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Die Säugethiere Deutschlands in früherer Schöpfungsperiode

Textdaten
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Autor: Christian Gottfried Giebel
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Titel: Die Säugethiere Deutschlands in frühester Schöpfungsperiode
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49-50, S. 653-655;664-666
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[653]
Die Säugethiere Deutschlands in früherer Schöpfungsperiode.
Von C. Giebel.

Deutschland bietet uns gegenwärtig fast in allen seinen Theilen das Bild eines völlig kultivirten Landes. Alles Bewegliche und Lebendige in seiner natürlichen Staffage hat der Mensch im Verlaufe von zweitausend Jahren gewaltsam umgestaltet. Flüsse und Ströme sind in ihr schmales Bett gezwängt und durch schützende Dämme ihre drohenden Fluthen gefesselt, Teiche und Seen trocken gelegt, die dichtesten Waldungen entwurzelt, wüste Strecken in fruchtbare Gefilde verwandelt und die gefährlichen Thiere ausgerottet oder verdrängt. Wo zu Cäsar’s Zeiten noch der riesige Auerochs und das stattliche Elenn in weiten Wäldern weideten, wo Wolf und Luchs und Bär ungestört ihrer Beute auflauerten, wo Sümpfe und Moräste den Verkehr hemmten und öde Sandwüsten eine kümmerliche Vegetation nährten: da breiten sich jetzt üppige Wiesen und Auen von friedlichen Heerden bevölkert aus, unabsehbare Kornfelder wogen ihre fruchtreichen Aehren, Häusergruppen fesseln in Feld und Wald, in Berg und Thal den Blick, Landstraßen und Schienenwege, kein Hinderniß achtend, durchziehen nach allen Richtungen das Land.

So gewaltig aber auch der Einfluß der menschlichen Kultur auf die Physiognomie der Landschaft ist, so vernichtend und schaffend sie auch in die natürlichen Verhältnisse eingreift: so bleibt sie doch weit, weit hinter der Gewalt der gestaltenden Naturkräfte zurück. Diese versenken ganze Ländergebiete unter den Spiegel des Meeres und legen große Strecken des Meeresgrundes trocken, sie treiben Gebirgsmassen mit himmelanstrebenden Gipfeln aus dem Schooße der Erde hervor, zerrütten die festesten Felsenzinnen und stürzen Berge zusammen. Solch’ gewaltsamen Aenderungen der starren Formen folgt eine totale Umgestaltung alles Beweglichen und Lebendigen: Ströme werden zu Teichen und Seen aufgestauet, ihr Bette in andere Richtung verlegt, Wasserbecken durchbrechen ihre Ufer und entleeren sich, die ganze Pflanzen- und Thierwelt wird vernichtet und eine neue wuchert auf ihren Gräbern hervor.

Die Forschungen unseres Jahrhunderts in dem verschlossenen Bau der Erdfeste haben uns die Reihenfolge der großartigen Erscheinungen kennen gelehrt, welche von Anbeginn durch Millionen von Jahren hindurch gestaltend auf die Erdoberfläche wirkten. Wir kennen den vielfachen Wechsel von Land und Wasser, die allmächtige Hebung der kleinen und größern Gebirgsketten, die Pflanzen- und Thierwelt in ihren wechselnden Gestalten durch alle Epochen der Schöpfung hindurch, die ganze Bildungsgeschichte der festen Erdrinde. Und diese Bilder der Vorzeit sind in ihren Hauptzügen bereits allgemein bekannt, so daß eine specielle Charakteristik einzelner Züge nicht mehr räthselhaften Hieroglyphen gleicht. Die Säugethiere unseres deutschen Vaterlandes in den letzten Epochen, so auffallend sie zum größeren Theil auch von denen abweichen, welche heute unsere Wälder und Felder bewohnen, sind für uns keine räthselhaften Ungeheuer mehr. Wir reihen sie Glied an Glied und finden immer mehr und mehr bekannte und befreundete Gestalten darunter. Sie interessiren uns mehr als die andern Thiere, da sie unmittelbar vor dem Auftreten des Menschengeschlechtes – in die secundäre Periode reicht ihre Existenz nicht zurück – die alleinige und freie Herrschaft führten und die Krone der Schöpfung bildeten.

