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Titel: Die Nilbraut
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[52] Die Nilbraut war ein unglückliches Opfer ägyptischen Aberglaubens, welches in früherer Zeit, wenn der Nil zögerte zu steigen und das Land zu überschwemmen, in die Fluth gestürzt wurde. Solche Opferung kam auch noch vor zur Zeit, als das Heidenthum der Aegypter längst christlicher Gesittung gewichen war und die fanatischen Anhänger des Propheten siegreich in das alte Nilland eingedrungen waren. Wenigstens in dem neuen Romane von Georg Ebers, der diesen Titel führt (Stuttgart und Leipzig, Deutsche Verlagsanstalt), bildet ein solches Jungfrauenopfer den Höhepunkt der Handlung: wir wissen nicht, ob der Dichter an eine geschichtliche Thatsache anknüpft oder ob diese Erneuerung alter Bräuche in so später Zeit eine freie Erfindung seiner Phantasie ist.

Der neue Roman von Ebers beginnt mit der Darstellnng von Vorgängen, welche die Theilnahme der Leser alsbald gefangen nehmen: es ist das um so höher anzuschlagen, als Vieles, was uns da vorgeführt wird, am Anfange sehr fremdartig gemahnt. Mit einem hohen Beamten, welcher den Titel Mukaukias führt, müssen wir uns erst allmählich befreunden, und die Glaubensstreitigkeiten zwischen den melchitischen und jakobitischen Christen, die sich gegenseitig mit grimmem Hasse verfolgen, sind auch nicht danach angethan, uns sonderlich zu interessiren. Sie bilden zwar einen Angelpunkt der Handlung; aber erst, wenn wir für die Menschen, welche in diese Kämpfe verwickelt sind, ausreichende Theilnahme gewonnen haben, überwinden wir das Fremdartige dieser uns so fernliegenden dogmatischen Streitigkeiten und folgen mit Antheil den Geschicken der Einzelnen, die in diese häßlichen Kämpfe eines beschränkten Glaubensfanatismus verstrickt sind.

Die Heldin des Romans, Paula, ist eine Griechin, deren Vater, ein tapferer Streiter im Kampfe gegen die Moslemin, verschollen ist und die bei ihren Verwandten in der Familie des Statthalters in Memphis lebt. Der Sohn des Hauses, Orion, von Byzanz zurückgekehrt, soll ein reiches Mädchen in Memphis heirathen; sein Herz aber gehört der schönen Paula, die sich indeß anfangs von dem Ungetreuen abwendet. Der Diebstahl eines prachtvollen Smaragds, dessen sich Orion schuldig macht, den er aus einem vom Vater gekauften Teppich entwendet und einer früheren Geliebten nach Konstantinopel schickt, entfremdet ihm Paula’s Herz noch mehr; Orion verleitet die ihm bestimmte Braut Katharina zu falscher Aussage vor Gericht; Paula, welche Orion verderben konnte, da sie Zeugin jenes Diebstahls war, verschont ihn. Wie nun jener Smaragd mit einem andern, welcher Paula gehört und den sie veräußert, um einen Boten zu bezahlen, der ihren verschollenen Vater aufsucht, verwechselt wird: das hat einen gewissen märchenhaften Reiz, und in der That liest sich der erste Band wie ein buntes orientalisches Märchen. Auch später tauchen Gestalten auf, die aus den Erzählungen einer Scheherezade entsprungen zu sein scheinen: so der fanatische ägyptische Magier, welcher Paula um jeden Preis verderben will, und der schwarze Vicefeldherr des Kalifen, Obadah, ein grimmes Raubthier. Paula und Orion haben sich wiedergefunden; aber da sie die Flucht melchitischer Nonnen begünstigten, verfallen sie dem Gericht der arabischen Machthaber und der christlichen Geistlichen. Da zugleich die Seuche Aegypten verheert, der Nil nicht steigen will, so wird die zum Tode verurtheilte Paula dazu bestimmt, das Opfer des Stromgottes zu werden. Alles ist schon zum Feste gerüstet, das Opfer soll in die Fluth gestoßen werden: da erscheint Katharina, die an Paula’s Stelle sich freiwillig dem Tode weiht.

Dieser Roman von Georg Ebers, der nur in der Mitte etwas zu sehr ins Breite geht, während der erste und letzte Band interessant und spannend sind, ist mit vielem Geschick entworfen und bewährt eine originelle Erfindungskraft; alle Fäden sind gut geschürzt und gleiten dem Dichter nirgends aus der Hand. Daß seine Phantasie dabei nicht ins Blaue schweift, sondern durch geschichtliche Studien wohlgeschult ist, giebt dem Ganzen einen festen Halt, und durch Klarheit der Darstellung vermag uns der Verfasser in einer Zeit zu orientiren, in welcher sich Aegypten in einen bunten Völkermarkt verwandelt hatte und die Glaubenskämpfe innerhalb der christlichen Kirche wie zwischen den Christen und den Moslem mit ihren oft verwirrenden Stichwörtern durch einander wogten.

Der Dichter, dessen andauerndes, schweres Leiden die allgemeinste Theilnahme erweckt, hat in Richard Gosche („Georg Ebers“, Leipzig, Schloemp) einen Biographen gefunden, der seinen Verdiensten durchaus gerecht wird.