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Die Sage vom Johannishospital zu Leipzig

Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Die Sage vom Johannishospital zu Leipzig
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 354-356
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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[354]
408) Die Sage vom Johannishospital zu Leipzig.
Nachtr. z. Gesch. Leipzigs. Lpzg. 1836. S. 12 sq. K. Große, Geschichte der Stadt Leipzig. Lpzg. 1839. Bd. I. S. 152 sq.

Seit dem Jahre 1428 bestand zu Leipzig in der Nähe der jetzigen Johanniskirche ein sogenanntes Leprosen-Hospital (für Aussätzige), welches gegen Ende des 15. Jahrhunderts in ein allgemeines Hospital für schwache und betagte Leute verwandelt ward, welche Bestimmung es noch jetzt hat. Die Sage hat jedoch hierüber anders zu berichten und zwar Folgendes:

Im Jahre 1441 klopfte kurz nach dem Neubau des Hospitals zu St. Georg eines Nachts eine junge Pilgerin an die Pforte desselben und bat um Aufnahme. Sie war wunderbar schön, verklärt in Unschuld und Liebe, kam aus dem gelobten Lande und führte den Namen der hochgelobten und benedeieten Jungfrau Maria. Als nun am andern Morgen das Glöcklein auf St. Johannes die unglücklichen Leprosen zur Andacht versammelte, erhob sich Maria rasch, um am St. Laurentius-Altare daselbst zu beten. Sie wiederholte dann täglich ihr Gebet und entflammte durch ihre stumme Andacht die Herzen der Gläubigen mehr als durch laute Worte. Da kam endlich der Tag Johannis des Täufers und das Glöcklein rief wieder so brünstig und silberhell zum Gebete. Maria wendete sich zu allen Kranken und Siechen in St. Georgen und sprach in heiliger Begeisterung: „im Namen Gottes sage ich Euch, wer heute mir folgt, der wird gesunden.“ Und die Kräfte der Kranken stählten sich im Vertrauen zu der wunderbaren Pilgerin und sie gingen mit ihr zum Altare [355] des h. Laurentius, und ihre Herzen flogen voll Andacht im Gebete der schönen Jungfrau auf zum Himmel. Da sie gebetet hatte, erhob sie ihr Antlitz von den Stufen des Altars, wandte sich zu den Aussätzigen und sprach zu ihnen: „im Namen Gottes sage ich Euch, wer heute mir folgt, der wird gesunden.“ Da zog ihr viel Volk nach, Gesunde und Kranke, und sie ging die Straße gen Morgen bis auf die Höhe, von da man die Stadt überschaut, und kniete nieder und betete lange. Und da sie aufstand vom Gebete, siehe da sprudelte ein reiner Quell aus dem Boden, den ihr gebeugtes Knie berührt hatte, und alles Volk erstaunte, denn es war noch nie ein Quell daselbst zu finden gewesen. Und Maria segnete den Quell und sprach: „So lange der Quell hier fleußt, die Gnade sich ergeußt.“ Und alles Volk fiel nieder und betete.

Da zog Maria aus ihrem Pilgerkleide einen Kelch, den ihr ein sächsischer Priester in der Kapelle des h. Johannes zu Jerusalem gegeben hatte, um ihn dem Leprosenhause seiner Vaterstadt Leipzig zu übergeben. Und sie füllte den Kelch mit dem Wasser des Quells, hob ihre Hand zum Himmel und sprach: „Im Namen Gottes mag gesunden, wer heute den Weg hierher gefunden.“ Damit reichte sie den Kelch denen, die von einer Krankheit überwältigt waren. Und alles Volk trank daraus und fühlte der Gesundheit neue Lebenskraft mächtig durch die Adern rinnen. Und da Alle getrunken hatten, nahm Maria den Kelch und gab ihn den Aussätzigen von St. Johannes, auf daß sie ihn bewahren möchten für ewige Zeiten nach dem Willen des Gebers. Maria aber kehrte nicht zurück nach der Stadt. Im Garten des Probstes zu St. Thomas war aber ein weißes Reh, das war zahm wie ein Lamm, lief oft ungestört durch die Straßen der Stadt und alle Leute hatten das zarte Thierlein lieb. Da Maria jetzt geendet hatte, drängte sich das Reh von St. Thomas durch die Menge hindurch, stellte sich vor ihr hin und fiel nieder auf seine Kniee. Und die Jungfrau schwang sich wie ein verklärter Engel auf des Thierleins Rücken und lustig sprang dasselbe nach dem Walde gen Connewitz. Die [356] Jungfrau ward niemals wieder gesehen, und einige Wanderer wollten sie mit dem schneeweißen Reh auf dem Wege nach dem Kloster Paulinzell erblickt haben. Nach drei Tagen kam aber das Reh wieder freudig und wohlgemuth in das Thor von St. Thomas und sein Rücken war mit einem Kranze von Epheu umwunden. Jener Becher ist aber lange noch vorhanden gewesen; er war in der Hütte des Eremiten im Thale St. Johannis bei Leipzig an dessen kleinem Betaltare aufgestellt.