Wir wollen unsere Revue mit den größten und auffallendsten Gestalten beginnen, mit den großen Pflanzenfressern, deren Existenz für die menschliche Oekonomie in der gegenwärtigen Schöpfung von der höchsten Wichtigkeit ist. In ihrer Organisation in mehrern wesentlichen Punkten übereinstimmend, sind diese großen Pflanzenfresser von den Zoologen in eine Hauptgruppe, die Hufthiere, vereinigt worden und zwar als Einhufer, Wiederkäuer und Vielhufer oder Pachydermen. Wir haben heute noch in Deutschland Repräsentanten dieser drei großen Familien, aber freilich nur spärliche gegen ihre Vertretung in der tertiären und der diluvialen Epoche.

Von den Pachydermen oder Dickhäutern ist jetzt nur ein einziges, der kleinste Repräsentant bei uns heimisch, das Schwein, wild in Rudeln unsere Wälder durchwühlend, gezähmt, für die Küche unentbehrlich. Das zahme Schwein, specifisch vom wilden Eber nicht verschieden, ist zugleich der einzige Dickhäuter, der sich gegenwärtig fast über die ganze Erde verbreitet, alle übrigen, groß und klein, haben sich mit Eintritt der gegenwärtigen Ordnung der Dinge in die wärmeren Klimate zurückgezogen und bewohnen auch hier nur beschränkte Gebiete. Der Elephant und das Nashorn gehören Asien und Afrika, der Tapir Asien und Südamerika, das Flußpferd nur Afrika, und die Schweine allen drei Welttheilen, aber auch in eigenthümlichen Gattungen. Alle lebten einst friedlich auf deutschem Boden beisammen und in größerer Mannigfaltigkeit als sie jetzt über Welttheile zerstreut sind.

Das Schwein ist uns aus der diluvialen Epoche in einer Art bekannt, welche sich besonders durch ihre längere und breitere Schnauze, also jedenfalls durch mehr wühlerisches Naturell und Gefräßigkeit von dem lebenden Schweine unterscheidet. Sie war jedoch viel seltener als unser Eber, der freilich auch aus manchen Jagdrevieren schon verschwunden ist, denn die Fossilreste finden sich nur sparsam in fränkischen und westphälischen Höhlen. Dieser gewöhnlichen diluvialen Art ging eine andere von robusterem Bau und größer, im übrigen Habitus aber nicht eigenthümliche Art in der tertiären Epoche voraus, und in deren Gesellschaft eine generisch eigenthümliche, welche im Zahn- und Skeletbau die Mitte zwischen unserem und dem zierlichen Hirscheber mit seinen geweihartigen Hauern auf den molluckischen Inseln hält. Dieser Prototypus bewohnte das südliche Deutschland und die Schweiz.

Das plumpe Flußpferd, in seiner äußern Erscheinung den ungeheuer voluminösen Rumpf auf den niedrigsten Beinen, plumper und unbeholfener als irgend ein anderes riesiges Landthier, bewohnte einst die Ufer der großen Gewässer Süddeutschlands und Frankreichs. Ein wahres Kind der Urwelt, denn sein Rumpf und Kopf waren noch größer, sein Beine noch kürzer und dicker als bei dem heutigen afrikanischen. Es scheint seine Existenz bis an die Schwelle der Gegenwart gefristet zu haben, denn dafür spricht das Vorkommen eines Zahnes auf dem Grunde eines Torfmoores in der Nähe von Erfurt. Es dehnte sein Vaterland über einen großen Theil Europa’s aus.

