit Seilen zu messen versucht, aber keinen Grund gefunden. Die Tiefe des Wassers lässt sich daraus schliessen: Wenn Steine von grossem Gewicht hineingewälzt werden, so entsteht nach einer halben Minute eine Blähung des Wassers mit einem Getöse, welches dem siedenden Wasser gleicht. Dasselbe wirft sich an dem Ort, wo der Stein gesunken, einen Fuss hoch auf, und braust wie siedendes Wasser. Dieses dauert vier bis fünf Minuten lang. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, von 1730 bis 1738, machte man einen Versuch, den See aufzuschwellen, um hinlängliches Wasser zu erhalten, um Holz durch das Thal zu flössen. Kaum war der Damm fertig, so zernichtete die Gewalt des drückenden Wassers alle Werke; das ganze Thal mit allen am Wasser stehenden Gebäuden und Feldern wurde verwüstet; Kappel, Ober- und Nieder-Sachern, mit andern an der Acher liegenden Orten und Feldern, wurden verheert, und ein unbeschreiblicher Schaden angerichtet.«

Wenn ich nun auf meiner Homann’schen Karte die Gegend aufsuchte, und mitten auf dem wilden, unbewohnt scheinenden Gebirg den Lacus mirabilis antraf, so wünschte ich wohl seiner Zeit diesen unheimlichen Ort zu besuchen, glaubte aber nicht, dass mir diess je werden würde. Nun war er erreicht der Jugendwunsch, wie so manches im Verlauf des Lebens erlangt wird, nach was man ernstlich strebt, und wohl im Ganzen mehr, als man zu hoffen gewagt. Aber wie ganz anders war die wirkliche Anschauung als das selbstgemachte Bild?

Der Mummelsee ist auf drei Seiten vom Waldgebirg umschlossen und ligt, so zu sagen, am Hals des Katzenkopfs. Wäre er nicht ganz von Gehölz umgeben, so würde man von seinem Erdwall aus gegen Südwest durch den Ausschnitt des Gebirgs in die [156] Ferne gegen die Niederung des Rheinthals sehen können. Er mag ungefähr 3000 Fuss über der Meeresfläche liegen. Ob seine Tiefe je gemessen worden, kann ich nicht angeben. Wie sich im festen Gebirg ein Trichter senkrecht hinab in’s Unendliche ziehen soll, ist nicht wohl zu begreiffen. Der Blautopf bei Blaubeuren, der gerade so in der Ecke des Gebirges, nur aber im Thal ligt, galt Jahrhunderte lang ebenfalls für unergründlich. Die Leute trugen sich mit der Sage, man habe einst ein Seil, dreimal um das Städtchen langend, mit einem grossen Stein beschwert in den Kessel hinabgelassen, und keinen Grund gefunden. Zwei Messungen, die lezte von 1783, ergaben eine Tiefe von – 63 Fuss.

6 Der freundliche Pfarrherr in Simmersfeld hatte uns gestern von seiner im Jahr 1823 in diese Gegend gemachten Reise Folgendes erzählt. In der Leinmiss, einer über der Zwickgabel ligenden Häusergruppe, habe er den 81jährigen Jakob Schmieder, der bei fünfzig Jahren mit seinem nicht viel jüngern Eheweib in dieser Waldeinsamkeit hause, besucht und durch Wein gesprächig gemacht, wo dann derselbe manches Mährchenhafte, mit was sich die Leute zu unterhalten pflegten, vorgebracht. Unter Anderm: Der wilde See sey unergründlich – (er ligt zwei Stunden südöstlich vom Mummelsee, ist die Quelle der Schönmünzach, und bei der von einem Herzog befohlenen Messung 60 Fuss tief erfunden worden;) – ob sich Seeweiblein (Mümmelchen) drin aufhalten, wisse er nicht. Dass nach Röthenberg, seinem Geburtsort, vordem zwei Erdmännlein gekommen, habe ihm sein Vater hundertmal erzählt. – Bei dergleichen Sagen bleibt immer problematisch, wann das Ereigniss denn eigentlich sich zugetragen; die Alten erzählen es den Jungen, als wäre es noch bei ihrem Denken gewesen, ob sie es gleich auch nur aus der Erzählung ihrer Aeltern etc. haben; so bleibt eine Geschichte leicht ein Jahrtausend frisch. –

Sie haben sich stets als wolthätige Geister erzeigt, den Bauern ihr Vieh gefüttert (versteht sich mit keinem gewöhnlichen Futter) und es immer reinlich und glänzend erhalten, so dass den Leuten nichts zu thun übrig geblieben, als es zu tränken. Mitunter, wiewol selten, habe Jemand die hülfreichen Wesen erblickt. Ihr Essen musste man an einen bestimmten Ort hinstellen; diess verzehrten sie und entfernten sich wieder. Sobald man es ihnen nicht recht gegeben, oder Etwas davon genommen, oder sich in ihr Geschäft gelegt habe, seien sie ausgebliben.