Ganz gemeine Thiere waren einst in unserem Vaterlande die Rhinoceroten und Elephanten, würdige Genossen des Flußpferdes. Das heutige Nashorn am Cap zeichnet sich durch Größe und Plumpheit, durch den Mangel an Schneidezähnen im ausgewachsenen Alter, und durch zwei Hörner, ein größeres auf der Nase, ein kleineres dahinter, zwischen den Augen vor allen übrigen Arten aus. Ihm ganz nah verwandt war das diluviale Nashorn, welches nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa bis in den höchsten Norden häufig verbreitet war. Denn ihm gehören die vollständigen Cadaver, welche im Eise des Polarmeeres entdeckt worden sind, und die mit ihrem Schicksalsgenossen, dem Mammut, lange Zeit hindurch ein tropisches Klima in der Diluvialzeit an Stelle der heutigen Alles erstarrenden Kälte sprechend beweisen sollten. [654] Als ob diese Riesen mit ihrer kugelfesten Haut und in den dichtesten Wolfspelz gehüllt nicht das heutige Klima Sibiriens hätten ertragen können, dessen Nadelholzwaldungen ihnen doch eben so reichliche Nahrung, wie dem heutigen die tropische Vegetation lieferten. Außer dem dichten und langen Pelze, der dem plumpen Coloß gewiß ein ganz wundersames Ansehen verlieh, unterschied sich das diluviale Nashorn von dem am Cap lebenden durch einen viel längeren Kopf mit ungeheuer großem Horn auf der Nase. Dieses Horn, einst für die Klaue des fabelhaften Vogel Greif gehalten, war so groß und schwer, daß die Nasenbeine einer knöchernen Stütze statt der weichen knorpeligen bei der lebenden Art bedurften, um nicht unter dessen Last zusammen zu brechen. Gehen wir über die diluviale Epoche hinaus, die tertiäre Periode: so begegnen wir zweien andern Nashornarten in Deutschland, welche den heutigen durch große Schneidezähne ausgezeichneten asiatischen näher verwandt sind. Die eine derselben hatte zwei Hörner und die andere war hornlos, ein wahres Nashorn ohne Horn, übrigens leicht und zierlich gebauet, soweit davon bei einem Mitgliede einer plumpen und unbeholfenen Familie überhaupt die Rede sein kann.

Der Zeitgenosse des diluvialen Nashornes war das Mammut, gleich häufig, gleich weit verbreitet, gleich innig mit dem heutigen Elephant verwandt, doch nicht mit dem afrikanischen, sondern mit dem asiatischen, unterschieden nur durch robusteren Knochenbau, kleineren Kopf, schwächeren Brustkasten, kürzere und dickere Beine und langen zottigen Pelz. Die riesigen Stoßzähne, die wir hier und da im Diluvialboden finden, und die aus Sibirien frisch und wohl erhalten noch als Elfenbein in den Handel gebracht werden, sind in keiner Weise von denen unseres Elephanten unterschieden. Auch bei diesem erreichen dieselben gigantische Dimensionen. Aber wie Deutschland einst afrikanische und asiatische Rhinoceroten nährte, so vereinte es in seinen engen Grenzen auch die Elephanten beider Welttheile. Auch der heutige afrikanische Elephant hatte seinen Repräsentanten bei uns in der Diluvialzeit. Die rautenförmigen Schmelzfiguren auf der Kaufläche seiner Backenzähne unterscheiden diesen kleinern, wildern Elephanten sehr leicht von dem großen gutmüthigen und gelehrten Asiaten. Vielleicht war das Naturell der Arten in der Urzeit ein umgekehrtes, wenigstens war der afrikanische Repräsentant nur in sehr geringer Anzahl vorhanden, und scheint gegen das eigentliche Mammut nirgends in Europa aufgekommen zu sein. Die Ueberreste werden nur ganz sparsam und vereinzelt gefunden.

Bevor die Elephanten Deutschland und die Erdoberfläche überhaupt bevölkerten, lebte bei uns das Mastodon, eben so riesenhaft, mit demselben Rüssel und denselben Stoßzähnen, unterschieden aber durch kleine gerade Stoßzähne im Unterkiefer, durch gewurzelte Backzähne mit zitzenförmigen Schmelzhöckern und gestreckterem Rumpf. Dieser Riese verschwand aus Europa, um mit Eintritt der Diluvialepoche in Amerika in neuer Gestalt zu erscheinen und dort dem Mammut Gesellschaft zu leisten. Er erlag der Diluvialkatastrophe.

Endlich haben wir noch des Tapirs zu gedenken, der durch seine geringe Größe, seinen kurzen Rüssel, die vier- und dreizehigen Füße, die sechs Schneidezähne, Eckzähne und sechs bis sieben Backzähne mit dachförmigen Querjochen merkwürdig von seinen riesigen Verwandten sich auszeichnet. Jetzt nach Indien und Südamerika verbannt, mischte er sich einst unter die Riesenthiere Deutschlands, denn wir kennen seine Ueberreste aus tertiären Gebilden und spärlicher aus der sundwicher Höhle. Damals scheint er die heutige Größe noch nicht erreicht zu haben.

Mit den eben aufgezählten Gestalten ist die ganze Mannigfaltigkeit der heutigen Dickhäuter erschöpft, aber nicht der antediluvianischen. Unter dieser treffen wir noch ganz fremdartige Gestalten, ausgezeichnete Typen der Urwelt, aber als Vorgänger der Rhinoceroten. In der ältern Tertiärzeit lebten im südlichen Deutschland, zahlreicher und mannigfaltiger jedoch weiter nach Westen in Frankreich und England, die gerüsselten Paläotherien und langgeschwänzten Anoplotherien. Beide waren leicht gebauete, hochbeinige, schlanke Dickhäuter mit drei Hufen an jedem Fuße. Die Paläotherien schwankten in der Größe je nach den Arten von der des Kaninchens bis zur Pferdegröße, in der Organisation aber schließen sie sich den Tapiren zunächst an und vermischen dessen Eigenthümlichkeiten mit den Charakteren des Pferdes und zum Theil auch des Nashornes. In ähnlicher Weise verbinden die Anoplotherien die Charaktere der heutigen Wiederkäuer, Rhinoceroten und Tapire.

Die Anoplotherien führen uns zu der großen Familie der Wiederkäuer, unter denen wir die nützlichsten Hausthiere finden. Bei uns sind bekanntlich der Stier, das Schaf und die Ziege, die gezähmten Mitglieder dieser Gruppe, im freien Naturzustande bewohnen die deutschen Wälder und Gebirge das Reh, der Edelhirsch, das Elenn, der noch weiter zurückgedrängte Auerochs und die Gemse. Auch den Steinbock der Alpen können wir noch erwähnen, aber der Damhirsch ist von der Südseite der Alpen her erst bei uns eingeführt, und gedeihet nur in Gehegen. Die frühern Schöpfungsperioden enthalten auch hier in den engen Gränzen Deutschlands einen reicheren Formenkreis. Neben den während der Diluvialepoche in großen Heerden weidenden Vertretern des Hausstieres und Auerochsen treffen wir den nordamerikanischen Bisamstier. Dort im felsigen Lande der Eskimo’s die spärliche Weide suchend, treibt er sich freilich in Schaaren bis zu hundert und zweihundert Tausenden umher, während wir in unserm Diluvialboden nur sehr vereinzelte Schädel und Gebeine finden. Er dehnte sein Vaterland über das ganze nördliche Europa und Asien aus. Schafe, Ziegen und Antilopen scheinen nach den sparsamen Resten, die sie hinterlassen haben, keine bedeutende Rolle in Deutschland gespielt zu haben, wohl möglich, daß sie vor den gefräßigen und blutdürstigen Raubthieren nicht aufkommen konnten, da ihnen Waffen und Schutz, gegen deren Angriffe fehlten. Auch Rehe, Hirsche und das Elenn waren vielen Verfolgungen damals viel mehr als gegenwärtig ausgesetzt, dennoch finden wir ihre Ueberreste häufig. Mit ihnen, wie bei den Stieren wieder einen hochnordischen Bewohner, das Rennthier, welches heut zu Tage keinen Sommer mehr bei uns ausdauert, sondern bei aller Schonung und Pflege dem gemäßigten Klima erliegt. Einen schönern Schmuck als alle diese schön geweihten zierlichsten Zweihufer bilden, verlieh der Riesenhirsch den deutschen Wäldern der Vorzeit. Fast von der Größe des Elenn, also nicht von riesenhaftem Körperbau, war dieser Hirsch mit zwei langen und starken Geweihstangen geziert, deren äußerste Zacken an den breiten Schaufeln, bis auf vierzehn Fuß von einander sich entfernten. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser schönste aller Hirsche die Diluvialkatastrophe überdauerte und in die gegenwärtige Schöpfung einging; der grimme Schalch der Nibelungen wird auf ihn gedeutet, und in Irland hat Hibbert seine Existenz bis in’s zwölfte Jahrhundert herauf nachgewiesen. Die Ueberreste unterstützen eine solche Deutung, indem sie noch ziemlich frisch erhalten am Häufigsten in Torfmooren lagern, deren Bildung bekanntlich noch fortschreitet. Die ältern Hirsche, deren Ueberreste in tertiären Gebirgsschichten sich finden, weichen weder in der Größe noch in der Organisation erheblich von unseren heutigen ab, aber in ihrer Gesellschaft treffen wir ebenfalls einen fremden Gast, einen Vertreter des an der Schneegränze des asiatischen Hochgebirges tobenden Moschusthieres. Ob auch er schon Moschus lieferte, läßt sich aus dem einzigen, in der rheinischen Braunkohle entdeckten Skelet nicht ersehen.