7 »In Hutzenbach im Murgthal« – habe der Alte erzählend fortgefahren, und bei solchen einsam wohnenden Leuten hat die mährchenhafte Ueberlieferung schon darum mit der wahren Geschichte gleiches Recht, weil sie poetisch schön und ihrer Einbildungskraft als Stellvertreter der Lektüre nothwendig ist – »in Hutzenbach hat sich, wie ich von alten Leuten daselbst nicht nur Einmal vernommen, folgendes merkwürdige Ereigniss begeben. In [157] dem Gebirg über dem Dorf ein See, der Hutzenbacher-See genannt, aus welchem ein Seemännlein und Weiblein oftmals in’s besagte Dorf auf Besuch gekommen, so dass man ihre Erscheinung, gleich als wären es Wesen unsers Gleichen, nach und nach gewohnt worden. Als nun eines Tages in dem nicht weit entfernten Dorf Schwarzenberg – (wahrscheinlich in der Sonne, wo wir von gestern auf heute über Nacht gelegen) eine Hochzeit gewesen, haben zwei Töchter dieses Wasser-Ehepaars Lust bekommen, dabei zu erscheinen und desshalb ihre Aeltern gebeten, dahin zum Tanz gehen zu dürfen. Den ledigen Purschen, welche sonst diese sonderbaren Wesen doch mit ein wenig Grauen angeschaut, ist durch Wein und Freude das Herz gegen sie aufgegangen, und wenn sie ihnen so als Tänzer nahe kamen und in’s Auge sahen, so war ihr Blick ganz anders und viel leuchtender, als der ihrer Dorfdirnen. So wurde ihnen denn zulezt ganz warm um’s Herz.«

»Es schlug die Stunde, wo die Seefräulein wieder heimkehren sollten, aber die jungen Leute baten inständig, dass sie bleiben möchten. Gern hätten diese eingewilligt, denn sie waren nicht kalt wie die Fische, und gefühllos, insbesondere hatten zwei manierliche und hübsche Pursche bei ihnen ein solches Wohlgefallen erregt, wie sie es bisher noch nicht empfunden; aber ein strenges Verbot schien ihnen zu rufen, und sie wurden nach einigem Verweilen so ängstlich, dass ihre Tänzer Mitleid mit ihnen hatten, und sich anschickten, sie nach Hause zu begleiten, was auch nach Mitternacht geschah. Hinter dem sogenannten Silberbuckel führt ein Weg die Schlucht hinauf, durch welche aus dem See herab ein rasches Bächlein fliesst. Hier sagte die ältere Schwester zur Jüngern mehrmals: Hörst du die Alten zanken? Ach wohl höre ich es! erwiederte diese. Die Begleiter vernahmen aber nichts, als das Rauschen des Bachs in seinem felsigen Bett.«

»Endlich waren sie nur noch wenige Schritte vom See. Sie nahmen herzlichen Abschied, und gestatteten jede ihrem Führer drei Küsse; als aber die Jünglinge unter Händedrücken sie baten, recht bald wieder nach Schwarzenberg zu kommen, sahen die Schwestern einander an und seufzten. Wartet einige Zeit am See – sagte endlich die Aeltere, – und wenn ihr seht, dass er sich rot färbt, so denket nur, dass es uns schlimm ergangen; es ist unser Blut. Wenn ihr nichts wahrnehmt, so leben wir und – kommen vielleicht recht bald wieder zu euch.«

»Nach diesen Worten traten sie eilig an den Schilf des See’s und in einem Augenblick waren sie nicht mehr zu sehen. Die beiden jungen Leute blickten mit Herzklopfen in den See hinein, der vom Frühlicht schon ziemlich erhellt war. Sie harrten und harrten; als sich aber, so lange man braucht, etwa zehn Vater Unser zu beten, keine Veränderung zeigte, so nahm der Eine den Andern beim Arm und sagte: Komm Bruder! ich kann es nicht mehr aushalten; meine Augen gehn mir über. Es steht ja wohl [158] gut mit ihnen, ich bemerke keine Röthe. Sein Kamerad starrte aber unverändert in den See hinein, und liess sich nicht von dannen bringen. Somit ging der Eine allein hinweg und wohl mehr aus Angst, das Wahrzeichen möchte noch kommen, als aus Ueberzeugung, dass es mit den Seefräulein keine Gefahr mehr habe.«