So lebten einst in Deutschland Vertreter all’ jener großen und stattlichen Landbewohner, die gegenwärtig über die ganze Erdoberfläche nach Ost und West, in die eisigen Regionen des höchsten Nordens und unter die brennenden Strahlen der tropischen Sonne zerstreut und fest gebannt sind: der Bisamochs und das Rennthier, die unserem gemäßigten Klima unrettbar erliegen, neben Elephanten, Flußpferden, Rhinoceroten und Tapiren, welche nur unter sorgsamer Pflege und auch dann nur kümmerlich unsere Winter überdauern.

Doch dürfen wir des edlen und stolzen Pferdes nicht vergessen, welches gegenwärtig, wenn auch erst eingeführt, bei uns völlig einheimisch ist. Es war während der Diluvialepoche über den größten Theil Europa’s in großer Anzahl verbreitet, ganz von demselben Bau wie heute. Auch in Amerika wo es erst seit der Entdeckung durch die Europäer wieder eingeführt worden, lebte während der Diluvialzeit ein Pferd, unterschieden von dem europäischen besonders durch kürzere und dickere Beine.

(Schluß folgt.)

[664] Aehnliche Prototypen wie sie uns in den Paläotherien und Anoplotherien begegneten, treffen wir vor der Existenz des Pferdes als des Repräsentanten der Familie der Einhufer in der mitteltertiären Epoche in Deutschland. Aus den Schichten des mainzer Beckens erhielt Kaup die Gebeine dieses Urpferdes, das er Hippotherium nennt. Alle bekannten Pferdearten haben an jedem Fuße nur eine Zehe, einen Huf, und neben dem einfachen Mittelhand- und Mittelfußknochen liegt unter der Haut versteckt noch jederseits ein dünner sogenannter Griffelknochen, der als Rest der verkümmerten äußern und innern Zehe zu betrachten ist. Der eine dieser Griffelknochen trägt bei dem tertiären Hippotherium eine wirkliche Zehe mit Hufe, eine Afterklaue, die aber den Boden beim Gehen nicht berührte, sondern frei neben dem großen Hufe hervorragte. An der Seite dieser Afterklaue findet sich dann noch ein besonderer Griffelknochen als Rudiment einer vierten Zehe. Uebrigens glich das Hippotherium einem sehr zierlich und schlank gebaueten Pferde, und zeichnete sich nur noch durch die zahlreichen feinen Fältelungen der Schmelzfalten seiner Backenzähne aus. Der Unterschied von Einhufer, Spalthufer und Vielhufer, der in der gegenwärtigen Schöpfung so scharf ausgeprägt ist, die schroffe Aneinanderreihung des heutigen Tapir, Elephant, Nashorn, Flußpferd, der Wiederkäuer und Einhufer findet sich in der tertiären Zeit der Schöpfung nicht: Paläotherien, Anoplotherien, Hippotherien, Mastodonten, Chöropotamen und Hirsche waren damals viel näher verwandte Gestalten als ihre Nachfolger in der diluvialen und gegenwärtigen Schöpfung.

Wir wenden uns von den großen Pflanzenfressern zu den gefährlichen Raubthieren, deren Existenz ganz von jenen abhängig [665] ist. Mit der Lichtung unserer Wälder, mit der Kultur unserer Felder verloren Luchs, Wolf und Bär ihre Schlupfwinkel und ihre Beutethiere, nur die kleineren Räuber: Marder und Wiesel, Fischotter und Dachs, Fuchs und Wildkatze lassen sich nicht aus ihren Verstecken verjagen, so sehr ihnen auch bis heute noch nachgestellt wird, denn ihre Existenz ist nicht an große Thiere gebunden, die der Mensch verdrängt oder unter seine besondere Obhut genommen, sie begnügen sich mit kleinem Wild, an dem kein Mangel ist.

Unser brauner Bär hatte bereits in der Diluvialepoche seinen Vertreter, dem jedoch der riesige Höhlenbär keinen freien Spielraum ließ. Der Höhlenbär war ein in ganz Deutschland sehr gemeines Raubthier, von der Größe und Stärke unserer stattlichsten Eisbären, aber noch gefräßiger, besonders begierig nach nahrhaften Knochen und was zunächst drum und dran hing. Seine Gebeine finden sich fast in allen unsern Knochenhöhlen, hier und da auch im offenen Diluvialboden, von den jüngsten Individuen an, deren Zähne noch in den Alveolen stecken, durch alle Alter bis zu den ältesten, welche ihre Zähnekronen bis auf den Alveolarrand abgenutzt haben. Ja man findet mit diesen Resten noch die angenagten Knochen, die dem Höhlenbär zur Nahrung dienten. Stark genug war er, um den Kampf mit jedem Landbewohner aufzunehmen, wir wissen aber nicht, ob er das Mammut und Rhinoceros wirklich aus Beutelust und im Vollgefühl seiner Kraft angriff.

Bevor die Bären überhaupt auf der Erdoberfläche erschienen, in der mittlern Tertiärepoche vertrat ihre Stelle und die der Hunde wieder ein Prototypus, wie wir solche schon unter den Hufthieren kennen lernten, nämlich wahre Bärenhunde, Raubthiere von der Größe der Bären, von deren plumpem und kräftigen Bau, ebenfalls Sohlengänger, aber mit entschiedenem Hundegebiß, d. h. mit sehr entwickeltem Fleischzahn, der bei den Bären als Omnivoren völlig verkümmert ist, und mit großen ächten Mahlzähnen. Letztere sind größer als bei den Hunden, auch ihrer drei statt zwei, und daraus schließen wir mit der größten Sicherheit, daß die urweltlichen Bärenhunde ein sanfteres, minder raubgieriges Naturell hatten als unsere wilden Hunde (Wolf, Schakal, Fuchs). Deutschland nährte indeß nicht viele Bärenhunde, ihr eigentliches Vaterland war Frankreich, von wo aus sie vielleicht nur Streifzüge in das mittlere und südliche Deutschland unternahmen. Ihre Ueberreste wurden bei Mainz und Ulm entdeckt.

Aus der Marderfamilie haben wir jetzt Marder, Wiesel, Fischotter und Dachs, alle lebten in Deutschland schon zur Diluvialzeit, in Gestalt und Bildungsverhältnissen, wie es scheint, gar nicht von den heutigen unterschieden. Zu ihnen gesellte sich aber damals noch ein Bewohner des europäischen Nordens, nämlich der Vielfraß. In verschiedenen Höhlen Deutschlands sind die Schädel und Gebeine dieses Höhlenvielfraßes gefunden worden und ihre Vergleichung mit der lebenden Art weist nur sehr geringfügige osteologische Differenzen nach, so daß wir der vorweltlichen ganz dieselbe Lebensweise, Naturell und äußere Erscheinung zuschreiben müssen. In ihm und dem Höhlenbären haben wir also im diluvialen Deutschland just dieselbe Vertretung der heutigen nordischen Raubthierfauna, wie wir sie bei den Pflanzenfressern beobachteten. Die Erscheinung ist keine isolirte, und berechtigt natürlich zu ganz demselben Schluß auf das vormalige Klima als die damaligen Repräsentanten der heutigen Tropen. Alle Welt meint, weil einst Mammute, Nashörner und Hyänen in Deutschland lebten, müsse zu selbiger Zeit auch ein mildes, tropisches Klima in unserem Vaterlande geherrscht haben. Aber die gleichzeitigen Bisamstiere, Rennthiere, Eisbären und Vielfraße verlangten ja zu ihrer Existenz ein kaltes eisiges Klima. Wie hoch wird nun das Quecksilber an der Reaumur’schen Skala gestanden haben können, auf + 20° oder – 10°? Wir meinen dagegen, daß uns die diluvialen Säugethiere Europa’s gar keinen sicheren Schluß auf das damalige Klima gestatten, sie waren specifisch andere Säugethiere als die heutigen Tropen- und Polarbewohner, können also auch sehr wohl unter andern Klimaten gelebt haben wie noch heute z. B. der hohe Norden und der warme Süden seine ganz eigenthümlichen Hirscharten hat. Und sollen wir dieser gemeinschaftlichen Heimath des Polar- und Tropenbewohners ein beiden gleich erträgliches Klima bereiten, so könnte das füglich doch kein anderes als das gemäßigte sein, und dieses herrschte, unsern tiefer eingehenden Untersuchungen zufolge, wirklich bereits während der Diluvialepoche in Deutschland.