»Jener wartete noch eine gute Weile, und wollte eben getrost den See verlassen, als er etwas wie ein Wehklagen aus der Tiefe herauf vernahm und nicht lange hernach das Wasser an einer Stelle unruhig werden und blutrot überwallen sah. Da graute ihm, und er lief dem Andern mit zerstörtem Sinne nach. Wie steht es? rief ihm dieser zu. Er gab ihm keine Antwort, todtenbleich trat er neben ihn und so liefen sie ohne ein Wort zu sprechen, aber wohl wissend, dass die Seefräulein den Ungehorsam gegen ihre Aeltern mit dem Leben gebüsst, der Heimat zu. Sie massen sich einen Theil der Schuld hievon bei und blieben vom Andenken an jene Nacht, in welcher ihnen Lieb und Leid im höchsten Masse begegnet, viele Jahre lang stille, in sich gekehrte, von allem lautfrölichen Wesen abgewandte Pursche.«

»Lasst Euch sagen, was sich ein andermal begeben, und das hört sich um ein Gutes ergötzlicher an, als das Vorige; – manche Jahre, ehe jenes geschehen, kam das Seemännlein nach Hutzenbach, ging zu der Hebamme und bewog sie, ihm zu folgen. Er nahm sie mit sich hinab in den See und führte sie in ein Zimmer, das von den hellsten Krystallen, den vielfarbigsten Korallen wiederglänzte und auch sonst auf’s wunderbarste ausgestattet war. Hier versah sie denn bei dem Seeweiblein, als deren Stunde gekommen, ihren Hebammen-Beruf wie bei andern Frauen und erhielt zur Belohnung für ihre Verrichtung – ein Büschel Stroh.«

»Sobald sie wieder an’s Tageslicht kam, warf sie dieses nicht ohne Aerger über die kargen Seeleute weg, und sagte bei sich: Habe ich doch genug Stroh daheim, und glaube für meine Willfährigkeit etwas Besseres verdient zu haben. Ein Hälmchen hatte sich an ihren Rock gehängt, und so wie sie diesen zu Haus ablugen wollte, fiel es als ein blankes Goldstück klingend auf den Boden.«

»Nun ärgerte sie sich noch weit mehr über ihre Thorheit, denn wohl hätte sie den Wasser-Geistern etwas Besseres zutrauen sollen. Eiligst lief sie wieder der Stelle zu, wo sie das Stroh weggeworfen, – es war aber weder Stroh noch Gold zu sehen.«

In den alten Reisebüchern und Erdbeschreibungen ligt das Merkwürdige zerstreut umher als ein Wunderbares, Unendliches, Grenzenloses. Die neuere Erdkunde hat freilich diesem Mirakulosen in allen Welttheilen den Nimbus abgestreift, indem sie das einzelne Auffallende aus allgemeinen Erscheinungen zu erklären sucht. Wenn aber dort von der Phantasie zu viel geschah, so geschieht hier oft vom Verstand zu wenig, und während er dem alten Aberglauben steuert, wird er selbst zu einem eiteln Wissens-Wahn, [159] aus Schul- und Stubenbegriffen genährt, der sich mit der Einsicht in die organischen Einrichtungen der Naturwerkstätte brüstet, und messend, zählend und klassifizirend den Zusammenhang zu fassen meint, weil im Kompendium keine Lücke ist.

Insofern haben nun wohl beide, der Aberglaube und der Schulwahn, Unrecht, und nur diejenige Ansicht möchte bescheidenverständig auf dem rechten Wege seyn, welche das einzelne Wunderbare auf das allgemeine Wunder der Schöpfung zurückführt und selbst in den natürlichen, begreiflichen Erscheinungen der Erdbildung ein unsichtbares Band und einen dunkeln, uns ewig unerforschlichen Grund anerkennt.

Wir liefen an dem See hin und schleuderten Steine hinein, aber kein Aufwallen entstand, kein siedendes Brausen liess sich vernehmen, wir sahen nicht einmal eine Blase aufsteigen; noch weniger erhob sich ein Nebel und blähte sich zu einem verderblichen Gewitter auf[3].


  1. Sieh E. Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben S. 71 ff. A. Schnezler, Badisches Sagenbuch II, 81 ff. A. Schreiber, Sagen. Frankf. 1848. S. 148.
  2. Beschreibung von Baden bei Rastatt und seiner Umgebung von J. L. Klüber. 2. Tl. Tüb. 1810. Cotta.
  3. Bilder aus dem Schwarzwald von F. L. Bührlen, Stuttgart 1828. I Bdchen. S. 263 ff.