Aus dem Hundegeschlechte treffen wir bei uns neben Mammut und Höhlenbär schon den Wolf, Fuchs und Haushund, letzteren freilich nicht als Wächter des Hauses, als treuen, ergebenen Diener und aufrichtigen Freund des Menschen, denn weder Häuser noch Menschen existirten in jener Zeit; wahrscheinlich lebte er nach Art des schlauen, verschmitzten Reinecke, doch nicht in Erdlöchern, sondern aus freiem Felde; an Hasen und Hühnern zum Jagen, an Ratten und Mäusen war ja kein Mangel. Reinecke’s schlaues Wesen datirt schon aus einer frühern Epoche, der tertiären, wo er mit stärkeren Pfoten und dickeren Zähnen begabt war und wohl kaum nöthig hatte, die Ränke, die ihn heute beschäftigen, auszusinnen. Der diluviale Isegrimm besaß – sein Zahn- und Skeletbau spricht dafür - jedenfalls größern Muth und Kraft als sein lungernder Nachkömmling, den nur die Noth zum Angriff des überlegenen Feindes treibt.

Die größten und gefährlichsten Raubthiere, Löwe, Tiger, Panther, Hyänen sind aus Deutschland und aus Europa verbannt. Bevor aber der Mensch den Erdboden beherrschte, bewegten auch sie sich freier, übten ihre Mordlust und sättigten ihre Gier an den zahlreichen und großen Pflanzenfressern selbst in dem friedlichen Deutschland. Die Hyänen bewohnen gegenwärtig Afrika und zwar die größere gefleckte das Kap, die kleinere gestreifte die nordöstlichen Länder. Sie sind weder Hunde, noch Katzen, sondern in Naturell und Gestalt wahre Zerrbilder derselben, die Katzen imponiren durch ihre schöne Gestalt und ihren entschiedenen Charakter, die Hunde durch ihr sanfteres Wesen, ihre großen geistigen Anlagen, ihre Treue, die Hyänen sind widerwärtig und häßlich, weil sie neben ihrer Gefräßigkeit und Feigheit keinen edlen Charakterzug aufzuweisen haben, und ihrer Gestalt das harmonische Ebenmaß der Hunde und Katzen fehlt. Diese Bestien waren einst in Deutschland gemein, gemeiner als alle andern Raubthiere. Die Höhlenhyäne der Diluvialzeit ist zwar etwas robuster gebaut, als die am Kap lebende, aber ihr Naturell war gewiß dasselbe. Es gab kleine Pflanzenfresser in genügender Menge, die sie ohne Gefahr für ihre eigene Existenz angreifen konnte, vielleicht überließen ihr auch Meister Petz und der bluldürstige Tiger den Abfall ihrer Beute. Den bengalischen Tiger übertrifft an Größe, Kraft, Blutgier und Mordlust kein Raubthier der heutigen Schöpfung, und mit eben diesen Auszeichnungen beherrschte er einst Deutschland. Man pflegt den diluvialen Tiger gewöhnlich Höhlenlöwe (Felis spelaea) zu nennen, aber sein Knochenbau, und weiter kennen wir ja von ihm nichts, gleicht in allen Einzelnheiten dem lebenden Tiger und nicht dem Löwen. Wäre auch er so häufig gewesen, wie die gefräßige Hyäne, der Wolf und Höhlenbär, so hätten sie den Pflanzenfressern gewiß das Garaus gemacht. Aber der Natur liegt die Existenz eines jeden ihrer Geschöpfe in gleichem Grade am Herzen, darum setzte sie der Vermehrung des Tigers in der Diluvialzeit ziemlich enge Grenzen. Wir finden dessen Gebeine nur sehr vereinzelt neben denen der eben genannten Raubthiere. Ebenso spärlich kommen die Ueberreste seiner Zeitgenossen von Luchs- und Leopardengröße vor, von denen noch nicht einmal ermittelt werden konnte, ob sie von einem ächten Luchs und Leoparden oder von andern gleich großen Katzenarten abstammen. Voraus ging diesen Arten eine tigergroße Katze in der mitteltertiären Epoche, die sich durch viel dickere, stärkere Zähne von dem heutigen Tiger unterschied, wahrscheinlich also weniger blutgierig und mordlustig und jedenfalls gefräßiger war. Sie lebte gemeinschaftlich mit Arten von der Größe des Jaguars und Panthers. Die Ueberreste, welche das mainzer Becken lieferte, sind leider so sehr fragmentarisch, daß die nähere Verwandtschaft dieser Arten darnach nicht festgestellt werden kann. Eine vierte Art der Tertiärepoche endlich steht ganz isolirt da. Sie hatte Panthergröße und ganz ungeheuer große, scharf messerförmige Eckzähne, eine fürchterliche Waffe, wie solche kein anderes vorweltliches und lebendes Raubthier aufzuweisen hat.

Unter den übrigen Säugethieren des vorweltlichen Deutschland treffen wir minder auffallende Gestalten als die erwähnten. Den vierzehn lebenden Fledermausarten haben wir nur sehr spärliche Ueberreste aus tertiären und diluvialen Gebilden entgegenzustellen, die eben nur die Existenz dieser Familie bei uns darthun, über die Organisation selbst aber noch keinen befriedigenden Aufschluß gaben. Ganz dasselbe gilt von dem Maulwurf, der Spitzmaus und dem Igel, welche früher, wie noch gegenwärtig die Familie der insektenfressenden Raubthiere repräsentiren. Von der jetzt in Deutschland überreich vertretenen Gruppe der Nagethiere lebten während der Diluvialepoche schon Eichhörnchen, Murmelthiere (nunmehr [666] in die Alpen zurückgedrängt) Ziesel, Biber, Wasserratten, gewöhnliche Ratten und Mäuse, Hasen und Kaninchen, während der tertiären Periode nur Pfeifhasen, die heute uns fehlen, Biber und Ziesel. Ihre zarten Gebeine entziehen sich den minder sachkundigen Blicken und wir dürfen daher hoffen, daß spätere sorgfältige Nachforschungen uns noch zahlreichere Arten dieser kleinen Thiere bringen werden. Es ist gar kein Grund vorhanden zu der Annahme, daß bei der überraschenden Mannigfaltigkeit der großen Raubthiere und Pflanzenfresseer die kleinen und sehr kleinen damals von der schöpferischen Kraft der Natur vernachlässigt sein sollten. Alle Bedingnisse ihrer Existenz waren ja während der tertiären und diluvialen Zeit ganz eben so wie heute vorhanden.

Die Vertheilung der Gewässer und ihr Verhältniß zu dem Festlande wechselte in den verschiedenen Schöpfungsepochen und wir finden daher auch innerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes Meeresbewohner, welche heute nur an den nördlichen Küsten und weit entfernt im Ocean leben. Mit Sicherheit kennen wir bereits Ueberreste von Seehunden und Delphinen und von Seekühen. Unter letzteren fesselt das merkwürdige Dinotherium des mainzer Tertiärbeckens die Aufmerksamkeit. Der allein bekannte kolossale Schädel desselben mißt über drei Fuß Länge und zwei Fuß Breite. Sein Bau ist eigenthümlich, im Wesentlichen aber für den Aufenthalt des Thieres im Wasser eingerichtet. Die Backzähne gleichen so sehr denen des Tapirs, daß sie, einzeln gefunden, sehr leicht verwechselt werden können. Ganz eigenthümlich biegt sich die Spitze des Unterkiefers, wie bei keinem andern Säugethiere abwärts und zwei gewaltige Stoßzähne ragen abwärts gerichtet aus derselben hervor. Das Dinotherium war ein Pflanzenfresser und bediente sich dieser enormen, eigenthümlich gestellten Stoßzähne wahrscheinlich nur zum Festhalten, wenn es das Wasser verließ, um sich am Ufer zu sonnen, ähnlich, wie sich das Wallroß mit seinen langen Stoßzähnen im Oberkiefer am Eise festhält. Die Körperlänge des Dinotheriums mag etwa zwanzig Fuß betragen haben. Eine andere tertiäre Seekuh in Deutschlands Gewässern war dem lebenden Dugong sehr verwandt und besaß flußpferdähnliche Backenzähne.

Nach dieser Aufzählung war Deutschland also in frühern Schöpfungsepochen von einer viel mannigfaltigeren Säugethierfauna bevölkert, als gegenwärtig. Wir finden die heutigen Gestalten vereint mit zahlreichen Vertretern aller Zonen und aller Welttheile, vereint mit Gestalten, welche der gegenwärtigen Schöpfung ganz fremd sind. Diese Fremdartigkeit war in der ältern Zeit eine allgemeine, denn neben Paläotherien, Anoplotherien, Hippotherien, Mastodonten, Dinotherien und Bärenhunden sahen wir nur einzelne heutige Gattungstypen, wie den Tapir, das Nashorn, Hirsche und Katzen. In der Diluvialepoche, der letzten, welche der gegenwärtigen Ordnung der Dinge vorausging, lebten meist Arten von Gattungen der Jetztwelt, die Zahl der eigenthümlichen tritt auffallend zurück, und es erscheinen im Gegentheil mehre Arten, welche von jetzt lebenden sich gar nicht unterscheiden lassen.